Die Gartenlaube (1858)/Heft 17

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum: 1858
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[229]

No. 17. 1858.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.



Iffland.
Biographische Novelle von A. v. Sternberg.
(Fortsetzung.)

Hier machte sich eine Bewegung unter den Dreien bemerklich, sie flüsterten unter einander und endlich trat der, der sich des Armes der jungen Schauspielerin bemächtigt hatte, hervor und nahm in einem spottenden Tone das Wort:

„General sind Sie, mein Herr? Darf ich fragen, von wem Sie Ihre Epauletten bekommen haben?“

„Von wem –? Vom Könige, mein Herr. Sie scheinen daran zu zweifeln?“

„Und mit Recht.“

„Ei warum?“

„Weil es die Epauletten eines Komödianten sind.“

„Eines Komödianten?“

„Spielen Sie nur immerhin Ihre Rolle, wir kennen uns! Hahaha.“

„Ich habe nicht die Ehre.“

„Sehn Sie, lieber Graf, bemerken Sie, lieber Baron, wie dieser Possenreißer sich gut verstellen kann – hahaha.“

„Possenreißer?“

„Diese junge Dame hat mir bereits vertraut, wo sie eben herkommt; ich kann mir denken, mein Herr, Sie sind uns nachgegangen, um eins Ihrer alten Späßchen an mir zu üben.“

„Eins meiner alten Späßchen? Herr, ich bitte um Erklärung. Sind Sie verrückt oder wollen Sie mich verrückt machen?“

„Still, das findet sich.“

„Was findet sich?“

„Hahaha!“

„Meine Damen, wir wollen gehen! Es scheint, diese Herren sind von einem allzu reichlichen Mittagsmahle aufgestanden und sind in einer mehr als heitern Laune.“

„Nicht von der Stelle! Die Damen werden so gefällig sein, zu warten, bis ich diesem betrunkenen Droschkenkutscher die Wahrheit gesagt habe.“

„Das geht zu weit. Ich, der General Xavier, den der Hof, den die Stadt kennt, ein betrunkener Droschkenkutscher, ein Komödiant, ein Possenreißer! Herr, wer sind Sie?“

„Graf Sylchon, Ihnen zu dienen.“

„Wie, wenn ich Sie für einen Possenreißer halte? denn wenn Sie sind, wofür Sie sich ausgeben, würden Sie als Mann von Ehre Niemand beleidigen, der Sie nicht beleidigt hat.“

„Bravo, Herr Komödiant! Gut gespielt! Ich klatsche Beifall!“

„Herr, Sie sind ein Nichtswürdiger!“

„Teufel, wenn Sie wirklich General wären, so müßten Sie sich mit mir schlagen!“

„Ich stehe zu Diensten, wenn Sie wirklich Graf sind!“

„Hier der Baron Welten und der Graf Bolton kennen mich.“

„Und mich kennen diese Damen.“

„Genug der Worte, wir finden uns; gestatten Sie mir, Ihnen meine Karte zu geben, und jetzt leben Sie wohl, Herr Iffland!“

Er machte den Damen eine flüchtige Verbeugung und bog mit seinen zwei Gefährten in einen Seitengang. Der General brach in lautes Lachen aus, in das die Präsidentin einstimmte.

„Iffland!“ rief er, „also für den hält er mich! So erfahre ich denn selbst, daß es wahr ist, daß ich Aehnlichkeit mit diesem berühmten Manne habe. Aber was wollte er mit dem betrunkenen Droschkenkutscher?“

„Das kann ich Ihnen erklären,“ nahm die Präsidentin das Wort und erzählte ihrem Begleiter die bekannte Anekdote, auf die sich nun der General auch besann.

„Gleichwohl werde ich mich mit dem jungen Unbesonnenen schlagen müssen, denn seine Keckheit bedarf der Züchtigung.“

„Wir wären untröstlich,“ rief die Präsidentin, „wenn wir die Ursache wären, daß sich ein eben so zweckloser als gehässiger Streit entspinnt. Mein Rath wäre, den jungen Mann seiner Wege gehen zu lassen und das ganze Abenteuer als ungeschehen zu betrachten.“

„Ist dies auch Ihre Ansicht, mein Fräulein?“ fragte der General Sophie.

„Gewiß,“ erwiderte diese leicht hin, „Sie dürfen sich nicht in Gefahr begeben.“

„Mein schönes Kind, diese Worte rühren mich. Also Sie sind bange für mein Leben?“ Er erfaßte die Hand Sophiens und drückte sie leise. „Wie beseligend ist es, auf gefühlvolle Herzen zu stoßen!“

Sophie erröthete, aber sie besaß den richtigen Takt, ihren Arm ohne Ziererei in dem des Generals zu lassen.

„Darf ich Sie wiedersehen, liebes, gefühlvolles, gutes Mädchen?“ fragte er leise und versuchte nochmals, ihre Hand zu erfassen.

Man war an dem Hause der Präsidentin angelangt. Beim Abschiednehmen lud sie den, dem sie Dank schuldig zu sein glaubte, ein, sie zu besuchen. Mit einem lächelnden Blicke auf Sophien nahm der höfliche Begleiter die Einladung an. Sophie und ihre [230] Beschützerin stiegen die Treppe hinauf; der General blieb unten und indem er Jenen nachsah, sagte er lächelnd für sich:

„Sieh da, ein allerliebster Ersatz für meine kleine ungetreue Leontine.“

Ein paar Schritte weiter gehend, begegnete ihm Fellmer, jener herumtreiberische frühere Schauspieler, den der Leser bereits kennen gelernt hat. Er grüßte seinen vornehmen Gönner mit großer Unterwürfigkeit. Der General rief ihn zu sich heran.

„Hm, wie gehts, alter Bursche?“

„Excellenz zu Befehl, ganz wohl.“

„Er schleicht noch immer herum und fängt Mäuse für vornehme zahnlose alte Kater?“

„Excellenz haben mir lange keinen Auftrag gegeben.“

„Unverschämter! gehöre ich etwa –“

„O, nichts als ein submisses Eingehen auf gnädige Scherze,“ erwiderte Fellmer und machte eine tiefe Verbeugung.

„Hat Er die junge Dame bemerkt, mit der ich eben die Straße herunter kam?“

„Hab’s, Excellenz.“

„Kennt Er sie?“

„Noch nicht.“

„So such’ Er sie kennen zu lernen und bringe Er mir morgen, nach der Parade, Rapport; ich werde im Kastanienwäldchen auf Ihn warten.“

„Werde nicht ermangeln.“

„Jetzt fort, bei Seite! Ich sehe den Wagen meiner Braut herankommen.“

„Die Excellenz, die Gräfin Wellenthal neben der Excellenz, der Frau Ministerin,“ schmunzelte Fellmer, indem er auf die andere Seite der Straße schlüpfte und vor einem Bilderladen stehen blieb.

Der Wagen hielt an und der General, nachdem er einige Worte mit den darinsitzenden Damen gewechselt, stieg ein und der Wagen rollte der Wilhelmsstraße zu, in der die Ministerin wohnte.

Fellmer schlich sich in das Haus der Präsidentin, dessen Portier er kannte.




V.

Am Vorabend des Benefiztages fuhr eine leichtgebaute Chaise, in der zwei Herren saßen, den Weg dahin zum Oberforstamte zu Wilhelmsfelde. Es war in den warmen Mittagsstunden, trotzdem aber hatte sich einer der Herren in einen Pelz gehüllt und mit einer Mütze bedeckt, während sein Gesellschafter mit einem leichten Mantel bekleidet war, der, halb von seinem Nacken herabgleitend, die breite Brust und die stolzen Schultern des kräftigen Mannes sehen ließ, zugleich saß der elegante Hut auf der Fülle der lichtbraunen Locken keck auf einer Seite. Die dunkeln Augen dieses Mannes, dem man es nicht ansah, daß er bereits weit im vorgerückten Mannesalter stand, sahen sich mit Lust in der Landschaft um und schienen die wohlbekannten Gegenstände zu begrüßen. Es war drei Uhr, als man im Forsthause anlangte.

Der Oberförster kam seinen Gästen entgegen und auf der Schwelle des Hauses stand die Frau Oberförsterin mit zwei Töchtern. Iffland und der Collaborator Roland, denn dieses waren die Reisenden, stiegen aus und Iffland warf sich in die Arme des Oberförsters. Der Collaborator bat, man möchte ihm erlauben, erst in der Stube seinen Pelz abzulegen, da er die noch immer rauhe Luft scheue. Die beiden Mädchen nahmen den ängstlichen Mann in ihre Mitte, führten ihn in das große Besuchzimmer und nahmen ihm hier vorsichtig die Winterbekleidung ab; ein kleines Jäckchen, leicht gefüttert, behielt er jedoch an, da, wie er sagte, man in dieser Zeit gewöhnlich aufhöre zu heizen und daher die Zimmer oft empfindlich kühl seien.

Der Oberförster, der bereits dreißig Jahre dieses Amt bekleidete, war ein Mann von altem Schrot und Korn, von einfachen Sitten und mit einer Physiognomie, die Ehrlichkeit und Herzensgüte ausdrückte. Sein bereits völlig ergrautes Haar trug er zurückgekämmt und mit einem Hornkamme im Nacken festgehalten; die Eheliebste dieses Ehrenmannes war eine noch ganz wohlerhaltene, hübsche Matrone in einem ländlichen einfachen Putze. Die Kaffeekanne stand auf dem Tische und eben aus dem Ofen gekommenes Backwerk dampfte in einer Porzellanschüssel. Der Fußboden des Zimmers war mit Sand bestreut und die Vorhänge des Fensters blendend weiß. Die Fenster standen offen und gestatteten einen Blick in den bereits ziemlich grünen Wald.

„Alter Bruder,“ rief Iffland, nachdem die ersten Fragen und Begrüßungen vorbei waren, „ich komme, Dich zu morgen in’s Schauspiel einzuladen. Der arme geplagte Mann, der Iffland, hat sein Benefiz; ich hoffe, Du wirst dem armen Teufel den Trost Deiner Gegenwart nicht versagen.“

Der Oberförster sah seine Frau an und Beide nickten und sagten mit einem freundlichen Lächeln:

„Wir werden kommen.“

„Herr Collaborator, eine Pfeife echten Knasters, wenn’s beliebt,“ sagte der Alte zu dem Gaste, der beschäftigt war, eins der Fenster zu schließen.

„Ich rauche nicht, lieber Herr.“

„Sie rauchen nicht? Ei, wer nicht liebt Wein, Tabak und Gesang, der bleibt ein Thor sein Lebenlang,“ sagte der Alte und setzte darauf hinzu: „Sie bemerken wohl, ich habe das Lied verändert, statt Weiber nehme ich Tabak, und das thue ich meiner Alten zum Verdruß, die den Tabak nicht leiden mag.“

„Weil er die Vorhänge schwärzt,“ erklärte die Oberförsterin, die dem Collaborator einen freundlichen Blick zusandte.

„Uebrigens, wenn Dr. Luther den Tabak gekannt hätte, wer weiß, ob er nicht selbst das Lied so gedichtet hätte, wie ich es singe,“ gab der Oberförster noch zum Besten und sah sich schalkhaft dabei das weibliche Personal seines Hausstandes an.

„Sicherlich nicht, alter Freund,“ erwiderte Iffland, der eine kurze Thonpfeife genommen hatte und diese ziemlich ungeschickt handhabte, denn er war auch kein Raucher; „unser Doctor Martinus hatte an seiner Bora die Frauen von einer Seite kennen gelernt, die ihn lehrte, sie dem besten virginischen Kraute, wenn er es auch gekannt und geliebt, weit vorzuziehen.“

„Nun, es war auch nur Scherz,“ begütigte der Sprecher. „Was macht denn Euer Junge?“

„Er exercirt fleißig.“

„Das ist recht. Ein junger Hund will einen Knochen haben, an dem er nergelt und die Zähne übt. Das unnütze Herumwirthschaften mit Gewehr und Patronentasche ist dazu gut, daß die junge Kraft etwas zu thun hat und nicht auf Abwege geräth. So sehe ich die Sache an. Sonst ist der Soldat im Frieden eigentlich eine alberne Figur.“

„Er hat neulich wieder den ersten Preis im Scharfschützencorps erhalten,“ sagte Iffland. „Der Junge schießt, wie der Teufel.“

„Nicht wie der Teufel, lieber Director,“ verbesserte die Frau Oberförsterin, „der böse Feind ist allezeit ein erbärmlicher Schütze gewesen; er hat, wo er es auch darauf angelegt, nie in’s Ziel getroffen.“

„Was weißt Du davon, Alte,“ bemerkte der Mann, „hat Dir das unser Herr Pfarrer gesteckt, mit dem Du gestern Abend eine Partie l’Hombre spieltest?“

„Ich weiß, was ich weiß,“ erwiderte das Mütterchen schnippisch. „Aber wo ist denn Mamsell Lohmann? Hat sie keine Zeit gehabt, mit Ihnen herauszukommen?“

„Sie studirt ihre Rolle.“

„Hm!“ nahm der Oberförster das Wort, „das Mädchen ist brav, ich habe nichts gegen sie, ihr seliger Vater ist mein Jugendfreund – dennoch, ich sage es nochmals, nehme ich sie nicht zur Tochter an – denn eine Schauspielerin –“

„Nun – nun! Sprich nur aus, alter Knabe!“ brummte Iffland.

„Du bist mein Freund, August, und bist ein Ehrenmann. Alle Welt kennt Dich als solchen, von Dir also kann nicht die Rede sein. Ich spreche nur von dem Stande überhaupt. Es ist noch gar nicht so lange her, daß die Obrigkeit und die hohe Geistlichkeit sogar ein ehrliches Begräbniß einem Manne versagte, der vor den Lampen agirte.“

„Eben weil es so war, so ist es jetzt nicht mehr so und wird noch besser werden!“ rief Iffland. „Der Schauspieler ist eingetreten in die Reihe der Künstler, und ein echter Künstler soll seine Mitmenschen belehren, bessern und alles dieses, indem er sie erheitert und erfreut. Ich will nicht sagen, daß ich ein guter Schauspieler bin, es gibt bessere wie ich, und dennoch ist es mir mehr als einmal gelungen, junge Verirrte auf die Bahn der Tugend einzig durch meine Kunst zurückzuführen. Nur an ein Beispiel [231] will ich erinnern, es ist auch hier bekannt – jener junge, leichtsinnige Mann aus den vornehmen Ständen, der sich dem Spiele ergeben hatte, durch meinen „Spieler“ ist er geheilt und den Seinigen, die ihn bereits verloren gaben, wiedergegeben worden.“

„Und ich könnte noch mehr solche Exempla anführen,“ nahm der Collaborator das Wort. „Man muß alte Vorurtheile fallen lassen, wo sie nichts nützen.“

„Und nun vollends das Mädchen! Hm, hm!“ murrte der Alte. „Das hübsche junge Ding! Die lange Zeit hin, denn der Anton kann jetzt doch nicht an’s Heirathen denken; er muß seine Dienstzeit vor allen Dingen überstehen und dann – nach einem einträglichen Amte sehen.“

„Das Mädchen bleibt unterweilen in meinem Schutze.“

„Wie gesagt, es wird nichts daraus; gebt Euch nur keine Mühe.“

Die Frau stand auf, schenkte die Tasse ihres Eheherrn wieder voll und sagte dabei:

„Alter, wenn sich die jungen Leutchen nun aber lieben?“

„Ei, es liebt sich in diesen Jahren allerorts. Laßt das Mädchen von der Bühne fort und ich gebe flugs meine Einwilligung.“

„Das soll nimmermehr geschehen,“ rief Iffland hastig; „das Kind hat Talent, es wird eine brave Künstlerin werden und sie soll bleiben, wo sie ist. Das sage ich.“

Eine Pause entstand, während sämmtliche Mitglieder des kleinen Familienkreises verstimmt und Jedes seinen Gedanken nachgehend, von seinem Nachbar keine Notiz zu nehmen schien. Der Collaborator mahnte zuerst an die Heimfahrt, denn es wurde spät und Nebel stiegen auf. Iffland trennte sich von seinem alten Freunde, indem er ihm nochmals das Versprechen abnahm, morgen im Schauspiel nicht zu fehlen.

Unterwegs war von der Weigerung des Alten die Rede, seine Zustimmung zur Heirath zu geben.

„Ich erwarte viel von dem morgenden Abend,“ sagte Iffland, „wenn er, der das Theater seit undenklichen Zeiten nicht besucht hat, das Mädchen wird spielen gesehen haben, wird er andern Sinnes werden. Ich werde als sein Ebenbild auf der Bühne schon das rechte Wort finden, ihm zu Herzen zu reden. Er wird, er muß sich fügen.“

„Das gebe der Himmel.“

„Er wird es geben.“

„Ein glückliches altes Pärchen das!“ fing der Collaborator nach einer Pause an, „wie sie so still und friedlich in ihrem Waldhause beisammenwohnen! Die Vögel singen ihnen vor den Fenstern und von den grünen Zweigen weht es kühl herein.“

„Nicht wahr, das gefällt Dir, alter Hagestolz?“

„Die Medaille wird indessen auch ihre Kehrseite haben.“

„Freilich, die Kehrseite ist, daß alles Glück auf Erden keine Dauer hat. Auch unser Philemon und Baucis werden im Verlauf einiger Jahre unter dem Schatten des Dorfkirchhofs ruhen.“

„Das meine ich nicht.“

„Eine andere Kehrseite hat die Medaille nicht. Es sind ein paar kreuzbrave, alte Leute, die drei gutgeartete Kinder haben und die dreißig Jahre glücklich miteinander leben.“

„Ach!“

„Fehlt Dir etwas? Sticht’s Dir im Bein?“

„Nein. Soll’s mir denn immer im Bein stechen? Es scheint, Du hältst mich für gar nichts mehr im Leben nütze. So ganz miserabel bin ich denn auch nicht!“ – Der Collaborator schob hier seine Pelzmütze keck auf ein Ohr und munter aus seinem Pelzkragen hervorsehend, rief er plötzlich: „Ich könnte noch heirathen.“

„Alle gute Geister!“ rief Iffland und fuhr entsetzt in die Höhe.

„Ja – ja, mach’ nur Deine Possen! Ich sage, ich könnte noch heirathen, und ich will heirathen. Das Bild im Försterhause hat mich auf Gedanken gebracht.“

„Eine der Töchter des Oberförsters?“

„Nein. Wo paßte ich wohl zu diesen Mädchen? Und übrigens immer im Walde wohnen könnte ich auch nicht. Das Haus muß feucht sein! Ich glaube, in dem Winkel, wo ich saß, Schwämme bemerkt zu haben.“

„Pilze, willst Du sagen, und unter den Pilzen Molche und junge Ottern.“

„Mit Dir ist über nichts Ernstes zu sprechen.“

„Wie willst Du heirathen? Du hast ja so wenig Frauenbekanntschaften. So einsam wie Du lebst, oder vielmehr vegetirst, siehst Du Niemand.“

„Es braucht auch keine zu sein, die ich erst jetzt kennen gelernt.“

„Ach so!“ rief Iffland, und ein Zug von froher Ueberraschung malte sich in seinem Antlitz. „Also eine alte Bekanntschaft.“

„Gerade keine alte Bekanntschaft, nur eine Bekanntschaft aus alter Zeit.“

„Ich verstehe. Die Tochter des Buchhändler Bernhard in Mannheim.“

„Ach was, dieses gelehrte und verbildete Geschöpf, die überdies drei Jahre älter ist wie ich. Ich meine eine Andere.“

„Eine Andere?“

„Nun ja doch. Wie Du schwer von Begriffen bist! Eine Andere, Eine, die halb und halb bereits meine Zusage hat. Kann ich überhaupt mit einem Weibe glücklich werden, so ist es die. Darüber habe ich bereits nachgedacht.“

„Nimm es mir nicht übel, Du denkst ziemlich lange nach – zwanzig Jahre und darüber. Wer weiß, was aus der Armen geworden ist.“

„Ja, wer weiß das! Sie irrt vielleicht umher – wahrscheinlich ist sie jetzt glücklich verheirathet. Mit einem Worte, ich will nur ihren Namen aussprechen: es ist Florine, die ich meine. Aber wir wollen nun dieses Gespräch abbrechen, es führt zu nichts. Die kalte Luft dringt Einem beim Sprechen in den Mund.“

Iffland wandte sich ab und halb lachend, halb ärgerlich rief er bei Seite: „Verdammter Egoist! Es genirt Dich, von ihr zu sprechen! Selbst das Bischen kalten Lufthauch willst Du ihretwegen nicht dulden.“

„Was sagtest Du da?“ fragte der Collaborator neugierig.

„Ich bewunderte die alte Tanne dort,“ entgegnete der Gefragte; „steht sie nicht sehr malerisch da?“

„So ziemlich. Hast Du keine Nachrichten von Florinen?“

„Nein.“

Die Freunde schwiegen, und bei völliger Dunkelheit fuhr man in die Stadt ein. Iffland begab sich in seine Wohnung, um Vorkehrungen zu der morgenden Festvorstellung zu treffen.




VI.

Fräulein Erland, die der Leser unter dem Namen Florine kennt, kehrte früher, als sie gewollt, nach Hause zurück, da sie die Bekannte, welche sie in Moabit hatte besuchen und bei ihr den Tag verbringen wollen, nicht zu Hause gefunden. Sie nahm ihren Weg durch das Brandenburger Thor, die „Linden“ entlang und blieb, da sie eben keine Eile hatte, bei einer Gruppe Leute stehen, die den Theaterzettel lasen, der an einem der Bäume angeklebt war. Schon lange hatte Florine sich nicht um das Theater gekümmert, ja geflissentlich vermieden, einen Zettel anzusehen, jetzt blickte sie hin, weil sie wissen wollte, weshalb die Leute so eifrig sprachen. Sie erfuhr, daß diesen Abend Iffland seine Benefizvorstellung habe, und daß „die Jäger“ gegeben würden. Das Stück regte alle trübe Erinnerungen in ihrer Seele auf, und sie wollte rasch vorüber eilen, als das heftige Gezänk, das immer lauter wurde, sie aufhielt und machte, daß sie auf die lärmend ausgestoßenen Worte lauschte. Augenscheinlich waren die Sprechenden Arbeitsleute, die einen Mann in ihrer Mitte hatten, dessen Kleidung zeigte, daß er den höheren Ständen angehörte. Er theilte Geld aus, und da Einige nicht so viel erhielten, als sie beanspruchten, machten sie Lärm.

„Ich kann zehn Mann stellen,“ rief ein breitschulteriger Mann mit einer Lederschürze, „und sie sollen ihre Sache gut machen, aber freilich kann ich unter einem halben Thaler für den Mann nicht zufrieden sein. Das sieht Jeder ein. Warum sollen meine Leute weniger bekommen, als der Jude dort? Pfeife ist Pfeife und ich wüßte nicht, daß eine christliche Lunge weniger Luft hätte, als die eines Mauschels! Hinausgeworfen von der Polizei wird man am Ende doch, das riskirt man! Also zwanzig Groschen für den Mann, denk ich.“

„Warum nicht gar, Meister Bartels, bedenkt, daß es dem Grafen alsdann zu theuer kommt.“

[232] „I, so laßt ihn selbst sich hinstellen und pfeifen. Uebrigens ist der Herr Director ein braver Mann, wie die Leute sagen, und bei meinem Vetter, dem Schuhmacher, läßt er seit Jahr und Tag arbeiten und bezahlt pünktlich; also ist’s mir nicht einmal ganz lieb, mich in die Sache einzulassen; es geschieht, weil es meinen Gesellen Plaisir macht, und sie sich ein paar Kannen Bier verdienen.“

„Nun, seid still, Meister,“ – rief der Mann mit der Börse; „geht Alles nach Wunsch, so sollt Ihr an dem Herrn Grafen keinen Geizhals finden. Nur rechten Lärm gemacht und zur rechten Zeit, Ihr müßt auf die Loge Nr. 8 merken, sobald Ihr ein weißes Tuch über die Brüstung herabhängen seht, so seid flugs bei der Hand. Jetzt geht, um fünf Uhr findet Ihr Euch zusammen seitwärts am Schauspielhause, da trefft Ihr auf mich, und wenn Einer oder der Andere noch etwas wissen will, ich sag es.“

Florine setzte kopfschüttelnd ihren Weg fort. Es schmerzte sie, zu hören, daß man ihrem Freunde und Gönner eine so unwillkommene Ueberraschung an seinem Feststage bereiten wollte, und sie beklagte, zu schwach zu sein, um es hindern zu können.

Wie sie in ihre Wohnung trat, fand sie die Thüre angelehnt, und in dem Vorzimmer eine junge Dame im Schleier sitzen, die aufstand, als sie sich zeigte, und ihr einen Wink gab, leise aufzutreten, und die Thüre nur lose wieder anzulehnen. Die Eigenthümerin der Wohnung sah verwundert den Gast an, der sich gebehrdete, als wäre er hier zu Hause. Sie vernahm mit Staunen die Frage, was sie wolle und wen sie suche.

„Was ich hier will?“ entgegnete Fräulein Erland, „ich könnte, wie es scheint, mit größerem Rechte diese Frage an Sie richten, meine schöne Dame, ich wohne hier.“

„Ach“ – rief der Gast leise flüsternd, „so sind Sie die Frau, von der der edle Mann, der mich hierher geführt, gesprochen hat.“

„Hierher geführt? Und weshalb?“

„O sprechen Sie leiser. Hier, dicht neben uns in jenem Zimmer liegt ein Mann todtkrank auf dem Lager.“

„Ein Mann? Und wer?“

„Es ist der beste, der edelste Mann, mit einem Worte, es ist mein Beschützer, mein väterlicher Freund. Ein plötzlicher Krankheitsanfall hat ihn auf der Straße getroffen und Herr Fellmer – heißt Ihr Verwandter nicht so?“

„Ja, Herr Fellmer. Er ist übrigens nicht mein Verwandter.“

„Gleichviel, dieser brave Mann hat meinen väterlichen Freund auf der Straße erkrankt gefunden, hat ihn hierher gebracht, und zugleich mich aufgesucht, um mich zu dem Kranken zu führen. O, wie danke ich ihm diese Vorsorge! Ich habe Gelegenheit, meinen edlen Freund zu pflegen. Herr Fellmer ist gegangen, um den Arzt zu bringen. Ich zähle die Minuten, bis er wieder kommt, und wo es mir vergönnt sein wird, in das Zimmer zu gehen.“

„Aber, meine Liebe, wie heißen Sie?“

„Sophie Seelfeld.“

„Hab nicht die Ehre, Sie zu kennen. Und jener Mann drinnen, der erkrankt ist?“

„Der Schauspieldirector Iffland.“

„O, was Sie sagen! Der arme Mann! Und gerade heute, an seinem Benefiztage! Welch ein Unglück!“

„Jawohl, und auch ich sollte heute spielen –“

„Sie, meine schöne Dame? Also Sie sind Schauspielerin?“

„Schülerin unseres großen Meisters.“

„Hm! Wollen wir denn hineingehen und nachsehen.“

„O, nicht doch! Das leide ich nicht; es darf Niemand in’s Zimmer.“

„Warten Sie schon lange hier?“

„Eine halbe Stunde. Still! ich höre Tritte. Das wird Herr Fellmer mit dem Arzte sein.“

Florine, die Thür ein wenig öffnend, lispelte: „Richtig, es kommen zwei Herren die Treppe herauf! Der Eine kehrt um, als er mich erblickt. Was bedeutet das?“

„O Himmel! ich zittre, weshalb geht der Arzt wieder fort?“

„Mein Kind, es ist kein Arzt. Zufällig kenne ich jenen Herrn. Es ist ein vornehmer Officier, der in der Nachbarschaft wohnt. Doch da ist Fellmer.“

Der ehemalige Schauspieler trat mit Zeichen der Bestürzung und des Verdrusses in’s Zimmer. Er rief mit heller Stimme seiner Gefährtin zu: „Weshalb zurückgekehrt? Was soll das? Du wolltest ja den ganzen Tag und den Abend fortbleiben.“

Florine trat an ihn heran und sagte ebenfalls flüsternd: „Was geht hier vor? Was ist mit dieser jungen Dame und dem kranken Manne da drinnen?“

Fellmer lachte, ballte die Faust gegen Florinen und rief drohend: „Schweig, Närrin! Mußt Du nach Hause kommen, um einen Spaß zu verderben? Mach, daß Du fortkommst – geh – geh!“

„Ich bleibe!“

Sophie trat an die Beiden heran und lauschte, plötzlich stieß sie einen lauten Schrei aus, und stürzte in das bis jetzt verschlossen gehaltene Zimmer, sie fand es leer.

„Wo bin ich?“ rief die Arme händeringend, „wo hat man mich hingeführt? Alles Täuschung! Es ist kein Kranker da.“

Florine zog die Jammernde zu sich, Fellmer hatte sich fortgeschlichen. Ein kurzer, heftiger Wortwechsel hatte zwischen den Beiden stattgefunden. „Der Elende! Das wagt er mir zu bieten! In meiner Wohnung, wo ich ihn aus Barmherzigkeit aufgenommen! Hier will er sein Bubenstück ausführen! Schändlich! Und hätte ein glücklicher Zufall mich nicht nach Hause geführt – was dann? Armes, armes Kind, wie verrucht hat man mit Ihnen gespielt! Ich bin Ihr rettender Engel!“ so rief, laut und mit mildem Klageton die unglückliche Florine, die mit ihrem Gaste inniges Mitgefühl hatte.

Scheu und aufgeregt blickte Sophie sie an, doch in Ton und Miene der Sprechenden lag etwas, das Vertrauen einflößte.

„Lassen Sie mich fort“ – bat das Mädchen – „o Gott, wie hab’ ich so leicht diesem fremden Manne folgen können! Allein seine Lüge klang so sehr nach Wahrheit! Mein theurer Beschützer krank, ich zu seiner Pflege nöthig! O, der Gedanke hätte mich bis an’s Ende der Welt gelockt.“

Florine überhäufte das schöne Mädchen mit Liebkosungen. „O, beruhigen Sie sich, liebes Kind – jetzt ist die Gefahr vorüber. Sie sind in meinen Händen und sicher. Aber der Plan war teuflisch! Sie sollten hier mit einem Wüstling zusammengeführt werden, der Ihnen wahrscheinlich schon lange vergebens nachgestellt, und sich jetzt der Hülfe jenes Elenden bedient hat, um zu seinem Zweck zu gelangen. Unbelauscht und ungestört wollte der Abscheuliche Sie hier sehen. Man wußte, daß ich den Tag und den Abend ausbleiben würde! Sie hätten vergebens nach Hülfe geschrieen, denn meine Wohnung liegt abgelegen. O, und noch ein schändlicher Beweggrund trieb ihn, gerade den heutigen Tag zu wählen; er beabsichtigte zugleich, da Sie auf der Bühne beschäftigt sind, die Darstellung zu hindern, und dadurch seinem Feinde Iffland, den er haßt, einen empfindlichen Streich zu spielen. Ich durchschaue Alles klar! Aber dem Himmel Dank, das Werk des Bösen ist vereitelt. Kind, theures Kind – kommen Sie zu sich! Erholen Sie sich. Eine mütterliche Freundin hält Sie in Ihren Armen. O, auch ich habe Aehnliches erlebt, auch ich habe auf derselben Laufbahn, die Sie jetzt zu betreten Willens sind, grausame Schicksale zu überstehen gehabt. Theure junge Freundin, fassen Sie Muth! Lassen Sie uns überlegen, wie wir Sie den Ihrigen wieder zuführen, ohne daß ein Wort von diesem unglücklichen Abenteuer verlautet. Es ist am besten, man schweigt von dergleichen. Wo wohnen Sie? Ich selbst will Sie hingeleiten, denn der Schreck hat Ihre Kräfte gelähmt, Sie können ohne Hülfe nicht über die Straße gehen. Kommen Sie. Aber mir soll der Elende nur wieder vor’s Auge kommen! Von heute an sind wir geschiedene Leute! Sie haben mir nicht geantwortet – wo Sie wohnen?“

Sophie nannte die Straße und das Haus der Präsidentin.

„Bei alledem,“ setzte Florine hinzu, „freuen Sie sich, daß es demnach mit der Erkrankung Ihres Freundes nichts ist.“

„Gewiß, dies ist ein großer Trost für mich. Aber ach – wie spät ist es?“

„Nahe an sechs, mein liebes Fräulein.“

„Himmel, da soll ich ja längst schon im Theater sein! Er wird auf mich warten! Er wird nicht wissen, wo ich geblieben bin. Ich kenne seine Unruhe, seine Besorgniß um mich. Man wird mich überall gesucht haben! Gott – welch einen Kummer, welch einen Schreck bereite ich den guten Menschen, die sich meiner angenommen!“

(Schluß folgt.)




[233]
Land und Leute.
Nr. 10. Der Dollart.

Wenn Du, geneigter Leser, mit mir hinauswanderst von meiner Vaterstadt Emden zu der eine halbe Stunde entfernten Schleuße, so erblickst Du vor Dir eine große Wasserfläche, der vor ungefähr sechs Jahrhunderten die reichste und bevölkertste Gegend Ostfrieslands weichen mußte. Fünfzig blühende Dörfer und die Stadt Torum, eine schöne, volkreiche Stadt mit einem berühmten Markt und einer Münze, mit reichen Einwohnern, in deren Mitte allein acht Goldschmiede ihr reichliches Auskommen fanden, lagen auf diesem gottgesegneten Strich Landes. Allenthalben sah das Auge fette Weiden und Wiesen, bedeckt mit dem köstlichsten Vieh. Und in der Stadt und in den Dörfern lebten viele tausend Menschen. Aber das unersättliche Meer hat nach und nach die Stadt, die Dörfer und die Menschen verschlungen. Wo früher der Landmann frohen Muthes den Pflug lenkte oder der Schnitter das goldne Korn mähte, wo muntere Thiere sich auf der Weide tummelten, wo die gefiederten Sänger ihre Loblieder erschallen ließen, – da siehst Du jetzt nur Wasser und wieder Wasser, den gehenden oder kommenden Schiffer, den windschnell dahinschießenden Buttfischer oder die einsame Möve. In weiter Ferne siehst Du vor Dir links ostfriesisches, rechts holländisches Land.

Trittst Du aber zur Zeit der Ebbe an den Dollart – denn so heißt der Meerbusen um seiner tollen Art willen, besonders im Herbst und Frühling – so ist das Bild ein noch trostloseres. Denke Dir eine weit ausgedehnte, braungelbe, schlüpfrige Fläche, hier mehr, dort weniger über dem Wasser erhaben, welches zu dieser Zeit auch noch in den Rinnen und Löchern zurückbleibt; eine durch die ruhelose Wirkung der Wellen gefurchte und runzelige Fläche, die weder lieblich, noch wild, noch erhaben erscheint, sondern deren Anblick Dich mit Langeweile erfüllt – so hast Du ein getreues Bild des äußern Dollartbodens.

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Der ostfriesische Schlammfischer.

Verschiedene Ursachen haben dazu mitgewirkt, daß das Meer Herr wurde über das Land: die Lage und Art des Landstriches, die Uneinigkeit der Bewohner und die Macht des ungestümen Elements. Die Küste bestand aus einem hohen und kräftigen Kleiboden, konnte daher dem Meere die Spitze bieten; aber das Binnenland war so niedrig und moorig, daß der Feind, nachdem er einmal eingedrungen war, hier die größten Verheerungen anrichten konnte. Emmius, der Vater der friesischen Geschichte, sagt:

„Der Boden in unmittelbarer Nähe der Ems ist dicht und zähe, weiter im Lande hinein aber niedrig und moorig, er bewegt sich unter den Füßen, wie wenn er zittert; er ist daher nicht stark genug, gewaltigen Fluthen Widerstand zu leisten. In solchen Fällen wird hier und dort der Boden mit Häusern und Wiesen in größer oder kleinerer Ausdehnung vom Wasser emporgehoben. Dies mag wunderbar erscheinen und Fremden unglaublich, wir selbst würden daran zweifeln, wenn nicht der Augenschein uns gezeigt hätte, daß bei starken Wasserfluthen ganze Strecken Landes, wie Schiffe, mit Vieh, Dörfern, Weilern und Kirchen dahin trieben.“

Wie sehr nun auch bei diesem Zustande ein sorgfältiges und einmüthiges Bewachen der Schutzwehren des Landes, der Deiche, noth that, so herrschte doch unter den Einwohnern und besonders unter den größern Grundbesitzern und Häuptern des Landes zu viel Eifersucht, Feindschaft und Uneinigkeit, als daß sie für den Unterhalt der Deiche und, wenn diese beschädigt waren, für die nothwendigen Arbeiten gesorgt hätten. Oftmals fehlte es auch an der nöthigen öffentlichen Gewalt, sie zu ihrer Pflicht zu zwingen und so konnte denn auch jener Uebermüthige, der mit seinen Nachbarn im Streite lag, ungestraft seinem Trotz freien Lauf lassen: Lieber will ich meine Ländereien eine Lanze hoch unter Wasser stehen sehen, als daß ich Hand anlege, meinen Feinden zu helfen.

Diese Uneinigkeit sowohl, wie der Mangel an Kräften, trugen die Schuld, daß nur wenig für Instandhaltung der Deiche gethan ward, so daß, als am 25. December 1277 eine neue Fluth hereinbrach, dieselbe leichte Arbeit fand, die niedergerissenen Deiche vollends zerstörte und die daranstoßenden ebenfalls ganz darnieder legte. [234] Nun hatten die Gewässer freien Spielraum im Lande, und weil sich jedes Jahr die erschrecklichsten Wasserfluthen wiederholten, der Boden im Innern des Landes aber, wie bereits gesagt, so niedrig und sumpfig war, so wurde bald hier, bald dort ein Stück vom Wasser emporgehoben und davongeführt, ein Dorf nach dem andern verschlungen und die Einwohner theils zur Auswanderung gezwungen, theils auf Meeresgrund gebettet. An noch andern Stellen senkte sich dagegen der ganze Boden unter der Last des überströmenden Wassers.

Immer schwieriger wurde der Wiederaufbau der zerrissenen Deiche, und als in Folge dessen zehn Jahre hindurch das Meer im Lande nach Willkür geschaltet und gewaltet hatte, da machte die denkwürdige Fluth vom 14. December 1287 das Maß des Jammers voll. Nicht blos unsere Gegend, sondern ganz Friesland wurde von ihr heimgesucht. Tage lang schon hatte das empörte Element gewüthet und die Küstenbewohner sahen mit sorgenvollem Blick in die verhängnißvolle Zukunft. Der Regen goß in Strömen vom Himmel, der Sturm heulte, entwurzelte Bäume und hob die Dächer von den Häusern, das Wasser stieg höher und höher. Schwarz und finster schaute der Himmel darein, kein freundliches Sternlein leuchtete der bedrohten Schwester Erde. Kurz nach Mitternacht brachen die noch unversehrt gebliebenen Deiche und mit wilder Eile stürzten sich die wüthenden Fluthen über das herrliche Land – Alles vernichtend, Menschen und Vieh verschlingend!

Ganze Strecken Moorboden wurden emporgehoben und in höhere Gegenden geschwemmt. In solchen Strichen, wohin seit Menschengedenken nie Meerwasser gedrungen war, stand die Fluth 5 Fuß hoch. Nach den Berichten damaliger Zeit wurden von Stavoren bis zur Ems 70,000 Menschen verschlungen. Selbst die gewöhnliche Feindschaft der Menschen und Thiere erlosch, denn man sah auf einem Balken einen Mann, einen Wolf, einen Hund und ein Häslein herantreiben.

Freilich hat diese Fluth nicht den ganzen Dollart geschaffen, manches Dorf, und auch Torum, war, wenn auch stark von ihr heimgesucht, doch noch nicht dem allgemeinen Verderben anheimgefallen. Man legte neue Deiche an, aber immer wurden solche von den Wogen zerstört. Die folgenden Jahre und Jahrhunderte ließen die Ueberreste jener Gegend verschwinden. Der einzige übriggebliebene Rest einer 71/2 Quadratmeilen großen Fläche ist das kleine, aus nur einigen Häusern bestehende Nesserland, eine halbe Stunde von Emden entfernt.

Doch das Meer hat seinen Raub nicht auf immer behaupten können. Im Laufe der Zeiten hat man demselben bereits mehr als 5 Quadratmeilen wieder entrungen und in herrliche Polder verwandelt. Aber für Ostfriesland hat jener Tausch wenig Gewinn gebracht. Ist auch der wiedergewonnene Boden ungleich besser, als der untergegangene, so hat doch unser Ländchen von seiner Fläche, die zum allergrößten Theile hierher gehörte, kaum mehr als 3/4 Quadratmeile wieder zurückerhalten; alles Uebrige ist der holländischen Provinz Groeningen zugefallen.

Aus der Mischung des ausströmenden Binnenwassers mit dem hellgrünen Seewasser entsteht eine trübe Fluth, welche als Schlamm oder Schlink niederschlägt. Bald häuft sich dieser dergestalt an, daß er zur Ebbezeit trocken liegt; der Boden erscheint schon freundlicher, aber ebenfalls noch einförmig, und vergebens sucht Dein Auge Pflanzen, zu deren Erzeugung der Boden noch nicht geeignet ist. Wohl hat er schon Neigung dazu, denn wenn, besonders nach einem recht strengen Winter, der Frühling kommt und die ganze Natur sich mit Blättern und Blüthen schmückt, dann überzieht sich auch der Schlamm mit einer dünnen, braunen Kruste, dann blüht auch der Schlamm, doch bald nimmt das Wasser diese Kruste weg und bis spät in den Sommer spielt die Fluth damit. Näherst Du Dich mehr dem Deiche und kommst zum älteren Schlamm, der unter dem Einflüsse der Sonne und des Windes allmählich fest geworden ist, so findest Du hier an der Grenze des scheinbaren Nichts den Glasschmalz (Salicornia herbacea), kleine saftige Pflanzen, die, wenn sie schaarenweise von Wind und Wasser hin- und herschwanken, wie ein gewaltiger Wald en miniature erscheinen. Je strenger der Winter gewesen, desto größer ist die Vermehrung dieser Pflanze, während wenig oder gar kein Frost derselben ungünstig ist. Durch sie wird der Anwuchs schnell gefördert, der ihr aber für seine größere Selbstständigkeit dadurch dankt, daß er sie vertreibt und statt ihrer eine andere Pflanze auftreten läßt: die schöne, kräftige Meerstrandsaster (Aster tripolium), die vier bis sechs Fuß hoch wird und mit ihren schönen blauen Strahlen und goldgelben Röhrchen im September und October ein Schmuck unseres Anwachses ist. Regenreiche Winter und Frühlinge vermehren dieses Gewächs sehr stark, Frost und lange trockene Witterung ist ihrem Wachsthum weniger günstig. Aber sie wird nicht überall auf dem Anwachs gefunden. Ist derselbe sandig oder noch zu schlüpfrig, so macht sich der Glasschmalz freilich nichts daraus, er ist schon zufrieden, wenn er sich nur täglich im Fluthwasser tummeln kann; aber die Aster ist wählerischer; nur im fetten Schlammboden will sie prangen, in sandigem Boden kommt sie gar nicht oder nur sehr sparsam fort.

Noch einige andere saftreiche Kräuter, wie der feine Queller, der Seestrandsdreizack, der Windhalm, Ackerquecken überziehen mit ihren Ausläufern bald das Ganze und bilden so den eigentlichen Wiesenwuchs, der zur Austrocknung des schlammigen Bodens beiträgt, und ihn zur allmählichen Ansiedlung anderer Pflanzen geeignet macht.

Nun wird der Anwachs zum Weiden, in der Regel aber zum Heumachen benutzt, welches Heu um so kräftiger ist, je weniger andere Grassorten, besonders aber der Meerstrandswegerich, sich zwischen dem Queller befinden Ist der Anwachs groß genug und lohnen sich die Kosten, so wird er eingedeicht und heißt nun Polder, in welchem bald prächtige Landhäuser, umgeben von den üppigsten Wiesen und fettesten Weiden, das Auge erfreuen. Die Kosten der Eindeichung sind groß, natürlich am größten da, wo der Feind am stärksten ist. Ostfriesland hat im Ganzen nicht weniger als ungefähr 36 Meilen Deiche, wovon die Unterhaltungskosten jährlich mehr als 70,000 Thaler betragen, ungerechnet der Arbeiten und Strohlieferungen, zu welchen hier und da noch die Eigenthümer von Ländereien, die am Deiche liegen, verpflichtet sind. Der ostfriesische Bauer hat gewiß nicht unrecht, wenn er sagt, daß ohne Deichlast er mit silbernem Pfluge pflügen könne. Die Höhe und Dicke der Deiche ist verschieden: die Höhe beträgt 17–22 Fuß, die obere Breite 10–14, die des Fußes dagegen 90–100 Fuß. An Stellen, wo sie besonders von der Gewalt des Meeres zu fürchten haben, hat man starke Eispfähle und Balken eingerammt; an der äußern (See- oder Fluß-) Seite liegen gewaltige Steine, die Kraft des zürnenden Neptuns zu brechen. Die Personen, unter deren Aufsicht die Deiche stehen, heißen Deichrichter.

Wunderbar ist der Ertrag der neuen Ländereien. Eine Chronik vom Jahre 1559 erzählt, daß Jemand, der in einem Theile eines neueingedeichten Polders fünf Tonnen Gerste ausgesäet, sich eines Reinertrags von 300 Tonnen erfreut, also sechzigfältige Frucht geerntet habe.

Der Dollart ist ziemlich reich an Fischen: Garneele, Aal, Butt, Stör wird viel gefangen. Hauptsächlich beschäftigen sich die Fischer mit dem Fang der Garneele, doch weil sie davon nicht leben können, so legen sie sich auch auf den Buttfang. – Ist die Witterung des Frühlings eine warme und günstige, so kann der Fischer schon im April auf den Fang ausgehen und bis October, selten bis zum November damit fortfahren.

Eigenthümlich ist die Art und Weise, wie der ostfriesische Fischer bei dem Buttfange verfährt. Zur Ebbezeit stellt er in wohl halbstündiger Entfernung vom Deiche und weiter noch seine Fischreusen auf dem Schlamme aus. Um dahin zu kommen, was keinem menschlichen Fuße möglich wäre, bedient man sich des Schlammboots, welches ungefähr 4 Fuß lang und 11/2 Fuß breit ist, und vorn einen auflaufenden Schnabel hat, um den Schlamm nicht vor sich her zu schieben. Es besteht nur aus einigen Planken, welche an den Seiten mit kleinen aufsteigenden Wänden versehen sind. Mit dem einen Knie ruht er auf dem hintern Theile des Bootes, stemmt sich mit den Händen auf eine die Wände verbindende Latte, und stößt sich mit dem meistens entblößten andern Fuße vorwärts. Vor ihm im Boot befindet sich ein Behältniß, die gefangene Beute aufzunehmen. Mit ausgezeichneter Schnelligkeit fliegt er mit seinem so höchst einfachen Fahrzeuge über den weichen Boden; ohne große Anstrengung legt er eine Stunde in einer Viertelstunde zurück, und für den, der solches nie gesehen, ist es ein seltsamer Anblick, wenn er den Fischer mit der Schnelligkeit des Windes dahin eilen oder daher kommen sieht. – Die gefangenen Fische werden nach Emden verkauft, und finden dort stets willige Abnehmer.

H. M.

[235]
Leben und Sterben eines deutschen Dichters.
(Schluß.)


In jener Zeit, wo er das Verhältniß mit seiner Geliebtes löste, hatte er wohl aus Schmerz über ihren Verlust an Selbstmord gedacht, und einen derartigen Versuch gemacht. Sein Freund Rühle fand ihn eines Tages ohne Besinnung auf dem Bette ausgestreckt. Kleist hatte eine starke Dosis Opium genommen, die ihn zwar betäubte, aber nicht tödtete. Ueberhaupt kehrte er zu den verschiedensten Zeiten seines Lebens zu der Idee des Selbstmordes vielfach zurück. Der Gedanke scheint ihn oft beschäftigt zu haben; ein geheimnißvoller, gleichsam pathologischer Zug in seiner Seele, ein krankhafter Kitzel trieb ihn häufig an, mit Freunden das „Dafür“ und „Dagegen“ zu verhandeln. So äußerte er sich einmal in Gegenwart jener bereits angeführten Freundin fast heftig über den Selbstmord: „Solch ein Mensch,“ sagte er bei dieser Gelegenheit, „kommt mir gerade so vor, wie ein trotziges Kind, dem der Vater nicht geben wollte, was es verlangte, und das danach hinauslauft, und die Thür hinter sich zuwirft.“

Ein ander Mal, ungefähr zehn Jahre vor seinem Tode, sprach sich Kleist in Gesellschaft seiner Freunde Rühle und Pfuel, an eben der Stelle vorübergehend, wo er sich später wirklich tödtete, wieder über den Selbstmord aus, wobei er besonders das Bedenken hervorhob, daß man bei einem solchen Versuche des Gelingens nie vollkommen versichert sei. Die Freunde gingen auf das für drei junge Männer seltsame Gespräch ernsthaft ein, und man nahm zuletzt gemeinschaftlich als die sicherste Todesart an, daß man zu Kahne auf ein tiefes Wasser fahre, alle Taschen voll schwerer Steine gepackt, sich auf den Bord setze, und das Pistol gegen sich abdrücke, um, wenn man sich nicht todtschieße, doch jedenfalls ertrinken zu müssen.

Nach einer mündlichen Mittheilung des Ministers von Pfuel soll Kleist diesen selbst, sowie den Dichter Fouqué mehrmals halb im Ernst, halb im Scherz aufgefordert haben, sich mit ihm zu erschießen. – Derartige Vorfälle deuten allerdings auf eine partielle geistige Störung hin, und die Spuren einer derartigen Trübung seines Verstandes lassen sich in dem Leben des Dichters nicht verkennen. Der alte Wieland schreibt von ihm:

„Herr von Kleist hatte etwas Räthselhaftes, Geheimnißvolles, das tiefer in ihm zu liegen schien, als daß ich es für Affectation halten konnte. Unter mehreren Sonderlichkeiten, die an ihm auffallen mußten, war eine seltsame Art der Zerstreuung, wenn man mit ihm sprach, so daß z. B. ein Wort eine ganze Reihe von Ideen in seinem Gehirn, wie ein Glockenspiel anzuziehen schien, und verursachte, daß er nichts weiter von dem, was man ihm sagte, hörte und also auch mit der Antwort zurückblieb. Eine andere Eigenheit und eine noch fatalere, weil sie zuweilen an Verrücktheit zu grenzen schien, war diese, daß er bei Tische sehr häufig etwas zwischen den Zähnen mit sich selbst murmelte, und dabei das Air eines Menschen hatte, der sich allein glaubt, oder mit seinen Gedanken an einem anderen Orte und mit einem ganz anderen Gegenstande beschäftigt ist.“

Auch Goethe, dessen gesunde Natur sich von dem reizbaren Wesen des Dichters abgestoßen fühlte, urtheilt in einer ähnlichen Weise und zwar mit einer gewissen Strenge:

„Bei dem reinsten Vorsatz einer aufrichtigen Theilnahme hat mir Kleist nur Schauder und Abscheu erregt, wie ein von Natur schön intentionirter Körper, der von einer unheilbaren Krankheit ergriffen ist.“

Dieser bedenkliche Seelenzustand des Dichter? spiegelt sich auch zum Theil in seinen Werken wieder, wo er mit Vorliebe die dunklen Nachtseiten in der menschlichen Natur oft gewaltsam herbeizieht und in grellen Farben schildert.

Wer möchte nicht an den kranken Tasso denken, mit dem Kleist auch die Schwerfälligkeit der Zunge gemein hatte! Aber der deutsche Dichter vereinte mit der Reizbarkeit seines italiänischen Leidensgenossen den durchdringenden Verstand und die geniale Schöpferkraft eines Shakespeare, die entschiedensten Gegensätze, welche ihn durch ihre seltsame Vermischung nur doppelt unglücklich machten. Daß er Momente in seinem Leben hatte, wo er geradezu geistesabwesend zu sein schien, bezeugt eine Scene, die Frau von Rühle in Dresden auf der Brühl’schen Terrasse mit ihm erlebte. Sie gingen hier nämlich eines Tages schweigend auf und nieder, als Kleist plötzlich ohne irgend eine Veranlassung die Worte ausstieß: „Ja, ja, es ist nicht anders, Müller muß sterben, ich muß ihn in’s Wasser werfen, wenn er mir nicht seine Frau abtritt.“ – Er meinte damit den bekannten Schriftsteller und Publicisten Adam Müller, seinen besten Freund in der damaligen Zeit.

Frau von Rühle fuhr bei dieser Aeußerung erschrocken und um so mehr erstaunt zurück, da sie bei Kleist nie die mindeste Leidenschaft für die genannte Dame wahrgenommen hatte. Weil sie ihren Ohren nicht traute, ließ sie sich die Phrase nochmals von ihm wiederholen. Kein Zureden von ihrer Seite half, da er sich nicht auf nähere Erörterungen mit ihr einließ, und als er Müller bald darnach auf der Elbbrücke begegnete, machte er wirklich einen ganz ernsthaften Versuch, ihn über die eiserne Brustwehr in den Fluß zu stürzen.

Derartige Anfälle waren jedoch nur vorübergehend und immer wieder siegte seine Vernunft über diese umheimlichen Regungen einer kranken Seele. Sein ganzes Leben war ein fortwährendes Ringen mit dem Dämon in seiner Brust, ein Kampf gegen die finsteren Mächte des Schicksals, den er mit einer bewunderungswürdigen Energie immer siegreich bestand, bis er zuletzt erlag, nicht dem Wahnsinn, sondern dem bewußten Schmerze eines Mannes, welcher müde und verzweifelnd sich nach Ruhe sehnt.



Nachdem Kleist auf seiner Stube seine Manuscripte noch einmal angesehen, zog er aus einem verschlossenen Schubfache einen Haufen Briefe hervor. Die meisten rührten von seiner ersten Geliebten her, andere von seinen Freunden und Freundinnen, darunter die bekannte Gunderode, welche er am Rhein kennen gelernt hatte, und die Tochter Wieland’s, die den Dichter wie eine Schwester und vielleicht noch zärtlicher geliebt haben soll. Aus den vergilben Blättern wehte ihn ein Erinnerungsschauer an, sein ganzes Leben zog an ihm in diesem Augenblick vorüber. Auch einige Liebespfänder, vertrocknete Blumen, eine abgeschnittene Frauenlocke, Angedenken schöner Stunden, lagen dabei. Diese Schätze sollten nicht in fremde Hände fallen, nicht entweiht werden. Er zündete ein kleines Feuer im Kamine an, und verbrannte nach und nach seine Manuscripte, den ganzen Briefwechsel, sämmtliche Zeichen vergangener Liebe und Freundschaft.

„Ich brauche erst kein Testament zu machen,“ sagte er, einen halb wehmüthigen, halb ironischen Blick auf seine ärmlichen Möbel werfend, die ihm nicht einmal angehörten, sondern seiner Wirthin.

Am nächsten Tage holte er zur bestimmten Stunde Henriette ab, die ihn bereits erwartete, um mit ihm gemeinschaftlich zu sterben. Vielfach wurde das Verhältniß der Freunde als ein Liebesroman aufgefaßt, was jedoch nach den Aussagen ihrer genauesten Bekannten keineswegs der Fall war. Henriette und Kleist waren kein unglückliches Liebespaar, wie fast mit Gewißheit feststeht, kein Opfer einer zärtlichen Leidenschaft. Ihre That war einzig und allein das Resultat eines gemeinsamen Lebensüberdrusses. Während Kleist als Dichter und Patriot verzweifelte und keinen Ausweg sah, glaubte Henriette an einer unheilbaren Krankheit zu leiden, zugleich unbefriedigt in ihren Verhältnissen. Sie forderte von ihm einen Freundschaftsdienst, den er ihr nicht versagen zu können glaubte.

In dieser Stimmung traten sie ihre verhängnißvolle letzte Reise und den Spaziergang nach dem See an, an dem sie bis zum Abend in anscheinend unbefangenen und heitern Gesprächen auf und ab gingen. Wahrscheinlich suchten sie dabei die geeignetste Stelle aus, an der sie sterben wollten. Es war dies ein grüner Rasenfleck am Rande des hohen, sandigen, mit alten Föhren, Immortellen und Pilzen bewachsenen Ufers, mit der Aussicht auf das romantische Glienicke. Dort wollten sie im Schooße der Natur zusammen sterben. Sie redeten von ihrem Vorhaben gewiß mit der kalten Ruhe des Philosophen. Vielleicht entwickelte Kleist noch einmal der Freundin seine Gedanken über Tod und Unsterblichkeit, wie er es in jenem Briefe an Rühle that:

„Es kann kein böser Geist sein, der an der Spitze der Welt steht, es ist ein bloß unbegriffener. Lächeln wir nicht auch, wenn die Kinder weinen? Denke nur diese unendliche Fortdauer! Myriaden Zeiträume, jedweder ein Leben, für jedweden eine Erscheinung [236] wie diese Welt! Wie doch das kleine Sternchen heißen mag, das man auf dem Sirius, wenn der Himmel klar ist, sieht? Und dieses ganze ungeheure Firmament nur ein Stäubchen gegen die Unendlichkeit! Sage mir, ist dies ein Traum? Zwischen je zwei Lindenblättern, wenn wir Abends auf dem Rücken liegen, eine Aussicht, an Ahnungen reicher, als Gedanken fassen und Worte sagen können. Komm, laß uns etwas Gutes thun und dabei sterben! Einen der Millionen Tode, die wir schon gestorben sind und noch sterben werden. Es ist, als ob wir aus einem Zimmer in das andere gehen. Sieh! die Welt kommt mir vor wie eingeschachtelt, das Kleine ist dem Großen ähnlich. So wie der Schlaf, in dem wir uns erholen, etwa ein Viertel oder Drittel der Zeit dauert, da wir uns im Wachen ermüden, wird, denk ich, der Tod, und aus einem ähnlichen Grunde, ein Viertel oder Drittel des Lebens dauern. Und grade so lange braucht ein menschlicher Körper, um zu erwachen. Und vielleicht gibt es für eine ganze Gruppe von Leben noch einen eigenen Tod, wie hier für eine Gruppe von Durchwachungen (Tagen) einen.“ –

Noch eh’ es dunkel wurde, kehrte Kleist und seine Freundin nach dem Gasthause zurück, wo sie zur Nacht mitsammen speisten. Sie hatten sich Feder und Dinte von dem Wirthe erbeten und schrieben einige Abschiedsworte an die zurückbleibenden Freunde. Der Hausknecht, welcher die ganze Nacht wachte, hat auf dem Zimmer der Fremden beständig Licht brennen sehn und beide zuweilen gehen hören. Sie schliefen demnach wenig oder gar nicht, wahrscheinlich lasen sie in den mitgebrachten Schriften von Novalis dessen „Hymnen an die Nacht.“

Am Morgen um fünf Uhr kam Henriette herunter und bestellte den Kaffee. Auf die Frage des Mädchens, ob sie zu Mittag essen wollte, entgegnete sie, daß sie nur etwas Bouillon trinken und am Abend desto besser essen wollten. Sie baten sich ihre Rechnung aus, die sie bezahlten und quittirt zurückverlangten. Dann forderten sie einen Boten nach Berlin, dem sie einen Brief zu besorgen gaben. Nachdem sie den Bouillon genossen, bestellten sie den Kaffee, den sie am Ufer des See’s zu trinken wünschten. Dorthin begaben sie sich auch; Henriette trug, wie die Wirthin bemerkte, ein Körbchen, welches mit einem weißen Tuche bedeckt war, am Arme, worin wahrscheinlich die Pistolen lagen. Eine Aufwärterin kam nach einiger Zeit, um das gebrauchte Kaffeegeschirr zu holen; sie fand die Gäste, wie es schien, in heiterster Stimmung scherzend und lachend. Henriette gab der Frau vier Groschen für ihre Mühe und ersuchte sie, einen Tassenkopf rein auszuwaschen und wieder zurückzubringen.

Als die Aufwärterin etwa vierzig Schritte weit gegangen war, fiel ein Schuß. Nach etwa dreißig Schritten weiter ein zweiter. Die Frau glaubte, daß die Fremden zum Vergnügen schössen, weil sie beide zuvor so aufgelegt und munter gesehn, daß sie sogar wie fröhliche Kinder Steine in’s Wasser geworfen hatten und mit einander gesprungen waren. Deshalb achtete sie nicht auf die Schüsse; sie wusch zuvor den ihr übergebenen Tassenkopf aus und trug ihn zurück, wie die Dame es von ihr verlangt hatte.

Als sie auf den Platz kam, fand sie beide Personen als Leichen und in ihrem Blute schwimmend wieder.

Entsetzen ergriff die Aufwärterin, die vor Schreck betäubt dem Wirth die Mittheilung machte, daß die Fremden sich erschossen und todt dalägen. Er eilte zunächst nach den von ihnen bewohnten Zimmern, deren Thüren fest verschlossen waren. Es gelang ihm jedoch durch ein Seitenpförtchen einzudringen, obgleich dasselbe absichtlich durch vorgestellte Stühle verrammelt war. Außer einem versiegelten Päckchen, welches auf dem Tische lag, war in der Stube nichts Bemerkenswerthes vorhanden. – Nun stürzte der Wirth in Begleitung seiner Leute nach dem Platze, wo er die Leichen fand; Henriette in liegender Stellung, den Oberrock von beiden Seiten aufgeschlagen und die Hände auf der Brust gefaltet. Die Kugel war in die linke Brust, durch das Herz und am linken Schulterblatt wieder hinausgegangen. Kleist in derselben Grube, die durch einen ausgerodeten Baumstamm verursacht wurde, kniete vor ihr; er hatte sich eine Kugel durch den Mund in den Kopf mit sicherer Hand geschossen. Beide Todte waren gar nicht entstellt, vielmehr zeigten ihre Mienen einen heitern und zufriedenen Ausdruck. In den Taschen seines Rockes, welche der Wirth untersuchen ließ, um irgend einen Aufschluß über den ihm Unbekannten zu erhalten, fanden sich nur die zwei Zimmerschlüssel vor. Es wurde sogleich der Polizei in Potsdam die nöthige Anzeige gemacht.

Um sechs Uhr Abends kamen zwei Herren aus Berlin gefahren, der eine war der Kriegsrath Peguilhen, der andere der Ehemann Henriettens. Der Kriegsrath stieg zuerst aus dem Wagen und fragte, ob die beiden Fremden noch hier wären? Auf die Antwort, daß beide nicht mehr lebten, fragte er noch einmal, ob es wahr wäre? – Der Wirth sagte, daß die Fremden jenseits des Sees erschossen in ihrem Blute lägen.

Darauf stieg auch der Gatte der Entleibten aus, er trat in die Stube, warf den Hut in einen Winkel, die Handschuhe in einen andern und weinte bitterlich, jeden Trost zurückweisend. In dem Briefe, welchen Kleist an den Ehemann Henriettens geschrieben und dem abgesandten Boten zur Besorgung übergeben, hatte er den Wunsch ausgesprochen, daß ein Grab beide Körper umschließen sollte. Außerdem übertrug er demselben die Berichtigung einiger kleiner, vergessener Schulden. –

Ein zweites Schreiben hatten die Unglücklichen an die Gattin Adam Müllers, ihre beiderseitige vertraute Freundin, kurz ehe sie sich den Tod gaben, gerichtet. Der Brief legt ein seltenes Zeugniß von ihrer wehmüthig heiteren Stimmung in den letzten Augenblicken ihres Daseins ab. Derselbe lautet im Auszuge folgendermaßen:

„Der Himmel weiß, meine liebe, treffliche Freundin, was für sonderbare Gefühle, halb wehmüthig, halb ausgelassen, uns bewegen, in dieser Stunde, da unsere Seelen sich wie zwei fröhliche Luftschiffer über die Welt erheben, noch einmal an Sie zu schreiben. Wir waren doch sonst, müssen Sie wissen, wohl entschlossen, bei unseren Bekannten und Freunden keine Karten p. p. c. abzugeben. Ja, die Welt ist eine wunderliche Einrichtung! – – Leben Sie wohl, unsere liebe, liebe Freundin, und seien Sie auf Erden, wie es gar Wohl möglich ist, recht glücklich! Wir, unsererseits, wollen nichts von den Freunden dieser Welt wissen und träumen lauter himmlische Fluren und Sonnen, in deren Schimmer wir, mit langen Flügeln an den Schultern, umherwandeln werden. Adieu! Einen Kuß von mir, dem Schreiber, an Müller; er soll zuweilen meiner gedenken, und ein rüstiger Streiter Gottes gegen den Teufel Aberwitz bleiben, der die Welt in Banden hält. –

(Nachschrift von Henriettens Hand.)

„Doch wie dies Alles zugegangen,
Erzähl’ ich Euch zu andrer Zeit,
Dazu bin ich zu eilig heut. –

„Lebt wohl denn! Ihr, meine lieben Freunde, und erinnert Euch in Freud’ und Leid der zwei wunderlichen Menschen, die bald ihre große Entdeckungsreise antreten werden.

Henriette.“
(Abermals von Kleist’s Hand.)

„Gegeben in der grünen Stube den 21. Novbr. 1811.

H. v. Kleist.“

Dem Wunsche der Verstorbenen gemäß wurden der unglückliche Dichter und seine Freundin an dem Orte der That, an dem Ufer des Wansee begraben. Der Besitzer des Bodens hatte, durch einen Aufsatz von Eduard von Bülow in der Allgemeinen Zeitung, der in die Berlins Blätter überging, veranlaßt, den Gräbern die nöthige Sorge gewidmet, sie mit Rasen belegen, umzäunen und mit Bäumen bepflanzen lassen; ein junges, schönes Mädchen, die Tochter des späteren Wirthes, hatte die Hügel mit frischen Blumen geschmückt, die sie täglich begoß. Sie werden noch öfters von Verehrern und Freunden des Dichters besucht. Eduard von Bülow beabsichtigte, einen unbehauenen Granitwürfel mit Kleist’s Namen, Geburts- und Todestag neben der jungen Eiche zu errichten, die auf dem Grabe des deutschen Dichters frisch und grün emporgewachsen ist. Er bestimmte dazu den Erlös seiner Biographie von Kleist.

Ueber die That selbst wurden verschiedene Stimmen laut, unter denen wir vorzugsweise eine Aeußerung der berühmten Rahel in einem Briefe cm ihren Freund von Marwitz hervorheben. Die ausgezeichnete Frau schrieb:

„Ich freue mich, daß mein edler Freund, denn Freund ruf’ ich ihm bitter und mit Thränen nach, das Unwürdige nicht [237] duldete; gelitten hat er genug. Keiner von denen, die ihn etwa tadeln, hätte ihm zehn Thaler gereicht, Nächte gewidmet, Nachsicht mit ihm gehabt, hätt’ er sich nur zerstört zeigen können.“

Fast gleichzeitig mit seinem Tode traf die Nachricht ein, daß der Staat Kleist eine ansehnliche jährliche Unterstützung gewähren wollte.

Es war zu spät!

Eine angeborene Reizbarkeit, zu der sich die Verzweiflung des Patrioten und, wir dürfen und wollen es nicht verschweigen, die gemeine Noth des Lebens gesellten, veranlaßte den Dichter, sich selbst den Tod zu geben.

Er hat den großen Befreiungskampf des deutschen Volkes nicht mehr erlebt; an der Schwelle jener großen Ereignisse warf er die Last des für ihn unerträglichen Daseins ab. Ueber seinem Grabe ging die Sonne wieder auf, die er für immer untergegangen glaubte. Ruhm und Anerkennung wurden ihm erst nach seinem Tode im reichsten Maße zu Theil und sein Name hoch gepriesen. – Er war ein Dichter und – ein Deutscher.

Max Ring
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Ein Besuch der Officin von Brockhaus in Leipzig.
Mitgetheilt von Albert Rottner.
(Schluß.)
Die Gartenlaube (1858) b 237.jpg

Der Maschinensaal.

Wir wenden uns nun zu den Schnellpressen, welche in einem besonders Saale im Souterrain aufgestellt sind, und durch eine Dampfmaschine von 4 Atmosphären oder 8 Pferdekraft aus der Fabrik der König Friedrich August-Hütte im Plauen’schen Grunde bei Dresden in Bewegung gesetzt werden. Wir finden hier 14 Druckmaschinen in Thätigkeit, unter diesen 2 Doppelmaschinen größten Formats, auf denen die „Illustrirte Zeitung“ gedruckt wird, 2 Doppelmaschinen mittleren Formats, 4 einfache Maschinen Lexikonformats, 3 einfache Maschinen mittleren Formats, 2 Krummzapfenmaschinen und eine Accidenzmaschine.

Die leitende Idee einer Druckmaschine ist folgende: Die Form, welche gedruckt werden soll, liegt auf einem Fundamente, das durch den Mechanismus der Maschine eine regelmäßig-wagrecht hin- und hergehende Bewegung erhält. Die Druckform hat die gewöhnliche Einrichtung, jedoch keinen Deckel und keine Rähmchen, über derselben befindet sich auf der Mitte des Weges, den sie zu durchlaufen hat, die Druckwalze, ein Cylinder oder eine große Trommel, welche mit Filz überzogen, zum Auflegen des Papiers und zum Abdrucken desselben bestimmt ist. Vor dieser Trommel befindet sich das Farbenwerk, welches aus verschiedenen Walzen besteht, die, aus dem obern Farbenbehälter die Farbe aufnehmen und an einander abgeben, bis diese endlich auf der Hauptwalze, welche die Form einschwärzt, als eine gleichmäßige Schicht verbreitet ist.

Verfolgen wir nun den Gang der Maschine in ihrer Thätigkeit. Die Form liegt am Anfange ihrer Bahn. Jetzt beginnt die Maschine ihren Gang, die Druckwalze steht fest und ein Knabe legt an bestimmten Klammern einen Bogen Papier über der Walze an, die Maschine ergreift denselben und führt ihn auf die Walze. Unterdessen ist die Form unter dem Farbenwerke durchgegangen, hat dort von der Schwärzwalze die nöthige Farbe gleichmäßig vertheilt empfangen, und langt unter der Druckwalze zugleich mit den, zu druckenden Bogen an, welcher nun den Druck empfängt, und durch Leitbänder von der Druckwalze zu einer Tafel geführt wird, wo ihn ein zweiter Bursch abnimmt und auf den Stoß legt. Die Form beginnt jetzt ihren Rückgang, wobei die Druckwalze durch die Einrichtung des Mechanismus in die Höhe gehoben wird, um mit derselben nicht in Berührung zu kommen, und gelangt wieder an den Ausgangspunkt, um dasselbe Spiel zu wiederholen.

Die geographisch-artistische Anstalt.

Unter dieser Firma sind die technischen Zweige der artistischen Abtheilung vereinigt, welche aus einer Stahl- und Kupferdruckerei, aus einer lithographischen Druckerei und aus einem Atelier für [238] Zeichner und Lithographen, sowie für Stahl- und Kupferstecher besteht.

Die Druckausführung der Stahl- und Kupferplatten unterscheidet sich von dem Buchdruck hauptsächlich dadurch, daß sie nicht durch senkrechten Druck von oben nach unten vermittelst einer Schraube bewirkt, sondern daß die Platte zwischen zwei über einander liegende Walzen gewaltsam hindurchgeschoben wird. Beide Walzen sind so an einander gestellt, daß sie auf den Drucktisch, der sich zwischen beiden befindet, einen sehr starken Druck ausüben. Wird nun der einen Walze eine drehende Bewegung mitgegetheilt, so nimmt auch die andere Walze dieselbe an, und durch die Reibung wird der Drucktisch mit den darauf befindlichen Gegenständen, die aus einer Unterlage, dann der Platte mit dem zum Abdruck bestimmten Papier und einer Ueberlage nebst dem Drucktuche bestehen, zwischen den Walzen durchgezogen und der Abdruck vollendet. Die ersten Abdrücke von einer Platte fallen rauh aus; die besten finden sich unter den ersten Hunderten. Bei den Kupferplatten kommt es auf die Manier an, in der der Stich ausgeführt ist, wie viel Abdrücke man davon gewinnen kann. Von einer mit hohem Grabstichel gearbeiteten Platte können 1500 vollkommene Abdrücke gemacht werden; eine in Radirmanier scharf ausgeführte und tief geätzte Platte gibt 500 gute und eben so viel schwache Abdrücke. Eine geschabte Platte pflegt nur 100 bis 150 Abdrücke zu liefern. Von einer gut ausgeführten Stahlplatte lassen sich dagegen 5 bis 10 Tausend gute Abdrücke gewinnen, weshalb man sich des Stahlstichs auch besonders zu solchen Kunstwerken bedient, von denen ein starker Absatz zu erwarten ist.

Die Lithographie oder der Steindruck ist die von Aloys Sennefelder gegen Ende des vorigen Jahrhunderts erfundene Kunst, auf Kalkstein sowohl Umrisse als völlig vollendete Zeichnungen in jeder beliebigen Manier hervorzubringen, und diese durch den Druck zu vervielfältigen. Das technische Verfahren der Lithographie beruht hauptsächlich auf chemischen Grundsätzen, und richtet sich nach der Manier, in der die Zeichnung ausgeführt wird. Die Zeichnung, die vor jedem Abdruck mit einem feuchten Schwamme überfahren wird, nimmt die Schwärze auf, ohne daß diese auf dem übrigen Stein haften bleibt, was durch das Anfeuchten verhindert wird. Ist auf diese Weise die Zeichnung völlig eingeschwärzt, so wird das Papier, schwach befeuchtet, darauf gelegt, das Ganze mit einem in Rahmen ausgespannten Leder bedeckt, und so durch die Presse gezogen.

Die großen Vortheile der Lithographie, welche hauptsächlich in einer leichten und billigen Herstellung von Kunstblättern bestehen, haben sie schnell in die entferntesten Länder verbreitet; als Kunst hat die Lithographie aber in der neueren Zeit solche Fortschritte gemacht, daß ihre Leistungen mit den besten Kupferstichen wetteifern.


Außer den erwähnten drei Hauptabtheilungen der typographischen Production finden wir noch fast alle auf diesem Gebiete mitwirkenden Künste und Hülfsgewerbe vertreten, wie das Bedürfniß deren Anwendung und Ausdehnung hervorgerufen hat. Unter diesen erwähnen wir die galvanoplastische Anstalt, das Atelier für Holzschneidekunst, das Atelier für Gravir- und Stempelschneidekunst, die Buchbinderwerkstatt und die mechanische Werkstätte. Die letztere beschäftigt sich vorzugsweise mit dem Bau von Maschinen, welche in der Technik der Typographie praktische Anwendung finden. Aus ihr gehen die schon erwähnten Letterngießmaschinen hervor, wovon bereits nahe an 100 gebaut und verbreitet sind; nächstdem haben die neu construirten Zifferndruckmaschinen und die Paginirmaschinen die bedeutendsten Erfolge gehabt, welche bei Herstellung der jetzt so zahlreich producirten mit fortlaufenden Nummern versehenen Geldzeichen, Werthpapieren und Documenten die wesentlichsten Vortheile darbieten.

Als der Stamm aller dieser Geschäftszweige ist die Buchhandlung von F. A. Brockhaus zu betrachten, welche nun über ein halbes Jahrhundert besteht, und den Verlags-, Sortiments- und Commissionsbuchhandel umfaßt.


Wir haben unsere Leser durch die Werkstätten der Officin von F. A. Brockhaus geführt und in der vorstehenden Darstellung ein übersichtliches Bild zu entwerfen versucht, welche Stadien die literarischen Productionen in ihrer technischen Herstellung zu durchlaufen haben; es dürfte aber auch von dem allgemeinsten Interesse sein, noch einen Blick auf die typographische Production des gesammten Königreichs Sachsen zu werfen, um deren Umfang und Resultate in Ziffern darzustellen. Wenn diese Angaben in Folge mangelhaften Materials an Zuverlässigkeit und Genauigkeit auch noch Manches zu wünschen übrig lassen, so dürften sie doch, gestützt auf Ziffern, welche die gemachten Erfahrungen darbieten, im großen Ganzen als ein annähernd richtiger Maßstab gelten.

Nach den Mittheilungen des Dr. Engel in der Zeitschrift des statistischen Bureaus des königl. sächs. Ministerium des Innern waren Anfang 1856 überhaupt 110 Buchdruckereien mit 91 Schnellpressen und 272 Handpressen, 64 Glättpressen und 30 Satinirmaschinen thätig, welche (mit Ausnahme von 2 Leipziger Officinen, von denen die an sie gerichteten Fragebogen nicht beantwortet wurden und die 24 Handpressen und 4 Schnellpressen beschäftigen) außer den Principalen 42 Factore, 583 Schriftsetzer mit 199 Lehrlingen und 258 Buchdrucker mit 60 Lehrlingen, außerdem aber noch 488 Markthelfer und Tagearbeiter beschäftigten. Von diesen 110 Buchdruckereien arbeiten 35 nur mit einer Handpresse, dagegen hat Leipzig in 29 Officinen 66 Schnellpressen und 141 Handpressen und Dresden in 10 Officinen 15 Schnellpressen und 32 Handpressen in Thätigkeit. Die Massenresultate dieser Arbeitskräfte genau zu bestimmen, ist kaum möglich, und die dem statistischen Bureau darüber eingelieferten Angaben bleiben jedenfalls hinter der Wirklichkeit zurück.

Eine einfache Schnellpresse liefert in einer Stunde 1000 Drucke oder 500 auf beiden Seiten bedruckte Bogen, in einem Tage zu 10 Arbeitsstunden also 5000 Bogen oder einen Ballen Papier und in einem Jahre zu 300 Arbeitstagen 1,500,000 Bogen oder 300 Ballen.

Um aber dieses Resultat zu erreichen, müßte die Maschine während dieser Zeit ohne Unterbrechung fortarbeiten und daher ein und dieselbe Satzform drucken. Da dies aber in Wirklichkeit nicht stattfinden kann, so kommen auch ganz andere Resultate zur Erscheinung. Jeder Druckausführung geht eine Operation vorher, welche das Zurichten der Druckform genannt wird und darin besteht, die Druckform so auf das Fundament der Presse niederzulegen und in allen ihren Bestandtheilen zu prüfen, daß die Abdrücke fehlerfrei und sauber hervorgehen. Da nun jede Bogenseite eine Druckform bildet, so muß auch, sobald die bestimmte Anzahl Exemplare der Auflage davon gedruckt ist, eine neue Form zugerichtet werden, und je kleiner die Auflage ist, desto öfter wird diese Operation nöthig, desto mehr Zeit wird die Presse unthätig und desto kleiner das Massenresultat der gewonnenen Drucke sein.

Die Zeit, welche das Zurichten der Form in Anspruch nimmt, ist je nach Beschaffenheit derselben verschieden; je complicirter und kunstvoller der Schriftsatz ist, desto mehr Sorgfalt und Urtheil erfordert die Zurichtung, und der Druck von Illustrationen bietet daher die meisten Schwierigkeiten durch eine wahrhaft künstlerische Zurichtung der Form dar. Wenn wir nun beispielsweise eine Auflage von 2000 Exemplaren annehmen, so wird die Maschine zum Druck einer Bogenseite 2 Stunden nöthig haben und dann wieder so lange stillstehen, bis die neue Form zugerichtet ist, was 11/2 bis 3 Stunden, bei illustrirtem Drucke auch noch länger dauern kann. Anders gestaltet sich freilich das Resultat bei großen Auflagen, vielleicht bei 5 bis 10,000 Exemplaren, denn dann kann die Maschine 5 bis 10 Stunden lang ununterbrochen fortarbeiten, ehe eine neue Zurichtung der Form nöthig wird; indessen werden doch die meisten Druckerzeugnisse nicht in so großen Auflagen gedruckt. Aber auch außerdem treten noch mannichfache Umstände und Hindernisse der fortgesetzten Druckausführung entgegen, sowie die zahlreichen Accidenzarbeiten ungleich mehr Zeit in Anspruch nehmen, so daß sich das Resultat der möglichen Leistung in der Wirklichkeit bedeutend reducirt.

Nach den gemachten Erfahrungen läßt sich nun als Durchschnittsziffer annehmen, daß eine Handpresse in einem Jahre wenigstens 30 Ballen Papier oder 150,000 Bogen auf beiden Seiten bedruckt; die Leistungen einer einfachen Schnellpresse sind denen von 31/2, bis 4 Handpressen gleichzustellen und hiernach läßt sich das Massenresultat der Production ziemlich genau bestimmen.

Unter den 91 Schnellpressen Sachsens befinden sich 4 mit 2 Cylindern, welche das Doppelte liefern, und es würden demnach 95 einfache Schnellpressen und 272 Handpressen in einem Jahre mindestens ein Papierquantum von 18,135 bis 19,560 Ballen, durchschnittlich also 19,000 Ballen bedrucken.

[239] Fragen wir nun nach dem Capitalwerth, den die Herstellung dieser Massenproduktion in Anspruch nimmt, so können wir natürlich ebenfalls nur eine Wahrscheinlichkeits- oder Durchschnittsrechnung aufstellen, da die Ausführung des verschiedenartigsten Satzes und Druckes, die Qualitäten der Papiersorten und endlich das Honorar für die geistige oder speculative Production in jedem speciellen Falle die entscheidenden Factoren bilden. Wir müssen daher auf Grund der uns vorliegenden statistischen Angaben und eigener Erfahrung für jeden dieser Factoren eine Durchschnittsziffer annehmen, welche durch die gegenseitige Ausgleichung in der Massenproduction der Wirklichkeit auch ziemlich nahe kommen wird.

Die mechanische Herstellung in Satz und Druck läßt sich durchschnittlich auf einen Ballen mit 30 Thlr. annehmen und beträgt für die Massenproduction Sachsens von 19,000 Ballen 570,000 Thlr. Den Anschaffungswerth des Papiers berechnen wir nach den jetzigen Preisen im Durchschnitt für einen Ballen mit 20 Thlr., im Ganzen also mit 380,000 Thlr. Der Geldwerth für die geistige und speculative Production reducirt sich auf das Massenverhältniß eines Ballens zu 35 Thlr. und beträgt im Ganzen 665,000 Thlr. Die Gesammtproduction Sachsens würde hiernach also in einem Jahre ein Herstellungscapital von 1,615,000 Thlr. in Anspruch nehmen. Hieran hat Leipzig einen Löwenantheil: aus seinen Officinen gehen allein über 12,000 Ballen Druckerzeugnisse hervor, welche ein Anlagecapital von über eine Million Thaler repräsentiren.

Diese Resultate bieten uns aber noch nach einer andern Seite hin Stoff zur Betrachtung. Wenn wir nämlich die literarischen Zwecke in Betracht ziehen, denen diese Production Sachsens dient, so finden wir, daß mehr als der dritte Theil dieser Massenproduction auf die Zeitschriftenliteratur kommt.

Es erschienen Anfang 1856 überhaupt in Sachsen 202 Zeitungen und Zeitschriften in 343,883 Exemplaren, deren Auflage in einem Jahre ein Papierquantum von 35,171,311 Bogen oder 7034 Ballen 2 Ries 14 Buch in Anspruch nahm. Von diesen 202 Zeitschriften erschienen 4 täglich, 7 wöchentlich 6 Mal, 40 wöchentlich 2 bis 4 Mal, 94 einmal, 33 erschienen monatlich 1 bis 4 Mal, 13 jährlich 4 bis 13 Mal und 11 haben eine unbestimmte Zeit des Erscheinens.

Hinsichtlich der Massenproduktion stehen die politischen Zeitungen, Tage-, Wochen- und Intelligenzblätter obenan; ihre Zahl beträgt 101, von denen aber 57 nicht über 500, 18 von 500 bis 1000 und 21 über 1000 bis 3000, dagegen 3 3 bis 5000 und 2 5 bis 10,000 Auflage haben; sie verbrauchen jährlich allein ein Papierquantum von 21,574,801 Bogen. Diesen zunächst stehen die Zeitschriften vermischten Inhalts, meist der Unterhaltung und Verbreitung allgemeiner Kenntnisse dienend; obgleich nur 22 an der Zahl, werden sie doch jährlich in 8,645,000 Bogen verbreitet, unter ihnen sind 8 mit 1000 bis 5000 und 3 mit über 15,000 Auflage (das illustrirte Familienjournal mit 17,000 Auflage, der Dorfbarbier mit 18,000 Auflage, die Gartenlaube mit 45,000 Auflage[1]). Der schönen Literatur, Kunst, Musik, Theater und Mode gehören 16 an, welche jährlich in 1,523,700 Bogen erscheinen. 12 sind der allgemeinen Literatur, Bibliographie und dem Buchhandel gewidmet und werden jährlich in 1,240,210 Bogen gedruckt. Die übrigen 67 dienen rein wissenschaftlichen Zwecken und nehmen zusammen jährlich 2,197,600 Bogen in Anspruch.




Blätter und Blüthen.


Lola Montez, die nächstens nach Paris kommen wird und von einem Wirth als Dame de Comptoir für 30,000 Francs engagirt ist, besuchte früher auch einmal Berlin. Es war im Jahre 1843. Sie war zum ersten Male da, und ist auch nachher nie wieder hingekommen, denn es ging ihr schlecht dort. Mit der preußischen Polizei und den preußischen Criminalgerichten konnte auch Lola Montez nicht spaßen, und wäre der König nicht gewesen, es wäre ihr noch schlechter ergangen.

In den Herbstmonaten des Jahres 1843 befand sich auch der russische Kaiser Nikolaus in Berlin. Zwischen Nikolaus und Lola theilte sich die Aufmerksamkeit des Publicums. Das Publicum ist nun einmal so, überall, und das Berliner erst recht.

Am 17. September war in der Hasenheide bei Berlin eine große Parade zu Ehren des Kaisers Nikolaus, bei der auch Lola Montez nicht fehlte. Sie that, als wenn die Parade ihr zu Ehren sei. Sie flog zu Pferde heran, und ritt mitten durch die dicksten Haufen von Menschen, als wenn sie ein großer Herr, und sie durchbrach die Reihen der Soldaten, als wenn sie ein Feldherr sei. Sie mußte und wollte überall dabei sein und im nächsten Gefolge der regierenden Häupter.

Einem alten Wachtmeister von der Gensd’armerie wurde das doch zuletzt zu arg. Er ritt auf sie zu, und empfahl ihr sehr höflich – die Gensd’armen konnten damals noch sehr höflich sein –, daß sie sich mehr zurückhalten und die Leute nicht belästigen möge. Sie antwortete ihm mit einem derben spanischen Fluche und einem derben Schlage ihrer Reitpeitsche über das Gesicht.

Der alte Gensd’arm war verständig genug, auf der großen Parade, in der Nähe der Monarchen und im Angesichte von mehr als hunderttausend Zuschauern, keine weitern „Maßregeln“ zu ergreifen, die nur einen noch größern Skandal gemacht hätten.

Sein Vorgesetzter sah aber am andern Tage die Sache anders an. Ein Gensd’arm, gar ein Wachtmeister der Gensd’armen, aus feierlicher Parade, in der nächsten Nähe Allerhöchster Herrschaften, mit einer Peitsche in das Gesicht geschlagen! Der alte, brave Officier hatte keinen Ausdruck für das Schändliche, Empörende dieses Verbrechens. Er trug bei dem Criminalgerichte zu Berlin auf Bestrafung der „spanischen Tänzerin Lola Montez, zur Zeit in Berlin sich aufhaltend, und im Hotel de Russie logirend“ an.

Lola Montez wurde zum Criminalgerichte vorgeladen. Und dabei beging sie ein zweites schweres Verbrechen. Dem Criminalboten, der ihr die Vorladung überbrachte, zerriß sie das Papier vor der Nase, und die Stücke warf sie ihm vor die Füße. Das war gar Schmähung der Verordnungen der Obrigkeit. Eine zweite Untersuchung gegen Lola Montez. Sie lachte dazu.

Aber sie hatte viele Bekannte in Berlin, nicht blos unter den Officieren, sondern auch unter den Kammergerichts-Referendarien. Die letzteren setzten ihr auseinander, daß sie für ihre beiden schweren Verbrechen eine Strafe von mindestens drei Monaten Gefängniß, vielleicht sogar im Ochsenkopf (dem Berliner Arbeitshause) bekommen könne, und riethen ihr, als einziges Mittel, dieser Strafe zu entgehen, ein Begnadigungsgesuch an den König an.

Drei Monate Gefängniß, gar im Berliner Ochsenkopf, dem unfreiwilligen Versammlungsorte der gemeinsten Bummler und liederlichen Dirnen Berlins, das war der Tänzerin doch zu viel. Sie bat einen der Referendarien, ihr das Begnadigungsgesuch zu machen, und sandte es an den König ab.

Friedrich Wilhelm IV. hatte eigenhändig auf das Gesuch geschrieben, buchstäblich, wie folgt:

Mlle. Lola ist ein unartiges Kind und hübsches Mädchen, deren Betragen wir nicht so genau zu nehmen haben, da uns ihre Erziehung nicht anvertraut ist. Die Polizei-Behörde hat dafür zu sorgen, daß sie Berlin schleunig räume, und ist ihr ihr Paß sogleich zuzustellen.

F. W.

An den Polizei-Präsidenten von Puttkammer.“

Ein Datum hatte der König nicht beigefügt; der Polizei-Präsident hatte den Befehl am 3. Oktober erhalten.




Psychisches Telegraphiren. Aus Newyork schreibt uns ein Herr Ludwig H – ss – (geborner Sachse) in vollem Ernste: „Bisher telegraphirte man nach zwei bekannten Arten. Bei der ersten ist ein beweglicher Apparat in Thätigkeit, dessen Theile durch Auf- und Niedergehen eine Anzahl Figuren bilden, die bestimmte Worte oder Begriffe bedeuten. Diese ist längst abgethan durch die zweite, jetzt allgemein gebräuchliche, mittelst des elektro-magnetischen Apparats.

„Eine dritte, bis jetzt wenig oder gar nicht bekannte Methode ist aber das „Freie Telegraphiren“ oder das Telegraphiren ohne alle mechanische oder physikalische Hülfsmittel nur durch den Gedanken selbst. Der Gedanke geht mit Hülfe entsprechender Willensstärke an den Ort seiner Bestimmung, er kennt keine Zeit, Entfernung oder sonstige Hindernisse, und nur der freie Wille des Objectes steht hindernd in dem Wege, wenn Versuche mißglücken.

„Wenn auch diese Methode, was den praktischen Nutzen anbetrifft, weit hinter den beiden vorhergehenden steht, so übertrifft sie doch dieselben an Schnelligkeit, wirft ein neues und helles Licht auf die Thätigkeit des menschlichen Geistes und löst das Räthselhafte der Ahnungen. Wenn man dann die Stärke eines gewöhnlichen Gedankens mit der Stärke eines Gedankens der Todesangst vergleicht und dabei das Freie Telegraphiren in Betracht zieht, so kann man sich die bekannten Ahnungen auf ganz natürlichem Wege erklären.

„Um dem geehrten Leser zu zeigen, wie verfahren werden müsse und wie der Unterzeichnete selbst dazu gekommen ist, lassen wir Nachstehendes folgen.

„Vor etwa zwölf Jahren hatte Schreiber dieses einen öffentlichen Vortrag über das menschliche Auge gehalten, war dabei auf den Gedanken gekommen, die Ursache, Kraft und Wirkung des Blickes zu verfolgen und zu prüfen und stellte zu diesem Behufe eine Menge Versuche an. Es wurde gefunden, daß der Blick stets auf das Object wirke, gleichviel, ob das Auge des Objectes getroffen wird oder nicht. Betrachtet man z. B. einen vor sich Hergehenden, so dreht sich derselbe um. ohne zu wissen, weshalb, ausgenommen, wenn es ein Bekannter war. Sah man aus einem finstern [240] Räume in einen hellen, wo ein beliebiger Mensch in Ruhe dastand oder saß, so währte es nicht lange und die Person stand auf, wendete den Kopf oder eilte wohl gar fort, obgleich der Beobachter durch eine enge Ritze sah und durchaus nicht gesehen werden konnte. Blickt man ein schlafendes Kind eine Weile an, so wird es sich regen und endlich erwachen.

„Unsere nächste Aufgabe war es nun, zu ermitteln, ob nicht der Gedanke die Ursache dieser auffallenden Erscheinung sei. Zu diesem Behufe wurden nun fortgesetzte Versuche angestellt und nun Objecte nicht mehr betrachtet, sondern an sie gedacht, verschiedene Alter und verschiedene Entfernungen gewählt, mit ihnen geistig correspondirt und wirklich ausgefunden, daß der Gedanke gleich einem elektrischen Funken überspringt. Die überraschendsten Versuche gelangen mir im Kreise meiner Familie und es kam sehr häufig vor, daß mein eben gefaßter Gedanke von einem der bei mir stehenden Kinder fast mit denselben Worten ausgesprochen wurde, und zwar geschah es meist augenblicklich. Diese Versuche gaben oft zu vielem Vergnügen Anlaß, zumal wir nie an Personen telegraphirten, bei welchen wir eine Beleidigung vermuthen konnten. Am häufigsten gelang das Telegraphiren mit einem Herrn .... aus Leipzig, welchen wir regelmäßig citirten, wenn Briefe an ihn zum Abholen vorlagen. Einer der interessantesten Versuche wurde mit einem jungen, eben über See gekommenen Manne gemacht, wo wir bei Zeugen telegraphieren, die Zeit genau aufschrieben und ihn bei seiner Ankunft ausfragten, wann er den Entschluß gefaßt habe, zu uns zu kommen; die Zeit stimmte mit der unsrigen so genau überein, daß der Beweis damit geliefert war, daß der Gedanke selbst bis zu einer Viertelstunde Weges in demselben Augenblicke hingelangt war.

„Allmählich dehnten wir unsere Operationen so aus, daß wir uns nicht nur allerlei Modifikationen und Seitenversuche erlaubten, sondern daß wir sie nach allen Richtungen und Entfernungen gehen ließen. So fanden wir, daß das Telegraphiren zwischen Newyork und Albany, zwischen Newyork und Chicago gerade so leicht auszuführen war, wie nach einer Straße der Stadt Newyork, nur bleibt es unerklärlich, daß man seine Gedanken an eine Person senden kann, welche man gar nicht wohnen weiß und auch lange Zeit nicht gesehen hat.

„Endlich wagten wir uns über’s Meer und auch hier waren zwei Versuche nach Wunsch ausgefallen, der eine zwischen Sachsen und Newyork, wo jedoch die Zeit nicht bestimmt werden konnte, der zweite zwischen Hessen-Cassel und Newyork, und bei letzterem wurde am Abend nach sieben Uhr telegraphirt und am frühen Morgen des nächsten Tages war die Wirkung hier. Es wurden bei letzterem Versuche ebenfalls Zeugen hinzugenommen, die Zeit genau aufgeschrieben und gewartet, bis das nächste Dampfschiff einen Brief brachte. Alles traf pünktlich ein und die Zeit stimmte, nur vermuthen wir, da eine Nacht dazwischen war, daß dies die Wirkung um mehrere Stunden verspätet hat. Die nächsten Versuche sollen nun mit Hülfe genauer Tabellen fortgesetzt werden.

„So sind noch eine Menge Versuche gelungen, welche aufzuzählen sicher ermüden würde, und wir heben nur hervor, daß schon oft wichtige Entdeckungen, z. B. astronomische Berechnungen u. s. w. zu ganz gleicher Zeit an ganz entfernten Orten gemacht und veröffentlicht wurden, ohne daß Einer von dem Anderen vorher etwas erfahren hatte.

City Newyork.
Ludwig H–ss–.“



† Adolf Schults. Am 2. April. Deutschland hat einen schweren Verlust zu beklagen. Am 2. April in der Frühstunde starb nach langem Siechthum der Dichter Adolf Schults in Elberfeld.

In ihm ist uns ein Talent entrissen, was in seiner Art zu den bedeutendsten gehörte, welche die deutsche Literatur besitzt. Wir haben keinen Dichter, der die Poesie des Hauses so tief erfaßt hätte, wie Schults, und die Leiden und Freuden des häuslichen Heerdes mit solcher Innigkeit und solcher Wärme des Gefühls ausgesprochen. Viele seiner dahin gehörigen Gedichte, namentlich in „Haus und Welt“ und im „Harfner am Heerde“ stehen geradezu einzig da. Wir erinnern unsere Leser nur an das neulich abgedruckte illustrirte Gedicht: Abends, wenn die Kinder mein etc.

Wir sehen, was er geworden ist, und wir fühlen, was er hätte werden können, wenn das Glück, das gewohnt ist, an tausend Unwürdige seine Schätze mit vollen Händen zu verschleudern, ihm nur so viel gewährt hätte, um sich frei entfalten zu können. Aber die Arbeit des Tages (er war Commis im Hause der Herren Simon’s Erben) mußte für ihn und die Seinigen das Brod erringen; ihm selbst gehörten nur die wenigen Abendstunden und die Stunden der Nacht. Körperlich und geistig müde und abgespannt, schuf er dennoch da seine Lieder voll Duft und Frische, und seine epischen Dichtungen, den „Luther“, den „Servet“ und den „Ludwig Capet.“ – Diese stillen Stunden des Schaffens, es waren die Sonnenpunkte in seinem Leben; sonst hat es nur selten ein freundlicher Strahl erhellt, wohl aber war es reich an gescheiterten Hoffnungen, zerstörten Plänen, an Jahren voll herben Kummers! Das hat ihn vor der Zeit aufgerieben. Man sagt oft, das Talent wachse unter dem Drucke; wo aber der Druck zu stark wird, da geht es zu Grunde, und Schults ist mitten in seiner Entwickelung zu Grunde gegangen. Ein Dichtergemüth, wie er es im Busen trug, mußte zuletzt unter den anstürmenden Sorgen, wirklichen und eingebildeten, erliegen.

Mit Schults starb einer der edelsten Menschen. Er war in Allem Muster, ein liebender Gatte, ein sorgsamer Vater, ein aufrichtiger Freund, – überall ganz offen, wahr und ohne Falsch! Was seine Familie und seine Freunde an ihm verlieren, das ist so hart und schwer, daß es gar nicht zu sagen ist!

Wir können es nicht unterlassen, sein letztes Gedicht, das er wenige Tage vor seinem Tode niederschrieb, hier mitzutheilen, und sind überzeugt, daß es jeden Leser auf das Tiefste ergreifen wird.


Friedhof, drauf mein Vater ruht,
Deine Weiden seh’ ich winken!
O, mich dünkt, sie meinen’s gut:
Ruhe, Ruhe soll ich endlich trinken.

5
Aber nein, ihr Winker, nein,

Darf noch nicht bei euch erscheinen!
Augenpaare, groß und klein,
Sieben Augenpaare würden weinen!

O, und eins, das Tag und Nacht

10
Jene sieben mußte lenken,

Das für mich gefleht, gewacht, –
Würde trostlos seine Wimper senken.

Du, o meines Vaters Geist,
Kannst du mir kein Zeichen senden,

15
Das Genesung mir verheißt?

Das da sagt: noch einmal wird sich’s wenden?

Still! die Weiden auf der Gruft
Lassen ab von ihrem Winken, –
Soll in Gottes reiner Luft

20
Ich noch einmal mir Genesung trinken?


Du, mein Vater, habe Dank,
Daß für mich dein Ohr noch offen!
Ach, dein Sohn, so schwach und krank,
Will noch einmal hoffen, hoffen, hoffen!

* * *

Wie wir hören, ist in Elberfeld eine Subscription zu Gunsten seiner zahlreichen Hinterlassenen eröffnet worden, an der sich die reichsten Häuser mit namhaften Summen betheiligen werden. – In einer der nächsten Nummern werden wir Portrait und Biographie des Frühverschiedenen bringen.





Braunschweig geht in den kommenden Jahren mancherlei Conflicten entgegen, wenn der ältere, in Paris lebende Herzog Karl den jüngeren, jetzt regierenden überleben sollte. Entweder tritt dann der Herzog Karl in seine vollen Regierungsrechte wieder ein, oder es wird, da bekanntlich der deutsche Bundestag die Regierungsfähigkeit des Verbannten bezweifelt, eine Regentschaft aus die Zeit seines Lebens für ihn eingesetzt, oder der König von Hannover, dem die braunschweiger Lande nach Absterben der jetzigen Linie zufallen, sieht die Erbschaft bereits als zugefallen an und nimmt das Herzogthum für sich in Besitz, um es sofort mit seinem Königreiche zu verbinden. Das Letztere wäre im Interesse des gut regierten Herzogthums am wenigsten zu wünschen, auch werden sich die braunschweiger Staatsdiener, die meist einer freien Richtung huldigen, sehr wenig in der Rolle als königliche Diener gefallen. – Ueber den Aufstand der Stadt Braunschweig am 6. Septbr. 1830 und den Herzog Karl selbst ist übrigens vor Kurzem in Leipzig ein Buch in actenmäßiger Darstellung erschienen, das mit großer Unparteilichkeit geschrieben ist und mancherlei Aufschlüsse bringt, die bis jetzt unbekannt waren.




Berichtigung.[2] In Nr. 14 der Gartenlaube kommt in dem Artikel: „Heimgegangene, von Herrn. Marggraff“ in Bezug auf Jahn eine Stelle vor, die einer Berichtigung bedarf.

Jahn hat nämlich während der Erleidung seiner Festungsstrafe in Küstrin und Kolberg niemals in Ketten und Banden gesessen, wie der Verf. angibt, und wissen dies seine noch heute hier lebende Wittwe und der Unterzeichnete, ein näherer Bekannter von ihm, ganz genau. Wenn nun aber der Verf. sogar noch überdies anführt, daß Jahn in den Freistunden mit den auf dem Walle liegenden Kanonenkugeln athletische Uebungen angestellt, sich auch der nöthigen Leibesbewegung halber auf demselben hin- und hergewälzt habe (wiederum sehr unglaublich und ganz unwahrscheinlich, weil doch wohl jeder intelligente Turner sich noch auf andere Weise auf dem ihm gebotenen Räume nützlichere Bewegung verschafft haben würde, als sich im Staube und Schmutze herumzusühlen), so fällt die pikante Behauptung eigentlich schon dadurch in sich selbst zusammen, daß es einem mit Ketten Belasteten wohl an und für sich schon unmöglich sein dürfte, dergleichen gefährliche athletische Spiele vorzunehmen, wozu doch die volle freie Bewegung des Körpers durchaus erforderlich ist. Eduard Fiedler in Freiburg a. d. U.




  1. Gegenwärtig ist die Auflage der Gartenlaube bis auf 70,000 gestiegen.
  2. Die Redaction der „Gartenlaube“ hat die Güte gehabt, mir die vorstehende sogenannte Berichtigung vor deren Abdruck zur Einsicht mitzutheilen. Ich kann dagegen nur bemerken, daß Jahn selbst zu verschiedenen Zeiten und gegen verschiedene Personen behauptet hat, eine Zeit lang in Küstrin Ketten getragen zu haben, wie das mir auch von meinem verstorbenen Bruder, einem Augen- und Ohrenzeugen, erzählt worden ist. Dieselbe Behauptung findet sich in Pröhle’s bereits 1855 erschienenem Buche über Jahn. Da ich dieses gerade nicht zur Hand habe, so kann ich nur aus W. Alexis’ Aufsatz darüber in den „Blättern für literarische Unterhaltung“ die betreffende Stelle mittheilen. Hier heißt es in Nr. 12, Jahrgang 1856, Seite 211: „Er soll, was wir aus der Pröhle’schen Biographie erfahren, einige Zeit in Küstrin Ketten getragen haben!“ Freilich nur eine Zeit lang, und vielleicht eine nur sehr kurze Zeit; auf wessen Anordnung, können wir nicht wissen. Von seinen Uebungen auf den Wällen mit Kanonenkugeln u. s. w. ist nicht blos von einem, sondern von mehreren Augenzeugen berichtet und später von Jahn gegen mich selbst bestätigt worden; Recke u. s. w. gab es ja dort nicht. Entweder fielen diese Spaziergänge auf den Wällen bereits in die Zeit, wo er überhaupt nicht mehr in Ketten saß, oder man nahm sie ihm für die Freistunde ab, in welcher es ihm gestaltet war, sich unter militairischer Begleitung in freier Luft zu erholen.
    Herm. Marggraff.