BLKÖ:Spohr, Ludwig

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 36 (1878), ab Seite: 215. (Quelle)
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Spohr, Ludwig (Violin-Virtuos und Tonsetzer, geb. zu Braunschweig 5. April 1784, gest. 23. October 1859). Hier kann nur ganz nebensächlich Spohr’s gedacht und für Jene, die sich näher über ihn unterrichten wollen. auf die Quellen gewiesen werden – [216] denn sein Aufenthalt in Wien und sein Einfluß auf das Musikleben der Residenz waren doch nicht nachhaltig genug, um ihm eine vollständige Lebensskizze einzuräumen. So weit er also für die Musik-Geschichte Wien’s bedeutsam erscheint, sei seiner gedacht. Spohr hatte im J. 1805 nach des Concertmeisters Ernst in Gotha Tode, sich um dessen Stelle beworben und sie auch erhalten. Am 1. October g. J. hatte er sein Amt angetreten. Anfangs Februar des folgenden Jahres heirathete er Dorette Scheidler, eine Tochter der gothaischen Hofsängerin Scheidler und eine vortreffliche Harfen- und Clavierspielerin. Mit seiner Gattin unternahm nun S. seit 1807 kleine Kunstreisen; eine derselben führte beide im Herbst 1812 nach Wien, wo S. als Violinspieler eine ungemein ehrenvolle Aufnahme fand. Als Geiger verdunkelte er alle anderen neben sich, selbst den berühmten Rode. Ueber S. als Compositeur waren die Ansichten getheilt. Am 21, und 24. Jänner 1813 ließ er sein Oratorium: „Das jüngste Gericht“, Text von A. Arnold, im großen Redoutensaal aufführen. Salieri leitete das Ganze, Umlauf accompagnirte am Clavier, Spohr dirigirte bei der ersten Violine. Das Urtheil, welches der „Wiener Correspondent“ der „Allgemeinen Musik-Zeitung“ damals aussprach, lautete dahin: „daß Spohr im strengen Satze mehr leiste, als Eybler in den kurz vorher gegebenen „Letzten Dingen“, daß aber die Arien und Duetten nicht im echten Oratorienstyl, sondern mehr im italienischen Opernstyl sich bewegen, auch Reminescenzen an die „Schöpfung“ und die „Zauberflöte“ enthalten“. S. zog das Werk selbst zurück, ließ es weder drucken noch je wieder aufführen, obgleich er noch in späteren Jahren eine gewisse Vorliebe dafür festhielt. Als Censur-Curiosum sei bemerkt, daß die Wiener Censur (also schon 1813) im Personen-Verzeichnisse, wie im ganzen Text die Namen Jesus und Maria strich. S. rüstete sich eben, um Wien zu verlassen und seine Kunstreise fortzusetzen, als er von dem damaligen Unternehmer des Theaters an der Wien, Grafen Pálffy, den Antrag erhielt, bei seiner Bühne als Orchester-Director und Capellmeister (neben Seyfried) einzutreten. Die Bedingungen waren glänzend, und Spohr nahm den Antrag an, ging nach Gotha, um seine Entlassung von der dortigen Stelle zu holen und überhaupt seine Angelegenheiten dort zu ordnen, und trat im Mai 1813 in sein neues Amt. Contractlich war er auf drei Jahre engagirt, aber schon im Verlaufe des zweiten Jahres stellten sich solche Differenzen mit dem Grafen Pálffy heraus, daß S. seine Stelle verleidet wurde und bereits schon mit Ende des zweiten Jahres beide Theile den Contract auflösten. Im Frühjahre 1815 verließ Spohr mit seiner Familie Wien, begab sich zunächst auf mehrere Monate nach Schlesien, welche er in der Familie des Fürsten Caroloth verlebte, dann setzte er seine Kunstreisen fort und nahm erst im Herbst 1817 bleibenden Aufenthalt in Frankfurt am Main und die Capellmeisterstelle bei dem dortigen Theater an. Während seines Aufenthaltes in Wien 1813–1815 schrieb S. mehrere Streich-Quartetten und Quintetten, Violinsachen u. s. w.; dann die Oper „Faust“, und zur Feier der Leipziger Schlacht die Cantate: „Das befreite Deutschland“. Weder Oper noch Cantate kamen während S.’s Wirksamkeit in Wien zur Aufführung. Die Cantate, Text von Karolina [217] Pichler, wurde erst im Jahre 1819 aufgeführt, fand aber wenig Anklang – freilich war der politische Enthusiasmus der Bewohner des angeblich „befreiten Deutschlands“ mittlerweile allerdings schon etwas abgekühlt. Der Einbürgerung des „Faust“ auf den Repertoiren widersetzte sich der in der That jämmerliche Text. Als Virtuos hatte sich aber Spohr in den glänzenden Tagen des Congresses in Wien einer reichen Ruhmesernte zu erfreuen. So viel über S.’s Aufenthalt und Componisten Thätigkeit in Wien. Was im Uebrigen den Anklang betrifft, den Spohr’s Compositionen in Wien fanden, so bemerkt Hanslick: daß, während man vor zwei Decennien (um 1830) von einem allzu eifrigen Spohr-Cultus fast warnen mußte, es jetzt (1870) schon einiger Anstrengung bedarf, um die Werke des Meisters von dem Schicksale gänzlichen Verschollens zu retten. Wie weit sich das für Musik maßgebendste Institut Wien’s, nämlich das Conservatorium der Wiener Gesellschaft der Musikfreunde, für Spohr’s Werke interessirte, erfahren wir aus einer Uebersicht der Aufführungen, welche in den Gesellschafts-Concerten seit Bestand der Gesellschaft bis 1869 stattgefunden, und welche der Historiograph der Gesellschaft, C. F. Pohl, zusammengestellt hat. Von S. kamen zur Aufführung: Chöre: Aus dem Oratorium „Die letzten Dinge“ (1829) – „Das Vaterunser“, Solo und Chor (1833) – Aus „Zemire und Azor“ (1815); – verschiedene Gesangmusik: Arien mit Chor aus „Faust“ (1821, 1823, 1835, 1836,1838) – Duett aus „Jessonda(1843); – Symphonien: „Weihe der Töne“ (1855); – Ouverturen: „Jessonda“ (1825) – „Pietro d’Albano“ (1835) – „Faust“ (1844) – „Der Berggeist“ (1860, 1866); – Concertmusik: „Violin- Concert D-moll“ 1. Satz (1821) – „C-Dur 1. Satz“ (1826, 1837) – „Concert für Flöte nach dem 8. Violin-Concert“ (1844) – „Violin-Concert. Gesangsscene“ (1846, 1858). Seine Gattin Dorothea wirkte (1812) in seinen Concerten mit, und zwar spielte sie auf der Harfe meist Musikstücke, welche Spohr selbst für sie geschrieben hatte.

Spohr’s Selbstbiographie (Kassel und Göttingen 1860, gr. 8°.). – Hanslick (Eduard), Geschichte des Concertwesens in Wien (Wien 1869, Braumüller, gr. 8°.), S. 199, 235. – Derselbe, Aus dem Concertsaal. Kritiken und Schilderungen aus den letzten 20 Jahren des Wiener Musiklebens (Wien 1870, Braumüller, gr. 8°.), S. 190 und 377. – Westermann’s Illustrirte deutsche Monatshefte (Braunschweig, gr. 8°.) Bd. XI, S. 39. – Gartenlaube (Leipzig, Ernst Keil, gr. 4°.) Jahrg. 1861, S. 91: Spohr [mit Spohr’s Bildniß. Kniestück: Spohr geigend].
Porträt. Außer den zahlreichen Stichen und Lithographien von Eßlinger (8°.), Fleischmann (4°.), Schlich (Fol.), C. Mayer (kl. Fol.), G. Koch (Lith. gr. Fol.) u. A. sei hier des sehr seltenen Wiener Bildnisses gedackt. Unterschritt: Facsimile des Namenszuges: Louis Spohr, von Kriehuber lithographirt, gedruckt bei J. Höfelich (8°. u. 4°.) – nicht zu verwechseln mit dem weniger seltenen in Folio von demselben Meister.