Topographia Sueviae: Kempten

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Topographia Germaniae
Kempten
<<<Vorheriger
Kauffbeuren
Nächster>>>
Kippenheim
aus: Matthäus Merian (Herausgeber und Illustrator) und Martin Zeiller (Textautor):
Merian, Frankfurt am Main 1643, S. 105–108.
Wikisource-logo.png Kempten (Allgäu) in Wikisource
Wikipedia-logo.png Kempten (Allgäu) in der Wikipedia
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du unter Hilfe
Link zur Indexseite



[T33]
De Merian Sueviae 144.jpg
[105]
Kempten / Campodunum.

Dieses ist ein gar alte ReichsStatt im Algöw / zwischen Memmingen / Ysni / Leutkirch / vnd Kauffbeuren gelegen / vmb welche herumb noch bißweilen alte Römische Müntzen: Item / alte Mawerstein / silberne Löffel / vnd andere Instrumenten / deren man sich zu den Opffern gebraucht hat / gefunden. Solle von der alten Statt Cretica entsprossen seyn / vnd die vertriebene Creticaner von dem Römischen Hauptmann / auf deß Tiberii Schloß Hilarmont (so jetzt die Burghalden genandt wirdt / vnd der Statt Zeughauß vor diesem auff solchem Berg / vnd Orth / gewesen / vnd da besagtes Schloß / noch auffrecht gestanden / Käyser Carl der Grosse / vnnd viel Hertzoge in Schwaben hernach sollen gewohnet haben / ) oder Hillermonte, erlangt / daß er jhnen das flache Ort vnter solcher Vestung geschenckt / dahin sie die Statt / so daher Campodunum genandt worden / erbawet; darvon sich auch der Obrist auff dem Schloß Hilarmont hernach geschrieben. Man wil ferner / daß Attila sie mit der Zeit zerstöret / vnd folgends die Fränckische König gar geschleyfft / daß sie daher / wegen der vngehewren Würme / vnd Schlangen / so sich da befunden / Vermeta, oder Vermetica, sey genandt worden. Sie ist aber hernach wider auffkommen / vnnd solle Hildebrand / der Käyserin Hildegart Vatter / Königs Pipini Statthalter / auf besagten Hilarmont (wo jetzt / wie gemelt / die Burghalten / mit einer starcken Mawer vmbgeben / ist) gesässen / auch dz Kloster allda An. 752. von Andegario dem ersten Abte gestifftet / vnd folgends / durch besagte deß Käysers Caroli M. Gemahlin / die Hildegard / so darinn begraben / von jhrem Mütterlichen Erbe / nämlich / mit etlichen sonderbaren Weylern / Höfen / vnd Gütern / reichlichen begabet worden seyn; die Statt aber dem Occidentalischen Käyserthumb gehört haben / inmassen es auch selbiger Zeit sonderbare Grafen von Ilergöw gehabt. Vnd führet solch Closter besagte Käyserin Hildegard in seinem Wappen; die Statt aber hat Käyser Fridericus IV. mit deß ReichsAdler halb vergüldt / vnd halb schwartz / vnnd oben [106] darauff mit einer Käyserlichen Cron / vnnd daß sie mit rothem Wachs siglen möge / begabt. Vnd dieweil Theils Aebbte allhie / die Statt jhnen zu vnterwerffen / sich vnterstanden / so hat Käyser Maximilianus Primus die Strittigkeit zwischen der Statt / vnd dem Praelaten / gäntzlich entschieden / vnd darauff der Statt An. 1510. die Müntzfreyheit verliehen / vnd hat hernach die Statt dem Abt Sebastian von Breytenstein / mit Käysers Caroli V. vnd Papsts Clementis VII. Confirmation, alle Recht / vnd Gerechtigkeit / so das Stifft an die Statt jemaln praetendirt / vor zwey vnnd dreyssigtausendt Rheinische Gülden abgekaufft: Vnd folgends An. 1530. auf dem Reichstag zu Augspurg / sich zur Evangelischen Religion erkandt; deren Monatlicher Reichs-Anschlag ist hundert vnd sechs vnd fünfftzig Gülden / vnd zu Vnterhaltung deß Cammergerichts / nach dem erhöchten / ein hundert Gülden / den Thaler zu 69. Kr. gerait. Anno 1623. hat sie / wegen jhrer halben Batzen / zimlich Schaden gelitten. An. 1628. vnd 1629. muste sie Käyserisches Volck einnehmen / so biß Anno 1632. gewäret / da sich die Schweden vmb die Statt angenommen / vnd das obgedachte / vnd ausserhalb der Statt gelegene Kloster rein außgeplündert / alles darinn zerhawen / verderbt / vnd ruinirt / daß allein das blosse Gemäwer stehen blieben / so aber folgends zum Theil auch abgetragen worden. Darauff sich der Käyserisch Obrist König / auff S. StephansTag dieses 32. Jahrs / in solch vbrig KlosterGebäw begeben / vnd folgende Täg die Statt beschiessen / auch die Canäl abhawen / vnd die Wasserstuben verstopffen lassen; vnnd hat er sich endlich den 3. Januarij Anno 1633. durch Sturm / der Statt bemächtiget. Vnd haben hierauff die Käyserischen alle Manns- vnd Weibspersonen / so in den Gassen ersehen worden / auch Theils hernach in den Häusern / vnd also an Mann / Weib / Kinder / Ehehalten / vber vierhundert vnd fünfftzig Personen / erbärmlich nidergemacht / ermordet / vnnd verbrandt / auch sonsten / wie es in dergleichen Fällen pflegt herzugehen / sehr vbel gehauset / vnd alle Häuser in der Statt / vnd Vorstatt / rein außgeplündert / auch siebentzig Häuser in der Statt / vnd darunter die Cantzley / biß auf die vnter Gewölber / darinn der Statt Freyheiten gelegen / ferners auch den 10. Febr. die besagte schöne Vorstatt / darinn auf die 70. gemawerte Häuser gewesen / abgebrannt. Die sich auf obgedachte Burghalden salvirt / haben Quartir bekommen.

An. 1634. den 21. Martij / hat der Schwedische Feldmarschalck Horn diese Statt wider eynbekommen / vnd ist damals das übrige Gemäwer vom Kloster vollendts abgetragen worden. Vor der Nördlinger Schlacht wurde das Schwedische Volck wider abgeführet / darauff die Statt wider Käyserische Besatzung eyngenommen; vnnd ist / im vbrigen / bey der Augspurg. Confession / vnd deren Exercitio gelassen worden. Hat ein schöne Pfarrkirch zu S. Mang; die Iler / darüber eine Brück gehet / vnd welche ein halbe Meil vnter der Statt Schiffreich wirdt / laufft zwischen der Statt vnd Vorstatt durch / darinn die Obrigkeit zwischen den zwey Wülern / gleichsamb in einem Behalter / jährlich ein grosse Menge Aeschen / vnd Rugenten / oder Treuschen Fisch erhält. Hat gar viel springende Brunnen / sechs Thor / vnnd die Vorstatt / so auch beschlossen / 3. Thor. Gibt einen grossen Handel mit Leinwadt / vnd viel Weber allhie. Hat auch ein grosse Niderlag allda / so auß Italia nach Niderland / vnd hinwiderumb / von Wahren gehet. Item / deß Saltzes / so auß Tyrol in die Schweitz geführet wird. Ist vber vier / oder 5. Stundt von dem Gebürg nicht abgelegen.

Auß deß obgedachten Benedictiner Klosters Aebbten / ist Heinrich von Miltenberg der erste Fürst gewesen. Vnd tragen dieses Stiffts hohe Aempter Fürstliche Personen / die Mönch aber seyn auß Adelichen Geschlechten / so sie von acht Ahnen her beweisen können. Er der Gefürste Abbt ist alles Bischofflichen Gewalts befreyet / vnd kan Vormittag den Gottesdienst verrichten; Nachmittag aber den weltlichen Arm exerciren, daher der Verß entstanden:

Campidona sola judicat ense & stolâ.

Vnnd stehet in deß Caesaris Augspurg. Chronick part. 2. fol. 245. seq. demnach von Alters hero die Aebbte zu Kempten in jhrem Kloster sich alles Bischofflichen Ornat vnnd Gewalts gebrauchen möchten / [107] habe vber das noch Johann von Rietheimb / der zwey vnnd fünfftzig Abbt zuwegen gebracht / daß Er / vnd sein Kloster / von aller andern geistlichen Jurisdiction gantz vnnd gar gefreyet / vnd ohne Mittel allein vnter den Schutz deß Apostolischen Stuels zu Rom genommen wurde. Er hat vnter sich zwey vnd siebentzig Pfarren / viel Lehenleuth / vnd ein grosses Gebiet / darinn etliche Schlösser / vnd See seyn. Munsteri Cosmographia der letzten Edition de Anno 1628. Crusius in Annalib. Suevicis, Zeiller part. 2. Itinerar. German. oder deß Teutschen Reyß-Buchs Continuation, & Relationes.

Der gantze grosse Rath allhie bestehet auff 58. Personen / nämlich 22. deß kleinen Raths (darunter 2. Burgermeister / vnnd 3. Geheime) 16. deß Gerichts (ausser deß Statt Ammans / ) vnd 20. von der Gemeind / auß allen 8. Zünfften. Nach der allhiesigen Gerichts-Ordnung / muß deß in Schulden gerathnen Manns Wittib die Schlüssel aufflegen. In Schmachhändeln hat / vermög Käyserlicher Freyheiten / durchauß keine appellation da statt. Es meldet Gaspar Bruschius in seinem Buch von den Clöstern / am 29. Blat / daß / vmbs Jahr 800. ausser Augspurg / Pfullendorff / vnnd Kempten / wenig / vnnd fast keine Stätte / in Schwaben / aber wol viel grosse Dörffer / als Vlm / Grünenfart / Bibrach / Leutkirch / Jsny / etc. gewest seyen / so alle den benachbarten Aebbten gehört hätten; wie er dann auch das gedachte Dorff Grünenfurt / jetzt Memmingen genant / dem Kemptischen Closter gibet / welche seine Meynung aber man dahin gestellt seyn laßt. Wie aber die Statt Kempten sich von den H. Aebbten allhie frey gemacht habe / davon ist er Bruschius in Beschreibung deß besagten Closters / vnd auß jhme Besold. in Thes. practico, voc. ReichsStatt / p. 675. seqq. deßgleichen Carol. Steng. de reb. August. p. 265. zu lesen; vnd gegen der letzten edition deß Munsteri Cosmographiae, vom Jahr 1628. so mit den ältern / die bey seinen Lebszeiten herauß kommen / nicht vbereinstimmet / zu halten: Von der Käyserin Hildegard, so das besagte Closter reichlichen begabt haben solle / vnnd Anno 783. gestorben ist / auch von jrem Herkommen; vnd der Histori / deren gedachter Bruschius, Crusius, vnd Frischlin. Oper. poet. p. 226. gedencken; Item / von den vermeyneten Riesen / Sancinone, vnnd Celebrando, so die Stein zum Baw deß Closters getragen haben sollen; vnd wie Hertzog Albertus IV. in Bäyern dasselbe An. 1482. in seinen Schutz genommen habe / ist der Raderus, in Bavaria sancta, vol. 2. fol. 102. seqq. zu sehen. An. 1525. haben die Auffrührische Bawren solches Closter eingenommen / geplündert / vnd verwüstet / vnd den Abbt / so / mit den besten Sachen / ins Schloß Liebenthann geflohen war / verfolgt, daselbst er sich auch jhnen ergeben hat / vnnd / von denselben zurück auf Kempten geführet worden ist. Wie es aber dem gemelten Closter / im nächsten teutschen Krieg / ergangen / das findet man in obgedachten vnserm Text. Vnd stehet in der An. 50. gedruckten designatione Restituendorum in tribus mensibus, also: Statt Kempten / contra allen Anspruch / deß Herrn Praelaten / vnd Convents daselbst / wegen deß demolirten Closters. An. 1645. vnd 46. gab es allhie zu Kempten Vnruhen / zwischen dem Magistrat / vnd Theils der Burgerschafft. M. Johann Rudolff Schalter von Schorndorff / gewester Prediger allhie / (so deß Hieronymi Königs allda Wittib / eine geborne Schmöltzin / geheuratet / ) war auff der Burgerschafft Seiten / vnd Christoff Rudolff derselben Advocat. Hat erstlich nur privat Schuldsachen angetroffen / von denen man hernach auch auff andere kommen. Ist aber endlich / durch der beyden außschreibenden H. CraißFürsten / vnd der Statt Vlm / Gesandten / vertragen worden. Darauff haben noch in dem besagten 1646. Jahr / die Schwedischen die Statt eingenommen / so zwar den 12. Decembris / Newen Calenders / die Bäyrischen mit List erstiegen / aber / wegen der SchwedischenGegenwehr / wider verlassen haben. Sihe / was sich allhie den 17. 27. Aug. deß besagten 46. Jahrs / bey Hansen Hermann / Maurermeistern / vnnd Bierbrawen zum gulden Lamb / mit einem Wundergesicht / begeben / den 5. Theil deß Theatri Europaei, f. 1176.

Was den Gefürsten Herrn Abbt von Kempten anbelangt / dessen Monatlich einfacher Reichs Anschlag ist 6. zu Roß / vnnd 20 zu Fuß / oder an Gelt 152. fl. vnd zum [108] Cammergericht Jährlich 150. fl. den Thaler zu 69. Kr. gerechnet. So gibt Ihren Fürstn. Gn. Crusius part. 3. Annal. Suev. lib. 11. folgende Schlösser: 1. obgedachtes Liebenthann / nahend deß Herrn Abbts Gronßbergischer Marckt / wie ers nennt. 2. Wolckenberg / oder Wolckenburg ein Meilwegs vom Closter Kempten / gegen Kauffbeuren. 3. Hohenthann / nahend Leutkirch. 4. Sultzberg / ein Meil oberhalb der Statt Kempten / an dem Sultzbergischen See; so von den Edlen von Schellenberg erkaufft worden. 5. Newburg / ein halbe Meil von Kempten. 6. Westerrieden / auff halben Weg / nach Kauffbeuren zu / gelegen. 7. Schwabelsberg / so er ein gar lustiges Schloß nahendt Kempten / in einem See gelegen / heisset. 8. Dingowen / zwo Meilen vom Closter Kempten / gegen Kauffbeuren wärts / nahend obgedachtem Westerrieden / in dem Dorff gleiches Namens / vnd in der Ebne / gelegen. Er Crusius sagt ferners / daß es auch der Orten Fischreiche See / als den Martisceller / Sultzberger / Sundheimer / vnd Sundthover / nit weit vom Marcktflecken Sundthoven / gebe. Vnd dieses meldet Crusius; zu welchen erzehlten Orten / andere auch Lendfritz / vom Hurtero Lempfrid; vom Stengelio aber / zum Lentzfritz / genandt / (allda 2. Clöster / von Manns- vnd WeibsPersonen / S. Francisci Ordens / nahend der Statt Kempten / gelegen / ) vnd Letzen / setzen. So sagt vorgedachter Crusius, lib. 11. part. 2. cap. 6. daß Kemnat / nicht weit vom Bodensee / vorhin ein Sitz der Freyherren dises Namens / durch Kauff / an den Abbt zu Kempten kommen seye. Hurterus hat ein Schloß dieses Namens / aber nahend Kauffbeüren. Sihe vnten Oberstorff.