BLKÖ:Jellinek, Hermann

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 10 (1863), ab Seite: 157. (Quelle)
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Jellinek, Hermann (Schriftsteller und Redacteur, geb. zu Drslowitz bei Ungarisch-Brod in Mähren 22. Jänner 1822, erschossen in Folge kriegsrechtlichen Urtheils zu Wien am 23. November 1848). Der um ein Jahr jüngere Bruder des Vorigen. Er blieb bis zu seinem neunten Jahre im Dorfe, wo er von Privatlehrern unterrichtet wurde. Dann kam er gleichfalls nach Ungarisch-Brod, wo er in Bibel, Talmud, Schulgegenständen der Normalschule Unterricht erhielt. Er hatte eine sehr schöne Singstimme und betete schon als Kind von 12 Jahren ungefähr einmal am Freudenfeste [158] der Thora öffentlich vor. Ein Faden, der durch sein Leben bis zur reiferen Selbstständigkeit sich zieht, ist, daß er seinem Bruder Adolph überall nachfolgte. Kaum war sein älterer Bruder in Proßnitz, so kam H. auch hin. Das Talmudstudium befriedigte ihn jedoch nicht, und schon in Proßnitz widmete er fast seine ganze Zeit der Erlernung von Sprachen, in denen er von seinem Bruder Adolph unterrichtet wurde. Als sein Bruder nach Prag ging, kam er ihm in etwa zwei Jahren nach. Dort trat ein Wendepunct in seinem Leben ein. Mit beispiellosem Fleiße, mitunter materiellen Entbehrungen, warf er sich auf das Studium der lateinischen Literatur, der Philosophie, besonders der Kant’schen, und so wenig Talent er in seiner Kindheit verrieth, so zeigte er jetzt, daß er für die Speculation geschaffen sei. Er schrieb in jener Zeit auch Hunderte von Gedichten, die er drucken lassen wollte, die er aber plötzlich alle verbrannte. Nach Leipzig ging er einige Wochen früher als sein Bruder Adolph und besuchte dort die Hochschule. Die ersten zwei Jahre wohnten die Brüder zusammen, studirten mit einander Philosophie, dann bezog jeder eine besondere Wohnung, da ihre Richtung auseinander ging. Adolph war ruhiger, besonnene. Hermann stürmischer, den Extremen eines Bruno Bauer zugeneigt. Hermann war ein idealistischer Forscher, der für die Wahrheit glühte, und um sie zu finden, der Universität, der Polizei, dem Herkommen Trotz bot und oft zu den sonderbarsten Mitteln greifen wollte. So wollte er einmal bei den Jesuiten eintreten, um deren Schriften zu studiren und – sie dann zu bekämpfen! Als die Leipziger Universität eine Leibnitz-Feier veranstaltete, trat er im Leipziger Schützenhause in einem öffentlichen Vortrage gegen Leibnitz auf. Als er wegen seiner rückhaltlosen Schriften von der sächsischen Polizei ausgewiesen wurde, veröffentlichte er im „Dresdener Anzeiger“, daß ihm nichts anderes übrig bleibe, als wie einst Spinoza Glas zu schleifen. In Leipzig war er im Redeübungs-Vereine der ständige Gegner Robert Blum’s. Von Leipzig 1847 ausgewiesen, begab er sich nach Berlin, wo er Vorlesungen über Nationalökonomie halten wollte. Aber auch aus Berlin wurde er ausgewiesen. Im März 1848 ging er nun nach Wien und warf sich daselbst mit seiner ganzen Kraft auf die Publicistik. Er schrieb die Leitartikel für die „Allgemeine Oesterreichische Zeitung“ bis zum September, später in Mahler’s „Radicalen“. In dem er für die Freiheit schrieb, vergaß er das erste Gesetz der Freiheit, „Maß halten in allen Dingen“ und „Selbstbeschränkung“, und so artete sein Schriftkampf für die Freiheit in Zuchtlosigkeit, in Angriff und Ansicht, aus. Als Wien fiel, redeten ihm seine Freunde zu, sich zu entfernen. Er befolgte diesen wohlgemeinten Rath nicht. Am 5. November begab er sich in das Haus der Baronin Perin. Als er eintrat, fand er daselbst mehrere von der Polizei, die ihn nach seinem Namen befragten. Als er ihn genannt, wurde er zur Commission abgeführt, die denselben aufschrieb. Sofort brachte man ihn in’s Gefängniß, wo er bis zum 20. November ohne Verhör blieb. An diesem Tage zum Verhöre gebracht, führte er vor dem Kriegsgerichte die aufgeregteste Sprache und war selbst durch Androhung von Gewaltmaßregeln nicht zu bewegen, sich zu mäßigen. Er wurde wegen hochverrätherischer Aufwiegelung des Volkes zur bewaffneten Empörung und Widerstand gegen die k. k. Truppen zum Tode [159] mit dem Strange verurtheilt. Persönlich am Widerstande gegen die Truppen hatte er sich nicht betheiligt. Nachdem ihm das Urtheil kundgemacht worden, kam er mit seinem Schicksalsgenossen Dr. Becher auf Ein Zimmer. Da erwartete ihn ein Seelsorger, den er entschieden zurückwies. In einem Briefe, den er in der Nacht vor seinem Tode schrieb, fand man die Aeußerung: „Daß seine gedruckten Ideen nicht könnten erschossen werden“. Am 23. November Morgens um 7 Uhr wurden er und Becher unter starker Bedeckung in den Stadtgraben vor dem Neuthore geführt und an Beiden das Urtheil mit Pulver und Blei vollzogen. Jellinek’s Leiche wurde sodann in’s Josephinum gebracht und am 25. Abends auf dem Währinger Kirchhofe beerdigt. Sein Grab trägt die Nummer 26, die Zahl seiner Lebensjahre. Jellinek’s literarische Thätigkeit umfaßt folgende Arbeiten: „Uriel Acosta’s Leben und Lehre. Ein Beitrag zur Kenntniss seiner Moral, wie zur Berichtigung der Gutzkow’schen Fictionen über Acosta und zur Charakteristik der damaligen Juden“ (Zerbst 1847, Kummer, 8°.); – „Das Verhältniß der lutherischen Kirche zu den reformatorischen Bestrebungen Nicolaus Crell’s und Christian’s l. in seinen Wirkungen auf die neuesten Ereignisse. Nebst einem Abdrucke der Visitationsartikel“ (Leipzig 1847, Welle, 8°.); – „Das Denuntiations-Sistem des sächsischen Liberalismus und das kritisch-nihilistische Sistem Herrmann Jellinek’s“ (ebd. 1847, 8°.); – „Die gegenwärtige Krisis der Hegel’schen Philosophie“ (ebd. 1847); über Hegel, Feuerbach, Bruno Bauer, Ruge, Rupp und Wislicenus; – „Die religiösen, socialen und literarischen Zustände der Gegenwart, in ihren praktischen Folgen untersucht“, I. Theil: „Die religiösen Zustände der Gegenwart oder Kritik der Religion der Liebe“ (Zerbst 1847, Kummer, gr. 8°.); – „Die Täuschungen der aufgeklärten Juden und ihre Fähigkeit zur Emancipation mit Bezug auf die von der Preussischen Regierung dem vereinigten Landtage über die Juden gemachten Propositionen“ (ebd. 1847, gr. 8°.); – „Kritischer Sprechsaal für die Hauptfragen der österreichischen Politik“ (Wien 1848); – „Kritische Geschichte der Wiener Revolution vom 13. März bis zum constituirenden Reichstage“ (ebd. 1848). Seiner publicistischen Thätigkeit ist bereits oben gedacht worden. Alles, was Jellinek schrieb, hatte einen polemischen Charakter. In seiner Alles zersetzenden Negation verstand er nur zu verletzen, ohne etwas Positives dafür in Antrag zu bringen. Er war thatsächlich eine höchst merkwürdige Erscheinung. Er hatte Philosophie, Theologie (jüdische, katholische und protestantische), Naturwissenschaften, Nationalökonomie und Rechtswissenschaft studirt und trug sich mit der Begründung einer neuen Wissenschafts-Methode herum, deren Hauptprincip in der Mischung der wissenschaftlichen Disciplinen besteht. Er meinte damit, die Wissenschaften dürfen nicht gesondert behandelt werden, sondern müssen sich gegenseitig controliren und einander durchdringen. Er war, wenngleich ein excentrischer, doch ein sehr tiefer Denker, der in seinem Idealismus die reale Welt nach Kategorien regieren wollte. Seine Ansprüche klangen oft paradox, stellten sich aber später sehr oft als wahr heraus. So sein Urtheil über die Wiener Revolution gleich in den Märztagen 1848. Er sagte nämlich: „Die Wiener hätten Metternich ohne Kritik gestürzt“.

Lehman (Emil), Hermann Jellinek; zur Erinnerung (Leipzig 1848, 8°.). – Leuchtthurm, herausg. von Ernst Keil (Leipzig 1849, 8°.). – Orient, von Dr. Jul. Fürst (Leipzig, 4°.) Jahrg. 1848 u. 1849. [In beiden periodischen Schriften Vieles zur Biographie [160] und Charakteristik J.’s.] – Ebeling (Friedrich Wilhelm), Zahme Geschichten aus wilder Zeit (Leipzig 1851, Kollmann, 8°.) S. 105. – Jüdisches Athenäum. Gallerie berühmter Männer jüdischer Abstammung und jüdischen Glaubens u. s. w. (Grimma und Leipzig 1851, br. 8°.) S. 112 [nach diesem geboren 1822]. – BrockhausConversations-Lexikon,, 10. Auflage. Bd. VIII, S. 437 [daselbst heißt es, daß er am 5. Februar verhaftet, am 20. vor das Kriegsgericht, am 22. Februar zum Tode durch den Strang verurtheilt und das Urtheil am 23. Morgens mit Pulver und Blei an ihm vollzogen wurde; soll überall heißen statt Februar: November]. – Kleineres Brockhaus’sches Conversations-Lexikon, Bd. VIII, S. 237. – Pierer’s Universal-Lexikon, 4. Aufl. Bd. VIII, S. 784. – Oesterreichischer Courier (Theater-Zeitung von Bäuerle) 1848, Nr. 273: Todesurtheil. – Kayser’s Bücher-Lexikon, Bd. IX (oder Neues Bücher-Lexikon, Bd. V), S. 507 [gibt auch irrig den 10. November 1848 als seinen Hinrichtungstag an]. – Porträt. Lithographie (Leipzig, C. L. Fritzsche, 4°.).