Russische wissenschaftliche Expeditionen im Jahre 1864 und 1865 in Türkistān

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
Autor: Friedrich Marthe
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Russische wissenschaftliche Expeditionen im Jahre 1864 und 1865 in Türkistān.
Untertitel: Nach russischen Quellen bearbeitet von Dr. Marthe.
aus: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. Zweiter Band. S. 79–87
Herausgeber: Wilhelm David Koner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Dietrich Reimer
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Berlin
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons, Internet Archive
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[79]
IV.

Russische wissenschaftliche Expeditionen im Jahre 1864 und 1865 in Türkistān.

Nach russischen Quellen bearbeitet von Dr. Marthe.


Seitdem die russischen Fahnen am Syr-Darja entfaltet sind, dringt mit jedem Jahre mehr Licht in eine Gegend unseres Erdballes, von der wir zuvor nur unzuverlässige Kunde besaßen. Man muß es den Russen nachrühmen, daß sie der militärischen Eroberung der turanischen Länder die wissenschaftliche auf dem Fuße folgen lassen. Zeuge dessen sind die verschiedenen Expeditionen, die im verflossenen Jahre zur Erforschung jener Gebiete unternommen wurden, und von denen wir hier nebst Bezeichnung einzelner Resultate derselben Kunde geben möchten. Allerdings nicht alle Unternehmungen dieser Art sind rein wissenschaftlichen Motiven entsprungen, keine aber wird voraussichtlich für die geographische Erkenntniß jener Länder unfruchtbar sein[1].

1) Die erste der zu erwähnenden Expeditionen hatte zunächst administrative Zwecke. Eine Kommission unter Leitung des wirkl. Staatsraths Girs wurde beauftragt, die Orenburgischen und Sibirischen Steppen zu bereisen, sich mit der Lebensweise, den Sitten und Gebräuchen der Kirgisen bekannt zu machen, genaue und möglichst vollständige statistische Nachrichten über sie zu sammeln, um sodann Vorschläge zu einer bessern Administration dieser Nomadenstämme zu machen, namentlich darüber, wie die feste Vertheilung und Abgrenzung des Grund und Bodens unter den Nomaden zu bewerkstelligen und durchzuführen ist. Einige Abhandlungen des Obersten Heinz im „Woienny Sbornik“ und in den „Iswestija“ der Russ. geogr. Ges. (1866, Nr. 3: Aufstand der muselmanischen Bevölkerung oder der Dungenen im westlichen China) sind schon Früchte der Thätigkeit dieser Kommission, deren Arbeit auf mehrere Jahre berechnet ist.

2) Die Kommission unter Führung des General-Lieut. Dlotofski hatte zur Aufgabe, die Grenze zwischen den Ländern der Uralschen Kosaken und der Kirgisen am linken Ufer des Ural festzustellen. [80] Sie hat ihre Aufgabe schon gelöst und soll dabei viel brauchbares Material zur Geographie jener Gegenden gesammelt haben.

3) Die Expedition unter dem Astronomen Struwe verfolgt astronomische und topographische Zwecke. Frühere Arbeiten sollen vervollständigt und das vollständige topographische Material aufgenommen werden, um eine Karte der ganzen Provinz Türkistān im Maßstabe von 10 Werst herzustellen. Die Arbeiten umfassen das ganze Gebiet von Merke bis zum Syr-Darja, am Syr-Darja den Strich vom Parallel von Türkistān im Westen bis zur Mündung des Tschirtschik und weiter östlich bis zu den Bergen von Sussamir und den Quellen des Tschirtschik. Neben den topographischen Arbeiten liefen astronomische Ortsbestimmungen, die eine Reihe von Punkten von der Festung Wernoie an bis Taschkend und Tschinas betreffen und am Syr-Darja bis zu den vom Contre-Admiral Butakof bestimmten Punkten reichen[2].

Das Resultat der Arbeiten Struwe’s wird eine genaue Karte fast der ganzen Provinz Türkistān sein, die im September 1865 begonnen, vielleicht jetzt schon beendigt ist. Außer derselben stellt er eine Karte vom Bassin des Issyk-Kül in Aussicht, auf welcher alle Lager- und Weideplätze der Kirgisen verzeichnet sein werden.

4) Die Expedition des Naturforschers Säwerzof zu geologischen und zoologischen Forschungen. Zu derselben gehören ein Officier von den Bergingenieuren, sowie mehrere Bergbeamte und Arbeiter. Säwerzof will seine im Jahre 1866 begonnenen Untersuchungen, von denen wir unten noch sprechen, fortsetzen[3].

5) Der Bergingenieur Oberst Tatarinof suchte nach Steinkohlen [81] auf dem Südhange des Karatan-Gebirges. Er fand in der That Lager derselben in einer Entfernung von 90 Werst von Türkistān, Tschemkend und der Mündung des Arys. (Tschernajef fand 1863 Steinkohlen auf der Nordseite des Gebirges.)

6) Von Westsibirien aus wurde ein militärisches Kommando unter dem Kapitän Holmstrem abgeschickt, um die kürzesten Karawanenwege festzustellen, die von Semipalatinsk und Petropawlowsk westlich vom Balkasch-See durch die „hungrige Steppe“ nach Taschkend, Türkistān und andern jüngst occupirten Punkten führen.

7) Gleichzeitig nahm der Oberst vom Generalstabe Babkof die Topographie des Balkasch-Sees auf, worüber 2 Karten jetzt vorliegen.

8) Die Rundreise des Generaladjutanten Kryschanofski, deren Resultate zum Theil schon publicirt sind (s. Bd. I. 1866. S. 287 ff. dieser Zeitschrift: Aus dem Kirgisenlande).

Am meisten versprechen in rein wissenschaftlicher Beziehung die unter 3 und 4 erwähnten Expeditionen. Säwerzof machte schon im Jahre 1864 im Auftrage des russischen Kriegsministeriums und versehen mit Instructionen von der Kaiserl. Geogr. Gesellschaft in St. Petersburg eine Reise in die Länder, die er jetzt von Neuem besucht. Die Ergebnisse derselben sind bis jetzt in einem vorläufigen Bericht[4] mitgetheilt, der des Interessanten sehr viel enthält, namentlich Klarheit über die geognostischen Verhältnisse jener Gegenden verbreitet. Wir geben das Wesentliche desselben im Folgenden wieder, nachdem wir zum bessern Verständniß die Orographie des nordöstlichen Turans, die dem „Compte rendu de la Soc. Imp. Géogr. de Russie pour l’année 1864“ (S. 21) entnommen ist, vorausgeschickt haben.

Das Thian-Schan-System verzweigt sich im nordöstlichen Turan in drei im Allgemeinen von O. nach W. streichende Gebirgszüge, einen nördlichen, mittleren und einen südlichen. Der nördliche: Kentschi-Alatau besteht aus zwei Parallelketten, die dem Nordufer des Issyk-Kül entlang ziehen und in ihrer größten Erhebung bis 14000′ aufsteigen. Ausläufer dieses Gebirges von geringerer Höhe sind nach NW. gerichtet und bilden die Wasserscheide zwischen dem Ili im N. und dem Tschu im S. Der mittlere Gebirgszug beginnt am Westende des Issyk-Kül, wo er am Défilé von Buam mit dem Kentschi-Alatau zusammenstößt, und geht unter dem Namen Kirgisnyn-Alatau oder Alexandrofski direct nach Westen. Er erhebt sich bis zu 15000′, und ihn krönen Gipfel, die mit ewigem Schnee bedeckt sind. Wie der Tschu im Norden, so fließt der Talas im Süden dieser alpinen Gebirgsmauer, deren westliches Ende, wie es [82] scheint, bei Aulie-ata (Festung am Talas) liegt. Indeß eine Voralpen-Kette von 5–6000′ setzt die Richtung des Kirgisnyn nach W. fort, erreicht den Syr-Darja und begleitet diesen Fluß bis Djulek. Diesen Voralpen gebührt eigentlich der Name Karatau-Gebirge, der ehemals fälschlich auf den ganzen Zug ausgedehnt wurde. Südlich vom Talas erstreckt sich die dritte Hauptkette, die Wasserscheide zwischen Talas und Syr-Darja, welche als directe Fortsetzung des eigentlichen Thian-Schan, wie es scheint, zu fassen ist. Im „Compte rendu etc.“ S. 22 wird dieser südliche Zug Kasykurt genannt, nach Säwerzof ist dieser Name nur in seinem westlichen Theile bekannt, während der mittlere Kara-bura heißt und weiter östlich der Name Urtak-tau üblich ist, welchen letzteren Säwerzof zur Bezeichnung der ganzen Kette vorschlägt.

Am 5. Mai a. St. 1864 brach dieser Reisende von Kastek auf und erforschte zunächst die geologischen Verhältnisse des Höhenzuges, der den Tschu von den Zuflüssen des Balkasch-Sees scheidet. Darauf besuchte und durchforschte er das Thal des Tschu, nahm hier verschiedene Höhenmessungen vor und bereicherte seine zoologischen, botanischen und geognostischen Sammlungen. Nun verband er sich mit dem Bergingenieur Frese zu verschiedenen Excursionen in den Kirgisnyn-Alatau und Urtak-tau. Es ergab sich hierbei, daß die Vermuthung Al. v. Humboldts von der nördlichen Fortsetzung des Bolor über den Syr-Darja hinaus sich nicht bestätigt. Interessant war ferner die Entdeckung von Moränen. Säwerzof hat diese Spuren ehemaliger Gletscher an vier Stellen aufgefunden: 1) in einem Längsthale des Kirgisnyn zwischen den Flüßchen Issyk-Ata und Ala-Medyn, die sich in den Tschu ergießen, in einer Höhe von 4500′–2500′. 2) Unweit des kleinen Makmal, der zum Talas geht (also am Südabhange des Kirgisnyn), in einer Höhe von 2500′–3000′. 3) An dem Gebirgsbach Kastek 43° 15′ nördl. Br. im NO. von den Quellen des Tschu in einer Höhe von 4500′. 4) Unweit des Dorfes Almaty im Thale der Almatinka. Ueber dies Thal sind, wenn auch nicht in der Form von Moränen, große Granitblöcke zerstreut, die wegen ihrer eckigen, nicht abgerundeten Oberfläche nicht vom Wasser, sondern nur durch die Bewegung eines Gletschers dahin getragen sein können. Die Steinreihen, die unzweifelhaft als Moränen erscheinen, ziehen sich theils in der Richtung der Querthäler hin (seitliche Moränen), theils senkrecht oder fast senkrecht gegen diese Richtung (End-Moränen). Daß die Moränen stellenweise (z. B. am Kirgisnyn) so relativ tief hinabreichen, läßt sich nur durch die bekannte (Humboldtsche) Hypothese erklären, daß das Aralo-Kaspische-Bassin einst [83] von einem großen Meere bedeckt war, welches mit dem nördlichen Eismeere in Verbindung stand. Nach den Untersuchungen Säwerzof’s muß dieser Zusammenhang noch in der postpliocänischen Eisperiode, sowie zur Zeit der Bildung tertiärer, oceanischer Ablagerungen vorhanden gewesen sein.

In allen von ihm besuchten Verzweigungen des Thian-Schan und Karatau fand Säwerzof nur paläozoische Formationen; zu demselben Resultat kam P. P. Ssemenoff 1857 in den östlicheren Theilen des Thian-Schan am Issyk-Kül. Die jüngeren Erhebungsschichten gehören der Permschen Formation an, mit Ausnahme vielleicht eines wahrscheinlich noch jüngeren Conglomerats, das zuweilen in den Vorbergen des Kirgisnyn und des Urtak-tau auftritt. Die Hebungen in diesen Gebirgen erfolgten in drei sich schneidenden Richtungen: von NO; nach SW., O. nach W. und von NW. nach SO. Die erstere ist die älteste; die meridionalen Höhenzüge, die stets sehr kurz sind und mehr den Character von Gebirgsknoten zeigen, entstanden wahrscheinlich aus der Durchkreuzung zweier Hebungen: NO.–NW. und NW.–SO.[5] Die Züge des Thian-Schan-Systems sind mit Schneegipfeln fast bis zu ihrer äußersten Westgrenze besetzt, indem sie vom Tschu zum Syr-Darja sich allmählich heben. Die Pässe liegen in einer Höhe von 9–11000′, die höchsten Spitzen steigen bis 12000′ ja 17000′ auf. Tannenwälder (picea Schrenkiana) kommen westlich vom Meridian von Pischpek nicht vor, weiterhin trifft man nur Birken und Wachholder (juniperus pseudo-sabina), am Talas und Tschirtschik noch verschiedene Arten von Pappeln. Die Birke wächst in der Höhe von 6–7500′, Wachholder bis 9500′, die Schneelinie liegt etwa bei 12000′. Die Zone des Ackerbaus reicht vom Fuß der Kämme bis in die höheren Flußthäler hinauf. Am günstigsten ist eine Höhe von 2–4000′, in dieser Höhe liegen alle Städte und Dörfer, und das Hauptmittel des Ackerbaus ist die Bewässerung aus den Gebirgsbächen und Flüssen.

Wie die physicalischen Verhältnisse, so treten auch, Dank den Arbeiten der Russen, die ethnographischen, politischen und commerciellen Verhältnisse der Länder am Oxus und Jaxartes mit immer bestimmteren Umrissen hervor.

[84] Die Hauptbestandtheile[6] der Bevölkerung zwischen Tschu und Syr sind: 1) die Karakirgisen, 2) die ansässigen Bewohner von Taschkend und Chokand. Die Ersteren bewohnen das Bergland am Issyk-Kül, am oberen Syr, Tschu und Talas und dehnen sich nach Süden bis an die Quellen des Amu-Darja aus. Nördlich vom Syr haben ihre Weideplätze die weiteste Ausdehnung von O. nach W. und stoßen im N. mit dem Gebiet der Kirgisen der Großen Orda, im S. mit der ansässigen Bevölkerung von Chokand und chinesisch Türkistān zusammen. Südlich vom Syr erstrecken sich ihre Weideländer mehr von N. nach S., indem sie östlich an chinesisch Türkistān, westlich an chokandsche und bucharische Gebiete grenzen. In den Strecken nördlich vom Syr wohnen sie ferner allein und unvermischt, während ihr südliches Gebiet streifenartig von den Wohnplätzen der kriegerischen und fanatischen Berg-Ssarten, die fast nur dem Namen nach bekannt sind, durchzogen wird. Die nördlichen Karakirgisen haben unter sich keinen Zusammenhang und staatliche Ordnung, vielmehr sind sie zerspalten durch Stammesfeindschaften, in denen sich, sowie in Fehden mit der Großen Orda ihre Kräfte zersplitterten. Daher sind sie trotz ihrer kriegerischen Wildheit und der Unzugänglichkeit ihrer Gebirgs-Weideplätze leicht eine Beute theils chinesischer, theils chokandscher Herrschaft geworden. Sie stellten für Chokand besonders irreguläre Cavallerie, und schwere Tribute drückten sie. Obwohl nur unbedeutende Garnisonen sie in Schach hielten, wußten sie doch kein anderes Mittel, sich dem Druck zu entziehen, als daß sie, ein Stamm nach dem andern, in die russische Unterthanenschaft traten. Nur wenige im Quelllande des Tschirtschik und am Durchbruch des Dschumgal durch den Urtak-tau wohnende Stämme sind bis jetzt diesem Verhältniß ferngeblieben. Die Grenze zwischen den nördlichen und südlichen Karakirgisen bildet ein wilder, kaum zugänglicher Gebirgsknoten im Oberlande des Tschu und des Naryn, wo der wenig zahlreiche Stamm der Tschirik, der auch russische Oberherrschaft anerkennt, nomadisirt. Anders sind die Verhältnisse der südlichen Karakirgisen. Sie haben sich die chokandsche Halbbildung angeeignet und stehen in einer engen Verbindung mit dem Chanat, für welches sie nicht Tributpflichtige, sondern zusammen mit den Kiptschak und den Berg-Ssarten den herrschenden Stamm und den Kern der Militärmacht darstellen. Ihrer bediente sich die chokandsche Politik am Anfange dieses Jahrhunderts, um die nördlichen Stammesgenossen zu unterjochen, das Chanat von Taschkend [85] über den Haufen zu werfen und namentlich den Einfluß in Kaschgar zu befestigen. Darum strebten sie nach der Herrschaft im Chanat, und dessen innere Unruhen neuerer Zeit entstanden aus den Kämpfen der südlichen Karakirgisen und der Kiptschak mit dem zuvor herrschenden türkischen Stamme der Usbeken.

Taschkend war noch im Jahre 1800 die Hauptstadt eines besondern Chanats, das jedoch schon im Jahre 1810 wegen seiner inneren Schwäche den Angriffen Chokands erlag. Diese Schwäche entstand daher, weil es eine in drei Gebirgstheilen ansässige Bevölkerung – Taschkend, Tschemkend, Türkistān – enthielt, die nicht nur durch kirgisische Weideländer, sondern auch durch gegenseitige Handelseifersucht getrennt waren. Gemeinsam war ihnen nur die Furcht vor den Kirgisen, von deren räuberischen Einfällen sie viel zu leiden hatten. Dagegen fühlten Türkistān und die Heptapolis von Tschemkend sich stets gedrückt durch ihre commercielle Abhängigkeit von Taschkend, weshalb sie gern unter russische Herrschaft traten, und ebenso Aulie-ata, das erst von Chokand nach Unterwerfung Taschkends gegründet worden ist.

In Taschkend stoßen die Straßen aus dem Süden zusammen mit den beiden großen Karawanenwegen, von denen der eine nach Nord-West (Orenburg, Rußland) der andere nach Nord-Ost (Kuldscha und Tschugutschak in China einerseits, Westsibirien andrerseits) führt. Dieser seiner Lage verdankt Taschkend seine Bedeutung als großes Emporium Mittelasiens. Sein Hauptgeschäft ist mit Rußland und der Kirgisensteppe[7], dazu kommt in zweiter Linie der Transithandel aus Kuldscha und Tschugutschak nach Chokand und Buchara. So ist Taschkend der Centralpunkt des chokandschen Handels. Alle größeren Städte des südlichen Chokand – Andidschan, Usch, Margilan, Chokand – liegen an der einen großen Handelsstraße von Kaschgar nach Buchara und Westasien, mit Rußland und dem nordwestlichen China stehen sie über Taschkend in Verbindung. Allerdings zum Theil auch über Namangan, allein wenn dieses auch auf dem geraden Wege von Buchara nach Kuldscha und Tschugutschak liegt, so ist dieser doch für Karawanen beschwerlicher als der über Taschkend. Namangan treibt namentlich Handel mit den Karakirgisen im Gebirge, im Uebrigen ist es mehr Productionsort, dessen Erzeugnisse zum Export der Kaufmann von Taschkend aufkauft. Selten reisen die Kaufleute von Andidschan, Margilan, Chokand in die Länder russischen [86] Besitzes, desto häufiger dagegen nach Kaschgar, wo alle Bewohner des chokandschen Landes gerade so „Andidschaner“ heißen, wie in der sibirischen Steppe „Taschkenzen“.

In dem Transithandel nach Kaschgar machen die bucharischen Kaufleute und Kapitalien den südchokandschen eine unanganehme Concurrenz; um so mehr stehen die letzteren für die nationale Unabhängigkeit ihres Heimathlandes ein, d. h. fügen sie sich dem je herrschenden Stamme, der diese Unabhängigkeit wahrt. Darum auch ist es so wichtig für Chokand, die Hand immer auf Kaschgar zu halten; oft hat der Chan hier intervenirt. Der ostensible Vorwand dieser Einmischungen war stets die Beschützung resp. Befreiung der muhamedanischen Bevölkerung von Kaschgar, Jarkand etc., der wahre Zweck – Erlangung von Handelsvortheilen. Die Regierung von Chokand eröffnete den Nachkommen der muhamedanischen Dynastien von Kaschgar und Jarkand eine Zufluchtsstätte, ließ durch diese Prätendenten Aufstände gegen China anzetteln und unterstützte die Aufständischen mit Waffengewalt. Regelmäßig aber endigten diese Interventionen mit einem Vertrage, worin Chokand versprach, die unter seinem Schutz lebenden Prätendenten zu interniren und ihren Bestrebungen, die muhamedanischen Unterthanen Chinas zum Abfall zu verlocken, Einhalt zu thun, während andererseits China – Handelsvortheile zugestand. Im Jahre 1810 wurden mehrere solcher Verträge geschlossen und ebenso schnell von Chokand durch bewaffnete Intervention gebrochen, – um sich das Versprechen der Nichtintervention noch einmal und theurer bezahlen zu lassen. Durch eine solche etwa 40 Jahre lang fortgesetzte Politik hat Chokand jetzt das Monopol des Handels mit Kaschgar, zum Schaden der bucharischen und aller nicht-chokandschen Kaufleute, thatsächlich an sich gerissen. Der eigentliche Hergang war aber folgender. Zur Aufrechthaltung ihrer Privilegien erhielt die Regierung von Chokand das Recht, in Kaschgar eisen besondern Beamten mit einer militärischen Schutzwache aufzustellen. Dieser Beamte – Saketschi – eine Art chokandscher Consul, controlirte zuerst den Handel an der natürlichsten Stelle, am Zoll; dann fing er an, einen Theil des Zolls für die Kasse seines Hern zu beanspruchen; endlich nach dem letzten Vertrage erhebt er den Eingangszoll von allen Waaren, die von Westen her nach Kaschgar kommen, außerdem besitzt er die Polizeigewalt über alle sich dort aufhaltenden Fremden. Der Sinn einer solchen Stipulation ist klar. Auch über das letzte Ziel der chokandschen Politik kann kein Zweifel bestehen, es geht auf die völlige Einverleibung Kaschgars. Mehrmals schon gelang es den kaschgarischen Chodschi, mit chokandscher Hülfe die Chinesen völlig zu vertreiben, aber sie verloren jedesmal diese Hülfe [87] und ihre Freiheit wieder, sobald sie Miene machten, das Band der Abhängigkeit von Chokand ganz oder theilweise ebenfalls aufzuheben. Dann reichten sich Chokand und China die Hand zum Vertrage. Das Streben der handeltreibenden Kreise von Chokand geht, wie bemerkt, nur dahin, alle Concurrenz fremder Kapitalien aus Kaschgar zu verdrängen, Regierung und Kaufleute aber verstehen es sehr gut, ihre eigennützigen Zwecke unter dem Deckmantel der Religion zu verbergen. Nun ergiebt sich auch die außerordentliche Wichtigkeit eines Einvernehmens der chokandschen Regierung mit den südlichen Karakirgisen, da diese die Bergpässe zwischen Chokand und Kaschgar in ihrer Gewalt haben und überdies mit ihrer Mannschaft die Streitkräfte Chokands auf dem halben Wege nach Kaschgar um die Hälfte zu verstärken im Stande sind. Ständen sie in Feindschaft gegen Chokand, so würde der Handel nach Kaschgar sofort unterbrochen und damit die Lebensader Chokands durchschnitten sein.

Jetzt ist Taschkend – seit dem 29. August a. St. 1866 – nach dem kurzen Zwischenspiel einer unter russischem Protectorat stehenden Pseudo-Autonomie definitiv dem Zarenreiche einverleibt, andererseits ist die Macht des Chans von Chokand durch die unglücklichen, verlustvollen Kriege mit Rußland auf das Schwerste erschüttert. Wenn nun der Emir von Buchara, der fanatischste Gegner Rußlands, diese Chance benutzen, die Karakirgisen auf seine Seite ziehen und sich damit die Uebergänge nach Kaschgar sichern würde, kann Rußland dabei ruhig bleiben, und wie wird dann sich jenes Bergvolk gegen Rußland verhalten? Es scheint in den Sternen dieses Reiches geschrieben zu sein, daß es, wie einst am Kaukasus, so in den Schluchten und Höhen des Bolor von Neuem einem Feinde begegnen soll, der nicht sowohl durch Mittel der Kunst, als durch die Gunst der Naturverhältnisse ihm einen hartnäckigen Widerstand zu bereiten im Stande ist. Oder läßt sich von einem Volke mongolisch-türkischer Race, das zwischen chinesischem und turanischem Despotismus in der Mitte wohnt, der trotzige Unabhängigkeitssinn, der einst die Kaukasier auszeichnete, nicht erwarten? Noch mehr sind neuerdings die Dinge verwickelt durch den Aufstand der muhamedanischen Bevölkerung im nordwestlichen China, der nun auch Kaschgar ergriffen, wieder einmal die Chinesen aus dieser Stadt hinausgeworfen und einen Prätendenten zum Vorschein gebracht hat, diesmal jedoch, wie es scheint, ohne chokandsche Mitwirkung. Jedenfalls gehen jetzt im Herzen Asiens sehr wichtige Dinge vor, und schwerlich wird Rußland an der Grenze, die es jetzt erreicht hat, lange verweilen können.


  1. Die folgenden Angaben sind entnommen einem Aufsatze von Romanofski, Geographische Forschungen in der Kirgisensteppe, abgedruckt in No. 1 der Iswestija der Russ. geogr. Gesellsch. 1866.
  2. Im dritten (dem letzten uns zugegangenen) Hefte der Iswestija von 1866 werden folgende Bestimmungen Struwe’s, die unsere Karten erheblich ändern, bekannt gemacht:
    Breite östl. Lg. von Pulkowa
    Festung Wernoie 43° 16.5′ 46° 33.49′
    Tokmak 42 50.4 44 54.34
    Aksu 42 50.3 43 46.50
    Merke 42 52.3 42 49.19
    Aulie-ata 42 53.7 41 03.34
    Stadt Tschemkend 42 18.1 39 16.19
    Taschkend 41 18.7 38 56.49
    Tschinas 40 560 38 26.34
    Türkistān 43 17.6 37 57.19
    Utsch-Kajuk 43 1.36 37 29.49

    Diese Bestimmungen sind richtig bis auf 1/10 Minute in der Breite und 45 Secunden am Bogen in der Länge. Ueber Butakof’s Messungen s. Bd. I., 1866, S. 126 ff. unserer Zeitschrift.

  3. Nach den letzten uns zugänglichen Nachrichten befand er sich in Taschkend, wo er unter anderem die Verhältnisse der Seidenzucht studirte und constatiren konnte, daß im ganzen ehemaligen und gegenwärtigen Gebiete von Chokand die Krankheit der Raupen unbekannt sei. Das Pfund Eier kostete 100 R.
  4. S. Iswestija, 1865, No. 7, p. 127 flg.
  5. Daß auch vulcanische Kräfte im Thian-Schan noch thätig sind, beweist ein Erdbeben, welches am 10/22. März 1865 um 5 Uhr 53 Min. früh in Merke (am Nordabhange des Kirgisnyn) verspürt wurde. Es währte unter heftigem Donnern und Tosen eine Minute lang, mehrere Stöße gingen vom Gebirge aus in der Richtung von SW. nach NO. Die Erschütterung war so stark, daß die Schildwachen zu Boden fielen und mehrere Häuser stark beschädigt wurden. 2½ Stunden später wiederholte sich das Ereigniß mit minderer Gewalt und Dauer (5 Sec. lang).
  6. Nach einem Aufsatz: Ethnographische Bemerkungen über das Gebiet jenseit des Tschu von S … of (Säwerzof?) in den „Iswestija,“ 1865, No. 8, p. 147 flg.
  7. Im Jahre 1863 betrug die Ausfuhr Rußlands über die orenburgsche und sibirische Linie nach Mittelasien 4,904,925 R., die Einfuhr 9,760,727 R. Im Jahre 1864 die Ausfuhr 6,574,170 R., die Einfuhr 12,091,149 R. In welchem Umfange Taschkend bei diesem Waarenumsatz betheiligt war, läßt sich nicht angeben.