BLKÖ:Schneider, Anton

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 31 (1876), ab Seite: 11. (Quelle)
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Schneider, Anton (k. k. Appellationsrath, im Jahre 1809 vorarlbergischer General-Commissär, geb. zu Weiler in Vorarlberg am 13. October 1777, gest. im Bade zu Fiederis in Graubündten am 16. Juli 1820). Sein Vater war ein armer Wundarzt und seine Mutter durchwanderte, eine bereits achtzigjährige Frau, zu Fuße Tirol, die Schweiz und ihr Vaterland, mit Kirschwasser und Lacticinien ihrer Heimat handelnd. Schneider, ein talentvoller Knabe, fand Gönner, die sich seiner annahmen und es ihm ermöglichten, zu studiren. Unter solchen Umständen beendete er die Humanitätsclassen zu Feldkirch, die philosophischen und juridischen Studien zu Innsbruck, Im Jahre 1796, als Moreau über den Lech vordrang, 1799, als Jourdan bereits vor Osterach stand und Massena Graubündten bewältigt, und 1800, als nach Moreau’s Siege über Kray der Parsdorfer Waffenstillstand geschlossen wurde und Vorarlberg in allen diesen Epochen, an seinem Nachbarlande sich ein Beispiel nehmend, rüstete und zur Gegenwehr sich stellte, diente Schneider in den verschiedenen Aufgeboten seiner Heimat vom Gemeinen bis zum Lieutenant und gehörte zu den Helden, welche an den glorreichen Tagen des 22. bis 25. März 1799 bei der Vertheidigung Feldkirchs unter Jellačić gegen Oudinot und Massena siegreich sechs feindliche Stürme abschlugen. Nach dem Frieden erlangte S. die Doctorwürde in besonders ehrenvoller Weise. Die Innsbrucker juridische Facultät wollte nämlich. um den Vorarlbergern für ihre heldenmüthige Vertheidigung einen sprechenden Beweis der Anerkennung zu geben, einem Vorarlberger, der bei jener Vertheidigung mitgefochten, unentgeltlich die Doctorwürde verleihen. Die Wahl fiel auf Schneider, der sich dieser schönen Auszeichnung erst in der Folge recht würdig zeigen sollte. Nun ließ Schneider sich in Bregenz nieder, wo er die Advocatur ausübte und in Vorarlberg, wie in dem nachbarlichen Schwaben und der Schweiz sich großen Vertrauens und zahlreicher Clienten erfreute. Im Jahre 1807 ließ ihn der damalige bayerische General-Commissär Baron Grafenreuth als geheimen Agenten Oesterreichs verhaften, als sich aber S.’s Unschuld herausstellte, sofort mit vollständiger Ehrenerklärung freigeben. Am Kampfe des Jahres 1809, in welchem Tirol seine unvergänglichen Lorbeeren pflückte, erhob sich auch Vorarlberg, um seine angestammte Treue für seinen Fürsten mit seinem Blute zu besiegeln. Die Haltung und der Besitz Vorarlbergs waren in jenen Tagen von besonderer Wichtigkeit, erstens konnte so die Verbindung mit Schwaben und der Schweiz offen gehalten, von da aus die streng blockirte Festung Tirol mit Mund- und Kriegsvorrath versehen und die Befreiung [12] von 23.000 Kriegsgefangenen ermöglicht werden. Sobald Tirol durch das Treffen am Berge Isel am 29. Mai und Vorarlberg durch das Treffen bei Hohenems vom Feinde frei geworden, wurde Dr. Schneider durch einhellige Wahl der vorarlbergischen Stände an die Spitze derselben berufen und seine Wahl zum General-Commissär von Vorarlberg am 6. Juni zu Innsbruck von dem commandirenden General Freiherrn von Buol und dem bevollmächtigten Hofcommissär Freiherrn von Hormayr, Schneider’s jüngerer Mitschüler und Jugendfreund, bestätigt. Was Schneider in dieser Stellung geleistet, bleibt unvergeßlich. Er war durch List und Gewalt das verdienstlichste Werkzeug zur Befreiung der vielen tausend, bei Regensburg, Hausen, Landshut, Ebelsberg und Linz gefangenen Oesterreichs; das kleine Vorarlberg stellte von seinen 91.000 Seelen 20.000 Mann unter Waffen; ohne Geld, ohne sonstige militärische Erfordernisse – die kaiserliche Mannschaft betrug im Ganzen wenige hundert Mann – schuf er sich Reiterei und Geschütz und lieferte den Franzosen und Württembergern mehrere glückliche Gefechte, nahm Constanz mit sechs Kanonen und mit der baden’schen Besatzung, und würde noch weitere Vortheile erreicht haben, wäre nicht alle Communication abgeschnitten und überhaupt eine kräftigere Unterstützung möglich gewesen. Aber alle diese Opfer waren durch den Znaimer Waffenstillstand vergebens gebracht. Schneider’s Lage war nun eine geradezu gefährliche. Aber nicht auf seine eigene Rettung bedacht, verschmähte er es, wie er aufgefordert worden, mit den österreichischen Truppen das Land zu verlassen. Er unterhandelte mit dem württembergischen Vorposten-Commandanten eine Capitulation für das Land, auf Sicherheit der Person und des Eigenthums und lieferte dann sich selbst aus. Aber die Capitulation wurde nicht eingehalten, man plünderte und mißhandelte und Schneider selbst wurde als Gefangener erklärt. Schon hatte Napoleon in Schönbrunn das Todesurtheil über ihn gesprochen, und nur dem Umstande, daß ihn der Kronprinz – nachmalige König – von Württemberg auf den Hohenasperg abführen ließ und seine Auslieferung dem französischen General Beaumont, so stürmisch auch dieser sie verlangte, verweigerte, verdankt Schneider sein Leben. Während dieser Vorgänge, ja gerade während Schneider auf den Hohenasperg als Gefangener abgeführt ward, wurde seine 17jährige Frau auf der Flucht in die Schweiz zum ersten Male entbunden und ihre mit ihr flüchtende Freundin starb, nachdem sie ein todtes Kind zur Welt gebracht. Die im Wiener Frieden stipulirte Amnestie rettete auch Schneider’s Leben und Freiheit. Er war lange Zeit Gefangener in Ulm, Lindau und Kempten gewesen. Anfangs Februar 1811 kam er nach Wien und wurde k. k. Appellationsrath. In den Jahren 1812 und 1813, ehe noch Bayern sich an die Verbündeten anschloß, wollte Schneider in Gemeinschaft mit Hormayr Vorarlberg und Tirol wieder insurgiren, wurde aber auf Oesterreichs Veranlassung verhaftet, jedoch bald wieder in Freiheit gesetzt. Im Mai 1819 begab er sich, den Tod im Herzen, in seine Heimat, wo er im schönsten Mannesalter von erst 43 Jahren sein Leben beschloß. Hormayr charakterisirt den Freund und Helden mit folgenden Worten: „Schneider war von kurzer, gedrungener Statur und ausnehmender Leibesstärke, von Jugend auf [13] kahlen Vorderkopfes und geistvoller Stirne, er hatte sprechende Augen und einen angenehmen Mund; er war in früheren Jahren ein schöner Mann. Die Gabe populärer Beredsamkeit war ihm vorzüglich eigen. Mit mittelmäßiger Bildung, verband dieser überaus lebendige, mit unzerstörbarer Fröhlichkeit betheilte „Schwabe par excellence“ einen hellen Kopf, schnellen und sicheren Blick, oft zu kühnen Muth und große Entschlossenheit; aber auch ungemeine Gutmüthigkeit, beispiellose Treue gegen seine Freunde, aufrichtige Versöhnlichkeit gegen seine wenigen Feinde, zuvorkommende Dienstfertigkeit und herzliche Biederkeit gegen Alle! Wenige Männer haben diese Popularität wie er in seiner Heimat, die er aber auch mit glühender Einseitigkeit fest und redlich geliebt hat bis zum letzten Seufzer der sich loswindenden müden Seele. Der heftige Wille um die Wiedervereinigung Vorarlbergs mit Oesterreich durchdrang sein Leben und selbst seine Reden im Traume. Dafür hat der ritterliche freudige Mensch als Jüngling und als Mann gedacht, gethan, gestritten und gelitten“. Zugleich mit Joseph Giovanelli [Bd. V, S. 194], Andreas Hofer [Bd. IX, S. 134], Peter Mayer [Bd. XVIII, S. 164, Nr. 100], Senn, Sieberer, Speckbacher glänzt sein Name in der Geschichte jener Alpenländer und wird, so lange es eine Vaterlandsliebe gibt, glänzen. Ueber Veranlassung des Erzherzogs Johann wurde ihm auf dem Friedhofe zu Fiederis in Graubündten, wo Schneider begraben liegt, ein einfaches Denkmal gesetzt.

(Hormayr’s) Archiv für Geographie, Historie, Staats- und Kriegskunst (Wien, J. Strauß, 4°.) XI. Jahrg. (1820), Nr. 104: Nekrolog von F. v. H(ormayr). – Vaterländische Blätter für den österreichischen Kaiserstaat (Wien, Strauß, 4°.) Jahrg. 1820, S. 370. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1836, 8°.) Bd. IV, S. 569. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliogr. Institut, gr. 8°.) Zweite Abtheilg. Bd. VII, S. 1146, Nr. 6.