BLKÖ:Torti, Giovanni

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Tortosa, Franz
Band: 46 (1882), ab Seite: 162. (Quelle)
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Torti, Giovanni (lombardischer Dichter, geb. zu Mailand im Jahre 1774, nach Anderen 1775, gest. zu Genua 15. Februar 1852). Das Leben dieses hervorragenden Poeten aus der Zeit der österreichischen Regierung in Oberitalien läuft im Ganzen so geräuschlos und ohne besonders hervortretende Momente dahin, daß eine Schilderung desselben mit wenig Worten abgethan ist. Am Anfang und Schluß einer sonst friedlichen und einfachen poetischen Laufbahn steht die Revolution, „ein häßlicher Rahmen für ein schönes Bild“, wie, wenn ich nicht irre, Alfred von Reumont treffend bemerkt. Der junge Giovanni hatte sich dem geistlichen Berufe gewidmet, und der berühmte Dichter Giuseppe Parini [Bd. XXI, S. 299[, damals Professor der Beredtsamkeit am Gymnasium der Brera, pflegte öfter zu sagen: „io non ho che un solo scolaro: l’abate Torti. Aber zur Zeit der cisalpinischen Republik zog Torti sein priesterliches Gewand aus und kehrte zum weltlichen Stande zurück, dem er auch treu blieb. Später erhielt er von der kaiserlich österreichischen Regierung den Posten eines Secretärs der General-Inspection der Elementarschulen in der Lombardié und führte so ein stilles, ruhig thätiges, geringem Wechsel unterworfenes, durch glückliche Häuslichkeit verschöntes, dem öffentlichen Unterricht geweihtes Leben, da ihm in seiner Stellung als Secretär die Leitung der mittleren Schulen oblag. Die Milde und Anmuth seines Charakters, die schon aus seinem schönen weißumlockten Haupte zu unserem Herzen sprechen, machten ihn Allen lieb. Da kam die Mailänder Revolution 1848, und der 74jährige Greis schrieb gleich hundert Anderen Verse zur Feier der „fünf Tage“. Es war eine sogenannte patriotische Hymne, die, obgleich vom Volke auf den Plätzen und in den Straßen Mailands gesungen, herzlich [163] schlecht, eines solchen Dichters und Mannes unwürdig, aber „revolutionär“ war. Die Revolution stand in der Mode und stak wie ein gichtischer Fluß Allen in den Gliedern. Man hatte diese Hymne, wenn je beachtet, längst vergessen, als, fünf Monate nach ihrem Erscheinen, Feldmarschall Radetzky in Mailand .einzog. Wie tausend Andere floh auch Torti in den Tagen des Schreckens, dem des Siegers edle Mäßigung bald ein Ende machte. Geflüchtet, wollte er nicht Ja sagen, wo er mit so Vielen Nein gesagt hatte. Der Greis blieb in Genua, wo Freundschaft ihn die Härte des Exils minder fühlen ließ. Dennoch dachte er später an die Rückkehr in die Heimat, die er, eingedenk der glücklichsten Jahre seines langen Lebens, mit schwerem Herzen, nicht ganz zufrieden mit sich selbst, verlassen hatte. Aber die piemontesische Regierung, welcher der seltene Vogel ins Garn gelaufen, wollte eine solche Berühmtheit denn doch nicht mir nichts, dir nichts ziehen lassen, und um ihn an das neue Heim zu fesseln und von demüthigender Abhängigkeit von wohlwollenden Freunden frei zu machen, übertrug sie ihm ein ehrenvolles Amt, nämlich die Leitung der höheren Schule Genuas, des Atheneums, in welcher geachteten Stellung er schon nach wenigen Jahren starb. In dieses im Ganzen wenig bewegte Leben fallen die Arbeiten des Poeten, die ihn berühmt machten und seinem Namen in der Geschichte der italienischen Dichtung eine bleibende Stelle sichern. Als die Franzosen im April 1796 in Italien einbrachen und Bonaparte bei Milesimo (12. April) siegte, trat der 22jährige Dichter zum ersten Male in die Oeffentlichkeit, und zwar mit seinem „Canto alla libertà“. Die Träume oder richtiger die Visionen seines Freiheitsgesanges erfüllten sich nicht. Friedlicher klang sein „Idillio scritto da Lecco“, welchem er nach dem Hinscheiden seines geliebten Lehrers Parini das Gedicht „La visione su Parini“ folgen ließ. Aber seine bisherigen Schöpfungen waren mehr oder weniger unbeachtet geblieben; erst die „Epistola sui Sepolcri a Giambattista de Cristoforis“ richtete die öffentliche Aufmerksamkeit auf den Poeten. Es war ein Wagniß, nachdem Ugo Foscolo [Bd. IV, S. 302] und Pindemonte denselben Stoff mit Meisterschaft behandelt hatten, sich das gleiche Thema zum Vorwurf seiner Muse zu wählen. Aber er that es mit vollem Bewußtsein seines Wagnisses „Impresa ardua affrontammo“, – sagt er selbst – „versi, onde l’alterà splende | di feral luce anima d’Ugo, e quelli | Con che Ippolito i cuori ange e consola“. Aber auch nach Foscolo und Pindemonte wurden und werden heute noch Torti’s Verse gelesen und bewundert. Wenn seine „Sepolcri“ auch nicht den vollen Eindruck eines selbständigen in sich abgeschlossenen Kunstwerkes hervorbringen können, weil ja eben sein Gedicht in steter Beziehung zu jenen den nämlichen Gegenstand behandelnden der zwei genannten Poeten steht, so erhebt es sich doch zu voller Begeisterung und steht als drittes den beiden ebenbürtig zur Seite. Dem Gedichte auf die Gräber folgte: „Oinamora“, eine Uebersetzung in Terzarima nach Ossian; dann „Il Carme sulla Passione di Gesù Cristo“, welches Einige dem Lactanz Firmianus [Bd. IV, S. 234] zuschreiben; in Terzinen verfaßt, zählt es zu den Perlen italienischer religiöser Dichtung; hierauf erschien der „Sermone sulla Poesia“, ein didaktisches Gedicht in Terzinen über [164] die verschiedenen Dichtungsarten; die Novelle in Versen: „La torre di Capua“, welche in Cesare Borgia’s Zeit spielt und worin unserem Torti des Tommaso Grossi [Bd. V, S. 370] vielbewunderte „Ildegonda“ zum Vorbild diente. Noch folgten „Scetticismo e Religione“, die „Epistola in morte di sua moglie“ und endlich die drei Episteln „Una conversione in Roma“, das letzte Gedicht, das Torti geschrieben, in welches, so reich es an einzelnen Schönheiten ist, ein schreiender Mißton sich eingeschlichen hat, ein Mißton, den der Verfasser kaum beabsichtigt haben mag. Gegen die in der Wärme des Affectes und der edlen Einfachheit höchst wirksame Schilderung der Erscheinung Pius’ des Neunten, den er an der Seite eines jungen Priesters, in welchem man den in den Jahren 1848 und 1849 vielgenannten frühverstorbenen Monsignore Corboli-Bussi leicht erkennt, dahin schreiten läßt, bildet einen grellen und fast erbitternden Contrast die Anspielung auf die Flucht nach Gaeta und auf Roms Belagerung und Einnahme. Dies Gedicht wurde von der Congregation des Index verdammt, wozu wohl, mehr als das Gemisch von Religion und Politik, die allerdings zum mindesten seltsame religiöse Argumentation an sich Anlaß gegeben hat. Mit diesen Werken, an welche sich ein Kranz kleinerer, aber, wie es scheint, nie gesammelter Gedichte anreiht, ist die dichterische Thätigkeit Torti’s erschöpft. Unser Poet ist ein Schüler Parini’s, wie er sich auch selbst dazu bekennt. Zunächst erkennt man sein Vorbild in den reimlosen Versen – versi sciolti – in denen die bedeutendsten seiner Dichtungen verfaßt sind. Die Reform des verso sciolto aber ging von Parini aus. Die damalige Zeit, die Zeit der Blüte der österreichischen Regierung, welche vor- und nachher Dichterkräfte zeitigte, wie sie alle anderen Staaten Italiens insgesammt nicht besaßen, wir nennen beispielsweise: Ugo Foscolo [Bd. IV, S. 302], Manzoni [Bd. XVI, S. 406], Monti [Bd. XX, S. 56], Tommaso Grossi [Bd. V, S. 370], Parini [Bd. XXI, S. 209], Cesarotti [Bd. II, S. 327]; Barbieri [Bd. I, S. 153], Algarotti [Bd. I, S. 13], Carli-Rubi [Bd. II, S. 281], schildert Alfred von Reumont: „Parini trat auf, die Wirkung, welche er mit den ersten Theilen seines classischen Gedichtes „Il Giorno“ hervorbrachte, war großartig. Gegenstand desselben ist die Schilderung der Lebensweise des Mailändischen Adels in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts. Es war die Zeit, in welcher die Lombardei reich, blühend, friedlich, verdachtlos und glücklich war, wie sie nie gewesen, die Zeit Maria Theresias, eine Zeit, die freilich neben ihren Segnungen alle moralischen Nachtheile der zu großen Sicherheit, des zu sehr angehäuften Reichthums, des zu bequemen Lebens, der zu laxen Duldung, kurz des Es-zugut-habens in langem Frieden mit sich führte, dem gegenüber die Menschennatur zu schwach ist; die classische Zeit der galanten Frauen, der Cicisbeen und Cavalierserventen, der anakreontischen Poeten, der ungeistlichen Abbaten, der Abenteurer à la Cagliostro und Casanova, der venetianischen Carnevalsintriguen und Goldoni’schen Komödien – die Zeit, um’s kurz zu machen, von dem, was man sich unter dem Namen Italien dachte, bis die Revolutionen kamen, welche zu der Entdeckung führten, daß Italien ein geographischer Begriff [165] sei. Aus dieser Zeit gingen Parini und sein Schüler Torti hervor. Aber auch Foscolo und Manzoni lassen in ihren Dichtungen ziemlich deutlich Parini’s Einfluß erkennen“. Torti, wie obige Uebersicht seiner poetischen Arbeiten zeigt, hat sich in mancherlei Dichtungsarten versucht. Am meisten Glück hatte er in der poetischen Epistel und in der didaktischen Gattung, für welche auch seine Schreibart sich am meisten eignet, die bisweilen, was bei italienischen Poeten öfter vorkommt, in kunstreichen und gewählten, um nicht zu sagen verdrehten und naturwidrigen Wortstellungen mehr denn billig und angenehm einherschreitet. Torti ist kein Dichter von großer Originalität, mit kühnem Fluge und überraschenden Effecten: er war ein Dichter der festen, aber milden Moralphilosophie und des stillen frommen Affects, tieffühlend und zart, ja beinahe scheu im Ausdrucke dieser Gefühle, denen man es leicht anmerkt, daß sie bei ihm nicht auf der Oberfläche liegen. Noch sei bemerkt, daß Torti’s sämmtliche im Druck erschienene Dichtungen während seines langjährigen Aufenthaltes in der Lombarden-Hauptstadt entstanden sind. Als er, ein Greis, in Genua eine Zufluchtstätte gefunden, begann er eine größere Dichtung, deren Held eine Persönlichkeit der Zeitgeschichte (Karl Albert?) war, „lavoro“, wie Professor Zonca da schreibt, „di grave importanza e di bellezza superiore, come dicono quanti lo hanno letto”, aber der Tod nahm dem Dichter[WS 1] den Griffel aus der Hand, ehe das Werk vollendet war. Bald nach Torti’s Hinscheiden ergriff die Redaction des in Mailand herausgegebenen Blattes „L’Italia musicale“ die Initiative – weil kein Anderer in dieser Angelegenheit das Wort ergreifen wollte, wie es im Aufrufe des Blattes heißt – zur Errichtung eines Denkmals in Mailand auf Torti; auch traf man in Genua, wo er gestorben, Vorbereitungen zu einem solchen. Wie weit es mit beiden Projecten gediehen, ob in beiden Städten Denkmäler des Dichters Andenken der Zukunft bewahren, ist mir nicht bekannt. Auch kann ich nicht sagen, ob unser Poet verwandt mit dem berühmten Modenenser Arzt Franz Torti (geb. zu Modena 1. December 1658, gest. im März 1741), über den erst in neuerer Zeit eine Monographie erschien unter dem Titel: „Della vita e delle opere di Francesco Torti Dissertazione inaugurale che presentava Canale Gaetano di Appiano Prov. di Como onde ottenere la laurea dottorale in Medicina ec. ec.“ (Pavia o. J. (1858), Fratelli Fusi, Lex. 8°., 49 S.).

Cosmorama pittorico (Mailänder ìllustr. Blatt, kl. Fol.) Anno II, 13. Marzo 1852, Nr. 21, S. 82: „Giovanni Torti“. – L’Italia musicale. Giornale dei teatri, di letteratura ecc. (Milano, kl. Fol.) 1852, Nr. 17: „Profili letterarii artistici“. – Maffei (Giuseppe). Storia della letteratura italiana dall’origine della lingua sino a’ nostri giorni (Milano 1834, Società tipogr. de’ classici italiani, 8°.) tomo IV, p. 17 und 87.
Porträt. Kniestück. Lithographie im „Cosmorama pittorico“, 1852, Nr. 21.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Dicher.