Adolf Sonnenthal

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Textdaten
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Autor: Rudolf Gottschall
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Titel: Adolf Sonnenthal
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aus: Die Gartenlaube, Heft 27, S. 432–434
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Adolf Sonnenthal.
Von Rudolf von Gottschall.

Das Theater am Michaelisplatz in Wien ist seit Jahrzehnten ein Hort deutscher Dichtung: das feine Lustspiel wie die höhere Tragödie haben hier eine Stätte gefunden, wo sie ausgezeichneter künstlerischer Pflege sich erfreuen, und alle politischen Wandlungen haben hierin nichts zu ändern vermocht. Wenn auch Oesterreich aus dem Staatenverbande des deutschen Bundes ausschied: das Wiener Burgtheater hat den Cultus des deutschen Geistes nach wie vor zu seiner Aufgabe gemacht.

Und welche Pietät hegt das Wiener Publicum gegen seine erste Bühne! Es hat die Künstlergemeinde der Burg so in's Herz geschlossen, daß die hervorragenden Darsteller von jedem Einzelnen wie Freunde, ja wie Familienmitglieder betrachtet werden, daß ganz Wien auch an ihrem persönlichen Geschick den wärmsten Antheil nimmt.

Einer der erklärten Lieblinge Wiens ist Adolf Sonnenthal: auch in Deutschland hat dieser Künstler gastirt, in Berlin, München, Leipzig und anderen Städten; doch er ist kein Gastspielreisender von Fach; die Burg ist sein Halt, die Stätte, von der sein Ruf in die Lande ausgeht, und in der That, für seinen Ruhm ist das Theater am Michaelisplatz eine feste Burg geworden.

Sonnenthal wurde am 21. December 1833 in Pest geboren; er besuchte das dortige Polytechnicum und hatte anfangs die Absicht, Lithograph zu werden. Doch auch dieses bescheidene Ziel seines Strebens sollte zunächst für ihn unerreichbar bleiben; denn im Jahre 1848 hatten seine Eltern ihr Vermögen und damit die Mittel verloren, ihn für diese Laufbahn weiter auszubilden. Sonnenthal sah sich genöthigt, zu Nadel, Zwirn und Scheere zu greifen und als Lehrling der ehrsamen Schneiderzunft den Kampf um's Dasein weiter fortzusetzen. Auf einer Wanderschaft kam er nach Wien und besuchte dort das Burgtheater; er sah von der letzten Gallerie herab eine Aufführung von Otto Ludwig's „Erbförster“ mit an, in welchem Stücke damals Anschütz die Titelrolle spielte. Schon lange schwärmte er für das Theater, und wenn er auf dem Schneidertisch saß und die Nadel tapfer handhabte, schwelgte seine Phantasie in glänzenden theatralischen Bildern, obschon er kaum wagte, sein armes Selbst in Zusammenhang zu bringen mit diesem Glanz der Bühne. Wohl hatte er in aller Stille manchen Monolog aus großen Trauerspielen sich eingelernt, doch ihm fehlte zunächst Lehrer und Publicum.

Jener Theaterabend sollte indeß entscheidend werden für sein Geschick. Der Eindruck einer Aufführung am Wiener Burgtheater war so mächtig, daß er es als das höchste Ziel seines Lebens ansah, eine ähnliche Wirkung auf ein begeistertes Publicum auszuüben. Er glaubte sich auf einmal berufen und auserwählt und begab sich zu Bogumil Dawison, der im Rufe eines zugänglichen Künstlers stand, welcher gern junge Talente protegirte. In der That schenkte dieser dem jungen Handwerksburschen, der ihm den Monolog Karl Moor's aus Schiller's „Räubern“ mit Feuer vorgetragen hatte, sein Interesse und empfahl ihn der Beachtung des Directors Laube, der ihn unter die freiwilligen Mitwirkenden seiner Massentableaus aufnahm. Volontair und Statist: ein bescheidener Anfang in künstlerischer und finanzieller Hinsicht!

Längere Zeit executirte Sonnenthal auf der Bühne des Wiener Burgtheaters nur jene bezeichnenden Armbewegungen, mit denen das Volk, das auf der Bühne meistens noch schlechter behandelt wird als in der Weltgeschichte, seinen Antheil an dem Geschicke der ersten Fächer zur Schau trägt. Doch wie viel Mimik er auch im Schatten der verschiedenen Bärte sinnvoll entfaltete: er vermochte keines Sterblichen Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, und sein Ehrgeiz blieb unbefriedigt. In Dawison hatte er glücklicher Weise einen Mentor gefunden, der mit seiner Empfehlung nicht genug gethan zu haben glaubte, der des jungen Talentes sich auch weiterhin annahm und ihm mehrere Rollen einstudirte. Doch damit konnte er in Wien nicht glänzen.

Das Papagenoschloß des Statisten wurde ihm endlich in Temesvar abgenommen, wo er in dem „Glöckner von Notre-Dame“ zuerst als Phöbus von der Bühne herab sprechen durfte (30. October 1851). Von jetzt ab blieb der junge Mime der Kreibig'schen Gesellschaft treu, die sich im Jahre 1852 nach Hermannstadt in Siebenbürgen begab und dort bis 1854 blieb. In diesem Zeitraume mußte Sonnenthal die verschiedenartigsten Rollen spielen; er wurde jedenfalls bühnenfest und bühnenfromm; in der Routine, nicht durch akademische Schulung, bildete sich sein

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Die Gartenlaube (1880) b 433.jpg

Adolf Sonnenthal.
Nach einem Oelgemälde auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.

Talent. Jetzt konnte er sein Glück schon an größeren Bühnen versuchen: er debütirte als Mortimer in Gratz mit Erfolg und nahm dann ein Engagement im äußersten deutschen Nordosten, in Königsberg an.

Dort sah ich ihn zum ersten Male, als er in einem meiner Stücke: „Die Diplomaten“, den jungen spanischen König spielte. Woltersdorff, damals der Theaterbeherrscher in der Stadt Immanuel Kant’s, in der er über fünfundzwanzig Jahre sein Bühnenscepter geschwungen, rühmte den jungen Darsteller und seine in der Pregelstadt errungenen Erfolge, und mir selbst sagte sein Spiel und ganzes Wesen besonders zu. Ich sprach ihn hinter den Coulissen. Kurz vorher war die entscheidende Wendung in seinem Leben eingetreten: er war an das Wiener Burgtheater berufen worden.

Sonnenthal’s erste Debüts an dem Theater, wo er lange als Statist im dunkeln Hintergrunde gestanden, waren vom Sonnenschein des Erfolges auch nur spärlich erhellt. Hören wir hierüber den Bühnenmeister, der ihn vom Pregel an die Donau citirt hatte. Laube erzählt in seiner Schrift über das Burgtheater:

„Den jungen Mann, welcher in Königsberg spielte, hatte Heinrich Marr, ein kundiger Diagnostiker, empfohlen. Aber ich mußte ihn unbesehen fest ergreifen; denn auf dem Wege, nach Süden wollte er an einem Hoftheater auf Engagement gastiren. Ich wagte es. Er kam – und das Wagniß schien mißlungen [434] zu sein. Er trat als Mortimer auf und gefiel nicht. Am Morgen nach diesem Debüt begegnete ich auf der damals noch bestehenden Bastei einem jungen Schauspielerpaare – ich glaube, es war ein Brautpaar – und Beide drückten mir ihr inniges Bedauern aus, daß es wieder nichts wäre mit dem neuen jungen Liebhaber, und daß ich ihn nicht behalten könnte. Ich schwieg. Die Person des jungen Mannes war mir angenehm; ich hoffte hartnäckig. Der tragischen Rolle sollte eine Lustspielrolle folgen: 'Der geheime Agent'. Eine Fichtner'sche Rolle! Natürlich genügte er auch da nicht, aber ich meinte nach diesem zweiten Abende, meiner Hoffnung noch sicherer vertrauen zu dürfen, wenn es mir nur gelänge, einen fremden Redeaccent zu vertreiben, der ihm eigen war. Ich war es gewohnt, mit solcher Hoffnung allein zu bleiben, ja mich verspottet zu sehen mit derselben, was diesmal auch von meiner Behörde reichlich geschah. Der Spott steigerte sich sogar zum Tadel, als ich ihm Rollen gab wie den Schiller in den 'Karlsschülern', und das sonst beliebte Stück vor schwachem Hause abspielte. 'Das kommt von solchen Besetzungen,' hieß es. Das ist der ewig fehlerhafte Cirkeltanz beim Theater; es soll Nachwuchs erzogen werden, aber Rollen will man den jungen Leuten nicht anvertrauen; sie sollen schwimmen lernen ohne Wasser. Nun, ich blieb eigensinnig anderer Meinung, und jener junge Mann, fleißig und geistig strebsam, lernte schwimmen wie Einer, und wenn ich ihn jetzt nenne, so sagt jetzt Jedermann: 'Ja, das glauben wir.' – Es war Adolph Sonnenthal.“

Auch bei diesem Künstler überragen also anfangs die Dornenstücke die Blumen- und Fruchtstücke; doch es ist ermuthigend für junge strebende Talente, zu erfahren, daß auch anfänglich halbe Erfolge und Mißerfolge keineswegs für später eine glänzende theatralische Laufbahn ausschließen; freilich bedarf es dazu eines Bühnenleiters von unerschütterlichen Ueberzeugungen, von jenem Eigensinn Laube's, der für ihn, wo er im Unrecht war, stets verhängnißvoll gewesen ist, wo er aber Recht hatte, auch Gedeihliches durchzusetzen vermochte.

Im Jahre 1863 sprach ich Sonnenthal wieder in Wien: er war inzwischen ein Liebling des Publicums geworden. Ich konnte ihm danken für den schönen, sich nachhaltig vermehrenden Erfolg meines Lustspiels „Pitt und Fox“, den er in erster Linie durch die vorzügliche Darstellung des Fox erringen half. Laube brachte das Stück, wie er selbst mittheilt, erst zur Aufführung, als Sonnenthal soweit entwickelt war, daß er ihm den Fox geben konnte, weil er in seinem gehaltvollen Wesen eine erhöhende Unterlage fand für die ausgelassen Figur des berühmten Ministers.

Seitdem hat sich Sonnenthal's Stellung an der Burg von Jahr zu Jahr noch mehr befestigt; er ist zugleich ein tüchtiger, fleißiger Regisseur und hat sich auch durch bühnengerechte Bearbeitung des George Sand'schen Dramas: „Der Marquis von Villemer auf dramaturgischem Gebiete bewährt.

Die Entwickelung des begabten Darstellers wurde nicht nur durch seinen Fleiß gefördert, er kam auch allmählich immer mehr in das richtige Fahrwasser. Der männliche Grundzug seines Wesens, der sich von Jahr zu Jahr schärfer ausprägte, war ihm bei der Darstellung der lyrischen Bühnenjünglinge immer etwas im Wege. Er hatte wohl Feuer und Wohlklang des Organs; aber es fehlte ihm doch die sanfte Innigkeit der Schwärmerei, das eigentlich Schmelzende der Sehnsucht und Hingebung der Liebe; auch störte bisweilen das Umschlagen der Stimme in den höheren Registern der Schiller'schen und Shakespeare'schen Tenore. Im Conversationsstücke dagegen sollte der junge Darsteller bald heimischer werden und sich allmählich die Domaine erobern, in welcher ihm am deutschen Theater unbestritten der erste Rang zuertheilt werden mußte. Als Salonschauspieler erntete er die reichsten Lorberen, und doch war er nicht vorzugsweise das, was man als Frackschauspieler zu bezeichnen pflegt.

Die äußere Eleganz war nicht das Sieghafte bei ihm in diesen Rollen, wenn er sie auch nicht vermissen ließ: es war immer der innere markige Halt, die geistige Bedeutung, der seelenvolle Ausdruck, was den Ausschlag gab bei den Wirkungen seiner Kunst. War doch auch seine Gestalt mehr stattlich als schlank, und in seinen für bewegliches Mienenspiel nicht besonders geeigneten Zügen war es vorzugsweise der sprechende Blick des Auges, der die Situation beherrschte. Mehr als die jugendlichen Liebhaber in Jamben, sagten ihm daher die Liebhaber der Bauernfeld'schen Muse zu, die reiferen Junggesellen mit ihrem oft sarkastischen Humor, die widerstrebend in Amor's Bande eingefangen werden. Sein Baron Ringelstern in „Bürgerlich und Romantisch“, sein Baron Zinnburg und ähnliche Lebemänner, kundige Thebaner in Herzenssachen, Männer von Laune und Geist: das waren die Helden, die von Sonnenthal in unnachahmlicher Weise auf die Bühne gebracht wurden. Ein fein jovialer Humorist, wie Bolz in Freytag's „Journalisten“, alle Rollen mit geistiger Unterlage, wie Fox bei freiem Spiel der Laune, wurden die Zierden seines Repertoires.

Sehr zu Statten kam dem Darsteller dann auch die an sich übertriebene und tadelnswerthe Pflege der französische Komödie seitens des Deutschfranzosen Heinrich Laube; doch in diesen französischen Stücken gab es manche interessante Salonrolle, Liebhaber von männlichem Gepräge und geistig überlegener Haltung; wir erwähnen hier nur den Grafen Prasch in dem Lustspiel „Der Attaché“, den ebenso energischen, wie schlauen Diplomaten, den Sonnenthal ganz vortrefflich durchführte.

Neben diesen Lustspieldarstellungen gingen diejenigen der Tragödie einher. In Goethe's „Clavigo“ spielte er die Titelrolle stets wirksam, so wenig dieser schwankende Charakter seinem Naturell zusagte. Immer sind Sonnenthal's Masken vortrefflich; so war es auch diejenige des „Clavigo“. Wir geben sie hier wieder nach einem Oelgemälde, welches im Vorzimmer der kaiserlichen Loge in der Burg hängt. Bei schwierigen Charakteren, wie Hamlet und Narciß, die zur Bizarrerie verlocken, war der Darsteller stets darauf bedacht, sie aus einem Guß und mit maßvoller Haltung hinzustellen; er gehörte nicht zu den Künstlern, welche mehr die gelehrten Noten der Commentare spielen, als den Text der Dichtung selbst. Alle unruhige Geistreichigkeit mit ihren hin- und hergreifenden Marotten liegt ihm fern.

Gerade in der harmonischen maßhaltenden Gestaltung liegt der große Vorzug seiner Darstellungsweise. Darum gelangen ihm auch in der Tragödie besonders diejenigen Gestalten, über denen eine milde dichterische Beleuchtung schwebt, die von dem Poeten selbst schon mit einer harmonischen Stimmung beseelt sind, wie der König in dem interessanten Grillparzer'schen Fragment: „Esther“.

In den letzten Jahren hat sich Sonnenthal mehr dem Helden- und Charakterfach gewidmet. Eine seiner Glanzleistungen war der „Nero“ in Wilbrandt's Trauerspiel, das bei einzelnen grandiosen Zügen doch auch eine gewisse Verzerrtheit in den Uebertreibungen der grellen Handlung nicht verleugnen konnte und sich deshalb nicht auf der Bühne erhalten hat. Immerhin war der Titelheld eine interessante pathologische Studie, die von dem Darsteller mit Tiefe erfaßt wurde; von den genialen Blitzen der Wilbrandt'schen Dichtung ging keiner verloren, keiner zündete bei seiner Darstellung mit kaltem Schlag. Für die Durchführung des Antonius in Shakespeare's „Antonius und Kleopatra“ zollte Dingelstedt in der Widmung, die er seiner ebenso kühnen wie bühnengewandten Bearbeitung dieser römischen Historie voraussendete, Sonnenthal sowie Charlotte Wolter, der königlichen Kleopatra, warmen Dank.

Eine Meisterleistung, die wir selbst an der Burg mit ansahen, ist der alte Risler Sonnenthal's in dem widerwärtigen französischen Stück: „Risler senior und Fromont junior“. Wenn Daudet auf dem Wiener Burgtheater sich behauptet hat, so hat er dies wesentlich dem Schauspieler Sonnenthal zu verdanken. Selten haben wir auf der Bühne etwas Wirksameres gesehen, als den Contrast zwischen diesem biedermännisch schlichten, ruhig einfachen Risler der ersten Acte und diesem hinreißenden Wirbelwind der Leidenschaft, in den ihn die furchtbare Entdeckung der Untreue seiner Frau versetzt. Das Spiel Sonnenthal's erregte jedesmal in dieser großen Scene einen wahren Sturm des Enthusiasmus.

So gehört Sonnenthal zu den Darstellern, die bei keiner Etappe ihrer Entwickelung stille stehen, zufrieden mit dem errungenen Ruhm, sondern die immer strebend sich bemühen und dem aufmerksamen Beurtheiler stets neue Seiten ihres Talentes darbieten. Auch ist er kein staubaufwirbelnder Virtuose, sondern ein echter Künstler, dem nur das Schaffen und die Schöpfung selbst am Herzen liegen, eine liebenswürdige Künstlernatur, empfänglich für alles Schöne und, wo er nur vermag, gern bereit, das Talent junger Darsteller und Dichter zu fördern.