Die Gartenlaube (1855)/Heft 18

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1855
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[229]

No. 18. 1855.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redakteur Ferdinand Stolle. Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 121/2 Ngr. zu beziehen.


Braut und Gattin.
(Schluß.)


„Mein Herr,“ sagte die junge Frau, „ich kann Ihnen für Ihre Sorge nicht danken, denn sie war so eigennütziger Natur, daß sie mir eine peinliche Last ward. Meine Abhängigkeit von Ihnen ist zu Ende, und eine neue, mich beglückende hat begonnen. – Sie werden meinem Gatten über das Vermögen Rechenschaft ablegen, das Ihnen mein Vater einst anvertraut hat.“

Ein Gemisch von Schmerz und Hohn sprach sich in dem weißen Gesichte des Grafen aus.

„Ich war auf diesen Empfang vorbereitet,“ antwortete er ruhig. „Aber rechnen Sie darauf, daß ich Ihnen verzeihe, Ihnen, der verblendeten jungen Dame.“

„Herr Graf,“ unterbrach ihn Albrecht heftig, „vergessen Sie nicht, daß Sie ein Gast unter dem Dache des Baron von Beck sind! Jede Kränkung meiner Gattin trifft mich – und fragen Sie Ihren Neffen, er wird Ihnen bestätigen, daß ich ein Mann von Muth und Ehre bin.“

„Noch habe ich mit meiner Mündel zu verhandeln, Herr Baron! Oder soll ich schweigen, wenn die Tochter meines verstorbenen Freundes in einer Bigamie lebt?“

Amalie zuckte wie von einem Blitzstrahle getroffen zusammen.

„Fritz,“ rief Albrecht in zorniger Aufwallung, „Du wirst die beiden Herren ersuchen, mein Schloß zu verlassen. Sage ihnen, daß mein Rechtsanwalt zu ferneren Unterhandlungen bereit sei.“

„Gut, so breche auch ich meine Unterhandlungen ab, Herr Baron, und stelle Ihnen sogleich meinen Rechtsanwalt entgegen. Dann wird Amalie begreifen, daß sie noch unter meiner Autorität steht, und daß ich nicht streng genug meine Pflicht erfüllt habe.“

Fritz hatte indeß die Thür geöffnet und zog eine bleiche, abgehärmte Frau in den Saal. Sie trug armselige schwarze Kleider und eine Mütze nach Art der Landleute jener Gegend.

„Herein, herein!“ rief Fritz, dessen ganzes Wesen plötzlich wie umgewandelt erschien. „Sage dem Herrn Baron, armes Geschöpf, daß er Dich verrathen hat, sage ihm, daß Du ein Opfer seiner vornehmen Laune, seines Leichtsinns bist!“

„Katharina!“ rief erbleichend der Baron, und starr vor Entsetzen blickte er die traurige, geisterhafte Erscheinung seiner ersten Gattin an.

Aus Amaliens blühendem Gesichte war alles Blut gewichen. Unfähig ein Wort zu äußern, entwand sie langsam ihren Arm dem des entsetzten Gatten und ging schwankend in ein Nebenzimmer, wo sie still weinend auf einen Sessel sank.

Die bleiche Katharina sah mit unheimlichem Lächeln bald den Baron, bald die beiden Männer an. Trotz der von Gram und Irrsinn entstellten Züge ließ sich noch erkennen, daß sie einst von ausgezeichneter Schönheit gewesen. Sie schien nicht zu wissen, was das Alles bedeutete. Fritz stand neben ihr, eine gräßliche, wilde Freude blitzte aus seinen schwarzen Augen.

„Mein Gott, träume ich denn?“ stammelte der Baron, indem er mit der Hand über seine schweißbedeckte Stirn fuhr, als ob er sich von der Wirklichkeit überzeugen wollte.

„Nein, Herr Baron, es ist kein Traum!“ rief Fritz. „Hier steht Katharina, Ihre Gattin, welche die ersten Ansprüche an Sie hat. Zweifeln Sie nicht daran,“ fügte er mit erstickter Stimme hinzu, „Sie sind mit zwei Frauen verheirathet! O, nach diesem Augenblicke habe ich lange gegeizt, er war das Ziel meines ganzen traurigen Lebens!“

Albrecht brach fast zusammen; er mußte sich an der Lehne eines Sessels halten, um nicht zu Boden zu sinken.

„Was ist das? Was ist das?“ rief er in einem unbeschreiblichen Tone. „Mensch, Deine letzten Worte rollen einen Schleier auf, der ein entsetzliches Geheimniß birgt! Treibe mich nicht zum Wahnsinn, zur Verzweiflung! Du warst mir kein treuer Diener! Gieb Aufklärung! Hast Du mir mein Lebensglück zertrümmert?“

„Wie Sie das meinige, Herr Baron! So ras’te auch ich, und rennte den glühenden Schädel an die Bäume des Waldes, als Sie die Tochter des Försters, um deren Liebe ich mich bewarb, durch zärtliche Schmeichelreden gefangen hatten, daß sie sich von mir abwandte. Das schwache Mädchen gab dem glänzenden Herrn den Vorzug, dem Herrn, der sie zu lieben glaubte; der schlichte Diener aber, der sie zu einer glücklichen Gattin gemacht haben würde, weil er sie rein und wahr liebte, ward zurückgesetzt. Mir blutete das Herz unter den fürchterlichsten Qualen, aber ich ertrug sie, weil mich die Hoffnung nicht verließ, sie würden Ihr Unrecht einsehen, und meinen Warnungen, die mir damals Ihren Zorn zuzogen, Gehör geben. Aber Sie raubten mir das Mädchen, das ich anbetete, und zu spät erfuhr ich Ihre heimliche Trauung – ja, Herr Baron, ich erfuhr sie, als Sie das arme Wesen verlassen hatten. Ich liebte Katharina noch, aber ich konnte sie nur bedauern, denn sie glücklich zu machen, lag nicht mehr in meiner Macht. Da erfaßte mich die Verzweiflung, zugleich aber ein Groll gegen den Urheber meines Unglücks, daß ich auf das Crucifix eine furchtbare Rache schwor. Ich war jener Prosper, von dem ich Ihnen erzählte, daß er Katharina’s Argwohn anregte, ich sagte ihr, von innerm Hasse gestachelt, daß die heimliche Trauung nur ein Mittel gewesen sei, um das züchtige Mädchen zu Ihrer Buhlerin herabzuwürdigen. Und sie war es auch nur, Herr Baron, trotz der [230] Segnung des Priesters!“ rief Fritz in einer furchtbaren Aufregung. „Die Försterstochter hätten Sie nie vor der Welt anerkannt, auch wenn Ihr Vater seine Einwilligung dazu gegeben. Um das Mädchen, das ich liebte, vor Schmach und Schande zu retten, brachte ich sie zu meinem alten Vater, der oben im Gebirge eine einsame Hütte bewohnt, denn Sie sollten sie nur dann wiedersehen, wenn ihr Anblick eine Strafe sein würde. Das Opfer Ihres Leichtsinns ließ sich willig leiten, denn eine tiefe Schwermuth hatte sich ihrer bemächtigt, die sie willenlos und aller Welt verschlossen machte. Ich aber blieb bei Ihnen, Herr Baron, brachte Ihnen die falsche Nachricht von dem Tode Ihrer Frau und beförderte eine neue Verbindung. Ich war aus Haß Ihr treuer Diener. Bewundern Sie mich, mein Herr – die Rache ist gelungen, denn Sie können sich des Besitzes einer reizenden Gemahlin nicht erfreuen, da Sie außer ihr noch eine blödsinnige haben. Erklären Sie sich nun, wie das Blatt in jenes Portefeuille gekommen? Durch meine Hand – und Herr von Funcal erfuhr es von mir, weil ich Ihre Liebe zu der schönen Fremden noch mehr reizen und ein Duell herbeiführen wollte, in dem Sie entweder zum Mörder werden oder selbst fallen mußten. Herr von Funcal rechnete so fest auf meine Hülfe, daß er im Voraus Ihren Tod anzeigte – ich aber hatte meinen Plan geändert, als ich sah, wie Sie Feuer und Flamme für die unbekannte Schöne waren; ich machte den getreuen Boten, um eine Doppelehe herbeizuführen.“

„Scheusal! Scheusal!“ rief Albrecht, indem er die geballten Fäuste ausstreckte.

„Sie haben mich dazu gemacht, Herr Baron! Aber auch hier ist noch eins Ihrer Werke – vergessen Sie die arme Katharina nicht! Ich kann nicht mehr für sie sorgen, jetzt kommen Sie Ihrer Pflicht nach.“

Wie im Wahnsinn ergriff er die Hand Katharina’s, die bisher wie ein erstauntes Kind dagestanden hatte und führte sie heftig dem Barone zu. Dann stürzte er durch die Thür auf den Vorsaal hinaus.

Katharina erkannte ihren Gatten nicht wieder; sie zog sich scheu von ihm zurück und sah die beiden Funcals an, als ob sie von ihnen Schutz erflehen wollte.

Eine peinliche Pause trat ein. Albrecht, der sich gewaltsam ermannte, unterbrach sie.

„Katharina,“ sagte er mit vor Schmerz bebender Stimme, „man hat uns beide verrathen! Könntest Du die Verhältnisse erfassen, Du würdest mich beklagen, wie ich die beklage, die mir die Hand des Priesters heute angetraut hat. Fast möchte ich Dich beneiden, daß es Dir versagt ist, das Leben mit klarem Geiste zu erschauen – Du bist glücklicher als ich!“

Er küßte weinend ihre bleiche Stirn. Dann zog er die Glocke. Der alte Kastellan trat zitternd ein.

„Tragen sie Sorge für diese Frau, ich fordere sie von Ihnen zurück!“

Katharina ließ sich geduldig und schweigend aus dem Saale führen. Der Baron hatte einige Augenblicke sinnend auf einem Stuhle gesessen. Bleich, aber gefaßt erhob er sich plötzlich.

„Meine Herren,“ sagte er mit fester Stimme, „Sie spielen eine traurige Rolle. Mit einem schurkischen Bedienten haben Sie sich verbunden, um des elenden Mammons wegen zwei Menschen in das Verderben zu stürzen. Ich sehe es an Ihren höhnenden Mienen, daß Sie mich zerschmettert und allen Ihren Forderungen fügsam wähnen – Sie irren, denn mit männlichem Muthe werde ich dem heraufbeschworenen Schicksale die Stirn bieten. Für heute verlassen Sie mich, und denken Sie nicht daran, je einen Einfluß auf die arme Amalie auszuüben. Die Entscheidung über die obschwebenden Fragen wird die Kirche und die weltliche Behörde übernehmen.“

„Herr Baron,“ sagte der alte Graf, „ehe wir gehen, fordere ich die Entscheidung Amaliens –“

„Worüber?“

„Ob sie ihrem Vormunde folgen oder in dem Schlosse bleiben will, das jenes arme Geschöpf unter seinem Dache birgt.“

„Sie haben recht!“ rief Albrecht. „Diese Entscheidung darf ich nicht weigern, es ist selbst meine Pflicht, sie ihr anzutragen.“

„Sie befindet sich dort in dem Kabinette!“ flüsterte lächelnd der Graf.

Albrecht ging festen Schrittes der Thür zu und öffnete. Amalie, deren bleiches Gesicht in Thränen gebadet war, trat ihm entgegen. Wie geblendet von der hohen, himmlischen Erscheinung der jungen Frau im einfachen Schmucke des Brautkranzes, bebte er zurück. Die Sprache versagte ihm bei dem Gedanken, daß ihm das höchste Lebensglück verkümmert sei. Von einem wüthenden Schmerze gefoltert, bedeckte er mit beiden Händen sein Gesicht. Amalie warf einen schmerzlichen Blick auf den zerschmetterten Mann. Dann trat sie den Funcals entgegen.

„Herr Graf,“ sagte sie bewegt, „ich war eine unfreiwillige Zeugin von der erschütternden Scene, die Sie so boshaft vorbereitet, und es ist mir möglich geworden, mir ein Urtheil über die stattgehabten Vorgänge zu bilden. Das Bekenntniß Ihres Genossen, des treulosen Dieners, läßt mich Ihre Absicht deutlich erkennen. Mein Gatte hat es von meinem Entschlusse abhängig gemacht, wo künftig mein Aufenthalt sein wird. So vernehmen Sie denn, daß ich es vorziehe, die Entscheidung der Behörden hier zu erwarten, als einem Manne zu folgen, der sich der Fälschung von Papieren schuldig gemacht hat. Der Baron von Beck wird mich zu ehren und seine Einrichtungen danach zu treffen wissen.“

Mit einer Verneigung entließ sie die Gäste, die sich spöttisch lächelnd, um ihre Verlegenheit zu verbergen, entfernten.

„Amalie, Amalie,“ rief Albrecht, „verlassen Sie mich nicht, bleiben Sie, mein rettender und schützender Engel!“

„So lange es mir das Gesetz und meine Ehre gestatten!“

„Bleiben Sie die Herrin von Heyerswyl – ich erkenne meine Pflicht und werde sie erfüllen!“

„Wie ich die meine, die mir der Segen des Priesters auferlegt!“

Er stürzte zu ihren Füßen nieder und küßte ihre Hände. Dann verließ er rasch den Saal. Eine Stunde später blickte Amalie von dem Balkon einem Wagen nach, der ihren beklagenswerthen Gatten nach der Residenz brachte, wo er selbst seine Angelegenheiten der richterlichen Entscheidung unterbreiten wollte. Die junge Frau blieb auf Heyerswyl zurück; sie fand in dem alten Kastellan einen väterlichen Freund.




Ein harter Winter war verflossen. Der Rechtsanwalt des Barons hatte einen Prozeß gegen den Grafen Funcal und den verbrecherischen Diener eingeleitet. Aber Fritz war verschwunden, trotz der mehrfach ergangenen Aufforderung stellte er sich nicht vor Gericht; es war demnach nicht möglich, die Untersuchung zu beschleunigen. Albrecht, der eingezogen wie ein Anachoret in Wien lebte, erfuhr durch Briefe seines Kastellans, daß Amalie in ruhiger Ergebung auf Heyerswyl weilte und oft Besuche in dem Forsthaus abstattete, wo die ihres Verstandes beraubte Katharina sich befand. Zwischen den beiden Gatten hatte kein Briefwechsel stattgefunden, sie vermieden es, in irgend eine Beziehung zu einander zu treten.

Es war in der Pfingstwoche, als Albrecht gegen Abend in seinem Zimmer saß. Sein Advokat hatte ihn so eben verlassen und die Nachricht gebracht, daß der Graf von Funcal den Befehl erhalten, Rechnung über das Vermögen Amaliens abzulegen und die fernere Verwaltung desselben einem Regierungs-Commissar zu übergeben. Auf einen günstigen Beschluß des geistlichen Gerichts hatte er wenig Hoffnung gemacht, da die katholische Confession eine völlige Ehescheidung nicht gestatte, und Katharina als die erste Gattin die ersten Rechte besitze. Aus den ergangenen Verhandlungen habe sich indeß schon so viel ergeben, daß ihm seine zweite Heirath nicht als ein Verbrechen angerechnet werden könne, da eine Fälschung der Papiere durch die beiden Funcals, welche die am Hochzeitstage abgegebene Erklärung des Dieners als Zeugen bestätigt hatten, erwiesen sei.

Albrechts trostlose Lage läßt sich denken. Da meldete ihm sein Diener eine Dame an. Hastig öffnete er die Thür und Amalie in Trauerkleidern trat ein. Der Kastellan begleitete sie.

„Armer Freund,“ rief sie unter Thränen aus, „unser Wiedersehen ist ein schmerzlich-freudiges! Ich selbst habe es übernommen, Ihnen die Nachricht von dem Tode Katharinens zu überbringen – sie verschied in meinen Armen! Gott hat sie einem Leben entrückt, dessen nur noch ihr Körper theilhaftig war. Nehmen Sie mich hin, Albrecht, ich kann nun Ihre Gattin vor Gott und er Welt sein!“

Still weinend sanken sich Beide einander in die Arme.

Der Kastellan berichtete, daß die Försterburschen des alten [231] Zierlein an demselben Tage, an dem Katharina gestorben, einen gefährlichen Wilddieb erschossen hätten; die Behörde habe in ihm den verbrecherischen Fritz erkannt.

Der Baron von Beck blieb mit seiner jungen Gattin in Wien. Ein Jahr später stellte man ihm das Vermögen Amaliens zur Verfügung, da die Rechte des Vormundes als erloschen betrachtet wurden. Albrecht verschmähete es, den Grafen von Funcal weiter zu verfolgen. Der Tod Katharinens hatte eine Entscheidung der Kirche überflüssig gemacht.

„Hältst Du mich für strafbar?“ fragte Albrecht seine Gattin.

„Ich liebe Dich,“ flüsterte sie, „und ein liebendes Herz hat kein Urtheil! Gott selbst hat gerichtet!“




Unterm Kindelbaume.

Am Fuße des Gebirges, am Ausgang eines seiner grünen, reizenden Thäler, liegt ein stattliches Dorf. Es ist Laubenhain mit vielen schönen weißen Häusern. Hinter dem Dorfe zieht sich ein mäßig hoher Berg mit prächtigen Obstpflanzungen hin, der Kindelberg genannt, und die kühlere Herbstsonne bestrahlt die gerötheten Aepfel und Birnen in der Fülle des gilbenden Laubes. – In diesem heitern Wetter wandert ein sehr einfach gekleideter Mann mit einem alten Ränzchen auf dem Rücken von der Landseite her dem Dorfe zu. Sein graues Haar und seine verwitterten Gesichtszüge verrathen den hohen Sechziger, wenn nicht gar schon den angehenden Siebenziger, aber das Gesicht zeigt einen edlen Schnitt, das Auge hat einen geistreichen, fast schwärmerischen Ausdruck. Der blaue Kittel und die graue Linnenhose sind rein, wenn auch ärmlich, eine leichte Mütze deckt den bedeutsamen Kopf. Er schreitet rüstig an seinem Knotenstocke. Aber dann und wann bleibt er stehen und betrachtet irgend einen an sich unbedeutenden Gegenstand mit großer Aufmerksamkeit und unverkennbarer Theilnahme, bald einen Baum, bald einen Stein, ein Gartenhäuschen, den durch die Wiesenflur sich schlängelnden Gebirgsbach. Sein Auge leuchtet dabei so wunderbar, über seine schmalen Lippen gleiten leise Worte wie Gebete. Er ist offenbar in großer Bewegung, und diese scheint zu steigen, je näher er dem Dorfe kommt, zu dessen Häusern und besonders zum Kirchthurme dann und wann sein Blick voll unaussprechlicher Wonne fliegt. So kommt er in das Dorf. Seine Aufregung ist so groß, daß er sich einige Minuten lang an eine Gartenplanke anlehnen muß. Dann geht er langsam weiter. Er schaut die Häuser an und grüßt in die Fenster. Die Bewohner danken ihm halb befremdet. Niemand kennt den freundlichen alten Mann. Als er am Forsthause vorüber geht, schleichen ein Paar große Thränen an seinen Wangen herab. Die hochgelegene Kirche grüßt er wieder, wehmüthig lächelnd, wie einen alten Freund und steigt dann zum Gottesacker empor. Da weilt er bald bei diesem, bald bei jenem der einfachen Grabmonumente und liest ihre Inschriften aufmerksam. Endlich findet er einen halbversunkenen mit Flechten überzogenen Grabstein, kniet daran nieder, faltet die Hände und betet. Und er geht weiter. Durch ein Hohlengäßchen gelangt er an den Kindelberg und ersteigt ihn. Das ist kein Fremdling im Dorfe, und wenn ihn auch Niemand kennt; er kennt dagegen alle Wege und Gelegenheiten. Von der Höhe des Bergs läßt er das thränenschwere Auge über das Dorf und die reizende Gegen schweifen.

„O Vaterland!“ ruft er in schmerzlich-froher Bewegung, „wie freu’ ich mich, daß ich dich wiedergefunden! Sei mir herzlich gegrüßt, du Stätte meiner Wiege! O Erde, auf der sie stand mit mir, nimm du auch meinen Sarg mit mir auf! Sieh, ich bringe mich dir wieder, dir, der ewig jungen Mutter, den alten Knaben, den ungetreuen und doch so getreuen Sohn, der weite Länder und Meere durchirrte und doch zuletzt zu dir zurückkehrt, um bei dir zu schlafen, auszuschlafen und zu rasten von der wüsten Sorge und der heißen Arbeit, die man Leben nennt!“

Nun suchte er mit geschärftem Auge und großer Aufmerksamkeit unter den Obstbäumen. Fleißig forschte er an der Rinde derselben. Endlich rief er im Tone der höchsten Freude:

„Gefunden! Du bist’s! Ja, du bist’s, mein lieber theurer Apfelbaum!“ Und er umarmte den Baum, wie einen geliebten Menschen und küßte ihn auf die glatte Schale, herzlich, innig, brünstig. „Du kennst mich noch, nicht wahr, mein Baum? Du bist ja mein Kindelbaum! Dich hab’ ich gepflanzt, als ich der Dorfschule entlassen und dort unten in der Kirche in den Christenbund aufgenommen wurde. Ach, das war eine schöne Zeit! Da war ich ein hübscher Knabe von dreizehn Jahren und du ein nettes Stämmchen von drei bis vier Jahren. O, ich sehe dich noch, wie dich der Vater heimbrachte, und du von der Schwester zum Kindelfeste mit einem Blumenkranze geschmückt wurdest. Ich grub mit Hacke und Schaufel die Grube für dich, ich setzte dich hinein, ich warf die Erde auf deine Wurzeln; ich begoß sie jeden Tag. Und welch ein stattlicher Baum bist du geworden! Dir sieht man kein Alter an wie mir! Ha und welch köstliche Früchte trägst du! Ich weiß, ich weiß, es war die beste Sorte, welche aufzutreiben war. Beutst du sie mir doch herab wie zum Danke. Recht so! Recht so, alter Freund! Meine Früchte sind schon längst abgefallen.“

Er pflückte einen der schönen Aepfel und biß hinein.

„O, wie labst du mich!“ jauchzte er. „Sieh, ich habe nicht vergebens gelebt; denn ich habe dich gepflanzt.“

Plötzlich fühlte er sich am Arme gefaßt und barsch angeredet.:

„Er hat hier einen Apfel gestohlen und muß mit mir zum Schulzen; denn ich kenne Ihn nicht, und Stehlen wird hier bestraft. Weiß Er das nicht?“

Es war das hämische Gesicht eines Bauers, das ihn so begrüßte.

„Wer ist Er denn, mein Freund, daß Er sich erlauben darf, mich des Diebstahls zu bezüchtigen?“

„Der Teufel ist Sein Freund, aber ich nicht. Er ist ein Vagabund, und ich bin Schütz und Gemeindeschöpf und königlicher Kreiser und Waldwart dazu. Er hat mich „Sie“ zu nennen, weiß Er das! Marsch mit mir zum Schulzen! Ich hab’ Ihn auf der Mauserei erwischt, Er hat ja den gestohlenen Apfel noch in der Hand.“

Der alte Mann widersetzte sich nicht; er folgte dem strengen Schützen, Gemeindeschöpfen und königlichen Waldwart mit einem wehmüthig bittern Lächeln.

War der Schöpf schon eine unangenehme Persönlichkeit, so war der Schulz eine höchst widerwärtige, eine aufgeblasene Figur, ein dummstolzes, hochrothes Gesicht mit einer affectirten Würde, das Ganze die lächerliche Karrikatur eines gewiegten und sich seiner Wichtigkeit bewußten Bureaukraten.

Der Delinquent wurde vorgeführt, nachdem der Schöpf seinen Bericht abgestattet hatte.

„Wer ist Er? Wie heißt Er?“ schnaubte ihn der Schulz an.

„Ich heiße Philipp Raab und bin aus dem hiesigen Orte gebürtig. Mein Vater war vor fünfzig Jahren hier Förster und ich sein einziger Sohn. Ich habe in Südamerika gelebt und bin hierher gekommen, um hier meine Tage zu beschließen.“

Der Schulz und der Schöpf sahen den Sprecher mit großen Augen an.

„Ach, Er ist der Försters-Flipp!“ rief der Erstere, „von dem meine Mutter selige oft erzählte. Das ganze Dorf hat viele Jahre von seinen verwegenen Streichen gesprochen. Er ist ein wahrer Ausbund und Taugenichts gewesen, sogar Verse hat er gemacht und Seine Mutter, die Ihn verzogen, todt geärgert.“

Der Alte nickte wehmüthig, als sei das Alles wahr, und doch lag in seinem Auge, in seinen Zügen Etwas, das besagte: es sei das in einem Sinne, von welchem dieser gar keine Ahnung haben könne.

„Na, wie man sieht, hat Er’s so fort getrieben sein Leben lang und nichts vor sich gebracht. Als ein junger Bettler ist Er gegangen und als ein alter Bettler wieder gekommen, der der Gemeinde die Aepfel stiehlt.“

„Der Baum, von welchem ich den Apfel pflückte, ist mein Kindelbaum. Ich weiß nicht, ob der Gebrauch noch besteht. Sonst pflanzte jedes Kind an seinem Confirmationstage einen Baum am Kindelberge. Jenen Baum habe ich gepflanzt und in seine Rinde meine Namensschiffer geschnitten.“

[232] „Das mag wahr sein oder nicht, der Baum geht Ihn nichts an, der gehört der Gemeinde. Er hat einen Gulden Strafe zu erlegen, und wenn er das nicht kann, vierundzwanzig Stunden Haft im Gemeindekoben bei Wasser und Brot. Dann kann Er hingehen, wohin Er will, meinetwegen, woher Er gekommen ist; denn in Laubenhain hat Er kein Heimatsrecht mehr. Wir haben hier des armen Gesindels genug und können keine Vagabunden brauchen. Bezahl’ Er den Gulden und scheer Er sich fort; ich duld’ ihn keinen Tag im Orte. Wenn Er nicht freiwillig geht, lass’ ich Ihn in’s Amt transportiren, das bringt Ihn per Schub aus dem Lande. Wird Er zahlen?“

Der Alte schüttelte mit dem Kopfe. Zwei große Thränen glitten langsam auf seinen verwitterten Wangen herab.

„Na, denn fort in’s Loch!“

Der Gemeindediener und respective Nachtwächter führte den Delinquenten auf gestrengen Befehl ab. Es war ein etwas vergrößerter Hundestall, in welchen er gestoßen wurde. Der Büttel erlaubte sich rohe Scherze mit ihm; der Alte schwieg.

Es war schon finstre Nacht, als der Diener ihm ein Stück hartes verschimmeltes Brot und einen defecten unsaubern Krug mit Wasser brachte.

„Hört, guter Freund Nachtwächter,“ sagte der Gefangene mit wunderbar zitternder Stimme (sie klang wie der Ton einer zerreißenden Saite), „ich will Euch den Gulden für den Schulzen und noch einen halben für Euch zahlen, laßt mich frei. Es ist mir unwohl geworden. Ich will in dieser Nacht noch fort gehen und nicht wieder kommen.“

„Das kann ich nicht für mich thun. Ich muß es dem Herrn Schulzen melden. Gebt das Geld her, Alter!“

Der Gefangene zahle, der Nachtwächter ging. Nach einer langen, bösen Stunde kehrte er zurück.

„Der Herr Schulz saß in der Schenke, da läßt er sich nicht nicht gern stören. Er läßt Euch anbefehlen, Euch nicht wieder hier betreten zu lassen, bei Strafe der Ausweisung auf dem Schub.“

Der alte Mann schüttelte die Glieder, als er auf der Straße stand. Er verließ in der finstern Nacht das Dorf, aber sein Schritt war nicht mehr so sicher und fest, als wie er hereingekommen war. Doch fand er den Pfad wieder auf den Kindelberg, doch fand er seinen Kindelbaum wieder in der dunkeln Nacht. Er brauchte ihn gar nicht zu suchen, er hatte ihn gleich, als ob ihn eine höhere Eingebung führte. Und nun kniete er an dem Baume nieder und weinte. Vielleicht betete er auch. Endlich umarmte er den Baum. –

Am andern Morgen meldete der Gänsehirt sehr eilig beim Schulzen: auf dem Kindelberge liege ein todter Mann. Der Gemeindediener und Nachtwächter, welcher auch Todtengräber war, wurde dorthin beordert. Der alte „Vagabund“ lag unter seinem Kindelbaum todt, hielt ihn aber noch mit beiden Armen umschlungen. Ein Haufen Dorfjugend umstand die Leiche und trieb ihren Spott damit; die Rangen wußten schon, daß es der Försters-Flipp war, von dem sie so fabelhafte Dinge gehört. Gestern Abend war in allen Häusern die Rede von diesem „curiosen Menschen“ gewesen, der so weit her und so alt und arm wieder gekommen war. Der Schöpf stellte sich auch ein, um einen Bericht an’s Amt aufzunehmen. Auf seinen Befehl trugen der Todtengräber und der Hirt die Leiche auf einer Tragbahre in den Gemeindekoben.

„Durchsuch’ seine Taschen!“ herrschte der Schöpf dem Nachtwächter zu. „Vielleicht findet sich so viel bei ihm, was ein schlechter Sarg kostet.“

Der Todtengräber zog eine ziemlich volle Börse, ein prächtige goldne Uhr und ein rothsaffianes Portefeuille hervor und überreichte es dem staunenden Schöpfen.

„Hör’,“ sagte dieser heimlich, „das bleibt unter uns; verstehst Du mich. Da hast Du einen blanken Thaler.“

Den nahm der Schöpf aus der Börse des alten „Vagabunden“ und ließ sie dann sammt der Uhr schnell in seiner eigenen Tasche verschwinden. Mit den Papieren, welche er in dem Portefeuille fand, konnte er nicht so schnell fertig werden. Dergleichen war ihm noch nicht vorgekommen. Er verfügte sich damit zum Schulzen. Dieser war schon besser damit bewandert. Als der gewaltige Dorfregent sämmtliche Blätter durchgesehen hatte, sagte er:

„Hör’, Valtin, das muß unter uns bleiben. Verstehst Du mich! Das fällt mit in den Gemeindesportelkasten. Ich gebe Dir fünfzig Thaler. Du hältst das Maul, und wir lassen Gras darüber wachsen.“

Der Schöpf hielt die Hand auf und sagte kein Wörtchen von der Uhr und der Börse. Der Schulz zahlte, und am andern Morgen wurde der „alte Vagabund“ in einem schlechten, rohen Kasten vom Todtengräber und dem Hirten auf den Gottesacker getragen und an der Mauer verscharrt. Der Schulz und der Schöpf gingen nach der Stadt und nahmen dort im ersten Gasthofe den Koffer des alten Herrn in Beschlag. Daheim angekommen, theilten sie, was sich darin vorfand. Die ganze Gemeide hatte ihr rohes, albernes Gespött über den Försters-Flipp, der als ein Vagabund am Kindelberg „verreckt“ war und nun an der Kirchhofmauer lag. So weit, meinten sie, könne es Jeder bringen. Dazu brauche man nicht in die weite Welt zu gehen.

Die Sache schien damit abgethan, aber sie war’s nicht. Der Todtengräber hatte die Börse in der Hand gehabt und ihren Inhalt überschläglich taxirt, als daß es ihn nicht hätte ärgern sollen, daß er nur einen Thaler von der Erbschaft erhalten. Der Schöpf war doch nicht gar zu dumm und hatte die Zettel im Portefeuille auch angesehen und überzählt, und es wurmte ihn je länger, je mehr, daß er sich hatte mit fünfzig Thalern abspeisen lassen. Der Todtengräber steckte die Geschichte seinem guten Freunde, dem Amtsdiener, und der Schöpf steckte sie seinem guten Freunde dem Amtsschreiber. Aber der Amtmann war der gute Freund des Schulzen. Der Schulz lachte den Schöpfen aus und der Schöpf den Nachtwächter. Alles war und blieb still von der Erbschaft des alten Vagabunden, aber in’s Ohr flüsterten sich die Leute seltsame Dinge davon.

Plötzlich wurden in einer Nacht der Amtmann, der Schulz, der Schöpf und der Nachtwächter verhaftet und in’s Kriminalamt gebracht, bei Allen auch genaue Haussuchung gethan. Da fand sich denn ein Testament Philipp Raab’s, worin er die Gemeinde seines Geburtsorts Laubenhain zum Erben seines ungeheuern in Surinam erworbenen Vermögens eingesetzt. Der Schulz hatte dieses in Banknoten bestehende Vermögen unterschlagen und später dem Amtmann einen Theil abgegeben.

Zufällig war der alte Vagabund, eh’ er seinen Geburtsort aufgesucht, in der Residenz bei einem Banquier gewesen, und hatte mit demselben über seine Geldangelegenheit conferirt. Dieser hatte später von dem Tode und der Begräbnißart des steinreichen Mannes gehört und den auf der Hand liegenden Betrug bei der Landesregierung angezeigt. Durch einen gewandten Polizeimann war diese über den Vorfall in genaue Kenntniß gesetzt worden. Der Amtmann kam mit Verlust seiner Stelle und halbjährigem Gefängniß davon; der Schulz erhielt zehnjährige Zuchthausstrafe und mußte den Raub herausgeben, der Schöpf kam ein Jahr in’s Zuchthaus, der Nachtwächter ein Vierteljahr. Die Gemeinde Laubenhain trat die reiche Erbschaft an; sie wurde dadurch die reichste im Lande. Die Leiche des „edlen Menschenfreundes“ wurde ausgegraben und prächtig geschmückt in einen kostbaren Sarg gelegt. Auf Befehl der Regierung wurde ihm das Grab unter seinem Kindelbaume bereitet und mit Quadern ausgemauert. Das ganze Dorf ging mit zur Leiche, das Amtspersonal und eine Commission der Regierung. Der Superintendent hielt in der Kirche eine lange Predigt über der Leiche des Wohlthäters und rühmte seine Verdienste, der Pfarrer eine rührende Rede am Grabe.

Vier Wochen später stand ein herrliches Monument von Stein auf dem Grabe.

Das sind die Menschen unserer Tage!
L. St. 
[233] 
Die Gartenlaube (1855) b 233.jpg

Marseille.

[234]
Französische Hafenstädte.
II. Marseille.

Durch die Truppenverschiffungen nach dem Orient hat Marseille neuerer Zeit ein erhöhtes Interesse gewonnen und ist oft in den Zeitungen genannt worden.

Nach Toulon, das wir uns früher angesehen haben, kommt geographisch in der schönen Provence, die ihr breites, glühendes Gesicht im mittelländischen Meere bespiegelt, die alte Massilia, jetzt Marseille, im großen materiellen und telegraphischen Völkerverkehre vielleicht die wichtigste Stadt Frankreichs. Von hier aus correspondiren Diplomaten und Welthandelsleute ununterbrochen vermittelst elektrischer Blitze und dampf- oder segelbeschwingter Gesandten und Boten. Dabei glänzt und glüht das kolossale Häuser- und Geschäftsmeer so blendend und bestechend aus seiner Meeres- und Bergesbucht auf den Wasserspiegel hervor, daß man beim ersten Anblick die Schönheit und Größe der Stadt gern überschätzt. Ihre Lage ist allerdings eine der malerischsten, die man sich denken kann. Sie füllt den Mittelpunkt eines etwa drei Stunden breiten Bassins von hohen, steilen Hügeln, an denen unzählige prächtige Landhäuser und Landsitze, Meiereien und städtische Dörfchen herum zu klettern scheinen. Jeder große Kaufmann hat hier seine „maison de campagne,“ sein Landhaus, oft von großer Pracht und Ausdehnung. Man nennt sie lokal „bastides.“ Ihre Zahl beläuft sich auf mehr denn 5000. Uebrigens fehlt dieser Schönheit und Prachtfülle auch hier ein Hauptreiz, das grüne, blühende Gewand der Natur. Berge und Bassin, Häuser und Wege sehen trocken und durstig aus. Dazu kommt nicht selten der giftige, heiße „Mistral“-Wind, der Lungen und Augen austrocknet, ohne daß die Wasserdämpfe des Hafens Erquickung bieten, denn sie gleichen dann einem heißen, stagnirenden Sumpfe, da sie einen großen Theil des Unraths, der hier aus der großen Stadt herunter läuft, den Einwohnern in malitiöser Feinheit zurückschicken. Die Stadt ist beinahe in Hufeisenform um den Hafen herumgebaut mit der alten, griechischen Massilia im Norden. Die alte und neue Stadt scheiden sich durch die prächtigste Straße, welche in gerader Linie von Porte d’Aix bis Porte de Rome durch die ganze Breite der Stadt läuft. Die Mitte dieser Hauptstraße (genannt „Cours“), wo kostbare Bäume und luftige, plätschernde Fontainen zwischen den prächtigsten Palästen von ferner Natur und ihrem duftigen, kühlen Schatten zu erzählen scheinen, bildet an kühlen Abenden den Hauptsammelplatz der höhern Spaziergänger, unter denen Italiener, Engländer, Türken, Griechen und braune, civilisirte Helden von Algier und Cairo mit funkelnden, natürlichen oder bewaffneten Augen sich stark markiren und in ihren verschiedenen, nationalen Weisen ihr Interesse an den Schönheiten der Stadt zu erkennen geben. Noch voller und bunter sieht’s in der zweiten Hauptstraße aus, der Rue Cannebière, welche breit und stolz im rechten Winkel zu der ersteren bis herunter in die Mitte des Hafens führt. Der Hafen ist ein natürliches Oblongum. Hier gehen und kommen jährlich nicht weniger als durchschnittlich 18 bis 20,000 Schiffe mit einem Tonnengehalt, der mehr als 40 Millionen Centner beträgt. Das ist viel, aber immer nur erst ein Viertel des Seeverkehrs von Liverpool.

Diesen natürlichen Hafen verdankt Marseille hauptsächlich seine alte commercielle Wichtigkeit. Seitdem vor 3000 Jahren die Griechen von Phocis, Freiheit in der Fremde dem Joche des großen Eroberers Cyrus vorziehend, ihre neue Heimath hier gefunden, erblühte schnell aus ihrer mitgebrachten höhern Kultur die erste Civilisation des alten Galliens, wie damals das von celtischen Stämmen bewohnte Frankreich hieß. Handel und Wissenschaft, Gewerbe, Kunst und Literatur, freudige, feine Formen des Umgangs und Lebens und geistige Ueberlegenheit überhaupt erhob diese griechische Colonie zu einer geliebten, geachteten Erzieherin für die „Söhne der Wildniß.“ Das mächtige Rom bewieß ihr allen möglichen Respect, bis sie in den zerstörenden Kriegen zwischen Cäsar und Pompejus (die um die absolute Krone stritten, welche das demoralisirte, servil gewordene Volk schon lange vorher anbot, ehe Augustus oben die Monarchie fertig bekam) genöthigt ward, es mit dem letzteren zu halten, wofür der siegende Cäsar sie belagerte und einnahm, aber so viel Achtung vor ihrer Schönheit und Bildung bekundete, daß er mit der größten Strenge seine wilde Soldateska von Plünderung und Verwüstung abhielt.

Unter der römischen Herrschaft und durch das Mittelalter hindurch wußte die griechische Colonie ihre commercielle Wichtigkeit und Communal-Freiheit zu wahren. Sie blieb eine Art Freistaat mit eigener Regierung, aus Volkswahl hervorgehenden Magistraten, mit dem Privilegium, Verträge mit andern Staaten zu schließen u. s. w., bis sie endlich von Karl von Anjou, Fürsten der Provence, erobert, zugleich ihre glänzende Herrschaft auf dem mittelländischen Meere den aufgehenden Handelsgestirnen Pisa, Genua und Venedig abtrat.

Erst ganz neuerdings ist sie als französische Handelshauptstadt des mittelländischen Meeres und als Hauptpoststation zwischen England und Italien, und Frankreich und England in deren politischen und commerciellen Beziehungen zu den Ländern um’s mittelländische Meer herum zu neuer, größerer Bedeutung erstanden. Ihre neuen Schwingen sind das Dampfschiff und der electrische Telegraph.

Geschichtlich erwähnen wir nur noch die wüthende Rolle, welche Marseille mit seinem heißeren Blute und leidenschaftlichen Erinnerungen an ihre ehemalige Freiheit in der ersten französischen Revolution spielte. Es lieferte die Hauptmetzger für die September-Schlächtereien in Paris und bekanntlich auch die „Marseillaise.“ Unter Fréron und Barras wüthete es selbst am Wahnsinnigsten in seinen eigenen Eingeweiden und schlachtete in kurzer Zeit 400 seiner reichsten Bewohner, um deren Eigenthum zu confisciren. Ein Volksvertreter schlug sogar vor, den ganzen Hafen auszufüllen, damit die Freiheit nicht wieder durch – Verkehr gestört werde. Der Name Marseille ward vernichtet und in „la Commune sans Nom“ („die Commune ohne Namen,“ also gerade ein recht langer Name) verwandelt.

Robespierre’s Sturz, fast im ganzen Lande zugleich der Sturz der Schreckens- und Leidenschafts-Herrschaft, war in Marseille das Zeichen zu neuer, umgekehrter Wuth. Die Reaction gegen die Freiheitsschlachten-Helden (und Schlächter) stürmte das Fort St. Jean, worin zweihundert Revolutionäre saßen und metzelte sie alle nieder.

Die größte Merkwürdigkeit von Marseille ist der neue Hafen, in’s Meer gegraben von 1224 Yards Länge und 1312 weit vom Gestade, von welchem in Entfernungen von je 550 Fuß mächtige Hafendämme führen. Er bildet ein inneres Bassin und zwei äußere Häfen, welche durch einen Kanal zwischen Fort St. Jean und dem alten Fort verbunden werden. Vom alten Hafen und seinen Bollwerken steigen die Häusermassen amphitheatralisch ununterbrochen hinauf bis zu den umschließenden Hügelketten, so daß der Hafen zugleich Sammelplatz alles Unrathes der Stadt wird, der um so furchtbarer ist, da das Meer hier keine Fluth hat und die brennende Sonne im Sommer das ganze Thal verpestet, das nur in Südostwinden Erlösung findet, welche Fluth und Bewegung in den Hafen bringen. Die Pest fand hier deshalb auch oft genug eine reiche Ernte. Sie raffte z. B. im Jahre 1420 die ganze größere Hälfte der Bevölkerung, über 50,000 Menschen, hinweg. Die Galeerensclaven, welche die Todten begraben mußten, starben auch größtentheils, die übrigen weigerten sich, so daß manche Straßen thatsächlich mit Todten verbarrikadirt wurden. Unter den Schrecken dieser Scenen erhoben sich einzelne großherzige Männer, besonders Bischof Belpunée und Chevalier Rose, welche selbst Hand anlegten, die Todten zu begraben und so wieder Leben unter den Verzweifelten schufen.

Die alte Stadt, vom Meere her besonders imposant, ist inwendig ein schmutziges Gemenge enger Straßen. Nur die Häuserreihe an den Bollwerken hin besteht aus sehenswerthen Gebäuden und Palästen, von denen das Hotel de Ville mit seinem überladenen Schmuck das größte Curiosum ist. Zwei starke Forts bewachen den Eingang des alten Hafens: das alte Schloß und der St. Jean-Thurm im Norden (wo Philippe Egalité mit zwei seiner Söhne gehalten ward,) im Süden Fort St. Nicholas, von Ludwig XIV. angelegt. Nicht weit davon erhebt sich eine der [235] ältesten und merkwürdigsten Kirchen Frankreichs, St. Victor. Sie war im 13. und 14. Jahrhundert die reichste Abtei und Mutterkirche einer Menge Filiale, durch welche sie unermeßlich reich ward. Südlich davon steht auf dem steilen Felsen: Notre Dame de la Garde, die berühmte Kapelle mit dem Bilde der Jungfrau Maria aus Olivenholz geschnitten, in welchem alle Fischer und Seeleute des mittelländischen Meeres, besonders deren Weiber, ihre besondere und persönliche Schutzheilige verehren. Die Wände und die Decke dieser Kapelle und alle möglichen Winkel und Ecken sind mit der abenteuerlichsten Curiositäten-Sammlung von Opfern und Gelübden angefüllt, welche Seeleute in Gefahr versprachen und dann getreulich ablieferten; Sturm- und Schiffbruchgemälde, Dampfschiffexplosionen, Rettungen von englischen Kriegsschiffen, wundärztliche Werkzeuge und Operationen (gemalt), Krankenbetten, Schiffsmodelle, Hunderte von Tau-Stücken, mit denen Schiffbrüchige gerettet wurden, und eine Masse an Krücken, für welche Gichtbrüchige, Krüppel und Lahme bei ihrem Sterben die heilige Jungfrau zur Erbin machten, auch ein sehr kostbarer, massiv silberner Tintenfisch, ein Geschenk der Fischweiber von Marseille aus der Zeit, als die Cholera zum ersten Male nahte, um durch diese Gabe wo möglich Schonung zu erkaufen.




„Mob“ und „Mop.“

Es liegt eine sonderbare Zauberkraft in einem Menschenstrome. Vielleicht ist’s eine Art von animalischem Magnetismus, der auch den Gleichgültigen und Widerwilligen, der gegen den Strom schwimmen will, mit sich fortreißt. So hatt’ ich z. B. am 16. April weder Zeit noch Lust, die nun doch wahr gewordene triumphirende „Invasion“ des Kaisers Napoleon durch die Straßen Londons mit anzusehen, aber der Strom packte mich und so befand ich mich bald unter dem schönsten, in London seltensten klaren Sonnenscheine mitten in unabsehbaren Fluthen und Wogen von Menschen, die mich bis nach Charing Cross, bis in den Trafalgar Square mit sich fortschwemmten. Hier stopften und staueten sich die Menschenströme aus verschiedenen zusammenstoßenden Hauptstraßen um so hartnäckiger, als dies für einen der besten Schauplätze galt. Der große Kaiserzug mußte aus der fahnenwehenden Parliamentstreet herauf über den Platz nach Pall Mall kommen. Aber wie über die Tausende von Köpfen und Hüten hinwegsehen, zumal da jeder Engländer heute durch die ausdehnende Kraft langhalsiger Neugier einen Kopf größer geworden zu sein schien? Fenster waren nicht mehr zu haben und die genial improvisirten Tribünen, Droschken- und Omnibusdächer auch schon polizeiwidrig dicht besetzt. Doch guter Wille und guter Humor auf einem noch nicht überladenen Droschkendache in Verbindung mit der begeisterten Beredsamkeit des Kutschers machten noch für einen halben Sitz auf der äußersten Kante Raum. Mehr war nicht menschenmöglich, da ein dicker Farmer, der ziemlich bis an die Kante heranschwoll, durchaus nicht in kleinere Dimensionen zu bringen war. So bezahlte ich mein „Entree“ und nahm mit einem aristokratischen Anfluge von Erhabenheit über die Menge meine Eckloge mit der Hälfte meines körperlichen Daseins ein. Die andere Hälfte bemühte sich nicht ohne stille Heldenarbeit, so wenig als möglich Schwerkraft zu behalten und frei in der Luft zu schweben, aber es war blos Verstellung und schob ihr Gewicht durchaus auf die eine Hälfte der Sitzmuskeln, die ihrerseits durch Anklammern an das Muskel- und Schmalzgebirge des Farmers nach Linderung drückender Leiden strebten. Sie thaten dies im Vertrauen auf die Gutmüthigkeit dicker Herren überhaupt.

Ein dicker und fetter Herr hat ohne Weiteres etwas Gemüthliches. Jeder hat ihn gern, wie er auch gegen Jeden etwas Liebenswürdiges zeigt. Essen und Trinken schlägt bei ihm an, das Gesetz des „Stoffwechsels“, der Mauserung arbeitet stets zu seinem Gunsten. Er schwillt majestätisch aus und füllt so einen respektablen Raum im Leben. Er ist wandelnder Priester der Dankbarkeit für die Güter der Erde und der Fülle davon, eingefleischtes Zeugniß für die Nichtigkeit irdischer Sorgen, strahlende, vollmondglänzende Manifestation der Weisheit guten Humors. Der dicke Herr ist also kraft seiner Fülle an und für sich schon ein populärer Mann und in der Regel verdient er das auch. Im vollgedrängten Omnibus habe ich fast stets die Erfahrung gemacht, daß der dickste Mann immer am Ersten bereit war, Platz zu machen. Eine ähnliche Erfahrung machte ich mit meiner halben Eckloge.

Anfangs konnte ich sein Gesicht vor Fett nicht sehen, aber als er mir plötzlich zurief: „Halloh, my dear Frenchman (jeder nicht besonders gelehrte Engländer hält jeden Fremden mit einem Barte immer noch für einen Franzosen)How are you now?“ [1] erkannte ich ihn wieder, hier über dem „Mob.“ Wir hatten ja zusammen den „Mop“[2] besucht und uns amüsirt, wie man sich nur mit einem dicken Herrn amüsiren kann. Im Gespräch über unsere Mop-Freuden vergaßen wir Beide den londoner Mob und den prächtigen Kaiserzug, der sich durch die Massen hindurchbewegte.

Der Mop ist einer der originellsten englischen Landvolksfestlichkeiten, die jetzt so frisch und bunt in meiner Erinnerung auftauchten, daß ich nicht begreife, wie ich sie bis dahin hatte unbeachtet lassen können. Der Farmer erzählte mir auf dem Droschkendache, während wir noch auf die Majestäten warteten, daß er auf dem „Mop“ einen ganz guten Kauf gemacht habe. Der Knecht sei vortrefflich und die beiden Mägde hätten zwar ihre Fehler, da die Eine Alles benasche und die Andere alle Augenblicke mit einem „Zukünftigen“ ertappt werde, seien aber sonst ganz brave und fleißige Mädchen.

Also hatte er Menschen gekauft. Ja der „Overtopping Mop,“ das heißt, das alle Jahre am 1. October gefeierte Volksfest in Overtopping oben nicht weit von der Themse mitten im Lande, ist ein ganz entschiedener, professioneller Menschenmarkt. Ich war vorigen Herbst auf einem Ausfluge mit meinem dicken Farmer bekannt geworden und sein Begleiter auf dem Menschenmarkte gewesen.

Wir fuhren am ersten October nach einem substantionellen Frühstück von Thee, Eiern, gebratenem Speck, Wasserkresse, „Shrimps,“ starkem Porter, Käse, Rindskeule u. s. w. in seinem eigenen Wagen zwischen schattigen Bäumen, durch kosige, kleine Dörfer, wo blühende Rosenbäume sich auf den Dächern sonnten, vor einzelnen stattlichen Farms vorbei, aus denen uns neugierige Gänse angukten und das regelmäßige Geklapper von Dreschflegeln allein die Stille unterbrach direct nach Overtopping. Je näher wir kamen, desto dichter wurden die Vorzeichen des originellen Menschenmarktes. Gruppen von faulen, stämmigen Burschen, auf das Sorgfältigste angeputzt, obwohl in ihren Arbeits-Costümen, rufen uns gemüthlich ihr „good day“ zu, indem wir vorbei rollen. Einige dieser kleinen Caravanen zeichnen sich durch dieses, andere durch jenes Symbol aus. So trugen Einige Peitschenschnuren um ihre Hüte, womit sie sagen wollten, daß sie als Pflugknechte gekauft zu sein wünschten, Andere mit Strohkreuzen bieten sich als Fuhrknechte an. Zwischen ihnen lachen und schäkern rosenwangige Mädchen, und ihre frische Gesundheit und herzliche Art zu lachen hat etwas ungemein Wohlthuendes. Weiter hin ächzen einsame Trödler unter ihren Lasten, und versputete „Schaumänner“ mit rumpeligen Wagen und halbverhungerten Eseln ereifern sich furchtbar, die armen Thiere in Trapp zu bringen. Die Menschen- und Wagenzüge werden immer bunter und dichter, bis wir auf dem Gemeindeplatze am untern Ende der Stadt, dem wirklichen Mop, ankommen.

Vermöge eines alten, unergründlichen Herkommens findet hier also alle Jahre eine „lebendige Arbeits-Ausstellung“ statt, da vermöge eines eben so alten Herkommens die Arbeiter dieses noch am Ausschließlichsten Ackerbau treibenden Districtes sich in der Regel [236] nur auf ein Jahr verpflichten, gleichviel, ob sie’s gut haben oder nicht. Nur Einzelne können der Versuchung, sich zum nächsten 1. October wieder zu Markte zu bringen, widerstehen, da mit dem Gesindehandel sich gar zu lustige Geschichten verbinden.

Der „Mop“ zerfällt in zwei Theile: Geschäft und Vergnügen. Das Geschäft bringt ein Aufgeld, einen Kaufschilling, der Nachmittags natürlich verjubelt werden muß.

Die Dienstboten, welche sich ausbieten, stellen sich sofort nach ihrer Ankunft in regelmäßigen Reihen, eine von Mädchen, die andere von Burschen, wie eine lebendige Straße auf dem durch Sitte und Gewohnheit genau bestimmten Platze, dem Markte, auf und halten sich hier ohne die geringste polizeiliche Einmischung in stattlichster Ordnung.

Etwa um 11 Uhr steht das „Geschäft“ in vollster Blüthe. Mein Farmer nahm sich kaum Zeit, Mittagessen zu bestellen und seine beiden „Ponies“ der substanziellsten Pflege zu empfehlen, um noch zu rechter Zeit aus der Fülle von „Angeboten“ seine „Einkäufe“ zu machen. So drängte er unbarmherzig, aber stets mit einem freundlichen „pardon“ seine dicke, starke Körpermasse durch Menschen-, Honigkuchen-, Raritäten- und Theaterlabyrinthe, bis er in der lebendigen Arbeitsausstellungs-Straße angekommen war. Ein Brausen des Unwillens fährt ihm durch Mund und Nase, wie er die Fülle des „Angebotes“ so mager ausgestattet sieht, und er schimpft ehrlich auf die baltische Flotte und die „Ost-Expedition,“ welche so viele „Angebote“ vom Markte weg zu unproduktiver Arbeit weggeführt habe. Zugleich ist die Zahl der „Nachfragenden“ ungewöhnlich groß, so daß die „Angebote“ auf beiden Seiten, am Stärksten freilich auf der linken der Männer gar kostbare Gesichter machen, als wollten sie gleich von vornherein zu verstehen geben: Denkt heuer nicht an Spottpreise. Wir sind gestiegen!

Nichts war amüsanter und origineller, als hier die Manipulationen der Sclavenmärkte Amerika’s gegen freie Menschen practiciren zu sehen. Hier wandert mit kritischem Blick eine dicke Dame an der weiblichen Reihe entlang und macht offenbar phrenologische Studien, um mit Hülfe der Wissenschaft eine gute Wahl für die nächsten zwölf Monate ihres häuslichen Glücks zu treffen. Dort examiniren Andere wegen des Melkens, Butterns und Käsens, ob Nadelarbeit, Haarfrisirungskunst und Accoucheur-Wissenschaft für Kühe u. s. w. sich vereinigen. Dabei werden Arme und Taillen untersucht, Papiere examinirt, Preise geboten und verworfen, Unterhandlungen abgebrochen und geschlossen, als wenn es sich eben blos um Waaren handelte. Am Sclavenmarktartigsten benehmen sich die Männer. Dort befühlt Einer Arm- und Beinmuskeln eines Knechtes, untersucht seine Handgelenke und unterwirft ihn vom Kopfe bis zum Fuße der detaillirtesten Kritik, Alles mit einer Miene, der man die ernsteste, kaltblütigste Berechnung ansieht, wie viel Arbeitswerth er wohl aus dieser Sammlung von Muskeln und Knochen herausschlagen könne. Wie in allen Kaufgeschäften sucht der Kauflustige die Waare durch Aufzählung verschiedener Fehler zu entwerthen, während „die Waare“ auf Vorzüge aufmerksam macht, die gar nicht mit Geld zu bezahlen seien. So rühmte sich zu meinem Farmer Einer, daß er mit den Pferden sprechen könne, wie Keiner auf dem ganzen Markte und dies eine Kunst sei, welche man mit auf die Welt bringen müsse, da sich das „Genie“ dazu nicht erlernen lasse. Ein Mädchen, die er schon mit den Worten abgespeis’t hatte: „du taugst nichts, meine Liebe!“ rief ihm nach, daß sie keinen Liebhaber halte, da der ihrige mit in den Krieg gegangen sei und sie warten wolle; da könne er lange suchen, ehe der solch’ ’ne noch ’mal auf dem Markte fände.

Als mein Farmer rasch herum geforscht und sich von den durchgängig höhern „Marktpreisen“ überzeugt hatte, entschloß er sich rasch zum Ankauf zweier Mädchen, denen er nach einiger Examination den Kaufschilling, das „Ernstgeld“ (earnest-money) einhändigte, um mit größerer Gewissenhaftigkeit einen Knecht ausfindig zu machen. Als er einen nach seinen Ansprüchen gefunden, nahm er ihn mit in die Schenke, um bei einem Glase Bier den Contract gewissenhaft abzuschließen. So wurde die Doppelreihe dünner und immer dünner, da die „Waaren“ ziemlich rasch abgingen. Um ein Uhr war der Geschäftstheil zu Ende, denn die wenigen, welche dann noch übrig waren, verzettelten sich auch, um zum Nach-Markte wieder zu erscheinen, und inzwischen, so gut es ohne „Ernst-Geld“ sich thun ließ, an den allgemeinen Volksbelustigungen Theil zu nehmen. Der Menschenmarkt wird nun die babylonische Vergnügungs-Messe. Die Clowns (Hanswürste) brüllen und grimassiren bemalt und bunt geflickt von bemalten Brettern in Gesellschaft bemalter und ausgestopfter Damen, die in dem Costüme ihrer Rolle auftreten; ein paar Dutzend Mißtöne aus Trompeten zerreißen das Ohr, ein paar Dutzend andere bereits heisere Stimmen appelliren gleichzeitig durch furchtbare Sprachtrompeten an sämmtliche „Lady’s and Gentlemen“ (d. h. das Gesinde, welches mit „Ernst-Geld“ in der Tasche sich verkauft hat und nun die letzten Stunden der Freiheit in vollen Zügen genießen will); Trommeln wirbeln und donnern, die große Pauke bombardirt, Cymbeln und Schalmeien, heisere Clarinetten, schnorrende Posaunen, gurgelnde Leierkasten, Ausrufer von Zwergen, Riesen und Mißgeburten, von Krokodilen, Meeres- und Landeswundern aller Zonen, von Ginger bread (eine Art Honigkuchen), Schwanen, geräucherten Fischen, Kaffee, Thee, Bier, Branntweinen, gerösteten Kartoffeln, gebratenen Würsten, Austern, Schnecken, Krebsen, Krabben und Seegarneelen (den beliebten „Shrimps“), von gelehrten „Schweinen“ hinter kostbaren Vorhängen und Brettern, von großen Ritterschauspielen hinter zwanzigfarbiger Pappe, von Preis-Boxern, Schießständen (einen Penny der Schuß, wie fast Alles einen Penny kostet), von Wettrennen auf Esel- und Pferdeskeletten – alle diese Harmonien der Sphären umsäuseln immer gleichzeitig die tausendfach zerrissenen Sinne.

„Haben sie je ’n Krokodil lebendig sehn?“ krächzt mit furchtbarer Kraft eine schon in unausbesserliche Fetzen zerrissene Stimme dicht an meinem Ohre. „Nee, Sie thaten es nicht. Sehr wohl. Also hier ist eins. Her herein, Lady’s und Gentlemen!“

„Angelangt so eben,
Frisch und voller Leben
Ein ungeheures Krokodil,
Von den fernen Ufern des Nil.“

Und nun geht die Trompete an seinen Mund, und aus ihr stürzt sch ein so diabolisches Gemisch von kreischender Höllenpein, daß ich die Flucht ergriff, als wäre das ungeheuere Krokodil an meinen Hacken.

Aber nach allen Seiten kommt man aus der Scylla in die Charybdis, aus einem Regen in die Traufe. Jetzt brüllt Einer durch einen entsetzlichen Stockschnupfen von wahrem Verdienst für einen Penny in mein Ohr: „Wollen Sie wahres Verdienst sehen? Thun Sie’s wollen? Wohlan denn, hier ist der Ort. Hier werden Sie sehen den Mann, der Steine zerbricht mit seiner bloßen Faust. Das ist’s, was ich wahres Verdienst nenne. Sie werden sehen, wie er’s that. Das muß man sehen. Er wird ’n Stein von 40 Pfund Gewicht zerbrechen. Der Stein wird vor Ihren Augen gewogen. Keine Täuschung, wie in andern Geschäften. Sie werden’s ihn thun sehen. Das ist reelles Verdienst, welches in diesem freien Lande immer gewürdigt wird. Er hat kein bemaltes Gesicht. Reelle Couleur! Wir verstecken uns nicht hinter ein Krokodil, wir zeigen reelles Verdienst. Der Held, der Steine bricht, von 40 Pfund Gewicht, mit der bloßen Faust, Lady’s und Gentlemen, er wird nach der Krim gehen und die Civilisation rächen. Bedenken Sie ihn! Schätzen Sie wahres Verdienst! Achten Sie reelles Verdienst. Hier ist der Ort und blos einen Penny! Immer ’rein, Lady’s und Gentlemen!“

Daneben steht ein Mann im Costüme Karl’s I., wie er auf’s Schaffot stieg, in Strumpfhosen, mit fliegendem Mantel, nach unten zugespitztem Kinnbart und Vandyke-Halskragen. Er predigt mit Würde von seinen Verdiensten, die er sich seit zwanzig Jahren als „Professor der Toxicologie“ (Lehre von den Giften) um die leidende Menschheit erworben. Sein Compagnon, buntscheckig von Unten bis Oben beschmiert, schüttelt unter verschiedenen Grimassen, welche die Wirkung der verschiedenen Sorten von Medicin, die er feil hat, andeuten mögen, seine Schellenkappe, und ist zugleich Cassirer, sogar auch Eigenthümer des ganzen Schwindels, wie ich beiläufig erfuhr.

Und vertraut sich denn die Menge wirklich solchen öffentlichen Heilanden an? Und wie! Der Mann hat eine Menge eben so glückliche Collegen, zählt alle Leiden der Menschheit auf und die einzig sichern Mittel dagegen, wie sie hier allein ächt und billig zu haben seien; und die Menge horcht und besinnt sich ein Weilchen und sieht Einen und wieder Einen kaufen, wobei Dieser und Jener Geschichten von wunderbaren Wirkungen gegen schreckliche Leiden aus der Apotheke dieses Wohlthäters der Menschheit [237] zu erzählen weiß, so daß Beispiel und Beweis keine Zweifel mehr übrige lassen, und der Hanswurst in der Schellenkappe seine Pillen und Flaschen los wird, wie Kirschkuchen. Wir brauchen wohl kaum zu bemerken, daß die Zeugen und Wundererzähler Helfershelfer in bäuerischer Verkleidung sind.

Durch alles Kreischen und Musiciren hindurch hatte ich fast während der ganzen Zeit ein sonderbares fernes Donnern und Brummen in verschiedenen Tönen vernommen, gleichsam eine Melodie in schnell aufeinander folgenden Kanonenschüssen. Mehrmals hatte ich versucht, den Tönen nachzugehen, war aber immer wieder durch Sehenswürdigkeiten und Menschenströme abgelenkt worden. Jetzt erhob sich die Kanonen-Symphonie ganz in meiner Nähe, so daß ich bald dahinter kam oder vielmehr davor stand. Genialer Musikus! An den Querbalken eines großen Thores hat der Virtuose durch eiserne Krampen etwa zwanzig Stück graues Eschenholz von verschiedener Dicke und Länge befestigt, so daß das Ganze wie eine Reihe Orgelpfeifen aussieht. Unten liegen eine Menge Spähne, woraus ich schließe, daß der Mann sein Brotmesser als Stimmgabel dieser hölzernen Orgelpfeifen gebraucht haben muß. Das Instrument, welches mit zwei tüchtigen, breiten Hämmern gespielt wird, dient einem Zauberer und Taschenspieler aus der alten Schule als Orchester. Er speit Feuer, verzehrt einen halben Centner Werg und speit dafür 1000 Ellen Band von verschiedner Farbe aus. Die Holzharmonika aber ist mir neu, wenigstens war Gusikow’s Strohharmonika, die ich vor 15 bis 20 Jahren sah und hörte, eine Zusammenstellung von kleinen, trockenen Hölzern auf Stroh. Und soll ich gestehen, daß diese Musik des grünen Holzes sehr schön war? Sie hatte mich seit Stunden über den ganzen Markt und durch alle die bunten Scenen wie ein nie empfundener Zauber verfolgt. In der Nähe machte zwar die Vibration des großen Thores als Baß zu den hammerentlockten grünen Tönen zu viel Skandal, aber in der Ferne trat die Melodie immer reiner und geistiger hervor, selbst das Thorgepolter schien melodisch zu werden. Außerdem war es eine Orgel und eine Musik, die nicht naiver und genialer sein konnte. Beethovens Pastoral-Symphonie müßte sich sehr hübsch darauf spielen lassen.

Als ich meinen Farmer im Gasthause zum Mittagessen aufsuchte, fand ich das rosengesichtige Milchmädchen schon mit ihrem Bündel bereit, mit uns nach ihrem neuen Bestimmungsorte abzufahren. Sie liebe die „Fiedel-Buden“ nicht, meinte sie, auf welche Aeußerung der Farmer sie sehr belobend auf die frischen, runden Wangen klopfte. Diese „Fiedel-Buden“ sind extemporirte Tanzsäle im Freien, mit Stangen und Leinewand umschlossene Rasenplätze, in welchen bis gegen Morgen gefiedelt, getanzt, getrunken, geliebt und manches Nasenbein entzweigeschlagen wird, Transactionen, die sich selbst charakterisiren, so daß wir uns nicht weiter dabei aufzuhalten brauchen.

Beim Essen hatten wir die herrlichste Aussicht in den offenen Rücken eines Markttheaters und so einen dramatischen Genuß, der gewiß selten vor dem Vorhange zu haben ist, vielleicht nicht einmal in der großen italienischen Oper, als die Königin von England mit ihrem ganzen Hofstaate und den Majestäten von Frankreich erschien und ein Platz in der Gallerie mit 20, eine Loge ersten Ranges aber mit mehr als 1000 Thalern (170 Guineen) bezahlt worden war. Wir sehen die dramatischen Helden und Heldinnen, die immer ein und dieselbe Vorstellung, und zwar jede Stunde dreimal, geben, in ihrem natürlichen Schalten und Walten, hören ihre natürliche Unterhaltung, ihre Wuth gegen benachbarte Concurrenten, die das Publikum weglocken, das Geschäft und den Kunstgeschmack verderben und daß man Mittel ausfindig machen müsse, um die wankelmüthige Masse stärker anzuziehen. Endlich stürzt sich der Unternehmer in Folge wahnsinnigen Beifalls und Gelächters, das die Menge vor ein benachbartes Theater zieht und sein „Haus“ leert, in die Arme der Verzweiflung. Er schlägt sich mit beiden Händen vor die Stirn, windet sich im höchsten tragischen Pathos ganz natürlich und künstlerisch effectvoll, rauft sich das Haar und flucht in einem Englisch, das selbst mein Farmer nicht versteht und kein Lexikon deutet.

Aber sein „Bösewicht“ rettet ihn. Dieser ergreift einen Besenstiel und stellt sich in die Positur des Löwen erschlagenden Herkules. Der Unternehmer klärt sich auf wie der Himmel nach einem Gewitter. Und als der Bösewicht auch die Stellung des „sterbenden Fechters“ glücklich copirt, umarmt ihn der Director, küßt ihn und schreit und läuft wie besessen umher. Ein Junge läuft eilends mit einem Stück Geld in die Stadt hinein, der Bösewicht umwickelt den Besenstiel mit Stroh und Lappen und zieht dann weißen Kattun darüber, so daß die Keule bald fertig ist. Die Theater-Directrice kommt mit Nadel und Zwirn gelaufen und benäht den Bösewicht ebenfalls mit weißem Kattun, während der Director ihm die Muskeln in gigantischen Proportionen ausstopft. Kurz darauf kommt eine Schüssel voll Mehl und ein Becken voll Wasser. Der Bösewicht steckt seinen Kopf in das Wasser, dann in das Mehl, während ihm der Director Nacken und Hinterkopf bestreut und einreibt. Darauf kommt er in furchtbaren Sätzen zu unserm Wirth hereingesprungen und bittet ihn in leidenschaftlicher Gluth um seine Flinte. Er ist unwiderstehlich, bekommt das Gewehr und springt hinaus. Er pfropft einen doppelten Schuß hinein, instruirt mit funkelnden Augen alle seine Leute, die Blase-Instrumente und Sprachröhre haben, mustert den fertigen Herkules und schreitet gravitätisch an der Spitze seiner Trompeter hinaus auf die Bühne. Das Gewehr knallt, die Trompeten schmettern, die Sprachrohre brüllen. Man hört die Menge heranjauchzen. Jetzt springt Herkules hinaus und verrichtet alle imaginären Heldenthaten des griechischen Halbgottes, wie ich wenigstens aus dem Beifalljauchzen der Menge schließe.

Später sehen wir plötzlich die weiße lebendige Herkulesstatue neben dem in einen kohlpechschwarzen Russen verwandelten Director. Das Schwarze und Weiße neben einander rühte mich einerseits als gebornen Preußen, andrerseits war eine patriotische Scene zu erwarten, so daß ich mich eiligst unter die Zuschauer begab. So etwas von Jubel habe ich in meinem Leben nicht gesehen oder vernommen. Der über und über mit Mehl getränkte weiße Herkules klopfte den über und über mit Kohlenruß bestreuten Director und letzterer ersteren so aus, daß Schwarz und Weiß sich zu einem undurchsichtigen, niederträchtigen Grau mischten. Als Schwarz und Weiß der Personen wieder aus dem Gewölk sichtbar wurden, fand sich der Eine Schwarz auf Weiß, der Andere Weiß auf Schwarz so schrecklich eingerieben, daß man kaum noch unterscheiden konnte, welches die Grundfarbe gewesen. Jetzt begann der Kampf. Der ursprüngliche Schwarze lag bald niedergeschmettert. Herkules trat ihm mit dem einen Fuße auf den Kopf, mit dem andern auf einen weiter unten angebrachten Körpertheil, und schrie, die Keule schwingend: „Lady’s and Gentlemen, das ist Rußland!Mob und Mop brüllten patriotischen Beifall bis weit in die Ferne. Der Director zählte hernach eine furchtbare Masse großer Kupferstücke, welche ihm seine extemporirte patriotische Jahrmarktskunst zugeregnet hatte, mit einem Ausdrucke von Entzücken, das er der ganzen Gesellschaft aus einer großen Flasche „Gin,“ die er hatte füllen lassen, mittheilte.

Das ist ein Stück aus dem englischen Volksleben auf dem Lande, naiv, geschmacklos und gemüthlich, aber immer noch besser, als wie ich’s von meiner halben Kutschendachloge neben meinem dicken Farmer im kaiserfestlichen London sah. Dichtgeknetete, zu einem unbeweglichen, klumpigen Teige zusammen gearbeitete Massen standen halbe Tage lang still und hölzern, um endlich durch den Anblick von einigen Kutschen und Reitern und betreßten Dienern belohnt zu werden, denn die beiden französischen Majestäten im zugemachten Wagen, auf deren Anblick es Millionen ankam, waren kaum den nächsten und schärfsten Augen hinter den Kutschenwänden theilweise und auf ein paar Secunden sichtbar. Der „Mop“ hatte gleichsam das Motto: „Alles für das Volk und durch das Volk,“ selbst der Menschenhandel; der londoner „Mob“ brachte in seinem millionenfachen Eifer, sich durch den Anblick der eigenen und der fremden Majestäten ein Vergnügen zu machen, blos seine eigene Bedeutungslosigkeit und Inhaltlosigkeit zu Markte.

Der „Mop“ stellte sich als lustiger Markt für Rauf- und verkaufslustige Menschen dar, die ihren Vortheil darin fanden, sich zu verkaufen, der londoner „Mob“ sah so aus, als könnte man ihn, ohne daß er’s wollte oder nur merkte, verrathen und verkaufen.

[238]
Die Humanität in der Fabrik.

Die Humanität und die Fabrik sind zwei Dinge, die nach den bisherigen Erfahrungen nichts miteinander gemein haben. Um so überraschender wird es für unsere Leser sein, aus diesen Blättern zu vernehmen, daß auch unter dem Kohlendampfe der Fabrik die Blume der Humanität sich auf’s Herrlichste entfalten kann. Was ein Pestalozzi, ein Fellenberg, ein Wehrli für die Erziehung der nothleidenden Jugend erdacht und gethan, das hat ein basler Seidenfabrikant fortgesponnen und in seine Fabrik verpflanzt, und zwar mit einer Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit, wie man sie nur bei ausgezeichneten Menschenfreunden findet, und mit einer Umsicht und Einsicht, die Zeugniß davon ablegen, daß der hochherzige Industrielle ebenso gut von der Bestimmung des Menschen durchdrungen, als er mit den veränderten socialen Verhältnissen der Gegenwart bis in ihre dunkelsten Falten vertraut ist.

Herr Richter-Linder ist einer der größten Seidenfabrikanten Basels. Schon seit einer Reihe von Jahren hat er sich mit dem Gedanken beschäftigt, auf welche Weise der immer zunehmenden Armuth am Wirksamsten entgegengesteuert werden könne. Was hierin der Staat thut, ist überall unzureichend, während die Privatwohlthätigkeit den Einzelnen auf Augenblicke den Hunger stillen kann, ohne die Armuth zu heben. Den Hungrigen blos speisen, den Nackten blos kleiden - damit ist dem Uebel noch nicht dauernd gewehrt: es kommt vielmehr darauf an, dessen Ursache zu kennen und dieselbe zu verstopfen. Diese gründliche Methode war es, die Herr Richter-Linder bei seinem edlen Bestreben leitete. Die Zerfahrenheit in allen unsern Verhältnissen, die nothwendige Folge des Uebergangs aus teilweise naturwidrigen zu naturgemäßeren Zuständen, haben erklärlicher Weise Uebel aller Art zu Tage gefördert, welche so vielfach das Aufblühen gedeihlicher Volkswohlfahrt im Keime ersticken mußten. Dieselben bestehen nach Herrn Richter-Linders Ansicht hauptsächlich in Trägheit, Gleichgültigkeit, Mangel an haushälterischem Sinn und Unkenntniß in der Führung eines Hauswesens. Freilich, wo solche Uebel bereits zur langen Macht der Gewohnheit herangewachsen sind und sich in Blut und Mark festgesetzt haben, da ist in der Regel wenig mehr dagegen auszurichten. Wehre man dagegen bei Zeiten jener bösen Macht, damit die verderblichsten Untugenden und die schlimmsten Laster nicht unsere nächsten Blutsverwandten werden. Herr Richter-Linder sah daher wohl ein, daß er sein Heilwerk bei der Jugend und zwar hauptsächlich bei dem weiblichen Geschlechte zu beginnen habe.

So entschloß er sich, für arme, verwaiste, verwahrloste oder sonst der Noth und dem Elend anheim gefallene Mädchen von 12 bis 15 Jahren sein Haus zu öffnen, dieselben durch eine Lehrerfamilie unterrichten und erziehen zu lassen; sie aber hauptsächlich an emsiges Arbeiten, Reinlichkeit, Ordnung und Sparsamkeit zu gewöhnen und sonach dieselben einer glücklichen Zukunft entgegenzuführen.

Daß die Richter’sche Erziehungs-Fabrik – welchen Ausdruck man buchstäblich und nicht bildlich zu nehmen bittet - nicht für die ganze Welt eröffnet sein konnte, versteht sich von selbst; um segensreich zu wirken, mußte sie sich einen gewissen Umkreis ziehen und sich an gewisse Grenzen halten. Sie hat ihre Begünstigung zunächst auf die Armen des benachbarten Kantons Baselland beschränkt und das dortige Armeninspektorat ersucht, die ärmsten und einer wahrhaft väterlichen Erziehung bedürftigsten Mädchen ausfindig zu machen, um sie in der Erziehungs-Fabrik unterbringen zu können. Der genannte Kanton hat in Betreff des Armenwesens 1853 auch ein Gesetz erlassen, das den humanen Bestrebungen des Herrn Richter-Linder recht gut zu Statten kommt. Dasselbe setzt fest, daß Aeltern, welche ihre Kinder beharrlich

1) vom Besuche der Schule abhalten oder dazu nicht anhalten,
2) zu schlechten Handlungen antreiben oder wissentlich solche dulden
3) dem Bettel nachziehen lassen,
4) körperlich und sittlich verkümmern lassen, überhaupt die Erziehung derselben auffallend vernachlässigen – das Recht zur Erziehung ihrer Kinder verlieren und daß letztere können den Aeltern weggenommen werden.


Ein ähnliches Gesetz existirt bis jetzt noch in keinem Kanton der Schweiz und kaum in einem andern Staate.

Die Erziehungsanstalt in der Richter’schen Fabrik wurde vom 1. April 1853 mit 30 Pfleglingen eröffnet und seither von Monat zu Monat so erweitert, daß sie gegenwärtig 120 Mädchen zählt.

Machen wir derselben einen kurzen Besuch!

Wandert man zum Riehenthor hinaus aus Basel, so fällt der Blick zunächst auf die vielen und großen Gebäulichkeiten des badischen Bahnhofs, der hart an die hiesige Stadtmauer gebaut ist. Die Lokomotive, die seit einigen Monaten die deutschen Reisenden bis nach Basel bringt, hat dem östlichen Theil der Stadt neues Leben eingehaucht. Außerhalb des geräuschvollen badischen Bahnhofs weht uns aus dem freundlichen Wiesenthal die Luft ländlichen Stilllebens entgegen. Wir gehen den Fußweg am Wiesenteich entlang. Schon nach einigen Minuten schaut uns ein stattliches Fabrikgebäude entgegen: es ist die Anstalt des Herrn Richter-Linder. Nachdem wir etwa eine Viertelstunde gewandert sind, haben wir dieselbe erreicht. Sie liegt hart an dem Wiesenteich, mitten in grünen Wiesen, im Hintergrund von einem Wäldchen begrenzt, hinter welchem die Vorberge des Schwarzwaldes in mannigfaltigen Gruppen emporsteigen. Nach Süden hin erblickt das Auge, über die Wiesenfläche hinweg, die Schweizerberge, nach Westen hin das Häuser-Chaos der Stadt Basel, die Dörfer des fruchtbaren Elsasses, bis in weiter Ferne der blaue Höhenzug der Vogesen dem Blicke eine Grenze setzt. Von den Gebäulichkeiten der Anstalt ragt die neuerbaute Fabrik gewaltig hervor. Es ist das Arbeitshaus der Mädchen. An den durch Wasser und nöthigenfalls durch Dampf getriebenen Maschinen lernen sie Seide putzen, doppeln, zwirnen, hatteln, winden u. s. w. Wöchentlich gehen wohl zwei Centner durch ihre Hände. Ebenen Fußes befindet sich das Schulzimmer und der Speisesaal, groß genug, um die 120 Zöglinge und die Angestellten bequem an dem Tische zu speisen. Zwölf Kühe, die Herr Richter in dem Oekonomiegebäude der Anstalt hält, liefern den Mädchen gesunde und nahrhafte Milchkost, große Vorräthe von Kartoffeln, Erbsen, Reis u. s. w. sind vorhanden, ein eigener Bäcker ist angestellt und aus der Stadt gehen wöchentlich zwei große Sendungen Fleisch in die Anstalt. Die Küche in der Nähe des Speisesaales ist auf das Trefflichste eingerichtet, – vermittelst eines Dampfapparates werden die Speisen gekocht. Daneben befindet sich das Waschhaus, gegenüber die Stube des Schusters und der Nähterin. Eine Badeanstalt ist ebenfalls über dem Teiche angebracht. Einige Schritte weiter steht das Wohnhaus, welches neben der Wohnung der Hausältern die Bäckerei und Schlafsäle umfaßt, wo je unter Aufsicht einer erwachsenen Person die Kinder meist einzeln, doch auch selbander schlafen. Einige Schritte weiter stehen Oekonomiegebäude, vorn an der Straße mit Scheunen und Stallungen das stattliche Haus des Lehnmannes.

Die Zöglinge der Anstalt sind, wie gesagt, in der Regel aus Baselland. Sie haben sich zu einem dreijährigen Bleiben in der Anstalt zu verpflichten, während welcher Zeit Herr Richter „dafür sorgen will, daß sie zu allem Guten angehalten und erzogen, besonders an Ordnung, Reinlichkeit und Fleiß gewöhnt werden.“ In der Fabrik werden sie unter Anleitung eines Webermeisters und mehrerer erwachsener Personen mit Seidenarbeit beschäftigt und wird vor allen Dingen darauf gehalten, daß sie in einem Berufe, der ihnen in dem industriereichen Basel und seiner Umgebung stets ein reichliches Auskommen gewährt, eine gewisse Tüchtigkeit erlangen. Ueberdis werden die Zöglinge zu häuslichen Arbeiten aller Art angeleitet; sie haben Ordnung zu halten in Speise- und Arbeitssälen, Schlafzimmern und Küche, Haus und Hof. Täglich wird ihnen Unterricht im Stricken und Flicken ertheilt. Wöchentlich erhalten sie sechs Stunden Schulunterricht und ein Geistlicher ertheilt außerdem den gesetzlichen Religions- und Confirmations-Unterricht. Beständig stehen sie unter Aufsicht und jeder Augenblick wird benutzt, um anziehend auf sie einzuwirken. Außer freier Wohnung, Wäsche, ärztlicher Hülfe, Unterricht und Erziehung erhält jeder Pflegling ohne Ausnahme nach Verlauf von drei Jahren noch die Summe von 300 Franken, wovon ihm einzig noch die Ausgaben für Kleidung, welche durchschnittlich 100 Franken [239] nicht übersteigen, abgezogen werden. Somit hätte das Kind nach Verfluß seines dreijährigen Aufenthalts in der Anstalt schon ein kleines Vermögen erworben, das ihm zum Sporn für Fleiß und Sparsamkeit dienen wird.

Außerdem kann es sich durch Wohlverhalten und ausdauernden Fleiß nebenbei noch ein hübsches Sümmchen erwerben. Es werden nämlich, um Emsigkeit und Arbeitstreue zu befördern, monatlich Prämien von 1 bis 5 Thlr. pro Kopf vertheilt und zur Verfügung der Zöglinge gestellt. Dadurch werden sie in den Stand gesetzt, den Pflichten gegen ihre bedürftigen Aeltern oder Verwandte nachzukommen, indem sie denselben von Zeit zu Zeit eine kleine Unterstützung verabfolgen dürfen. Auch ist ihnen gestattet, sich selber daraus etwas Nützliches anzuschaffen, sei es ein Kleidungsstück oder etwas zu ihrem Vergnügen u. s. w. - Ueberhaupt ist man darauf bedacht, durch Liebe und Freundlichkeit auf die Kinder einzuwirken; man läßt sie fühlen, daß sie nicht mehr die verachteten Bettelkinder von früher sein sollen, sondern Mädchen, aus denen etwas Tüchtiges werden soll. Eine solche Erziehungsmethode hebt ihr Selbstgefühl, verleiht ihnen Muth und Strebsamkeit.

Was die Hausordnung in der Anstalt anbetrifft, so ermahnt während des Sommers Morgens fünf Uhr die Hausglocke sämmtliches Personal, das Bett zu verlassen, sich zu waschen, anzuziehen und zur Arbeit anzuschicken, welche Schlag sechs Uhr beginnt. Eine Stunde später versammelt sich Alles im Speisesaal zum Frühstück, nach welchem eine kurze Betrachtung oder ein Gebet als Morgenandacht selbst, worauf die Arbeit fortgesetzt wird, bis um 12 Uhr die Glocke zum Mittagstisch ruft. Nach dem Essen haben die Kinder eine Stunde frei, während welcher dieselben sich durch Spiele oder Gesang unterhalten. Nachmittags um 4 Uhr wird das Abendbrot ausgetheilt und um 7 Uhr geht’s zum Nachtessen, nach welchem die Abendandacht folgt. Nach derselben beginnt die Arbeitsschule, wo namentlich das so nöthige Flicken von Strümpfen und andern Kleidungsstücken gelehrt und geübt wird. Sehr häufig wird dieselbe durch Gesang, Vorlesen oder Belehrungen verschiedener Art gewürzt, bis sich um 9 Uhr Alles zur Ruhe begiebt. An schönen Abenden läßt man die Kinder die freie Natur genießen, wo sich das Auge weiden und das jugendliche Gemüth erholen kann. Ueberhaupt ist es ein nicht hoch genug anzuschlagender Vorzug der Richter’schen Anstalt, daß sie sich im Freien befindet.

Das Kind, das auf dem Lande erzogen wird, wo es den Frühling in tausend Blumen emporsprossen sieht, in der reifen Kirsche den Sommer begrüßt, bei der schwellenden Traube sich des Herbstes freut und die künstlerischen Launen selbst des Winters an den Eisgebilden des Wasserfalls und den gepuderten Bäumen des Waldes bewundert – ein solches hat sehr wesentliche Vortheile vor demjenigen, das seine Erziehung in der Stadt genießt.

Die Schulstunden der Anstalt finden im Laufe des Tages klassenweise und die Arbeiten in Küche und Haus abwechselnd statt. An Sonntagen geht die ganze Schaar der Zöglinge zur Kirche nach Basel. Wird man durch schlechte Witterung daran verhindert, so ersetzt eine religiöse Betrachtung zu Hause den öffentlichen Gottesdienst. An den Sonntagnachmittagen werden bald da-, bald dorthin kleine Ausflüge gemacht, die Stoff genug zu reichlichem Genuß aller Art bieten. Und so ist denn in der Richter’schen Anstalt für die leibliche und geistige Erziehung der armen Kinder im Sinne ächter Humanität auf jede mögliche Weise gesorgt; sie ist eine Rettungsanstalt in der vollen Bedeutung dieses Ausdruckes.

Zu diesen hohen Wohlthaten der Armenerziehung hat sich Herr Richter-Linder in einen förmlichen Vertrag, der für jedes Kind geschlossen wird, verpflichtet. Dagegen muß sich jedes Kind, wie oben bemerkt, zu einem dreijährigen Aufenthalt in der Anstalt verpflichten. Wie steht’s nun mit dem Halten der Bedingungen? Der letzte Bericht des basellandschaftlichen Armenvereins bemerkt ausdrücklich, daß Herr Richter fast in allen Punkten weit über sein Versprechen hinausgeht, abgesehen davon, daß die wenigsten Kinder die vertragsmäßige doppelte Bekleidung, wohl aber dafür sehr viele Untugenden, wie Krätze, Flechten u. s. w., die von einem unordentlichen, verwahrlosten Lebenswandel herrühren, in die Anstalt hineinschleppen und damit ihre Mitschüler oft vertreiben. Mitunter hat die Anstalt auch zu kämpfen gegen die schädlichen Einwirkungen schlechter Aeltern und Verwandten, bei Besuch der Kinder, die ihrer Obhut entrissen worden sind. Auch dauert es oft lange, bis ein solches armes Geschöpf, das früher arbeitslos in der fernen Welt herum vagirte, sich an Arbeit und Ordnung gewöhnt hat. Sollte aber das Eine oder Andere seinen jetzigen vollgedeckten Tisch mit dem früher gewöhnten Bettelbrot, sein reinliches warmes Bett mit dem frühern Lager in Scheune oder Stall und sein anständiges Kleid mit den frühern Lumpen vertauschen oder wieder zu seinen unordentlichen Aeltern zurückkehren wollen – so ist durch das basellandschaftliche Armengesetz dafür gesorgt, daß der Flüchtling polizeilich seinem Besserungsorte wieder zurückgebracht wird.

Da die Anstalt erst vor kurzer Zeit in’s Leben getreten ist, so kann von einem Erfolg im Großen noch nicht die Rede sein. Indeß sind die bisherigen Erfahrungen größtentheils erfreulicher Art. Das unordentliche Wesen, das einem Mädchen doppelt übel ansteht, verliert sich in der Erziehungs-Fabrik bald; in der Regel finden die Kinder Gefallen an der geordneten Lebensweise und kommen immer mehr zu den häuslichen Tugenden zurück. Manches kommt auch bei der Vergleichung seines frühern Elendes aus dem jetzigen Zustande von selbst dazu, seine Freude (besonders über die guten Betten) und seinen Dank auszusprechen. Und das ist wahrlich nichts Geringes, wenn man bedenkt, daß die Mehrzahl so eigentlich aus den kläglichsten Verhältnissen herausgerissen, zum großen Theil geradezu vom Gassenbettel weggenommen worden ist und oft in einem schrecklichen Zustande der Verwahrlosung an Leib und Seele sich eingestellt hat. Wer die Richter’sche Fabrik besucht, wird sich über das muntere, heiter, gesunde Aussehen der Kinder gewiß innigst freuen und die Ueberzeugung mit sich fortnehmen: sie sind versorgt an Leib und Seele!

Die Grundregel aller Erziehung ist auch hier zur Basis genommen: Gewöhnung zum Guten, damit Kräftigung des Willens, Hebung des Ehr- und Selbstgefühls bei allseitiger Bildung der geistigen und körperlichen Kräfte, schließlich mit specieller Rücksicht auf den künftigen Beruf. Insbesondere mag – wie dies der oben angeführte Bericht andeutet – die Verwirklichung der Ideen des Herrn Richter nach zwei Seiten hin von großer Bedeutung sein. Einerseits übernimmt hier der Fabrikant mehr als blos die Sorge für das tägliche Brot der Arbeiter. Zwar geschieht das auch in vielen andern Häusern und oft in sehr bedeutendem Maße, allein mehr auf dem Wege wohlthätiger Unterstützung, während es hier in den Geschäftsgang förmlich aufgenommen ist. Andererseits ist hier die Frage der Anstalt nach Erwerbung an Subsistenzmitteln von einer anderen Seite angefaßt als es gewöhnlich geschieht. Während sonst ähnliche Anstalten die Erziehung als Erstes voransetzen und noch so viel Arbeit (an Industrie oder Landwirthschaft) hinzufügen, als möglich, geht Herr Richter nun vom Momente der Arbeit aus, und will, sofern die Subsistenz gesichert ist, durch die Arbeit üben und dieselbe hierauf in Schule und allerlei Belehrung, so viel die gewöhnliche Erziehung fordert, hereinziehen.

Die Idee, welche dem Unternehmen des Herrn Richter zu Grunde liegt, verdient in hohem Grade die Beachtung der Industriellen. Herr Richter möchte nämlich, so viel an ihm liegt, durch seine Anstalt jenem nur allzu häufig vorkommenden Uebelstande begegnen, der sich darin zeigt, daß gewesene Fabrikarbeiterinnen so selten im Stande sind, als Hausfrauen und Hausmütter ihre Stelle auszufüllen, aus dem Grunde nicht, weil das Fabrikleben und die Fabrikarbeit nur in sehr unvollkommener Weise für das häusliche Leben und die Fuhrung eines Hauswesens vorbereitet. Mag seine hochherzige Idee die verdiente Nachahmung finden!

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Blätter und Blüthen.

Die letzten Stunden berühmter Menschen. „Sterben ist ein philosophischer Akt,“ sagte Friedrich Schlegel in der Zeit, als er noch in voller Jugendkraft mit seinem Bruder Wilhelm gegen die Vorurtheile der Welt ankämpfte. Viele werden freilich auch jetzt noch dagegen opponiren und behaupten, es sein ein religiöser Akt. Jedenfalls wird man indessen nicht in Abrede stellen können, daß es vor Allem ein natürlicher Akt ist, und daß man Unrecht hat, ihm mit solchen Schrecken zu umgeben, wie es vielfach die Fanatiker des Pietismus gethan haben. Der Tod ist der letzte Tribut, den wir der Natur abzutragen haben, und geistig starke Menschen haben ihn fast durchweg mit der größten Seelenruhe ertragen. Der Gleichmuth, mit dem die philosophisch gebildeten Menschen des Alterthums dem Tod in’s Auge sahen oder wie sie ihn selbst herbeiführten, wenn die Umstände dies erforderten, ist wahrlich nicht geringer zu schätzen, als die Begeisterung, mit der die Christen ihre Seelen Gott oder ihrem Heilande empfahlen, oder die an Unsinn grenzende Glut, mit den die Anhänger Mohamed’s ihrem Paradiese zueilten.

In den letzten Stunden, welche kräftige Menschen durchleben, faßt sich gewöhnlich ihre Geisteskraft noch einmal in ihrer ganzen Energie zusammen, und sie sprechen Worte aus, die als das Stichwort ihres ganzen Lebens zu betrachten sind. Ebenso ist der Abschied vom Leben für die schwankenden, wie für die heuchlerischen und lügenhaften Charaktere häufig ein Prüfstein, der ihre Schwächen und ihre Hohlheit offen zu Tage legt. Vor dem Tode vermögen nur Wenige ihre Schlechtigkeit zu verbergen, und wenn sie auch bis dahin ihr Leben in lauter Trug und Lüge verbracht haben, so bekennen sie in ihrer letzten Stunde, was sie an der Menschheit gesündigt haben, denn nur, wer kräftig und wahr gelebt habt, kann auch die Kraft besitzen, dem Tod muthig in’s Auge zu sehen. Am Kräftigsten haben sich in dieser Beziehung stets die Gelehrten, Dichter und Künstler der neuern Zeit bewiesen, und ihre letzten Stunden liefern daher ebenso wie ihr Leben und Wirken den Beweis, daß das Wissen und die freie Erkenntniß den Menschen am Freiesten macht und daher das höchste Ziel seines Strebens zu bilden hat.

Es ist interessant, eine Vergleichung dieser Erscheinung mit andern zusammen zu stellen, und ich will daher versuchen, einige Zeugnisse darüber mitzutheilen.

Als Alfieri seinem Ende nahte, glaubte er einen Priester zu sehen und bat ihn, ein anderes Mal wiederzukommen. Als darauf am nächsten Morgen wirklich ein Priester erschien, sagte er zu seiner Umgebung, sie möge die Gräfin Albany rufen, er habe dieser noch etwas zu sagen und nur noch wenige Augenblicke zu leben. Als die Gräfin kam, rief er ihr zu „Reiche mir die Hand, theure Freundin, ich sterbe!“ – Damit war er todt. – Als der Mathematiker de Lagny schon halb bewußtlos auf dem Todtenbette lag, wollte einer seiner Freunde versuchen, ob er noch die Kraft habe, sich aufzuraffen und fragte ihn nach der Quadratzahl von 12. – „144,“ rief der Mathematiker und starb. – Der französische Grammatiker Bonhours starb mit den Worten: „Je vas ou je vais mourir,“ man kann beides sagen. – Als Malherbes im Sterben lag, rief er seiner Wärterin zu, sie möge nicht so viel Sprachfehler machen, und als sein Beichtvater ihm von dem ewigen Leben sprach, sagte er zu ihm: „Haltet Euren Mund. Wenn Ihr in so schlechtem Französisch von dem ewigen Leben sprecht, kann ich nicht daran denken.“

La Mothe le Vayer, einer der eifrigsten Ethnographen seiner Zeit, rief seinem Freunde Berrier, einem berühmten Reisenden, als dieser an sein Bett trat, zu: „Nun, mein Freund, was giebt’s Neues vom Großmogul?“ und starb. – Als der berühmte Satyriker Scarron im Sterben lag, sagte er zu den Umstehenden, zu denen auch seine ehemalige Frau, Madame de Maintenon, die Maitresse Ludwig’s XIV. gehörte: „Ihr könnt nicht so viel um mich weinen, lieben Kinder, als ich Euch lachen gemacht habe!“ – Als man Pope damit trösten wollte, daß so viel Symptome zu seiner Besserung vorhanden seinen, rief er aus: „Ja, ich sterbe an Euren hundert guten Symptomen!“ – Als Rousseau im Sterben lag, rief er seiner Frau zu, sie möge das Fenster öffnen, damit er das herrliche Naturschauspiel genießen könne. – Goethe starb mit den schönen vielbedeutenden Worten: „Mehr Licht!“ Newton starb, indem er seine Uhr aufzog und der schweizer Naturforscher von Haller sagte, indem er sterbend seinen Puls befühlte: „Die Arterie hört auf zu schlagen.“ – Klopstock recitirte in seinen letzten Augenblicken die Verse über den Tod der Maria aus seiner Messiade.

Beethoven sang, als es mit ihm zu Ende ging, die Verse aus seiner Hymne an die Freude: „Brüder, über’m Sternenzelt muß ein guter Vater wohnen.“ – Mozart ließ sich von seiner Tochter die Hymne der Maria aus seinem Requiem vorspielen, und hauchte mit deren letzten Tönen auch seinen Geist aus. – Haydn lag gerade im Sterben, als die Franzosen Wien bombardirten und dicht bei seinem Hause in Schönbrunn 1500 Kanonenschüsse abfeuerten. Seine beiden Diener waren voll Angst. „Was fürchtet Ihr Euch?“ rief der alte Mann aus. „Wo Haydn weilt, kann kein Unglück geschehen.“ Dann sang er: Gott erhalte Franz den Kaiser, und verschied. – Frau von Staël sagte sterbend zu Chateaubriand: „Ich habe Gott, meinem Vater und meinem Vaterlande gedient.“ – Die berühmte Frau Roland schrieb im Gefängnisse, als sie zum Tode verurtheilt war, noch ihre Memoiren, und als sie auf dem Schaffott stand, sagte sie: „Freiheit, wie viel Verbrechen werden in deinem Namen begangen!“ –

Als Thomas Morus das Schaffot bestiegen hatte, sagte er lächelnd zu seinen Begleitern: „Ich danke Euch dafür, daß ich so gut heraufgekommen bin, wie ich herunterkomme, dafür laßt mich nur selbst sorgen.“ - Walter Raleigh, der berühmte Seefahrer, den Jacob II. zum Tode verurtheilen ließ, nachdem er ihn 12 Jahre im Tower gefangen gehalten, nahm auf dem Schaffott die Axt des Scharfrichters in die Hand und sagte: „Das ist eine scharfe Medicin, die für alle Uebel gut ist.“ Als man ihn fragte, ob er sein Haupt selbst auf den Block legen wolle, erwiederte er: „Wenn das Herz recht ist, ist es gleich, wo der Kopf liegt.“ Dann gab er selbst das Zeichen zu dem Todesstreich.

Auch Karl I. starb nicht ohne Muth. „Ich fürchte den Tod nicht“, sagte er, „er hat für mich nichts Schreckliches.“ - König Friedrich von Dänemark rief in seinen letzten Augenblicken aus: „Es ist ein großer Trost für mich in meiner letzten Stunde, daß ich wissentlich Niemand beleidigt habe und daß kein Tropfen Blut an meinen Händen klebt." – Nicht die kräftigste Rolle in der Sterbestunde spielen die Kardinäle, welche zu weltlicher Macht gelangt sind. Als der Kardinal Beaufort starb, den man beschuldigte, den Herzog von Gloucester ermordet zu haben, rief er aus: „Muß ich denn sterben, können alle Reichthümer mich nicht retten, läßt sich der Tod nicht bestechen?“ – Als Kardinal Wolsey seinen Tod nahen fühlte, sagte er: „Wenn ich Gott so gut gedient hätte, wie dem Könige, würde mich dieser nicht im Alter preisgegeben haben. Mir gechieht Recht. Master Kingston,“ rief er sodann dem Gouverneur des Tower zu, „sagt dem Könige, ich beschwöre ihn in Gottes Namen, daß er die verderbliche Sekte der Lutheraner ausrotte.“ Dann sprach er von den Hussiten und von Wiclef. Seine Augen flammten. „Wenn der König die Ketzerei duldet,“ rief er, „so wird Gott ihm die Krone nehmen, Unheil wird auf Unheil folgen und das Land zu Grunde gehen. Vergeßt es nicht, ihm das zu sagen. Wenn ich todt bin, wird er meine Worte besser beherzigen.“ –Der Kardinal Mazarin sagte sterbend: „O meine arme Seele, was wird aus dir werden, wohin wirst du gehen?“ – Auch die Königin Elisabeth starb sehr verzagt. „All’ meine Besitzthümer gäbe ich für einen Augenblick Zeit,“ rief sie aus. – Als die Herzogin von Nottingham, die daran schuld war, daß der Graf Essex sich nicht mehr an die Königin wenden konnte, im Sterben lag, hatte Elisabeth die Graumsamkeit, ihr zu sagen: „Gott mag Euch vergeben, ich kann es nicht.“ – Als Tasso, dessen Geisteskräfte durch Wahnsinn gebrochen waren, im Sterben lag, sagte er zu dem Kardinal Cynthia, er möge alle seine Werke verbrennen, besonders aber das befreite Jerusalem.

Die meisten bedeutenden Staatsmänner und Kriegshelden der neuern Zeit sind muthig und selbstbewußt gestorben. – „Sagt Collingwood, er soll die Flotte vor Anker gehen lassen,“ waren Nelsons letzte Worte. – Napoleon rief sterbend aus: „Tête d’armée!“ – Friedrich der Große, als er sich an seinem Lebensende im Garten von Sans-souci sonnte, sagte, indem er in die Sonne blickte: „Bald werde ich dir näher sein!“ – Jefferson’s letzte Worte, die er gerade fünfzig Jahre nach der Unabhängigkeitserklärung aussprach, waren: „Ich vermache meine Seele Gott und meine Tochter meinem Vaterlande.“ – John Adams starb mit den schönen Worten: „Unabhängigkeit für immer!“ –Washington schied mit den Worten: „Es ist wohlgethan.“ – Als vor einigen Wochen Lammenais starb, erzählten die Zeitungen, daß er in der letzten Stunde jeden Beistand abgelehnt und verordnet habe, daß sein Leichenbegängniß nicht anders als das des ärmsten Mannes sein sollte. Und so geschah es auch. Aber Tausende hatten sich versammelt, ihm das letzte Geleit zu geben. Die Polizei hielt sie zurück, und Gensd’armen trugen den am Freiesten gesinnten Mann Frankreichs zu Grabe! Eine brennende Satire auf die jetzigen Zustände Frankreichs.




Literarisches. Auch Alfred Meißner ist unter die Novellisten gegangen und wird nächstens einen zweibändigen Roman: Der Pfarrer von Grafenried, eine deutsche Lebensgeschichte, veröffentlichen. Bei Meißner’s glänzendem Style läßt sich wenigstens nach dieser Richtung hin schon etwas Gutes erwarten. Von Ida von Düringsfeld erscheint nächstens: Clotilde, die Geschichte zweier Herzen, und von Emma Niendorf, ein Buch über London – wahrscheinlich, um einem längst gefühlten Bedürfniß abzuhelfen.




Allgemeiner Briefkasten.

H. G. in Kiel. Danken sehr, können aber weder von der Prosa noch von der Poesie Gebrauch machen.

S. in Laibach. Sie wünschen, daß die Gartenlaube zwei Mal wöchentlich erscheinen und bei erhöhtem Preise noch mehr Text als bisher liefern möge. Sie glauben damit den Wunsch vieler unserer Leser auszusprechen. Allerdings häuft sich der interessante Stoff in so großer Menge, daß wir ihn kaum noch bewältigen können. Doch hat in dieser Frage das Publikum eine Hauptstimme.

Der Leserin in Curland. Ihrem Wunsche sind wir bereits durch die Karte der Krim in Nr. 12 nachgekommen.

Br. in S–n. Der „Birnbaum,“ sehr hübsch, aber viel zu lang.


Im Verlage des Magazins für Literatur ist erschienen:

Wasser thuts freilich.
von J. H. Rausse..
Naturgemäße Krankheits- und Heilungslehre.
Vierte Aufl. 2 Thle. geh. 1 Thlr.

  1. Halloh, mein lieber Franzose, wie geht’s Ihnen nun?
  2. „Mob“ der gemeine Haufe des Volks; „Mop“ (wörtlich „Wisch- oder Scheuerlappen“) der Gesinde-Jahrmarkt, wie wir ihn hier schildern werden.