ADB:Robert-Tornow, Walter

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Robert-tornow, Walter“ von Ludwig Julius Fränkel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 53 (1907), S. 412–414, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Robert-Tornow,_Walter&oldid=- (Version vom 18. August 2019, 11:32 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
<<<Vorheriger
Robert, Emerich
Band 53 (1907), S. 412–414 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Walter Robert-tornow in der Wikipedia
GND-Nummer 116576200
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|53|412|414|Robert-tornow, Walter|Ludwig Julius Fränkel|ADB:Robert-Tornow, Walter}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=116576200}}    

Robert-tornow: Walter Heinrich R.-t., Philolog und Schriftsteller, entstammte der bekannten Berliner jüd. Familie des Levin Marcus aus dem Aufklärungs- und Romantik-Zeitalter, der Rahel, Varnhagen v. Ense’s Gattin und ihr Bruder Ludwig, der Dichter, angehörten. Der letztere nahm bei der Taufe den Geschlechtsnamen Robert an, an Stelle von R.-t. (A. D. B. XXVIII, 720[WS 1]). Walter R.-t., der, ein langjähriger Interessent auf dem Felde der Namenskunde (1889 hat er die 2. Auflage von Abel’s „Deutschen Personennamen“ besorgt), sich stets mit t schrieb, wurde am 14. Juli 1852 auf dem Familiengute Ruhnow in Hinterpommern geboren. Er hat nicht nur nach Jahren dem dortigen Dorfpfarrer August Bentz sein Buch über Bienen und Honig im classischen Alterthum als dem ersten Anreger einschlägiger Studien mit pietätvollem Gedenken gewidmet, sondern ist, das „Horizontgefühl“ seiner Kindheit stets vor Augen, immer und immer wieder von Sehnsucht nach den „weißen, reinen“ Wolken, den Buchenkronen, Fichtenwipfeln, tiefen, stillen Landseen voll Wasserrosen, den schimmernden, wogenden Getreidefeldern der mißkannten geliebten Heimath-Landschaft gepackt worden. Der kräftige Körperbau seiner Landsleute ging ihm freilich ab und 1870, da er gerade militärpflichtig geworden, empfand er seine vom 3. Lebensjahre datirende Gebrechlichkeit ganz besonders. Während eines Helgoländer Curaufenthaltes lernte der Dreijährige spielend lesen. Die trefflich gewählte Büchersammlung des Vaters, des mit mancherlei Wissenschaften universell vertrauten Landwirths, sowie die Anregungen des bildungsfreundlichen Elternhauses förderten die Entwicklung des begabten Jünglings, dessen schwächliche Gesundheit zur Beschränkung auf Hauslehrer zwang. Auf ihn gingen nicht allein die ästhetischen Triebe der genannten ältern Verwandten über, sondern auch allerlei aus der selbständigen Lebensanschauung seines Ruhnower Lehrers und dauernden Freundes, des halb stoisch, halb humoristisch-skeptisch sich gebenden Dr. Isler, eines gediegenen Philologen. Die Epigramme in Robert-tornow’s dünnem Hefte „Begleitbuch“ (1883), Sprüche im Stile der „Xenien“, hallen solche Ueberzeugungen und Stimmungen des damals noch hochbejahrt lebenden Lehrers wieder.

Seit Sommer 1870 hörte er an der Universität Berlin, namentlich bei Moritz Haupt, Theodor Mommsen, Ernst Curtius, Hermann Grimm, philologische und kunsthistorische Vorlesungen. Die classische Philologie, zu der ihn gediegene Vorbildung und angeborener Spürsinn befähigten, zog ihn besonders an. Als Abschluß oft unterbrochener, jahrelanger Studien entstand die überaus gründliche, systematisch aufgebaute Arbeit „De apium mellisque apud veteres [413] significatione et symbolica et mythologica“, im Jahre 1875 ausgearbeitet, erst 1893 gedruckt als stattliches Zeugniß eindringlichster Forschung im althumanistischen Sinne, fußend auf allseitiger Belesenheit der griechisch-römischen Litteratur breitesten Umfangs nebst sonstigen Geistesdenkmalen des Alterthums und Ausblicken in Culturgeschichtliches und den litterarischen „Folklore“ der germanistischen Aera (Grimm, Menzel u. s. w.). Einige Zeit hat R.-t. neben den Universitätsstudien, da ein befreundeter Maler Porträtiranlagen bei ihm zu entdecken wähnte, an der Berliner Kunstakademie gezeichnet. Dann zog es ihn mächtig zur Poesie: sie, die er durch das internationale Schriftthum weithin verfolgt und selbständig kennen gelernt, hat er mit nicht alltäglichem Talent auch selbst gepflegt. Sein durchdringendes kritisches Vermögen, an zahlreichen fremden Mustern und Proben geschult, ließ ihn der Grenze seiner Schaffensfähigkeit bewußt bleiben. „Ich kann“, äußerte er bescheiden gelegentlich, „ein leidliches Sonett, allenfalls ein gutes Epigramm machen, mehr aber nicht“; obgleich nun sein Nachlaß eine – größtentheils als „Gedichte von W. R.-t.“ 1897 gedruckte – beträchtliche Reihe gelungener lyrischer Gedichte aufwies, so besitzen wir doch von ihm außer Sinnsprüchen im Stile des erwähnten „Begleitbuchs“ als wesentliche Leistung die vortreffliche Uebersetzung der „Gedichte des Michelangelo Buonarotti“, geradezu ein Meisterwerk, dessen Erscheinen (1896) er nicht mehr erleben konnte. Die Fertigkeit, durch verschiedenste Verse Freunde gelegentlich zu erfreuen, und sein glückliches Verständniß für Geist und Form verschmolzen in sorgsamster Wiedergabe fremder Dichtungen. Bei der Bearbeitung der Abhandlung über die Bienen übertrug er das 4. Buch von Vergil’s Georgica in deutsche Jamben, dann dichtete er Theognis’ Elegien in Reimen nach, versuchte sich an Verdeutschungen aus dem Englischen und warf endlich die ganze einschlägige Lust und Kraft auf den gewaltigen vielseitigen Renaissance-Italiener, dessen Person, Zeit, Poesie-Inhalt und -Form (über diese Punkte spricht seine Einleitung) ihn anzogen und reizten. Er hat die künstlichen, oft gekünstelten Reime, Gleichklänge, Anspielungen u. s. w. Michelangelo’s möglichst sinn- und stilgerecht, doch, wo nöthig, in freierem Nachdichten ins Deutsche übersetzt. Diese unendliche Mühe kann nur genauer Vergleich mit dem Originale richtig feststellen und würdigen.

Robert-tornow’s große Litteraturkenntniß und Fähigkeit, Litteraturwerke zu beurtheilen, bewährte sich im übrigen vielfach und vielartig. Ohne einen formellen Examensabschluß war er zu den Eltern heimgekehrt. Im Februar 1877 knüpfte er Beziehungen zu Georg Büchmann (s. d.) als ergänzender Lieferant seiner rasch berühmt gewordenen systematischen Anthologie „Geflügelte Worte“ an, und ständiger Briefwechsel über dies ihnen am Herzen liegende Handbuch machte beide Männer bald zu Freunden, bis R.-t. 1880 mit seinen Eltern nach Berlin übersiedelte, ins Haus des Verstorbenen Onkels, Kammergerichtsassessors Ferdinand R.-t. Das originelle Heim dieses weitbekannten kunstgewerblichen Sammlers und Kunstkenners und ihn selbst schildert W. R.-t. feinsinnig: „F. R.-t., der Sammler und die Seinigen. Ein Beitrag zur Geschichte Berlins“, Dtsche. Rundschau, 65. Bd., 1890, S. 428 (Anm. über Namen R.-t.)–46; auch der künstlerische Sinn seines als Keramolog bekannten Onkels Albrecht Türrschmiedt beeinflußte ihn. Nun entspann sich ein ständiges Zusammenarbeiten, und als Büchmann 1884 starb, hatte er das fernere Schicksal seines Schmerzenskindes schon R.-t. anvertraut. Dieser wurde denn ein in jeder Hinsicht geeigneter Nachfolger, welcher die so weitschichtigen Materialien rastlos verbessert, chronologisch gruppirt, erweitert (um 750 neue; darunter die für R.-t. charakteristischen „G. W. in Sagen und Volksmärchen“), durch ein ideales Register erschlossen und unter eine klare, knappe, sprachwissenschaftlich unanfechtbare [414] Definition (jetzt in der Einleitung fettgedruckt) gebracht hat. Seine treue Hut hob die Verbreitung von den 57 000 Exemplaren der ersten 13 Auflagen Büchmann’scher Redaction auf das mit der 18. erreichte Hunderttausend. Hier fand er einen Anker seines Daseins, ja, einen Quell für eigene Uebung in Poesie und Prosa. Robert-tornow’s vorausgeschickte Skizze von Büchmann’s Wirksamkeit spiegelt des Jüngern innigste Theilnahme.

Unausgesetzte Lectüre deutscher und gewählter fremder Litteratur nährte von jeher sein sachlich und formell ausgezeichnetes Gedächtniß. Die verschiedensten neudeutschen Humoristen unabhängiger Art standen ihm am nächsten: Keller’s „Grüner Heinrich“ – dieser voran –, Vischer’s „Auch Einer“, Reuter’s „Stromtid“, Scherr’s „Michel“, Rosegger’s „Waldschulmeister“. Die deutschen Classiker waren ihm durch wiederholte ernste Hingabe geläufig. So konnte er die 9. Auflage der Ad. Stahr’schen populären Monographie über Lessing’s Leben und Werke (1887) besorgen und seine beiden poetischen Lieblinge in der – G. Büchmann gewidmeten – Darstellung „Goethe in Heines Werken“ (1883), die glatt und umsichtig ohne jeden Schulmeister-Einschnitt das Thema entwickelt, aufs engste verbinden und gemeinsam feiern.

Seit Frühling 1888 wohnte R.-t. als Vorsteher der Privatbibliothek des deutschen Kaisers in der Hauptstadt in einem versteckten, traulichen Raum des alten „Weißen Schlosses“ an der Spree. „Hier hauste er wie ein Zauberer im Märchen. Aber wer ihn suchte und zu finden wußte, der traf ihn stets aufgeräumt und immer hülfsbereit … Er verstand sich auf Menschenschicksale. Denn auch in seinem Herzen hatten Leidenschaften getobt, auch um seine Seele hatten dunkle Gewalten gestritten: er aber hatte sich in selbsterlebten Liedern freigesungen und sich zum Siege, zum echten Lebenshumor durchgekämpft“: so schildert sein Freund Thouret diesen Schlußabschnitt, während dessen ihn wachsende Anerkennung des Hofes und sonstige äußere Ehrungen herzlich befriedigten. Im Lenz pilgerte R.-t. öfters mit Hermann Grimm, dem ihm mannichfach Sympathischen, überall voll Verstehenden, in die Tiroler Berge. Am liebsten aber flüchtete er aus dem Brustgedräng der Mauern an die See oder gar nach Helgoland, seiner „Insel der Seligen“, und dort hat der Tod den von jeher gesundheitlich unfesten und sterbensbereiten Mann, kaum 43 Jahre alt, am 17. September 1895 überrascht. Mit ihm ist ein stiller, emsiger, gewissenhafter Arbeiter, der, leider durch überängstliche Selbstkritik im Schaffen lahmgelegt, höchst Bemerkliches im Kleinen geleistet, insbesondere Büchmann’s „Geflügelte Worte“ mit auf ihre sichere, maßgebliche Höhe gehoben und Michelangelo’s Genius im Andenken der deutschen Nachwelt für immer verewigt hat.

Alle Nachrufsnotizen, besonders die der Berliner Zeitungen übergehend, nennen wir als Quelle nur die von Robert-tornow’s Freund Prof. Georg Thouret den Neuausgaben von Büchmann’s „Geflügelten Worten“ (zuerst i. d. 19. von 1898, S. XVI–XXI; s. auch S. VII) vorangestellte Lebens- u. Charakterskizze und ebendesselben Vorrede zu der von ihm überwachten Herausgabe der Michelangelo-Verdeutschung (1896), S. XVII–XX, und der „Gedichte“ (1897). Die Uebersetzung, bedeutsame Frucht sechsjährigen Eifers, besprach M. Cornicelius im Archiv f. d. Stud. d. neuer. Sprch. 101 S. 240–44; ebenda 101 S. 399 f. Ad. Tobler u. H. Blümner, Grenzboten 1895 I, 312 die nach R.-tornow’s Tode gedruckte 19. Aufl. des Büchmann-Werks. Das nackte Thatsächliche über R.-t. bei Brümmer, Lex. d. dtsch. Dicht. etc.5 III, 544. Ein liebenswürdiges vertrautes und vertrauliches Conterfei vom Sehen und mündlichen Hören entwarf Herm. Grimm Dtsche. Rundsch. 85. Bd., 443–447 u. Dtsch. Literaturztg. 1897 S. 1625–31.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: 270; Hier handelt es sich um einen "Zahlendreher", der Artikel steht auf Seite 720 und nicht auf 270.