BLKÖ:Nádasdy-Fogáras, Thomas

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 20 (1869), ab Seite: 18. (Quelle)
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15. Thomas (Palatin von Ungarn, geb. 1498, gest. zu Egervár 2 Juni [19] 1562), ein Sohn des Franz (I.) Nádasdy. Die erste Ausbildung erhielt er auf der zu Ofen von Mathias Corvinus gebildeten Schule. Als aber unter Mathias’ Nachfolger König Wladislaus N. die kaum zu blühen beginnenden Wissenschaften wieder in Verfall geriethen, schickte der Vater seinen Sohn Thomas von Ofen in die Fremde, und zwar zuerst nach Gratz, von dort nach Italien, wo er in Bologna und Rom im Verkehre mit den hervorragendsten Männern jener berühmten Städte trat. Während seines Aufenthalts im Auslande starb König Wladislaus und sein Sohn Ludwig folgte ihm auf den Thron. Die Türken aber benützten diesen günstigen Zeitpunct, um mit ihren Horden den Westen zu bedrohen. In dieser bedrängnißvollen Lage der Christenheit hielt es der Papst für angemessen, an die bedeutendsten Fürsten Europa’s Legaten zu senden, um die Fürsten zu einem gemeinschaftlichen Vorgehen gegen den herandrängenden Feind der Christenheit zu bereden. Der Cardinal Thomas de Vio Cajetano war der Legat, den der Papst an König Ludwig II. nach Ungarn sendete. Der Cardinal hatte in Rom den jungen Thomas Nádasdy kennen gelernt, und da ihm der Edelmann in seinem ganzen Wesen zusagte, machte er ihm den Vorschlag, ihn auf seiner Reise nach Ungarn zu begleiten und seinen Dolmetsch zu machen. Nádasdy nahm das Anerbieten an und hatte dem Cardinal so wichtige Dienste geleistet[WS 1], daß ihn dieser dem Könige Ludwig auf das Nachdrücklichste empfahl, worauf der König den jungen Thomas Nádasdy zu seinem Geheimschreiber ernannte. Auf diesem neuen Posten erlangte Thomas durch seine Talente und seine Geschicklichkeit bald das volle Vertrauen des Königs; dieser schickte ihn auch, als Soliman Ungarn immer mehr und mehr bedrohte, als Gesandten zu Kaiser Karl V. nach Speyer, wo der Kaiser eben Reichsrath hielt, um von ihm und vom Reiche Hilfe zu erbitten. Wie sich auch Nádasdy’s Sendung im Anbeginne günstig zu gestalten schien und es an den besten Zusagen nicht fehlte, so kam es doch zu keiner That, und Nádasdy kehrte in seine Heimat zurück, ohne Hilfe zu bringen, während dort die Noth bereits die größte war. Kaum auch hatte Nádasdy die Grenze Ungarns erreicht, als er die Nachricht von der unglücklichen Schlacht bei Mohacs (29. August 1526) erhielt, in welcher der König selbst geblieben. Nicht bloß den König, auch seine Freiheit, seinen Wohlstand, sein Glück hatte Ungarn auf viele Jahre verloren. Die Gemalin des gefallenen Ludwig, die Königin Maria, hatte sich nach Komorn geflüchtet, wo sich jene Schaaren gesammelt hatten. welche dem Schwerte des Feindes entgangen waren. Nádasdy begab sich auch dahin zur Königin. Es galt nun, zunächst gegen Soliman von Neuem zu rüsten und dann den erledigten Thron zu besetzen. Die Wahl war auf Ferdinand von Oesterreich gefallen. Nádasdy wurde nun beauftragt, den König zur Annahme einer Krone, die er sich erst mit den Waffen erkämpfen sollte, zu bewegen. Auch war schnelle Entscheidung dieser Angelegenheit von Nöthen, da sich mitten im schrecklichen Umsturze des Reiches im Innern Parteien zu bilden begannen, deren eine bereits den Siebenbürger Johann Zapolya zum Könige proclamirt hatte. Nádasdy war es gelungen, Ferdinand zur Annahme der ungarischen Krone zu überreden, und Ferdinand erschien auch bald an der Spitze eines Heeres in seinem neuen Reiche. Thomas, der dem neuen Fürsten mit 300 Reitern entgegengeeilt war, um ihn an der Landesgrenze zu empfangen, bildete mit seiner auserlesenen Schaar den Vortrab des königlichen Heeres. In Raab, welche Stadt für Zapolya gestimmt war, hatte er durch die Kraft seiner Beredsamkeit einen Umschwung in der öffentlichen Meinung zu erzielen verstanden, die Bewohner der Stadt erklärten sich wider alles Vermuthen für Ferdinand. Da Zapolya, um seinen Thron zu behaupten, sich in einen Kampf mit Ferdinand einlassen mußte, selbst aber denselben zu bestehen sich zu schwach fühlte, wendete er sich an Soliman um Hilfe, die dieser bereitwillig gewährte und mit seinen Türken von Neuem ganz Ungarn überschwemmte. Ofen fiel durch innere Verrätherei und Nádasdy, den Ferdinand zum zweiten Befehlshaber dieser Stadt ernannt hatte, wurde nach vergeblicher und hartnäckiger Vertheidigung gefangen. Schon wollte Ibrahim Pascha Nádasdy niedersäbeln lassen, als Befehl vom Sultan kam, ihm Nádasdy in’s Lager zu senden. Dort angelangt, übergab der Sultan den Gefangenen der Willkür Zapolya’s. Nádasdy fand aber unerwartet einen Fürsprecher in Ludwig Gritti, dem Sohne des [20] berühmten Dogen von Venedig, der sich eben damals als geheimer Unterhändler bei Zapolya befand und sich für Nádasdy bei Zapolya so erfolgreich verwendete, daß er mit dem Leben davonkam. Nádasdy überblickte bald die ganze Sachlage. Mit offenem Widerstande half er weder seinem Lande noch dem Könige. Um also Ungarn von den Türken zu befreien, mußte er sich zuvörderst für einen Anhänger Zapolya’s erklären, während er insgeheim die Interessen Ferdinand’s förderte. Thatsächlich gewann er auch auf diese Weise die Freiheit, trat in Zapolya’s Dienste, in welchen er seine Tüchtigkeit alsbald so bewährte, daß ihn Zapolya zum Befehlshaber von Erlau ernannte, ihn mit dem Schlosse Huszt sammt den Salzwerken in der Marmaros beschenkte und diesen Gunstbezeugungen noch die Würde eines königlichen Schatzmeisters hinzufügte. Bald darauf, im Jahre 1530, bot sich Nádasdy noch bessere Gelegenheit, sich für die ihm von Zapolya erwiesenen Gunstbezeugungen dankbar zu erweisen. Rogendorf, Ferdinand’s General, war mit seinem Heere vor Ofen gerückt, welches Zapolya mit Gritti vertheidigte. Die Gefahr für die Vertheidiger war bereits eine sehr große, als Nádasdy, der eben die Belagerung von Szigeth beginnen wollte, Kunde davon erhielt. Durch ein kühnes Wagestück gelang es ihm nun, mit 300 Mann in die Festung zu kommen, deren Vertheidigung nun mit erneuertem Muthe geführt wurde. Mehrere Stürme der Belagerer wurden zurückgeschlagen und diese alsbald von der Vergeblichkeit weiterer Unternehmungen überzeugt. Diese tapfere Vertheidigung seiner Person und der Hauptstadt lohnte Zapolya mit dem Landstriche Fogáras in Siebenbürgen und der Befugniß, daß Nádasdy den Titel eines Erbherrn von Fogáras führen dürfe, welcher Titel in der Folge von den österreichischen Fürsten bestätigt wurde und dessen sich die Familie Nádasdy bis auf die Gegenwart bedient. Nun kam auch noch ein Waffenstillstand zwischen Ferdinand, der überdieß in Deutschland genug zu thun hatte, und Zapolya zu Stande. Aber Zapolya war bald nichts weiter als ein blindes Werkzeug in des Venetianers Gritti Händen. Da Nádasdy seinerseits sich bemühte, den Einfluß des Italieners, der hauptsächlich dem Lande Ungarn gefährlich werden konnte, unschädlich zu machen und sich mit mehreren Gesinnungsgenossen gegen den schlauen Venetianer verbündete, so reizte er durch dieses Vorgehen den Haß des Letzteren in solcher Weise, daß ihm Gritti sogar nach dem Leben stellte. Aber Nádasdy war auf seiner Hut, verschaffte sich Beweise von Gritti’s Absichten, die nichts geringeres bezweckten, als Zapolya zu beseitigen, Ungarn zunächst ganz dem Einflusse der Türken hinzugeben und es dann, wo möglich, als tributäres Reich für die Venetianer zu erhalten. Obgleich er nun Zapolya über Gritti’s Absichten aufklärte, befand sich doch der schwache Fürst so fest in die Bande des schlauen Venetianers verstrickt, daß er ungeachtet aller Mahnungen Nádasdy’s den falschen Rathgeber nicht lassen wollte. Unter solchen Umständen sah Nádasdy seine Aufgabe an Zapolya’s Seite für beendet an, brachte Alles, was ihm dieser in besseren Tagen gegeben, zum Opfer, verließ Johannes’ Hof und kehrte zu Ferdinand zurück, dem er ja doch im Herzen immer gedient hatte. Ferdinand nahm den rückkehrenden Thomas gerne auf und entschädigte ihn bald für die Verluste, die er durch diesen letzten Schritt erlitten hatte. Thomas stand nun Ferdinanden in allen wichtigen Angelegenheiten des Krieges und Friedens als Rathgeber zur Seite, und bewies sich in Allem als der erfahrene Staatsmann, der das in ihn gesetzte Vertrauen nie täuschte. Wenn es die Verhältnisse gestatteten und er sich von den Staatsgeschäften in Ruhe zurückziehen konnte, dann lebte N. der Wissenschaft und ihrer Förderung, so war die zu Neu-Szigeth gegründete Schule Nádasdy’s Schöpfung, an derselben lehrten Männer von ausgezeichneter Gelehrsamkeit, die meist auf deutschen Universitäten gebildet waren, und aus der dortigen Buchdruckerei verbreiteten sich mannigfache Kenntnisse. Im Jahre 1538 ernannte ihn Ferdinand zum Ban von Croatien und übertrug ihm die Verhandlungen mit Zapolya’s Witwe wegen der Abtretung Siebenbürgens. Oefter auch mußte er, da die Türken niemals dauernd Frieden hielten, zu den Waffen greifen, die er nur als Sieger wieder niederlegte. Endlich wollte er, nachdem er fast bis zur Erschöpfung dem Vaterlande in bewegter Zeit große Dienste geleistet, die noch übrige Frist seines Lebens in Ruhe, nur im Genusse geistiger Beschäftigung, zubringen, als ihn im Jahre 1554 das Vertrauen der Nation durch die Wahl zum Palatin auf die höchste Stufe des Ansehens [21] erhob. Acht Jahre noch bekleidete er diese Würde in einer Weise, daß er in der Geschichte unter dem Namen „der große Palatin“ fortlebt. 64 Jahre alt, starb er, von seinem Volke, zu dessen edelsten Männern erzählte, tief betrauert. In neuester Zeit erst wurde sein Andenken in einer der Größe und Tugenden, die den Verewigten geschmückt, würdigen Weise aufgefrischt. Die Gräfin Nádasdy ließ in Pesth in ihrem mit künstlerischer Pracht restaurirten Palais in der Zrinygasse, in welchem sich bereits eine kostbare Gemäldesammlung und eine reichhaltige Bibliothek befinden, in der Mitte eines redouteartigen Raumes die Statur des berühmten Ahnherrn ihrer Familie aufstellen. Die in Lebensgröße ausgeführte Statue ist in voller mit historischer Treue wiedergegebener Rüstung und mit den Attributen der Buchdruckerkunst, der er in Ungarn Eingang verschaffte, dargestellt und ein Werk de [WS 2] ungarischen Bildhauers Ladislaus Dunaiszky (Bd. III, S. 393]. Der Palatin hinterließ aus seiner Ehe mit Ursula von Kaniszy, der letzten Erbtochter ihres Geschlechtes, einen Sohn, Franz [s. d. S. 14, Nr. 4], der sich in den kriegerisch bewegten Tagen seiner Zeit als ein tapferer Held hervorgethan, aber eine traurige Berühmtheit durch seine ungeheuerliche Gemalin Elisabeth [s. d. S. 13, Nr. 2], Nichte des Polenkönigs Stephan Bathory, erlangt hat. [Ungarischer Plutarch oder Nachrichten von dem Leben merkwürdiger Personen des Königreiche Ungarn und der dazu gehörigen Provinzen. Aus authentischen Quellen geschöpft. .. von Carl Vincenz Kölesy und Jakob Melzer (Pesth 1813, J. Eggenberger, 8°.) Bd. I, S. 134. – Heroes Hungariae (Tyrnaviae 1743, 8°.) (enthält neben anderen Biographien auch jene des Palatin Thomas Nádasdy). – Literarisches Wochenblatt (Weimar, im Verlage der Gebrüder Hoffmann, kl. 4°.) Redacteur Wilh. Hoffmann. Jahrgang 1820, Bd. V, Nr. 24, S. 186 u. f. – Hormayr’s Taschenbuch für vaterländische Geschichte (Wien, kl. 8°.) I. Jahrg. (1820), S. 84, und VI. Jahrg. (1825), S. 257 (im Texte des genealogischen Artikels über die Nádasdy). – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliogr. Institut, gr. 8°.) Bd. XXII, S. 874. – Vasárnapi ujság, d. i. Sonntagszeitung (Pesth, 4°.) Jahrg. 1858, Nr. 19. – Majlath (Joh. Graf), Geschichte des österreichischen Kaiserstaates (Hamburg 1850, Perthes, 8°.) Bd. II, S. 233, 289 u. 384. – Bergmann (Joseph), Medaillen auf berühmte und ausgezeichnete Männer des österreichischen Kaiserstaates vom XVI. bis zum XIX. Jahrhunderte (Wien 1844–1857, Tendler, 4°.) Bd. II, S. 88, 90, 92, 93, 99, 102, im Artikel über den Erzbischof Anton Verantius oder Wranczy aus Sebenico.]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: gleistet.
  2. Vorlage: des des.