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BLKÖ:Richter, Franz Xaver Johann

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Richter, Franz Xaver
Band: 26 (1874), ab Seite: 44. (Quelle)
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17. Richter, Franz Xaver Johann (Schriftsteller, geb. zu Hotzenplotz, einer mährischen Enclave des Troppauer Kreises, 18. August 1783, gest. zu Wien 24. Mai 1856). Seinen Vater – Johann – verlor er, als derselbe im besten Mannesalter stand, die Mutter – Magdalena, geborne Gebauer – verschied in hohem Greisenalter in den Armen ihres Sohnes im Jahre 1832. Unter sieben Geschwistern war er der Erstgeborne. Den ersten Unterricht erhielt er an der Stadtpfarrschule seines Geburtsortes, wo er nebst dem Gesange auch das Violin- und Clavierspiel lernte. Da der Knabe eine [45] beachtenswerthe Begabung bewies, entschloß sich der Vater auf das Zureden des Pfarrers, ihn im Jahre 1793 an das Gymnasium zu Oppeln zu schicken, in welcher Stadt er Verwandte hatte. An dieser, von den PP. Jesuiten geleiteten Anstalt machte er erfreuliche Fortschritte und verlegte sich nebst den classischen Studien auf italienische und französische Sprache, die er auch in der Folge mit besonderer Liebe pflegte. Nach beendetem[WS 1] Gymnasium ging er an die philosophische Studienabtheilung nach Olmütz. Da sich in der Zwischenzeit die Vermögensverhältnisse zum großen Nachtheile der Familie verändert hatten, mußte Richter durch Musikunterricht und sonstiges Stundengeben während der Studienzeit sich durchhelfen. Diese Verhältnisse bestimmten ihn, seinen Lieblingsplan, sich dem Studium der Medicin zu widmen, aufzugeben und sich der Theologie zuzuwenden. Nach seiner Ordination zum Priester (August 1806) kam er nach kurzer Verwendung in der Seelsorge bei St. Mauritz in Olmütz als Caplan nach Wildgrub (Bezirk Freudenthal). In dem einsamen Gebirgsdörfchen widmete er all seine freie Zeit hauptsächlich den historischen Studien, welche er dann nebst den Sprachwissenschaften bis an sein Ende mit unermüdetem Eifer betrieb. Von hier kam er auf kurze Zeit nach Teschen und im Jahre 1808 erhielt er die Lehrkanzel für Geographie und Geschichte am Brünner Gymnasium. Jetzt war er so recht in seinem Elemente, und mit Eifer und Ausdauer betrat er das Gebiet der österreichischen Geschichtsforschung. Die verbesserten äußeren Verhältnisse setzten ihn noch in die Lage, für die Ausbildung seiner jüngeren Brüder (Karl und Theodor) zu sorgen. Im Herbste 1815 erhielt er die Professur der Weltgeschichte am Lyceum zu Laibach. Im Besitze eines umfassenden Wissens, voll reger Thatkraft und Liebe für seine neue Heimat, arbeitete er nun für die Aufhellung der Geschichte Innerösterreichs in einer Weise, welche ihm einen ehrenden Platz unter den Historikern Krains sichert. Mit großem Eifer durchsuchte er Archive (insbesondere hat er sich bei der Ordnung des reichen ständischen Archives zu Laibach Verdienste erworben), sammelte mit Bienenfleiß und bearbeitete manche dunkle Partie in der Geschichte. Als der Mäcenas Innerösterreichs, der um alle Zweige geistiger Thätigkeit so hochverdiente Erzherzog Johann zur Geburtsfeier seines kaiserlichen Bruders Franz I. am 12. Februar 1812 die wissenschaftliche Preisfrage „über Innerösterreichs Geographie und Geschichte im Mittelalter“ aufgeworfen hatte, betheiligte sich auch Richter, und zwar in hervorragender Weise an dieser „brennenden Frage des Tages“. R. war nicht bloß auf dem Gebiete strenger Wissenschaft thätig, auch die Belletristik und ein wenig Politik lagen in dem Bereiche seiner Beschäftigung, da er durch fast ein Decennium Redacteur der „Laibacher Zeitung“ und des belletristischen „Illyrischen Blattes“ gewesen ist. Nach der Reoccupation Illyriens erstand als Beilage zum officiellen politischen Blatte das „Laibacher Wochenblatt“, welches – von dem Schriftsetzer Paul Deinzer redigirt – ein kümmerliches Leben von unberechtigtem Nachdruck fristete. Nachdem aber Richter die beiden Blätter in die Hand genommen, suchte er einen feineren Geschmack, ein edleres Streben, wahrhafte „Belehrung und Unterhaltung“ darin an den Tag zu legen; allein er stand fast vereinsamt da. Im Jahre 1817 erließ er einen Aufruf [46] an alle Freunde der Literatur und des Vaterlandes, sich zu dem gemeinsamen Zwecke – Hebung der heimatlichen Literatur und Vaterlandskunde – „um ihn zu schaaren;“ – allein, sie schaarten sich nicht um ihn, er fand sogar zahlreiche Widersacher. Doch Richter ermüdete nicht. Er gab ihm Jahre 1819 dem erwähnten „Wochenblatte“ den Namen „Illyrisches Blatt“, welches durch volle dreißig Jahre schätzenswerthe Beiträge im Interesse des Landes und der Wissenschaft aufspeicherte, und insbesondere sind die Jahrgänge unter Richter’s Redaction reich an historischen und topographischen Aufsätzen. Eine besondere Stütze fand R. bei seinen wissenschaftlichen Bestrebungen an dem damaligen Gouverneur Freiherrn von Schmidtburg, der die Seele und die thätige Triebkraft alles Nützlichen, Guten und Schönen in Krain gewesen ist. Schmidtburg war es auch, dem Richter seine Ernennung zum Universitäts-Bibliothekar in Olmütz (im Jahre 1825) zu danken hatte, und dieser Staatsmann unterhielt mit R. auch in der Folge freundschaftlichen Briefwechsel und literarischen Verkehr. In Olmütz angekommen, nahm er seine durch Gicht gelähmte Mutter zu sich und pflegte sie bis zu ihrem Tode, zugleich unterstützte er alle seine Geschwister, insbesondere sorgte er väterlich für seinen Neffen – Eduard Richter – den er studiren ließ und dem er viele Stunden im belehrenden Unterrichte widmete. In dieser neuen, seinen Studien und seinen Bestrebungen so homogenen Stellung (1825–1844) entwickelte R. eine rastlose Thätigkeit, worin der Cardinal-Erzbischof Rudolph ihn freundlichst aufmunterte und förderte. Als Baccalareus der Theologie entschloß er sich (wegen Ursachen mannigfacher Art), erst im 33. Lebensjahre das theologische Doctorat zu nehmen. Nebst den oberwähnten Sprachen betrieb er jetzt noch Englisch, Ungarisch und Sanskrit; diese angestrengte Thätigkeit rieb ihn nach und nach auf. Die öfters nachgesuchte Pensionirung erfolgte sodann mit dem Ausdrucke der Allerhöchsten Zufriedenheit über seine treuen, langjährigen Dienste im Herbste 1844. Nun verließ er Olmütz „voll des vielen Bittern seiner zahlreichen Widersacher, die seine Thätigkeit hervorgerufen.“ Laibach aber war ihm noch immer unvergeßlich, und er hatte den Plan, zur Zeit der Pensionirung dorthin zu übersiedeln, wenn seine fortwährende Kränklichkeit und der weite Weg nicht für Wien entschieden hätten. Mit besonderer Liebe hing er an Krain, wohin ihn eine nie zu stillende Sehnsucht zog. Im Alter von 73 Jahren erlag er seinem Lungenübel. Sein Grab deckt am Schmelzer Friedhofe in Wien ein eisernes Kreuz. Richter’s schriftstellerische Arbeiten sind, die selbstständigen: „Lyrische Versuche“ (Brünn 1811), ohne Belang; – „Empfindungen für Oesterreichs Helden“ (ebd. 1809?); – „Gesang“ (ebd. 1813); – „Loblied auf den Kaiser Franz“ (1816); – Austria Erit In Orbe Ultima“ (Laibach 1818); – „Sigmund Zois, Freiherr von Edelstein. Eine Biographie“ (Laibach 1820); – „Cyrill und Method, die Apostel der Slaven“ (1825), diese Arbeit ist Sr. kais. Hoheit dem Cardinal Rudolph gewidmet [die Recension darüber steht in Hormayr’s „Archiv“ 1825, S. 354 und S. 520–522; die Entgegnung von Richter ebendaselbst 1826, Nr. 28; die Widerlegung von Dobrowsky ebendaselbst 1826, Nr. 44); – „Series episcoporum Olomucensium“ mit dem „testamentum Brunonus episcopi“ im Anhange (Olmütz 1831), auf Kosten des [47] Cardinal-Erzbischofes; – „Die ältesten Original-Urkunden der Olmützer Kirche“ (ebd. 1831); – „Die Olmützer Kirche in den Tagen der Stürme und Gefahren“ (ebd. 1831); – „Oesterreichische Gnomen“ (ebd. 1836); – „Wissenschaftskunde“ (Wien 1847); – „Die Tröstungen des Herrn“ (1847); – in wissenschaftlichen Zeitschriften zerstreut, und zwar in Hormayr’s Archiv, 1815, Nr. 96, 100: „Die Zierotine“; – Nr. 102: „Mähren unter Ferdinand II.“; – Nr. 146, 148: „Swatoplok und das groß-mährische Reich“; – 1816: Nr. 44, 46: „Bruno, Bischof von Olmütz“; – Nr. 46, 48, 53, 33: „Die Hußiten in Mähren“; – Nr. 121, 125, 127, 129, 134, und 1825, Nr. 96: „Die Quaden“; – 1817, Nr. 73: „Ueber Zventobolch“; – 1818, Nr. 1, 2, 3: „Die krainischen Slaven im Mittelalter“; – Nr. 33: „Kaiser Friedrich in Krain“; – Nr. 111: „Mähren vom Jahre 375–527“; – „Die Gallenberge in Krain“; – 1819, Nr. 15–28: „Zur Geographie und Geschichte Innerösterreichs im Mittelalter“; Nr. 56–64: „Beiträge zur Geschichte Krains“; – Nr. 79–87: „Illyrische Grenzhelden“; – Nr. 83–90: „Die Sumpfaustrocknung im österreichischen Staate“; – 1821 und 1830: „Die Auersperge in Krain“; – 1822, Nr. 27 bis 96: „Zur Geschichte von Krain, Istrien und Friaul im Mittelalter“; – Nr. 131: „Die Moosburg des Privina“ [siehe auch 1814, Nr. 26, und „Wiener Jahrbücher“, XXV. Bd.; „Wiener Zeitung“ 1844, Nr. 126]; – 1823, Nr. 29 bis 101, und 1824, Nr. 32–45: „Zur Geographie und Geschichte von Krain, Istrien und Friaul im Mittelalter“; – 1825, Nr. 2–38: „Friaul unter longobardischer Herrschaft“; – Nr. 83–94: „Die Einfälle der Ungarn in Carantanien und Italien“; – 1826, Nr. 28: „Ueber das urkundlich älteste mährische Kirchengut“; – Nr. 95, 111, 120, 130, 149: „Christian Hirschmentzel, biographische Skizze“; – 1827: „Zur Geschichte der Städte und Märkte in Krain“; – 1829 und 1836: „Zur Geschichte der Stadt Laibach bis zur Gründung des Bisthums (1461)“; – 1830, Nr. 27, 28: „Zur Geschichte von Mähren und Schlesien“; Nr. 43, 119, 137, 138: „Zur Geschichte der mährischen Literatur“; – 1835, Nr. 24–26: „Urolph. Bischof von Lorch, und seine österreichisch-mährische Diöcese“; – Nr. 66–72: „Die Hußiten in Mähren“; nebst diesen größeren Abhandlungen finden sich im genannten Archive noch viele kleinere Aufsätze von Richter; – im Taschenbuch für die Geschichte von Mähren und Schlesien, 1826: „Auszug einer kritischen Geschichte des großmährischen Reiches“, wozu er reiche Materialien gesammelt hatte. Die vollständige Herausgabe dieses Werkes erfolgte aus wichtigen Gründen nicht, und noch 1855 schrieb er darüber: „Möge es ein Anderer versuchen, dieses Werk zu liefern“ [die kritische Beleuchtung dieser Arbeit von Dobrowsky enthält die Prager deutsche Museums-Zeitschrift. Februar 1827, S. 53–64); – 1827, S. 55–104: „Die Luxemburger in Friaul“; – 1829, S. 3–69: „Die Olmützer Kirche in den Tagen der Stürme und Gefahren“; – in der steirischen Zeitschrift 1834: „Ueber das concentrische Zusammenwirken in der innerösterreichischen Geschichtsforschung“, und 1836: „Der Lavanter Bischof Stobäus“; – in den Wiener Jahrbüchern der Literatur, 89. Bd.: „Die Wanderungen der Longobarden“; – im Archiv für Kärnten von Ankersofen, 1849 und 1850: „Die vier Moosburgen des Privina“; – im Archiv [48] für Kunde österreichischer Geschichtsquellen, II. Bd., 3, u. 4. Heft. 1849: „Prologus Johannis pauperis etc.“; – im Notizenblatt der kais. Akademie der Wissenschaften in Wien, 1851, S. 195: „Testament des Markgrafen Johann von Mähren. 1371“ – und in den Mittheilungen des historischen Verein für Krain, 1851“: „Beiträge zur Kirchengeschichte von Krain“. An Manuscripten hinterließ Richter: Weltgeschichte, – Numismatik, – Heraldik, zum Gebrauche bei Vorlesungen, – Geschichte des großmährischen Reiches, Quellenstudium über Markomanen und Quaden, – Donauchronik, – Geographie von Mähren, – im Jahre 1839–1840 dictirte er seinem obgenannten Neffen Eduard R. die „Kirchengeschichte Krains und des österreichischen Küstenlandes“, – das Leben des seligen Sarkander nebst einigen Biographien berühmter Mährer. Einige Wochen vor seinem Tode schickte er an Vincenz Klun eine „Quellensammlung zur Geschichte der Grafen von Auersperg“, – „Quellensammlung zur Geschichte des Jesuiten-Collegiums in Laibach“, – „Materialien zur Topographie von Nord-Illyrien“, – „Verschiedene Documente zur Geschichte der Reformation in Innerösterreich“. Was mit diesen Schriften geschehen, ist dem Herausgeber dieses Lexikons nicht bekannt. Was nun den wissenschaftlichen Werth der historischen Arbeiten Richter’s betrifft, so sind dieselben als Resultat der ihm eben zugänglichen Quellen zu betrachten, Manches davon ist durch die in der späteren Zeit aufgeschlossenen Quellen in ein neues Licht getreten, auch scheint die pietistische Richtung, welche Richter in seinen späteren Jahren eingeschlagen, seinen historischen Blick getrübt und seine unverholene Abneigung gegen sogenannte Hyperkritiker, wie Dobrowsky u. A., in der kritischen Sichtung des ihm zugänglichen Stoffes ihn befangen gemacht zu haben. So sind z. B. seine „ältesten Urkunden der Olmützer Kirche völlig unkritisch und voll irriger Angaben, und seine Wiederausgabe der Series Episcoporum Olomucensium nur ein Wiederabdruck des mageren und unkritischen Katalogs von Augustin (gest. 1513) mit einigen Zusätzen aus Ziegelbauer u. A., welche den Werth des Werkes nicht eben erhöhen. Aber im Ganzen zeigte R. zu einer Zeit, in welcher man dergleichen und Alles, was nach Geschichte roch, mit schiefen, ja mißtrauischen Blicken ansah, das redliche Streben, den alten Schutt aufzuräumen und Licht in das Dunkel der Vergangenheit zu bringen.

Der Aufmerksame (Gratzer Unterhaltungsblatt) 1857, Nr. 14: „F. X. Richter. Eine biographische Skizze“, von Prof. Dr. Klun. – Blätter aus Krain. Beilage zur Laibacher Zeitung (Laibach, 4°.) 1857, Nr. 16: „Fr. X. Richter“. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1835, 8°.) Bd. IV, S. 381, und Bd. VI, Suppl, S. 586. – d’Elvert (Christian), Historische Literaturgeschichte von Mähren und Oesterreichisch-Schlesien (Brünn 1850, 8°.) S. 340. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliogr. Institut, gr. 8°.) Zweite Abtheilg. Bd. V, S. 11783, Nr. 33.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: beendem.