BLKÖ:Benda, Georg

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Benda, Franz
Band: 1 (1856), ab Seite: 261. (Quelle)
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Benda, Georg (Virtuose u. Compositeur, geb. zu Altbenatky [nach Andern zu Jungbunzlau] in Böhmen 1722 [nach Andern 1721], gest. zu Köstritz 1795). Jüngerer Bruder des Vorigen. Hatte mit weniger Schwierigkeiten zu kämpfen wie sein Bruder, der ihn in der Capelle des Königs Friedrich II. unterbrachte. Im Jahre 1748 erhielt er einen Ruf nach Gotha, den er annahm; dort ward er bald des Herzogs Liebling, und konnte den von ihm längst gehegten, doch nie ausgesprochenen Wunsch, Italien zu besuchen, erfüllen. Mit 44 Jahren trat Georg diese Reise an und traf in Venedig mit Hasse, Capellmeister Schweizer und seinem alten Freunde aus Dessau, Rust, zusammen. Die italienische Musik wollte im Anbeginn dem an die ernste Berliner Musik Gewohnten nicht gefallen. Erst mehrmaliges Hören befreundete ihn mit dem Wesen derselben. Nach seiner Rückkehr componirte er die Opern: „Ciro riconosciuto“ und „Il buon marito,“ welche bei der Aufführung sehr gefielen. Sieben Jahre lang war er in seinem Wirken sehr glücklich, als ihn zwei schwere Unglücksfälle trafen: zuerst der Tod seines Mäcens, des vielverehrten Fürsten Friedrich III. († 1772), und dann jener seines Sohnes († 1787), der ein großes Musiktalent verrieth. Benda wurde schwermüthig und erst, als nach dem Theaterbrande in Weimar die Seiler’sche Schauspielertruppe sich nach Gotha flüchtete, belebte den düstern Mann das Zusammentreffen mit seinem alten Freunde Schweizer. B. begann wieder zu schaffen. Das vollendete Geberdenspiel der Schauspielerin Brandes entzückte Georg und er gerieth auf den Gedanken [den überdies J. J. Rousseau schon einige Jahre früher in Frankreich mit seinem Pygmalion ausgeführt], ein Melodram zu schreiben, wodurch die Kunst der Schauspielerin, welche nicht singen konnte, mit der Musik, welche ihr Spiel ergänzte, verbunden wurde. Es entstand das Melodrama „Ariadne,“ welches B.’s Namen berühmt machte, und womit er, als er es noch in späteren Jahren in Paris selbst zur Aufführung brachte, schönen Erfolg feierte. Der „Ariadne“ ließ nun Benda die „Medea“ folgen, worin er schon viele Stellen arienmäßig behandelte, und in rascher Aufeinanderfolge erschienen nun eine Menge von Opern und Operetten, welche sich allgemeinen Beifalls erfreuten. Da glaubte sich B. mit einemmale von seinem alten Freunde Schweizer vernachlässigt, und in übertriebener Empfindelei ging er so weit, daß er seinen Posten aufgab. Nachdem er 30 Jahre an einem Orte gelebt, machte er nun eine Reise durch Deutschland; aber nicht mehr der lebenskräftige Mann war es, der eine Reise machte, sondern der Greis, der mitten in seinem Lebensabende stand. Wandermüde kam er heim und bat jetzt um eine Pension von 400 Thalern, die er auch erhielt, nachdem er einen Gehalt von 1200 unaufgefordert aufgegeben hatte. Nachdem er nun noch die schon erwähnte [262] Reise nach Paris unternommen hatte, um seine „Ariadne“ aufzuführen, zog er sich auf’s Land nach Georgenthal, einem 3 Stunden von Gotha entfernten Dorfe zurück. Seine abnehmende Gesundheit gestattete ihm aber nicht langen Landaufenthalt, er zog nach Köstritz, wo er als Greis von 73 Jahren verschied. B.’s vorzüglichste Compositionen außer den schon genannten sind: Die Oper „Der Dorfarzt“ (Clav. Ausz. 1776); – „Walder“ (Clav. Ausz. 1777); – „Romeo und Julie“ (Clav. Ausz. 1778); – „Der Holzhauer“ (Clav. Ausz. 1778); – „Lucas und Bärbchen“ (Clav. Ausz. 1786); – „Das Findelkind“ (Clav. Ausz. 1787); – „Orpheus“ (Clav. Ausz. 1787). Von B.’s „Ariadne“ erschienen 4 Ausgaben, der Clav. Ausz. 1778; die Partitur mit deutschem und franz. Texte 1781; dieselbe für ein kleines Orchester ohne Blasinstrument 1785, und ein Clav. Ausz. nach der verbesserten Partitur 1782. Außerdem erschienen von ihm mehrere Claviersonaten, Cantaten, Monodrame, Clavier- und Violinconcerte, Singstücke u. a. m. Seine Compositionen schildert die Kunstkritik als „neu und eigenthümlich.“ Sein Talent beweist den des wahren Ausdrucks mächtigen und der reinen Harmonie kundigen Meister. Seine Compositionen übertrafen an süßer Melodie und bedeutsamen Rhythmen die Werke der meisten seiner Zeitgenossen. In Tönen schilderte er die innersten Regungen des Gemüths mit unnachahmlicher Treue. Sein eigenthümliches Gebiet war das Cantabile, das gefühlvolle Adagio, und das effectvolle Rezitativ. Als Mensch spielt B. in den „Legenden berühmter Musikheiligen“ eine originelle Rolle, dem die Zerstreutheit ganz merkwürdige Zufälle bereitete, so z. B. bedeckte er sich oft statt mit dem Hute mit seinem zusammengedrückten Notenhefte; ein andermal bediente er sich des Fingers einer Dame als Pfeifenstopfer; in seinem Entzücken über die ihm vom Herzog gewährte Erlaubniß nach Italien zu reisen, vergaß er an Weib und Kind, und wollte abreisen, ohne sich von ihnen zu verabschieden, obwohl er beide zärtlich liebte; und als seine Frau gestorben war, und die Magd von ihm Geld zum Begräbniß verlangte, fuhr er sie mit den Worten an: „Ihr wisst ja, dass ich mich mit solchen Dingen nicht abgebe, geht zu meiner Frau und lasst euch welches geben.“ Es ließen sich noch viele solche Züge aus seinem Leben erzählen. Endlich war ihm die Musik so verleidet worden, daß er vor seinem Tode noch ausrief: „Jede Feldblume gewährt mir mehr Vergnügen als alle Musik.“ – Sein Sohn Friedrich August (geb. 1746), dessen schon in dieser Skizze Erwähnung geschah, und der vor dem Vater(1787) starb, hatte die berühmte Sängerin Rietz geheiratet, die sich dann von ihm schied, und 1788 mit dem Flötenspieler Hein vermälte; er stand in Diensten des Herzogs von Mecklenburg und componirte mehrere Opern, darunter: „Der Barbier von Sevilien“ und die „Cantaten,“ die alle schon vergessen sind.

Oestr. National-Encyklopädie (von Gräffer und Czikann), (Wien 1835, 6 Bde.) I. Bd. S. 253. – Gerber (Ernst Ludw.), Historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler (Leipzig 1790, Breitkopf, gr. 8°.) I. Thl. Sp. 131. – Ersch (J. S.) und Gruber (J. G.), Allg. Encyklopädie der Künste und Wissenschaften (Leipzig 1822, Gleditsch, 4°.) I. Sect. 7. Th. S. 475. – Nouvelle Biographie générale ... publiée sous la direction de M. le Dr. Hoffer (Paris 1853) V. Bd. Sp. 331. – (Brockhaus) Conversations-Lexikon (10. Aufl.) II. Bd. S. 496 (dieses und die Nouv. Biogr. générale geben das Jahr 1788 als sein Todesjahr an). – Hiller (Johann Ad.), Lebensbeschreibungen berühmter Musikgelehrter und Tonkünstler (Leipzig 1784, Dyk) I. Bd. – Deutsche Frauenzeitung, redigirt von Louise Marezoll (Jena, 4°.) 1838, S. 364 u. 373: „Die Gebrüder Benda“ von Adeline v. D. [diese gibt den 4. März 1786 als B.’s Todestag an.] – Abendzeitung, redig, von Theod. Hell (Dresden, 4°.) 1818: „Franz Benda und Berdo.“ – Hiller (Joh. Ad.), Nachrichten und Biographien.