ADB:Märklin, Christian

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Artikel „Märklin, Christian“ von August Wintterlin in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 20 (1884), S. 384–387, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:M%C3%A4rklin,_Christian&oldid=- (Version vom 23. Oktober 2019, 03:07 Uhr UTC)
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Märklin: Christian M., Theolog und Pädagog, geb. den 23. Juni 1807 in Maulbronn, † am 18. Octbr. 1849 zu Heilbronn, war der Sohn des damaligen Klosterprofessors, späteren Prälaten (Generalsuperintendenten) Jak. Friedr. M., eines echten Kantianers, dessen kirchenamtliches und landständisches Wirken in seiner württembergischen Heimath lange in gutem Andenken blieb. In der Lateinschule zu Neuenstadt an der Linde bis 1814 und im Gymnasium zu Heilbronn bis 1821 unter steter Mitwirkung des trefflichen Vaters vorgebildet, kam der junge M. in das niedere theologische Seminar (Kloster) zu Blaubeuren. Seine Altersklasse erhielt wegen einer ungewöhnlichen Vereinigung von Talenten den Namen „Genie-Promotion“. Außer D. Fr. Strauß gehörten derselben der Pädagoge Gustav Binder, die Dichter Gustav Pfitzer und Julius Krais, der Aesthetiker und Dichter Fr. Vischer, der Geschichtschreiber Wilhelm Zimmermann an. Im Herbst 1825 in das höhere Seminar (Stift) zu Tübingen übergetreten, studirte M. nach Absolvirung des philologischen und philosophischen Curses mit Vorliebe Schleiermacher, als dessen Anhänger einer seiner blaubeurischen Lehrer, der im Jahre 1826 als Professor der Theologie nach Tübingen berufene Ferd. Chrn. Baur (s. Bd. II, S. 172 ff.) auftrat. Von größerer Bedeutung aber wurde es für M., daß er im letzten Jahre seines theologischen Studiums mit Strauß und einigen anderen Freunden auf die Philosophie zurückgriff und dabei an die Phänomenologie von Hegel gerieth. Hegel, welcher einst mit Märklin’s Vater zu gleicher Zeit in das Tübinger Stift eingetreten war, hatte lange in seiner schwäbischen Heimath nur geringe Beachtung gefunden. Nun erwuchs ihm auf einmal in dem Sohne Märklin’s [385] und dessen Freundeskreis, wozu besonders Binder, Strauß und Vischer gehörten, ein Häuflein von begeisterten Anhängern; nur zogen sie in theologischen Dingen die Consequenzen seines Systems viel kühner, als der Meister selbst. Damals freilich hatten sie selbst noch keine Ahnung, wie weit sie kommen sollten. Wie die andern Freunde beschritt auch M. voll besten Muthes die gewöhnliche Laufbahn des begabteren „Stiftlers“. Nach einem glänzenden theologischen Facultätsexamen wurde er im Herbst 1830 Vicar in dem Städtchen Brackenheim. Eine dogmatisch-kirchenrechtliche Abhandlung „Ueber die Ehe“, welche er dort ausarbeitete und später in den „Studien der evangelischen Geistlichkeit Württembergs“, herausg. von Klaiber, 1833 und 1834, Bd. V, 2 bis VII, 1, drucken ließ, zeigt ihn auf einem sehr hohen oder wenigstens sehr strengen sittlichen Standpunkt, so z. B. wenn er verlangt, der Staat soll im Fall eines Ehebruchs eine Fortsetzung der Ehe selbst dann nicht zugeben, wenn der unschuldige Theil dazu bereit sei, „weil dadurch die sittliche Würde des unschuldigen Theils und der Ehe an sich verletzt werden würde“. Der Predigt und dem Jugendunterricht widmete er sich mit großem Eifer, doch blieben ihm, der freilich die Phänomenologie im Pfarrhause zu Ende las, schon damals bedenkliche Zweifel an der Verträglichkeit der christlichen Religion und der absoluten Philosophie nicht erspart. – Im Herbst 1832 machte M. die sogen. „große Tour“ der Candidaten über Heidelberg, Bonn, Göttingen etc. nach Berlin, wo er Vorlesungen bei Hegel’s Schülern Marheineke, Vatke, Gans, Hotho, Michelet und Henning, sowie auch bei Schleiermacher hörte, aber von dem letzteren als „des Hegelianismus verdächtig“ in kein näheres Verhältniß zugelassen wurde. Im Frühjahr 1833 kehrte er als „Repetent“ an das Tübinger Stift zurück. Dort traf er wieder mit seinen zum gleichen Dienst berufenen Freunden Strauß, Vischer und Binder zusammen. Die praktischen Obliegenheiten als Studienleiter der jüngeren Generationen und als Prediger erfüllte M. mit größter Gewissenhaftigkeit; seinen wissenschaftlichen Eifer erwies er durch eine Vorlesung über die beiden Thessalonicherbriefe. Mit einer Flugschrift: „Ueber die Reformation des protestantischen Kirchenwesens mit besonderer Rücksicht auf die protestantische Kirche in Württemberg“, Tübingen 1833, wozu ein in der württembergischen Ständekammer gestellter Antrag auf Reform des protestantischen Kirchenwesens Anlaß gab, griff er auch in die kirchlichen Zeitfragen jener Tage ein. Die übergreifende Stellung, welche er dabei dem Staate zuwies, während der Antragsteller von entgegengesetzten Gesichtspunkten ausgegangen war, läßt ihn ganz als Hegelianer erkennen, während die Zustimmung zur Forderung einer eigenen Repräsentation und selbständigen Verwaltung der Kirche von dem hohen Werthe zeugt, welchen er der Kirche innerhalb des Staates beigemessen sehen wollte. Im Herbst 1834 erhielt er das Amt eines Diaconus oder Helfers (zweiten Geistlichen) in der Stadt Calw und heirathete im J. 1835 eine Stuttgarter Beamtentochter, Friederike Hoffmann, ein Mädchen von sanftem Charakter und ungewöhnlicher Herzensgüte, mit welcher er in glücklichster Ehe lebte. In seiner Gemeinde nahm er sich der Jugenderziehung und des Armenwesens aufs Wärmste an, wovon auch die zwei Aufsätze: „Ueber die Nothwendigkeit einer umfassenderen Volksbildung und Erziehung“, Stuttgart 1836 und „Ueber unser Armenwesen und seine Behandlung“, in den Südd. Blättern f. Volkserziehungs- und Volksunterrichtswesen, Jahrg. 1840, Zeugniß geben. Den Gegensatz, in welchem er zu den theologischen Anschauungen der überwiegenden Mehrheit der Gemeindeglieder stand, ahnte diese wohl kaum. M. selbst glaubte noch fest an die von Hegel gelehrte Einheit der religiösen Vorstellungen mit ihrer höheren Form, dem philosophischen Begriff, und suchte die Gemeinde nur sehr schonend von dem [386] einen Standpunkt auf den andern hinüberzuleiten. Wohl soll ihm seine intime Freundschaft mit Strauß, dessen „Leben Jesu“ im Jahre 1835 erschien, verdacht worden sein; auch sein Entgegenkommen gegen den württembergischen Reiseprediger Gustav Werner, welcher „dem Glauben der gewöhnlichen Kirchenlehre und Kirchenpraxis die thätige Liebe entgegenstellte“, mochte Anstoß erregt haben. Oeffentlich aber war, trotzdem daß Calw eine der Hauptburgen des württembergischen Pietismus, der Sitz des bekannten von Dr. Chr. G. Barth geleiteten Verlagsvereins, war, nichts gegen M. gethan worden, bis dieser im Jahre 1839 mit der Schrift: „Darstellung und Kritik des modernen Pietismus. Ein wissenschaftlicher Versuch“, Stuttgart 1839, selbst den Frieden brach. Es war eine Freundesthat. Wie kurz zuvor die gemeinsamen Freunde Vischer und Binder mit öffentlichen Erklärungen gegen den Pietismus aufgetreten waren, so wollte auch M. dem damals hart angegriffenen Strauß zu Hülfe kommen. Ein Stuttgarter Geistlicher, Wilhelm Hofacker, nahm den Kampf sofort in dem pietistischen Wochenblatt „Der Christenbote“ mit großer Heftigkeit auf. M. antwortete nicht weniger schroff in der Gegenschrift „Das Ketzergericht des Christenboten über meine Schrift: Darstellung etc. Ein Wort mit Rücksicht auf einen Artikel in diesem Blatte“, Stuttgart 1839. Hofacker erwiederte in der Schrift: „Erstes und zweites Wort gegen Dr. Chr. Märklin’s Schriften: Darstellung etc. und Das Ketzergericht etc.; Stuttg. 1839“. Nun trat auch aus nächster Nähe Dr. Barth in Calw gegen M. in die Schranken mit dem Sendschreiben: „Der Pietismus und die speculative Theologie“, Stuttgart 1839, worauf M. mit einem Antwortschreiben: „Die speculative Theologie und die evangelische Kirche“, Stuttgart 1840, entgegnete. Der Streit, in welchem vermittelnde Stimmen (Palmer und Dorner) um so weniger Gehör finden konnten, als die Sprecher thatsächlich nicht in der Mitte standen, erregte, obwohl in der Hauptsache innerhalb der württembergischen Kirche und Theologie ausgefochten, doch ein großes öffentliches Interesse in ganz Deutschland. M. hatte in den dogmatischen Partieen seiner Schriften auf den Pietismus gezielt, aber unleugbar die evangelische Kirchenlehre getroffen. Erst seine Gegner, deren kluge Taktik mit dem Hauptangriffe hier einsetzte, zwangen ihn, entschlossen in die tiefe und breite Kluft hinunterzusehen, die zwischen der Hegel’schen Weltanschauung und der kirchlich-christlichen thatsächlich lag. M. fühlte, daß für ihn die Ausscheidung aus dem Kirchendienste eine sittliche Nothwendigkeit geworden war. Der Ausweg einer theologischen Professur in Tübingen, den ihm sein inzwischen auch zum Hegelianer gewordener Lehrer Baur noch im Jahre 1839 eröffnen wollte, wurde ihm – gewiß zu seinem Glücke – durch seine Gegner verbaut; jedoch im Jahre 1840 befreite ihn der damalige württembergische Minister Schlayer, der wie König Wilhelm in religiösen Dingen freier dachte, durch Ernennung zum Gymnasialprofessor in Heilbronn von einer unerträglich gewordenen Lage. In der fränkischen Stadt, wo in kirchlichen Dingen ein weniger engherziger Geist wehte, als im Altwürttembergischen, freundlich aufgenommen, entwickelte M. eine noch heute von seinen Schülern dankbar gerühmte Lehrthätigkeit. Ein schönes Programm: „Ueber die Stellung und Bedeutung der Freundschaft im Alterthum und der neuen Zeit“, Heilbronn 1842, gab auch nach auswärts von der Befriedigung Kunde, welche er in dem Berufe eines Jugendlehrers gefunden hatte. Weniger glücklich war M. im J. 1848 mit dem Versuche, auch in das politische Leben thätig einzugreifen, obwohl er stets gewohnt war, die Zeitbewegungen mit den Augen eines freisinnigen deutschen Patrioten zu verfolgen. Als ein Mann von gemäßigten Gesinnungen von seinen Freunden in Heilbronn für das Frankfurter Parlament in den Wurf gebracht, wurde er durch eine Intrigue veranlaßt, noch vor der Wahl zurückzutreten, – und sich dadurch einen [387] Durchfall zu ersparen. Er hatte, wie sein Freund Strauß, vergeblich versucht, der in Württemberg und besonders in Heilbronn bald demokratisch gewordenen Bewegung als Aristokrat des Geistes und als Freund der „preußischen Spitze“ entgegenzutreten, kam aber bald zur Erkenntniß, daß die Politik nicht „seine Sphäre“ sei und zog sich so viel als möglich davon zurück. Im Herbst 1849 beabsichtigte er Strauß in München zu besuchen, als ganz unerwartet ein nervös gewordenes rheumatisches Fieber am 18. Octbr. 1849 seinem Leben ein frühes Ende bereitete. Strauß hat ihm seine Freundestreue mit dem schönen Denkmal: „Christian Märklin. Ein Lebens- und Charakterbild aus der Gegenwart“, Mannheim 1851, vergolten.

Vgl. außerdem: Zeller, David Friedrich Strauß in seinem Leben und seinen Schriften geschildert, Bonn 1874. S. 64. 75 u. a. a. O. und Hausrath, David Friedrich Strauß und die Theologie seiner Zeit, Heidelberg 1876 bis 1878. Th. I, S. 224 ff. II, S. 193 ff.