Der 2. Glaubensartikel/Von dannen er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten

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« Aufgefahren gen Himmel, sitzend zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters Hermann von Bezzel
Der 2. Glaubensartikel
Ich glaube, daß Jesus Christus sei mein Herr »
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Offenb. 20, 11–15. 
„Von dannen er kommen wird, zu richten die
Lebendigen und die Toten.“
 


 Während alles bisher Betrachtete geschehen ist und als Geschichte in die Gegenwart hereinragt und hereinreicht, schließt der zweite Glaubensartikel mit einer einzigen Weissagung, mit der Ankündigung einer großen, welterfüllenden und weltvollendenden Tatsache, welche erst geschehen soll. So ist das Leben des einzelnen Christen, wie das der christlichen Gesamtheit umgeben von einer Geschichte der Vergangenheit und von einer Zukunft der Geschichte. Auf der einen Seite steht alles das, was er für uns getan hat, und auf der andern all das, was er noch mit uns tun wird und will.

 Vier ganz einfache Worte sind es, die wir der Gemeinde in dieser Abendstunde darbieten dürfen und müssen.


I.
 Das erste Wort weist auf den majestätischen Ort, von dem dein Herr kommt. „Von dannen“, sagt unser Glaubensartikel, von den Höhen der Majestät und der Heiligkeit, von den Bergen der ewigen Hilfe und Erbarmung, von dem Thron der Gnade und der Treue. Das sind die Berge, an die nichts Gemeines, noch Sünde, nicht Schein noch Schatten heranreicht, an deren Fuß das Unrecht umkehrt, und zu deren Gipfel nur die Reinheit hinanstrebt. Das sind die Berge, in denen nichts Ungutes und nichts Unfertiges, nichts Unechtes und nichts Untreues geduldet wird, nur lautere Klarheit, ewige Reinheit, vollkommene Heiligkeit, in welcher der wohnt, der auf Erden ohne Sünde war und| nun in der Heimat ohne Versuchung zur Sünde thront. Diese Berge der Heiligkeit sind zugleich die Berge, zu denen das Flehen der Menschheit durch Jahrtausende hinaufgedrungen ist: „ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von denen mir Hilfe kommt.“ (Ps. 121, 1.) Wie viele Tausende haben schon in dieses Psalmwort ihre geängstete Seele, die kleinen und großen Anliegen, all das, was sie beschwert und geängstet hat, was sie bange und sorglich machte, hineingetragen. Wie viele Wellen von Menschenleid und Menschentränen sind schon zu diesen Bergen hinangestiegen, wie viele Menschen haben sich nur hier, in diesem engen Raume, schon zu ihnen geflüchtet!
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 So sind es nicht Berge eisiger Heiligkeit, eines Glanzes, zu dem niemand das Auge aufzuheben wagt, einer fremden Majestät, die das Blut erschauern und das letzte Leben ersterben läßt, sondern es ist die Heiligkeit, die sich uns fürbittend zuwendet – „ich, wenn ich erhöhet werde von der Erde, will ich sie alle zu mir ziehen“ –, die jetzt droben zur Rechten der Majestät dem Vater ohne Unterlaß Menschenlos und Menschenlast darstellt, die aus der Erfahrung ihres Leidens und Sterbens, ihrer Angst und Not den himmlischen Vater schildert, was es um Menschenleben und Menschenelend ist. Seht, wenn wir droben an den Bergen der Reinheit, da sich alle Nebel und Schatten, all der Brodem der Sünde, all die furchtbaren Erdennebel nicht hinwagen, keinen Vertreter hätten, so würde unser Leben am Fuße des Berges zerschellen. Wir glichen solchen, die ihr leckes, mattes, müdes Schiff an einem Felsen bergen wollen, an dem es zerschellt. Wir wären den armen, hilflosen Seeleuten gleich, die hoffen, es möchte das Eiland sie aufnehmen, und das Eiland mit seinen gen Himmel ragenden Felsen und Klippen läßt das Schiff nur an sich herankommen, um es zu zerbrechen. – Nein, es sind die Berge, über die der barmherzige Fuß unseres Hohenpriesters schreitet, auf denen er alltäglich und allstündlich, bis die Vollendung seiner| Gemeinde eingetreten ist, für uns betet; auf denen die großen Anliegen, die von der Zeit in die Ewigkeit hinübertönen, die großen Fragen der Weltanschauung dem himmlischen Vater erklärt werden, die er sonst nicht verstünde. Denn so gewiß Gott den Menschen ein Rätsel ist, so gewiß ist der Mensch der Sünde dem Herrn ein Geheimnis, der es nie fassen kann, wie ein Mensch außerhalb der Sonne leben mag, wie eine Seele außerhalb Gottes existieren kann. Da setzt des Sohnes barmherziges Mitleid und seine fürbittende Sprache ein: „Vater, gedenke an den, den die Sünde betört hat, vergiß dessen nicht, den allerlei Schein und Schatten berückt hat, laß dir das Los dessen zu Herzen gehen, der das Geschaffene dem Schöpfer vorzog und der an dem Irrlicht sich mehr erquickt, als an dem Ewigen.“ Wenn du, o Menschheit, deinem Gott ein ewiges Rätsel bliebest, so würde er dich auch nicht zu lösen versuchen, sondern du müßtest in den Abgrund aller Ratlosigkeit versinken. Da ist’s Christus, der das Rätsel des Menschentums gelöst hat, indem er es erlitt. Da ist er, der dem Vater Aufschluß geben kann, wie sich ein Mensch ohne ihn ängstet. Darum: Jesus kommt von den Bergen der Hilfe.

 Und er kommt vom Throne der Gnade. Wenn die Gnade ohnmächtig wäre, wäre sie guter Wille, aber nicht dein Heil; wenn die Gnade nicht mit der Allmacht vermählt wäre, wäre sie gute Meinung, aber nicht deine Rettung. Was hilft mir eine Hand, die sich nach mir täglich ausstreckt, und wenn ich sie fasse, ist sie welk und schwach! Was hilft mich der Arm, der meine Last zu tragen sich erbietet, und, wenn ich erstmals ihm die Last vertraue, kraftlos niedersinkt! Was hilft mich ein Freund, der meine Schuld zu zahlen verheißen hat und, wenn ich nun anhebe, meiner Schulden Größe ihm zu bekennen, bei dem ersten Posten der unbeglichenen Rechnung schon erschrickt: das vermag ich nimmermehr!

 Christen! Eine Gnade ohne Gewalt, ein Erbarmen ohne Kraft, eine Gütigkeit ohne Willensstärke sind eigentlich schlimmer| als völlige Härte. Sie lassen den Frühling erwachen, den dann der Winter zerstört, sie locken Blumen hervor, die dann die Kälte versehrt, sie erwecken neue Triebe, die dann in der rauhen Wirklichkeit verwelken und vergehen. Darum kommt Jesus von dem Throne der Gnade, von dem Thron des allmächtigen Vaters. Nicht wie einer, der da will, und das Gewollte nicht kann, nicht wie einer, der da verspricht und das Versprochene nicht vermag, nicht wie einer, der Hilfe verheißt und nicht helfen kann, sondern er kommt von dannen, da alle Heiligen und Märtyrer, alle selig Vollendeten rühmen: „Ehre, Kraft, Macht sei dem Lamme, das erwürget ist.“ (Off. 5, 12.) Er kommt von dem Orte, da die Geschichte der Seele, der Völker, der Welten und der Zeiten seine Allmacht triumphierend verkündet, von der Stätte, die seiner Ehre voll ist. Das ist der Ort, zu dem wir vieltausendmal emporblicken: „Komme bald! Zerreiße den Himmel! Nähere dich der Erde! Sprich zu meiner Seele: ich bin deine Hilfe!“ (Ps. 35, 3.) Das ist der Ort, den unsere Sehnsucht so oft flehentlich erstürmt: „Ach, öffne bald das Geheimnis deiner Verborgenheit! Erschließe eilends die Wunderbarkeit deiner Zurückgezogenheit! Erscheine, der du auf den Lobgesängen deines Volkes thronst; du Hirte Israels, der du deines Volkes hütest wie einer Herde, erscheine uns und komme uns zu Hilfe!“


II.
 Und das zweite Wort: von dannen er kommen wird. Wundersam! In der Brautzeit der Kirche, in ihrer ersten Frühlingszeit, da die Liebe zu ihrem Herrn Christus einen bräutlichen, innigen, fast zarten Charakter trug, hat die Gemeinde weit mehr mit der Zeit sich beschäftigt, in der er kommen wird, als jetzt. Je mehr die Jahrhunderte sich längerten und die Zeit sich ausdehnte, in der es hieß: dein Reich komme! – und er kam nicht, siehe ich stehe vor der Tür und klopfe an“ (Off. 3, 20),| und er trat nicht ein, desto mehr hat die Gemeinde in dieser Zeit des Wartens sich gewöhnt zu bekennen, daß er kommen wird, und nimmer zu fragen: „wann wird dies sein?“ Es ist auch nicht notwendig: „von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel nicht im Himmel, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.“ (Mark, 13, 32.) Alle diese Berechnungen unserer Tage sind Verrechnungen, und all die genauen Angaben, wann er kommen wird, haben uns gelehrt, daß er sich nichts vorschreiben läßt. Wie hat um das Jahr 1000 die Gemeinde gehofft: jetzt wird Jesus kommen! Als der dritte der Sachsenkaiser, Otto III., zum Grabe seines Lehrers nach Gnesen wallte und an die Gruft Karls des Großen nach Aachen ging, wie ging damals durch die Gemeinde die Sehnsucht: jetzt wird Jesus kommen! Und er kam nicht. Als die Reformation einen neuen Frühling der Kirche heraufführte – freilich auch mit großen, zerstörenden Stürmen – da war es auch für Luther Gewißheit, daß er bald kommen werde: „komm, lieber jüngster Tag!“ Er hoffte, das Kommen seines Herrn noch zu erleben. Luther ist zu Grabe gestiegen – und sein Herr kam nicht. Und als man sich anschickte, die Nöte des siebenjährigen Krieges zu überschauen, haben die frommen Württemberger Väter, wie ein Bengel, fest geglaubt, jetzt müsse der Herr kommen. Zur Zeit der französischen Revolution, also vor jetzt 120 Jahren und darüber, war in den christlichen Kreisen allgemein die Hoffnung, daß nun der Herr bald erscheine – und er kam nicht.

 Und seitdem ist immer wieder die Erwartung lebendig geworden, und der Ausblick ist schärfer und die Sehnsucht ist mächtiger; und je mehr der Weltkrieg sich hindehnt und je furchtbarer er die blutigen Furchen durch die Welt zieht, und je mehr Völker herein in das wundersame Gottesgeheimnis des Kampfes bezogen werden, desto mehr erwarten wir: jetzt, jetzt wird bald der Herr kommen!

|  Statt dessen verwirft er scheinbar ein Werk, das seinem Kommen vorausgehen soll, das Werk der Mission. Wir wissen, daß ehe er kommen wird, allen Völkern auf Erden das Evangelium gepredigt sein muß. Wir glauben, daß ehe er kommt, Israel als Volk sich seinem Herrn zuwenden wird. Wir wissen auch, daß, ehe er kommt, sich zwei ganz bestimmte Weltanschauungen von einander trennen: Die Weltanschauung für ihn und die gegen ihn. Und nun zerstört er scheinbar ein Werk, das seinem Kommen unmittelbar vorhergehen soll, die Heidenmission, und der Halbmond geht blutig groß über Europa auf, und die Schwärmerei des Buddha kommt nach Europa herein und das Kreuz tritt zurück und – der Herr kommt nicht.

 Seht, es ist eine große Gottesgabe, daß man, obwohl der Herr die Zeit zu verlängern scheint, wachend bleibt. Denn er kommt; er kommt vorbereitet, doch für uns wie ein Dieb in der Nacht. Wie ein Dieb tagsüber an den Häusern hinschleicht, eine schwache Stelle ausfindig zu machen, hier ein morsches Fenster bemerkt und sich’s fest einprägt, der die Gewohnheiten der Leute wahrnimmt, wann sie zur Ruhe gehen, wo und wie sie schlafen, um es dann alles bei seinem nächtlichen Einfall zu benützen, so geht Christus jetzt durch die Welt, durch die Weltgeschichte, um die Stellen, da das Weltgebäude zugänglich ist, recht zu erkennen. Wie es in einem der ersten Bücher am Ende des ersten Jahrhunderts heißt: „Christus wird kommen als ein Baumeister und wird den großen Weltenturm einzeln berühren; er wird jeden einzelnen Stein mit dem Hammer seines göttlichen Wortes anfassen und prüfen, ob er ins Gefüge paßt, oder nur lose sitzt.“

 So geht jetzt der Herr durch die Welt, sucht sich die leicht einnehmbaren Stellen, lernt die Gewohnheiten der Völker kennen, und wenn der tiefe Schlaf der Sicherheit auf die Völker sich herabsenkt, wenn der Taumel des Ruhmes und des Weltglückes und| der Welttrunkenheit über die Völker einen Bann von träger Ruhe senkt, dann erscheint er, nicht erwartet, nicht geahnt, aber er kommt.

 Von dannen er kommen wird: er, wohlbereitet – in eine unbereitete Welt; er, wohlgerüstet – in eine nichtsahnende Zeit; er, ganz auf das Kleinste bedacht, wie auch mit dem Größten versehen – in eine unruhvolle, ungeordnete, dem Schlafe und dem Traum der Sicherheit willenlos ergebene Zeit. – Wie ist es dann mit deiner Seele? Wie steht es dann mit deinem inwendigen Menschen? Wenn du dich abends zur Ruhe begibst, sprichst du: wenn du diese Nacht bei mir anklopfest, bei mir einkehren und zu mir kommen willst, siehe, meines Herzens Pforten sind dir offen, komme herein?

 Wenn du abends von einer Gesellschaft heimkehrst und dich manch eines unbedeutenden, unklaren oder – Gott verhüte es – unguten, unreinen Wortes schuldig erkennst, wenn dein Herz so leer an Großem und so groß an Leere dir erscheint, und deine Seele so weit geworden ist von all der Halbheit und Hohlheit und du bist so gar nicht innerlich gefaßt und gefestigt, sprichst du noch, ehe es zum Schlafe geht: „allen Seelenschaden deck, Jesu, nun in Gnaden mit deinem Purpurmantel zu!?“

 Siehe, es ist etwas so Wundersames: während du schläfst, steht Jesus vor der Türe deines Herzens; immer wieder tritt er zurück. Das ist sein Erbarmen; denn er weiß, er trifft dich unvorbereitet; er verzieht, denn er weiß dich ungerüstet. Aber einmal kommt er eben doch und tritt ein, und deine Seele ist nicht geordnet, und dein Herz ist nicht bereitet, und dein Wesen ist nicht geheiligt, und er findet keinen Platz bei dir. Das ist es: Jesus wird kommen; bin ich bereit? Bereit sein, reif sein ist alles! „Bin ich bereit?“ Wenn ich so frage, so ist im tiefsten Grunde meiner Seele eine unausfüllbare Kluft, eine unaustilgbare Angst, die nur Einer ausfüllen, und die nur Einer wegtilgen kann: er allein.

|  Von dannen er kommen wird! O, wie groß ist doch dein und mein Leben, wenn es sich gleich oft in Kleinigkeiten bemüht und verzehrt! O, wie gewaltig ist doch eine einzige Menschenseele, die nicht zur Ruhe kommen kann, bis der Herr sie besucht! Welch großer Ausblick in Völker- und Weltgeschichte, in Zeit- und Weltänderung ist es, zu wissen, daß nicht die Welt zu Ende und ihre Geschichte zur Neige geht, bis nicht der Herr das letzte Amen spricht: „siehe, ich habe alles vollendet!“
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 Er wird kommen! Jeder neue Tag, wenn das Morgenrot, die Frühröte die Ungewißheit des Tages umsäumt, ruft es dir und mir, ruft es der Gemeinde, die ausschaut, ruft es der sicher schlummernden Welt entgegen: Jesus kommt! Und wenn um den Mittag die Glocken läuten, und die Gemeinde sich zur kurzen Rast des Genusses begibt, so läuten sie dir und mir ins Ohr und ins Herz: „Jesus macht sich um den Mittag auf, er kommt!“ Und wenn die Schatten nieder von den Bergen ins Tal steigen, und über die Großstadt legt sich wie ein großes, dumpfes Schweigen die Nacht, und die Abendglocken heben an, zu tönen, und ein Meer von Klängen zittert hin über unsere Stadt, dann sollen doch wenigstens wir daran denken: „Lieber Mensch, was soll’s bedeuten, daß man tut die Glocke läuten!“ Und hinter dem Tode kommt der Lebensfürst. Es ist etwas Gewaltiges, daß der enteilende Tag, daß alle Welt, du und deine Umgebung, die ganze Weltgeschichte der Tatsache entgegeneilt und entgegengeht: „Jesus kommt.“ – Petrus schreibt in seinem zweiten Briefe, daß die Spötter sagen: „Seitdem die Väter entschlafen sind, bleibt es alles, wie es zuvor gewesen ist.“ (2. Petr, 3, 4.) Und ich meine, daß gar manch wohldenkender Christ über die letzten Dinge sich keine Gedanken macht; die Offenbarung bleibt ihm das Buch mit den sieben Siegeln, die Gesichte der Offenbarung sind höchst fragwürdige Träume, und ob der Heiland noch einmal kommen wird, läßt er dahingestellt. Aber – ein weltlicher Dichter sagt:| „etwas glauben und hoffen und fürchten und sorgen muß der Mensch für den kommenden Morgen.“ Aber sage einmal selbst: „welche Schwungkraft gibt es der Seele, welche Bewegungsfreiheit dem Arbeitsdrang, wenn ich ihr sage: du gehst Jesus entgegen und er dir?“ Mit einem Worte, merke das: jede Seele – und wieder denke ich an einen weltlichen Dichter, der da sagt: „der Mensch erfährt, er sei auch wer er mag, ein letztes Glück und einen letzten Tag!“ – jede Seele hat eine Stunde zu erwarten, in der sie ihrem Herrn und ihr Herr ihr begegnen wird. Die Frage ist nur die: wirst du ihm begegnen, um ihm auszuweichen oder wirst du ihm begegnen, um ihm zu Füßen zu fallen? Wirst du ihm begegnen und sprechen: sei gegrüßt! oder wirst du sagen: weiche von mir! Der Begegnung selber entgehst du nicht! – Merke ferner: was jede einzelne Seele hat und erlebt, erlebt die ganze Weltgeschichte. Es kommt ein Moment – das kann noch tausende von Jahren währen, es kann aber auch schon in den nächsten Monaten sein – es kommt ein Moment, da die Weltgeschichte ihrem Erlöser und der Erlöser der Weltgeschichte begegnen wird, – da das ganze, große Geheimnis von Sünde und Gnade, von freiem Willen und Gottes Führung, dieses wundersame Gewebe von Gottes Gedanken und der Menschen Schuld vor den Augen des Herrn Jesu offen daliegen wird.


III.
 Denn drittens, von dannen er kommen wird zu richten, nicht zunächst zu retten. Er ist in seiner Niedrigkeit gekommen, um zu retten, und in seiner Hoheit kommt er, um zu richten. Als er an Weihnachten erdwärts zog, da kam er schwach, hilflos und arm, um den Armen seine ewige Huld zu erweisen. Wenn er noch einmal kommen wird, machtvoll, majestätisch, ein König der Schrecken auch in seiner Gnade und Huld, dann kommt er, um zu richten. Man muß das Gericht, das| Jesus mit der einzelnen Seele, mit der Seele des Volkes, der Volksseele und mit der ganzen Weltgeschichte, vom ersten Tage an bis zum letzten anhebt, nicht als äußerliches deuten. Es handelt sich um eine einzige Frage, um die Frage, die er einmal schon gestellt hat, damit man weiß, wie er einmal richten wird. Als er erschien im Frührot der Auferstehungsmajestät, umsonnt und umstrahlt von der Herrlichkeit des Todessieges, ganz erfüllt von der Gewißheit seiner baldigen Heimkehr zum Vater, ist er, wie ihr alle wißt, dem Jünger erschienen, der ihn verleugnet hatte. Wenn wir mit einem Menschen, der uns enttäuscht, betrogen, schwer gekränkt hat, abrechnen und ihn richten, haben wir gar nicht Worte genug. Da werden Proben unseres vorzüglichen Gedächtnisses abgelegt, da werden Reden geführt, die in Gift getaucht sind, da weiden wir uns an der Niederlage dessen, der uns betrog, und uns erquickt die Ärmlichkeit dessen, den wir jetzt demütigen dürfen. Aber dein Herr und Heiland, der da die Macht hatte, einen ungetreuen Jünger zu zerwerfen und zu verstoßen, hat eine einzige Frage an ihn gerichtet, in der Weltgericht und Weltrettung zugleich beschlossen liegt, eine Frage, ob der Kompaß seiner Seele noch nach einem ewigen, seligen Punkte gravitiere, oder ob sein Leben sich innerlich bereits von ihm gelöst habe: „Simon, Jonas Sohn, hast du mich lieb?“ (Joh. 21, 16.) Nicht mehr und nicht weniger, nur die einzige Frage, in der das Ergebnis von fast vier Lehrjahren, in der die Erfahrungen von vier Wanderjahren, in der eine Summe von Gnade als Erinnerung auftauchte und eine Summe von Sünde als Schrecken nachdrängte: „Simon, Jonas Sohn, hast du mich lieb?“
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 Eine andere Frage wird er auch an dich und mich nicht richten, wenn er uns begegnen wird, wenn wir ihn sehen werden, wie er ist. Wir sollen nicht glauben, daß der König, dem jedes Wort unserer Lippen bewußt, und jeder Gedanke unserer Seele klar und jeder Zug unseres Wesens offenbar ist, mit uns ins Einzelne ginge;| das ist seiner nicht wert. Aber eine Frage wird er an uns richten, bei der es keine Ausrede und keinen ausweichenden Bescheid und keine Ausflüchte und kein Mehr und kein Weniger von Zugeständnissen und Zurückhaltung gibt: hast du mich lieb? Nämlich so lieb, daß du jetzt in der Scheidestunde, wo dich alles läßt und du alles lässest, mit mir vorlieb nehmen kannst und sprechen magst: „wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde.“ (Ps. 73, 25.)

 Das ist die Gerichtsfrage, die so einfach ist, daß man meint, einem Kinde könnte ihre Beantwortung leicht fallen, und die doch so furchtbar ist, daß der Mann vor ihr erbebt. Jetzt ist es leicht zu antworten; vielleicht nach dieser Betrachtungsstunde, wenn du allein heimgehst, da sagst du zu deiner Seele: so leicht ist dir das Christentum noch nicht gemacht worden, wie in dieser Abendstunde. Ich brauche ja nichts anderes, als Jesum lieb haben, ein leichtes Beginnen. Ich habe schon manchmal geweint, wenn ich an seine Passion gedacht, ich habe mich auch manchmal gefreut, wenn ich von seiner Großtat hörte. Ich habe immer Beziehungen zu ihm gehalten. Das ist ja alles nichts, das ist gar nichts. Das Gefühlschristentum hat noch niemand vom Tode erlöst, sondern darauf kommt es an, daß du in deiner Todesstunde, da alle Redensarten auf deinen Lippen ersterben, weil wir ganz allein stehen und niemand auf unsere Redensarten etwas gibt, sagen kannst: Du weißest alle Dinge, mein ganzes Leben mit seiner Last und seiner Schuld kennst du, aber du weißt, daß unter Geröll und Gestrüpp und Verfall eine köstliche Silberader hindurchging – viel verborgen, kaum sichtbar, oft wie entschwunden, aber immer wieder hervorkommend und zur Erscheinung drängend – und diese Silberader hieß: Liebe zu dir!

 Ja, wie ist es denn, wenn der Herr Christus die Frage an einen Menschen richtet, der überhaupt nicht mehr lieben kann, dessen Herz so enge geworden ist, daß nur sein Ich in ihm Raum| hat? Wie ist es denn dann, wenn er einen Menschen frägt, der sein Herz durch Selbstliebe und Selbstlob und Selbstsucht so verengt und zusammengeschnürt hat, daß nicht einmal ein Mensch darin wohnen kann, geschweige Gott selbst? Wie ist es dann? Es gilt nicht, daß man sagt: ich habe über dich viel gelesen, über dich sehr viel gehört, Meister, ich habe über dich sehr viel nachgedacht, ich bin nicht dort gewesen, wo man dich leugnete und habe mich zu rechter Zeit zurückgezogen, wenn man deiner spottete. – O, ich sage euch, die Leugner werden eher Gnade finden, als solch Laue! Seine erbittertsten Feinde werden eher zu seinen Freunden, als die Gleichgültigen, diese Durchschnittschristen, die so fleißig zur Kirche gehen. Nein, es ist ein furchtbar ernstes Wort: Seele, kannst du noch etwas außer dir lieben? In der Todesstunde sich allein lieben müssen, mein Christ, das heißt, geistlich verwesen.
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 Und so, wie er dich und mich fragt, jede einzelne Seele fragt, so fragt er auch die Völker, die Weltgeschichte, die er erlöst hat, die Politik, für die er gestorben ist, die ganze Weltbewegung, die ihn ans Kreuz gebracht hat, sie alle wird er fragen: „hast du mich lieb?“ Weltanschauung hast du mich lieb? Völker der Erde, habt ihr mich lieb? Nicht: habt ihr mir Dome, Kathedralen, Gemälde geschaffen, Tonwerke zugeeignet, mir zu Ehren erfunden, nicht, habt ihr christliche Schulen gegründet, das ist alles Nebensache, das sind nur Begleiterscheinungen, die vielleicht nicht im tiefsten Grunde wurzeln – es gibt auch christliche Kunst ohne Christum –, sondern nur: hast du mich lieb? Das ist das einzige Wort, ach, die kurze Frage, die doch eine Welt von Seligkeit und voll Unruhe in sich birgt. Es ist ein gar gewaltig Wort, an dem man so oft und leicht vorbeigeht. Und doch, wie es bei Matth. 25 heißt: „und die Tür ward verschlossen.“ Wenn das einmal der Fall sein wird, wenn der Richter, da man ihm die Antwort schuldig blieb, zwischen uns und sich eine arme, schwache Türe stellt, dann dringt kein Flehen mehr durch und kein Klopfen erreicht ihn mehr und| kein Bitten kommt an sein Ohr und er sieht mit seinen Augen nimmer unsere Angst. „Ich weiß nicht, wo ihr her seid!“ Hört es, der allwissende Herr sagt: „ich weiß nicht, wo ihr her seid.“ Der, dem dein leisester Gedanke nicht verborgen bleibt, dem auch das kaum ausgesprochene Wort deines Mundes bekannt ist, sagt: „ich kenne dich nicht, ich weiß nichts von dir.“ „Ach, wie werd’ ich da bestehen, wen zum Anwalt mir erflehen, wo Gerechte schier vergehen.“


IV.
 Und das letzte viertens: die Lebendigen und die Toten. Wenn der Herr kommen wird, wird die Weltgeschichte noch in vollem Gange sein. Man wird freien und sich freien lassen, man wird zu Trauungen ins Gotteshaus gehen oder auch nicht, man wird Häuser bauen und sein Handwerk treiben, man wird die Kunst pflegen und die Staaten regieren, und die Parlamente werden beschickt werden, ganz wie jetzt. Man wird große Dinge tun, Türme wie zu Babel werden aufgeführt werden, allerlei Herrliches wird der Menschengeist neu erfinden, die ganze Welt wird im Lichte der großen, neuen Entdeckungen erstrahlen. Vielleicht liegen die Kriege wie ein Märlein dahinten, ein großer Wetteifer der Industrie hat angehoben. Das Märchen vom Weltfrieden scheint Wirklichkeit zu werden: das sind die Lebendigen. Und draußen in ihren Kammern, drunten am Grunde des Meeres, dort in ihren Aschenhügeln, in ihren Urnen, da eine neue Weisheit ihre Toten birgt, wo all die von Jahrhunderten aufgespeicherten Staubmengen rasten und ruhen, da wird er kommen. Und er wird hineintreten mitten ins Leben, und das Leben wird erstarren; und er wird hineintreten mitten in den Tod, und der Tod wird erwachen. Er wird kommen in die Gerichtshäuser, Ratsstuben, Parlamente, in die Paläste und in die Hütten. Er wird kommen und hinschreiten über all die Schienengeleise, über die eisernen Stränge, die durch die Welt ziehen, über| Telegraph und Fernsprecher und wie das alles heißt, das den Menschen die Diesseitigkeit lieben und die andere Welt vergessen läßt. Er wird hineintreten, und das Leben verstummt. Und es wird eine tiefe Stille durch die ganze Welt gehen: siehe, es ist der Herr! Es wird das Räderwerk plötzlich stocken: „der Meister ist da und ruft uns.“ (Joh. 11, 28.) Und derselbige Meister ruft hinüber über die Totengrüfte und Leichenfelder und über die Unabsehbarkeit der Schlachtstätten, hinunter in Meeresgründe und hinaus in all die Wüsten, da viertausend Gebeine bleichen, und eine Völkerwanderung ohnegleichen und ohne Maßen wird anheben. Und alle müssen vor ihn treten. Es wird die Weltschöpfung mit der Welterlösung zusammen kommen, damit eine Weltvollendung werde. Wie wird es dann sein? Wie viele Millionen Menschen, die von Anbeginn her sind, werden ihren zweiten Glaubensartikel in einem großartigen Schaubesitz verwandelt sehen und werden den, an den sie glaubten oder an dem sie zweifelten, vor sich in seiner ganzen Persönlichkeit erblicken! Und die Einen werden, ob auch ganz überwältigt von seiner Klarheit, sagen: „sehet, das ist Gottes Lamm, welches auch meine Sünden trug!“ (Joh. 1, 29.) Und die Andern, hingeworfen von der Furchtbarkeit seiner Majestät werden sagen: „Berge fallet über uns, Hügel deckt und versteckt uns vor dem Grimm dessen, der auf dem Throne sitzt.“ (Off. 6, 16.) Das wird das Weltende sein. Lebendige werden tot und Tote werden lebendig. Größen werden verbleichen und bleiche Gestalten werden Größen. Lebensfülle wird als Schein ersterben und stille Größe wird zum Leben erhoben. Aus Gräbern wird ein neuer Frühling ewiger Dauer erblühen, und in Gräber wird ein Frühling der Diesseitigkeit versinken. –
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 „Jesus richtet.“ Damit laßt mich schließen. Daß es Christus ist, der da richtet, ist uns der höchste Trost. Könnte ich nur deines Kleides Saum anrühren, so würde ich gesund. Daß Jesus richtet, der am Kreuze gesprochen: „Vater vergib ihnen,| denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Luk. 23, 34), das sei dein größtes Glück: Du wirst nicht anders richten, du barmherziger Herr, als du gesagt hast. „Du wirst den glimmenden Docht nicht auslöschen.“ (Jes. 42, 3.) Du bist Erbarmung! Aber so gewiß es der höchste Trost ist, so furchtbar soll es uns auch sein: Jesus richtet. Auch die Barmherzigkeit zürnt, auch die Liebe grollt, und die Gnade straft. Wird es eine ewige Erlösung geben? Werden sie alle selig werden? Werden auch die in der Hölle frei werden, auch die Dämonen? Befiehl dem Herrn deine Wege und nicht die Wege der andern! Laß sträfliche Neugierde und bete: „mein Gott, ich bitt’ durch Christo Blut, mach’s nur mit meinem Ende gut!“ Alles übrige befiehl seiner Gnade, er wird’s recht machen. Ist es möglich, daß seine Liebe, ohne Schwäche zu werden, alle befreit, so wird sie es tun. Ist es aber, wie meine Kirche lehrt und wie ich glaube, ihr nicht möglich, ohne sich selbst aufzugeben, so muß auch sein Nein eitel Licht und Glanz und Frieden sein.

 „Siehe, ich komme bald,“ spricht unser Herr Christus heute, da die Gemeinde wieder im alten Glauben sich zusammenfand. Und du antworte ihm: „Ja, Amen, komme bald, Herr Jesu!“ (Off. 22, 20.)

Amen.



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