Die Edda (Simrock 1876)/Snorra-Edda/Aus der Skalda

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aus: Die Edda (Simrock 1876)
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Zusammenfassung: 3. Lied der „Snorra-Edda“; eine Poetik der Skaldendichtung, die eine Theorie und Praxis der Kenningar sowie ein Verzeichnis poetischer Synonyme enthält
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[301]
3. Aus der Skalda.

Thors und Hrungnirs Kampf.
Sk. c. 17.

59. Thor war nach Osten gezogen, Unholde zu tödten. Odhin ritt auf Sleipnir gen Jötunheim und kam zu dem Riesen, der Hrungnir hieß. Da fragte Hrungnir, welchen Mann er da sehe mit dem Goldhelm, der Luft und Waßer reite? Er sagte auch, er reite ein sehr gutes Ross. Da sagte Odhin, er wolle sein Haupt verwetten, daß kein so gutes Ross in Jötunheim sei. Hrungnir sagte, jenes Ross möge gut sein; aber sein eignes Ross, das Gullfaxi heiße, mache viel weitere Sprünge. Hrungnir ward zornig, sprang auf sein Ross und setzte Odhin nach und gedachte, ihm seine Pralerei zu lohnen. Odhin ritt so schnell, daß er eine gute Strecke voraus war; aber Hrungnir war in so großem Jotenzorn, daß er nicht merkte wie er schon innerhalb der Asenmauer sei. Als er nun an das Thor der Halle kam, luden ihn die Asen zum Trinkgelag. Er trat in die Halle und begehrte einen Trunk. Sie nahmen die beiden Schalen, aus welchen Thor zu trinken pflegte, und Hrungnir leerte sie beide. Und als er trunken wurde, ließ er das Großsprechen nicht; er sagte, er wolle Walhall nehmen und nach Jötunheim bringen, Asgard versenken und alle Götter tödten außer Freyja und Sif, die wolle er mit sich heim führen. Darauf als Freyja ihm einschenkte, drohte er, den Asen all ihr Äl auszutrinken. Als aber die Asen sein Großsprechen verdroß, nannten sie Thors Namen: alsbald kam Thor in die Halle und schwang den Hammer und fragte zornig, wer Schuld sei, daß hundweise Jötune da trinken dürften, oder dem Hrungnir erlaubt habe, in Walhall zu sein, und warum ihm Freyja einschenke wie bei den Gelagen der Asen? Da antwortete Hrungnir und sagte, indem er mit unfreundlichen Augen auf Thor blickte, Odhin habe ihn zum Trinkgelag gebeten und er sei in dessen Frieden. Da sagte Thor, der Einladung solle den Hrungnir gereuen ehe er hinauskomme. Hrungnir entgegnete, Asathor werde wenig Ehre davon haben, wenn er ihn unbewaffnet tödte; mehr Muth verrathe er, wenn er es wage an der [302] Ländergrenze bei Griottunagardr mit ihm zu kämpfen. Es war große Unklugheit, sagte er, daß ich Schild und Schleifstein daheim ließ. Wenn ich meine Waffen hier hätte, wollten wir gleich einen Holmgang versuchen; da dieß aber nicht der Fall ist, so beschuldige ich dich eines Neidingswerks, so du mich wehrlos tödten willst. Thor wollte sich der Annahme des Zweikampfes keineswegs entziehen, da er dazu aufgefordert worden ward, was ihm nie zuvor begegnet war.

Da fuhr Hrungnir seines Weges, und sputete sich aus aller Macht bis er gen Jötunheim kam. Da machte seine Fahrt großes Aufsehen bei den Jötunen, so wie auch, daß es zwischen ihm und Thor zur Verabredung des Zweikampfs gekommen war. Die Jötune hielten es für überaus wichtig, wer den Sieg erhielte, denn sie fürchteten das Schlimmste von Thor, wenn Hrungnir bliebe, denn er war der Stärkste unter ihnen. Da machten sie auf Griottunagardr einen Mann von Lehm, der neun Rasten hoch war und dreie breit unter den Armen. Sie fanden aber kein Herz, das so groß war als sich für ihn ziemte, bis sie das einer Stute nahmen, welches sich ihm jedoch nicht haltbar erwies als Thor kam. Hrungnir selbst hatte bekanntlich ein Herz von hartem Stein, scharfkantig und dreiseitig, wie man seitdem das Runenzeichen zu schneiden pflegt, das man Hrungnirs Herz nennt. Auch sein Haupt war von Stein, von Stein auch sein breiter, dicker Schild, und diesen Schild hielt er vor sich, als er auf Griottunagardr stand und Thors wartete. Seine Waffe war ein Schleifstein, den er über die Achsel nahm, und nicht mild war er anzuschauen. Ihm zur Seite stand der Lehmriese, der Möckurkalfi hieß. Er war aber sehr furchtsam, und man sagt, daß er Waßer ließ als er Thor sah. Thor fuhr zum Holmgang und mit ihm Thialfi. Da lief Thialfi voraus, dahin wo Hrungnir stand und sprach zu ihm: Du stehst übel behütet, Jötun: zwar hast du den Schild vor dir; aber Thor hat dich gesehen, er fährt niederhalb in die Erde und wird von unten an dich kommen. Darauf warf sich Hrungnir den Schild unter die Füße und stand darauf; die Steinwaffe aber faßte er mit beiden Händen. Darauf vernahm er Blitze, und hörte starke Donnerschläge und sah nun Thor im Asenzorn, der gewaltig heranfuhr, den Hammer schwang und ihn aus der Ferne nach Hrungnir warf. Hrungnir hob die Steinwaffe mit beiden Händen, und hielt sie entgegen: da traf sie der Hammer im Fluge und der Schleifstein brach entzwei: der eine Theil fiel zur Erde, und davon sind alle Wetzsteinfelsen gekommen; der andere fuhr in Thors Haupt, so daß er vor sich auf die Erde stürzte. Der Hammer Miölnir aber traf den Hrungnir mitten auf das Haupt, und [303] zerschmetterte ihm den Schädel zu kleinen Stücken. Er selbst fiel vorwärts über Thor, so daß sein Fuß auf Thors Halse lag. Thialfi aber griff Möckurkalfi an, der mit geringem Ruhme fiel. Darauf ging Thialfi zu Thor und wollte Hrungnirs Fuß von ihm nehmen, hatte aber nicht die Macht dazu. Da gingen die Asen alle hinzu, als sie von Thors Fall hörten, und wollten den Fuß von ihm nehmen, brachten es aber auch nicht zu Wege. Da kam Magni herbei, der Sohn Thors und Jarnsaxas, der erst drei Winter alt war, der warf Hrungnirs Fuß von Thor und sprach: Schmach und Schande, Vater! daß ich so spät kam. Ich glaube, ich hätte diesen Riesen mit der Faust zur Hel gesandt, wär ich mit ihm zusammengetroffen. Da stand Thor auf und empfing seinen Sohn wohl und sagte, er würde ein tüchtiger Mann werden; auch will ich dir, sagte er, das Ross Gullfaxi geben, das Hrungnir besaß. Da hub Odhin an und sagte, Thor habe übel gethan, daß er dieß gute Pferd dem Sohne einer Riesenfrau gegeben habe, und nicht seinem Vater. Da fuhr Thor heim gen Thrudwang und der Schleifstein stak in seinem Haupte. Da kam die Wala hinzu, die Groa hieß, die Frau Örwandils des Kecken; die sang ihre Zauberlieder über Thor bis der Schleifstein los ward. Als Thor dieß merkte und Hoffnung schöpfte, von dem Schleifstein erledigt zu werden, wollte er der Groa die Heilung lohnen und sie froh machen. Da sagte er ihr die Zeitung, daß er von Norden her über die Eliwagar gewatet sei und im Korb auf seinem Rücken den Örwandil aus Jötunheim getragen habe. Und zum Wahrzeichen gab er an, daß eine Zehe ihm aus dem Korb vorgestanden und erfroren sei: die habe Thor abgebrochen, hinauf an den Himmel geworfen und den Stern daraus gemacht, der Örwandils Zehe heißt. Noch sagte Thor, es werde nicht lange mehr anstehen bis Örwandil heimkomme. Darüber ward Groa so erfreut, daß sie ihrer Zauberlieder vergaß, und so ward der Schleifstein nicht loser und steckt noch in Thors Haupte. Darum ist es auch eines Jeden Pflicht, solche Steine wegzuwerfen, denn damit rührt sich der Stein in Thors Haupt.




Thors Fahrt nach Geirrödsgard.
Sk. c. 18.

60. Es verdient gar sehr erzählt zu werden, wie Thor nach Geirrödsgard fuhr, denn da hatte er weder den Hammer Miölnir, noch den Stärkegürtel, noch die Eisenhandschuhe bei sich, woran Loki Schuld war, der ihn [304] begleitete. Denn dem Loki war es einsmals begegnet, da er zu seiner Kurzweil mit Friggs Falkenhemde ausflog, daß er aus Neugierde nach Geirrödsgard flog, wo er eine große Halle sah. Da ließ er sich nieder und sah ins Fenster. Aber Geirröd erblickte ihn und befahl den Vogel zu greifen und ihm zu bringen. Der Ausgesandte gelangte mit Noth die Hallenwand hinan, so hoch war sie. Loki ergetzte sich daran, wie Jener ihm so mühsam nachstrebte und gedachte, es sei noch früh genug für ihn, aufzufliegen, wenn der Mann das Beschwerlichste überstanden habe. Als dieser nun nach ihm langte, da schlug er die Flügel und spreizte die Füße; aber diese hingen fest. Da ward Loki ergriffen und dem Riesen Geirröd gebracht. Als der ihm in die Augen sah, da ahnte ihm, daß es ein Mann sein möge und gebot ihm Rede zu stehen; aber Loki schwieg. Da schloß ihn Geirröd in eine Kiste und ließ ihn da drei Monate hungern. Und als ihn Geirröd herausnahm und reden hieß, gestand Loki wer er sei und löste sein Leben damit, daß er dem Geirröd schwur, den Thor nach Geirrödsgard zu bringen ohne daß er den Hammer und den Stärkegürtel hätte.

Unterwegs nahm Thor Herberge bei einem Riesenweibe, das Gridr hieß. Sie war die Mutter Widars, des schweigsamen. Sie sagte dem Thor die Wahrheit von Geirröd, er sei ein hundweiser und übel umgänglicher Jötun. Auch lieh sie ihm ihre eigenen Stärkegürtel und Eisenhandschuhe und ihren Stab, Gridarwölr genannt. Da fuhr Thor zu dem Fluße, der Wimur hieß, aller Flüße gröstem. Da umspannte er sich mit den Stärkegürteln, und stemmte Grids Stab gegen die Strömung; Loki aber hielt sich unten am Gurte. Als nun Thor mitten in den Fluß kam, da wuchs dieser so stark an, daß er ihm bis an die Schulter stieg. Da sprach Thor:


Wachse nicht, Wimur,   nun ich waten muß
Hin zu des Joten Hause.
Wiße, wenn du wächsest,   wächst mir die Asenkraft
Ebenhoch dem Himmel.


Da sah Thor in eine Bergkluft hinauf, daß da Gialp, Geirröds Tochter, quer über dem Strome stand und dessen Wachsen verursachte. Da nahm Thor einen großen Stein aus dem Fluß auf und warf nach ihr, indem er sprach: Bei der Quelle muß man den Strom stauen. Sein Wurf pflegte sein Ziel nicht zu verfehlen. In demselben Augenblicke nahte er sich dem Lande, ergriff einen Sperberbaumstrauch und stieg aus dem Fluße: daher das Sprichwort, der Sperberbaum sei Thors Rettung.

[305] Als nun Thor zu Geirröd kam, wurden die Reisegefährten zuerst in das Gästehaus gewiesen. Da war nur Ein Stuhl zum Sitzen, auf den setzte sich Thor. Nun ward er gewahr, daß der Stuhl unter ihm sich gegen die Decke hob. Da stieß er mit Grids Stabe gegen das Sparrwerk und drückte sich auf den Stuhl hinab. Alsbald entstand großes Gekrach und folgte lautes Geschrei. Unter dem Stuhle waren Geirröds Töchter Gialp und Greip gewesen und hatte er beiden den Rücken zerbrochen. Da sprach Thor:


Einsmals übt ich   die Asenstärke
In des Joten Hause,
Da Gialp und Greip,   Geirröds Töchter,
Mich zum Himmel hoben.


Da ließ Geirröd den Thor in die Halle zu den Spielen rufen. Da waren große Feuer der ganzen Länge der Halle nach. Und als Thor in der Halle dem Geirröd gegenüber stand, da faßte Geirröd mit der Zange einen glühenden Eisenkeil und warf ihn nach Thor. Aber Thor fing ihn mit den Eisenhandschuhen in der Luft auf. Geirröd sprang hinter eine Eisensäule sich zu wahren. Aber Thor warf den Keil, daß er durch die Säule fuhr, durch Geirröd, durch die Wand und draußen noch in die Erde.




Lokis Wette mit den Zwergen.
Sk. c. 35.

61. Loki, Laufeyjas Sohn, hatte der Sif hinterlistiger Weise alles Haar abgeschoren. Als Thor das gewahrte, ergriff er Loki und würde ihm alle Knochen zerschlagen haben, wenn er nicht geschworen hätte, von den Schwarzelfen zu erlangen, daß er der Sif Haare von Gold machte, die wie anderes Haar wachsen sollten. Darauf fuhr Loki zu den Zwergen, die Iwaldis Söhne heißen. Diese machten das Haar, und zugleich Skidbladnir und den Spieß Odhins, der Gungnir heißt. Da verwettete Loki sein Haupt mit dem Zwerge, der Brock heißt, daß dessen Bruder Sindri nicht drei eben so gute Kleinode machen könnte wie diese wären. Und als sie zu der Schmiede kamen, legte Sindri eine Schweinshaut in die Esse und gebot dem Brock zu blasen und nicht eher aufzuhören bis er aus der Esse nähme was er hineingelegt. Aber sobald Sindri aus der Schmiede gegangen war und Brock blies, setzte sich eine Fliege auf seine Hand und stach ihn. Dennoch hörte er nicht auf mit Blasen bis der Schmied das Werk aus der [306] Esse nahm. Da war es ein Eber mit goldenen Borsten. Darauf legte er Gold ins Feuer und gebot ihm zu blasen und nicht eher mit Blasen abzulaßen bis er zurückkäme. Er ging hinaus; aber die Fliege kam wieder, setzte sich Jenem auf den Hals und stach nun noch einmal so stark; doch fuhr er fort zu blasen bis der Schmied aus der Esse einen Goldring zog, der Draupnir heißt. Darauf legte er Eisen in die Esse und hieß ihn blasen, und sagte Alles sei vergebens, wenn er mit Blasen inne hielte. Da setzte sich ihm eine Fliege zwischen die Augen und stach ihm in die Augenlieder, und als das Blut ihm in die Augen troff, daß er nichts mehr sah, griff er schnell mit der Hand zu, während der Blasbalg ruhte und jagte die Fliege fort. Da kam der Schmied zurück und sagte, beinahe wäre das nun völlig verdorben was in der Esse läge. Darauf zog er einen Hammer aus der Esse. Alle diese Kleinode legte er darauf seinem Bruder Brock in die Hände und hieß ihn damit gen Asgard fahren, die Wette zu lösen. Als nun er und Loki ihre Kleinode brachten, setzten sich die Götter auf ihre Richterstühle, und sollte das Urtheil gelten, das Odhin, Thor und Freyr sprächen. Da gab Loki dem Odhin den Spieß Gungnir, dem Thor das Haar für die Sif, und dem Freyr den Skidbladnir und nannte die Eigenschaften dieser Kleinode, daß der Spieß nie sein Ziel verfehle, das Haar wachse, sobald es auf Sifs Haupt komme, und Skidbladnir immer Fahrwind habe, sobald die Segel aufgezogen würden, wohin man auch fahren wollte; und zugleich könne man das Schiff nach Belieben zusammenfalten wie ein Tuch und in der Tasche tragen. Darauf brachte Brock seine Kleinode hervor, und gab dem Odhin den Ring, und sagte, in jeder neunten Nacht würden acht eben so kostbare Ringe von ihm niederträufeln. Dem Freyr gab er den Eber und sagte, er renne durch Luft und Waßer Tag und Nacht schneller als irgend ein Pferd und nie wäre es so finster in der Nacht oder im Schwarzwald, daß es nicht hell genug würde, wohin er auch führe, so leuchteten seine Borsten. Dem Thor gab er den Hammer und sagte, er möge so stark damit schlagen, als er wolle, was ihm auch vorkäme, ohne daß der Hammer Schaden nähme; und wohin er ihn auch werfe, so solle er ihn doch nicht verlieren, und nie solle er so weit fliegen, daß er nicht in seine Hand zurückkehre, und wenn es ihm beliebe, solle er so klein werden, daß er ihn im Busen verbergen könne. Er habe nur den Fehler, daß sein Stiel zu kurz gerathen sei. Da urtheilten die Götter, der Hammer sei das Beste von allen Kleinoden und die beste Wehr wider die Hrimthursen, und entschieden sie die Wette dahin, daß der Zwerg gewonnen habe. Da erbot sich Loki, sein Haupt zu lösen; aber der Zwerg [307] antwortete, darauf dürfe er nicht hoffen. So nimm mich denn, sagte Loki; aber als Jener ihn faßen wollte, war er schon weit fort, denn Loki hatte Schuhe, die ihn durch Luft und Waßer trugen. Da bat der Zwerg den Thor, ihn zu ergreifen, und dieser that es. Da wollte der Zwerg Lokis Haupt abhauen, aber Loki sagte, nur das Haupt sei sein, nicht der Hals. Da nahm der Zwerg einen Riemen und ein Meßer und wollte Löcher in Lokis Lippen schneiden und ihm den Mund zusammen nähen; aber das Meßer schnitt nicht. Da sagte er, beßer wär es, wenn er seines Bruders Ahle hätte, und in dem Augenblick als er sie nannte, war sie bei ihm und durchbohrte Jenem die Lippen. Da nähte er ihm den Mund zusammen, und riß den Riemen am Ende der Nat ab. Der Riemen, womit er dem Loki den Mund zusammen nähte, hieß Wartari (Lippenreißer).




Die Niflungen und Giukungen.
Sk. c. 39–42.

62. Es wird erzählt, daß drei der Asen ausfuhren, die Welt kennen zu lernen: Odhin, Loki und Hönir. Sie kamen zu einem Fluß und gingen an ihm entlang bis zu einem Waßerfall, und bei dem Waßerfall war ein Otter, der hatte einen Lachs darin gefangen und aß blinzelnd. Da hob Loki einen Stein auf und warf nach dem Otter und traf ihn am Kopf. Da rühmte Loki seine Jagd, daß er mit Einem Wurf Otter und Lachs erjagt habe. Darauf nahmen sie den Lachs und den Otter mit sich. Sie kamen zu einem Gehöfte und traten hinein, und der Bauer, der es bewohnte, hieß Hreidmar, und war ein gewaltiger Mann und sehr zauberkundig. Da baten die Asen um die Nachtherberge, und sagten, sie hätten Mundvorrath bei sich und zeigten dem Bauern ihre Beute. Als aber Hreidmar den Otter sah, rief er seine Söhne Fafnir und Regin herbei, und sagte, ihr Bruder Otr wär erschlagen, und auch, wer es gethan hätte. Da ging der Vater mit den Söhnen auf die Asen los, griffen und banden sie, und sagten, der Otter wäre Hreidmars Sohn gewesen. Die Asen boten Lösegeld so viel als Hreidmar selbst verlangen würde, und ward das zwischen ihnen vertragen und mit Eiden bekräftigt. Da ward der Otter abgezogen und Hreidmar nahm den Balg und sagte, sie sollten den Balg mit rothem Golde füllen, und ebenso von außen hüllen, und damit sollten sie Frieden kaufen. Da sandte Odhin den Loki nach Schwarzalfenheim und kam zu dem Zwerge, der Andwari hieß und ein Fisch im Waßer war. [308] Loki griff ihn mit den Händen und heischte von ihm zum Lösegeld alles Gold, das er in seinem Felsen hatte. Und als sie in den Felsen kamen, trug der Zwerg alles Gold hervor, das er hatte, und war das ein gar großes Gut. Da verbarg der Zwerg unter seiner Hand einen kleinen Goldring: Loki sah es und gebot ihm, den Ring herzugeben. Der Zwerg bat, ihm den Ring nicht abzunehmen, weil er mit dem Ringe, wenn er ihn behielte, sein Gold wieder vermehren könne. Aber Loki sagte, er solle nicht einen Pfennig übrig behalten, nahm ihm den Ring und ging hinaus. Da sagte der Zwerg, der Ring solle Jedem, der ihn besäße, das Leben kosten. Loki versetzte, das sei ihm ganz recht und es solle gehalten werden nach seiner Voraussage; er werde es aber dem schon zu wißen thun, der ihn künftig besitzen solle. Da fuhr er zurück zu Hreidmars Hause und zeigte Odhin das Gold, und als er den Ring sah, schien er ihm schön; er nahm ihn vom Haufen und gab das übrige Gold dem Hreidmar. Da füllte er den Otterbalg so dicht er konnte und richtete ihn auf als er voll war. Da ging Odhin hinzu und sollte ihn mit dem Golde hüllen. Als er das gethan hatte, sprach er zu Hreidmar, er solle zusehen ob der Balg gehörig gehüllt sei. Hreidmar ging hin und sah genau zu, und fand ein einziges Barthaar und gebot auch das zu hüllen, denn sonst war ihr Vertrag gebrochen. Da zog Odhin den Ring hervor, hüllte das Barthaar, und sagte, hiemit habe er sich nun der Otterbuße entledigt. Und als Odhin seinen Sper genommen hatte, und Loki seine Schuhe, daß sie sich nicht mehr fürchten durften, da sprach Loki, es sollte dabei bleiben, was Andwari gesagt hatte, daß der Ring und das Gold dem Besitzer das Leben kosten solle, und so geschah es seitdem. Darum heißt das Gold Otterbuße und der Asen Nothgeld.

Als Hreidmar das Gold zur Sohnesbuße empfangen hatte, verlangten Fafnir und Regin ihren Theil davon zur Brudersbuße; aber Hreidmar gönnte ihnen nicht einen Pfennig davon. Da kamen die Brüder überein, ihren Vater des Goldes wegen zu tödten. Als das geschehen war, verlangte Regin, daß Fafnir das Gold zur Hälfte mit ihm theilen sollte. Fafnir antwortete, es sei wenig Hoffnung, daß er das Gold mit seinem Bruder theilen werde, da er seinen Vater um das Gold erschlagen habe, und gebot ihm, sich fortzumachen, denn sonst würde es ihm ergehen, wie dem Hreidmar. Fafnir hatte das Schwert Hrotti und den Helm, den Hreidmar beseßen hatte, genommen, und den auf sein Haupt gesetzt. Dieser Helm hieß Ögishelm und war allen Lebendigen ein Schrecken zu schauen. Regin hatte das Schwert, das Refil hieß: damit entfloh er; Fafnir fuhr auf die Gnitahaide, machte sich da ein Bette, nahm Schlangengestalt an und lag auf dem Golde.

[309] Da fuhr Regin zu Hialprek, König in Thiodi, und ward dessen Schmied; auch übernahm er die Pflege Sigurds, des Sohnes Sigmunds, des Sohnes Wölsungs. Seine Mutter war Hjordis, König Eilimis Tochter. Sigurd war der gewaltigste aller Heerkönige nach Geschlecht, Kraft und Sinn. Regin sagte ihm davon, daß Fafnir dort auf dem Golde läge, und reizte ihn, sich des Goldes zu bemächtigen. Da machte Regin ein Schwert, das Gram hieß, und so scharf war, daß als es Sigurd in fließendes Waßer hielt, es eine Wollflocke zerschnitt, die der Strom gegen seine Schärfe trieb; demnächst klobte Sigurd mit dem Schwerte Regins Amboß bis auf den Untersatz entzwei. Darauf fuhr Sigurd mit Regin zur Gnitahaide. Da grub Sigurd eine Grube auf Fafnirs Wege und setzte sich hinein. Als nun Fafnir zum Waßer kroch und über die Grube kam, da durchbohrte ihn Sigurd mit dem Schwerte und war das sein Tod. Da ging Regin hinzu und sagte, er hätte seinen Bruder getödtet, und verlangte das zur Sühne, daß er Fafnirs Herz nähme und am Feuer briete. Dann kniete Regin nieder, trank Fafnirs Blut und legte sich schlafen. Als aber Sigurd das Herz briet und dachte es wäre gar, und mit dem Finger versuchte, ob es weich genug wäre, und das Fett aus dem Herzen ihm an den Finger kam, verbrannte er sich, und steckte den Finger in den Mund. Und als das Herzblut ihm auf die Zunge kam, verstand er die Sprache der Vögel und wuste was die Adlerinnen sagten, die auf den Bäumen saßen. Da sprach Eine:


Dort sitzt Sigurd   blutbespritzt
Und brät am Feuer   Fafnirs Herz.
Klug däuchte mich   der Ringverderber,
Wenn er das leuchtende   Lebensfleisch äße.


Eine andere sagte:


Da liegt nun Regin   und geht zu Rath
Wie er triege den Mann,   der ihm vertraut;
Sinnt in der Bosheit   auf falsche Beschuldigung:
Der Unheilschmied brütet   dem Bruder Rache.


Da ging Sigurd zu Regin und erschlug ihn, und dann zu seinem Rosse, das Grani hieß, und ritt bis er zu Fafnirs Bette kam, nahm das Gold heraus und band es in zwei Bündeln auf Granis Rücken, stieg dann selber auf und ritt seines Weges. Darum heißt das Gold Fafnirs Bette oder Lager, oder Gnitahaides Staub und Granis Bürde. Da ritt Sigurd bis er ein Haus fand auf einem Berge. Darin schlief ein Weib mit Helm [310] und Brünne bekleidet. Er zog das Schwert und schnitt die Brünne von ihr: da erwachte sie und nannte sich Hilde. Sie hieß Brynhild und war Walküre. Sigurd ritt hinweg und kam zu dem Könige, der Giuki hieß; sein Weib war Grimhild genannt. Seine Kinder waren Gunnar, Högni, Gudrun und Gudny. Gutthorm war Giukis Stiefsohn. Sigurd weilte da lange Zeit. Da freite er Gudrun, Giukis Tochter; und Gunnar und Högni schwuren Brüderschaft mit Sigurd. Darauf fuhr Sigurd mit Giukis Söhnen zu Atli, dem Sohne Budlis, um dessen Schwester Brynhild für Gunnar zu bitten. Sie wohnte auf dem Hindaberge und war ihre Burg mit Wafurlogi (waberndem Feuer) umgeben; auch hatte sie das Gelübde gethan, keinen andern Mann zu freien als der es wagte, durch Wafurlogi zu reiten. Da ritt Sigurd mit den Giukungen, die auch Niflungen hießen, den Berg hinan und sollte nun Gunnar durch Wafurlogi reiten. Er hatte das Ross, das Goti hieß; dieß Ross wagte aber nicht in das Feuer zu rennen. Da tauschten Sigurd und Gunnar Gestalt und Namen, denn Grani wollte unter keinem andern Manne gehen als unter Sigurd. Da saß Sigurd auf Grani und ritt durch Wafurlogi. Denselben Abend hielt er Hochzeit mit Brynhild, und als sie zu Bette gingen, zog er das Schwert Gram aus der Scheide und legte es zwischen sie beide. Am Morgen aber, da er aufstand und sich ankleidete, gab er Brynhilden zur Morgengabe den Goldring, den Loki dem Andwari genommen hatte und empfing von ihr einen andern Ring zum Andenken. Alsdann sprang Sigurd auf sein Ross und ritt zu seinen Gesellen. Darauf tauschte er mit Gunnar abermals die Gestalt und Gunnar fuhr mit Brynhild zu König Giuki. Sigurd hatte zwei Kinder mit Gudrun, Sigmund und Swanhild.

Einsmals begab es sich, daß Brynhild und Gudrun zum Waßer gingen, ihre Schleier zu waschen. Als sie nun zum Fluße kamen, watete Brynhild tiefer vom Land in den Strom und sagte, sie wolle das Waßer an ihrem Haupte nicht leiden, das aus Gudruns Haaren rinne, dieweil sie einen hochgemuthern Mann habe. Da ging Gudrun ihr nach in den Fluß und sagte, darum dürfe sie ihren Schleier wohl über ihr im Strom waschen, dieweil sie einen Mann habe, dem weder Gunnar noch ein anderer in der Welt an Kühnheit gleiche, denn er habe Fafnir und Regin erschlagen und beider Erbe gewonnen. Da antwortete Brynhild: Mehr war das werth, daß Gunnar durch Wafurlogi ritt, was Sigurd nicht wagte. Da lachte Gudrun und sprach: Meinst du, Gunnar sei durch Wafurlogi geritten? So meine ich, daß der mit dir zu Bette ging, der mir diesen Goldring gab. Der Ring aber, den du an der Hand hast, und zur Morgengabe [311] empfingst, heißt Antwara-Naut, und glaub ich nicht, daß ihn Gunnar auf Gnitahaide geholt habe. Da schwieg Brynhild und ging heim. Darauf reizte sie Gunnar und Högni, Sigurd zu tödten; aber weil sie dem Sigurd Brüderschaft geschworen hatten, stifteten sie ihren Bruder Gutthorm dazu an. Der durchbohrte Sigurd im Schlafe mit dem Schwerte, und als Sigurd die Wunde empfangen hatte, warf er sein Schwert Gram nach ihm und das schnitt ihn in der Mitte durch. Da fiel Sigurd und sein dreijähriger Sohn Sigmund, den sie auch tödteten. Darauf durchstieß sich Brynhild mit dem Schwert und ward mit Sigurd verbrannt. Aber Gunnar und Högni nahmen da Fafnirs Erbe und Andwaranaut und beherschten nun die Lande.

König Atli, Budlis Sohn, Brynhildens Bruder, nahm da Gudrun zur Ehe, die Sigurd gehabt hatte, und gewannen sie Kinder. König Atli lud Gunnar und Högni zu sich und diese fuhren zu seinem Gastgebot. Eh sie aber von Hause fuhren, verbargen sie das Gold, Fafnirs Erbe, im Rhein, und ward dieß Gold niemals seitdem gefunden. Aber König Atli hatte ein Heer versammelt, womit er Gunnar und Högni überfiel. Sie wurden gefangen genommen und König Atli ließ dem Högni das Herz lebendig ausschneiden und war das sein Tod. Gunnarn ließ er in den Schlangenhof werfen; aber heimlich ward ihm eine Harfe gebracht, die er mit den Zehen schlug, weil ihm die Hände gebunden waren, daß alle Schlangen einschliefen bis auf eine Natter, die gegen ihn lief und ihn in die Brust biß, und dann den Kopf in die Wunde steckte und sich an seine Leber hing bis er todt war. Gunnar und Högni wurden Niflungen genannt oder Giukungen: darum heißt das Gold der Niflungen Hort oder Erbe. Bald darauf tödtete Gudrun ihre beiden Söhne und ließ aus ihren Schädeln mit Gold und Silber Trinkgeschirre machen. Darauf ward der Niflungen Leichenfeier begangen. Bei diesem Gelage ließ Gudrun dem König Atli in diese Trinkgeschirre Meth schenken, der mit dem Blut der Jünglinge gemischt war; ihre Herzen aber ließ sie braten und gab sie dem Könige zu eßen. Und als das geschehen war, sagte sie es ihm selbst mit vielen unholden Worten. Es fehlte da nicht an kräftigem Meth, so daß die meisten Leute schliefen, die da saßen. In der Nacht aber ging sie zu dem König, als er entschlafen war, und mit ihr Högnis Sohn. Sie tödteten ihn und also ließ er das Leben. Darauf warfen sie Feuer in die Halle und verbrannten alles Volk, das darinne war. Dann ging sie an die See und sprang ins Meer, und wollte sich ertränken. Aber sie ward über die Bucht getragen und kam an das Land, das König Jonakur besaß. [312] Und als der sie sah, nahm er sie zu sich und vermählte sich mit ihr. Sie hatten drei Söhne mit Namen Sörli, Hamdir und Erp. Sie waren alle rabenschwarz von Farbe des Haars, wie Gunnar und Högni und die andern Niflungen.

Bei ihnen ward Swanhild, Sigurds Tochter, erzogen, die aller Frauen Schönste war. Das erfuhr der König Jörmunrek der reiche: da sandte er seinen Sohn Randwer, sie ihm zu werben. Und als er zu Jonakur kam, ward ihm Swanhild übergeben, daß er sie dem König Jörmunrek brächte. Da sagte Bicki, es gezieme sich beßer, daß Randwer Swanhild nähme, denn Er wäre jung und sie auch; Jörmunrek aber alt. Dieser Rath gefiel ihnen wohl als jungen Leuten. Darauf verrieth Bicki dieß dem Könige: da ließ Jörmunrek seinen Sohn greifen und zum Galgen führen. Da nahm Randwer seinen Habicht, rupfte ihm die Federn aus, und bat, ihn seinem Vater zu senden. Darauf ward er gehängt. Als aber König Jörmunrek den Habicht sah, da kam ihm in den Sinn, wie der Habicht flug- und federlos sei, so sei auch sein Reich ohne Bestand, denn er sei alt und sohnlos. Da ließ König Jörmunrek, als er mit seinem Gefolge aus dem Wald von der Jagd geritten kam, und die Königin Swanhild beim Haarwaschen saß, über sie reiten und sie unter den Hufen der Rosse zu Tode treten. Als aber Gudrun dieß erfuhr, reizte sie ihre Söhne, den Tod Swanhildens zu rächen. Und als sie sich reisefertig machten, gab sie ihnen Brünnen und Helme von solcher Stärke, daß kein Eisen daran haften mochte. Auch gab sie ihnen den Rath, wenn sie zu König Jörmunrek kämen, sollten sie des Nachts, wenn er schliefe, zu ihm gehen, und sollten Sörli und Hamdir ihm Hände und Füße abhauen, aber Erp das Haupt. Als sie aber unterwegs waren, fragten sie den Erp, wie er ihnen beistehen wolle, wenn sie König Jörmunrek träfen. Er antwortete, er wolle ihnen helfen wie die Hand dem Fuße. Da sagten sie, die Füße hätten an den Händen keine Stützen. Sie waren ihrer Mutter erzürnt, weil diese sie mit harten Worten zu der Fahrt angetrieben hatte: darum gedachten sie zu thun was ihr am übelsten gefiele und tödteten Erp, weil sie den am Meisten liebte. Bald darauf strauchelte Sörli beim Gehen mit Einem Fuße und stützte sich mit den Händen. Da sprach er: Nun half die Hand dem Fuße: beßer wäre es, wenn Erp lebte. Als sie aber zu König Jörmunrek kamen des Nachts da er schlief, und ihm Arme und Füße abhieben, da erwachte er und rief seinen Leuten und hieß sie aufstehen. Da sprach Hamdir: Nun müste auch der Kopf ab, wenn Erp lebte. Da standen die Hofmänner auf und griffen sie an, konnten sie aber mit Waffen nicht bezwingen. Da rief Jörmunrek, [313] sie sollten sie mit Steinen zu Tode werfen. Das geschah: da fielen Sörli und Hamdir. Und nun war Giukis Geschlecht und ganze Nachkommenschaft todt.

Von Sigurd lebte noch eine Tochter, die Aslaug hieß und bei Heimir in Hlindalir erzogen worden war. Von ihr stammen mächtige Geschlechter. Es wird auch gesagt, Sigmund, Wölsungs Sohn, sei so stark gewesen, daß er Gift trank ohne daß es ihm schadete, und seine Söhne Sinfiötli und Sigurd waren so hart von Haut, daß kein Gift ihnen schadete, das von außen an sie kam.




Menja und Fenja.
Sk. c. 43.

63. Skiöld hieß ein Sohn Odhins, von dem die Skiöldunge stammen. Er hatte Sitz und Herschaft in den Landen, die nun Dänmark heißen; aber damals hießen sie Gotland. Skiöld hatte einen Sohn Fridleif genannt, der nach ihm die Lande beherschte. Fridleifs Sohn hieß Frodi, der nach seinem Vater das Königtum überkam. Das war in der Zeit, da Kaiser Augustus in der ganzen Welt Frieden stiftete und Christus geboren ward, und weil Frodi der mächtigste aller Könige in den Nordlanden war, ward ihm dieser Friede in der dänischen Zunge beigelegt und nannten ihn die Nordmänner Frodis Frieden. Niemand beschädigte da den andern, wenn er auch seines Vaters oder Bruders Mörder getroffen hätte, los oder gebunden. Da war auch kein Dieb oder Räuber, so daß ein Goldring lange Zeit unberührt auf Jalangershaide lag. König Frodi sandte Boten nach Swithiod zu dem Könige, der Fiölnir hieß, und ließ da zwei Mägde kaufen, die Fenja und Menja hießen und sehr groß und stark waren. In dieser Zeit gab es in Dänmark zwei so große Mühlsteine, daß Niemand stark genug war sie umzudrehen. Diese Mühlsteine hatten die Eigenschaft, daß sie malten was der Müller wollte. Die Mühle hieß Grotti, der Mann aber, der dem König Frodi die Mühle gab, ward Hengikiöptr genannt. König Frodi ließ die Mägde in die Mühle führen und gebot ihnen, ihm Gold, Frieden und Frodis Glück zu malen. Er verstattete ihnen nicht länger Ruhe als so lange der Kuckuck schwieg oder ein Lied gesungen werden mochte. Da sollen sie das Lied gesungen haben, das Grottengesang heißt, und ehe sie von dem Gesange ließen, malten sie dem König ein Heer, so daß in der Nacht ein Seekönig kam, Mysingr genannt, welcher den Frodi tödtete und große Beute machte. Damit war Frodis Friede zu Ende. Mysingr nahm die Mühle mit sich, und so auch Fenja und Menja und [314] befahl ihnen, Salz zu malen. Und um Mitternacht fragten sie Mysingr, ob er Salz genug habe? und er gebot ihnen fortzumalen. Sie malten noch eine kurze Frist, da sank das Schiff unter. Im Meer aber entstand nun ein Schlund, da wo die See durch das Mühlsteinloch fällt. Auch ist seitdem die See gesalzen.


38. Grottenlied.
1
Nun kamen wir her   zu des Königs Haus

Vorwißende Frauen,   Fenja und Menja.
Bei Frodi werden,   Fridleifs Sohne,
Die mächtigen Maide   als Mägde gehalten.

2
Man führte zur Mühle   die Frauen alsbald,

Die Schrotsteine   sollten sie rühren.
Er ließ ihnen länger   nicht Ruhe laßen
Als solang er hörte   die Mägde singen.

3
Da ließen sie knattern   die knarrende Mühle:

„Umschwingen wir Starken   den leichten Stein.“
Nur mehr zu malen   bat er die Mägde.

4
Sie sangen und schwangen   den schnaubenden Stein

Bis Frodis Volk   in Schlaf verfiel.
Da sang Menja,   die malen sollte:

5
„Wir malen dem Frodi   Macht und Reichtum

Und goldenes Gut   auf des Glückes Mühle.
Er sitz ihm im Schooß   und schlaf’ auf Daunen
Nach Wunsch erwachend:   das ist wohl gemalen.

6
„Nie soll hier Einer   dem Andern schaden,

Hinterhalt legen,   Unheil ersinnen,
Mit scharfem Schwerte   nicht Wunden schlagen,
Und fänd er gebunden   des Bruders Mörder.“

7
Da war es das erste   Wort, das er sprach:

„Haltet nicht länger ein   als der Hauskuckuck schläft,
Oder nur während   eine Weis[WS 1] ich singe.“

8
„Nicht warst du, Frodi,   vorsichtig genug,

Den Mannen holdselig,   als du Mägde kauftest:

[315]

Auf Stärke sahst du   und schönes Antlitz;
Achtetest ihrer   Abkunft nicht.

9
„Hart war Hrungnir   und hart sein Vater,

Doch stärker als sie   scheint mir Thiassi.
Idi und Örnir sind   unsere Väter,
Der Bergriesen Brüder,   die uns beide zeugten.

10
„Nicht wär Grotti gekommen   aus grauem Felsen,

Nicht der schwere Schrotstein   aus dem Schooß der Erde,
Nicht rührte den Mandel   des Bergriesen Tochter,
Wäre das Wem   der Menschen bewust.

11
„Wir waren Gespielen   neun Winter lang,

Da unter der Erde   man uns erzog:
Da übten wir Mägde   schon manche Großthat,
Faßten Felsen   sie fort zu rücken.

12
„Wir wälzten die Steine   zu den Riesenwohnungen:

Die Erd im Grunde   begann zu zittern.
Wir stießen und stürzten   den Stein, daß er ächzte,
Die ragende Felswand   ward Menschen erreichbar.

13
„Seitdem geschahs,   daß in Schweden wir

Vorwißende Frauen   die Heerschar führten,
Bären birschten,   Schilde brachen,
Entgegen gingen   grau geschientem Heer.
Wir stürzten Stammfürsten,   stützten Andre:
Gutthorm dem guten   gaben wir Beistand,
Feierten nicht früher   bis Knui fiel.

14
„Solcherlei schufen wir   Sommer und Winter

Bis wir als Kämpen   wurden bekannt.
Mit scharfen Speren   schlugen wir Wunden
In Fleisch und Gebein   und färbten die Klingen.

15
„Nun sind wir gekommen   zu des Königs Haus

Und werden unmenschlich   als Mägde behandelt:
Grus frißt die Sohlen   und Kälte die Glieder;
Wir malen dem Feinde:   schlimm ists bei Frodi.

[316]
16
„Ruhet nun, Hände,   raste nun, Stein,

Genug von Mir   gemalen ist nun.
Doch haben die Hände   hier nicht Ruhe
Bis Frodi meint   genug sei gemalen.

17
„So greifet nun, Helden,   zu harten Geeren,[WS 2]

Zu triefenden Waffen.   Erwache, Frodi!
Erwache, Frodi!   willst du lauschen
Unserm Singen   und alten Sagen.

18
„Feuer seh ich brennen   östlich der Burg,

Kriegsbotschaft kommt,   das verkündet die Glut.
Ein Heer ist im Anzug,   eindringt es hier,
Und verbrennt alsbald die Burg   dem Fürsten.

19
„Nicht magst du mehr halten   den Stuhl in Hledra

Mit rothen Spangen   und spähem Gestein.
Mächtiger malen   wir Mägde noch.
Noch weilst du, Walmaid,   dem Walfeld fern.

20
„Tapfer malt   meines Vaters Tochter,

Denn vieler Fürsten   Fall sieht sie nahn.
Schwere Stücke   springen von der Mühle,
Eisen beschlagene:   doch immer gemalen!

21
„Nur immer gemalen!   Yrsas Sohn,

Halfdans Enkel   wird Frodi rächen.
Er wird von ihr   geheißen werden
Sohn und Bruder;   wir beide wißens!“

22
Die Mägde malten   aus aller Macht:

Die Jungen waren   in Jotenzorn.
Die Malstange brach,   die Mühle riß,
Der mächtige Mühlstein   fuhr mitten entzwei.

23
Die Bergriesen-   bräute sprachen:

„Nun finden wir, Frodi,   wohl Feierabend:
Genug gemalen   haben wir Mägde.“



[317]

Hrolf Kraki.
Sk. c. 44.

64. Ein König in Dänmark hieß Hrolf Kraki, und war der berühmteste aller Könige der Vorzeit, dazu der mildeste, kühnste und leutseligste. Ein Beweis seiner Leutseligkeit, die in alten Sagen sehr berühmt ist, war dieß. Ein armer Bursche, Wöggr genannt, kam einst in König Hrolfs Halle, als der König noch jung an Jahren und von zartem Wuchse war. Da ging Wöggr vor ihn stehen und sah ihn an. Da sprach der König: Was willst du damit sagen, junger Gesell, daß du mich so ansiehst? Wöggr antwortete: Als ich daheim war, hört ich sagen, König Hrolf in Hledra sei der gröste Mann in den Nordlanden; und nun sitzt hier auf dem Hochsitz eine kleine Krähe (Kraki), die nennen sie ihren König. Da versetzte der König: Du Gesell hast mir einen Namen gegeben, und ich werde Hrolf Kraki heißen; es ist aber Gebrauch, daß dem Namen eine Gabe folge. Weil ich nun sehe, daß du kein Geschenk hast, das du mir zu diesem Namen geben könntest, oder sich für mich schickte, so soll dem Andern geben der da hat. Da zog er einen Goldring von der Hand und gab ihm den. Da sprach Wöggr: Du giebst als der beste aller Könige; darum gelob ich dir, ich will des Mannes Mörder sein, der dein Mörder wird. Da sprach der König lachend: Über Wenig wird Wöggr froh.

Ein anderes Beispiel erzählt man von Hrolf Krakis Kühnheit. In Upsala herschte ein König, Adils genannt, der Yrsa, Hrolf Krakis Mutter, zur Frau hatte. Er war in Unfrieden mit dem König von Norwegen, der Ali hieß. Sie kämpften mit einander auf dem Eise des Sees, der Wänir heißt. Da sandte König Adils Boten zu Hrolf Kraki, seinem Stiefsohne, daß er ihm zu Hülfe käme, und versprach seinem ganzen Heere Sold so lange die Fahrt währte. Und der König selber sollte drei Kleinode erhalten, die er aus Schweden wählen würde. Aber Hrolf Kraki konnte ihm nicht zuziehen wegen des Kriegs, den er mit den Sachsen hatte. Doch sandte er ihm seine zwölf Berserker. Darunter waren Bödwar Biarki, Hialti der kühne, Hwitserkr der muthige, Wöttr, Widseti und die Brüder Swipdag und Beigudr. In diesem Kriege fiel König Ali und ein großer Theil seines Heers. Da nahm König Adils dem Todten den Helm Hildiswin und seinen Hengst Hrafn. Da verlangten die Berserker Hrolf Krakis jeglicher drei Pfund Gold zu Lohn und überdieß die Kleinode, die sie für Hrolf Kraki gewählt hatten und ihm nun zu bringen verlangten. Das war der Helm Hildigöltr, der Panzer Finsleif, an dem kein Schwert haftete, und [318] der Goldring, der Swiagris hieß und von Adils Vorfahren herkam. Aber der König weigerte alle diese Kleinode und bezahlte auch nicht einmal den Lohn. Da fuhren die Berserker heim und waren übel zufrieden. Sie berichteten dieß dem König Hrolf, der sich sogleich bereit machte, gen Upsala zu fahren, und als er mit seinen Schiffen in den Fyrifluß kam, ritt er gen Upsala, und seine zwölf Berserker mit ihm, die da friedlos waren. Yrsa, seine Mutter, empfing ihn und folgte ihm zur Herberge; aber nicht zu des Königs Halle. Da wurden große Feuer für sie angezündet und ward Äl zum Trinken gereicht. Da kamen König Adils Mannen herein und trugen Scheite ins Feuer und machten es so groß, daß Hrolf und den Seinen die Kleider brannten, und fragten, ob das wahr sei, daß Hrolf Kraki und seine Berserker weder Feuer noch Eisen scheuten. Da sprang Hrolf Kraki auf mit allen den Seinigen und rief:


Laßt uns mehren die Glut   in Adils Gemach.


Da nahm er seinen Schild und warf ihn ins Feuer, und lief über das Feuer, während der Schild brannte, und rief:


Der fürchtet kein Feuer,   der drüber fährt.


So thaten auch seine Mannen Einer nach dem Andern. Darauf nahmen sie die, welche das Feuer geschürt hatten und warfen sie hinein. Da kam Yrsa, gab Hrolf Kraki ein Hirschhorn mit Gold gefüllt und darin den Ring Swiagris, und bat ihn, fortzureiten zu seinem Heere. Da sprangen sie auf ihre Pferde und ritten fort über Fyrisfeld. Da sahen sie, daß König Adils ihnen mit seinem Heere nachritt in voller Rüstung und wollte sie tödten. Da nahm Hrolf Kraki mit seiner Rechten Gold aus dem Horn und streute es auf den Weg. Als die Schweden das sahen, sprangen sie von den Sätteln und nahm Jeder was er bekommen konnte. Aber König Adils gebot ihnen, zu reiten und ritt selber aus aller Macht. Sein Pferd hieß Slungnir, das schnellste aller Pferde. Als Hrolf Kraki sah, daß König Adils ihn schier erritten hatte, nahm er den Ring Swiagris, warf ihn ihm zu und bat ihn, den als eine Gabe zu nehmen. König Adils ritt nach dem Ringe, hob ihn mit dem Sper auf und ließ ihn an den Griff niedergleiten. Da wandte sich Hrolf Kraki und als er sah, wie sich jener bückte, sprach er: Wie ein Schwein gebogen hab ich nun den, welcher der reichste in Schweden war. Und also schieden sie. Darum heißt das Gold Krakis Saat oder Samen von Fyrisfeld.



[319]

Högni und Hilde.
Sk. c. 50.

65. Ein König, Högni genannt, hatte eine Tochter, mit Namen Hilde. Diese machte zur Kriegsgefangenen ein König Namens Hedin, Hiarrandis Sohn, während König Högni zur Königsversammlung geritten war. Als er nun hörte, daß in seinem Reiche geheert worden und seine Tochter fortgeführt sei, ritt er mit seinem Gefolge, Hedin aufzusuchen und hörte, daß er nordwärts längs der Küste gesegelt sei. Als er aber nach Norweg kam, vernahm er, Hedin habe sich westlich gewendet. Da segelte ihm Högni nach bis zu den Orkneyen, und als er nach Ha-ey kam, lag Hedin mit seinem Heere davor. Da ging Hilde ihren Vater aufzusuchen und bot ihm in Hedins Namen ein Halsband zum Vergleich; wenn er aber das nicht wolle, so sei Hedin zur Schlacht bereit und hätte Högni von ihm keine Schonung zu hoffen. Högni antwortete seiner Tochter hart und als sie Hedin traf, sagte sie ihm, daß Högni keinen Vergleich wolle und bat ihn, sich zum Streit zu rüsten. Und also thaten sie beide, gingen aus an das Eiland und ordneten ihr Heer. Da rief Hedin seinen Schwäher Högni an und bot ihm Vergleich und viel Gold zur Buße. Högni antwortete: Zu spät bietest du mir das, wenn du dich vergleichen willst, denn nun habe ich mein Schwert Dainslif gezogen, das von den Zwergen geschmiedet ist und eines Mannes Tod werden muß so oft es entblößt wird, und dessen Hieb immer trifft und Wunden schlägt, die niemals heilen. Da sprach Hedin: Du rühmst dich des Schwertes, aber noch nicht des Sieges. Ich nenne jedes Schwert gut, das seinem Herrn getreu ist. Da begannen sie die Schlacht, die Hiadningawig (Kampf der Hedninge) genannt wird, und stritten den ganzen Tag und am Abend fuhren die Könige wieder zu den Schiffen. In der Nacht aber ging Hilde zum Walplatz und weckte durch Zauberkunst die Todten alle, und den andern Tag gingen die Könige zum Schlachtfelde und kämpften, und so auch alle, die Tags zuvor gefallen waren. Also währte der Streit fort einen Tag nach dem andern, und alle die da fielen und alle Schwerter, die auf dem Walplatze lagen, und alle Schilde wurden zu Steinen. Aber sobald es tagte standen alle Todten wieder auf und kämpften und alle Waffen wurden wieder brauchbar. Und in den Liedern heißt es, die Hiadninge würden so fortfahren bis zur Götterdämmerung.




Anmerkungen (Wikisource)

  1. Weise – Melodie, Lied (DWB Bedeutung E.)
  2. Gehr, Gehren – Speer (DWB)