Das Wesen des Christentums/Siebente Vorlesung

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Siebente Vorlesung.




Das Verhältnis des Evangeliums zu dem Rechte und den Rechtsordnungen hat uns in der letzten Vorlesung beschäftigt. Wir haben gesehen: Jesus ist der Überzeugung, daß Gott das Recht schafft und schaffen wird. Weiter, wir erkannten, daß er von seinen Jüngern fordert, sie sollen auf ihr Recht verzichten können. Indem er diese Forderung ausspricht, hat er nicht alle Verhältnisse seiner Zeit im Auge, noch viel weniger die verwickelteren einer späteren, sondern ihm steht nur ein einziges Verhältnis vor der Seele, die Beziehung jedes Menschen zum Reiche Gottes. Weil der Mensch alles verkaufen soll, um die köstliche Perle zu kaufen, so soll er auch die irdischen Rechte fahren lassen können, so soll alles jenem höchsten Verhältnis untergeordnet werden. Im Zusammenhange aber mit dieser Verkündigung eröffnet Jesus die Aussicht auf eine Verbindung der Menschen untereinander, die nicht durch eine Rechtsordnung zusammengehalten ist, sondern in welcher die Liebe regiert und in der man den Feind durch Sanftmut überwindet. Es ist ein hohes, herrliches Ideal, welches wir hier von der Grundlegung unserer Religion her erhalten haben, ein Ideal, welches unserer geschichtlichen Entwicklung als Ziel und Leitstern vorschweben soll. Ob die Menschheit es je erreichen wird, wer kann es sagen? aber wir können und sollen uns ihm nähern, und heute fühlen wir bereits – anders als noch vor zwei- oder dreihundert Jahren – eine sittliche Verpflichtung in dieser Richtung, und die zarter und darum prophetisch unter uns Empfindenden blicken auf das Reich der Liebe und des Friedens nicht mehr wie auf eine bloße Utopie.

[73] Grade deshalb aber ergreift heute manchen unter uns eine schwere Zweifelfrage mit verdoppelter Gewalt: wir sehen einen ganzen Stand im Kampfe für sein Recht oder vielmehr, wir sehen ihn ringen, seine Rechte zu erweitern und zu vermehren. Ist das mit christlicher Gesinnung vereinbar, verbietet das Evangelium einen solchen Kampf nicht? Haben wir nicht gehört, man solle auf sein Recht verzichten, geschweige mehr Recht zu erlangen suchen? Also müssen wir als Christen die Arbeiter vom Kampf für ihre Rechte abrufen und müssen sie lediglich zur Geduld und Ergebung ermahnen?

Das Problem, um welches es sich hier handelt, wird auch in der Form einer leisen Anklage gegen das Christentum laut. Ernste Männer in den Kreisen z. B. der National-Sozialen und verwandter Richtungen, die sich gerne von Jesus Christus weisen lassen wollen, klagen, daß das Evangelium sie an diesem Punkte im Stiche lasse; es halte ein Streben nieder, dessen Berechtigung sie mit gutem Gewissen empfinden; mit seiner Forderung der unbedingten Sanftmut und Ergebung entwaffne es jeden, der kämpfen will, und narkotisiere gleichsam alle lebendige Thatkraft. Sie sagen es mit Bedauern und Schmerz, andere mit Genugthuung. Diese erklären: wir haben es immer gewußt, das Evangelium ist nicht für die gesunden und starken Menschen, es ist für die Blessierten; es weiß nichts davon und will es nicht wissen, daß das Leben, zumal das moderne, ein Kampf ist, ein Kampf für das eigene Recht. Welche Antwort sollen wir ihnen geben?

Ich meine, die so sprechen oder klagen, haben sich noch immer nicht klar gemacht, um was es sich im Evangelium handelt, und beziehen es vorschnell und ungehörig auf irdische Dinge. Das Evangelium richtet sich an den inneren Menschen, der immer derselbe bleibt, mag er gesund oder verwundet, mag er in Glückslage oder im Unglück sein, mag er in dem irdischen Leben kämpfen oder Gewonnenes ruhig behaupten müssen. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“[WS 1]; das Evangelium richtet kein irdisches Reich auf. Diese Worte schließen nicht nur die politische Theokratie aus, welche der Papst aufrichten will, und jede weltliche Herrschaft; sie reichen noch viel weiter; sie verbieten jedes direkte und gesetzliche Eingreifen der Religion in irdische Verhältnisse. Positiv aber sagt uns das Evangelium: Wer du auch sein magst und in welcher Lage nur immer du dich befinden magst, ob Knecht oder Freier, ob kämpfend[74] oder ruhend – deine eigentliche Aufgabe bleibt immer dieselbe; es giebt nur ein Verhältnis und eine Gesinnung für dich, die unverbrüchlich bleiben sollen, und der gegenüber die anderen nur wechselnde Hüllen und Aufzüge sind: ein Kind Gottes und Bürger seines Reiches zu sein und Liebe zu üben. Dir und deiner Freiheit ist es überlassen, wie du im irdischen Leben dich zu bewähren hast und in welcher Weise du deinem Nächsten dienen willst. So hat der Apostel Paulus das Evangelium verstanden, und ich glaube nicht, daß er es mißverstanden hat. Also kämpfen wir, streben wir, schaffen wir dem Unterdrückten Recht, ordnen wir die irdischen Verhältnisse, wie wir es mit gutem Gewissen können und wie es uns für unseren Nächsten am besten scheint; doch erwarten wir dabei von dem Evangelium keine direkte Hülfe, verlangen wir nichts in eigensüchtiger Weise für uns selbst und vergessen wir nicht, daß die Welt vergeht, nicht nur mit ihrer Lust, sondern auch mit ihren Ordnungen und Gütern! Noch einmal sei es gesagt: das Evangelium kennt nur ein Ziel und eine Gesinnung, und es verlangt, daß der Mensch sie niemals bei Seite setze. Tritt in den Worten Jesu die Ermahnung zum Verzicht in herber Einseitigkeit in den Vordergrund, so soll uns damit die Souveränetät und Ausschließlichkeit des Verhältnisses zu Gott und die Liebesgesinnung eindringlich vor Augen gestellt werden. Das Evangelium liegt über den Fragen der irdischen Entwicklungen; es kümmert sich nicht um die Dinge, sondern um die Seelen der Menschen.

Damit sind wir bereits zu der nächsten Frage, die uns beschäftigen soll, übergegangen und haben sie schon zur Hälfte beantwortet:

4. Das Evangelium und die Arbeit, oder die Frage der Kultur.

Es kommen hier wesentlich dieselben Gesichtspunkte in Betracht, die wir in der eben betrachteten Frage geltend gemacht haben; daher vermögen wir uns kürzer zu fassen.

Je und je, vor allem aber in unseren Tagen, hat man an der Predigt Jesu das Interesse für zweckvolle Berufsarbeit und den Sinn für alle die idealen Güter vermißt, die durch die Namen Kunst und Wissenschaft bezeichnet sind. Nirgendwo, so sagt man, fordere Jesus zur Arbeit und zu fortschreitender Bethätigung auf; vergeblich suche man in seinen Worten nach dem Ausdruck der[75] Freude an frischer Thätigkeit, und jene idealen Güter lägen ganz außerhalb seines Gesichtskreises. In seinem letzten, verhängnisvollen Buche: „Der alte und der neue Glaube“[WS 2] hat David Friedrich Strauß diesem Vermissen einen besonders herben Ausdruck verliehen. Er spricht von einem fundamentalen Mangel im Evangelium und hält es schon deshalb für veraltet und unbrauchbar, weil es keine Fühlung mit der Kultur und ihrem Fortschritt habe. Lange vor Strauß hat hier aber bereits der Pietismus etwas Ähnliches empfunden und einen eigentümlichen Ausweg gesucht. Die Pietisten gingen davon aus, Jesus müsse direktes Vorbild sein können für alle Menschen, welchem Berufe auch immer sie dienen mögen; er müsse sich in allen menschlichen Verhältnissen bewährt haben. Sie gaben nun zu, daß bei flüchtiger Betrachtung diese Forderung in dem Leben Jesu nicht erfüllt sei; aber sie meinten, wenn man genauer zusähe, fände man, daß er wirklich der beste Maurer, der beste Schneider, der beste Richter, der beste Gelehrte u. s. w. gewesen sei und alles am vorzüglichsten gewußt und verstanden habe. Sprüche und Thaten Jesu drehten und wendeten sie so lange, bis sie das Gewünschte aussagten und bestätigten. Das war ein kindliches Unternehmen, aber das Problem, welches sie empfanden, war ein ernsthaftes: sie selbst fühlten sich durch Gewissen und Beruf an eine bestimmte Thätigkeit und Aufgabe gebunden; sie waren sich darüber klar, daß sie keine Mönche werden sollten; aber sie wollten doch die Nachfolge Christi in vollem Sinne üben; also muß er in denselben Verhältnissen gestanden haben wie sie selbst, und sein Horizont muß derselbe gewesen sein wie der ihrige.

Wir haben hier denselben Fall, nur erweitert, den wir im vorigen Abschnitt behandelt haben: immer wieder entsteht der Irrtum, als bezöge sich das Evangelium auf irdische Verhältnisse und müsse gesetzliche Vorschriften für sie geben. Zugleich waltet hier die alte und fast unausrottbare Neigung der Menschen, sich ihrer Freiheit und Verantwortlichkeit in höheren Dingen zu entäußern und sich einem Gesetze zu unterwerfen. Es ist in der That viel bequemer, unter irgend einer Autorität, sei es auch der härtesten, zu leben als in der Freiheit des Guten. Doch davon abgesehen – es bleibt noch immer die Frage übrig: Fehlt dem Evangelium nicht wirklich etwas, weil es für die Berufsarbeit so wenig Teilnahme verrät, und weil es keinen Kontakt hat mit dem „Humanen“ im Sinne der Wissenschaft, der Kunst und der Kultur überhaupt?

[76] Ich antworte erstens, was wäre denn gewonnen worden, wenn es diesen „Mangel“ nicht gehabt hätte? Angenommen, es wäre lebhaft auf jene Bestrebungen eingegangen, hätte es sich nicht in ihnen verstricken müssen oder mindestens den gefährlichen Schein auf sich gezogen, in ihnen verstrickt zu sein? Arbeit, Kunst, Wissenschaft, Kulturfortschritt existieren nicht in abstracto, sondern immer nur in der bestimmten Phase einer Zeit. Mit ihnen hätte sich das Evangelium also verbinden müssen. Aber die Phasen ändern sich. Wir erleben heute an der römisch-katholischen Kirche, zu welch einer schweren Last die Verbindung mit einer bestimmten Kulturepoche für die Religion wird. Im Mittelalter war diese Kirche voll Teilnahme, formgebend, gesetzgebend auf alle Fragen des Fortschritts und der Kultur eingegangen. Unvermerkt hat sie aber ihr heiliges Erbe und ihre eigentliche Aufgabe mit den Erkenntnissen, Maximen und Interessen, die sie damals gewonnen hat, identifiziert. Nun ist sie gleichsam festgenagelt auf der Philosophie, der Nationalökonomie, kurz auf dem ganzen Kulturzustand des Mittelalters! Wie viel hat im Gegensatz dazu das Evangelium dadurch der Menschheit geleistet, daß es die Töne der Religion in mächtigen Akkorden angeschlagen und jede andere Melodie verbannt hat!

Zweitens, Arbeit und Fortschritt der Kultur sind gewiß wertvolle Dinge, in denen wir uns strebend bemühen sollen. Aber das höchste Ideal liegt nicht in ihnen beschlossen; sie vermögen die Seele nicht mit wirklicher Befriedigung zu erfüllen. Wohl schafft die Arbeit Lust, aber dies ist doch nur die eine Seite der Sache: ich habe immer gefunden, daß über die Lust, welche die Arbeit gewährt, diejenigen lauter sprechen, die sich selbst nicht allzuviel anstrengen, während die bei ihrem Preise Umstände machen, die in ununterbrochener heißer Arbeit stehen. In der That, es läuft da sehr viel leeres Gerede und Heuchelei mit unter. Dreiviertel der Arbeit und mehr ist nichts als stumpfmachende Mühe, und wer wirklich hart arbeitet, fühlt den sehnsüchtigen Ausblick des Dichters auf den Abend nach:

Das Haupt, die Füß’ und Hände
Sind froh, daß nun zum Ende
Die Arbeit kommen sei.[WS 3]

Aber auch die Ergebnisse! Wenn man fertig ist, möchte man jede Arbeit noch einmal machen, und das Stückwerk fällt schwer auf die Seele und das Gewissen. Nein, wir leben nicht soviel als[77] wir arbeiten, sondern soviel als wir uns der Liebe anderer erfreuen und selbst Liebe üben! Und so bat Faust recht: Arbeit, die nichts als Arbeit ist, wird zum Ekel: „Man sehnt sich nach des Lebens Bächen, ach, nach des Lebens Quelle hin.“[WS 4]

Arbeit ist ein schätzenswertes Ventil, welches wir brauchen gegenüber größeren Nöten; aber sie ist an sich kein absolutes Gut, und wir können sie nicht mit unsern Idealen zusammenstellen. Ähnliches gilt von dem Kulturfortschritt. Gewiß, er ist zu begrüßen. Aber was heute ein Fortschritt ist, dessen wir uns freuen, wird morgen etwas Mechanisches, das uns kalt läßt. Der tiefer fühlende Mensch nimmt dankbar entgegen, was ihm die fortschreitende Entwicklung der Dinge bringt; aber er weiß auch, daß seine innere Situation – die Fragen die ihn bewegen, und die Grundverhältnisse, in denen er steht – nicht wesentlich, ja kaum unwesentlich, durch das alles geändert wird. Es scheint immer nur einen Augenblick so, als käme nun ein Neues und man sei wirklich entlastet. Meine Herren! Wenn man älter geworden ist und tiefer ins Leben sieht, findet man sich, wenn man überhaupt eine innere Welt besitzt, durch den äußeren Gang der Dinge, durch den „Kulturfortschritt“, nicht gefördert. Man findet sich vielmehr an der alten Stelle und muß die Kräfte aufsuchen, die auch die Vorfahren aufgesucht haben. Man muß sich heimisch machen in dem Reiche Gottes, in dem Reiche des Ewigen und der Liebe, und man versteht es, daß Jesus Christus nur von diesem Reiche zeugen und sprechen wollte, und dankt es ihm.

Aber drittens, Jesus hatte ein lebendiges und sicheres Bewußtsein von dem Aggressiven und Vorwärtstreibenden seiner Predigt. „Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erden, und“ – fügte er hinzu – „ich wollte, es brennte schon.“[WS 5] Das Feuer des Gerichts und die Kräfte der Liebe wollte er heraufführen, um eine neue Menschheit zu schaffen. Wenn er von diesen Liebeskräften in der einfachen Weise geredet hat, wie sie den nächsten Verhältnissen entsprach – Hungrige speisen, Nackte kleiden, Kranke und Gefangene besuchen –, so ist doch klar, daß ihm eine ungeheure innere Umwälzung der Menschheit, die er in dem Spiegel des kleinen palästinensischen Volkes sah, vorschwebte: „Einer ist euer Meister, ihr aber seid alle Brüder.“[WS 6] Es ist die letzte Stunde, aber in dieser letzten Stunde soll noch ein Baum aus kleinem Samenkorn aufwachsen, der seine Zweige weithin ausbreitet. Und noch ein anderes:[78] Erkenntnis Gottes offenbarte er und war gewiß, daß sie die Unmündigen reifen und die Schwachen stählen und zu Helden Gottes machen werde. Gotteserkenntnis ist der Born, der das unfruchtbare Feld beleben und Ströme lebendigen Wassers fließen lassen wird. In diesem Sinn hat er von ihr gesprochen als dem höchsten und dem einzigen notwendigen Gut, als der Bedingung aller Erhebung und wir dürfen auch sagen, alles wirklichen Werdens und Fortschreitens. Endlich an seinem Horizonte lag nicht nur das Gericht, sondern auch ein Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens, gewiß vom Himmel stammend, aber doch für diese Erde. Wann es kommt, weiß er selbst nicht – die Stunde ist nur dem Vater bekannt –; aber wie es sich verbreitet und wodurch, das weiß er, und neben den dramatischen und farbenreichen Bildern, die durch seine Seele ziehen, stehen auch unverrückbar und sicher ruhige Anschauungen: Der Weinberg Gottes auf dieser Erde, Gott ruft seine Arbeiter hinein – selig, wer einen Ruf empfängt! –; sie arbeiten in dem Weinberg, stehen nun nicht mehr müßig am Markte, und empfangen zuletzt ihren Lohn. Oder jenes Gleichnis von den Pfunden, die ausgeteilt werden, damit man mit ihnen arbeite, die man also nicht im Schweißtuch bewahren soll. Ein Tagewerk, Arbeiten, Vermehren, Fortschreiten, aber alles in den Dienst Gottes und des Nächsten gestellt, vom Lichte des Ewigen umflossen und dem Dienst des vergänglichen Wesens entrückt!

Nehmen wir das alles zusammen, was wir hier nur andeuten konnten – ist die Klage berechtigt, von der wir am Anfange dieses Abschnitts ausgegangen sind? Sollen wir wirklich wünschen, das Evangelium hätte sich dem „Kulturprozeß“ angeschmiegt? Ich denke, daß wir es auch an diesem Punkte nicht zu meistern, sondern von ihm zu lernen haben. Von der wirklichen Arbeit, welche die Menschheit zu leisten hat, kündigt es uns, und wir sollen uns dieser Botschaft gegenüber nicht hinter unsre kümmerliche „Kulturarbeit“ verschanzen. „Die Erscheinung Christi“, sagt ein neuerer Historiker mit Recht, „bleibt die alleinige Grundlage aller sittlichen Kultur, und in dem Maße, in welchem diese Erscheinung mehr oder weniger deutlich hindurchzudringen vermag, ist auch die sittliche Kultur unserer Nationen eine größere oder geringere“[WS 7].

[79]
5. Das Evangelium und der Gottessohn, oder die Frage der Christologie.

Wir treten jetzt aus dem Kreise der Fragen, die wir bisher behandelt haben, heraus. Jene vier hingen alle aufs engste untereinander zusammen. Überall, wo man die richtige Antwort verfehlt hat, lag der Grund darin, daß man das Evangelium nicht hoch genug genommen, daß man es doch irgendwie auf das Niveau irdischer Fragen herabgezogen und mit ihnen verflochten hat. Oder anders ausgedrückt: Die Kräfte des Evangeliums beziehen sich auf die tiefsten Grundlagen menschlichen Wesens und nur auf sie; lediglich hier setzen sie den Hebel an. Wer daher nicht auf die Wurzeln der Menschheit zurückzugehen vermag, wer sie nicht empfindet und erkennt, der wird das Evangelium nicht verstehen, wird es zu profanieren versuchen oder sich über seine Unbrauchbarkeit beklagen.

Nun aber treten wir an ein ganz neues Problem heran: welche Stellung hat sich Jesus selbst, indem er das Evangelium verkündete, zu dieser seiner Botschaft gegeben, und wie wollte er selbst aufgenommen sein? Wir sprechen noch nicht davon, wie ihn seine Jünger erfaßt, ins Herz geschlossen und beurteilt haben, sondern lediglich von seinem Selbstzeugnis. Aber auch schon mit dieser Untersuchung treten wir in den großen und viel umstrittenen Kreis von Fragen, die die Kirchengeschichte seit dem ersten Jahrhundert bis zur Gegenwart bedecken. Um einer Nuance willen kündigte man sich hier die brüderliche Gemeinschaft und sind Tausende geschmäht, verworfen, in Ketten gelegt und hingemordet worden. Es ist eine schaurige Geschichte. Auf dem Boden der „Christologie“ haben die Menschen ihre religiösen Lehren zu furchtbaren Waffen geschmiedet und Furcht und Schrecken verbreitet. Diese Haltung dauert noch immer fort, die Christologie wird behandelt, als böte das Evangelium keine andere Frage, und der Fanatismus, der sie begleitet, ist auch heute noch lebendig. Daß das Problem von einer solchen Last der Geschichte bedrückt und den Parteien ausgeliefert, verdunkelt ist – wer sollte sich darüber wundern? Und doch, wer mit unbefangenem Blick in unsere Evangelien schaut, für den ist die Frage des Selbstzeugnisses Jesu keine unlösbare. Was aber in ihr dem Verstand dunkel und geheimnisvoll bleibt, das sollte im Sinne Jesu und nach der Natur des Problems so bleiben und kann nur in Bildern von[80] uns zur Aussage gebracht werden. „Es giebt Erscheinungen, die in den Vorstellungskomplex des Verstandes gar nicht ohne Symbol eingereiht werden können.“[WS 8]

Zwei Hauptpunkte sind zunächst festzustellen, bevor wir das Selbstzeugnis Jesu untersuchen: Erstlich, er wollte keinen anderen Glauben an seine Person und keinen anderen Anschluß an sie als den, der in dem Halten seiner Gebote beschlossen liegt. Selbst im vierten Evangelium, in welchem die Person Jesu oftmals über den Inhalt des Evangeliums hinausgehoben erscheint, ist doch der Gedanke noch scharf formuliert: „Liebet ihr mich, so haltet meine Gebote.“[WS 9] Er hatte schon selbst während seines Wirkens erfahren müssen, daß Etliche ihn verehrten, ja ihm vertrauten, aber sich um den Inhalt seiner Predigt nicht kümmerten. Ihnen hat er das strafende Wort zugerufen: „Es werden nicht alle, die zu mir ‚Herr, Herr‘ sagen in das Himmelreich kommen, sondern nur die, welche den Willen meines Vaters thun.“[WS 10] Also lag es ganz außer seinem Gesichtskreise, unabhängig von seinem Evangelium eine „Lehre“ über seine Person und seine Würde zu geben. Zweitens, den Herrn Himmels und der Erde hat er als seinen Gott und Vater, als den Größeren, als den allein Guten bezeichnet. Er ist gewiß, alles, was er hat und was er ausrichten soll, von diesem Vater zu haben. Zu ihm betet er, seinem Willen ordnet er sich unter: in heißem Ringen sucht er ihn zu erforschen und zu erfüllen. Ziel, Kraft, Einsicht, Erfolg und das harte Müssen – alles kommt ihm vom Vater. So steht es in den Evangelien; da ist nichts zu drehen und zu deuteln. Dies empfindende, betende, handelnde, ringende und leidende Ich ist ein Mensch, der sich auch seinem Gott gegenüber mit anderen Menschen zusammenschließt.

Diese beiden Erkenntnisse ziehen gleichsam die Grenzlinien, um das Gebiet richtig zu umschreiben, auf welchem das Selbstzeugnis Jesu liegt. Positiv ist für dasselbe freilich noch nichts gewonnen. Wir fassen es aber alsbald in seinem innersten Kerne, wenn wir die beiden Selbstbezeichnungen Jesu näher betrachten: Sohn Gottes und Messias (Davidssohn, Menschensohn).

Jene Bezeichnung, mag sie auch ursprünglich messianisch gedacht sein, liegt heute unserem Verständnis sehr viel näher als diese; denn Jesus selbst hat dem Begriff „Gottessohn“ einen Inhalt gegeben, durch den er fast aus dem messianischen Schema herausfällt oder doch zu seinem Verständnis dieses Schemas nicht notwendig[81] bedarf. Dagegen ist uns die Bezeichnung „Messias“, wenn wir uns nicht mit einem toten Wort begnügen wollen, zunächst ganz fremd. Wir verstehen nicht ohne weiteres, ja wir verstehen als Nicht-Juden überhaupt nicht, was diese Würde besagen soll und welchen Umfang und welche Höhe sie hat. Erst wenn wir ihren Sinn durch geschichtliche Untersuchungen ermittelt haben, können wir fragen, ob dem Wort eine Bedeutung zukommt, die irgendwie bestehen bleibt, auch nachdem die jüdisch-politische Form und Schule zerbrochen ist.

Betrachten wir zunächst die Bezeichnung „Sohn Gottes“. Jesus hat es uns in einer seiner Reden besonders deutlich gemacht, warum und in welchem Sinne er sich den „Sohn Gottes“ genannt hat. Bei Matthäus, nicht etwa bei Johannes, steht das Wort: „Niemand kennet den Sohn, denn nur der Vater,[AU 1] und niemand kennet den Vater, denn nur der Sohn, und wem es der Sohn will offenbaren.“[WS 11] Die Gotteserkenntnis ist die Sphäre der Gottessohnschaft.[AU 2] Eben in dieser Gotteserkenntnis hat er das heilige Wesen, welches Himmel und Erde regiert, als Vater, als seinen Vater kennen gelernt. Sein Bewußtsein, der Sohn Gottes zu sein, ist darum nichts anderes als die praktische Folge der Erkenntnis Gottes als des Vaters und seines Vaters. Recht verstanden ist die Gotteserkenntnis der ganze Inhalt des Sohnesnamens. Aber ein Doppeltes ist hinzuzufügen: Jesus ist überzeugt, Gott so zu kennen, wie keiner vor ihm, und er weiß, daß er den Beruf hat, allen anderen diese Gotteserkenntnis – und damit die Gotteskindschaft – durch Wort und That mitzuteilen. In diesem Bewußtsein weiß er sich als der berufene und von Gott eingesetzte Sohn, als der Sohn Gottes, und darum kann er sprechen: Mein Gott und mein Vater, und er legt in diese Anrufung etwas hinein, was nur ihm zusteht. Wie er zu diesem Bewußtsein der Einzigartigkeit seines Sohnesverhältnisses gekommen ist, wie er zu dem Bewußtsein seiner Kraft gelangt ist und der Verpflichtung und Aufgabe, die in dieser Kraft liegen, das ist sein Geheimnis, und keine Psychologie wird es erforschen. Die Zuversicht, in der ihn Johannes zum Vater sprechen läßt:[AU 3] „Du hast mich geliebt, ehe denn die Welt gegründet war“[WS 12], ist sicherlich der eigenen Gewißheit Jesu abgelauscht. Hier hat alle Forschung stille zu halten. Auch das vermögen wir nicht zu sagen, seit wann er sich als der Sohn gewußt und ob er sich dann ganz und gar mit diesem Begriff identifiziert hat, ob sein Ich mit demselben verschmolzen war oder ob hier noch eine Spannung und innere Auf-[82] gabe für ihn bestanden hat. Ergründen könnte hier nur einer etwas, der eine annähernde Erfahrung gemacht hat. Ein Prophet mag versuchen, den Schleier zu heben; wir aber müssen uns begnügen, festzustellen, daß dieser Jesus, der Selbsterkenntnis und Demut gelehrt, doch sich und sich allein den Sohn Gottes genannt hat. Er weiß, daß er den Vater kennt, daß er diese Erkenntnis allen bringen soll, und daß er damit das Werk Gottes selber treibt. Es ist das größte unter allen Werken Gottes, Ziel und Ende seiner Schöpfung. Ihm ist es übertragen, und er wird es in Gottes Kraft durchführen. Aus diesem Kraftgefühl heraus und im Ausblick auf den Sieg hat er das Wort gesprochen: „Alle Dinge[AU 4] sind mir übergeben von meinem Vater.“[WS 13] Je und je sind in der Menschheit Männer Gottes aufgetreten mit dem sicheren Bewußtsein, eine göttliche Botschaft zu besitzen und sie, wollend oder nicht wollend, verkündigen zu müssen. Aber immer war die Botschaft unvollkommen, an dieser oder jener Stelle brüchig, mit Politischem und mit Partikularem verflochten, auf einen augenblicklichen Zustand berechnet, und der Prophet bestand sehr oft die Probe nicht, selbst das Exempel seiner Botschaft zu sein. Hier aber wird die tiefste und umfassendste Botschaft gebracht, die den Menschen an seinen Wurzeln faßt und, im Rahmen des jüdischen Volks, sich an die ganze Menschheit richtet – die Botschaft von Gott dem Vater. Sie ist nicht brüchig, und ihr eigentlicher Inhalt löst sich leicht aus den notwendigen Hüllen zeitgeschichtlicher Formen. Sie ist nicht veraltet, sondern triumphiert noch heute stark und lebendig über alles Geschehen. Und der sie verkündigt hat, hat noch keinem seine Stelle abgetreten und giebt noch heute dem Leben der Menschen einen Sinn und das Ziel – er, der Sohn Gottes.

Damit sind wir bereits zu der anderen Selbstbezeichnung Jesu übergegangen: Messias. Bevor ich sie kurz zu erläutern versuche, ist es mir Pflicht zu erwähnen, daß bedeutende Gelehrte – unter ihnen Wellhausen – es bezweifelt haben, daß Jesus sich selbst als Messias bezeichnet hat.[AU 5] Ich vermag dem aber nicht beizustimmen, ja ich finde, daß man unsere evangelischen Berichte aus den Angeln heben muß, um das Gewünschte zu erreichen. Bereits der Ausdruck „Menschensohn“ scheint mir nur messianisch verstanden werden zu können – daß ihn aber Jesus selbst gebraucht hat, ist nicht zu bezweifeln –, und, um von anderem zu schweigen, eine Geschichte wie die des Einzugs Christi in Jerusalem müßte man[83] einfach streichen, um die These durchzuführen, er habe sich nicht für den verheißenen Messias gehalten und auch nicht dafür gelten wollen. Dazu kommt, daß die Formen, in denen Jesus sein Selbstbewußtsein und seinen Beruf zum Ausdruck gebracht hat, ganz unverständlich werden, wenn sie nicht durch die messianische Idee bestimmt gewesen sind. Endlich, da die positiven Gründe, die man für jene Ansicht beibringt, sehr schwache bezw. höchst fragwürdige sind, so dürfen wir zuversichtlich bei der Annahme bleiben, daß Jesus sich selbst den Messias genannt hat.

Das Messiasbild und die messianischen Vorstellungen, wie sie im Zeitalter Jesu lebendig waren, hatten sich auf zwei kombinierten Linien entwickelt, auf der Linie des Königs und auf der des Propheten; dazu hatte noch manches Fremdartige eingewirkt, und verklärt wurde alles durch die uralte Erwartung, daß Gott selbst sichtbar die Herrschaft über sein Volk antreten werde. Die Hauptzüge des Messiasbildes waren dem israelitischen Königtum entnommen, wie es in idealem Glanze strahlte, nachdem er untergegangen war. Aber die Erinnerungen an Moses und die großen Propheten spielten hinein. Wie sich die messianischen Erwartungen bis zum Zeitalter Jesu ausgeprägt hatten, und wie er sie aufgenommen und umgebildet hat, werden wir in der folgenden Vorlesung in Kürze darstellen.




Anmerkungen des Autors (1908)

  1. In meiner Schrift über „Die Sprüche und Reden Jesu“ (1907) S. 189ff. habe ich zu zeigen versucht, daß das Satzglied: „Und niemand kennet den Sohn, denn nur der Vater“, nicht ursprünglich ist.
  2. Hier ist mir eine willkürliche Umkehrung des Tatbestandes vorgeworfen worden, da nach dem Wortlaut des Spruchs vielmehr das Sohnesbewußtsein Jesu das Primäre und die Gotteserkenntnis die Folge sei. Allein das ist eine gedankenlose Einwendung. Um Ursache und Folge handelt es sich überhaupt nicht, sondern um Konstatierung, daß Gott der Vater nur von dem Sohn und von denen, denen es der Sohn offenbart, erkannt wird. Da diese eben durch diese Erkenntnis zu Söhnen Gottes werden und in ihr „das Leben“ haben (s. auch Joh. 17,2.3), so hat auch „der Sohn“ in dieser Erkenntnis sein Leben. Hat er aber in dieser Erkenntnis das Leben, so hat er in ihr auch seine Existenz als Sohn, also die Sohnschaft. Dieser Zusammenhang von Erkenntnis, Leben und Sohnschaft ist keineswegs erst johanneisch oder gar griechisch, sondern schon alttestamentlich.
  3. Die „Echtheit“ des johanneischen Spruches ist damit nicht behauptet.
  4. Es muß nicht heißen: „Alle Dinge“, sondern „Alles“, nämlich „alle Erkenntnisse“, d. h. die ganze Lehre.
  5. Aber Wellhausen hat nachträglich seine Zweifel ermäßigt.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Joh 18,36.
  2. David Friedrich Strauß, Der alte und der neuen Glaube. Ein Bekenntnis (Gesammelte Schriften, hg. v. Eduard Zeller, Band 6), 11. Auflage, Bonn 1881.
  3. Paul Gerhardt (1607–1676), Nun ruhen alle Wälder (EG 477,5).
  4. Johann Wolfgang von Goethe, Faust - Der Tragödie erster Teil, Studierzimmer, Zeile 1200-1201.
  5. Lk 12,49.
  6. Mt 23,8.
  7. Houston Stewart Chamberlain (1855-1927), Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts, 1. Hälfte, München 1899, S. 207.
  8. Das Zitat hat Anklang an Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft, Gesammelte Schriften, 1. Abt.: Werke, Bd. 5, Berlin 1913, S. 351. Dort lesen wir: „Alle Hypotypose (Darstellung, subiectio sub adspectum) als Versinnlichung ist zwiefach: entweder schematisch, da einem Begriffe, den der Verstand faßt, die correspondirende Anschauung a priori gegeben wird; oder symbolisch, da einem Begriffe, den nur die Vernunft denken und dem keine sinnliche Anschauung angemessen sein kann, eine solche untergelegt wird, mit welcher das Verfahren der Urtheilskraft demjenigen, was sie im Schematisiren beobachtet, bloß analogisch ist, d. i. mit ihm bloß der Regel dieses Verfahrens, nicht der Anschauung selbst, mithin bloß der Form der Reflexion, nicht dem Inhalte nach übereinkommt.“
  9. Joh 14,15.
  10. Mt 7,21.
  11. Mt 11,27.
  12. Joh 17,24.
  13. Mt 11,27.


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