Das Hexen-Maal

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Professor H. E. Richter
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Das Hexen-Maal
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 686–689
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Ein naturwissenschaftlicher Beitrag zur Culturgeschichte
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[686]
Das Hexen-Maal.
Ein naturwissenschaftlicher Beitrag zur Culturgeschichte.
Vom Professor Dr. H. E. Richter in Dresden.


Zu den schwärzesten Schattenseiten der menschlichen Culturgeschichte gehören unzweifelhaft die Hexenprocesse des Mittelalters. Wenn man diese Gräuelscenen, die wahrhaft teuflischen Folterungen und die fast noch satanischeren, mit dem Mantel der Religion bedeckten Hinrichtungen liest: so fragt man sich heutzutage allerdings, wie so etwas nur je unter vernunftbegabten Wesen möglich gewesen sei?

Auf diese Frage läßt sich, von verschiedenen Standpunkten aus, Mancherlei antworten. Erstens ist das Menschengeschlecht im Ganzen genommen gar nicht so vernunftbegabt, wie Mancher bei uns sich einbildet. Namentlich finden sich alle beide Gräuel, die Folter, so wie der Hexenproceß noch heutzutage bei vielen Millionen von Menschen vor. Durch ganz Afrika sind beide allgemein im Gange und die Marterungen der wegen Zauberei Angeklagten sind dort so furchtbar, daß dieselben in der Regel lieber sofort Alles was verlangt wird eingestehen und sich hinrichten lassen. Unter den asiatischen Völkern ist Zaubereiglaube und Folterwesen seit uralten Zeiten weitverbreitet und ausgebildet. Die Chinesen, ein Volk von dreihundert Millionen, excelliren in Erfindung höllischer Martern. Nicht anders hat man es in Nord- und Südamerika gefunden. Kurz, die Zahl der wirklich humanen und vernünftigen Leute ist, im Vergleich zu denen, welche noch dem Raubthier und dem Affen nahe stehen, auf unserm Erdball noch eine sehr unbedeutende!

Zweitens ist gar nicht abzuleugnen, daß Hexenproceß und Folter oft zu ganz anderen Zwecken benutzt worden sind, als die vorgeschützten waren. Wir finden dies schon in der römischen Kaisergeschichte, wo mit dem Sinken der alten Institutionen erst der Hochverrathsproceß, und als sogar dieser nicht mehr für die tyrannische Willkür ausreichte, der Proceß wegen Zauberei (Magie) sehr allgemein gegen die Opfer der Politik oder der Palastintriguen an die Stelle des geordneten Rechtsverfahrens trat, was übrigens nur eine Wiederauffrischung der schon in den zwölf Tafeln befindlichen Gesetze gegen Zaubereien, Beschwörungen und Vampyre war. Vergessen wir nicht, daß ganz derselbe Grund dem Wiederauffrischen des Hexenprocesses im Mittelalter zu Grund gelegen hat, daß die berüchtigte Bulle von Innocenz und der berüchtigte Hexenhammer keinen andern Zweck hatten, als die Verfolgung und Vertilgung der Ketzer dem ungenügenden gewöhnlichen Gerichtsverfahren zu entziehen und aus den Händen des weltlichen Richters in die der geistlichen Inquisition zu bringen und Solche zugleich jeder schützenden Form zu berauben. Es ist durch eine Menge Fälle urkundlich bewiesen, daß Hexenproceß und Folter außer zur Ketzervertilgung auch ganz einfach zu Befriedigung persönlicher Rache und vor Allem zu Gelderpressung oder Güterconfiscation benutzt worden sind. Für die kleinen Fürstbischöfe in Deutschland war das Hexenwesen die beste Goldquelle. In Barnberg wurden in kurzer Frist sechshundert, in Würzburg neunhundert [687] Menschen verbrannt und ihre Güter eingezogen. Man fing das Gerichtsverfahren gleich mit der Folter an. Der Unfug wurde so arg, daß sogar der bigotte Ferdinand der Zweite, der Kaiser des dreißigjährigen Krieges, sich zum Einschreiten genöthigt sah und einen Commissar nach Bamberg schickte, um das Reichsrecht zur Geltung zu bringen und die ungesetzliche Anwendung der Tortur zu hemmen. – Ein berüchtigter Hexenverfolger im Hessischen rühmt sich in den noch ganz erhaltenen Proceßacten, daß er mittels der vielen Hinrichtungen nicht nur der Ortsherrschaft eine erkleckliche Summe eingebracht, sondern auch der Ortsgemeinde Mittel zum Kirchen- und Brückenbau verschafft habe. Ungerechnet was dabei in seine eigene Tasche fiel, worüber die specificirten Rechnungen beiliegen!

Räumen wir nun auch ein, daß die Menschheit damals noch auf niederer Culturstufe stand, so bleibt es immer noch räthselhaft, wie solch’ bodenlos unhaltbarer Unsinn, wie das von den gefolterten Hexen Ausgesagte und von den Richtern Protokollirte ist, jemals auf die Dauer Glauben finden konnte, namentlich bei wissenschaftlich gebildeten, mit der alten Literatur vertrauten und dadurch jedenfalls einigermaßen zum Selbstdenken angeleiteten Männern geistlichen oder juristischen Standes. Man kann nicht umhin, immer wieder auf den Gedanken zu kommen: es muß doch irgend etwas Wirkliches hinter diesem Hexenwesen gesteckt haben, wodurch der Glaube an dasselbe und das gerichtliche Einschreiten gegen dasselbe immer wieder von Zeit zu Zeit eine materielle Begründung, eine positive Stütze erhielt. Und dies ist in der That auch der Fall.

Michelet[WS 1] hat sich die Mühe gegeben, in seinem berühmten Buch „la sorcière“ (die Hexe) geschichtlich Schritt für Schritt nachzuweisen, wie das Heidenthum sich aus den Ueberbleibseln des unterdrückten Heidenthums und zugleich als eine geheime Opposition der von Adel und Geistlichkeit immer tiefer zur Leibeigenschaft herabgedrückten unteren Volksclasse herausgebildet und mit einigen aus uralter Zeit traditionell fortgepflanzten naturwissenschaftlichen Kenntnissen oder Kunstgriffen verbunden habe. Wir wollen ihm gar nicht so weit folgen, sondern nur zeigen, daß in den Hexenproceß einzelne unbestreitbare, sinnlich wahrnehmbare Thatsachen hineinverflochten sind, welche den damaligen Gelehrten unerklärlich waren und zum Theil erst durch die neuesten Fortschritte der Naturwissenschaften aufgeklärt worden sind, zum Theil sogar noch der Aufklärung harren. Dahin gehören z. B. folgende:

Die blau werdende Milch. Nach den neuesten Forschungen ist dieser blaue Ueberzug auf stehender Milch nichts anders als eine der Formen des vielgestaltigen blauen Schimmelpilzes, desselben Schimmels, welcher den Hausfrauen ihre Citronen und ihr eingemachtes Obst verdirbt, aber auch sonst eine Menge Unheil anstiftet, die Fliegen und die Singvögel tödtet, beim Menschen ein paar Hautausschläge und den häßlichen Beleg der Zähne bildet u. s. w.

Die Blutflecken auf Hostien und Brod etc., welche so oft im Mittelalter zu grausamen Judenverfolgungen Anlaß gegeben haben, sind seit Ehrenberg[WS 2] als eine eigene Art von Infusionsthierchen[WS 3] bekannt.

Das Teufelchen, das manche Hexenmeister bei sich führten, war entweder das aus der Physik wohlbekannte cartesianische Teufelchen[WS 4], welches jetzt nur auf Jahrmärkten und Volksfesten eine Rolle spielt, oder auch vielleicht ein in ein Taschen-Mikroskop eingespannter todter Floh.

Die Luftfahrten, die Brockenreisen auf dem Besen, welche so viele Hexen gemacht zu haben freiwillig eingestanden, beruhten auf einer narkotischen Traumerregung, welche noch jetzt von den Opium- und Hanf-Essern oder -Rauchern im Orient und Afrika vorgenommen wird. Gewöhnlich träumt der Opium- oder Hanfesser denjenigen Ideengang weiter, in welchen er sich unmittelbar vorher versetzt hat. Daher ist nicht zu verwundern, wenn die Weiber, welche eine Luftfahrt nach dem Blocksberg beabsichtigend sich durch Hexensalbe oder Räucherungen narkotisiren ließen, dann im künstlichen Schlaf auch zu schweben und beim Hexensabbath einzutreffen träumten, da dies eben Dinge waren, mit welchen die Volksphantasie sich sehr allgemein beschäftigte.

Daß der Teufel manchen Zauberern den Hals umgedreht habe, ist doch nur eine andere Ausdrucksweise dafür, daß dieselben unter Krämpfen, welche den Kopf zur Seite drehen und unter Erstickungszeichen (Blauwerden des Gesichts, Schaum vor dem Munde u. dergl.) gestorben sind. Dergleichen Todesfälle kamen sehr oft, laut Protokoll, während der Folterung vor und waren hier die leicht begreiflichen Folgen der durch die wahnsinnigen Schmerzen hervorgerufenen Krämpfe und des hinzutretenden Lungenödems (Schaum in den Lungen). Oft liest man aber auch, daß Personen in ihrem Bette und Stübchen mit umgedrehtem Hals erstickt, „also vom Teufel geholt“, gefunden worden sind. Ich zweifle nicht, daß diese Fälle meistens auf Vergiftung durch Kohlendunst (Kohlenoxydgas) zurückzuführen sind. Diese Todesart war bis Ende des vorigen Jahrhunderts ziemlich unbekannt und ist doch jedenfalls im Mittelalter noch viel häufiger gewesen, als jetzt. Denn damals wohnten die Leute in kleinen niedrigen Zimmern der befestigten Städte enger als jetzt und hatten sehr unvollkommene Heizungsmittel: schlechte Oefen, mit Klappen oder feuchten Lappen verschließbare Ofenrohre oder ganz offene Kohlenbecken. Diese sind noch heute die Hauptquellen der Kohlenoxydgas-Vergiftungen, und vorzugsweise sind alte Mütterchen (Hexen), welche an Feuerung sparen wollen, das Opfer dieser Luftverunreinigung noch heut’ zu Tage. Was Wunder, wenn man eine so unerklärliche Todesart in abergläubischen Zeiten dem Teufel zuschrieb?

Dieselben alten Weiberchen sind nun auch oft mit rothen triefenden Augen geplagt, und zwar zum Theil aus denselben Ursachen, nämlich von Kohlendunst, Lampenruß, finstern und dunstigen Wohnzimmern. Diese Augenentzündung giebt dem Gesicht allemal einen häßlichen, böswilligen Ausdruck. Daraus machte das Mittelalter ein Anzeichen für Hexerei.

Das nächtliche Blutaussaugen, welches man den Vampyren und Hexen noch heut zu Tage in manchen Ländern, z. B. Südosteuropas, schuld giebt, dürfte sich auf die Fälle beziehen, wo Personen plötzlich an Berstung einer innern Ader oder Herzwand, an innerer Verblutung starben. Ich habe diesen Fall mehrmals in der Praxis erlebt und gestehe, daß es einen befremdenden Eindruck macht, wenn eine Person, die sich Abends vorher anscheinend gesund zu Bett legte, früh nicht nur todt, sondern auch wachsbleich, völlig blutleer gefunden wird, ohne daß sich eine äußere Verletzung finden läßt. Ich kann mir recht gut deuten, wie da ein abergläubisches Volk auf die Annahme einer Zauberei verfallen kann.

Das Hexenbad oder die Wasserprobe, auch Schwemmung genannt. Die der Hexerei angeklagte Person wurde nackend, mit kreuzweise gebundenen Händen und Füßen in’s Wasser geworfen. Wenn sie untersank, war es gut; schwamm sie aber oben, so galt dies als sicheres Zeichen ihrer Schuld. Die pathologische Anatomie lehrt nun, daß bei Greisen und noch mehr bei Greisinnen die Knochenmasse so schwindet, daß die innere Knochenhöhle ganz weit und zugleich marklos, lufthaltig wird, während die Knochenwände ganz dünn werden, so daß das ganze Gerippe sehr leicht wiegt. Ob dies, und etwa noch die größere Lufthaltigkeit der Lungen (das Greisen-Emphysem) und der Därme (die Flatulenz) ausreichend sind, um jenes Schwimmen auf dem Wasser zu erklären, das muß ich späteren Untersuchungen überlassen.

Das wichtigste und für unfehlbar gehaltene Beweismittel im Hexenproceß war aber das sogenannte Hexen- oder Teufels-Maal, von dem wir nun reden wollen: eine keineswegs aus der Luft gegriffene Thatsache, welche vielmehr von der neueren Medicin in helles Licht gezogen worden ist und nun wieder ihrerseits ein helles Licht auf den körperlichen und Gemüthszustand jener unglücklichen gemarterten Hexen wirft. Das Suchen des Teufelsmaals bestand darin, daß man den Körper des Angeklagten allenthalben mit Nadeln stach, bis man einen Fleck fand, wo Inquisit die Stiche nicht fühlte. Dieser gegen Nadelstiche unempfindliche, manchmal auch durch irgend eine Färbung ausgezeichnete Fleck galt für die Stelle, wo Satan sein Zeichen angebracht habe, und seine Auffindung als das kräftigste Beweismittel für eine Gemeinschaft mit dem Teufel. Michelet hat uns in dem angeführten Werk ein Paar sehr belehrende Fälle dieser Art aus den Acten mitgetheilt.

Der eine Fall spielt in einem französischen Nonnenkloster, wo sich eine Novize den Haß der Mehrzahl ihrer Mitgenossinnen und der Aebtissin zugezogen hatte. Man entkleidete sie und die ganze Gesellschaft kühlte an ihr die Rachsucht, indem man sie an allen Körpertheilen mit Nadeln stach. Zum Glück, kann man sagen, fand sich kein unempfindliches Fleckchen; denn alsdann wäre die Unglückliche dem Inquisitionsgericht ausgeliefert und rettungslos [688] verbrannt worden. So aber kam die Sache den weltlichen Gerichten zu Ohren; das Parlament und der König schritten ein; das Kloster und die Haupttheilnehmer wurden bestraft.

Der zweite Fall ist einer der interessantesten Processe aus jener Zeit, ausführlich und nach den Acten von Michelet mitgetheilt. Ein hochgeachteter Prediger und Beichtvater der Provence, Gauffridi mit Namen, wird Vorsteher eines dortigen Nonnenklosters. Fast unumschränkter Herr im Haus, dabei ein angenehmer sinnlicher Mann, unter einem aufregenden Klima – kein Wunder, daß er bald mit einer Anzahl seiner Anvertrauten in Liebesverhältnisse kommt. Daraus entspinnt sich ein mehrere Jahre lang dauernder Proceß, bei welchem Gauffridi, unterstützt von seinen Amtsbrüdern, vom Bischof und Capitel, von seinen Landsleuten und sogar vom Parlament, sich trotz gehäufter Schuldbeweise immer wieder glücklich durchschlägt. Endlich verfällt man auf das Mittel, ihm den Proceß als Hexenmeister, „als Fürst der Zauberei“ zu machen. Man setzt es durch, daß er verhaftet und der Hexenprobe unterzogen wird. „Man verband ihm die Augen,“ erzählt Michelet, „und suchte mit Nadeln an seinem ganzen Körper die unempfindliche Stelle, wo das Zeichen des Teufels sitzen mußte. Als man ihm die Binde wieder abnahm, erfuhr er mit Erstaunen und mit Entsetzen, daß man die Nadel dreimal eingestochen hatte, ohne daß er es fühlte. Gauffridi hielt sich selbst für verloren und vertheidigte sich nicht mehr. Er wurde der nunmehr erst gesetzlich gestatteten, ordentlichen und außerordentlichen Folter unterworfen, gestand seine Zauberei ein und ward in Aix, vier Tage nach der Hexenprobe, lebendig verbrannt.“

Was sagt nun die Wissenschaft zu diesen Geschichten?

Die hier in Rede stehende Erscheinung, die Unempfindlichkeit der Haut entweder gegen Schmerz allein oder auch gegen andere Empfindungseindrücke, das heißt gegen Druck, Tasten, Streicheln, Wärme, ist der ärztlichen Wissenschaft wohl bekannt. Man kann sie örtlich hervorbringen durch Anblasen von Aether oder Chloroform, wozu man jetzt besondere kleine Apparate hat, oder durch Auflegen von Gefriermischungen (Eis mit Kochsalz in einem Mousselinbeutelchen), durch Unterbinden des Gliedes. Nach Dioscorides[WS 5] hatten die alten ägyptischen Priester einen Stein, Memphites genannt, nach dessen Auflegen man Schneiden und Brennen nicht fühlte.

Als krankhafte Erscheinung kommt die Hautunempfindlichkeit auf größeren oder umschriebenen Stellen gar nicht selten vor und hat dann bald örtliche Ursachen, bald allgemeinere. Zu Letzteren gehört die durch Nervenkrankheiten bedingte Hautunempfindlichkeit. Auf diese Form machten neuerdings zuerst Gendrin, Landouzy, Briquet, Brachet, Forget, Skokalsky etc. aufmerksam, fast sämmtlich Schriftsteller über Hysterie, welche dieses Uebel bei ihren Patientinnen so häufig beobachtet hatten, daß dasselbe den Namen der hysterischen Anästhesie erhielt. Zu Auffindung der schmerzlosen Flecken bediente man sich der von dem Leipziger Physiologen Ernst Heinrich Weber[WS 6] eingeführten Cirkelprobe; man stach mit zwei Cirkelspitzen in die Haut: offenbar eine Wiederaufnahme der alten Hexenprobe. Am gründlichsten ist Hautnervenkrankheit studirt worden von dem Prager Professor Anton Jaksch[WS 7], in dessen klinischen Sälen man seit Jahren immer eine Anzahl derartiger Patientinnen findet. Jaksch bedient sich anstatt der abschreckenden Nadel- oder Cirkelspitzen des elektrischen Inductionsapparates in der seit 1854 durch Duchenne de Boulogne[WS 8] eingeführten Methode der örtlichen Faradisation. (Siehe Gartenlaube 1856, 36 und 1857, 15.) Dieser Apparat erlaubt es, eine Menge kleiner elektrischer Fünkchen in die Haut einschlagen zu lassen, welche anfangs nicht einmal schmerzhaft sind, jedoch nach und nach bis zum heftigsten Schmerz verstärkt werden können. Man hat es also ganz in der Gewalt, bei Prüfung des Grades der Hautunempfindlichkeit die Stärke der Schläge mit diesem Grad völlig in Einklang zu bringen. Und man hat, dies sei gleich dazu bemerkt, damit auch ein Heilmittel dieses Uebels und zugleich auch oft des damit verbundenen Allgemeinleidens der Nerven zur Verfügung.

Es zeigen die Beobachtungen von Jaksch (später von Smoler vervollständigt), daß diese Hautunempfindlichkeit, meist auf einzelnen, umschriebenen Flecken, gleichsam Inseln, von größerem oder geringerem Umfange und unregelmäßiger, keineswegs auf einzelne Nervenästchen beschränkter Begrenzung, vorzugsweise bei Nerven- und Gemüthskranken vorkommen. Jaksch zählt auf einhundertzwanzig Kranke seines Spitals durchschnittlich sechs bis acht Fälle. Es sind meist Hysterische oder Krampfkranke (Fallsucht, Veitstanz, Starrsucht), magnetisch Verzückte, Somnambüle, vor Allem aber Geisteskranke, besonders mit Sinnestäuschungen, Geistererscheinungen oder Dämonenwahn Behaftete, manchmal auch Gelähmte, mit Nervengicht Behaftete, Zuckerkranke und ähnlich herabgekommene Personen. Als Hauptursachen ermittelte Jaksch fast immer Gemüthsaffecte, namentlich heftige, erschütternde, wie Schreck, Entsetzen, Furcht, Angst. Verkehrte oder ganz verwahrloste Erziehung, Romanlesen, falsche religiöse Richtung waren oft vorausgegangen. Die meisten Patienten (4/5) waren Frauen; viele Israeliten, übrigens viel rein slavische Landbevölkerung. Smoler fand die Unempfindlichkeit der Haut gegen den elektrischen Schlag bei fünfzig melancholischen Kranken dreizehn Mal (darunter sechs Fälle von religiöser Melancholie, zwei mit Manie verbundene), bei fünfzig Tobsüchtigen fünf Mal, bei zwanzig Verrückten drei Mal, bei zwanzig Blödsinnigen acht Mal, bei der blödsinnigen Hirnlähmung in sechzehn Fällen zwölf Mal, bei mit Epilepsie verbundenen Geisteskrankheiten unter sieben Fällen fünf Mal, bei von Trunksucht ausgehenden Seelenstörungen allemal. Außerdem auch, wie Jaksch, bei Hypochondristen, Hysterischen und sonstigen Nervenkranken. Smoler sagt schon geradezu: wenn bei Verbrechern der Seelengesundheitszustand zweifelhaft sei, solle man durch Faradisation nachforschen, ob die Hautanästhesie da sei; denn dann spreche die Präsumtion dafür, daß auch Geisteskrankheit vorhanden. Das heißt also: Smoler führt die Benutzung des Hexen-Maals wieder in die öffentliche Gerichtspflege ein, aber im Geiste der Neuzeit, im Geiste der Humanität!

In der That darf man nur die obigen Erfahrungen gediegener Aerzte mit dem, was wir über das Mittelalter und seine Hexenprocesse wissen, zusammenhalten, um sich zu überzeugen, daß letztere alle die Elemente zu Erzeugung der localen Hautanästhesie theils vorräthig enthielten, theils entwickeln mußten. Dahin gehört: eine rohe, in Dummheit und Fanatismus erhaltene, dem finstersten Aberglauben huldigende Bevölkerung, Noth, Jammer, Kummer und Sorge aller Art, und wieder durch den Proceß und die schauerliche Haft bedingte Furcht, Angst, Entsetzen und Schrecknisse aller Art. Man kann sich nicht wundern, wenn Hunderte von Personen, namentlich herabgekommene, nervenkranke, verdüsterte, halb oder ganz geisteskranke Weiber, unter solchen Umständen das Symptom der Hautunempfindlichkeit zeigten, in einem Jahrhundert, wo Geisteskrankheiten epidemisch herrschten, wo die Geißler (Flagellanten), die Tanzsüchtigen, sogar die Kinder halbverrückt in massenhaften Schaaren in der Welt herumzogen!

Die Wissenschaft lehrt also: „was man im Mittelalter Teufel nannte, das sind (in der Mehrzahl der Fälle) Nerven, kranke Nerven!“ Und in der That, das wird jeder prakticirende Arzt zugeben, die kranken Nerven sind wie Teufel; sie treiben allerlei Teufelsspuk. Wer von kranken Nerven beherrscht wird, der ist förmlich des Teufels und wird es immer mehr. Mit Ueberempfindlichkeit, Erkältbarkeit, Schmerzen, Zuckungen und dergleichen fängt es an, und mit einer Legion von Plagen oder mit halber oder ganzer Verrücktheit hört es auf. Das ist die Lebensgeschichte so vieler zartbesaiteter Nervenmenschen, wie sie der Arzt jährlich beobachten kann. Und daraus geht ein Mahnspruch hervor: laßt Euch nicht von Euren Nerven beherrschen! Arbeitet zeitig an Euch und Euren Kindern, daran, daß die Nerven unter der Herrschaft des Verstandes, des höheren Hirnlebens bleiben!

Die andre Mahnung aber richtet sich an Alle, welche für die Fortentwickelung des menschlichen Geistes, für Erziehung und Bildung zu wachen berufen sind. Man darf dem Wunderglauben nicht die geringste Pforte öffnen, ohne Gefahr zu laufen, daß er eindringt und das ganze Haus verpestet. Da sind nun aber heutzutage viele, sogenannte Vornehme, die etwas Besseres als gewöhnliche Menschen vorstellen wollen und die sich ärgern, daß heutzutage der gemeine Mann, der Bürger und Bauer anfängt, an der allgemeinen Geistesbildung und Aufklärung Theil zu nehmen. Da wollen die vornehmen Herrschaften etwas Anderes haben und werfen sich dem Wunderglauben, dem Mysticismus, dem Wahrsagerthum und Geisterschauen, dem Teufelsglauben und der Frommthuerei in die Arme. Hinter ihnen aber stehen Leute, welche hoffen, mit solcher Hülfe den Fortschritt aufzuhalten, vielleicht den Rückschritt in’s Mittelalter und seine Pfaffenherrschaft zu beginnen. Das Ist ein gefährliches Beginnen, ein zweischneidiges Schwert. Gerade die [689] Reichen würden es am Meisten büßen müssen, wenn der Hexenproceß wieder aufkäme: so lehrt es die Geschichte von Rom und Byzanz, so die Geschichte des Mittelalters und der spanischen Inquisition.

Gegen den Wunderglauben aber und gegen seine traurigen Folgen giebt es nur eine Macht: dies ist die Naturforschung. Sie kennt nur ein Wunder, das Wunder aller Wunder, die große, in Raum und Zeit unendliche Welt, die wirkliche Welt mit ihren unzähligen Schöpfungen und ihren mannigfaltigen, nie völlig auszulernenden und doch so einfachen Weltgesetzen. In sie einzudringen und des Wunderbaren, was sie bietet, so viel als möglich in sich aufzunehmen: dies ist der Trieb, welcher den echten Naturforscher beseelt, dies ist seine Religion. Bei Dingen aber, die er vorläufig noch nicht erklären kann, sagt er einfach: „Das weiß ich nicht!“ Er nimmt in solchem Falle nicht gleich etwas außer den Naturgesetzen Geschehendes, ein Wunder im Sinne des Mittelalters an. Er läßt die Sache unentschieden, zweifelt aber nie, daß sie auf natürliche Weise vor sich gehe. Dadurch unterscheidet sich die heutige Naturwissenschaft von der sogenannten Aufklärerei vor fünfzig Jahren, welche mit ihren damaligen schwachen Kenntnissen schon Alles erklären wollte. Aber es ist sehr unrecht, diese Leute deshalb heutzutage zu schmähen (wie gewisse flache Literaturhistoriker lieben). Altvater Goethe, der den Ton dazu angegeben hat, diese um Deutschland, besonders um die norddeutsche Geistesfreiheit so sehr verdienten Aufklärer zu verspotten und herabzuziehen, er hat damit wahrlich weder seinem kritischen Verstand noch seinem Vaterlandsgefühl Ehre gemacht!

Heutzutage bedarf es nur eines einfachen Mittels, um die Menschheit dauernd auf eine höhere Stufe geistiger und körperlicher Vervollkommnung zu erheben. Dieses Mittel ist, daß Jeder innerhalb seines Bereichs, so viel als ihm möglich ist, von den sich täglich mehrenden, täglich inniger ineinandergreifenden Entdeckungen der neueren Naturwissenschaft in sich aufnehme und dafür sorge, dieselben weiter zu verbreiten und den Sinn dafür in seinen Mitmenschen zu wecken und zu nähren. Damit kommt wahre Aufklärung von selbst, und die Gespenster des Mittelalters, die Ueberbleibsel heidnischer Barbarei, von welchen wir heutzutage noch allenthalben im staatlichen, kirchlichen und gesellschaftlichen Leben umgeben sind, werden vor der fortschreitenden Naturkenntniß erblassen, wie nächtlicher Spuk vor dem Licht der ausgehenden Sonne verschwindet.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Jules Michelet (1798–1874)
  2. Christian Gottfried Ehrenberg (1795–1876)
  3. Infusorien oder Aufgusstierchen: Sich im Aufguss von pflanzlichem Material entwickelnde Tierchen (z. B. Flagellaten, Wimpertierchen, Amöben)
  4. vergleiche: cartesianischer Teufel
  5. Pedanios Dioscurides (1. Jahrhundert)
  6. Ernst Heinrich Weber (1795–1878)
  7. Anton von Jaksch (1810–1887)
  8. Guillaume-Benjamin Duchenne (1806–1875)