ADB:Zimmermann, Georg

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Artikel „Zimmermann, Georg“ von Robert Arnold Fritzsche in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 45 (1900), S. 263–264, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Zimmermann,_Georg&oldid=- (Version vom 16. Dezember 2019, 11:34 Uhr UTC)
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Zimmermann: Georg Z. Geboren zu Darmstadt am 24. Februar 1814 als ältester Sohn des großherzoglichen Kriegssecretärs Friedrich Wilhelm Z. (s. o.), erwarb schon auf dem heimischen Gymnasium umfassende Kenntnisse in den modernen Litteraturen, studirte in Heidelberg erst die Rechte, dann Theologie, erlangte in Gießen die Grade eines Dr. phil. und Lic. theol. und 1839 die venia legendi für deutsche Nationallitteratur. 1843–1863 wirkte Z. als Gymnasiallehrer erst in Worms, dann in Darmstadt, 1863 bis Herbst 1877 als außerordentlicher Honorarprofessor in Gießen. Er starb am 4. März 1881 in seiner Vaterstadt. Z. hat einer der ersten durch Wandervorträge litterarisches Interesse geweckt, ein klangreiches Organ und künstlerische Declamation förderten die Wirkung seines niemals kargen Stiles, er enthusiasmirte dankbare Hörer in süd- und norddeutschen Städten und in der Schweiz jetzt für seinen Heros Shakespeare, jetzt für Sophokles und jetzt für das deutsche Drama. Diese Belehrung, mochte sie unmittelbar verhallen mit der Stimme des begnadeten Redners, der Nation in ihrer Breite half sie die Erbschaft der Väter zum Besitzthum erwerben. „Es war ihm Bedürfniß, weß sein Herz voll war, an die dafür empfänglichen auszutauschen.“ Er war von dem Gefühl durchdrungen, „unsere großen Dichter haben nicht bloß für einige auserwählte, sondern wirklich für das deutsche Volk und für die Menschheit geschrieben“. In dieser rastlosen Mittlerthätigkeit sehe ich Zimmermann’s unvergängliches Verdienst, die Ehre seines Andenkens ist unabhängig vom Urtheil über den dauernden Werth seiner Schriften.

Gewissenhafte Recensionen zeitgenössischer Theaterstücke, anschauliche Aufsätze über die Litteratur des achtzehnten Jahrhunderts, begeistert erhoben und erhebend bei classischen Erscheinungen, liebevoll verweilend, wo die Gestalten eines Uz und Sturz zu Miniaturbildern sich anbieten – eine emsige Schriftstellerei, verstreut in nun vergessene Journale – von beträchtlichem Nutzen für ihre Zeit und ihr Publicum. – Eine Besprechung des ersten Bandes der Aesthetik Friedrich Theodor Vischer’s im 1. und 2. Bande der Jahrbücher für speculative Philosophie (1846/47) erweist die Herrschaft über eine schwierige Gedankenführung und die Fähigkeit, Sprache der Schule in Sprache des Lebens zu übertragen; gedrängte Uebersichten des Ideengehalts in den Hempel-Ausgaben der „Hamburgischen Dramaturgie“ Lessing’s und der „Vorschule der Aesthetik“ Jean Paul’s offenbaren, da sie systemlos überliefertes zum System fügen, die treuliche Geduld popularisirender Bemühung.

Mögen wir Neueren sorgsamer citiren und eindringender interpretiren, es [264] stünde uns übel an, derer nicht zu achten, die das Material zum Verständniß der classischen deutschen Litteratur zuerst aufschichteten und den Architekten des Details die feinere erfreulichere Arbeit hinterließen. – Michael Bernays hat (Im neuen Reich II. 1871) Zimmermann’s Buch „Johann Heinrich Merck, seine Umgebung und Zeit“ (Frankfurt a. M. 1871) schroff gerichtet – die exacte Litterargeschichte verlangte philologische Akribie und eine tiefere Erfassung genetischer Folge, aber man darf den Verfasser nicht messen an den Forderungen einer jungen Wissenschaft, deren Voraussetzung die Zeitentfernung war. Zimmermann’s Jugend lag der classischen Epoche zu nahe, als daß er zur Objectivirung hätte gelangen können – seine Blüthe und sein ganzes Leben sind voll jenes heiligen Geistes, der im Schillerjahr 1859 die Einheit der bürgerlichen Bildung trotz nationaler Zerklüftung und politischer Gebundenheit so bedeutsam und so überraschend ins Licht stellte – er hat das seine gethan, die Flamme allenthalben zu nähren. Die „nachgestaltende Darstellung“ poetischer Gebilde „worin die Erkenntniß der Dichtung sich mit einer zweiten Hervorbringung derselben vereinigt“, war Zimmermann’s eigenthümliche Gabe, ihm gelang vor andern diese „von anschauender Liebe ausgehende dichterische Wiederholung – sie überträgt sich sicherer auf Hörer und willige Leser als die feinste Kunst kühler Analyse. Zimmermann’s Talent neigte zur Poesie – er hat Ludwig Devrient ein dramatisches Märchen dargebracht („Der junge König und die Schäferin“, Darmstadt 1862), gefällig componirt und zierlich in den einzelnen Zügen der Naturschilderung und der Psychologie, in Stimmung und Sprache dem Tone Uhland’s benachbart; das dreiactige Drama „Theodor Körner“ (Darmstadt 1863), auch dies in flüssigen weichen Jamben, vermeidet glücklich jenen Ueberschwang pathetischen Ausdrucks, zu dem der patriotische Stoff und das gegebene Vorbild des „Zriny“ einen minder gebildeten Geschmack verführt hätten. Die Erzählung „Aus Hof und Wald“ (Berlin 1866, Pseudonym G. Wilhelm) berichtet von dem Schicksal eines deutsch gesinnten Jünglings und den widerstrebenden Tendenzen eines kleinen Hofes zur Rheinbundszeit. Der Held erliegt einem Meuchelmord, just da seine lautre Tugend über die Intriguen der Camarilla triumphirt und die Hoffnung seiner Treue zum Vaterland bei Leipzig sich erfüllt. Eine Liebesgeschichte ist anmuthig eingewebt in die kunstreich geschlungene Fabel. – Außer den im Text citirten Schriften Zimmermann’s nenne ich die folgenden: Im Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Litteraturen: „Genien der deutschen Poesie“, „Dramaturgische Blätter“, „Herder’s Aesthetik“ (systematisch entwickelt), „Werther’s Leiden und der literarische Kampf um sie“; in der Deutschen Vierteljahrsschrift 31 (1868): „Julius Hoepfner“; in den Süddeutschen Blättern für Kunst, Literatur und Wissenschaft (Mannheim 1857): „Ueber Tempeltey’s Klytemnestra“, „Ueber Kleist’s Prinzen von Homburg“, „Ueber Oswald Marbach’s Medeia“; ebd. 1858: über Shakespeares Hamlet, Goethe’s Tasso, Schiller’s Räuber; im Morgenblatt für gebildete Leser (Nr. 46 1865): „Johann Heinrich Merck“; in den Artistischen Blättern (Darmstadt 1865): „Einige Bemerkungen über Literaturgeschichte und literarische Kritik“; im Deutschen Museum (1866, Nr. 44–46): „Johann Peter Uz“; in den Preußischen Jahrbüchern (Bd. 48): „Helfrich Peter Sturz“. Eine eingehende Studie über Uhland als lyrischen und epischen Dichter erschien 1862 als Programm des Darmstädter Gymnasiums. – Z. verfaßte den Artikel „Deutsche Nationalliteratur“ bis zu dem Abschnitt über das 19. Jahrhundert für Pierer’s Universal-Conversations Lexikon.

Das biogr. Material stellte mir die Wittwe Zimmermann’s freundlich zur Verfügung.