ADB:Vitzthum von Eckstädt, Karl Friedrich Graf

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Artikel „Vitzthum von Eckstädt, Karl Friedrich Graf“ von Konrad Sturmhoefel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 55 (1910), S. 341–351, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Vitzthum_von_Eckst%C3%A4dt,_Karl_Friedrich_Graf&oldid=- (Version vom 22. Mai 2019, 05:52 Uhr UTC)
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Vitzthum *): Karl Friedrich Graf V. von Eckstädt, sächsischer, später österreichischer Diplomat, wurde am 13. Januar 1819 zu Dresden als ältester Sohn des Wirklichen Geh. Rathes und Oberstallmeisters Grafen Karl Vitzthum und der Gräfin Elisabeth, geb. Freiin v. Friesen aus dem Hause Rötha geboren. Während der Vater früh starb (12. Oct. 1834), blieb ihm die Mutter [342] (geb. 1793) bis in späte Jahre erhalten († 1879), eine feinsinnige und verständnißvolle Frau, die dem Sohn, der erst spät an die Gründung eines eigenen Hausstandes dachte, immer rückhaltlos als Vertraute seiner Empfindungen und Pläne nahe gestanden hat. Karl Friedrich wurde Michaelis 1826 in die Vorschule des Blochmann’schen Instituts, des heutigen Vitzthum’schen Gymnasiums, aufgenommen. Am 31. August 1837 gewährte ihm die Schule das Zeugniß der Reife mit der ersten Betragenscensur und einer 2 mit einem Stern in litteris unter warmer Anerkennung seines wissenschaftlichen Strebens. Er wandte sich zunächst nach Göttingen, um dort den Anfang des Rechtsstudiums zu machen, vertauschte die Georgia Augusta aber schon im Mai 1838 mit der Universität Leipzig. Nach dem üblichen Triennium wurde er am 17. März 1841 unter dem ersten Rectorate des bekannten Philosophen Drobisch exmatriculirt und bald darnach zur Ableistung des sogenannten Accesses beim Justizamt Dresden zugelassen. Schon 1843 erfolgte seine Uebernahme in das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten, das damals von Heinrich v. Zeschau geleitet wurde, und am 1. October 1845 seine Bestallung zum Legationssecretär bei der kgl. sächs. Gesandtschaft in Berlin. Gesandter war zur Zeit der kgl. sächs. Generallieutenant und Staatsminister a. D. Johannes v. Minckwitz, verheirathet mit einer Cousine seines neuen Secretärs, einer geb. Gräfin v. d. Schulenburg.

Zweifellos war mit dem ihm übertragenen Posten V. in die Laufbahn gebracht, auf die ihn nicht nur seine Geburt und seine Familienbeziehungen, sondern vor allem auch seine Begabung hinwies. „Mein Beruf wird mir, je mehr ich mit demselben vertraut werde, immer lieber“, schrieb er am 8. Februar 1846 an seine Mutter. Wie seine sonstigen Briefe an diese eine gute Beobachtungsgabe des 27jährigen Secretärs zeigen, so fanden seine amtlichen Berichte den Beifall seines unmittelbaren Vorgesetzten und des genannten Ministers. Und über dem mannichfaltigen gesellschaftlichen Treiben, das in ihm übrigens keinen sehr passionirten Tänzer fand, vergaß er doch auch tiefere Interessen nicht. Humboldt’s „Kosmos“ beschäftigte ihn u. a. in seinen Mußestunden, und Karl Gustav Carus’ „Psyche. Zur Entwicklungsgeschichte der Seele“, ein Buch, das eben damals, 1846, die Presse verlassen hatte, ergriff ihn tief und übte auf längere Zeit hinaus einen anregenden Einfluß auf ihn aus. Verwandten Studien ist er auch noch in späteren Jahren treu geblieben. Das politische Leben in Preußen drängte damals nach dem einen Punkte, der Verfassungsfrage zu. Bekanntlich trat am 11. April 1847 der Vereinigte Landtag zusammen. Da ist es interessant, in dem Vertreter der sächsischen Hocharistokratie zugleich einen freudigen Vertreter der Neuzeit und eines vernünftigen Liberalismus kennen zu lernen, namentlich freilich, was für die Gestaltung seines Urtheils zweifellos nicht ohne Wirkung war, soweit ein solcher durch den ostpreußischen Adel und durch den Mund von Vincke’s zum Ausdrucke kam. Seine Bemerkungen in einem Briefe an die Mutter vom 5. Mai 1847 über den Gegensatz von Aristokratie und Junkerthum, von Servilismus und Monarchismus könnten auch heute noch geschrieben werden und Anerkennung finden. – Berlin als Stadt vermochte ihm nicht zu imponiren. Für den Leser von heute ist es amüsant, gleich in dem ersten Briefe zu lesen: „Es ist eine kleine Stadt auf einer großen Fläche. Die Straßen sind breit, aber todt.“ Ebenso fallen hier und da über die Gesellschaft etwas absprechende Urtheile.

Somit konnte es ihm nur eine angenehme Ueberraschung sein, als ihm sein Chef unter dem 16. August 1847 die zunächst vertrauliche Mittheilung machte, daß die Regierung ihn vom 1. October 1847 ab zum Legationssecretär bei [343] der sächsischen Gesandtschaft in Wien, geleitet damals von Rudolf v. Könneritz, ersehen habe. Nach der Kaiserstadt übergesiedelt, akklimatisirte er sich sehr bald. Freilich machte er schnell die auch von Anderen beobachtete Erfahrung, daß dort die Frauen im Durchschnitt die Männer geistig überragten. Insbesondere zog ihn der Salon der Fürstin Schönburg an, wo er sogar mit der von ihm bald hoch verehrten Wirthin über Humboldt’s „Kosmos“ und Carus’ „Psyche“ des öfteren Salonphilosophie zu treiben vermochte. Die Pariser Revolution störte nur zu bald mit ihrer Nachahmung in Wien dieses gesellschaftlich-ästhetische Genußleben. So sehr V. das Metternich’sche System von Grund aus verurtheilte, so wenig konnte er der weiteren Ausgestaltung der Wiener Revolution Geschmack abgewinnen. Mit anerkennenswerthem Muthe erlebte er sie als Augenzeuge, ausgenommen die allerletzte Phase der Belagerung und Eroberung durch Windischgrätz. Aus dieser Periode enthält ein Brief an die Mutter nebenbei die Erwähnung eines „gewissen Blum“. „Es muß der Leipziger Theatercassirer Robert Blum gemeint sein, und doch ist es kaum zu verstehen, da ich ihm am 20. oder 21. auf sein dringendes Verlangen einen Paß zu seiner Rückkehr nach Frankfurt ausgestellt habe.“ Weiterhin wird in befriedigtem Tone die Erschießung des Mannes mitgetheilt. „Das Ereigniß wird großes Aufsehen machen“, schreibt V. der Mutter am 12. November 1848 und am 13.: „Noch wissen wir nicht, welchen Eindruck das Ereigniß in Sachsen gemacht hat. Wir haben das Unsrige gethan, um den Mann zu retten; à l’impossible nul n’est tenu.“ Heute kennen wir den Eindruck dieses Ereignisses in Sachsen und die Beurtheilung der Cavalierperspective, aus der Rudolf v. Könneritz und sein Bureau diese Action betrachtet hatten.

Aber neben den österreichischen Ereignissen erfüllten das Herz des sächsischen Gesandtschaftssecretärs in viel höherem Grade die Hoffnungen und Befürchtungen für Deutschlands Zukunft. Die Nothwendigkeit einer Einigung entweder unter Preußens Führung – ihm freilich nicht sympathisch – oder unter der Oesterreichs – trotz der augenblicklich verzweifelten Lage des Kaiserstaats – ist ihm schon damales völlig klar geworden. Dabei entschlüpft ihm ein für die damalige Auffassung der Dinge recht bezeichnendes Bekenntniß (Brief an die Mutter vom 25. Juni 1848): „Ich freue mich, noch während der muthmaßlich letzten Jahre unserer kleinen Diplomatie thätig haben sein zu können und die beiden Herzkammern Deutschlands aus eigener Anschauung kennen gelernt zu haben.“ Von dem Frankfurter Parlament erwartete er begreiflicherweise gar nichts. Um so höher wuchs nach der Bezwingung Wiens seine Begeisterung für den erstarkenden Kaiserstaat, von dessen Bedeutung die Frankfurter Gelehrten nach seiner Auffassung keine Ahnung hatten. Er war überzeugt, daß das Deutschthum in Oesterreich die Rassen absorbiren und germanisiren und Oesterreich dann einen um so größeren Beruf haben werde, an die Spitze Deutschlands zu treten. „Hat Deutschland die Gelegenheit versäumt, die definitive Centralgewalt dem Kaiser von Oesterreich zu übertragen, und sind wir nicht stark genug, diesen Gedanken zu fassen und auszuführen, so wird sich Oesterreich ohne uns constituiren, und uns wird nichts übrig bleiben, als ein kleines Königreich Deutschland zu organisiren, zu welchem nach Befinden die Auflösung des preußischen Staates oder die Vergewaltigung Deutschlands durch Preußen die Brücke bilden würde“ (Brief vom 10. November 1848). Hier haben wir das Credo – und deshalb die ausführliche Mittheilung –, an dem V. von da ab mit zäher Ueberzeugung festgehalten hat, darin bestärkt durch die weiteren Erfolge Oesterreichs in den Jahren 1849 und 1850, darin aber auch nicht erschüttert mit einer an [344] Idiosynkrasie grenzenden Hartnäckigkeit durch die Ereignisse von 1866 und 1870. Diese dem Deutschen von heute schwer verständliche Stellungnahme eines offenbar deutsch denkenden und fühlenden Mannes wird uns nur begreiflich; wenn wir uns vergegenwärtigen, daß V. mit der Mehrzahl seiner deutschen Zeitgenossen von einem einzig-großen Deutschland von der Adria bis zur Ostsee geträumt hatte. Für ihn mußte die Ausschließung vieler Millionen deutsch redender und deutsch fühlender Oesterreicher nicht nur einen quantitativen Verlust an Macht und Größe, sondern auch einen Bruch mit den ehrwürdigen Traditionen der deutschen Geschichte bedeuten. Preußen war ihm von seiner Erhebung zum souveränen Königreich unter Friedrich I. an der Emporkömmling und Störer der deutschen Einheit, Oesterreich der durch seine ganze Entwicklungsgeschichte zur Leitung Deutschlands prädestinirte Kaiserstaat. Wohl erkannte er dessen centrifugalen Charakter, aber er war fest überzeugt, daß es diesen in enger Verbindung mit Deutschland überwinden und die slavischen und magyarischen Elemente mit der Zeit germanisiren werde.

Nach dem vorstehend Mitgetheilten brauchen wir nicht zu fragen, was er von der Thätigkeit der Nationalversammlung und ihrer Wahl Friedrich Wilhelm’s IV. zum Kaiser dachte, mit welchem abfälligen Mißtrauen er über die Unionspläne des letzteren urtheilte, während er in heller Bewunderung für den jungen Kaiser Franz Josef entbrannte – sogar zu einem Heldenlied auf die „Brücke vor Raab“ begeisterte er ihn – und sehr bald in dem Fürsten Felix Schwarzenberg „unsern Gönner“ verehren lernte. Und wenn er in einem Octoberbriefe des Jahres 1849 den kommenden deutschen Bürgerkrieg voraussah und als seine Folge für Deutschland entweder Einheit oder Untergang, Weltstellung oder politischen Tod, so theilte er im Mai 1850 mit seinem Onkel Hermann Friesen die ergänzende Ueberzeugung, daß der preußische Staat als solcher verschwinden müsse, bevor an einer definitiven Lösung des deutschen Problems gearbeitet werden könne. „Denn der König von Preußen ist der vornehmste Repräsentant der auf Kosten von Kaiser und Reich souverän gewordenen Fürsten, welche zu Gunsten des Particularismus das aristokratische Princip der alten deutschen Reichsverfassung und zugleich den monarchischen Reichsgedanken im Volke vernichtet haben.“ – Als dann die Entscheidung von Olmütz nahe rückte, erwartete V. sie fieberhaft in dem Sinne, daß sie den Untergang Preußens besiegeln möchte, und war dann, ebenso wie sein nunmehriger Minister-Chef Beust, über die friedliche Lösung sehr enttäuscht. Mit Befriedigung registrirte er dann weiterhin die Aufhebung der österreichischen Gesammtstaatsverfassung von 1849 am Schlusse von 1850 durch Kaiser Franz Josef, da, wie V. übrigens ganz richtig bemerkte, Oesterreich vorderhand überhaupt nur absolut regiert werden könnte. Aber der Mann, der solchem Regimente erst recht eigentlich Kopf und Rückgrat sein konnte, Fürst Felix Schwarzenberg, wurde schon am 5. April 1852 seinem Werke entrissen. Man versteht Vitzthum’s tief empfundene Todtenklage.

Um diese Zeit hatte es sich schon entschieden, daß V. als sächsischer Geschäftsträger nach St. Petersburg gehen sollte. Nur widerstrebenden Herzens verließ er Wien, das in den vierundeinhalb Jahren seines Aufenthalts ihm politisch und auch persönlich ans Herz gewachsen war. Mit dem bekannten Vers: „’s gibt nur a Kaiserstadt, ’s gibt nur a Wien!“ schließen seine Wiener Briefe an die Mutter. Nicht nur des Menschen, besonders des Politikers Sympathien blieben der Kaiserstadt an der Donau und beherrschten für alle kommenden Jahre, mitunter vielleicht unbewußt, die Urtheilsbildung und Geschäftsführung des sächsischen Diplomaten.

Der Aufenthalt in St. Petersburg war für V. nur eine kurze Episode, immerhin [345] lang genug, um ihm über russische Zustände ein treffendes Urtheil zu ermöglichen. Am 4. Juni 1852 in Kronstadt angekommen, verließ er die nordische Hauptstadt schon im folgenden Frühjahr mit dem Aufgehen des Newa-Eises. In diese Zeit fiel der Besuch des Prinzen, nachmaligen Königs Albert von Sachsen, der vom 27. Juli bis 27. August 1852 währte und V. Gelegenheit bot, einige äußerst charakteristische Bemerkungen des Zaren Nikolaus über den sächsischen Thronfolger in seine Aufzeichnungen aufzunehmen. An dessen Besuch in Moskau, den er zusammen mit dem preußischen Prinzen Friedrich Wilhelm, nachmaligen Kaiser Friedrich III. machte, hatte V. nicht theilgenommen. Er holte das Versäumte im September nach. Außer diesen Erlebnissen nahm selbstverständlich die Persönlichkeit des Kaisers das volle Interesse des sächsischen Geschäftsträgers gefangen. Jedenfalls imponirte ihm dessen auch im Aeußeren den unbedingten Selbstherrscher darstellende Erscheinung. Daß freilich diese Selbstherrlichkeit ihre bedenklichen Seiten hatte, namentlich insofern sie die von dem damaligen russischen Kanzler Nesselrode eingehaltene Politik gelegentlich rücksichtslos kreuzte und bei Seite schob, sollte sich an der Entwicklungsgeschichte des Krimkrieges erweisen, die V. zum Theil noch mit erlebte. Der kühle sächsische Beobachter kam dabei zu der jedenfalls von seinem damaligen Chef schwerlich getheilten Ueberzeugung, daß der Zar nicht mehr ganz normal sei. Darauf basirte dann der Irrthum Vitzthum’s, daß Nikolaus gleich den andern drei Söhnen Kaiser Alexander’s I. einer Gehirncongestion erlegen sei, während er bekanntlich an einer Lungenentzündung starb, die er sich gelegentlich einer von den Aerzten dringend widerrathenen Parade zugezogen hatte.

V. vertauschte St. Petersburg noch 1853 mit London, wo ihm eine reichlich vierzehnjährige Thätigkeit beschieden war. Am 4. Juni 1853 landete er als sächsischer Ministerresident. Seine treffliche Geschäftsführung und die in Beust’s Augen wachsende Wichtigkeit des Londoner Postens „befreite V. von der Zwitterstellung eines Ministerresidenten“ und führte ihn 1857 als außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister von einem Urlaubsaufenthalt in Dresden nach London zurück. In diese Londoner Zeit fallen der Krimkrieg, der italienisch-französisch-österreichische Krieg, die Lösung der schleswig-holsteinischen Frage und endlich die deutschen Einigungskämpfe. So weit es ihm als „kleinem Diplomaten“ möglich gemacht wurde, suchte er den Gang der Ereignisse zu beeinflussen, subjectiv wohl mehr von der Ersprießlichkeit seiner Thätigkeit überzeugt, als es der wirkliche Verlauf der Dinge objectiv bewiesen hat. Oft verglich er London mit einer hohen Warte, von der aus man allein einen umfassenden Ueberblick über die verschlungenen Wandlungen der europäischen Politik gewinnen könne. Sich selbst aber betrachtete er als einen Matrosen im Mastkorbe. „Ich melde die ‚breakers ahead‘, die Klippen und Untiefen, die ich sehe, es dem erfahrenen Steuermanne überlassend, den Lauf des Schiffes zu regeln und die Segel einzureffen, wenn es Noth thut.“

Dieser erfahrene Steuermann hieß Beust. Er begann damals zuerst mit seiner Trias-Idee hervorzutreten und suchte bekanntlich in dem Vorspiel zum Krimkriege dem deutschen Bunde ohne die beiden Großstaaten durch die Bamberger Conferenzen eine imaginäre Wichtigkeit zu geben, die der damalige Leiter der englischen Politik, Lord Clarendon, zu unterschätzen sich erkühnte. V. hatte infolge dessen den Vorzug, die zurechtweisende Note Beust’s, auf die dieser noch in späteren Tagen sehr stolz war, dem einsichtslosen Lord zu insinuiren. V. billigte keineswegs die Bamberger Triasträume. Er sah sie ebenso sehr von dem Prinz-Gemahl Albert von Coburg-Gotha verurtheilt. Nur [346] daß Beide von verschiedenen Punkten ausgingen: Prinz Albert erkannte, wie jener Zeit auch der preußische Bundestagsgesandte v. Bismarck, darin nichts anderes als Großmannssucht und darunter verborgene Rheinbundsneigungen, während V. letztere nie hat zugeben wollen, im übrigen aber die Bamberger Beschlüsse als eine Frontnahme gegen Oesterreich beklagte.

Im Zusammenhange mit dieser Auffassung der Dinge steht die damals von V. gehegte und auch in einem Mémoire vom 17. November 1854 nach Dresden weitergegebene Ueberzeugung von der politischen Begabung und Bedeutung Napoleon’s III., so daß er wohl zu denen gehört haben dürfte, die die mißlungene Werbung des Prinzen Jérome Bonaparte um die Hand der Prinzessin Sidonie, Tochter des Königs Johann, im Sommer des Jahres 1857 bedauerten und „der Meinung waren, der italienische Feldzug von 1859 hätte vielleicht vermieden werden können, wenn eine sächsische Königstochter anstatt einer sardinischen die Gemahlin des Prinzen Napoleon geworden wäre“. Denn nur so lange fand Napoleon III. Gnade vor Vitzthum’s Augen, als er in seiner orientalischen Politik Oesterreich das gebührende Plätzchen offen halten wollte, das leider eben die Bamberger in ihrer Kurzsichtigkeit verbauten. Als dann der Dictator Europas dem Könige von Sardinien half, auf Kosten Oesterreichs König von Italien zu werden, da sank er in den Augen Vitzthum’s zu der schon von Thiers entdeckten „médiocrité méconnue“, zu einem mittelmäßigen Taschenspieler und theilweise betrogenen Betrüger herab, der das willenlose Werkzeug Viktor Emanuel’s und Cavour’s geworden war. Nach 1866 stieg die Werthschätzung des Empereurs wiederum ein Weniges mit der Hoffnung auf ein französisch-österreichisches Bündniß gegen Preußen.

Aus der Rolle des passiven Zuschauers im politischen Theater Europas trat V. 1858/59 infolge eines freilich nicht die höhere Politik, sondern eines rein dynastische Angelegenheit betreffenden Auftrags vorübergehend zu selbständiger Thätigkeit hervor. Schon im Sommer 1855 hatte er dem neuen Könige Pedro V. von Portugal als dem ersten Herzog von Sachsen, welcher den portugiesischen Thron bestieg, die Glückwünsche des Königs Johann von Sachsen zu überbringen gehabt. Indem er bei dieser Gelegenheit des jungen Königs Schwester, die Infantin Maria Anna, kennen lernte, kam ihm der Gedanke einer Familienverbindung mit dem sächsischen Hofe. Auf diese Anregung griff König Johann Ende 1857 zurück, und nachdem V. über den Gesundheitszustand u. dgl. der Infantin die nöthigen Erkundigungen eingezogen hatte, fuhr er mit dem Prinzen Georg am 9. April 1858 von Southampton aus nach Lissabon, wo am 17. April die Verlobung stattfand. An Stelle des eigentlich hierzu ausersehenen Premiers v. Beust, den jedoch die Verwicklung des italienischen Krieges in Paris festhielt, übernahm V. weiterhin, begleitet von dem Legationsrath Rich. v. Könneritz und dem Grafen Karl Hohenthal-Püchau, zum Zwecke nochmaliger feierlicher Werbung die Reise nach Lissabon. Am 3. Mai 1859 langten sie da an, entledigten sich am 5. Mai ihres Auftrags, wenige Tage darauf traf Prinz Georg ein, am 11. Mai fand die Trauung statt und am 13. Mai verließ man insgesammt Lissabon, um zunächst zur See, da der Krieg den Landweg fraglich machte, nach London zu fahren. –

Der italienische Krieg hatte die Frage der deutschen Einheit wieder in den Vordergrund gerückt. Wie mit den Bamberger Beschlüssen, so war jetzt der Prince-Consort mit den Würzburger wenig zufrieden. Vitzthum’s Berichte zeigen, daß der Prinz sich redliche Mühe gab, dem sächsischen Diplomaten und damit dem sächsischen Minister die nöthigen Directiven zu geben. V. vermochte bei aller Hochachtung und Verehrung für den seinem Herrscherhause [347] so nahe verwandten Fürsten doch nur eine unbegründete Abneigung gegen das clerical-reactionäre Oesterreich wahrzunehmen. Von einem discite moniti war weder bei ihm noch bei seinem Chef auch nur das geringste zu spüren. Dagegen verfaßt er nach dem Thronwechsel in Preußen gegen Ende des Jahres 1861 eine Schrift, die Leipzig 1862 unter dem Titel herauskam: „Oesterreichs und Preußens Mediatisirung die conditio sine qua non einer monarchisch-parlamentarischen Lösung des deutschen Problems“ und das Motto trug „Viribus unitis suum cuique“. Dem wunderlichen Titel entsprach der wunderlich ausgeklügelte Inhalt, zu dessen Würdigung nur bemerkt sein mag, daß man bezeichnender Weise, was V. mit Befriedigung constatirt, die Schrift als vom Grafen Rechberg inspirirt vermuthete. Seine Meinung, daß er den Frankfurter Fürstentag von 1863 durch diese Schrift angeregt habe, ist ein durch die neueren Veröffentlichungen widerlegter Irrthum.

Da er in der Frage der Elbherzogthümer den zunächst rein rechtlichen Standpunkt seines Königs zu vertreten hatte, andererseits die schon durch die Verheirathung des Prinzen von Wales erklärlichen Sympathien für Dänemark in England zu bekämpfen waren, so wurde er nicht müde, den leitenden englischen Staatsmännern, von denen ihm besonders d’Israeli sehr sympathisch war, den staatsrechtlichen Standpunkt auseinanderzusetzen und durch Artikel in den „Times“ auf die öffentliche Meinung zu wirken. Während der Conferenz hatte er dann die Aufgabe, seinem als Vertreter des Bundestags in London weilenden Chef zu secundiren. So zufrieden er aber mit dem negativen Ergebnisse der Conferenz war, so wenig vermochte er der weiteren Entwicklung der Dinge Geschmack abzugewinnen. Als die Dinge sich schon 1865 zum Kriege zuzuspitzen begannen, berief ihn Beust telegraphisch nach Dresden; er sollte ihn auf der Fahrt nach Wien begleiten. Was V. damals während dieser Fahrt in der Nacht vom 4. zum 5. August mit seinem Chef besprochen hatte, schrieb er in Wien angekommen sofort nieder. Das Memorandum empfahl, die k. k. Truppen aus Holstein herauszuziehen und sich fest auf den Bundesstandpunkt zu stellen, ein Recept, das ungleich leichter gesagt als zu befolgen war; überdies bedeutete es den Krieg, worüber V. auch nicht unklar war. Die Denkschrift wurde sowohl vom Grafen Mensdorff, als auch vom Kaiser zur Kenntniß genommen, bekanntlich aber nicht befolgt: am 14. August 1865 wurde der Vertrag von Gastein abgeschlossen.

Die dadurch erzeugte politische Ruhezeit benutzte V. in den Monaten October und November 1865 zu einem Aufenthalte in Florenz und Rom. Als Knabe schon hatte er die Dresdener Galerie fleißig besucht und sich außerdem mit den Namen der großen Meister und ihren Werken theoretisch bekannt gemacht. Das Studium der Wirklichkeit überstieg weit die Erwartung seines kunstfreudigen Herzens. Der Mahnung seines Ministers entsprechend, hatte er aber auch ein aufmerksames Auge und Ohr für die politischen Dinge. Von besonderem Interesse war seine Besprechung mit dem Cardinalstaatssecretär Antonelli und seine Audienz bei Papst Pius IX. am 31. October 1865. In den letzten Tagen des November kehrte er nach Dresden und am Anfang des folgenden Jahres über Paris auf seinen Londoner Posten zurück.

Hier beschäftigte zwar die politischen Kreise zunächst die mexikanische Angelegenheit, bald aber trat doch die deutsche Frage in den Vordergrund. Man muß anerkennen, daß V. alles gethan hat, um den englischen Staatsmännern, den Russell, Clarendon, Gladstone, d’Israeli etc. den seiner Ansicht nach richtigen Standpunkt beizubringen. Oft genug betont er auch in seinen Berichten, wie aufmerksames Gehör er gefunden, welchen Eindruck seine Worte gemacht [348] haben. Aber die scheinbare Aufmerksamkeit, die den Auseinandersetzungen des sächsischen Diplomaten über die Feinheiten und hochwichtigen Geheimnisse des deutschen Bundesrechtes gezollt wurde, galt zweifellos weniger der von ihm vertretenen Sache, als dem liebenswürdigen, überall in den aristokratischen Kreisen gern gesehenen Gentleman, der das Englische mit nicht oft bei einem Ausländer zu findender Meisterschaft beherrschte. Wiederum benutzte er auch die Spalten der „Times“ für einen Pax vobiscum unterzeichneten Artikel, der dem englischen Volke ein verblüffend einfaches Mittel zur Erhaltung des Friedens empfahl: als Signatarmacht der 1815 zu Wien gefaßten Conferenzbeschlüsse solle England auf Grund des auch von ihm garantirten Artikels XI der Bundesverfassung, der Krieg zwischen Bundesgliedern verbietet, Preußen und Oesterreich von dem beabsichtigten Waffengange zurückhalten.

Als dann der Krieg doch ausgebrochen war, berief eine Depesche Beust’s vom 22. Juni 1866 V. ins Hauptquartier. Doch zwangen ihn die Verhältnisse nach Wien zu gehen, wo er am 30. Juni eintraf, Zeuge der durch die Schlacht von Königgrätz hervorgerufenen Stimmung und Zuschauer der Nikolsburger Verhandlungen aus der Ferne wurde. Von irgend welchem Nutzen konnte er dort nicht sein. Ueber Paris, wo er mit Beust zusammentraf und mit diesem die hülflose Lage Napoleon’s constatirte, vor allem aber die dem Baron Rothschild anvertraute Million sächsischer Thaler sicher stellte, kehrte er am 22. Juli nach London zurück. Ohne deshalb seinen eigentlichen Standpunkt aufzugeben, verfaßte er unter dem 11. August eine Denkschrift für König Johann, worin er den Beitritt zum Norddeutschen Bund empfahl. Auch sonst suchte er nach Kräften, so durch persönliche Fühlungnahme mit dem preußischen Gesandten Grafen Bernstorff, im Interesse seines engeren Vaterlandes zu wirken. Freilich war seine Stellung von nun an eine recht prekäre geworden. Er nahm deshalb einen längeren Urlaub, den er zu archivalischen Arbeiten benutzte. Noch einmal kehrte er noch London zurück. Dort erhielt er sein vom 22. September 1867 datirtes Abberufungsschreiben.

An ein weiteres Verbleiben im sächsischen Staatsdienste war bei seiner bekannten Abneigung gegen Preußen nicht zu denken. Vielleicht würde sogar sein Aufenthalt in Sachsen zur Zeit für die Regierung eine Verlegenheit gewesen sein. Da legte ihm gelegentlich eines Zusammentreffens mit dem mittlerweile in österreichische Dienste getretenen Beust auf der Pariser Weltausstellung Ende October 1867 der neue Reichskanzler es mündlich nahe, ebenfalls unter den Flügeln des Doppeladlers Unterkunft zu suchen. Nachdem V. schon bald darnach in nichtamtlicher Eigenschaft mit Napoleon III. verhandelt und in England sondirt hatte, wurde ihm der Posten eines k. k. Gesandten am königlich belgischen Hofe von Beust angeboten. V. ging darauf ein. Die Gründe für seinen Eintritt in den österreichischen Staatsdienst setzte er Beust in einem Schreiben vom 14. April auseinander. Sie sind für die Beurtheilung seiner ganzen politischen Denkungsweise zu charakteristisch, als daß sie nicht wörtlich wiedergegeben werden dürften. „Trete ich sonach in den k. k. Dienst, so veranlassen mich keine Nahrungssorgen dazu, sondern 1. meine politische Ueberzeugung, vor allem meine tief eingewurzelte Vorliebe für Oesterreich, welches ich immer als die Vormacht unseres deutschen Vaterlandes betrachtet habe; 2. mein Vertrauen zu Ihnen, den ich als den Einzigen ansehe, der Oesterreich und, mit und durch Oesterreich, Deutschland retten kann … Endlich 3. die Pflicht, die Kraft, die mir Gott gegeben, nicht brach liegen zu lassen, die in fünfundzwanzig Dienstjahren gesammelten Erfahrungen zu verwerthen und im 49. Lebensjahre der Ueberzeugung nicht untreu zu werden, der ich bisher gefolgt bin. Hierzu tritt noch die Betrachtung, daß ich dem [349] Könige nur hier vielleicht nützlich sein kann, da Sachsen nur eine Zukunft hat, wenn Oesterreich wieder zu Macht und Ansehen gelangt.“ –

Dem entsprechend nahm er seine Entlassung aus sächsischen Diensten, die ihm huldvollst mit einer Pension von 2600 Thalern gewährt wurde. Bei der Abschiedsaudienz sprach König Johann die Hoffnung aus, daß V. vielleicht in besseren Zeiten einmal nach Sachsen würde zurückkehren können. „Und so frisch waren noch die Wunden, die der unglückliche Feldzug von 1866 geschlagen, daß mir der Kronprinz zum Abschiede die Worte zurief: Sie haben ganz Recht, nach Oesterreich zu gehen; ich wünschte, ich könnte es auch thun.“

Vom 12. Mai 1868 datirt das kaiserliche Patent, das V. den Rang eines Wirklichen Geh. Rathes verlieh, welchen Titel er in Sachsen seit dem 20. Januar 1865 geführt hatte, und ihm seine Ernennung zum außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister am königlich belgischen Hofe mittheilte. Es war zwar dieser Posten der augenblicklich einzig vacante, aber er wurde auch aus dem Grunde gewählt, weil von Brüssel aus jeden Moment Fühlung mit Paris genommen werden konnte. Am 5. Juni trat V. seine neue Stellung an.

In der That entwickelte er im Auftrage seines Chefs einen lebhaften Verkehr mit Kaiser Napoleon und seinen Ministern und mit dem österreichischen Botschafter Fürsten Metternich. Neben anderen für den Zweck dieser Darstellung gleichgültigen Fragen bildete der Ankampf gegen die wachsende Macht Preußens den Hauptgegenstand dieser Verhandlungen. Daß Beust Napoleon zum Kriege gegen Preußen gehetzt habe, stellt V. entschieden in Abrede, und soweit seine hierfür behauptete Mitwirkung dabei in Betracht kommt, darf man ihm wohl Glauben schenken. Dagegen gehörte in das Bereich seiner Thätigkeit ein Napoleon unterbreiteter allgemeiner Abrüstungsvorschlag vom September 1868, der Preußen wehrlos machen sollte, aber von dem doch nicht so thörichten Kaiser nicht angenommen wurde. Dagegen fand ein im Januar 1869 vorgeschlagener Dreibund Frankreich–Italien–Oesterreich Napoleon’s Beifall. Der Abschluß wurde aber durch die Erkrankung des Kaisers im August 1869 gehindert und im October des Jahres bis auf weiteres vertagt. Vorübergehend kam dann in Gesprächen mit dem italienischen Gesandten Vimercati V. im Februar 1870 darauf zurück, jedoch ohne greifbares Resultat. Als der Krieg mit dem Norddeutschen Bunde schon dicht vor der Thüre stand, versuchten es Beust und Vitzthum mit einem Congreßvorschlag, der wohl dem noch unentschlossenen Kaiser nicht unsympathisch war, aber von Gramont wüthend abgelehnt wurde. Er dürfte wohl auch bei Bismarck keine große Gegenliebe gefunden haben. Nach der Kriegserklärung erwartete Beust mit Sehnsucht einen sofortigen raschen Vorstoß der französischen Truppen, und erst als dieser ausblieb, ließ er die besonders von Andrassy verlangte Neutralitätserklärung ergehen, die er jedoch durch V. dem französischen Kaiser tröstlich commentiren ließ. Endlich aber ging V. im Auftrage Beust’s, begleitet von dem damaligen Legationsrath Freiherrn v. Pasetti, am 28. Juli nach Florenz, um nun energisch den vorerwähnten Dreibund zu betreiben. Zwar fand er den König Viktor Emanuel sehr für diesen Gedanken eingenommen, aber die Nachricht von der Schlacht bei Wörth durchkreuzte den ganzen so schön eingefädelten Plan. Am 14. August kehrte V. unverrichteter Sache nach Wien zurück. Man sieht aber: wenn es nur an Herrn v. Beust und seinem politischen Adjutanten gelegen gewesen wäre, würde dem werdenden neuen Deutschland mancher wuchtige Stein in den Weg geworfen worden sein.

V. kehrte sodann auf seinen Brüsseler Posten zurück, ohne von da an sich [350] noch in wichtigeren Missionen zu bethätigen. Der Rücktritt Beust’s im November 1871 beeinflußte seine Stellung nicht, nur trat wegen der Gramont’schen Veröffentlichungen über die Vorgeschichte des Krieges von 1870/71 eine gewisse Verstimmung zwischen V. und seinem vormaligen Chef ein. 1873 sollte V. den Brüsseler Posten mit dem eines Gesandten in Madrid vertauschen. Aber die Vertreibung des Königs Amadeo und die sich anschließenden Wirren in Spanien verzögerten den Antritt der neuen Stellung; überdies konnte die Weiterentwicklung der österreichischen Verhältnisse V. kaum mehr fesseln. 1874 nahm er seinen Abschied und wählte zum Aufenthalt Paris. Nun erst dachte der doch schon 56jährige Hagestolz an die Begründung eines eigenen Herdes. Er heirathete die Gräfin Leonie Lanckoronska geb. Gräfin Potocka, die er schon während seiner ersten Wiener Zeit gekannt und verehrt hatte. Mit ihr verlebte er die Winter in der Regel in Paris, die Sommer in einer schönen Villa in Baden-Baden. Nach dem Tode seiner Frau siedelte V. nach Dresden über, wohin ihn schon vorher erwachende Heimathssehnsucht zu zeitweiligem längeren Aufenthalte gezogen hatte. „Der Hase will da verenden, wo er gesetzt worden ist“, pflegte er sich im Scherze oft zu äußern. Am 16. October 1895 starb er zu Dresden.

V. war litterarisch sehr thätig. 1886 erschienen: „Berlin und Wien in den Jahren 1845–1852“ (schon in zweiter Auflage) und „St. Petersburg und London in den Jahren 1852–1864“, 2 Bde., denen 1889 folgte „London, Gastein, Sadowa 1864–1866“. Diesen Aufzeichnungen schlossen sich 1894 an: „Denkwürdigkeiten 1866 bis 1873“, die jedoch nur als Manuscript gedruckt wurden, aber von Sybel für seine „Begründung des deutschen Reiches“ benutzt werden konnten. Schon 1864 entstand im Hinblick auf den drohenden Krieg zwischen Oesterreich und Preußen ein Werk, das V. auf Beust’s Wunsch anonym bei Cotta herausgab unter dem Titel: „Die Geheimnisse des sächsischen Cabinets. Ende 1745 bis Ende 1756“. Der erste Band wurde in den letzten Monaten des Jahres 1865 versendet, der zweite mitten in dem Krieg von 1866. Die Tendenz des Buches war, nachzuweisen, daß die Schuld am Ausbruch des siebenjährigen Krieges weniger in Dresden als in Berlin zu suchen gewesen sei; natürlich sollte auch die Parallele mit 1866 vom Leser gezogen werden. Nicht sowohl polemisch, historisch dagegen um so werthvoller war eine Veröffentlichung des Jahres 1867: „Maurice Comte de Saxe et Marie-Josèphe de Saxe, Dauphine de France“, über die sich Saint-Beuve mit Anerkennung äußerte. Das Werk bewies außerdem die vollendete Herrschaft des Verfassers über die französische Sprache. In englischer Sprache, die ihm ebenso geläufig war, erschien 1889 „The emperor William at Baden-Baden, personal recollections“, Erinnerungen, die, mit großer Wärme abgefaßt, wie auch die Vorreden zu den oben genannten Denkwürdigkeiten beweisen, daß der Verfasser sich mit der Neugestaltung der Dinge, namentlich wohl infolge der Annäherung der Bismarck’schen Politik an Oesterreich, ausgesöhnt hatte. Sein Aufenthalt in England hatte seine schon in den Tieck’schen Vorlesungen zu Dresden im Knabenalter gefaßte Begeisterung für Shakespeare vertieft. Seine Studien auf diesem Gebiete führten V. unter die Zahl derer, die Shakespeare zu Gunsten Bacon’s entthronen wollten (Shakespeare und Shakspere. Zur Genesis der Shakespeare-Dramen. Stuttgart 1888). – Daß V. sich für Naturwissenschaften interessirte, ist oben bemerkt worden. Auch schriftstellerisch hat er sich auf diesem Gebiete versucht in seinen 1888 gedruckten, aber nicht veröffentlichten „Anthropologischen Essays“, die das bezeichnende Motto tragen: Homo sum: humani nil a me alienum puto. Sie stehen auf Darwin’schem Standpunkte. Endlich war V. auch dichterisch veranlagt, [351] wie das hier und da in seinen Denkwürdigkeiten eingestreute Poesien verrathen. Er gab auch unter dem Namen Friedrich Eck Gedichte heraus, die 1881 bei Cotta in Stuttgart erschienen.

Die oben angeführten Denkwürdigkeiten, die von Vitzthum bis zum Jahre 1874 geführten Personalacten; mündl. Mittheilungen der Familie; Ottokar Lorenz, Staatsmänner u. Geschichtschreiber d. 19. Jhs. Berlin 1896.

[341] *) Zu Bd. LIV, S. 746.