BLKÖ:Borkowski, Joseph Graf Dunin-

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 2 (1857), ab Seite: 68. (Quelle)
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Borkowski, Joseph Graf Dunin-[BN 1] (Dichter und Sprachforscher, geb. in Dzieduszyce wielkie in Galizien 22. März 1809, gest. in Lemberg 18. Juni 1843). Ist der Sohn des Franz Graf Dunin-Borkowski u. der Franziska geb. Gräfin Dzieduszycka. Im neunten Jahre kam er in das Convict der Piaristen in Warschau, wo er den berühmten Philologen Samuel Bogumil Linde zum Lehrer hatte. Im J. 1822 kehrte er in sein Vaterland zurück, studirte in Lemberg das Gymnasium, und im J. 1827 in Czernowitz die Philosophie. Der Freiheitskampf der Griechen beschäftigte damals die ganze gebildete Welt Europa’s, und Czernowitz war das Asyl zahlreicher Familien, welche sich aus Griechenland dahin geflüchtet hatten. Hier lernte B. viele gelehrte Griechen kennen; die heroischen Thaten der Freiheitskämpfer entflammten [69] seinen jugendlichen Geist, und er besang dieselben mit wahrhaft Byron’schem Feuer. Diese Hymnen sind lange ungedruckt geblieben; eine tiefe Empfindung, hoher poetischer Schwung und sprachliche Gewandtheit zeichnen diese Poesien aus. Die jungen, in Czernowitz lebenden Griechen, welche er unaufhörlich zum Studium der vaterländischen Literatur und Sprache aneiferte, und welche für ihn die Volkslieder aus verschiedenen Gegenden Griechenlands sammelten, hörten seinen Hymnen mit Enthusiasmus zu, indem sie dieselben zugleich überall verbreiteten. Diese Verhältnisse erleichterten ihm sehr die Erlernung der neugriechischen Sprache, für die er eine besondere Vorliebe hegte. Doch eignete er sich bei dieser Gelegenheit auch die Kenntniß der türkischen Sprache an. Schon damals hatte er eine Reihe griechischer Volkslieder, welche in der Sammlung des Fauriel nicht vorkommen, zum Drucke vorbereitet. Nebstbei beschäftigte er sich mit der Uebersetzung der neugriechischen Literaturgeschichte des Jakowaki Risos Nerulos in’s Polnische, welche er seinem Onkel dem gelehrten Stanislaus Dunin-Borkowski dedicirte, und im Manuscripte der Gesellschaft der Freunde der Wissenschaften in Warschau schenkte. Im J. 1829 kehrte er nach Lemberg zurück. Daselbst gab in jener Zeit Valentin Chłędowski, unterstützt von Alex. Graf Fredro, Joh. Nep. Kaminski und von einigen andern jüngeren Kräften den „Haliczanin“ heraus. Diesem Unternehmen schloß sich auch B. an, und erschien in dieser period. Schrift seine Besprechung der neugriechischen Lieder von Alex. Chodźko, und seine Elegie auf den Tod des Johann Paul Woronicz. Noch in demselben Jahre ging er mit seinem Onkel (siehe den Schluß dies. Biogr.) nach Wien, wo er beinahe ein ganzes Jahr verblieb, und sich ausschließlich dem Studium der neu- und altgriechischen Sprache widmete, und die Kenntniß derselben unter der Leitung des Geschichtschreibers und Lexikographen Kumas zur Vollkommenheit brachte. Hier lernte er die Gelehrten Kopitar und Hammer, und viele theils hier ansäßige, theils durchreisende Gelehrte Griechenlands kennen. Diese Letzteren waren es besonders, in deren Umgang er seine Kenntnisse in der neugriechischen Literaturgeschichte so bereicherte, daß die Mangelhaftigkeit der Literaturgeschichte des Risos Nerulos ihn auf den Gedanken brachte, eine neue Geschichte der griechischen Literatur zu schreiben. Vertraut mit der Kenntniß der neuesten griechischen Werke, die er überdies in seiner Büchersammlung besaß, die Geschichte der meisten Bücher und die Biographien ihrer Autoren kennend, wobei ihm sein scharfes Gedächtniß behilflich war, und er oft den gelehrtesten Griechen Aufschlüsse über die neuen Werke geben mußte, war er einem solchen Unternehmen wohl gewachsen. Im J. 1830 kehrte er nach Lemberg zurück, wo er, einen kurzen Aufenthalt zu Warschau im J. 1832 abgerechnet, seinen Wohnsitz für immer aufschlug. Sich zu dieser großen Arbeit gleichsam vorbereitend, studirte er zunächst die griechischen Classiker und übersetzte sie in’s Polnische. Es befinden sich auch im Manuscripte bedeutende Bruchstücke aus Homers „Odyssee“, Hesiods „Teogonie“ und einige Hymnen des letzteren; beinahe der ganze Apollodor, zwei Bücher des Herodot, nämlich: „Klio und Melpomene“. Mit der Vergleichung der alt- und neugriechischen Sprache beschäftigte sich B. lange Zeit. Der Unterschied zwischen beiden ist seiner Ansicht nach sehr unbedeutend. Er behauptete, Alt- und Neugriechisch seien eine und dieselbe Sprache, und nur in unwesentlichen Stücken abweichend. Die Ansicht des Dankowski, daß die Griechen u. Slaven [70] sehr nahe verwandt sind, erklärte er für einen etymologischen Trugschluß. Im Allgemeinen erblickte B. in der Idee des Slavismus, und in den durch dieselbe geweckten literarischen Bestrebungen in den letzten Jahren manche Ungereimtheit. Im J. 1835 erlernte er noch die rumänische Sprache so vollkommen, daß er in derselben Gedichte und Abhandlungen über polnische Literatur für die in Jassy erscheinende moldauische Zeitung schrieb. Die moldauische Gelehrtengesellschaft in Jassy ernannte ihn zu ihrem Mitgliede. Neben diesen vielseitigen Studien vergaß er auch nicht die periodische Literatur, und unterstützte mit seinen Arbeiten seit dem J. 1833 verschiedene Journale, namentlich die „Ziewonia“, den „Pamiętnik naukowy krakowski“, die „Biblioteka Warszawska“ und dem „Dziennik“ des Kulczycki in Lemberg; außerdem hatte er auch das Trauerspiel „Therese“ von Dumas in’s Polnische übersetzt. Im J. 1837 hatte er eine Sammlung von eigenen und Arbeiten seiner Freunde zu Stande gebracht, und beabsichtigte solche in zwanglosen Heften unter dem Titel „Prace literackie“ herauszugeben. Doch schon nach der Herausgabe des ersten Heftes überzeugte er sich, daß diese periodische Schrift weder den Bedürfnissen noch den Anforderungen des damaligen Lesepublicums entsprach, und er gab die Fortsetzung auf. Bereits früher zum Mitgliede des Gelehrten-Vereines des Ossolinski’schen Institutes ernannt, wurde er im J. 1842 zum Mitarbeiter der „Biblioteka“ berufen. Hier kam er auf den Gedanken, das Resultat seines Studiums der griechischen und lateinischen Classiker niederzuschreiben, und dasselbe fragmentarisch in diesem periodischen Blatte zu veröffentlichen. Er wollte den Einfluß der griechischen Literatur seit den ältesten Zeiten auf die Bildung in Polen nachweisen. Der Plan dieser Arbeit war sehr breit angelegt. Ohne sich auf das, was hierüber bereits in den gelehrten Werken gesagt worden, zu beschränken, nahm er jedes Buch in die Hand, und schrieb sodann seine Meinung über dasselbe und über seinen Autor nieder, indem er zugleich durch kurze Auszüge diese seine Meinung zu begründen suchte. Bald hatte er über 100 Bogen solcher Uebersichten, Auszüge und Biographien niedergeschrieben, und sich von mancher Unrichtigkeit überzeugt, welche bis nunzu in der gelehrten Welt als Wahrheit dasteht. Dieses Werk benannte er: „Greczyzna w Polsce“. Doch der frühe Tod unterbrach seine Arbeit gerade im wichtigsten Theile, nämlich da, wo er von speciellen Erörterungen zum allgemeinen Resumé übergehen sollte. Der Buchhändler Cajetan Jablonski in Lemberg gibt gerade jetzt in seinem Sammelwerke „Dzieła znakomitych pisarzów krajowych“, d. i. Werke der bekannten heimischen Schriftsteller, die literar. Arbeiten B.’s heraus. Das Sammelwerk enthält B.’s in Handschrift hinterlassene Arbeiten: „Poezye oryginalne“, d. i. Originalgedichte; – „Poezye tłumaczone“, d. i. Uebersetzungen, und zwar aus Schiller, Uhland, Kramer, Lamartine, Victor Hugo, Anastasius Christopolus, Fauriel, Mesihi und Mahmud Baki Effendi; – „Greczyzna w Polsce“, d. i. Das Griechenthum in Polen; – Dzieje nowogreckiej literatury“, d. i. Geschichte der neugriechischen Literatur; – „Poezya żydowska w Polsce“, d. i. Die jüdische Poesie in Polen; – „Teresa, dramat Dumasa“, d. i. Therese, Drama von Dumas; – „Klio i Melpomena“, Uebersetzung der zwei gleichnamigen Bücher des Herodot; – „Pieśni ludu“, d. i. Eine Sammlung Volkslieder; – „Opisanie ziemi Mołdawskiej przez Mirona Kostynar. 1684 napisane a przez autora objaśnione“, d. i. Beschreibung [71] der Moldau von Miron Kostyn aus dem J. 1684, von B. übersetzt und erklärt.Borkowski, Stanislaus Graf Dunin-, Onkel der zwei Vorbenannten. Derselbe schrieb: „O obowiązkach bibliotekarza“, d. i. Von den Obliegenheiten des Bibliothekars (Lemberg 1829, Sznayder); – „Podróż do Włoch w latach 1815 i 16“, d. i. Reise nach Italien in den Jahren 1815 u. 16 (Warschau 1820, 8°.). Zugleich ist er Herausgeber des Werkes: „Psalterz Królowej Małgorzaty“, d. i. Der Psalter der Königin Margaretha (Wien 1834). Margaretha ist die Gemalin des polnischen und ungarischen Königs Ludwigs I., und die Tochter des Kaisers Karl IV. Dieser Psalter aber ist das älteste Denkmal der polnischen Literatur. Dem Werke liegt das Facsimile des Manuscripts bei.

Pisma znakomitych pisarzów krajowych, d. i. Werke berühmter einheimischer Schriftsteller (Lemberg 1856, Jablonski, 8°.) Tom. I. Biographie verfaßt von A. Biełowski u. dabei Borkowski’s Porträt. – Woycicki (K. Wl.), Historyja literatury polskiej, d. i. Geschichte der polnischen Literatur (Warschau 1845, 4 Bde.) IV. Bd. S. 289. – Sein Porträt. Unterschrift: Facsimile des ganzen Namens. Bartus del. (Leipzig, engl. Kunstanstalt A. H. Payne sc.)

Berichtigungen und Nachträge

  1. Nachtrag zur Biographie des Grafen Joseph Dunin-Borkowsi. Die Illustrirte Zeitung (Leipzig, herausgegeben von J. J. Weber, Fol.) 1844, Nr. 55, S. 39 enthält eine ausführlichere Lebensskizze dieses Gelehrten, der zu früh der Wissenschaft entrissen worden, gibt aber irrig den 13. Juni 1843 (statt des 18. Juni) als Todestag an und enthält das Porträt in Holzschnitt. Dunin [Bd. 3, S. 394.]