ADB:Windischmann, Friedrich

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Artikel „Windischmann, Friedrich“ von Ernst Kuhn in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 43 (1898), S. 418–420, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Windischmann,_Friedrich&oldid=- (Version vom 16. Juni 2019, 07:07 Uhr UTC)
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Windischmann: Friedrich Heinrich Hugo W. wurde am 13. December 1811 zu Aschaffenburg geboren, als Sohn von Karl Joseph Hieronymus W., seit 1818 Professor zu Bonn, und seiner Gattin Anna Maria geb. Pizzala. Nachdem er im Herbst 1827 das Gymnasium zu Bonn absolvirt hatte, bezog er die dortige Universität und studirte unter seinem Vater Philosophie, unter Brandis, Heinrich, Naeke, Niebuhr und Welcker classische Philologie, unter Lassen und Schlegel Sanskrit. Als erstes Ergebniß seiner Studien veröffentlichte er 1832 in dem neugegründeten Rheinischen Museum für Philologie I, 119 ff., einen Aufsatz „Didascaliae Plautinae“, an welchen noch zehn Jahre später Ritschl (Rhein. Mus. N. F. I, 29 ff.) weiter anknüpfte, und promovirte bald darauf (21. Juli 1832) mit der umfassenderen Arbeit „Sancara sive de theologumenis Vedanticorum“ (vollständig erschienen Bonn 1833). Daneben hatte er im Sommer 1832 Theologie zu studiren begonnen und dieses Studium im folgenden Semester in Bonn, dann während eines Jahres in München fortgesetzt; von hier ging er auch nach Venedig, wo er bei den Mechitharisten längere Zeit verweilte. Inzwischen hatten die Hermesianischen Streitigkeiten Veranlassung gegeben, daß Windischmann’s Vater von Rom aus zu einem Gutachten über Hermes aufgefordert wurde, ein Auftrag, dessen er sich mit Hülfe seines Sohnes entledigte. Das trug beiden viel Anfeindung ein und so entschloß sich der junge Gelehrte, einer Aufforderung des Erzbischofs Lothar Anselm Frhrn. von Gebsattel folgend, gänzlich nach München überzusiedeln, wo er am 2. Januar 1836 mit den „Vindiciae Petrinae“ zum Doctor der Theologie promovirte (vgl. dazu Clemens Brentano’s Gesammelte Schriften IX = Gesammelte Briefe II, 336 und Strodl, Windischmann, S. 7 Anm.) und am 13. März 1836 zum Priester geweiht wurde; am 17. April celebrirte er in der Frauenkirche seine erste Messe, bei welcher Gelegenheit Döllinger die Festpredigt hielt und Clemens Brentano dem jungen Priester ein Glückwunschgedicht widmete (abgedruckt mit dem Titel „Dem Bräutigam“ in Brentano’s Schriften I, 46 ff.). Als der Wunsch des Erzbischofs, ihn am Lyceum in Freising anzustellen, sich nicht verwirklichte, habilitirte sich W. an der Universität, wurde aber, als der Secretär des Erzbischofs plötzlich starb, noch vor Beginn seiner Vorlesungen am 12. October 1836 von letzterem zum Domvicar und erzbischöflichen Secretär ernannt. Zwar erhielt er am 28. April 1838 nach Möhler’s Tode eine außerordentliche Professur der Neutestamentlichen Exegese und des Kirchenrechts, allein seine von entschiedenem Erfolg begleitete Lehrthätigkeit fand durch seine Ernennung zum Domcapitular schon im Herbst 1839 ein schnelles Ende. Am 25. August 1842 wurde W. Mitglied der Münchener Akademie. 1846 hielt er dem Papst Gregor XVI. in der Frauenkirche eine Leichenrede und am 7. October dieses Jahres wählte ihn der neue Erzbischof Karl August Graf von Reisach zu seinem Generalvicar, in welcher Eigenschaft er denselben 1854 nach Rom begleitete, um der Definition des Dogmas von der unbefleckten Empfängniß anzuwohnen; als Reisach später nach Rom übersiedelte, trat W. am 27. August 1856 in die Stellung eines einfachen Domcapitulars zurück. Vielfache Kränklichkeit, welche man allgemein auf ein in den ersten Jahren des Münchener Aufenthaltes überstandenes Nervenfieber zurückführte, störte seine letzten Lebensjahre, und gerade sollte er einem Rufe nach Rom Folge leisten, um der neu zu errichtenden Congregation für die Angelegenheiten der unirten orientalischen Kirchen mit seiner Gelehrsamkeit berathend zur Seite zu stehen, als ihn ein neuer Krankheitsanfall traf, welchem er am 23. August 1861 erliegen sollte.

Unter Windischmann’s wissenschaftlichen Arbeiten haben vor allem seine [419] Leistungen auf indischem und iranischem Gebiet wohlverdienten Beifall gefunden. Die gründliche Vorbildung in der classischen Philologie, wie sie in seinen „Didascaliae Plautinae“ und auch in seinen Bemerkungen zum Ἰχθύς-Epigramm von Autun (Archiv für theologische Literatur 1842, S. 387 ff.) deutlich zu Tage tritt, ist ihm hier wesentlich zu Gute gekommen. Sein Sancara, in welchem er an eine commentirte Uebersetzung des Vedanta-Tractats Bālabodhanī zwei Capitel De vita Sancarae et de antiquitate Vedantae und Doctrinae Vedanticae brevis exposito anschloß, ferner die zahlreichen Uebersetzungen aus dem Sanskrit, welche er zu seines Vaters „Philosophie im Fortgang der Weltgeschichte“ beisteuerte (s. die Aufzählung in Weber’s Indischen Studien I, 247 f.), die Recension der Calcuttaer Ausgabe des Vedāntasāra vom Jahre 1829 in den Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik 1835, II, 839 ff., endlich die Abhandlung über die Vidvanmodataranginī mit dem Titel „Ueber ein indisches philosophisches Gespräch“ in den (Münchener) Gelehrten Anzeigen XVIII, 581 ff., sind gediegene und für ihre Zeit maßgebende Leistungen, welche es begreiflich machen, daß noch für eine im J. 1857 ausgeschriebene Preisaufgabe über die Vedanta-Philosophie W. neben Lassen und Max Müller zum Preisrichter bestimmt wurde (siehe Zeitschr. d. Deutsch. Morgenländ. Ges. XI, 368). Dem iranischen Gebiete war W. zunächst in einigen Recensionen näher getreten. so der von Burnouf’s Commentaire sur le Yaçna (Jenaische Literaturzeitung 1834, III, 129 ff.), der von Holtzmann’s Beiträgen zur Erklärung der persischen Keilinschriften (Münchener Gelehrte Anzeigen XXI, 465 ff.), woran sich später noch eine Recension von Spiegel’s Ausgabe und Uebersetzung des Vendidad (ebd. XLI, I, 25 ff.) anschloß. Dazu kam die eingehende Notiz „Ueber die große Keil-Inschrift des Königs Darius zu Bisutun“ (ebd. XXX, 473 ff.), dann aber eine Reihe religionsgeschichtlicher Abhandlungen, welche vom arischen und indogermanischen Alterthum ausgehend, im weiteren Fortschritt speciell die iranische Religionsentwicklung zum Gegenstand nehmen, nämlich „Ueber den Somacultus der Arier“ (Abh. d. I. Kl. der Münchener Akad. IV, 2. 1846); „Ursagen der arischen Völker“ (ebd. VII, 1. 1853); „Die persische Anahita oder Anaïtis“ (ebd. VIII, 1. 1856); „Mithra“ (Abh. f. d. Kunde des Morgenl. I, 1. 1857); endlich die nach Windischmann’s Tode von Spiegel herausgegebenen „Zoroastrischen Studien“ (1863). Unmittelbar aus den Quellen geschöpft und auf sorgfältigster Vergleichung der Texte beruhend, schließen sich diese Arbeiten fast zu einem Gesammtbilde der zoroastrischen Religion zusammen, welches in vieler Beziehung auch jetzt noch als gültig betrachtet werden darf. Dabei kommt hier wie in den Beiträgen Windischmann’s zur indischen Philosophie sein specifisch katholischer Standpunkt eigentlich nur da bestimmend zum Ausdruck, wo biblische Quellen mit zu verwerthen sind; im übrigen verhalf ihm die Anschauung, daß etwaige Uebereinstimmungen der heidnischen Religionen mit dem Christenthum nur Vorahnungen oder höchstens providentielle Hinweise auf letzteres darstellen, zu einer glücklichen Objectivität, welche spätere katholische Forscher auf dem gleichen Gebiet, wie de Harlez u. A., nicht immer bewahrt haben. Früchte des Aufenthaltes bei den Mechitharisten sind die „Mittheilungen aus der armenischen Kirchengeschichte alter und neuer Zeit“ (Theolog. Quartalschr. 1835, S. 1 ff.) und die erst 1846 gedruckte Abhandlung „Die Grundlage des Armenischen im arischen Sprachstamme“ (Abh. d. I. Kl. d. Münchener Akad. IV, 2), deren Anfänge nach Windischmann’s eigenem Zeugniß und den Stellen aus Briefen Jacquet’s an Lassen, welche Nève, Windischmann S. 18 mitgethelt hat, viel weiter zurückreichen; für die richtige Beurtheilung dieser jetzt veralteten Arbeit dürfen die Bemerkungen in de Lagarde’s Armenischen Studien (Göttingen 1877) nicht außer Acht gelassen werden. Sprachvergleichenden Inhalts sind ferner noch die recht scharfe Recension des [420] ersten Bandes von Pott’s Etymologischen Forschungen in der Jenaischen Literaturzeitung 1834, IV, 273 ff. und die akademische Festrede „Der Fortschritt der Sprachenkunde und ihre gegenwärtige Aufgabe“ (1844), in welcher u. a. die Bezeichnung geistiger Begriffe in den indogermanischen Sprachen erörtert wird.

Windischmann’s theologische Arbeiten stehen natürlich auf streng römischem Standpunkt. Selbständige Bücher sind darunter die Vindiciae Petrinae, in welchen er die Traditionen über den Aufenthalt des Apostels Petrus in Rom u. s. w. zu rechtfertigen sucht, und die „Erklärung des Briefes an die Galater“ (1843), mit welcher er den protestantischen Commentaren entgegenwirken wollte. Noch unverhohlener aber und aggressiver treten seine Tendenzen in einer Reihe kleinerer Aufsätze z. Th. recht actueller Natur zu Tage, so in den Recensionen von Döllinger’s Kirchengeschichte und Hurter’s Innocenz III (Bayerische Annalen 1833), in mehreren, nur z. Th. mit Namen gezeichneten Artikeln der Historisch-politischen Blätter: „Acta Romana“ (über die Schrift von Braun und Elvenich mit diesem Titel in Sachen des Hermesianismus – II, 526 ff.), „Die Allocution vom 22. November 1839“ (IV, 739 ff.), „Aus dem Leben eines Katholiken“ (ein Lebensbild seines Vaters – V, 257 ff., 343 ff.), „Lage der kirchlichen Angelegenheiten in Preußen“ (VII, 278 ff.), auch in seiner Vorrede zu W. Reithmeier’s Ausgabe der „Tewtschen Theologey“ des Berthold von Chiemsee (1852), vor Allem aber in einem nach seinem Tode mitgetheilten Actenstück „Ueber den Stand der katholischen Kirchenfrage in Bayern“ (Arch. f. kath. Kirchenr. VIII, 452 ff.). Dem entsprechend war sein Verhalten in der Praxis. Den Ansprüchen des modernen Staates gegenüber vertrat er mit rücksichtsloser Energie die Freiheit der Kirche und schon, ehe er als Generalvicar direct an Regierung und Verwaltung der Erzdiöcese betheiligt war, hat er in den Conflicten zwischen Staat und Kirche, die selbst K. Ludwig I. nicht erspart blieben, eine hervorragende und z. Th. maßgebende Rolle gespielt. Als Generalvicar waltete er mit monarchischer Unumschränktheit, die bei hervorragenderen Theologen, wie im niederen Clerus vielfach Anstoß erregte (L. Kastner, M. Deutinger’s Leben und Schriften I, 480, 574, 577; M. Strodl, das Recht der Kirche und die Staatsgewalt in Bayern, S. 403 f.). Bei all dem war er persönlich von großer Liebenswürdigkeit und genoß ein unbegrenztes Vertrauen der ausländischen Studenten, denen er schon seiner Sprachkenntnisse halber willkommen war, und eines zahlreichen Kreises Münchener Verehrer, die wie jene W. mit Vorliebe zu ihrem Beichtvater erwählten (Sighart, S. 24 ff. Briefe von und an W. E. Frhrn. von Ketteler, herausg. von J. M. Raich, S. 128. Franz Lorinser, Aus meinem Leben II, 68). Charakteristisch ist, daß W., von dem Reisach schreibt: „Er ist mein treuer Freund, meine einzige Stütze“, schon im J. 1851 Döllinger’s Kirchlichkeit nicht mehr recht traute (Raich S. 193. 225).

(J. Sighart.) Dr. Friedrich Windischmann. Ein Lebensbild. Augsburg 1861. – M. Strodl, Friedrich Heinrich Hugo Windischmann. Ein Bild seines kirchlichen Wirkens und seiner wissenschaftlichen Thätigkeit. München 1862 (vgl. dazu auch Strodl’s Recension der Zoroastrischen Forschungen in den Historisch-politischen Blättern LIV, 280 ff.). – Félix Nève, Frédéric Windischmann et la haute philologie en Allemagne. Paris 1863 (S.-A. aus dem Correspondant). – Ernest Zeller, Licht- und Lebensbilder des Clerus aus der Erzdiöcese München-Freising (1840–1890). München 1892, S. 151 ff.