Das Dörfchen (Bürger)

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Autor: Gottfried August Bürger
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Titel: Das Dörfchen
Untertitel:
aus: Gedichte, S. 55–62
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: 1771
Erscheinungsdatum: 1778
Verlag: Johann Christian Dieterich
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Erscheinungsort: Göttingen
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
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[55]
Das Dörfchen.
Im Mai 1771.


     Ich rühme mir
Mein Dörfchen hier!
Denn schönre Auen,
Als rings umher

5
Die Blicke schauen,

Sind nirgends mehr.
Welch ein Gefilde,
Zum schönsten Bilde
Für Dietrichs Hand!

10
Hier Felsenwand,

Dort Aehrenfelder,
Und Wiesengrün,
Dem blaue Wälder
Die Gränze ziehn!

15
An jener Höhe
[56]

Die Schäferei,
Und in der Nähe
Mein Sorgenfrei!
So nenn’ ich meine

20
Geliebte, kleine

Einsiedelei,
Worin ich lebe,
Zur Lust verstekt,
Die ein Gewebe

25
Von Ulm und Rebe,

Grün überdekt.

     Dort kränzen Schlehen
Die braune Kluft,
Und Pappeln wehen

30
In blauer Luft.

Mit sanftem Rieseln
Schleicht hier gemach
Auf Silberkieseln

[57]

Ein heller Bach;

35
Fliest unter Zweigen,

Die über ihn
Sie wölbend neigen,
Bald schüchtern hin;
Läst bald im Spiegel

40
Den grünen Hügel,

Wo Lämmer gehn,
Des Ufers Büschgen
Und alle Fischgen
Im Grunde sehn.

45
Da gleiten Schmerlen

Und blasen Perlen.
Ihr schneller Lauf
Geht bald hernieder
Und bald herauf

50
Zur Fläche wieder.

[58]

     Schön ist die Flur;
Allein Elise
Macht sie mir nur
Zum Paradiese.

55
     Der erste Blik

Des Morgens wecket
Auch unser Glük.
Nur leicht bedecket
Führt sie mich hin,

60
Wo Florens Beete

Die Königin
Der Morgenröte
Mit Thränen näst,
Und Perlen blizen

65
Von allen Spizen

Des Grases läst.
Die Knospe spaltet
Die volle Brust;

[59]

Die Blume faltet

70
Sich auf zur Lust.

Sie blüht, und blühet
Doch schöner nicht,
Als das Gesicht
Elisens glühet.

75
     Wanns heisser wird

Geht man selbander
Zu dem Mäander,
Der unten irt.
Da sinkt zum Bade

80
Der Schäferin,

An das Gestade,
Das Rökchen hin.
Sol ich nicht eilen,
Die Lust zu theilen? –

85
Der Tag ist schwül,

Geheim die Stelle,

[60]

Und klar und kühl
Die Badequelle.

     Ein leichtes Mal

90
Mehrt dann die Zal

Von unsern Freuden.
In weichem Gras,
An Pappelweiden,
Steht zwischen Beiden,

95
Das volle Glas.

Vom Trunk erweitert
Wird bald das Herz,
Und Wiz erheitert
Den sanften Scherz.

100
Sie kömt, und winket,

Und schenkt mir ein,
Doch lachend trinket
Sie selbst den Wein;
Flieht dann und dünket

[61]
105
Sich gut verstekt,

Doch bald entdekt,
Mus sie mit Küssen
Den Frevel büssen.

     Drauf mischet sie

110
Die Melodie

Der süssen Kehle
In das Ahi
Der Philomele,
Die so vol Seele

115
Nie sang, wie sie.


     So zirkelt immer
Lust und Genus,
Und Ueberdrus
Befält uns nimmer.

[62]
120
     O Seligkeit!

Daß doch die Zeit
Dich nie zerstöre!
Mir frisches Blut,
Ihr treuen Mut

125
Und Reiz gewähre!

Das Glük mag dann,
Mit vollen Händen,
An Jederman,
Der schleppen kan,

130
Sich arm verschwenden.

Ich seh es an,
Entfernt vom Neide,
Und stimme dann
Mein Liedchen an,

135
Zum Tanz der Freude:

Ich rühme mir
Mein Dörfchen hier!