ADB:Lindemann, Cyriacus

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Artikel „Lindemann, Cyriacus“ von Albert Schumann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 19 (1884), S. 807–809, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Lindemann,_Cyriacus&oldid=- (Version vom 6. Dezember 2019, 01:46 Uhr UTC)
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Lindemann *): Cyriacus L., gelehrter Schulmann, geb. 1516 zu Gotha, entstammte einer ursprünglich zu Neustadt an der fränkischen Saale ansässigen Familie. Sein gleichnamiger Großvater, ein älterer Bruder von Luther’s Mutter, war aus seiner Heimath nach Eisenach gezogen, und dessen Sohn Johannes, ein Schneider, hatte wieder seinen Wohnsitz nach Gotha verlegt und sich hier das Bürgerrecht erworben. Die beiden Söhne, welche ihm seine Gattin schenkte, wurden Nikolaus und Cyriacus getauft. Zwei oder drei Jahre nach der Geburt des letzteren starb der Vater; die Wittwe heirathete in zweiter Ehe einen achtbaren gothaischen Bürger, der sich, wie es scheint, der Erziehung seiner Stiefsöhne väterlich angenommen hat. Die erste wissenschaftliche Bildung wird Cyriacus L. der heimischen Schule zu verdanken haben; später widmete er sich in Wittenberg den theologischen Studien, unterbrach dieselben aber im Jahre 1535, um auf die Einladung des Stadtrathes für anderthalb Jahre eine Lehrerstelle in Gotha zu übernehmen. Nachdem er zur Fortsetzung seiner Studien nochmals in Wittenberg verweilt hatte, wurde er 1539 zum Schuldienste nach Freiberg berufen, und wirkte dort bis 1543; im gleichen Jahre erwarb er sich auf der eben genannten Universität den Grad eines Magisters, ging 1546 als Rector an die drei Jahre zuvor gegründete sächsische Fürstenschule Pforta und folgte 1549 einem Rufe nach Gotha, wo er zuerst dreizehn Jahre als Conrector thätig war und von 1562 bis zu seinem Tode als Nachfolger des zurückgetretenen Rectors Pancratius Sussenbach an der Spitze der Landesschule stand. Aus seiner 1549 mit Barbara Myconius, der Tochter des Gothaischen Superintendenten, geschlossenen Ehe gingen zwei Kinder hervor: eine nachmals mit dem Pfarrer und Kirchenliederdichter Cyriacus Schneegaß in Friedrichroda verheirathete Tochter Dorothea und ein in jugendlichem Alter gestorbener Sohn Johannes. – Als Lehrer und Rector hat L. ein gesegnetes Andenken hinterlassen. Gründliche [808] Kenntnisse in den von ihm vertretenen Fächern und praktisches Geschick im Unterrichten zeichneten ihn aus. Grammatische Genauigkeit dünkte ihm die Grundlage jeder Bildung, so daß er seine Schüler gerade in dieser Hinsicht möglichst zu fördern suchte. Ein Feind alles Ueberflüssigen und nur auf den Schein Berechneten, behandelte er in seinen Lehrstunden nur solche Schriftsteller, aus denen das jugendliche Alter wirklichen Vortheil schöpfen konnte. Durch seinen milden und humanen Charakter, der sich auch bei Strafen nicht verleugnete, gewann er die Liebe seiner Schüler. Einer von diesen, der koburgische Superintendent Joh. Dinkel, hat noch 32 Jahre nach seinem Abgange von der Gothaischen Schule das Andenken seines Lehrers in einer Rede gefeiert und in der Vorrede zu derselben bekannt, daß „die Erinnerung an jenen niemals aus seiner Seele schwinden“ werde. Die Religion war für L. eine Herzenssache. Ein Beweis seines frommen Sinnes ist der von ihm herrührende schwungvolle lateinische Hymnus: „O Deus, magni fabricator orbis“, der in Schulpforte entstanden, wohl auch heute noch dort gesungen wird. – Unter seiner Leitung erfreute sich die Schule eines sehr zahlreichen Besuches. Nicht nur aus den benachbarten Städten Thüringens, sondern auch aus Sachsen und Schlesien, aus Frankfurt am Main, vom Rheine und aus Holland wurden ihr Schüler anvertraut. Zur besseren Handhabung der Disciplin arbeitete L. treffliche Schulgesetze aus, welche, 1593 unter dem Titel: „Sylloge legum scholasticarum“ in Erfurt gedruckt, bei jeder späteren Erneuerung der gothaischen Schulgesetze die Grundlage bildeten und von dem oben genannten Dinkel auch für das Casimirianum in Coburg benutzt wurden. – Die bezeichneten Eigenschaften erwarben ihm die Hochachtung bedeutender Zeitgenossen. Luther schätzt ihn aufrichtig; Melanchthon, Justus Jonas, Joachim Camerarius, Joh. Stigelius u. A. standen mit ihm in Briefwechsel. – Die letzten Jahre flossen ihm unter Sorge und Trauer dahin. Er erlebte die Belagerung und Einnahme Gothas durch die kaiserlichen Executionstruppen unter dem Kurfürst August von Sachsen, die Wegführung des Herzogs Johann Friedrich des Mittlern; er sah nach der Uebergabe der Stadt Noth und Elend um sich her. Die Pest raffte am 7. Novbr. 1567 seinen zehnjährigen einzigen Sohn dahin, und seine Schule litt unter dem Lärm des Krieges, so „daß kaum die Mauern stehen blieben, der Lehrstuhl verlassen war und die Bänke umgestürzt lagen.“ Er selbst starb, nachdem er noch vom Krankenbette aus seine Schüler unterrichtet hatte, an den Nachwirkungen des von ihm Erlebten und einer zehrenden Krankheit, erst 52 Jahre alt, am 12. März 1568. – Nach schriftstellerischem Ruhme hatte er nie getrachtet. Erst nach seinem Tode veröffentlichte sein Schwiegersohn Cyriacus Schneegaß die für den Unterricht bearbeiteten „Periochae sive Explicationes summariae et perspicuae tam Epistolarum quam Evangeliorum, quae diebus dominicis et festis solemnibus in ecclesia proponi solent“ (Erfurt 1589). Außerdem hat derselbe Schneegaß eine Anzahl von Briefen Lindemann’s als „Epistolae quaedam paraeneticae, in quibus etiam instituendorum studiorum aliqua ratio monstratur“ der ersten Ausgabe von Dinkel’s Gedächtnißreden beigefügt (ebenda 1593).

Casp. Sagittarius, Historia Gothana, Jena 1718. S. 201 f. (W. E. Tenzel), Supplementum Historiae Gothanae, ibid. 1716. S. 3–46 (darin auch S. 17–30 ein Wiederabdruck der von Joh. Dinkel verfaßten und von Cyriacus Schneegaß 1593 zu Erfurt herausgegebenen Gedächtnißrede auf L.). – J. C. Wetzel’s Lieder-Dichter. 2. Th. (1721) S. 72 ff. – Chrn. Ferd. Schulze, Geschichte des Gymnasiums zu Gotha (1824). S. 42 ff. – Vgl. außerdem: Jöcher, Rotermund zu Jöcher, 3. Thl. Sp. 1866; 5. Thl. Sp. CXLV. – J. H. Gelbke, Kirchen- und Schulverfassung d. Herzogthums Gotha, 1. Thl. [809] (1790). S. 92. – (E. Fr. Wüstemann), Scholae regiae Portensi diem auspicatissimum XXI. Maii MDCCCXLIII. … congratulatur Gymnasium illustre Gothanum, Gothae 1843. S. 5 f.

[807] *) Zu Bd. XIII, S. 674.