Visionen, Träume und Gespenster

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Visionen, Träume und Gespenster
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17, 18, S. 282–284, 291–293
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[282]
Visionen, Träume und Gespenster.


Nicolai’s Gespenstererscheinungen. – Seine Unterhaltung mit ihnen. – Ihre radicale Heilung. – Ein Wort über die Jungfrau von Orleans. – Mohamed als Prophet der Liebe. – Die kleine Ayischa wird eifersüchtig. – Dichter und Weiber. – Wie Vilmar den Teufel sieht und hört. – Die heiligen Jungfrauen des Mittelalters und die Hexen desselben. – Verschiedene Ursachen und dieselbe Wirkung.


Eine von jedem Vorurtheil freie und allein auf die Erfahrung gestützte Untersuchung über Ursprung und Wesen der Visionen und Träume darf von vornherein auf die Theilnahme aller Gebildeten rechnen. Ganze Richtungen im Leben der Völker, die Askese des Mittelalters zum Beispiel und das Hexenwesen, können ohne Kenntniß des visionären Zustandes nicht gehörig gewürdigt werden; weltgeschichtliche Persönlichkeiten, wie die Jungfrau von Orleans, bleiben für Den ein ungelöstes Räthsel, der über die Visionen, als über das treibende Motiv im Leben derselben, keinen Aufschluß zu geben vermag; ja der Ursprung aller sogenannten geoffenbarten Religion hängt auf’s Innigste mit der Frage nach Grund und Wesen der Vision zusammen. Nicht nur für den Historiker ist es unumgänglich, daß er klar in dieser Sache sehe; sie hat auch für das Leben der Gegenwart das eminenteste Interesse. Es ist nicht damit abgethan, daß der Naturforscher dem Gespensterglauben und Allem, was damit zusammenhängt, den Rücken kehre; in der Wurzel vernichtet wird der Aberglaube erst dann, wenn er wissenschaftlich erklärt ist. Zu einer solchen Erklärung einen kleinen Beitrag zu geben, ist der Zweck des nachfolgenden Versuchs. Ich beabsichtige zunächst an einigen Beispielen den Hergang selbst, seine Bedeutung und seine Gefahr möglichst anschaulich zu machen. Was sodann die eigentliche Erklärung betrifft, so ruht dieselbe im Wesentlichen auf der geistvollen Untersuchung Schopenhauer’s in den „Parerga und Paralipomena“: Versuch über das Geistersehen und was damit zusammenhängt. Bei Schopenhauer indessen gehen die feinsten und besten Beobachtungen Hand in Hand mit metaphysischen Träumereien, die sich in gänzlich dunkle Gebiete verlieren und den traurigen Beweis geben, daß auch der größte Philosoph zum abergläubischen alten Weibe werden kann, wenn er um übernatürliche Stützen für sein philosophisches System verlegen ist. Uns ist im Dunkeln so wenig wohl, daß wir dasselbe lieber gänzlich auf sich beruhen lassen und uns darauf beschränken, zu erklären, was sich eben erklären läßt.

Den Hergang der Visionen selbst anschaulich zu machen, ist kein Beispiel geeigneter als das des Berliner Buchhändlers und Schriftstellers Fr. Nicolai. Derselbe hat, wie er zum Gespensterseher wurde, der Berliner Akademie acht Jahre später in der aufrichtigsten und treuherzigsten Weise erzählt und seinen Vortrag alsbald auch unter dem Titel „Beispiel einer Erscheinung mehrerer Phantasmen nebst einigen erläuternden Anmerkungen“ dem Druck übergeben. Nicolai befand sich zu Anfang des Jahres 1791 in einer höchst traurigen und verworrenen Gemüthsstimmung. Die Ursache derselben hat er der Akademie nicht mitgetheilt, indessen lag sie ohne Zweifel in der wüsten und traurigen Reaction, welche in Preußen nach dem Tode Friedrich’s des Großen ihr Wesen hatte. Nicolai wurde besonders empfindlich dadurch getroffen. Die gewaltige Zeitschrift, deren Entstehung sein Werk, deren Leitung seine Lebensaufgabe war, die „Allgemeine deutsche Bibliothek“, war den damaligen Staatslenkern, Wöllner und Genossen, ein Dorn im Auge. Unter Friedrich dem Großen war diese Zeitschrift durch Beschluß des ganzen Staatsrathes für ein nützliches Werk erklärt und dieser Beschluß sogar in die Sammlung der königlich preußischen Edicte aufgenommen worden. Und jetzt waren die Regierenden auf einmal zu der Einsicht gekommen, die Hauptsätze der französischen Revolution rührten vorzugsweise aus der Nicolai’schen Berliner Bibliothekschmiede her, und der Leiter derselben müsse als Erzfeind von Thron und Altar verfolgt werden. In der panischen Angst jener Tage half da auch kein Widerlegen: die „Allgemeine Bibliothek“ mußte erst nach Hamburg flüchten, und wurde bald darauf ganz verboten. Das war zu viel für den alten Nicolai, der sich bewußt war, ein ebenso guter Patriot als Christ zu sein. Seine lebhafte Phantasie malte die Sache noch schlimmer aus, als sie war, über der Sorge um sein Werk und seine so hart angegriffene Ehre vergaß er die Pflege seines Körpers, versäumte die sonst üblichen diätetischen Vorsichtsmaßregeln, und so trat denn jene seltsame Katastrophe ein, welche den alten Aufklärer und erbitterten Verfolger der Gespenster auf einmal selbst zu einem Geisterseher machte.

Es war am 24. Februar 1791, Vormittags zehn Uhr, als Nicolai in seiner Wohnung zu Berlin und in Gegenwart seiner Frau und eines Hausfreundes die erste Gespenstererscheinung hatte. Man muß gestehen: Zeit, Ort und Umstände konnten nicht wohl ungeschickter für dies Ereigniß gewählt sein, es war durchaus gegen alles Herkommen unter den Gespenstern. Nicht die feierliche Geisterstunde, nicht die schauerliche Stille der Nacht, nicht eine öde zerrissene Gegend und „Leichensteine ringsum im Mondenscheine“, nichts von all’ dem düsteren, geheimnißvollen Apparat, mit welchem wir von der Amme an Gespenster zu erwarten gewohnt sind! Es war nicht einmal der Augenblick abgewartet, in welchem sich das Opfer der Geisterwelt allein befand; recht als wenn allen den Grundsätzen, die Nicolai’s großer Freund Lessing einst so glänzend gegen Voltaire’s „Semiramis“ in’s Feld geführt, hätte Hohn gesprochen werden sollen. Indessen hatte Nicolai an eben diesem Morgen eine Reihe von Nachrichten erhalten, die sein moralisches Gefühl auf’s Tiefste empörten und aus welchen er keinen vernünftigen Ausweg sah. Und so stand denn plötzlich am hellen lichten Wintermorgen, kaum zehn Schritte von ihm entfernt, die Gestalt eines Verstorbenen vor ihm. Er wies auf dieselbe hin und fragte seine Frau, ob sie die Person nicht sähe. Diese sah natürlich nichts. Sie nahm ihren Fritz nach Weiberart herzlich erschrocken in die Arme, suchte ihn zu beruhigen und schickte nach dem Arzte. Doch hatte sich die Gestalt, noch ehe derselbe kam, ernst und schweigend entfernt, ihr Besuch hatte nur eine halbe Viertelstunde gedauert. Aber schon Nachmittags heim Eintritt der Dämmerung stellte sich der ungebetene Gast auf’s Neue ein, als Nicolai allein auf seinem Zimmer arbeitete. Es half nicht, daß er sofort zu seiner Frau eilte, die Gestalt folgte ihm und stellte sich ruhig in seine Nähe. Zwei Stunden später kamen noch verschiedene wandelnde Personen, welche indessen die stehende Figur völlig ignorirten. Der Arzt verordnete allerlei blutreinigende Arzneien, ohne die geringste Wirkung damit zu erzielen.

In den folgenden Tagen vermehrten sich die Erscheinungen auf die sonderbarste Weise. Sie kamen höchst ungenirt unter den verschiedensten Umständen bei Tage und bei Nacht, Nicolai mochte allein oder in Gesellschaft, daheim oder in fremden Häusern sein. Fast ohne Notiz von ihm zu nehmen, gingen sie, Männer und Weiber, durcheinander, einige zu Pferd, andere von Hunden begleitet, wie auf dem Markt, wo Alles sich fortdrängt. Alle [283] waren in Gesichtszügen, Haltung und Kleidung so deutlich unterschieden wie im weltlichen Leben und ganz und gar nicht mit den Gebilden zu vergleichen, wie sie eine lebhafte Einbildungskraft willkürlich vor die Seele stellen kann. Dabei waren sie weder schrecklich, noch komisch, noch widrig, einige sogar angenehm.

Nach etwa vier Wochen hörte Nicolai sie erst untereinander sprechen, dann wurde auch er in die Unterhaltung gezogen. Waren es doch auch lauter verehrte Freunde und Freundinnen, verstorbene und lebende; unter den letzteren nur solche, mit welchen Nicolai nicht im täglichen Verkehr lebte, entfernt wohnende, lange nicht gesehene. Sie sprachen sehr verständig, ihrem Charakter ganz angemessen zu ihm, namentlich waren sie bemüht, ihn in kurzen, oft abgerissenen Sätzen über die Gegenstände seines Kummers zu trösten. Uebrigens war der alte Aufklärer weit entfernt, sich durch diese persönlichen Erfahrungen von der Realität der Gespensterwelt überzeugen zu lassen. Kaum waren sie fort, so hielt er den Sinnen, die ihn betrogen, untrügliche Vernunftschlüsse entgegen. Gelang es ihm dadurch auch nicht, die Geister zu bannen, so bannte er wenigstens alle Furcht vor ihnen. Er machte sie, soweit es anging, zum Gegenstand seines Studiums, ja er fing als ein richtiger Berliner nach einiger Zeit an, sich mit ihrer Betrachtung zu amüsiren und mit seiner Frau und dem Arzte darüber zu scherzen. Aergerlich und Besorgniß erregend blieben indessen doch die zudringlichen Gestalten. Ganze Tage lang beunruhigten sie ihn und sobald er Nachts aufwachte, waren sie auch wieder da.

Zuletzt rieth ihm sein alter Hausarzt, sich Blutegel ansetzen zu lassen. Wo, das hat er der Akademie der Wissenschaften auch nicht verschwiegen, und seine naive Offenherzigkeit hat ihm viel grausamen Spott zugezogen. Unter anderen ergriff bekanntlich Goethe die Gelegenheit, ihm als dem Proktophantasmisten im „Faust“ die poetische Unsterblichkeit zu sichern. Die Operation wurde etwa zwei Monate nach der ersten Begegnung mit den Gespenstern vollzogen. Beim Beginn derselben wimmelte das Zimmer noch von menschlichen Gestalten jeder Art, die sich lebhaft durcheinander drängten. Bald aber fingen dieselben an sich langsamer zu bewegen, ihre Farben wurden blasser, ihre früher sehr fest bestimmten Umrisse schwankender, und zuletzt zerflossen sie gleichsam in der Luft, um nicht wieder zurückzukehren. Sie, die der kräftigsten Willens- und Vernunftsanstrengung, ja die dem Spott des Berliners nicht einen Augenblick gewichen waren, kehrten in ihr Nichts zurück vor sechs Blutegeln, welche weitab vom Kopfe angesetzt worden waren.

Und doch waren es ganz unbezweifelt Gespenster, die Nicolai gesehen hatte, so echte und richtige, wie sie überhaupt nur gesehen worden sind. Auf dem kritischen Berliner Boden, dem massiven norddeutschen Verstand gegenüber, hatten sie freilich einen schweren Stand und ihr naives Verschwinden vollends hat sie lächerlicher gemacht, als sie verdienten. Denn dem Wesen nach sind alle Visionen dieser gleich; so genau beobachtet und so nüchtern beschrieben haben nur wenige Visionäre ihre Erfahrungen wie Nicolai. Von einer weltgeschichtlichen Bedeutung derselben kann allerdings schon um deßwillen keine Rede sein, weil Nicolai sie sofort für Das nahm, was sie an sich sind, für Krankheitserscheinungen und Sinnestäuschungen; Visionen von weltgeschichtlicher Bedeutung aber setzen in erster Linie den unerschütterlichen Glauben an eine directe Verbindung des Himmels mit der Erde voraus. Ist dieser Glaube im Visionär wie in seinen Zeitgenossen vorhanden, und ist der erstere außerdem eine Persönlichkeit von bedeutender Anlage, von heroischem Enthusiasmus, was Nicolai nicht war, so sind damit erst die Bedingungen gegeben, unter welchen Visionen eine weltgeschichtliche Bedeutung erlangen können. Den Visionen der Jungfrau von Orleans kommt ohne Zweifel eine größere objective Realität nicht zu als den Nicolai’schen. Sie gingen, wie jene, aus einer krankhaften körperlichen Organisation[1] und aus einer auf’s Aeußerste gesteigerten geistigen Spannung hervor. Aber indem die Jungfrau in Folge dieses Zustandes die Bilder, welche ursprünglich nur die Gluth ihrer Andacht und ihr opferfroher Patriotismus erzeugte, als ein Aeußerliches schaute und in ihnen sofort die Stimmen und Boten der jenseitigen Welt verehrte, erhielt der Glaube an ihre Sendung die göttliche Weihe und so wurde ihr jene schrankenlose Kraft, jener unwiderstehliche Siegesmuth eingeflößt, der, wie mit übernatürlicher Gewalt, die Freunde fortriß und die Feinde niederschmetterte.

Ganz ähnlich verhält es sich mit Mohamed, dessen Beispiel auch insofern recht lehrreich ist, als es die sittlichen Gefahren lebhaft vor Augen stellt, welche nur zu oft mit dem visionären Zustand verknüpft sind. Es ist längst nachgewiesen und kann nachgerade als ausgemacht gelten, daß Mohamed ursprünglich nichts weniger als ein Betrüger war.[2] Wie man auch sein körperliches Leiden nennen mag, ob Hysterie oder Epilepsie, jedenfalls zog er sich als ein armer, kranker Schwärmer aus Mekka zurück, voll Grauen vor dem nahen Weltgericht, dessen Nähe die Christen auch in Arabien mit Feuereifer verkündeten. Um sich in der tiefsten Einsamkeit auf sein Erscheinen vor dem Richterstuhl Gottes vorzubereiten, bezog er eine Höhle auf dem Berge Hirâ, vier bis sechs Ellen lang und höchstens drei Ellen breit. Der Ort entsprach ganz den unheimlichen Oeden, wohin der Volksglaube die Wüstengespenster versetzte. Nicht Wasser und Rasen, nicht Blumen und Schatten erfreuten hier das Auge. Nackte Felsstücke strahlten das scharfe Sonnenlicht so grell zurück, daß die Augen fast davon versengt wurden. Dazu wirkt nun andererseits die reine elastische Wüstenluft so anregend und stärkend, ja berauschend auf den Geist, daß derselbe unwillkürlich veranlaßt wird, allerlei Bilder aus der Vergangenheit aufzufrischen und neue zu erzeugen, um damit die trostlose monotone Umgebung auszufüllen.

Denken wir uns in dieser Lage den phantasiereichen, körperlich und geistig leidenden Mann, aufgewachsen im Glauben an eine Welt von Engeln und Gespenstern, die bald sichtbar bald unsichtbar in das Leben des Menschen eingreifen, was Wunder, daß sich die Gebilde seiner aufgeregten Phantasie zu Visionen verdichteten! Dieselben entsprachen durchaus seinen Körper- und Gemüthszuständen. So lange die Furcht überwog, waren sie finsterer Art: er sah gräßliche Dämonen, hörte seinen Namen in schrecklicher Weise rufen, so daß er durch Angst bis zu Selbstmordgedanken getrieben wurde. Auf den Zuspruch seiner Frau jedoch und anderer frommer Mekkaner, daß ihm der einige Gott diese Anfechtungen nur sende, um ihn späterhin zu besonderen Zwecken tüchtig zu machen, wich die Furcht allmählich dem Bewußtsein eines höheren Berufes und alsbald nahmen auch die Visionen einen freundlicheren Charakter an. Einst sah er – ohne Zweifel kannte er damals schon die Geschichte der Berufung Moses – einen entfernten Baum in wunderbarem, überirdischem Lichtglanz strahlen. Wie er in sprachloser Entzückung hinschaute, glaubte er einen Engel vom Baum zum höchsten Himmel aufsteigen und sich dann zu ihm niederlassen zu sehen.

Mit dieser Vision war sein Lebensberuf entschieden; er hatte dadurch die Gewißheit erlangt, daß er zum Propheten des ewigen Gottes unter den abergläubische Mekkanern bestimmt sei. – Man kann gar nicht zweifelhaft bleiben über den Ursprung dieser Visionen, wenn man dieselben fort und fort mit dem Wesen und Wirken des Propheten in vollster Uebereinstimmung findet. Bekanntlich hatte Mohamed’s religiöse Genialität von Anfang an eine glühende Sinnlichkeit zur physischen Grundlage. Als nun nach den Jahren des aufregenden Kampfes das Fleisch mehr und mehr über den Geist triumphirte und der Polterer anfing ein fauler Bauch zu werden, da kam meistens auch der Inhalt der Visionen auf recht irdische Dinge herab. „Mein einziges Vergnügen auf Erden,“ sagte der Prophet nach einer wohlverbürgten Tradition, „sind Weiber, Wohlgerüche und das Gebet.“ Die Weiber stellte er also mit der großen Männern eigenen Aufrichtigkeit voran. Und Allah gönnte denn auch nach seiner unergründlichen Barmherzigkeit seinem Knechte zum Ersatz für die schwere Lebensaufgabe die größte Freiheit im Liebesgenuß. In Folge verschiedener Offenbarungen durfte der Prophet vierzehn Frauen und drei Nebenweiber halten; ja zuletzt wurde die allgemeine Weisung ertheilt: „Wenn sich aber eine gläubige Frau dem [284] Propheten schenkt, so kann sie der Prophet, wenn er will, heirathen.“ Die reizende kleine Ayischa war in ihrer kindlichen Naivetät oft ganz außer sich über die Unersättlichkeit ihres Herrn und Gebieters. „Wie?“ rief sie einst bei der Entdeckung einer neuen schmählichen Untreue, „wie? Und Du nennst Dich einen Boten Gottes?“ Noch desselben Tages erhielt Mohamed eine neue Offenbarung. „O Prophet,“ sagte Allah, „versage Dir nicht Deinen Frauen zu Liebe, was Gott Dir erlaubt hat.“ Nun, Allah ist groß, der kleinen Ayischa aber schien das neueste Orakel doch etwas stark und sie hatte den Muth, dem Propheten in’s Gesicht zu sagen: „Dein Herr beeilt sich fürwahr, Deinen Gelüsten zu folgen.“ Und in der That, wem über solchen Visionen die Augen nicht aufgehen, der hat keine Augen. Wir sind hier hart an der Grenze, wo krankhafte Selbsttäuschungen in wissentlichen Betrug übergehen, und der Vorgang gemahnt an das berufene Goethesche Distichon:

Jeglichen Schwärmer schlagt mir an’s Kreuz im dreißigsten Jahre:
     Kennt er die Welt erst ganz, wird der Betrog’ne (der durch seine Sinne Getäuschte) zum Schelm. –

Wir haben an hervorragenden Beispielen den Hergang, die Bedeutung und Gefahr des visionären Zustandes uns zu vergegenwärtigen gesucht; im Uebrigen liegt es nicht in unserer Absicht, den geneigten Leser durch die zahllose Menge ähnlicher Geschichten zu ermüden. Denn Legion ist die Anzahl der Visionäre, vom König Saul ab, dem am Tage vor seinem Tode Samuels Geist erschien, von den Gesichten des Dion und Brutus an, die doch nach dem Urtheil Plutarch’s gesetzte Männer waren und sich so leicht von keinem Vorurtheil einnehmen ließen, bis auf Jung-Stilling, Justinus Kerner und die Gespensterseher unserer Tage hin. Hat doch selbst das vorige Jahrhundert, das Jahrhundert der Aufklärung, seinen Swedenborg gehabt, der noch auf dem Sterbebette sich rühmte, daß er mit St. Paulus ein ganzes Jahr, mit Johannes siebenmal, einmal mit Moses, hundertmal mit Luther und mit den Engeln fast täglich seit zweiundzwanzig Jahren conversirt habe. Und bezeugt doch der verstorbene Literaturhistoriker und Marburger Prof. Dr. Vilmar noch im Jahre 1857, daß er des Teufels Zähnefletschen aus der Tiefe gesehen, mit leiblichen Augen ganz unfigürlich gesehen, und sein Hohnlachen aus dem Abgrund gehört habe. Nur die Thatsache verdient noch Beachtung, daß Menschen von überwiegendem Phantasie- und Gefühlsleben, also neben den teufelsehenden Theologen vorzüglich Dichter und Weiber, zum visionären Zustand disponirt sind. Tasso verkehrte in seinen letzten Lebensjahren beständig mit einem Geiste und vergeblich suchte ihn sein Freund, der Ritter Manso, zu überreden, daß die Erscheinung nur eine Sinnestäuschung sei. Manso, vom Dichter aufgefordert, selbst einer solchen Zusammenkunft beizuwohnen, bemerkte, wie Tasso mitten in der Unterredung mit ihm auf einmal seinen Blick auf ein Fenster heftete: „Hier ist der freundschaftliche Geist,“ sagte er zu Manso, „der sich mit mir unterhalten will, gieb Acht und überzeuge Dich, daß Alles Wahrheit sei, was ich gesagt habe.“ Manso sah und hörte natürlich nichts, Tasso aber fing mit großem Ernst eine Unterhaltung an, fragte und antwortete, bis sich der Geist verabschiedete. Bekanntlich hatte auch Goethe, als er nach dem schmerzlichen Abschiede von Friederike auf dem Fußpfade gegen Drusenheim ritt, eine der sonderbarsten Visionen. „Ich sah nämlich, nicht mit den Augen des Leibes sondern des Geistes, mich mir selbst denselben Weg zu Pferde wieder entgegenkommen und zwar in einem Kleide, wie ich es nie getragen: es war hechtgrau mit etwas Gold. Sobald ich mich aus diesem Traume aufschüttelte, war die Gestalt ganz hinweg.“

Neben den Dichtern aber sind nun vollends die Weiber die Gespensterseherinnen von Profession. Jene heiligen Jungfrauen des Mittelalters, welche sich in Stunden seliger Entzückung bald mit dem Apostel Johannes, bald mit dem Christkinde selbst verlobten und von der Wirklichkeit dieses Vorgangs so überzeugt waren, daß sie, wie Katharina von Siena, zeitlebens den Verlobungsring an ihrem Finger funkeln sahen, den doch kein sterbliches Auge außer dem ihrigen erblickte, sie stehen, die Sache vom ärztlichen und nicht vom moralischen Standpunkte angesehen, genau auf derselben Stufe mit den armen unseligen Hexen, die mit Leib und Seele dem Fürsten der Finsterniß anzugehören meinten und deren Geständnisse viel häufiger aus der Angst eines gepeinigten Gewissens als aus den Qualen der Folter hervorgingen. Wer aber vermag die endlose Reihe dieser Schwärmerinnen zu zählen? In Trier allein verbrannte man deren 7000, in Genf innerhalb dreier Monate (des Jahres 1513) 500, in Bamberg 1500 etc. – Noch in unserer Zeit konnte die liebenswürdige Westphälin Annette von Droste-Hülshoff die Gespensterseherei mit der anmuthigsten poetischen Begabung verbinden. –

Alle Visionäre berufen sich zum Beweise für die Realität der Visionen auf die Erfahrungen der Sinne. Was meine Augen gesehen, sagen sie, meine Ohren gehört und meine Hände betastet haben, das werde ich doch als etwas Wirkliches und außer mir Vorhandenes anerkennen müssen. Diesem sehr voreiligen Schlusse gegenüber muß nun zunächst an die triviale und doch immer wieder vergessene Wahrheit erinnert werden, daß es überhaupt unrichtig ist, zu sagen: meine Augen haben gesehen, meine Ohren gehört etc. Vielmehr ist, was die Sinne uns zuführen, nur ein äußerst dürftiger Rohstoff, aus welchem allererst der Verstand das Bild der uns umgebenden Welt aufbaut. Träte etwa, indem wir die schönste Landschaft betrachten, plötzlich eine Art Gehirnlähmung ein, welche die Thätigkeit des Verstandes aufhöbe und nur die Sinneseindrücke ließe, so würde sich, was wir erblicken, in nichts von einer Palette mit vielerlei bunten Farbenklexen unterscheiden. Statt des erhabensten Musikstückes würden wir in dem nämlichen Falle nur ein verworrenes Geräusch vernehmen. Wollen wir uns also genau ausdrücken, so werden wir sagen: ich habe vermittelst des Auges gesehen, vermittelst des Ohres gehört. Was heißt das aber, worin besteht beispielsweise dieser Proceß des Sehens vermittelst des Auges? An der Hinterwand des Augapfels liegen die äußerst zarten Endfasern des Sehnerven; diese Schicht der Netzhaut wird, wenn durch den durchsichtigen Augapfel das Licht, das Helle, die Welt der Farben zu ihr dringt, in eine eigenthümliche Erregung gesetzt und diese Erregung wird durch den Sehnerven – noch hat die Wissenschaft nicht ergründet, wie? – in’s Gehirn fortgeleitet. Nun liegt jene für den Reiz des Lichtes empfängliche Nervenschicht in der knöchernen Augenhöhle und in der Tiefe des festen Augapfels so wohl geborgen, daß sie von der Außenwelt nicht leicht auf andere Weise afficirt wird, als eben durch das Licht, welches der durchsichtige Augapfel ungehindert einläßt. Theilt sich vermittelst des Sehnerven der auf die Netzhaut ausgeübte Reiz dem Gehirn mit, so ist dies für den Verstand das Anzeichen von Licht außerhalb des Auges. Und unzählige Erfahrungen von der Kindheit an lassen in uns in der Regel gar keinen Zweifel darüber aufkommen, daß der uns längst bekannten Wirkung die bekannte Ursache entspreche.

Indessen steht doch erfahrungsmäßig fest, daß sehr verschiedene Ursachen dieselbe Wirkung zur Folge haben können. Dieselbe Erregung des Sehnerven, zu der eigentlich nur das Licht berufen ist, kann zum Beispiel durch einen kräftigen Faustschlag auf’s Auge hervorgebracht werden. Daher die Redeweise der Kinder, wenn ihnen ein Ball in’s Auge geflogen oder sie einen Stoß in dasselbe bekommen haben, es sei ihnen Feuer herausgesprungen. Ein Druck mit dem Fingernagel gegen die Seite des Augapfels, der hineingeleitete elektrische Strom genügen, selbst im dunkelsten Raume entschiedene Lichtempfindungen hervorzurufen. Sogar in Fällen, wo durch Verletzung oder Operation das Auge ganz verloren ist, kann der Wundreiz am Nervenstumpf noch phantastische Lichterscheinungen erzeugen. Mithin ist der Schluß, daß der Erregung des Sehnerven jedesmal äußeres Licht entsprechen müsse, ein falscher; immerhin aber ist in den genannten Fällen die Lichtempfindung durch eine außerhalb des Körpers liegende Ursache bewirkt.

[291]
Träume und Traumbilder. – Ihre Farbenpracht und Lebendigkeit. – Von der Thätigkeit des Gehirns im Schlafe. – Die Verwandtschaft der Träume mit den Visionen. – Das Erdbeerenkörbchen Heinrich Suso’s. – Die sogenannten Vorahnungen und ihr Zusammenhang mit der lieben Eitelkeit. – Ein Wort über Gespenstergeschichten. – Vom heiligen Wahnsinn der Dichter. – Schluß und Schlußrecept.


Es entsteht nun die weitere Frage, ob auch durch Einwirkung von innen, aus dem eigenen Körper heraus, ein ähnlicher Reiz auf den Sehnerv möglich sei; ob es auch Lichtempfindungen gebe, zu denen nicht nur kein äußeres Licht, sondern überhaupt kein Vorgang außerhalb des Körpers die Veranlassung gegeben. Ein solcher Reiz konnte, da wir vom Augapfel absehen, der nur für die Außenwelt da ist, allein vom Gehirn ausgehen, als welches ausschließlich mit dem Sehnerven in directer Verbindung steht. Die Frage ist also allgemein, ob jene geheimnißvollen Brücken, welche von den Sinnen zum Gehirn führen, nicht nur von außen nach innen, sondern auch von innen nach außen beschritten werden können.

Daß nun zunächst das Gehirn und vermittelst desselben dann auch die Sinnesnerven ohne eine Anregung aus der Welt um uns, allein auf Reize hin, die von innen kommen, anschauliche Bilder hervorzubringen vermögen, lehrt uns ein Vorgang, der Jedermann bekannt ist, nämlich der Traum. Müde von den wechselnden Eindrücken legen wir uns zur Ruhe, und kaum umfängt uns das Dunkel der Nacht, kaum sind die Augen geschlossen, da erblicken wir auf einmal allerlei glänzende, farbenprächtige Bilder, ein sanftbewegtes Kornfeld, blühende Bäume, fröhliche Kinder am Waldessaum, zu welchen die Umgebung so wenig den Anlaß bietet, als vorangegangene Gedanken und Erinnerungen. Es sind beim Beginn des Schlafes meist nur vereinzelte, rasch wechselnde Scenen, aber auch sie schon haben eine Deutlichkeit, einen Farbenglanz, wie ihn selbst die üppigste Phantasie im [292] wachenden Zustand nicht willkürlich schaffen kann. Die Erklärung genügt nicht, daß am Tage unsere Phantasie durch den gleichzeitigen Eindruck der Außenwelt beständig gehemmt werde; denn auch wenn wir in der tiefsten Stille der Nacht mit geschlossenen Augen uns wachend irgend eine beliebige Scene oder ein Bild willkürlich vorstellen, wie matt, verschwommen, unbestimmt und haltlos erscheinen diese willkürlichen Productionen gegenüber der kräftigen Realität der gewöhnlichsten Träume! Vollends den Träumen im tiefen Schlaf, bald nach Mitternacht, gegenüber, die in ihrer dramatischen Lebendigkeit das wirkliche Leben oft an Spannung weit übertreffen! Wir sind da plötzlich in Situationen, die unser peinlichstes Interesse erregen, die handelnden Personen benehmen sich ganz ihrem uns aus dem Leben bekannten Charakter gemäß, und wir selbst nicht minder. Wir ängstigen uns bis zur Fieberhitze, wir kämpfen, weinen, ringen, halten wahrhaft vernichtende Reden an unsere Widersacher und sind in Verzweiflung, daß wir keinen Ausweg finden. Alle unsere Seelenkräfte sind in Thätigkeit, sogar die Phantasie, indem wir uns mittelst derselben abwesende Dinge vorstellen.

Sollen wir mit einem Worte den Unterschied zwischen den Traumbildern und den willkürlichen Productionen der Phantasie angeben, so ist es offenbar der, daß die Letzteren blos im Gehirn stattfinden, während bei den Traumbildern außer dem Gehirn auch die Sinnesnerven betheiligt sind. Wie lebhaft wir uns wachend einen abwesenden Freund vergegenwärtigen, unsere Vorstellung bleibt ein Hirngespinst und wird auch von einem Gesunden für nichts Anderes gehalten; das Traumbild dagegen ist zugleich in den Sinnesnerven, es bemißt Licht-, Farben-, Geruchs- und Geschmacksempfindungen und ist daher von der wirklichen objectiven Welt vor dem Erwachen schlechterdings nicht zu unterscheiden. Sind aber im Traume die Sinne, durch welche wir im wachenden Zustand unsere Vorstellungen zu controliren und zu corrigiren pflegen, selbst mit in die Täuschung hineingezogen, so kann uns nur die Erfahrung und das vergleichende Urtheil lehren, was Leben und was Traum sei. Der ganze Unterschied ist der, daß im wachenden Zustand die Sinnesnerven aus der äußeren Welt ihre Reizung erhalten und dieselbe von dort nach innen in’s Gehirn fortleiten, während im Traum umgekehrt die Thätigkeit vom Gehirn ausgeht und sich von da in die Sinnesnerven fortpflanzt.

Was aber setzt nun das Gehirn im Schlafe in Thätigkeit, wenn Eindrücke aus der Außenwelt nicht mehr zu ihm dringen? Bekanntlich geht auch im Schlaf das organische Leben, nur unter einiger Verringerung der Wärme, des Pulses und des Athems etc., seinen Gang. Herz, Lunge, Magen arbeiten unablässig weiter und sind mit der Heilung des Verletzten, der Herstellung des Verlorenen, der Beseitigung aller Unordnungen rastlos beschäftigt. Aus dieser inneren Werkstatt dringt am Tage kaum einmal ein dumpfer halbverlorener Laut in das Bewußtsein. Das Gehirn, obwohl es durch jene zarten Nerven- und Gefäßverschlingungen, welche es mit dem Rückenmark verknüpfen, in Verbindung mit dem inneren Organismus steht, hat doch am Tage so ausreichend mit dem Empfangen und Verarbeiten der Sinneseindrücke zu thun, daß es sich um Anderes nicht groß kümmert. Ein gesunder Mensch wird eben nur, wenn er seine Aufmerksamkeit darauf richtet, inne, daß sein Bewußtsein nicht ganz unabhängig vom organischen Leben des Körpers ist, daß die größere oder geringere Geistesfrische mit der Verdauung in einiger Beziehung steht, daß seine Stimmung im Zusammenhang mit allerlei organischen Verrichtungen bald trüber, bald heiterer ist etc. Aber erst im Schlafe werden jene schwachen Eindrücke, die aus dem inneren Nervenherde des organischen Lebens heraufdringen, da wird jede geringe Modification des Blutumlaufs, die sich den Gefäßen des Gehirnes mittheilt, fühlbar, wie die Kerze zu scheinen anfängt, wenn die Abenddämmerung eintritt, oder wie wir bei Nacht die Quelle rieseln hören, die der Lärm des Tages unvernehmbar machte. Das Gehirn aber, durch irgend einen Reiz einmal afficirt, beginnt alsbald seine gewohnte Thätigkeit. Wie es am Tage seine Aufgabe ist, den dürftigen Rohstoff, welchen die Sinnesnerven ihm zuführen, zu Bildern der objectiven Welt zu verarbeiten, diese Bilder untereinander und zu sich in Beziehung zu setzen, so setzt es im Traume, in Thätigkeit gesetzt durch die Reizungen, die vom inneren Organismus ausgehen, unwillkürlich diese Arbeit fort. Ist nun die Reizung eine so starke, daß sie sich vom Gehirn aus auch in die Nervenstränge fortpflanzt, die zu den Sinnen führen, so sieht das Auge, so hört das Ohr, so steht im Schlaf ein Bild vor uns, ununterscheidbar von dem, welches im Wachen auf die Anregung der äußeren Welt sich bildete.

Unumgängliche Voraussetzung ist dabei, daß auch im wachenden Zustand das Gehirn Anschauungen, Bilder, Begriffe erzeugt habe. Seiner eigentlichen Bestimmung nach soll es ja doch nur dem wachenden Menschen das Verständniß der Außenwelt vermitteln; und was es im Schlaf zu leisten vermag, ist nichts weiter, als eine verworrene und unwillkürliche Nachbildung der im Wachen gewonnenen Anschauungen; es muß sich von dem Bildervorrath nähren, den wir wachend gesammelt haben. Wie nun, wenn man eine große Anzahl Bilderbogen zerschneidet und die einzelnen Theile blind durcheinander wirft, neben vielen ganz unsinnigen Combinationen auch einmal eine passende, ja frappante entstehen kann, so giebt es neben einer überwiegenden Menge gänzlich sinnloser Träume auch wohl recht sinnige und überraschende. Immer aber, wie kühn und befremdlich die Combination auch sein mag, ist sie nur aus entlehnten Theilen zusammengestückt. Neugeborene Kinder träumen noch nicht, weil sie noch keinen Bildervorrath gesammelt haben. Jeder träumt überhaupt nur, was seiner Art zu sehen und vorzustellen entspricht. Der Maler sieht auch im Traum pittoreske Gegenstände, der Musikverständige hört vollständige Tonwerke, während der Blindgeborene auch im Traume keine Vorstellung der wirklichen Welt gewinnt und der Unmusikalische keine Melodie und Harmonie, sondern höchstens angenehme oder unangenehme Töne vernimmt.

Genau so verhält es sich nun auch mit den Visionen, deren nahe Verwandtschaft mit den Träumen ja auf der Hand liegt. Beide Vorgänge sind Kinder derselben Mutter, sie gehen Beide aus einer Erregung des Gehirns hervor, die sich bis in die Sinnesnerven fortpflanzt. In allen den vorhin dargestellten Fällen ist offenbar die Vision nichts Anderes als ein wachend geträumter Traum, eine krankhafte Steigerung des Traumlebens, hervorgegangen aus einer weit über das gewöhnliche Maß gesteigerten Reizbarkeit des Gehirns und der sensibeln Nerven. Kein unbefangener Zeuge vernimmt etwas von den Visionen außer dem Schauenden selbst; dieser hinwiederum kann für die objective Realität derselben keinen Beweis geben als das Zeugniß seiner Sinne. Die Sinne aber können, wie wir gesehen haben, von innen so kräftig wie durch die objective Welt in Erregung gesetzt werden. Nicolai konnte mit demselben Rechte wie die Jungfrau sagen: „Ich habe diese seltsamen Gestalten gesehen, mit ihnen gesprochen.“ Es verschlägt Nichts, daß die Jungfrau auch die Kniee ihrer Heiligen umschlungen; der Tastsinn ist nicht schwerer zu afficiren als die übrigen Sinne. Erhielt doch der fromme Mystiker Heinrich Suso in einer Vision sogar ein Körbchen mit Erdbeeren, welche ihn außerordentlich erquickten. Daß aber dieses gegenständliche Träumen bei scheinbar wachem Zustand auf nicht normalen krankhaften Vorgängen innerhalb des Körpers beruht, läßt sich in allen Fällen beinahe constatiren. Ein völlig gesunder Mensch wird bei durchaus regelmäßigem Lebenswandel so wenig Träume als Visionen haben. Dagegen giebt es mancherlei krankhafte Zustände, die eine überraschende Analogie zu den Visionen bieten. Andrang des Blutes zum Gehirn, unregelmäßige Zusammensetzung desselben bei hitzigen Fiebern erzeugen Phantasien im Kopf des Kranken, welche durch den Anblick der wirklichen Welt nicht widerlegt werden können. Opium und andere narkotische Stoffe, geistige Getränke, im Uebermaß genossen, bringen Bilder im Gehirn hervor, die mit den süßesten Täuschungen erfüllen, bis die farblose Zeit der Ernüchterung kommt.

Der von der Tollwuth Befallene, der Wahnsinnige, merkt mit steigendem Grauen, wie finstere Gestalten allmählich das klare Welt- und Selbstbewußtsein umkrallen; und obwohl der reflectirende moderne Mensch in demselben anfangs noch die Schöpfungen seiner eigenen Phantasie erkennt, so fühlt er zugleich, daß er nicht auf die Dauer die Kraft haben wird, sich ihrer zu erwehren, sein Selbstbewußtsein vor diesen düsteren Mächten zu retten. Wie nun alle diese Leiden auf einer Störung der Gehirnfunction beruhen, mag dieselbe durch Verletzung dieses edelsten Körpertheils, Verschiebung einzelner Fasern und dergleichen, oder durch einen vom organischen Gesammtleben ausgehenden Einfluß herbeigeführt sein, so ohne Zweifel auch die Vision. Der Nachweis [293] im Einzelnen liegt der medicinischen Wissenschaft ob, für unsere Zwecke genügt es festzustellen, daß die Visionen auf Vorgängen innerhalb des Körpers beruhen, daß sie, wodurch auch immer veranlaßt, rein subjectiver Natur sind und daß der Visionär sich mit demselben subjectiven Recht und objectiven Unrecht auf die Erfahrung seiner Sinne berufen kann wie der Träumer.

Es erübrigt uns noch, einige Einwendungen gegen die natürliche Ableitung der Visionen zu besprechen. Die gewöhnlichste derselben ist die, daß doch oft genug dem Visionär Enthüllungen zu Theil werden, zu welcher er auf dem gewöhnlichen Wege menschlicher Erkenntniß nimmermehr hätte kommen können. Zum Beweise werden solche Fälle angeführt, in welchen der Visionär Orte mit größter Genauigkeit beschrieben, die er mit leiblichen Augen nie gesehen, Dinge mitgetheilt, die hundert Meilen von ihm im Augenblick der Vision oder die in ferner Zukunft genau, wie er’s gesagt, stattgefunden hätten. Indessen sind nur äußerst wenige Fälle der Art so bezeugt, daß ihnen wirklich eine gewisse Glaubwürdigkeit nicht wohl abgesprochen werden kann; diesen wenigen Fällen aber stehen unzählige gegenüber, in welchen der Visionär, sowie er bestimmte Angaben machte, sich täuschte. Es wird auch damit nicht anders sein als auf dem verwandten Gebiete der Vorahnungen und Träume. Unsere Träume und Ahnungen stellen eine solche Menge kaleidoskopischer Bilder vor die Seele, daß wir im wechselvollen Spiele des Lebens hin und wieder auch eines entdecken, das uns an den Traum, an die Ahnung erinnert. Da stehen wir dann staunend still und machen viel Aufhebens davon, während wir es als die alltäglichste Sache von der Welt sofort vergessen, wie wir uns tausendmal in unseren Träumen und Ahnungen betrogen haben. Es ist im Grunde nur eine Posse, welche die Eitelkeit uns spielt. Wie schmeichelt es dem Menschen, in irgend einem Punkte die seiner Erkenntniß gesetzten Schranken durchbrochen, sich irgend einmal im Besitze einer übermenschlichen Kraft befunden zu haben! Und wenn die Visionäre noch immer Gläubige finden –

Stolz und nichts als Stolz! Der Topf
Von Eisen will mit einer Silberzange
Gern aus der Gluth gehoben sein, um selbst
Ein Topf von Silber sich zu dünken.

Daneben ist es ja freilich auch viel bequemer, sich auf Träume und Ahnungen zu verlassen, als klar und ernst die Sachlage in’s Auge zu nehmen und aus der Gegenwart verständig auf die Zukunft zu schließen.

Wie aber ist es mit den Erscheinungen, die einer ganzen Anzahl Menschen zu gleicher Zeit zu Theil wurden? Der Einzelne mag sich immerhin täuschen; aber kaum glaubhaft scheint’s, daß da nicht ein wirklicher Vorgang stattgefunden, wo eine Reihe von Zeugen zu gleicher Zeit dasselbe gesehen. Hierauf ist zu erwidern, daß der visionäre Zustand ansteckend ist wie andere Seelenkrankheiten. Eine Gespenstergeschichte wird dadurch in nichts glaubhafter, daß sie von einer Menge Personen bezeugt wird. Als der fromme Erzbischof von Canterbury, Thomas Becket, in seiner Kathedrale am Altar durch das unbedachte Zornwort Heinrich des Zweiten erschlagen worden war, da machte der jähe Tod des gewaltigen Kirchenfürsten auf die versammelten Gläubigen einen solchen Eindruck, daß er in der Folgezeit einer ganzen Anzahl seiner Getreuen wiedererschien, die alle versicherten, ihn gesehen, seine Worte gehört zu haben. Savonarola, durch den Spruch des Papstes gehängt und dann verbrannt, ist darnach von mehr als hundert seiner Anhänger gesehen worden. Ja, eine ganze Genossenschaft von Nonnen ließ es sich nicht ausreden, daß der Märtyrer nach seinem Tode das Hochamt vor ihnen gehalten und ihnen durch das Gitterfenster den Leib des Herrn dargereicht habe. Daß irgend ein äußerer Anlaß vorhanden, wenn mehrere Personen plötzlich zugleich Derartiges wahrnehmen, kann immerhin zugegeben werden. Ein plötzlicher Luftzug, Gewitterschwüle, dumpfe Nebel, feuchte Wände, Sumpfgas und dergleichen mögen die Väter manches Gespenstes gewesen sein; die Mutter aber ist jedenfalls die krankhafte Disposition des Visionärs oder der Visionäre; und es ist für die Wirklichkeit oder Unwirklichkeit des Vorgangs völlig unerheblich, ob er durch eine oder hundert Personen bezeugt wird.

Ein letzter Einwand ist noch der, es sei doch undenkbar, daß weltgeschichtliche Umwälzungen, wie sie durch Mohamed und die Jungfrau von Orleans, von Anderen zu schweigen, hervorgebracht wurden, der zufälligen krankhaften Disposition dieser Persönlichkeiten ihr Dasein zu verdanken hätten. Dem gegenüber wollen wir zuerst daran erinnern, daß die Visionen ihre ungeheure Wichtigkeit in der Regel doch nur für die einzelne Persönlichkeit haben, der dadurch, wie mit einem Blitzschlage, ihr Beruf auf Erden klar wird; ob das nun dadurch geschieht, daß ihr in einem krankhaften Vorgange die Gedanken ihres Herzens gegenständlich werden, oder auf eine einfachere Weise, z. B. durch den Zuspruch einer Frau, eines Freundes, ein Dichterwort oder dergleichen, das kann der wahren Größe eines weltgeschichtlichen Charakters weder etwas nehmen noch geben. Weiter aber ist eine gewisse krankhafte Disposition auch in anderen Gebieten oft die Bedingung zu den höchsten Leistungen. „Die Perle,“ sagt Karl Hase, „entsteht auch durch eine Art Krankheit in der Muschel, und der heilige Wahnsinn des Dichters, von dem Platon und Shakespeare sprechen, ist auch kein gewöhnlicher gesunder Zustand, bei welchem man ruhig schläft und gut verdaut.“

Dem geneigten Leser aber, der mir bis hierher mit musterhafter Geduld gefolgt ist (die Leserinnen haben den zweiten Theil gewiß überschlagen), wünsche ich schließlich, daß er von Visionen verschont bleibe, wie ich für meinen Theil sogar auf die harmlosere Welt der Träume für immer verzichten möchte. Jener Voltaire’sche Candide, der aus Westphalen ausging, um, in der ganzen Welt herumgetrieben, alle Höhen und Tiefen der Menschheit durchzukosten, er kommt zum Schlusse auf die einfache und große Moral: „Laßt uns unser Glück besorgen, laßt uns in den Garten gehen und arbeiten.“




  1. „Johanna d’Arc ist nicht blos als Jungfrau geschieden, sie ist auch nach einem sichern Zeugnisse, welches nichts dadurch erklären will, in einer bestimmten Beziehung immer ein Kind geblieben. Ihre Erscheinungen aber begannen im dreizehnten Jahre. Durch ihr häufiges Fasten und ihre ganze, einer strengen Fastenzeit ähnliche Nahrungsweise mag sie unbewußt und doch mit der Klugheit des Instincts die visionäre Stimmung gefördert haben.“ Hase, Neue Propheten. I. S. 88.
  2. Sprenger, Leben und Lehre des Mohamed.