ADB:Gaß, Wilhelm

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Gaß, Friedrich Wilhelm Joachim Heinrich“ von Georg Grützmacher in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 49 (1904), S. 255–257, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Ga%C3%9F,_Wilhelm&oldid=- (Version vom 15. September 2019, 14:50 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Gartz, Zacharias
Nächster>>>
Geberich
Band 49 (1904), S. 255–257 (Quelle).
Wikisource-logo.png Wilhelm Gaß bei Wikisource
Wikipedia-logo-v2.svg Wilhelm Gaß in der Wikipedia
GND-Nummer 116448636
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|49|255|257|Gaß, Friedrich Wilhelm Joachim Heinrich|Georg Grützmacher|ADB:Gaß, Wilhelm}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=116448636}}    

Gaß: Friedrich Wilhelm Joachim Heinrich G. († 1889), entstammt einer alten Theologenfamilie. Sein Vater Joachim Heinrich Gaß († 1831) war Consistorialrath und Professor der systematischen und praktischen Theologie in Breslau, innig befreundet mit Schleiermacher, dessen Theologie er auch anhing (Schleiermacher’s Briefwechsel mit Gaß, Berlin 1852). Die Liebe zu Schleiermacher hat sich später auf den Sohn vererbt. Am 28. November 1813 wurde Wilhelm G. in Breslau geboren. Er wuchs in einem geselligen Hause auf, das die Mutter Wilhelmine, eine feingebildete Frau, zu einem Sammelpunkt der Geistesaristokratie der Stadt zu machen wußte. Den ersten Unterricht erhielt er von dem Freunde des Vaters, dem Professor des Griechischen, Passow, der den Versuch machte, den Knaben zuerst in der griechischen und dann erst in der lateinischen Sprache zu unterweisen. G. hat später dieses pädagogische Experiment, zu dem er hatte dienen müssen, verurtheilt. Mit 13 Jahren trat er in das Maria-Magdalenen-Gymnasium zu Breslau ein, nach dem Tode seines Vaters siedelte er mit seiner Mutter nach Schweidnitz über, wo er seine letzten Schuljahre verbrachte. Während seiner akademischen Studien in Breslau, Halle und Berlin beschäftigte er sich neben der Theologie mit Philosophie und Philologie, besonders der väterliche Freund Steffens in Berlin zog ihn in seiner Anthropologie an. Wenn er mit großer Aufnahmefähigkeit von den Rationalisten wie David Schulz in Breslau, Gesenius, Wegscheider in Halle, und dann wieder von Tholuck zu lernen wußte, so übte doch den nachhaltigsten Einfluß auf ihn Neander, dem er auch persönlich nahe trat; vgl. Vorrede zur Geschichte der Ethik S. 7: „De Wette fühlte ich mich innerlich verwandter, von Neander habe ich mehr gelernt.“ Von der Hegel’schen Philosophie wollte er nichts wissen, während er sich an Schleiermacher’s Glaubenslehre über die Gegensätze seiner theologischen Lehrer erhob. In Breslau erwarb er 1836 die philosophische Doctorwürde, 1839 den Licentiaten und habilitirte sich dann mit einer Vorlesung über die Methode und Darstellung der Dogmengeschichte in der theologischen Facultät seiner Vaterstadt. Mit Professor Suckow gab er die Monatsschrift „Der Prophet“ heraus, die der weiteren Aus- und Durchbildung des Unionsgedankens in der preußischen Landeskirche dienen sollte. 1846 wurde er Extraordinarius in Breslau und ein Jahr später als solcher nach Greifswald versetzt, wo er gleichzeitig als Bibliothekar an der Universitätsbibliothek thätig war. Er las hier Kirchengeschichte und neutestamentliche Exegese. Für den ersten Band seiner Geschichte der protestantischen Dogmatik wurde ihm 1854 von Greifswald die theologische Doctorwürde verliehen. 1855 wurde er in Greifswald Ordinarius. In dem Streit des Rostocker Professors Baumgarten, der 1858 wegen Häresie seines Lehramts entsetzt worden war, griff er mit einem besonderen Gutachten neben dem Gutachten der Facultät ein, in dem er das von Kliefoth geleitete mecklenburgische Consistorium der Ungerechtigkeit beschuldigt, da man in den lutherischen Symbolen zwischen Fundamentalem und Abgeleitetem unterscheiden müsse und nicht jede Abweichung vom Wortlaute der Bekenntnisse als Häresie beurtheilen dürfe. Die preußische Regierung setzte ihm darauf in Reuter einen conservativer gerichteten Strafprofessor der gleichen Disciplinen und sah 1862 seinen Weggang als Professor der systematischen Theologie nach Gießen nicht ungern. Als nach dem Kriege des Jahres 1866 eine Vereinigung der Landeskirche der neuen preußischen Provinzen mit der unirten Kirche der alten Provinzen geplant wurde, fürchtete er, daß die Union bei dem Anwachsen des Confessionalismus in Preußen zu einer bloßen Conföderation der verschiedenen Bekenntnisse umgebildet würde, und trat mit einer Schutzrede „Das Recht der Union“ 1867 für diese ein. Kein Mann des Streites, wurde er immer als [256] unermüdlicher Anwalt des Unionsgedankens auf den Plan gerufen, wenn er wie später im Großherzogthum Hessen die Union bedroht glaubte (Protest. Kirchenzeitung 1873, Nr. 15). 1868 wurde G. als Nachfolger Rothe’s neben Schenkel für die systematischen Disciplinen nach Heidelberg berufen, wo er, der eifrige Unionsmann, in eine ihm besonders sympathische Landeskirche eintrat. Als Vertreter eines gemäßigten Liberalismus hat er hier, ein Feind alles Radicalismus, sich nicht am kirchlichen Parteitreiben betheiligt, aber durch großherzogliche Ernennung die Heidelberger Facultät auf den Generalsynoden 1871, 1876 und 1881 vertreten. Als Docent besaß G. trotz umfassender und gründlicher Kenntnisse nicht das Charisma eines wirksamen Lehrers. 1885 wurde er vom Großherzog zum Kirchenrath ernannt. Es war ihm noch vergönnt, sein letztes größeres Werk, die „Geschichte der Ethik“ zu vollenden. Am 24. Februar 1887 schrieb er in der Vorrede: „Seit ich Hand angelegt, sind etwa neun Jahre vergangen. Von da an bis auf diese Stunde hat mir Gott Gesundheit und Arbeitsfrische erhalten. Dieser Dank soll mein erstes und letztes Gefühl sein. Vom Leser scheide ich, zwar lange noch nicht mit mir zufrieden, aber getrost in dem Bewußtsein, nach dem Maaße meiner Kraft und im Dienst christlich-protestantischer Wissenschaft gearbeitet zu haben“. Am 10. April traf den fleißigen Forscher ein Schlaganfall, der ihn zwang, seine Berufsthätigkeit aufzugeben. Erst am 21. Februar 1889 erlöste ihn der Tod von langem Leiden. Sein College Holsten hielt ihm am 24. Februar eine liebevolle Gedächtnißrede und sein Freund Bassermann eine warm empfundene Grabrede. Auch die Protestantische Kirchenzeitung widmete dem früheren Mitherausgeber einen Nachruf (Prot. Kirchenztg. 1889, S. 217). Das Leben Wilhelm Gaß’ war ein echt deutsches Gelehrtenleben, das äußerlich schlicht und einfach ablief, aber in nie ermattender Pflichterfüllung geführt wurde. G. war ein geborener Gelehrter, der die höchste Freude in der wissenschaftlichen Arbeit fand und mit strengem Wahrheitssinn, kritischer Unbefangenheit und pietätvoller Anempfindung den von ihm behandelten Stoffen gegenübertrat. Er war kein scharfsinniger, neue Bahnen weisender Systematiker, sondern ein Schüler Schleiermacher’s, der auch von Rothe gelernt hatte, und dessen eigner eklektisch-dogmatischer Standpunkt nirgends zu voller Darstellung gekommen ist. Von ausgebreitetster Gelehrsamkeit, Mäßigung und Billigkeit im Urtheil wandte er als Historiker mehr sein Interesse den abgeschlossenen Gedankensystemen christlicher Denker als der Entwicklung lebendiger Individualitäten zu.

Auf drei wissenschaftlichen Arbeitsgebieten hat er sich bleibende Verdienste erworben. Er hat der Erforschung der byzantinischen Kirche seine Kraft in zahlreichen Schriften und kleineren Aufsätzen gewidmet und bahnbrechend auf einem damals noch völlig unbebauten Gebiet, das nur der Altmeister der byzantinischen Forschung, August Jahn, vor ihm in Angriff genommen hatte, gewirkt. Wir verdanken ihm werthvolle Einsichten in das Wesen der griechischen Mystik, des griechischen Mönchthums und der griechischen Kirche. G. hat sich ferner mit Bienenfleiß um die Geschichte der protestantischen Dogmatik bemüht. Er hat eine detaillirte Entwicklung der lutherischen und reformirten Lehrsysteme von Melanchthon bis Schleiermacher gegeben. Mit besonderer Liebe ist er hierbei der Entstehung der Unionsidee nachgegangen und hat deshalb auch Georg Calixt und den synkretistischen Erscheinungen die größte Aufmerksamkeit geschenkt. Von Bedeutung für das Verständniß der Lehrentwicklung des Protestantismus war der von G. zuerst geführte Nachweis, daß auf die Systembildung der protestantischen Orthodoxie sehr stark die katholische Neuscholastik, vor allem die Metaphysik des Jesuiten Suarez vom Jahre 1605 eingewirkt hat.

[257] Endlich hat G. neben einigen kleineren Arbeiten über ethische Begriffe sich die schwierige Aufgabe einer Geschichte der christlichen Ethik gestellt. Wenn es ihm auch nicht gelungen, auf diesem Gebiete Abschließendes zu leisten, so hat er auch hier durch die umfangreiche Quellenbenutzung reiches und verstecktes Material für die Geschichte der christlichen Ethik beigebracht.

Seine Hauptwerke: „Gennadius und Pletho“, Breslau 1844; „Georg Calixt und der Synkretismus“, Breslau 1846; „Die Mystik des Nicolaus Cabasilas vom Leben in Christo“, Greifswald 1849; „Geschichte der protestantischen Dogmatik“, 4 Bände, Berlin 1854, 1857, 1862, 1867; „Die Athosklöster“, Programm, Gießen 1865; „Die Lehre vom Gewissen“, Berlin 1869; „Symbolik der griechischen Kirche“, Berlin 1872; „Optimismus und Pessimismus oder der Gang der christlichen Welt- und Lebensansicht“, Berlin 1876; „Geschichte der Ethik“, 1. Band, Berlin 1881; 2. Band in 2 Abtheilungen, Berlin 1886 und 1887.

C. Holsten, Fr. W. J. H. Gaß, Badische Biographien, Band IV, 527–536. – H. Bassermann, Grabrede auf W. Gaß, Protest. Kirchenztg. 1889, S. 251 ff. – Der Unterzeichnete: Wilhelm Gaß, Protest. Real-Encyklopädie. Aufl. 3. Band 6 (s. dort Ausführlicheres über die kleineren Arbeiten von Gaß).