ADB:Meinloh von Sevelingen

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Artikel „Meinloh von Sevelingen“ von Konrad Burdach in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 34 (1892), S. 72–73, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Meinloh_von_Sevelingen&oldid=- (Version vom 21. Februar 2020, 07:33 Uhr UTC)
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Sevelingen: Meinloh v. S., Minnesänger aus dem Ministerialengeschlecht von Sevelingen (Söflingen bei Ulm), das bei den Grafen von Dillingen das Truchsessenamt inne hatte. Der 1240 als Dienstmann des Grafen Hartmann von Dillingen nachgewiesene Meinloh de Sevelingen kann der Dichter nicht sein, sondern ist vielleicht sein Sohn, wahrscheinlich sogar schon sein Enkel. Denn die wenigen Lieder, welche die alte Quelle der beiden großen Liedersammlungen B und C enthält, stammen aus der Frühlingszeit des Minnesangs. Nicht mehr freilich steht Meinloh auf der Stufe der ältesten deutschen ritterlichen Liebespoesie, wie sie uns aus Oesterreich und Baiern in den Liedern, die den Namen des Kürenbergers tragen, und in denen des Burggrafen von Regensburg entgegentritt, und deren Charakter ich oben Bd. XXVII, S. 550 zu schildern versuchte. Zwar bewahrt Meinloh in formaler Hinsicht noch vieles Alterthümliche: die Einstrophigkeit seiner Lieder, das Fehlen des dreitheiligen Strophenbaues, die Auslassung der Senkung. Zwar pflegt er noch die alte Gattung der einstrophigen Frauenmonologe. Allein er macht doch den ersten Schritt von der alten volksthümlichen Erotik der ritterlichen Kreise zu der neuen, modischen, die durch romanische Sitte und romanische litterarische Muster bestimmt ist, und er macht ihn mit der schüchternen Unbeholfenheit des Neulings, aber auch mit der rührenden Hingabe seines ganzen Selbst, die uns in diesen stammelnden Versen mit dem unvergänglichen Laute der Wahrheit an das Herz greift. Strahlend wie eine überirdische Erscheinung geht Deutschland damals die Cultur des Westens auf: die weltlich-ritterliche Gestaltung des Lebens, die neue Sittlichkeit, die neue Auffassung der Liebe, der Frauendienst als Angelpunkt aller männlichen Tüchtigkeit. Die Lieder Meinloh’s zeigen, wie das Schwabenland um 1170 hiervon berührt wird. Es ist als ob er überwältigt von dem großen Eindruck der neuen Bildung mit allen Kräften danach ränge, ihren ganzen Inhalt in seiner Tiefe durch Worte zu erschöpfen und das eine ihn durchdringende Gefühl so recht faßbar, verständlich auszusprechen: die Ehrfurcht vor der stillen Herrschergröße weiblicher Reinheit und Minne. Ihn hat es ergriffen mit der Kraft eines allbezwingenden Zaubers: der Glaube an die veredelnde Macht der Frauenliebe. Wie ein Blitz ist in dem damaligen Geschlecht das Bewußtsein des eigenen Empfindungslebens aufgeflammt, und M. schwelgt in der Reflexion darüber, als hätte sich ihm damit das Paradies geöffnet. Die Wunder, welche er selbst entdeckt hat, an sie will er nun auch die Anderen glauben lehren. So muthen seine Lieder uns an wie ein erster Anlauf, den Begriff des Minnedienstes durch ein selbsterlebtes Liebesverhältniß nach allen Regeln der romanischen Kunst durchzuführen. Wir erfahren, wie er die Geliebte kennen lernte: Andere haben sie gelobt und darum habe er sie gesucht, bis er sie fand; wir hören den feierlichen Entschluß, ihr zu dienen; er legt einem Boten den Liebesantrag in den Mund; er vertieft sich in die Theorie der Minnekunst, handelt von den Eigenschaften eines rechten Liebhabers: erst wird behutsame Zurückhaltung und senelîche [73] swaere als nothwendige Folge empfohlen, dann – in einer Palinodie? – aus langem Werben fließender übler Erfahrungen, der Störungen durch die Merker gedacht und umgekehrt gepredigt: Wan (man) sol ze liebe gâhen (eilen); für den glücklich Liebenden wird die Verschwiegenheit als erstes Gebot aufgestellt; wir vernehmen von heimlicher Trauer und Sehnsucht; dann wieder erscheint wachsende Leidenschaft, Betheuerung unwandelbarer Treue; nun überbringt der Bote eine bestimmte Einladung an die Frau, im Angesicht der rothen Blumen, der Boten des Sommers, auch dem liebenden Ritter ihre volle Gunst zu gewähren; auch die Dame erhält das Wort: sie freut sich der Rückkehr des Geliebten; sie vertheidigt gegen die Verleumdungen der Merker die Reinheit ihres Verhältnisses; sie wendet sich gegen neidische andere Frauen (altes Motiv der volksthümlichen Poesie ritterlicher Kreise). Der Dichter bemüht sich, einem bestimmten Ideal nachzukommen, er hat über die Liebe nachgedacht; er gibt Grundsätze, Regeln für das Liebesleben; er geht den Gründen seiner Liebesempfindung nach; er motivirt fortwährend, warum er liebt, traurig ist und so fort. Es scheint, als habe er einige Stilmittel der gnomischen Dichtung der Fahrenden entlehnt, um diesem theoretisirenden Charakter seiner Dichtung zu genügen. Er prägt bereits eine förmliche Liebesterminologie aus, die aber, wie sein Wortschatz überhaupt, der oft zu superlativischem Ausdruck greift, noch ziemlich dürftig und von der Spitzfindigkeit und Beredsamkeit späterer Kunst weit entfernt ist. Er erlaubt sich gelegentlich künstliche innere Reime und Wortspiele. Alles in Allem gewährt Meinloh’s Poesie das Bild eines Enthusiasmus, der durch eine gewisse Starrheit gebunden ist, starker Impulse, die noch nicht den entsprechenden künstlerischen Ausdruck finden, einer höchst anziehenden Mischung zweier Stile: des alten, wortarmen, der so ungeschmückt, aber so gesättigt ist von verhaltener Leidenschaft, und des neuen zierlichberedten, der höfisch abgestimmte Empfindung in maßvoller, anmuthiger Bewegung kunstgerecht vortragen will.

Lachmann und Haupt, Des Minnesangs Frühling Nr. 3. – Bartsch, Deutsche Liederdichter Nr. 4. – Scherer, Deutsche Studien II. (Sitzungsberichte der Wiener Akademie. Phil.-histor. Kl. 1874. Bd. 74, S. 452 ff., Separatdruck S. 18 ff., 2. Auflage: Wien 1891, S. 79 ff.). – Paul, Beiträge 2, 418 ff. – Burdach, Reinmar und Walther S. 58 f., 64, 77, 83, 86 f. – Sievers, Beiträge 12, 499, 502 f. – E. Schröder, Zeitschr. f. d. Alterthum 33, 100 f.