BLKÖ:Zinzendorf, Karl Graf

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Zinsler, Karl
Band: 60 (1891), ab Seite: 160. (Quelle)
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Zinzendorf, Karl Graf (Staatsmann, geb. zu Dresden 5. Jänner 1739, gest. zu Wien 5. Jänner 1813). Der Sproß eines alten österreichischen Adelsgeschlechtes, über welches die Quellen nähere Kunde geben. Er war ein Sohn des Grafen Friedrich Christian aus dessen zweiter Ehe mit Sophie geborenen Gräfin Gallenberg und ein Neffe des berühmten Bischofs der mährischen Brüder, Grafen Nicolaus Ludwig. Frühzeitig entwickelten sich bei ihm seltene Geistesgaben, und in seinen Knabenjahren waren Geographie, Geschichte und Sternkunde seine Lieblingsbeschäftigungen. Auch Botanik trieb er mit Eifer und sammelte auf seinen Spaziergängen Pflanzen, die er zu Hause symmetrisch und systematisch ordnete. Nachdem er sorgfältig erzogen worden, bezog er 1757 die Hochschule in Jena und widmete sich mit rastloser Thätigkeit den Wissenschaften, bis er 1761 seine literarische Bildungsbahn auf der Universität vollendet hatte. Einen Antrag, in kursächsische Dienste zu treten, lehnte er ab und ging nach Wien, wo ihm 1762 die Stelle eines k. k. Kammerrathes verliehen wurde. In dieser Eigenschaft hatte er mehrere Commercialreisen auszuführen. Die erste brachte ihn nach Danzig, spätere nach Tirol und der Schweiz. In letzterem Lande wurde er mit Rousseau, Voltaire und Haller bekannt und die ökonomische Gesellschaft in Bern nahm ihn als ihr Ehrenmitglied auf. Dann reiste er über Montpellier, Toulouse, Avignon, Marseille, Toulon nach Antibes und zur See nach Italien, wo er Genua, Turin, Mailand, Neapel und Rom besuchte. Auf der Insel Malta machte er die zur Aufnahme in den deutschen Orden erforderliche Karavane auf den Schiffen des Johanniterordens mit. Nach dieser längeren Reise kehrte er über Triest und Fiume nach Wien zurück. Nach kurzer Rast trat er wieder eine große Reise an, welche ihn nach den Niederlanden und über Frankreich nach Spanien und Portugal führte. In letzterem Lande leitete er zu Lissabon einige Zeit die Geschäftsangelegenheiten des [161] kaiserlich österreichischen Hofes. Nun schiffte er sich wieder ein, segelte nach England, besuchte Schottland und lernte auf dieser Fahrt Hume und Robertson kennen, dann ging er über Frankreich, nachdem er noch die Normandie und Bretagne bereist hatte, nach den Niederlanden und Holland. Im Jahre 1770 begab er sich über Göttingen, Hannover und Hamburg nach Berlin, wo er in Sanssouci dem Könige vorgestellt wurde, ging dann nach Mergentheim, wo er den Ritterschlag des deutschen Ordens empfing, und kehrte nun nach Wien zurück. Im letztgenannten Jahre zum Hofrath befördert, bereiste er in dieser Eigenschaft 1771 und 1772 die deutschen und ungarischen Erblande, worauf er nach seiner Rückkunft die Würde eines k. k. geheimen Rathes erhielt. Im Jahre 1774 ward ihm der Auftrag, Galizien und die Bukowina zu bereisen, und von da aus setzte er seine Commercialreisen nach Warschau, Moskau, Petersburg, Stockholm, Kopenhagen und Hamburg fort. Von Stockholm aus besuchte er die Kupfer- und Eisenwerke zu Dannemora und Fahlun, die Seehäfen Gefle und Karlskrona und mehrere in naturgeschichtlicher und wissenschaftlicher Hinsicht merkwürdige Gegenden. In Upsala suchte er auch den großen Naturforscher Linné auf. 1776 wurde er zum Gouverneur, Civilhauptmann und Militärcommandanten der Stadt und des Seehafens Triest ernannt. 1782 berief ihn Kaiser Joseph II. nach Wien und verlieh ihm am 8. April dieses Jahres die Stelle eines Präsidenten der Rechnungs-Hofkammer und der Steuerregulirungs-Hofcommission. In dieser Eigenschaft war der Graf in verdienstvollster Weise ein Jahrzehent thätig, bis ihn 1792 Kaiser Franz zum Staatsminister des inneren Staatsrathes und am 30. Jänner 1800 zum niederösterreichischen Landmarschall ernannte. Am 12. April 1801 erhielt er bei dem Hoch- und Deutschmeister-Orden die Stelle eines wirklichen Landcomthurs der Ballei Oesterreich. Am 7. Juni 1808 vom Kaiser zum dirigirenden Staats- und Conferenzminister erhoben, blieb er in dieser Stellung bis zum Jahre 1809, in welchem eine Veränderung des geheimen Staatsrathes vorgenommen wurde. Obwohl von zartem Körperbau und schwacher Gesundheit, welche bei seinen angestrengten Geschäften und früheren vielen Reisen nicht gerade Förderung fand, erreichte er doch das Alter von 74 Jahren. Zinzendorf zählt zu den Staatsmännern der theresianische-josephinischen Periode, welche sich durch großes Pflichtgefühl und volles Bewußtsein des Staatszweckes kennzeichnen. Seine Kenntnisse hatte er auf den vielen Reisen – denn außer der Türkei hatte er ganz Europa besucht und mit offenem Blick alle bürgerlichen, stadtlichen und commerciellen Verhältnisse sorgfältig studirt – ungemein und nach den verschiedenartigsten Richtungen bereichert und sich einen klaren unbefangenen Blick in den verschiedensten Lebenslagen bewahrt. Er schätzte Wissen und Wissenschaft hoch und stand mit ausgezeichneten Gelehrten in beständigem Briefwechsel. Durch und durch Aristokrat, war er auch darauf bedacht, unter den Edeln wirklich der edelste zu sein. Von frühester Jugend an ein thatenreiches Leben gewöhnt, führte er nicht nur ein ausführliches Tagebuch über seine ganze Thätigkeit, sondern machte auch Aufzeichnungen über die großen Ereignisse der Zeit, in der er lebte, und schrieb, unterstützt durch die reichen und [162] gediegenen Kenntnisse, welche er besaß, viele wissenschaftliche Aufsätze, die in verschiedenen Journalen abgedruckt wurden. Selbst einer alten und bedeutenden Familie angehörend, sammelte er mit großem Eifer alle dieselbe betreffenden Urkunden, welche er in drei Foliobänden seinem Großneffen, dem Grafen von Baudissin, hinterließ. Wie oben erwähnt, ein Freund der Wissenschaften, besaß er selbst eine reiche alle Gebiete des menschlichen Wissens und alle Länder umfassende Bücher- und Landkartensammlung, welche er dem Hoch- und Deutschmeister-Orden der Ballei Oesterreich vermachte. Die Hofbibliothek aber gelangte infolge seiner Verfügung in den Besitz aller seiner Ausarbeitungen in den verschiedenen Fächern der öffentlichen Staatsverwaltung, die während eines fünfzigjährigen Dienstlebens aus seiner Feder geflossen und die stattliche Zahl von 116 Foliobänden umfassen. Das Leben dieses kenntnißreichen und vorurtheilsfreien Staatsmannes verdiente wohl eine nähere Darstellung, man gewänne daraus nicht nur das Bild einer ereignißreichen wechselvollen Zeit, wie sie sich in seinen Augen darstellte – hatte der Graf doch unter vier Monarchen, Maria Theresia, Joseph II., Leopold II. und Franz I. gedient – sondern auch einen Einblick in die Seele eines Mannes, der Gewissenhaftigkeit, reiche Menschen- und Länderkenntniß und ein vom bureaukratischen Zunftgeist freies Urtheil mit Gerechtigkeit, Billigkeit und Pflichtgefühl, worin er selbst ein glänzendes Muster war, vereinte. Als Nationalökonom entschiedener Freihändler, vertrat er bei allen Gelegenheiten unentwegt seinen freihändlerischen Standpunkt. In letzterer Hinsicht entwirft Professor Adolf Beer über ihn eine höchst interessante in den Quellen angeführte Studie. Die Grabschrift, die der Graf selbst verfaßt hat, gibt einigermaßen eine Silhouette dieses Kraftmenschen, und daher theilen wir auch dieselbe unten mit. Der Graf, der unvermält geblieben, war der letzte seines Stammes, der über ein halbes Jahrtausend geblüht.

Grabdenkmal des Grafen Karl von Zinzendorf. Des Grafen Leiche wurde auf der Familienherrschaft Karlstetten im V. O. W. W. mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten beigesetzt und über seinem Grabhügel eine schwarze Marmortafel mit folgender von ihm selbst verfaßten Grabschrift angebracht. Lucas 19. v. 10. |In der heiligen Stille des Grabes | ruhet hierneben die sterbliche Hülle | Johann Karl Christian Heinrichs | des heil. R. R. Reichsgrafen und Herrn von Zinzendorf und Pottendorf, Oberst-Erbland-Jägermeisters in Oesterreich unter der Enns, Herrn der Herrschaften Karl- | stetten, Toppl und Wasserburg, Lehenträgers des gräflich | Zinzendorfischen Lehenhofs in N. Oesterreich, | des letzten aus einem uralten | Niederösterreich. Herrn-Standes Geschlechte, | welches in dem Viertel O. W. Wald | seit dem zwölften Jahrhunderte geblüht, | Er war ein Sohn zweiter Ehe | Friedr. Christians, Gr. u. H. v. Zinzendorf und Potten- | dorf von Christianen, Sophien, geb. Gräfin von Gal- | lenberg geboren zu Dresden den 5. Jänner 1739 | starb zu Wien den 5. Jänner 1813, | trat in den hohen teutschen Ritterorden 1765, | ward zu Mergentheim eingekleidet 1770, | Landcomthur der Ballei Oesterreich 1801, | Seine Wallfahrt war thätig und arbeitsam. | Ganz Europa, Constantinopel ausgenommen, durchreiste | er zu Land und zur See, diente vier aufeinander gefolgten Beherrschern der Oesterreichischen Monarchie | Marien Theresien, Joseph dem II., Leopold | dem II., Franz dem Ersten | als k. k. Kämmerer, Hofrath und wirkl. geh. Rath | als Gouverneur zu Triest, | als Hof-Rechen-Kammer-Präsident, | als Staats- und Conferenz-Minister in inländ. Geschäften, | durch eine Zeit als dirigirender St. u. K. Minister, | auch als niederösterreich. Land-Marschall | und als Präsident des Josephin. Steuer-Peräquat-Versuchs. [163] | Sein stetes Bestreben war, Liebe und Achtung zu verdienen, | Die sechzehn Ahnen sind folgende: väterliche: Zinzendorf, Zelcking, Dietrichstein, Kheven (Hüller), Teufel, Concin, Volkra, Zinzendorf; mütterliche: Gallenberg, Bodenhausen, Donna, Friesen, Einsiedel, Lützelburg, Streif von Lauenstein.
Quellen. Vaterländische Blätter für den österreichischen Kaiserstaat (Wien, 4°.) 1813, S. 44: „Nekrolog“. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien, 8°.) Bd. VI, S. 251. – Oesterreichische Biedermannschronik. Mit einem Anhange versehen (Freiheitsburg [Linz] 1784, Gebr. von Redlich, 8°.) S. 210, 251. – Der österreichische Staatsrath (1760–1848). Eine geschichtliche Studie... Von Dr. Karl Freiherrn von Hock aus dessen literarischem Nachlaß fortgesetzt und vollendet von Dr. Herm. Ign. Biedermann (Wien 1879, gr. 8°.) S. 145 u. f. [das Register gibt alle Seitenzahlen, wo seiner Thätigkeit Erwähnung geschieht]. – Neue Freie Presse (Wiener polit. Blatt) 20. Juli 1888, Nr. 8586: „Ein österreichischer Freihändler – im achtzehnten Jahrhundert“. Von Prof. Dr. Adolf Beer. – Pettenegg (Ed. Gaston Graf). Ludwig und Karl Grafen und Herren von Zinzendorf, Minister unter |Maria Theresia, Joseph II., Leopold II. und Franz I. Ihre Selbstbiographien nebst einer kurzen Geschichte des Hauses Zinzendorf. Mit zwei phototyp. Porträts und 12 Stammtafeln (Wien 1879, 295 S., gr. 8°.).