Die Gartenlaube (1872)/Heft 18

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1872
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[285]

No. 18.   1872.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Beim Alten am Sulzberg.


1.


„Vater, da schau’ auf! Ist das ein Nebelgeier, der da droben kreist, oder gar ein Adler? Er ist aber ganz kleinwinzig.“

Der von seinem Buben also Angeredete ließ seine Arbeit, einen Lederriemen, den er an einem alten Steigeisen befestigte, einen Augenblick ruhen, erhob das Gesicht zum rosig gefärbten Morgenhimmel und schaute aufmerksam nach dem bezeichneten schwarzen Punkte, der hoch über den Bergen im blauen Aether ruhig seine Kreise zog.

„Mei’, Glaasei (Nicolaus),“ war die Antwort, „das ist ein Steinadler und noch dazu ein sakrisch’ großes Thier. Den kannst alle Fruh sehen, der hat sein’ Horst drüben am G’wänd vom Riesenkopf.“

Dann setzte der Alte die unterbrochene Arbeit wieder fort und paßte mit kundiger Hand das Steigeisen an einen schwer benagelten Bergschuh. Große Eile mußte sein Geschäft nicht haben, denn häufig spähte er nach einer bestimmten Richtung hinab in’s Thal, über dem noch die Schatten der Morgendämmerung lagerten, dann wieder lauschte er mit vorgeneigtem Kopfe über den Berggrat hinaus. Dabei zwickte er das eine seiner schlauen Augen zu und ein schalkhaftes Lächeln glitt über das kluge wetterbraune Gesicht. Als er sich jetzt von dem Felsblock erhob, auf dem er gesessen, zeigte er sich trotz der auffälligen Dürftigkeit seines Anzugs als eine imponirende Erscheinung.

Das mit Silberfäden reich durchzogene Haar und der schon völlig weiße Schnurrbart ließen auf ein ziemlich hohes Alter schließen, die aufrechte sehnige Gestalt aber, das helle Lächeln und der joviale Zug um den feingeschnittenen Mund, der beim Lachen noch die weißesten Zähne zeigte, hätten Niemand errathen lassen, daß der Heu-Anderl (Andreas), der mit seinem Buben einsam hier auf dem obern Sulzberg hauste, schon hoch in den Sechzigen stand.

Wie Alles, was lebt und athmet in der frischen grünen Alpenwelt, war auch der Anderl durch und durch frisch und gesund, und wie fest und straff er noch den Körper trug, so sicher und leicht war auch sein Gang. Sein ganzes Costüm – freilich schien es nur seine Morgentoilette – bestand aus einer alten, mit mächtigen Flecken besetzten ledernen Kniehose und einem unendlich groben Linnenhemde.

Stolz aufgerichtet und einem König gleich, der auf hoher Warte sein Reich überblickt, stand der Alte so auf einem Felsvorsprung, begrüßte mit dem frohen hellen Auge seine alten Nachbarn, die gewaltigen Bergriesen rings herum, und schaute dann wieder forschend in’s Thal hinab, das jetzt allmählich aus dem Zwielicht trat. Mit Behagen lüftete er das Hemd am Halse und ließ die kühle Morgenluft über die entblößte gebräunte Brust streichen, indeß das lange graue Haar im Winde flatterte.

Ein Leben voll Gefahr und Wagniß hatte Anderl’s Glieder gestählt und seinen Geist frisch und rege erhalten. Ohne Grundbesitz, ein armer Wildheuer, genoß er von den Besitzern der umliegenden Alpenwirthschaften das Privilegium, an den fast unzugänglichen Stellen das Gras für sich mähen zu dürfen. Zwischen Klammen, an Hängen, Vorköpfen und steilen Begleiten, wo nur die Gemse heimisch war oder der Alpenhase seine Aeßung suchte, schwang er die Sense oder schnitt, festgebunden an einem Seile, mit der Sichel die würzigen Kräuter und saftigen Gräser ab.

Neben den Mühen aber, für den langen Winter seine Ziegen und eine Kuh in solcher Weise mit Futter zu versehen, war das Fallenstellen für den Heu-Anderl die beste Erholung und sein liebstes Vergnügen. Zog er auch anscheinend ganz harmlos beim Tagesgrauen mit Sichel und Sense zu Berge, hoch oben, wo nur kahle Schroffen und zerrissenes Gestein den Beginn der Schneeregion bilden, besaß der schlaue Alte ein gar gutes Versteck für seinen Stutzen. Bei mancher Last im Heutuch, die er, mit den Steigeisen sich einkrallend und mit dem schwerbeschlagenen Bergstock vorstechend, mühsam abwärts schleppte, war oft ein fetter Gemsbock der schwerste Theil.

Lächelnd schaute der Alte auf den kaum zwölfjährigen kräftigen Buben, der auch nur mit einer geflickten zwilchenen Kniehose und einem Hemde aus Sackleinewand bekleidet war und mit vier prächtigen Ziegen lustig aus der Stallthür des kleinen, ärmlichen, an den Berg gelehnten Häuschens sprang. Begierig guckte Glaasei eben wieder nach dem großen Raubvogel aus. Dieser erschien jetzt schon viel größer, er senkte sich ohne Flügelbewegung in weiter Schraubenwendung immer tiefer herab. Plötzlich hing er wie festgebannt in den Wolken. Er mußte eine Beute endeckt haben, und wirklich schoß er nun pfeilschnell in schiefer Richtung aus der Höhe und verschwand vor den Augen des nachstarrenden Knaben hinter einer Bergkuppe.

Von der hochgelegenen Hütte unseres Alten überblickte man gegen Norden eine unabsehbare Ebene, die damals, in den Zwanziger Jahren, noch von keiner Bahnlinie durchschnitten, von keiner Locomotive durchbraust war, jenes wunderschöne Thal, durch das der Inn seine grünen Fluthen in unzähligen Windungen führt. Aus den Mooren und Moosen seiner kleinen Inseln stiegen jetzt leichte Nebelschichten auf, die sich schleierartig an die Berge hingen [286] und, von der langsam aufsteigenden Sonne verdrängt, höher und höher hinaufzogen. Rechts unterschied das Auge schon Neubeuern mit seinem stolzen Schlosse, links zog eine dichte Nebelwand gegen den Schweinsteig-Kogel und den Antrettwart und ließ das schöne Brannenburg erscheinen. Immer heller schattirte sich die umliegende Bergwaldung, je mehr sie zwischen den umherziehenden Nebelstreifen sichtbar wurde, und ein immer frischeres Leben erwachte unter ihren grünen Wipfeln, durch die das Sonnenlicht in goldenen Strahlen brach. Schon zog krächzend die Walddohle in Schaaren zu Felde und der helle Schlag der Waldamsel tönte zu den Bergen herauf.

Hielt man den Blick gegen Süden gewendet, so streckte das Kranzhorn, das hier die Grenze zwischen Baiern und Tirol bildet, seine sattelförmigen Zacken in das Blaue hinein. Ihm gegenüber glänzten im jungen Sonnenlichte schon die schroffen Wände des Riesenkopfes, mit dem die hohe Matron, der Heuberg und der Petersberg sich zu einem Kranze mächtiger Riesen vereinen, die ihre Häupter in dem breiten Innstrome spiegeln, der auf seiner Wanderung aus dem schönen Tirol an ihrem Fuße vorüberrauscht.

„Vater, schau’ doch den Kaiser an!“ sagte der Bube und streckte den Arm in der Richtung nach Kufstein aus. Dort überragte die Berge alle der wilde Kaiser, ein gewaltig zerklüftetes Gestein voll nackter steiler Wände. Seine vielgezackten Schroffen funkelten in der wundervollsten Beleuchtung wie heller Silberschein und gaben ein herrliches Schlußbild zu dem großartigen Innthale.

Der alte Wildheuer verweilte nicht lange bei dem prächtigen Anblick. Er rief dem kleinen Burschen zu: „Schau lieber da ’nunter, Bub’, nach dem Inn, ob Du nicht bei Nußdorf eine Zillen (Boot) landen siehst.“

„Ja, Vater,“ sagte der Bube, als er mit vor die Augen gelegter Hand der Weisung nachgekommen war, „da oberhalb in den Weidenbüschen stoßt ein Schifferl ab, aber weit ’nunter tragt’s der Inn.“

„Sacra,“ rief der Alte eifrig und verfolgte mit den Blicken die gleiche Richtung, „sie ist’s, Bub’! Du hast ein Aug’, grad’ wie ein Falk’. Schau’ nur recht, ob nicht noch eins vom Ufer drüben abstößt, und sag’ mir’s gleich.“

Darauf zog sich der Alte eilig in die Hütte zurück, fröhlich vor sich hin murrend: „Läßt halt nicht aus, das Madel, läßt nicht aus!“

Es war Sonntag heute, und angethan mit den kurzen blauen Wadenstrümpfen und den scharfgenagelten Bergschuhen, ein schwarzes Tuch lose um den Hemdkragen geschlungen, die Lodenjoppe sammt dem Rucksack übergeworfen und den spitzen Hut auf dem grauen Haare, erschien der Alte gerade wieder unter der Thür, als Glaasei ihm zurief: „Vater, jetzt rudert eine Zillen über den Inn. Muß leicht ein Jäger sein, denn er hat ein’ Hund bei sich.“

„Ja, ja,“ nickte der Alte lebhaft und winkte mit pfiffigem Blicke in’s Thal hinab. „Gieb Dir kei’ Müh’, junger Waldschnepf, dem Heu-Anderl kannst das Spiel nicht abgewinnen!“

Glaasei hatte kaum seine Ziegen auf ihren gewohnten Weideplatz getrieben, als er zurückkehrte, um sich auch in Sonntagsstaat zu werfen. Bestand dieser auch nur in einem frischgewaschenen Hemde und dem grauen Berghute, der Glaasei bildete sich doch nicht wenig darauf ein, und wie schmuck er sich in den weiten weißen Hemdärmeln immer erscheinen mochte, er blickte doch noch viel stolzer auf den alten Filz, denn ihn schmückte der prächtigste Adlerflaum sammt zwei hohen Reiherfedern.

Von Brannenburg und Flinsbach hallten gleich Orgeltönen die Kirchenglocken herauf, die die Gläubigen von Berg und Thal zum Gottesdienste riefen. Auf allen Waldpfaden und Straßen konnte man schon festlich geputzte Landleute, dem Rufe des feierlichen Geläutes folgend, zu Thale steigen sehen.

„Glaasei, mach’, daß Du jetzt auch ’nunter kommst in die Kirch’!“ mahnte der Heu-Anderl durch eines der kleinen Hüttenfensterchen.

Der Junge, der die alte Zwilchhose inzwischen noch mit einem hirschledernen Hosenträger geschmückt, kam im Augenblick zum Vorschein und war im Nu ein Stück auf dem Bergwege hinabgeeilt. Da sprang er lustig wieder seitwärts auf einen Felsblock, von wo aus er die ganze wundervolle Ebene frei überschauen konnte, und aus der wie in lebensfrischer Bergeslust bewegten jungen Brust sandte er einen mächtig lauten Juhschrei hinab in’s Thal.

Der Alte schmunzelte beglückt dem schmucken Buben nach und schickte sich an, ihm langsam zu folgen. Es schien aber, als erwarte er noch Jemanden, denn oft blieb er zögernd stehen und horchte aufmerksam in den Wald hinein. Der vermuthete Besuch war auch schon auf dem Wege, sein Glaasei hatte ganz richtig gesehen.

Mit kräftigem Ruck wurde unten am Wasser ein Nachen an das Ufer getrieben, aus dem ein großes stattliches Mädchen an’s Land sprang. Rasch befestigte sie das Seil des Schiffchens an einem alten Erlenstamme und schlug ohne Säumen den Weg gegen Nußdorf ein.

Auch sie war im Sonntagsstaate. Ein lichtes großblumiges Seidentuch umhüllte die kräftigen Schultern und bedeckte über der vollen Brust das schwarze Mieder, das knapp und zierlich die braune Unterjacke und den faltigen Rock von gleichem Stoff umspannte. Unter dem niedrigen Hute, der nur mit einem schweren grünseidenen Bande geziert war, quollen, flach um den Kopf gewunden, die dunkelbraunen wohlgepflegten Flechten hervor, und die breite Krämpe beschattete ein Paar schwarze ausdrucksvolle Augen. Aus dem schöngeformten lebendigen Gesichte des jungen Mädchens sprach etwas wie Angst und Unruhe, das mit der frischen rosigen Färbung desselben nicht stimmte, der feurige Blick aber verrieth Muth und Entschlossenheit und jede ihrer Bewegungen Gewandtheit und rasches Handeln.

Die weite schwarzwollene Schürze des Mädchens war vorn aufgesteckt und schien vollgepackt zu sein. In der Hand trug sie eine steinerne Flasche. Sie schritt in aller Eile vorwärts, und kaum einen flüchtigen Blick warf sie noch zurück auf den Fluß, ehe sie flinken Schrittes im nahen Walde verschwand.

Das am Ausgange des Gehölzes gelegene Dörfchen Endbach hatte das Mädchen schon erreicht, und sie begann eben den untern Sulzberg hinaufzusteigen, als ein zweiter Kahn weiter oben an demselben Ufer landete.

Von fern schon ließ sich in dem neuen Ankömmling, der von einem ihn bellend und in weiten Sätzen umkreisenden Hunde begleitet war, der Jäger erkennen. Trotz der schmucken Gebirgstracht, die den schlanken jungen Waidmann trefflich kleidete, sah man bald, daß er nicht aus diesen Bergen stamme. Seine Züge zeigten nicht den derben, freien und gemüthlichen Ausdruck, seine Gestalt nicht die stramme Haltung, noch sein Gang den festen sichern Tritt des Gebirgssohnes. Das schmale ausdrucksvolle, von einem röthlichen Vollbart eingerahmte Gesicht erschien wie verdüstert von einem innern Druck. Er sah sich überall forschend um, und als er nun den untern, am Erlenstamm angehängten Kahn entdeckte, rief er mit spöttischem Lachen: „Oho, schon wieder angekommen!“ und schlug rasch dieselbe Richtung ein, die das Mädchen genommen.

Jedes der Gelandeten glaubte, von Niemand gesehen zu sein, aber nicht blos der Heu-Anderl sammt seinem Buben hatte sie von seiner hohen Terrasse aus beobachtet. Dicht am Ufer des Inns saß, gedeckt vom Weidengestrüpp, auf dem Stumpfe einer abgehauenen Weide schon lange ein Mädchen in der Tracht der Umgegend. Da sie den Kopf in die Hand gestützt hielt, konnte man vor dem breitrandigen Hute kaum das blasse Gesicht erkennen. So viel aber ließ sich doch errathen, daß die betrübte Eigenthümerin desselben jung und blond und von mittlerem, kräftigem Wuchse war. Lange starrte sie in die vorüberziehenden Fluthen und erst die nahen Ruderschläge des ersten Kahnes rissen sie aus ihrer Versunkenheit.

Mit mattem Blick schaute sie der dem Nachen Entstiegenen nach, bis sie dieselbe zwischen den Waldbäumen aus dem Gesicht verlor, dann verfiel sie wieder in ihr trübes Hinbrüten. Als aber später der Jäger landete, fuhr sie mit einem unterdrückten Schrei in die Höhe und unwillkürlich preßte sie beide Hände auf’s Mieder. Athemlos lauschend, mit weit vorgeneigtem Oberkörper und stürmisch klopfender Brust folgte sie jeder Bewegung des jungen Waidmanns, und als sie auch ihn auf demselben Pfade in den Wald verschwinden sah, sank sie wie geknickt auf den Baumstumpf zurück. Die Hände im Schooße gefaltet, saß sie lange schwer und hastig athmend. Ein Thränenstrom löste endlich die gepreßte Brust.

„O mein’ gute Mutter,“ schluchzte sie und trocknete mit der [287] Schürze die heißen Thränen aus dem sanften, einnehmenden Gesicht, „wie hast Du wahr gesagt, daß die Mannsbilder alle nichts taugen! Aber vom Maxl hab’ ich’s doch nie ’glaubt, daß er so sein G’spiel mit mir hat. Und ’s Wirths-Resei auch noch! Hat oft gesagt, der Maxl, daß ’s nicht halb so sauber (schön) wär’ wie ich und so viel keck, und daß er’s gar nie mögen könnt’. Und wie grundfalsch ist er nun! Gestern thut er mir noch so schön und bringt mir ein Sträußl und gleich d’rauf hinterbringt mir’s die alt’ Waben (Barbara), daß er schon die ganz’ Wochen der Resei nachschleicht, und ich könnt’ mich selber überzeugen. Und jetzt hab’ ich’s geseh’n, jetzt will ich aber auch von keinem Buben mehr was wissen – und bin das verlassenste Diendl auf der Welt!“

Bei den letzten Worten zog sie ein Blumensträußchen aus dem Mieder und betrachtete es voll Wehmuth. Dann nahm sie Blume um Blume und warf sie in die vorüberrauschenden Wellen, und als sie die letzte Blüthe in den Wogen treiben sah, war’s ihr, als versinke auch die letzte Hoffnung, die sie auf ihr Lebensglück gebaut. Wie kummermüde erhob sie sich, bedeckte mit den Händen das Gesicht, und während ihr die heißen Tropfen durch die Finger rieselten, schlich sie auf abgelegenen Fußsteigen zurück nach Brannenburg, von wo sie mit dem Morgengrauen an jene Uferstelle gekommen war.




2.


Das schwarzäugige Mädchen mit der Steinflasche stieg unterdessen schon rüstig den obern Sulzberg hinan. Je höher sie kam, desto tüchtiger schritt sie aus, und durch die lichte Waldung hindurch zeigte sich schon die strohgedeckte Hütte des Heu-Anderl, als sie mit einem Male neben dem Bergweg her auch dessen wohlbekannte Stimme vernahm.

„Was Tausend,“ sagte er und trat hinter einer Föhre hervor, „da ist ja gar die Wirths-Resei! Schon in der Früh’ so hoch heroben?“ Und der alte Schlaukopf stellte sich ganz überrascht.

„Grüß Gott, Anderl!“ rief ihm die Wirths-Resei lebhaft zu und streckte ihm die Hand entgegen, die der Alte herzhaft schüttelte.

„So, jetzt geh’, Alter,“ drängte das Mädchen, „geh’, heut’ mußt mich zum Franzl führen und das gleich! Seit vier Tagen weiß ich schon, daß er ang’schossen ist, und komm’ alle Früh’ ’rauf, länger halt’ ich’s jetzt nimmer aus. Muß seh’n, was mit mein’ Buben ist, wie’s um ihn steht. Und schau her, Anderl“ – hier öffnete sie ihre Schürze –, „das will ich ihm heut’ selber bringen.“

„Diendl, sei g’scheidt und folg’ mir!“ sagte Anderl mit bedächtiger Miene und vorsichtig gedämpfter Stimme. „Ich führ’ Dich schon zu Dein’ Buben, aber heut’ nicht. Meinst denn Du, der Anderl ist gar so dumm? Ich hab’ Dich schon geseh’n, wie Du vorhin über den Inn gefahr’n bist, hab’ aber auch geseh’n, daß der Jäger-Maxl von Nußdorf Dir nachstreicht und auch ’rübergefahr’n ist. Weil ich den Flößer-Franzl so gut versteckt hab’, daß ihn Keiner find’t, nicht einmal mit dem Schweißhund, denn ich hab’ die Fährt’ verwittert, jetzt denkt sich der Jäger, wo d’ Täubin alleweil hinstreicht, wird der Tauberer auch nicht weit sein. D’rum schleicht er Dir überall nach! Willst jetzt den Franzl verrathen, nachher geh’n wir hin, aber der Jäger wird uns gleich nachkommen.“

„Nix, Anderl, nix,“ sagte das Wirths-Resei heftig erregt und die schwarzen Augen blitzten, „eher kratz’ ich allen Jägern im Gebirg die Augen aus, daß s’ mein’ Buben nimmer zu seh’n kriegen!“

„Geh’ ’nüber, Diendl, nach Kirchwald,“ rieth der Alte im treuherzigsten Ton, „bet’ in der Capelle eine halbe Stund’, und unterwegs schau’ Dich fleißig um. Wenn Du nachher wieder ’rüber kommst, erzähl’ ich Dir Alles vom Franzl.“

„Ja, Anderl, ja,“ ließ sich Resei bereitwillig herbei, „ich komm’ in einer halben Stund’ wieder, aber da nimm Das jetzt und bring’s mein’ Buben.“ Damit kramte sie ihre wohlgefüllte Schürze aus und übergab ihm die Flasche.

„Gern, Resei, mach’ nur, daß Du weiter kommst!“ Und der Heu-Anderl schickte sich an, mit pfiffigem Lächeln und außerordentlicher Geschwindigkeit all’ den Proviant, den das Mädchen vor ihm auf dem thaufeuchten Rasen ausgebreitet, in seinen Rucksack zu packen.

Da kam Resei, nachdem sie sich hastig auf den Weg gemacht, noch einmal zurück und der Alte hatte kaum Zeit, eine saftige Schmalznudel sich aus den Zähnen zu reißen, als sie ihm dringlich zurief: „Erzähl’ fein g’wiß dem Franzl alles Lieb’s von mir!“

„Ja, Resei, geh’ nur, will’s schon recht machen!“ Damit wandte er, der sich eiligst Entfernenden kurz zunickend, alle Aufmerksamkeit wieder seinen Vorräthen zu, und während er fest kaute, murmelte er vergnüglich vor sich hin: „Saftig, saftig sind’s, die Nudeln, und einen Wecken Weißbrod hat sie auch mit’bracht, haben schon lang kein’s mehr gehabt. Wird da der Glaasei schau’n! Was ist denn in dem Papier drinn’?“ Dabei wickelte er ein Päckchen auf, vergnügt ausrufend: „Meiner Six, gar ein Fleisch, und noch dazu ein Braten! Freu Dich, Glaasei, heut geht’s hoch her beim Heu-Anderl!“

Dann entkorkte er die steinerne Flasche und hielt prüfend seine Nasenspitze an die Oeffnung. „Hm, hm,“ machte er, „entweder ist’s ein Kirschwasser, oder ein Nußgeist, macht aber nichts, ich nehm’ ein’ jeden. Mach’ dafür dem Franzl ein’ guten Schmarren (Gebäck aus Mehl und Schmalz), für den thut’s der auch, denn mit der Kost ging’ er mir leicht gar nimmer aus dem Nest ’raus.“

Erschrocken schleuderte er seinen vollgepackten Rucksack jetzt weit in das Gebüsch hinein und verbarg die Flasche in seiner Joppe, denn er hatte ziemlich in seiner Nähe auf dem steinigen Waldpfad Fußtritte vernommen. Ganz gemüthlich schlenderte er darauf seinem Häuschen zu und ließ den hinter ihm nachkommenden Jäger dreimal rufen, ehe er sich, eine überraschte Miene annehmend, mit dem Ausrufe umwandte: „Ah, der Jäger-Maxl! Schon so früh heut am Sonntag in die Berg heroben?“

„Du, Alter, da geh einmal her!“ rief ihm der Jäger in scharfem Tone zu. „Sag mir, gestern haben die Holzflößer drunten am Inn, gerade ehe sie abgefahren sind, einen Rehbock aus dem Gebüsch herausgezogen und haben ihn auf den Floß geschafft. Weißt nicht, Anderl, wie der dahin gekommen ist, he?“ Und er schaute dem Alten scharf in’s Gesicht, ob er kein Zeichen der Betroffenheit an ihm gewahre.

Mit dummdreister Miene gab Anderl die Auskunft: „Selber ist der Rehbock kaum hingelaufen, muß ihn schon Einer hin’tragen haben unter die Büsche – ich weiß von nichts.“

„Anderl, Anderl,“ warnte der Jäger mit erhobenem Finger, „gieb Acht, ich komm’ noch auf Deine Schlich’, nachher geht’s Dir aber auch schlecht! Du stellst Dich immer, als wüßtest Du von nichts – weißt gewiß auch nicht, wo die Wirths-Resei von Brannenburg immer hingeht, wenn’s den Sulzberg hinaufsteigt.“

„Ich bin zwar nicht die hohe Gerichtsbarkeit da heroben,“ bemerkte Anderl trocken, „aber das weiß ich schon.“

„Das kannst Du mir also sagen!“ rief der Jäger lebhaft und erfreut aus.

„Ja, nach Kirchwald geht sie ’nüber in die Capellen,“ nickte der Heu-Anderl und schaute gar aufrichtig d’rein.

„Nimm Dich in Acht, alter Lump!“ fuhr der in seiner Erwartung getäuschte Jäger gereizt auf. „Mich führst nimmer lang an der Nase herum! Sie geht wegen was Anderm herauf,“ fuhr er dann gemäßigter fort, „zu der Capelle macht man keinen so großen Umweg.“

„Was weiß ich,“ war Anderl’s gleichmüthige Antwort, „wird sich schon so verlobt (ein Gelübde gethan) haben.“

Der Jäger wandte sich unmuthig ab, pfiff seinem Hunde und schlug kopfschüttelnd den Fußsteig nach Kirchwald ein, während Anderl so laut vor sich hinbrummte, daß er es noch hören konnte:

„Ja, ja, das Madel muß was Sakrisch’ (Arges) am Gewissen haben, weil’s gar so schiech (traurig) thut.“

„Ich find’ den Franzl doch noch und müßt’ ich ihn ausgraben, wie einen Dachs aus seinem Bau,“ gab der Jäger zurück und verschwand mit beschleunigten Schritten in dem Nadelwald.

Anderl wartete noch einige Zeit, dann suchte er, leise kichernd, nach seinem gefüllten Rucksack. Da hörte er von Weitem schon seinen Buben lustig jodeln und als er ihn erblickte, winkte er ihm, eiligst herbeizukommen.

„Glaasei,“ sagte er, „jetzt steigst schnell ’nauf zu den Geißen, bleibst mir droben und schaust fleißig ’nüber nach Kirchwald. [288] Wenn von dort der Jäger-Maxl ’rüberkommt und geht auf die Mailach-Alm zu, gegen den Geißgraben hin, nachher thust ein’ Juchzer ’runter – da kenn’ ich mich schon aus. Geht er aber gegen die Daffner-Alm auf die Tellwand zu, nachher laufst geschwind ’runter zu mir.“

Als Preis für die richtige Lösung seiner Aufgabe zeigte der Alte dem Jungen eine große Schmalznudel, und als wären ihm plötzlich Flügel gewachsen, so flüchtig schoß der Glaasei davon. Er aber begab sich nach seiner Behausung und verbarg die erbeuteten Schätze in einem Wandschrank seines Stübchens, der ihm als Proviantkammer diente und in den Felsen hineinführte. Doch von der Flasche konnte er sich nicht trennen und liebäugelte noch mit ihr, als er schon wieder vor die Thür trat.

Das weite Thal erglänzte bereits im vollen Sonnenschein und glitzernd zogen die Gewässer durch die grünen thaufrischen Sommerfluren, nur die hohen Zinken und Hörner der Berge schwammen noch in einem bläulichen Duft. Auf allen Pfaden sah man die ländlichen Kirchgängerinnen wieder zurückkehren in ihre zerstreut liegenden Gehöfte. Alle männliche Begleitung fehlte, denn der Bauer, ob Gebirgsbewohner oder Flachländer, will, wenn er seinem Seelenheil genügt hat, auch den Körper nicht verkümmern lassen und richtet nach der Kirche seinen Weg gewöhnlich gleich gegen das Wirthshaus. So hatte sich die Wirthsstube in Brannenburg rasch mit Gästen gefüllt und durch das ganze Haus konnte man in allen Tonarten nach der schönen Resei rufen hören. Doch von dem flinken Mädchen, das zur Bewirthung so vieler durstigen Zecher unumgänglich nöthig war, zeigte sich keine Spur.

Die Angst um den geliebten Buben hatte die Wirths-Resei alle häusliche Sorge, alle Dienstpflicht vergessen lassen. Fest entschlossen, heute nicht zu weichen, bis sie über sein Schicksal Gewißheit habe, erschien sie wieder vor der Hütte des Wildheuers. Beinahe hätte sie ihn überrumpelt mit der Flasche in der Hand, deren Inhalt er schon mehrmals einer gründlichen Prüfung unterzogen und als ein seltenes Labsal befunden hatte.

„Ja, Resei, bist schon wieder da von Kirchwald?“ lautete sein Willkomm. „Kommt aber nicht der Maxl nach?“

„Hab’ kei’ Sorg’, Anderl,“ erwiderte das vom raschen Gang erhitzte Mädchen „so lang’ ich gemerkt hab’, daß er mir nachstreicht, bin ich den Heimweg ’gangen. Wie er das gesehen hat, ist er um’kehrt in die Berg’ ’nauf, ich bin aber durch’s Holz hinein und den graden Weg zu Dir ’rauf und geh’ jetzt nimmer fort, bis Du mir nicht Alles vom Franzl genau erzählt hast.“

„Ja, recht gern, Diendl, aber auf Eins muß ich noch warten,“ sagte der Alte und schaute eine Zeit lang nach der sonnigen, grünen Höhe hinauf, wohin Glaasei die Geißen zu treiben pflegte. Da ertönte von glockenheller Stimme ein Juhschrei, der lange in den Bergen fortschallte.

„Jetzt geh’ ’rein in d’Stuben, Madel,“ sagte Anderl vergnügt, „jetzt sind wir sicher.“

Das Mädchen hatte kaum hinter einem rohgezimmerten Tische auf der Ofenbank Platz genommen, als sie mit warmen Worten sich lebhaft an den Alten wandte.

„Anderl, ich sag’ Dir halt viel Dank, daß Du so zu uns haltst. So oft ich die Tag’ heroben war, hab’ ich Dich nie gefunden, Du hast mir aber fleißig Botschaft sagen lassen. Ich hab’ zwar gleich erfahren,“ fuhr sie geläufig fort, „was da heroben geschehen ist, und daß Du’s nur weißt, Anderl, am Mittwoch Abend sitz’ ich im Herrenstübl’ bei uns, hab’ grad’ dem Jäger von unserer Herrschaft sein Bier ’bracht, da kommt der Forstgehilf’ von Nußdorf ’rein.“

‚Heut’ hab’ ich einmal Einem da droben,‘ schreit er wie wild den Andern an, ‚am Heuberg Eins ’naufg’flickt, daß er d’ran denkt. Mich ärgert nur, daß mir der Schuß zu früh ab’gangen ist, waidwund hab’ ich ihn geschossen und tüchtig hat er geschweißt (geblutet), aber doch ist er mir aus’kommen. In’s Dickicht ist er mir ’nein, hab’ gesucht, bis ’s bald Nacht ’worden ist. Da, das hat er zurück’lassen!‘

Und da hat der rothbartete Kerl eine Joppen und ein’ Hut am Tisch ’neingeworfen. Wie ich den Hut und das schöne Sträußl’ d’rauf seh’, das ich vorige Woche erst am Markt zu Rosenheim ’kauft hab’, hab’ ich mich am Stuhl eingehalten, denn ich hab’ ’glaubt, ich muß umsinken. Um’kehrt hab’ ich mich, weil ich gespürt hab’, daß ich kasweiß ’worden bin. … Das ist ein Leid, Anderl,“ sagte sie mit nassem Blick und tiefe Wehmuth zitterte aus ihrem Ton – „und ich darf mir nichts merken lassen, denn wenn’s mei’ Godl (Pathe) erfahren thät’, daß ich einen Schatz hätt’, da wär’s geschehen um mich. Muß dem Kerl noch ein Bier auch bringen, hätt’ ihm lieber ein Rattengift hingestellt. Resei, hab’ ich nur gedacht, geht’s jetzt, wie’s will, heut’ mußt noch in der Nacht ’nauf am Heuberg – da seh’ ich, daß mir schon lang’ vom Stadel hervor Dein Glaasei zuwinkt. Denk’ Dir die Freud’, wie mir der Bub’ sagt, Du hast den Franzl gut aufgehoben, ich soll mich nicht kümmern. Anderl, das vergeß ich Dir nie, unser Herrgott wird Dir’s auch vergelten und ich bleib’ g’wiß nicht hinten. Aber jetzt verzähl’ mir nur, wie ist’s denn zu’gangen?“

„Sag’, mei’ Diendl,“ fragte der alte Schalk in wahrhaft väterlichem Ton, „wie magst denn leiden, daß Dein Bub’ auf’s Wildern geht?“

„Ja, schau, Anderl,“ sagte Resei treuherzig, „ein jeder Mensch muß sei’ Freud’ haben. Wie muß sich der Franzl nicht plagen, wenn er alle vierzehn Tag’ mit dem Holzfloß nach Passau und Linz fährt! Er muß sakrisch arbeiten im Holz droben und wenn er da ’s Wild so um sich ’rumstreichen sieht, juckt’s ihn halt auch manchmal. Ich kann mir auch nicht denken, daß unser Herrgott die Hirsch’ und Gemsen alle blos für die Herrischen erschaffen hat, und nachher thut seiner alten Mutter ein Gulden oder zwei auch manchmal wohl. Hab’ ihm zwar öfters schon ’s Wildern verboten, aber wenn er halt auf d’Nacht kommt und zieht verstohlens ein paar Gemskrickerl ’raus und sagt schön’ staad (still): ‚Resei, das ist ein Capitalbock gewesen!‘ nachher g’freut’s mich dengerscht (doch) auch wieder, und ich muß Dir sagen, Anderl,“ fügte das Mädchen mit lebhaftem Gesichtsausdruck und energischer Handbewegung bei – „ein’ Buben, der kei’ Schneid’ (Muth) hat, möcht’ ich nicht, eine Schneid’ muß er haben! Jetzt erzähl aber Du, Anderl, hast g’wiß auch mein’ Franzl recht gern.“

„Bin ihm g’rad’ nicht feind, aber die Jäger alle, die hab’ ich Dir gar so gern, so gern, daß ich Dir sie gleich fressen könnt’ mit sammt dem Rucksack,“ versicherte der Heu-Anderl mit komischem Ingrimm. „Drum thu’ ich ihnen auch manchen Gefallen. Schleicht Einer ein Wild schon staad an und ich seh’s, schrei’ ich g’wiß gleich recht laut und dumm: ‚Grüß Gott, Jäger, gute Jagd!‘ Hat mir zwar noch Keiner anders ’dankt, als mit: ‚Dich soll der Teufi holen!‘ das thut aber nichts. Pürscht Einer den ganzen Tag auf Gemsen an und ich bin in der Näh’, kommt’s mir nicht d’rauf an, daß ich ein’ Stein aus der Felswand rausschlag’ und die armen Thierl’n verspreng’. Weißt, Resei, die Freundschaft stammt noch aus der Zeit, wo mei’ Alte noch gelebt hat, aber die G’schicht’ ist jetzt zu lang zum Erzählen. Mich haben sie g’rad’ so gern, die Jäger, daß mich Jeder in’s Zuchthaus brächt’, wenn er bei mir ein Körnl’ Pulver riechet, aber der Anderl ist ihnen zu schlau. Wer den d’rankriegen will, muß früh aufsteh’n.“

„Aber, so sag’ doch, Alter, wo haben sie denn den Franzl geschossen?“ fuhr das Mädchen dazwischen, die schon lange ihre Ungeduld kaum mehr bemeistern konnte.

„Nu, das ist ganz einfach. Droben am Heuberg hat er gegen Abend ein’ Gemsbock geschossen, droben muß’s aber nicht recht sauber gewesen sein, denn er hat sich nicht ’traut, ihn aufzubrechen, und hat ihn ’runtergeschleppt bis gegen die Schöngangalm. Dort hat er ein verstecktes Platzl gefunden, sakrisch warm war’s auch, da zieht er die Joppen aus und bricht ganz gemüthlich sein’ Gemsbock auf. Aber, Diendl, weil wir jetzt g’rad’ vom Warmsein reden, mir ist ganz schwül und hab’ ein’ tüchtigen Durst – dürft’ ich nicht ein’ Schluck thun?“ Und der Heu-Anderl griff nach der Steinflasche.

„Nu, meinetwegen,“ willigte Resei ein, „aber daß noch was für’n Franzl d’rin bleibt!“

„O g’wiß!“ betheuerte der Alte und setzte rasch zu einem tiefen Schluck an. Schmunzelnd wischte er dann mit dem Aermel über den weißen Schnurrbart und fuhr neugestärkt in seinem Berichte fort:

„Hitzig, leichtsinnig, wie halt die jungen Leut’ sind, hat er sich weiter nicht umgeschaut, da schreit ihn mit einem Mal der

[289]
Die Gartenlaube (1872) b 289.jpg

Die unheimlichste Stätte in Freytag’s „Soll und Haben“.
Nach der Natur aufgenommen von B. Mannfeld in Breslau.

[290] Jäger an und hat schon auf’zogen mit der Büchs’. Der Franzl springt auf d’ Seit’, langt nach sein’ Stutzen, da hat’s aber schon geschnallt. Was will der Bub’ Ander’s thun, als daß er Alles im Stich läßt und sich auf und davon macht. Er ist ein paar Schritt’ gelaufen, hat sich schnell über eine Kampen geschwungen, ist an ’er schiefen Wand ’runtergerutscht und im Wald verschwunden. Da hat man geseh’n, daß der Jäger nicht bei uns herin in den Bergen aufgewachsen ist. Eine Zeit lang hat er gestutzt, nachher ist er wie ein Hund auf Händ’ und Füß’ ’nunterkraxelt. Da hat der Franzl lang Zeit gehabt, sich aus dem Staub zu machen. Wie ich ihn hab’ daherkommen sehen, abgehetzt und hinkend, hab’ ich gleich gemerkt, was ’s da giebt. Aber, Diendl, das viele Reden bin ich nicht gewohnt, ich bin schon wieder ganz trocken.“

Der Heu-Anderl langte mit einem fragenden Blick von Neuem nach der Flasche und während er, ohne auf Antwort zu warten, einen langen Zug daraus that, schielte er zu dem athemlos aufhorchenden Mädchen hinüber. Das Zucken in seinen Mundwinkeln verrieth, daß er sich innerlich an ihrer ängstlichen Spannung ergötzte.

„Ich bin g’rad’ an der Steinbachleiten gewesen,“ fuhr er fort, „und hab’ mein großes Heutuch ein’packt, da haben wir Zwei uns auf einen Blick verstanden, und bevor sich Einer hätt’ umschauen können, war der Flößerfranzl schon unter mein Heu versteckt. Schnell hab’ ich noch tüchtig d’raufpackt und fest zubunden, nachher hab’ ich mich ganz ruhig oben d’raufgesetzt, hab mir ein Stück Brod und Käs’ ’runtergeschnitten und hab’ mir wohl sein lassen. Hab’ kaum ein Bissen ’gessen gehabt, kommt auch schon der Jäger daher. Von Weitem hat er mich schon verdächtig angeschaut, und wie ich das bemerk’, hab’ ich ihm gewinkt, zu mir herzukommen. Ganz still hab’ ich ihm anvertraut, daß ein starker Hirsch muß gegen den Geißgraben zu sein, ob er ihn gejagt hat, denn ich hätt’ im Stangenholz ’was brechen hören und auf jeden Fall war der Hirsch auf der Flucht. Da ist er mir auf die Leimruthen ’gangen, dersel’ g’scheidt’ Maxl, da hat er spöttisch gelacht und hat mir gesagt: ‚Mei’ Anderl, wenn Du wüßtest, was das für ein Hirsch war, thät’st ihn g’wiß nicht verrathen.‘ Ich hab’ ihn d’rauf recht blitzdumm angeschaut und hab’ mich wieder auf mein Heu ’naufgesetzt. Lang bin ich noch sitzen ’blieben, denn weißt, solch ein’ Sakra ist nicht zu trauen, und erst wie ich ihn weit drinn im Wald gehört hab’, hab’ ich den Franzl, der mir bald erstickt wär’, ’raus’zogen, und jetzt ist’s am kürzesten Weg gegen die Tellwand zu’gangen. Halb und halb hab’ ich ihn freilich tragen müssen, den Franzl, so matt war er, in der Näh’ dort kommt aber ein klein’s Bachl’ ’runter vom Berg’, in dem sind wir fort’gangen, und hinter ein’ Felsen hab’ ich ihm sei’ Wunden am Fuß gut ausgewaschen. Darfst kei’ Angst haben, Diendl, ein paar Spann weit ober’m Knie ist’s ihm durch’s Fleisch ’gangen, das Bein hat’s nicht erwischt. Fest hab’ ich ihn verbunden, nachher sind wir wieder fort bis zu dem Platzl, wo zwischen den Felswänden eine enge Wasserrinne ’rauskommt.

Wenn im Frühjahr oben der Schnee geht, fallt dort ’s Wasser schön’ ’runter, und in dem ausgewaschenen Rinnsal sind wir ’naufgestiegen und da droben ist eine ganz versteckte Klamm, in der sind wir ein Stück weit fort’gangen bis zu mein’ Brückl’, wie ich’s heiß’. Eine alte Lärchen hat da ’s Wasser einmal umgerissen, die liegt überquer in der Klamm, und wenn man über die ’naufsteigt, kommt man auf eine frische grüne Platten. Hab’ oft schon den schönsten Almwegerer und Enzian dort ’runtergeholt, und da droben liegt jetzt Dei’ Schatz auf dem bestem Almheu so prächtig wie ein Prinz. Von unten ’rauf find’t ihn Keiner und von oben sieht ihn Keiner, weil ein großer Felsen d’rüber vorspringt. Jetzt mein’ ich aber, wir thaten die Flaschen da ganz weg, Resei. Mit dem Bisserl, was noch d’rin ist, könnt’ man ihn g’rad’ beleidigen, den Franzl, und das wirst auch schon gehört haben, bei einer offenen Wunde thut der Schnaps nicht gut.“

Willig ließ die Wirths-Resei geschehen, daß er die Flasche vorsorglich bis auf den Grund leerte, und sie mußte selbst lachen, als der drollige Alte ein Auge zuzwickte und mit dem andern durch die enge Oeffnung guckte, ob er keinen Tropfen mehr darin entdecken könnte.

„Diendl, Du glaubst nicht,“ sagte er, „wie frisch das inwendig macht und die alten Knochen wieder aufricht’t – ich vergelt’ Dir das Alles an Dein’ Franzl wieder. Gestern hab’ ich ihm erst ein Glasl’ Quirinlöl ’nauf und hab’ die Wunden tüchtig eingerieben. Sollst gar nicht glauben, die heilt so schön, wie bei einem frischen Hirschen. Sollst sehen, wie der Glaasei springt, wenn ich sag: ‚Geh’ ’nauf zu unserm Gefang’nen!‘ Der bringt ihm frisch’ Wasser, die beste Geißmilch, ich koch’ nachher einen fetten’ Schmarren – darfst mir’s glauben, so schön kriegt’s der Flößerfranzl gar nimmer, wie er’s jetzt hat!“

„Nu, das will ich ihm g’rad’ nit wünschen“, meinte Resei. „Glaub’ schon, daß Du für Alles sorgst, aber die Angst, daß sie ihn doch noch kriegen, die Jäger, die kann ich halt gar nicht verwinden.“

„Da laß Dir kein grau’s Haar wachsen, Diendl, dafür ist schon gesorgt. Wir Zwei gehen jedes Mal mitten durch’s Wasser zu ihm, da verliert der beste Hund die Spur, und nachher mußt wissen, hab’ ich die ganz’ Fährt’ verwittert. Dieselbe Nacht bin ich zuhöchst ’naufgestiegen auf’n Heuberg. Wie’s Glück sein will, hab’ ich den besten Wind gehabt und hab’ mich am obersten Grat auf ein Paar Gamsen angepürscht. Es war g’rad’ um Zwielicht in der Früh, da hat’s geschnallt bei mir und im Feuer ist eine schöne Gemskitz zusamm’brochen. Mit der bin ich ’nunter am Geißgraben, da hab’ ich sie erst auf’brochen, nachher hab’ ich sie nachgeschleift bis zu dem Platz, wo das dem Franzl passirt ist. Wenn jetzt der Hund auf die Fährt kommt, so geht er nimmer ab davon, und was hab’ ich schon gelacht, wenn der Jäger-Maxl mit dem berühmten Schweißhund kommt und der führt ihn allemal fleißig in’ Geißgraben ’nunter! Ein paar Tag’, wenn er noch in sein Horst droben zubringt, der Franzl, ist er schon so weit, daß wir ihn auf ein’ Holzfloß bringen, und nachher kann der Herr Maxl suchen bis am jüngsten Tag.“

Hier schwieg der Wildheuer, und das junge Mädchen, das sich jetzt rasch von ihrem Sitze erhoben, schaute mit fast kindlicher Verehrung auf den alten Freund. Alle Kümmerniß war von ihr genommen, ihr schönes lebendiges Auge leuchtete heller auf, und nachdem sie sich mit einem kräftigen Händedrucke verabschiedet, eilte sie leichten Schrittes ihrer Heimath Brannenburg zu.

Bald darauf stieg Anderl, der inzwischen alle seine Kochkunst aufgeboten, um seinen Schützling mit dem herrlichsten „Schmarren“ zu bewirthen, in heiterer Schnapslaune mit der dampfenden Speise hinauf zu den Bergen und auch der muntere Glaasei schickte sich an, mit vollen Backen und vollem Rucksack seine Geißen droben auf der duftigen grünen Matte zu besuchen.


(Fortsetzung folgt.)




Veitel Itzig’s Anfang und Ende.



Wenn eine Dichtung so zum Eigenthum einer Nation geworden ist, wie Gustav Freytag’s Roman „Soll und Haben“ den Deutschen, so darf man es schon wagen, Hauptpersonen derselben als allgemein bekannt genug anzunehmen, um sie zu Titel- Ueber- und Unterschriften zu benutzen. Vollständig gerechtfertigt ist dies bei unserer Illustration von Breslaus alter Ohle.

Noch vor wenigen Jahren floß fast durch die Mitte der schlesischen Hauptstadt ein Wasser von so nichtswürdigen Eigenschaften, daß Augen und Nasen unsäglich von ihm zu leiden hatten: die schmutzige Ohle, vom Zorn des Volkes mit dem Spottnamen „Stinkohle“ bezeichnet. Blut und Lungen mancher Generation braver Breslauer mögen durch den Pesthauch der Ohle vergiftet worden sein, aber dies geschah „von Rechtswegen“, so lange die Gerber an den Gestaden derselben ihr zunftgerechtes Gewerbe trieben. Damals sickerte sie jedoch nicht als ein elender Bach zwischen Schutthaufen hin, wie auf unserem Bilde, das sie an ihrer Mündung in einen Oderarm darstellt, sondern die scheußliche Fluth nahm die Hälfte des Brückenbogens ein, der hier vor uns steht.

[291] Es war die Hinterseite der Häuser, welche sich dieser Wasserstraße zukehrte, und gleich das erste Haus zur Rechten unserer Illustration mag das des Löbel Pinkus gewesen sein, in welchem wir den angehenden „Gründer“ s. Z., den jungen Veitel Itzig, nachdem es ihm gelungen, im Hause des Herrn Hirsch Ehrenthal seinen geschäftlichen Lebenslauf als Stiefelputzer, Laufjunge und Geschäftstheilhaber anzutreten, Nachtherberge suchen sehen. Wir vermuthen jedoch, daß er schon früher mit der Oertlichkeit in Vertrauen gekommen, denn wer sich im Finstern eine Treppe hinauf so gut zurecht zu finden weiß, wie Veitel an jenem denkwürdigen Abend, muß Herrn Pinkus’ Gelegenheit schon mehr genossen haben.

Nach Gustav Freytag’s Erzählung waren vor den kleinen Fenstern der hauslangen sogenannten Gast- und Schlafstube des Herrn Pinkus verblichene Rouleaux heruntergelassen und auf der gegenüberliegenden Langseite führte eine Thür auf eine hölzerne Galerie, welche längs der Außenseite des ganzen Hauses fortlief. Auf dieser Galerie fing Veitel die Aussicht zu bewundern an, nicht nur auf das Wasser, welches die Grundmauern der verfallenen hölzernen Gebäudereihe bespülte, sondern auch auf diese Gebäude selbst. Denn fast an jedem Hause, an jedem Stockwerk waren ähnliche hölzerne Galerien herausgebaut und durch gebräunte Balken gestützt, oft vierfach übereinander, so daß der Fußboden der obern als Regendach der untern diente.

Heute, wo er zum ersten Male allein an diesem Platze stand, bemerkte er, daß eine lange bedeckte Treppe vom Ende seiner Galerie bis hinunter an das Wasser führte; er sah, daß neben dieser bedeckten Treppe eine ähnliche am Nachbarhause hinablief, und schloß daraus, daß es möglich sein müsse, die eine Treppe hinunter- und die andere hinaufzusteigen, ohne sich mehr als die Schuhe naß zu machen; er entdeckte ferner, daß es bei dem niedrigen Wasserstande des Sommers möglich war, längs der Häuserreihe am Wasser weiter fortzugehen, und er überlegte, ob es Menschen geben könnte, welche bei Tag oder Nacht einen solchen Spaziergang für nützlich hielten. Nachtwächter und Polizeidiener wenigstens waren dort nicht zu fürchten.

Die Nutzanwendung, welche der Beobachter aus dieser Erkenntniß zog, ist in unserer Geschichte erzählt; vor Allem wissen wir, daß sie das Beste zu seinem Tode beigetragen hat.

Schon zu Veitel Itzig’s sel. Zeiten war die Gerberzunft hier ausgewandert und hatte sich in ein milderes Klima der Stadt verzogen, und statt der Thierfelle hing nur die Wäsche armer Leute an den wurmstichigen Holzbalconen und Balkenköpfen. „Noch stach die weiße, rothe und blaue Farbe der Wäsche im Abendlichte seltsam ab von dem schwarzen Holzwerk, und das Licht brach sich auf wunderliche Weise an den Säulen und Vorsprüngen der Galerie, an den rohen Arabesken der Einfassung und an den dunkeln Pfählen, welche hier und da aus dem Wasser hervorragten. Es war ein unheimlicher Aufenthalt für jedes Geschöpf, außer für Maler, Katzen oder arme Teufel.“

Von da bis zum letzten Besuche Veitel’s allhier spielen sich die Menschenschicksale ab, welche Freytag mit so herzlicher Theilnahme uns Allen haarklein verrathen hat. Veitel Itzig hat es glücklich durch all die schmutzigen Gänge, welche an der Nachtseite der Gesellschaft hin zum Mammon oder zum Zuchthause führen, bis zum verfolgten Verbrecher gebracht, und Freytag läßt uns ihn in seinen letzten furchtbaren Augenblicken schauen, deren Schauerstätte in unserm Bilde verewigt ist.

Mit schlotterndem Gebein erreicht er die alte Herberge. Seine Hand erfaßt, in jedem Straßenschatten einen Häscher fürchtend, den geheimen Drücker, er schlüpft in’s Haus, zieht die Stiefel aus, huscht die Treppe hinauf, ergreift einen Schlüsselbund, gelangt zum Schlafsaale und durch ihn zur Galerie. Die Athemzüge schlafender Menschen schrecken ihn auf, er steht vor der Treppenthür, und wankend steigt er hinab, Stufe um Stufe, bis zum Wasserrande. Mit dem Fuße sucht er den Boden, das Wasser ist gestiegen, es reicht ihm über das Knie, ehe er den Grund gefunden. Finstere Nacht und rieselnder Regen außen, und innen alle Qual der Verdammten, so watet er vorwärts tastend den gehofften Rettungsweg, oft die schlüpfrigen Pfähle umklammernd, um nicht zu sinken. Endlich ist die Treppe des Nachbarhauses erreicht, er fühlt nach den Schlüsseln in seiner Tasche, noch ein Sprung um die Ecke, und sein Fuß berührt die ersehnten Stufen. Da – doch das Ende liest der Leser am schönsten in „Soll und Haben“ selber noch einmal. Hier nur kurz: Veitel Itzig wurde im ferneren Lebenswandel durch die Stinkohle unterbrochen, weil er in ihr ertrank.

Hatte die alte Ohle hiermit auch einmal ein gutes Werk vollbracht, so wog dies doch ihre Uebelthaten gegen die athemfrohen Menschen nicht auf. Aber erst mußte sie das Maß ihrer Schandthaten im Bunde mit der Cholera erfüllen, der sie im Jahre 1866 zu einem furchtbaren Siege über Gesundheit und Leben in Breslau verhalf, ehe auch hier einer der so schwer reifenden Entschlüsse zum Durchbruch kam, der Stinkohle ihren Weg unter der Erde anzuweisen. Es muß das ein allgemein deutsches Schicksal sein, denn wir kennen viele der Ohle verwandte „Gerbergräben", an deren Beseitigung mit ähnlicher Mühe und Noth gearbeitet ward und wird. In Breslau ist’s gelungen, und sicherlich höchstens zum Bedauern der „Maler, Katzen und armen Teufel“. Schon jetzt hat unsere Illustration nur noch geschichtliche Wahrheit. Die Romantik des „Seitenbeutels“ und am Ohleausfluß, unserm Gegenstande, ist dahin, das Ohlebett ist bis zur Brückenhöhe zugeschüttet, die Holzaltane und Galerietreppen sind zwecklos geworden und, viele gleich mit ihren baufälligen Häusern, verschwunden, neue treten an ihre Stelle, die alten ziehen ein neues Gewand an, und ehe noch ein Lustrum vergeht, wird eine freundliche Verkehrsstraße ihr Leben entfalten, wo Veitel Itzig sein schlammiges Ende gefunden.

Auch den kühnen Bau, das Häuschen, welches auf zwei dünnen Beinchen sich an die Hintermauer des Allerheiligen-Hospitals lehnt, sucht der Leser vergebens; das letzte Hochwasser der Oder hat es mitgenommen.

So könnte denn schier in jeder Beziehung die Unterschrift unseres Bildes auch heißen: Tempi passati.

Fr. Hfm.




Visionen, Träume und Gespenster.


(Schluß.)


Träume und Traumbilder. – Ihre Farbenpracht und Lebendigkeit. – Von der Thätigkeit des Gehirns im Schlafe. – Die Verwandtschaft der Träume mit den Visionen. – Das Erdbeerenkörbchen Heinrich Suso’s. – Die sogenannten Vorahnungen und ihr Zusammenhang mit der lieben Eitelkeit. – Ein Wort über Gespenstergeschichten. – Vom heiligen Wahnsinn der Dichter. – Schluß und Schlußrecept.


Es entsteht nun die weitere Frage, ob auch durch Einwirkung von innen, aus dem eigenen Körper heraus, ein ähnlicher Reiz auf den Sehnerv möglich sei; ob es auch Lichtempfindungen gebe, zu denen nicht nur kein äußeres Licht, sondern überhaupt kein Vorgang außerhalb des Körpers die Veranlassung gegeben. Ein solcher Reiz konnte, da wir vom Augapfel absehen, der nur für die Außenwelt da ist, allein vom Gehirn ausgehen, als welches ausschließlich mit dem Sehnerven in directer Verbindung steht. Die Frage ist also allgemein, ob jene geheimnißvollen Brücken, welche von den Sinnen zum Gehirn führen, nicht nur von außen nach innen, sondern auch von innen nach außen beschritten werden können.

Daß nun zunächst das Gehirn und vermittelst desselben dann auch die Sinnesnerven ohne eine Anregung aus der Welt um uns, allein auf Reize hin, die von innen kommen, anschauliche Bilder hervorzubringen vermögen, lehrt uns ein Vorgang, der Jedermann bekannt ist, nämlich der Traum. Müde von den wechselnden Eindrücken legen wir uns zur Ruhe, und kaum umfängt uns das Dunkel der Nacht, kaum sind die Augen geschlossen, da erblicken wir auf einmal allerlei glänzende, farbenprächtige Bilder, ein sanftbewegtes Kornfeld, blühende Bäume, fröhliche Kinder am Waldessaum, zu welchen die Umgebung so wenig den Anlaß bietet, als vorangegangene Gedanken und Erinnerungen. Es sind beim Beginn des Schlafes meist nur vereinzelte, rasch wechselnde Scenen, aber auch sie schon haben eine Deutlichkeit, einen Farbenglanz, wie ihn selbst die üppigste Phantasie im [292] wachenden Zustand nicht willkürlich schaffen kann. Die Erklärung genügt nicht, daß am Tage unsere Phantasie durch den gleichzeitigen Eindruck der Außenwelt beständig gehemmt werde; denn auch wenn wir in der tiefsten Stille der Nacht mit geschlossenen Augen uns wachend irgend eine beliebige Scene oder ein Bild willkürlich vorstellen, wie matt, verschwommen, unbestimmt und haltlos erscheinen diese willkürlichen Productionen gegenüber der kräftigen Realität der gewöhnlichsten Träume! Vollends den Träumen im tiefen Schlaf, bald nach Mitternacht, gegenüber, die in ihrer dramatischen Lebendigkeit das wirkliche Leben oft an Spannung weit übertreffen! Wir sind da plötzlich in Situationen, die unser peinlichstes Interesse erregen, die handelnden Personen benehmen sich ganz ihrem uns aus dem Leben bekannten Charakter gemäß, und wir selbst nicht minder. Wir ängstigen uns bis zur Fieberhitze, wir kämpfen, weinen, ringen, halten wahrhaft vernichtende Reden an unsere Widersacher und sind in Verzweiflung, daß wir keinen Ausweg finden. Alle unsere Seelenkräfte sind in Thätigkeit, sogar die Phantasie, indem wir uns mittelst derselben abwesende Dinge vorstellen.

Sollen wir mit einem Worte den Unterschied zwischen den Traumbildern und den willkürlichen Productionen der Phantasie angeben, so ist es offenbar der, daß die Letzteren blos im Gehirn stattfinden, während bei den Traumbildern außer dem Gehirn auch die Sinnesnerven betheiligt sind. Wie lebhaft wir uns wachend einen abwesenden Freund vergegenwärtigen, unsere Vorstellung bleibt ein Hirngespinst und wird auch von einem Gesunden für nichts Anderes gehalten; das Traumbild dagegen ist zugleich in den Sinnesnerven, es bemißt Licht-, Farben-, Geruchs- und Geschmacksempfindungen und ist daher von der wirklichen objectiven Welt vor dem Erwachen schlechterdings nicht zu unterscheiden. Sind aber im Traume die Sinne, durch welche wir im wachenden Zustand unsere Vorstellungen zu controliren und zu corrigiren pflegen, selbst mit in die Täuschung hineingezogen, so kann uns nur die Erfahrung und das vergleichende Urtheil lehren, was Leben und was Traum sei. Der ganze Unterschied ist der, daß im wachenden Zustand die Sinnesnerven aus der äußeren Welt ihre Reizung erhalten und dieselbe von dort nach innen in’s Gehirn fortleiten, während im Traum umgekehrt die Thätigkeit vom Gehirn ausgeht und sich von da in die Sinnesnerven fortpflanzt.

Was aber setzt nun das Gehirn im Schlafe in Thätigkeit, wenn Eindrücke aus der Außenwelt nicht mehr zu ihm dringen? Bekanntlich geht auch im Schlaf das organische Leben, nur unter einiger Verringerung der Wärme, des Pulses und des Athems etc., seinen Gang. Herz, Lunge, Magen arbeiten unablässig weiter und sind mit der Heilung des Verletzten, der Herstellung des Verlorenen, der Beseitigung aller Unordnungen rastlos beschäftigt. Aus dieser inneren Werkstatt dringt am Tage kaum einmal ein dumpfer halbverlorener Laut in das Bewußtsein. Das Gehirn, obwohl es durch jene zarten Nerven- und Gefäßverschlingungen, welche es mit dem Rückenmark verknüpfen, in Verbindung mit dem inneren Organismus steht, hat doch am Tage so ausreichend mit dem Empfangen und Verarbeiten der Sinneseindrücke zu thun, daß es sich um Anderes nicht groß kümmert. Ein gesunder Mensch wird eben nur, wenn er seine Aufmerksamkeit darauf richtet, inne, daß sein Bewußtsein nicht ganz unabhängig vom organischen Leben des Körpers ist, daß die größere oder geringere Geistesfrische mit der Verdauung in einiger Beziehung steht, daß seine Stimmung im Zusammenhang mit allerlei organischen Verrichtungen bald trüber, bald heiterer ist etc. Aber erst im Schlafe werden jene schwachen Eindrücke, die aus dem inneren Nervenherde des organischen Lebens heraufdringen, da wird jede geringe Modification des Blutumlaufs, die sich den Gefäßen des Gehirnes mittheilt, fühlbar, wie die Kerze zu scheinen anfängt, wenn die Abenddämmerung eintritt, oder wie wir bei Nacht die Quelle rieseln hören, die der Lärm des Tages unvernehmbar machte. Das Gehirn aber, durch irgend einen Reiz einmal afficirt, beginnt alsbald seine gewohnte Thätigkeit. Wie es am Tage seine Aufgabe ist, den dürftigen Rohstoff, welchen die Sinnesnerven ihm zuführen, zu Bildern der objectiven Welt zu verarbeiten, diese Bilder untereinander und zu sich in Beziehung zu setzen, so setzt es im Traume, in Thätigkeit gesetzt durch die Reizungen, die vom inneren Organismus ausgehen, unwillkürlich diese Arbeit fort. Ist nun die Reizung eine so starke, daß sie sich vom Gehirn aus auch in die Nervenstränge fortpflanzt, die zu den Sinnen führen, so sieht das Auge, so hört das Ohr, so steht im Schlaf ein Bild vor uns, ununterscheidbar von dem, welches im Wachen auf die Anregung der äußeren Welt sich bildete.

Unumgängliche Voraussetzung ist dabei, daß auch im wachenden Zustand das Gehirn Anschauungen, Bilder, Begriffe erzeugt habe. Seiner eigentlichen Bestimmung nach soll es ja doch nur dem wachenden Menschen das Verständniß der Außenwelt vermitteln; und was es im Schlaf zu leisten vermag, ist nichts weiter, als eine verworrene und unwillkürliche Nachbildung der im Wachen gewonnenen Anschauungen; es muß sich von dem Bildervorrath nähren, den wir wachend gesammelt haben. Wie nun, wenn man eine große Anzahl Bilderbogen zerschneidet und die einzelnen Theile blind durcheinander wirft, neben vielen ganz unsinnigen Combinationen auch einmal eine passende, ja frappante entstehen kann, so giebt es neben einer überwiegenden Menge gänzlich sinnloser Träume auch wohl recht sinnige und überraschende. Immer aber, wie kühn und befremdlich die Combination auch sein mag, ist sie nur aus entlehnten Theilen zusammengestückt. Neugeborene Kinder träumen noch nicht, weil sie noch keinen Bildervorrath gesammelt haben. Jeder träumt überhaupt nur, was seiner Art zu sehen und vorzustellen entspricht. Der Maler sieht auch im Traum pittoreske Gegenstände, der Musikverständige hört vollständige Tonwerke, während der Blindgeborene auch im Traume keine Vorstellung der wirklichen Welt gewinnt und der Unmusikalische keine Melodie und Harmonie, sondern höchstens angenehme oder unangenehme Töne vernimmt.

Genau so verhält es sich nun auch mit den Visionen, deren nahe Verwandtschaft mit den Träumen ja auf der Hand liegt. Beide Vorgänge sind Kinder derselben Mutter, sie gehen Beide aus einer Erregung des Gehirns hervor, die sich bis in die Sinnesnerven fortpflanzt. In allen den vorhin dargestellten Fällen ist offenbar die Vision nichts Anderes als ein wachend geträumter Traum, eine krankhafte Steigerung des Traumlebens, hervorgegangen aus einer weit über das gewöhnliche Maß gesteigerten Reizbarkeit des Gehirns und der sensibeln Nerven. Kein unbefangener Zeuge vernimmt etwas von den Visionen außer dem Schauenden selbst; dieser hinwiederum kann für die objective Realität derselben keinen Beweis geben als das Zeugniß seiner Sinne. Die Sinne aber können, wie wir gesehen haben, von innen so kräftig wie durch die objective Welt in Erregung gesetzt werden. Nicolai konnte mit demselben Rechte wie die Jungfrau sagen: „Ich habe diese seltsamen Gestalten gesehen, mit ihnen gesprochen.“ Es verschlägt Nichts, daß die Jungfrau auch die Kniee ihrer Heiligen umschlungen; der Tastsinn ist nicht schwerer zu afficiren als die übrigen Sinne. Erhielt doch der fromme Mystiker Heinrich Suso in einer Vision sogar ein Körbchen mit Erdbeeren, welche ihn außerordentlich erquickten. Daß aber dieses gegenständliche Träumen bei scheinbar wachem Zustand auf nicht normalen krankhaften Vorgängen innerhalb des Körpers beruht, läßt sich in allen Fällen beinahe constatiren. Ein völlig gesunder Mensch wird bei durchaus regelmäßigem Lebenswandel so wenig Träume als Visionen haben. Dagegen giebt es mancherlei krankhafte Zustände, die eine überraschende Analogie zu den Visionen bieten. Andrang des Blutes zum Gehirn, unregelmäßige Zusammensetzung desselben bei hitzigen Fiebern erzeugen Phantasien im Kopf des Kranken, welche durch den Anblick der wirklichen Welt nicht widerlegt werden können. Opium und andere narkotische Stoffe, geistige Getränke, im Uebermaß genossen, bringen Bilder im Gehirn hervor, die mit den süßesten Täuschungen erfüllen, bis die farblose Zeit der Ernüchterung kommt.

Der von der Tollwuth Befallene, der Wahnsinnige, merkt mit steigendem Grauen, wie finstere Gestalten allmählich das klare Welt- und Selbstbewußtsein umkrallen; und obwohl der reflectirende moderne Mensch in demselben anfangs noch die Schöpfungen seiner eigenen Phantasie erkennt, so fühlt er zugleich, daß er nicht auf die Dauer die Kraft haben wird, sich ihrer zu erwehren, sein Selbstbewußtsein vor diesen düsteren Mächten zu retten. Wie nun alle diese Leiden auf einer Störung der Gehirnfunction beruhen, mag dieselbe durch Verletzung dieses edelsten Körpertheils, Verschiebung einzelner Fasern und dergleichen, oder durch einen vom organischen Gesammtleben ausgehenden Einfluß herbeigeführt sein, so ohne Zweifel auch die Vision. Der Nachweis [293] im Einzelnen liegt der medicinischen Wissenschaft ob, für unsere Zwecke genügt es festzustellen, daß die Visionen auf Vorgängen innerhalb des Körpers beruhen, daß sie, wodurch auch immer veranlaßt, rein subjectiver Natur sind und daß der Visionär sich mit demselben subjectiven Recht und objectiven Unrecht auf die Erfahrung seiner Sinne berufen kann wie der Träumer.

Es erübrigt uns noch, einige Einwendungen gegen die natürliche Ableitung der Visionen zu besprechen. Die gewöhnlichste derselben ist die, daß doch oft genug dem Visionär Enthüllungen zu Theil werden, zu welcher er auf dem gewöhnlichen Wege menschlicher Erkenntniß nimmermehr hätte kommen können. Zum Beweise werden solche Fälle angeführt, in welchen der Visionär Orte mit größter Genauigkeit beschrieben, die er mit leiblichen Augen nie gesehen, Dinge mitgetheilt, die hundert Meilen von ihm im Augenblick der Vision oder die in ferner Zukunft genau, wie er’s gesagt, stattgefunden hätten. Indessen sind nur äußerst wenige Fälle der Art so bezeugt, daß ihnen wirklich eine gewisse Glaubwürdigkeit nicht wohl abgesprochen werden kann; diesen wenigen Fällen aber stehen unzählige gegenüber, in welchen der Visionär, sowie er bestimmte Angaben machte, sich täuschte. Es wird auch damit nicht anders sein als auf dem verwandten Gebiete der Vorahnungen und Träume. Unsere Träume und Ahnungen stellen eine solche Menge kaleidoskopischer Bilder vor die Seele, daß wir im wechselvollen Spiele des Lebens hin und wieder auch eines entdecken, das uns an den Traum, an die Ahnung erinnert. Da stehen wir dann staunend still und machen viel Aufhebens davon, während wir es als die alltäglichste Sache von der Welt sofort vergessen, wie wir uns tausendmal in unseren Träumen und Ahnungen betrogen haben. Es ist im Grunde nur eine Posse, welche die Eitelkeit uns spielt. Wie schmeichelt es dem Menschen, in irgend einem Punkte die seiner Erkenntniß gesetzten Schranken durchbrochen, sich irgend einmal im Besitze einer übermenschlichen Kraft befunden zu haben! Und wenn die Visionäre noch immer Gläubige finden –

Stolz und nichts als Stolz! Der Topf
Von Eisen will mit einer Silberzange
Gern aus der Gluth gehoben sein, um selbst
Ein Topf von Silber sich zu dünken.

Daneben ist es ja freilich auch viel bequemer, sich auf Träume und Ahnungen zu verlassen, als klar und ernst die Sachlage in’s Auge zu nehmen und aus der Gegenwart verständig auf die Zukunft zu schließen.

Wie aber ist es mit den Erscheinungen, die einer ganzen Anzahl Menschen zu gleicher Zeit zu Theil wurden? Der Einzelne mag sich immerhin täuschen; aber kaum glaubhaft scheint’s, daß da nicht ein wirklicher Vorgang stattgefunden, wo eine Reihe von Zeugen zu gleicher Zeit dasselbe gesehen. Hierauf ist zu erwidern, daß der visionäre Zustand ansteckend ist wie andere Seelenkrankheiten. Eine Gespenstergeschichte wird dadurch in nichts glaubhafter, daß sie von einer Menge Personen bezeugt wird. Als der fromme Erzbischof von Canterbury, Thomas Becket, in seiner Kathedrale am Altar durch das unbedachte Zornwort Heinrich des Zweiten erschlagen worden war, da machte der jähe Tod des gewaltigen Kirchenfürsten auf die versammelten Gläubigen einen solchen Eindruck, daß er in der Folgezeit einer ganzen Anzahl seiner Getreuen wiedererschien, die alle versicherten, ihn gesehen, seine Worte gehört zu haben. Savonarola, durch den Spruch des Papstes gehängt und dann verbrannt, ist darnach von mehr als hundert seiner Anhänger gesehen worden. Ja, eine ganze Genossenschaft von Nonnen ließ es sich nicht ausreden, daß der Märtyrer nach seinem Tode das Hochamt vor ihnen gehalten und ihnen durch das Gitterfenster den Leib des Herrn dargereicht habe. Daß irgend ein äußerer Anlaß vorhanden, wenn mehrere Personen plötzlich zugleich Derartiges wahrnehmen, kann immerhin zugegeben werden. Ein plötzlicher Luftzug, Gewitterschwüle, dumpfe Nebel, feuchte Wände, Sumpfgas und dergleichen mögen die Väter manches Gespenstes gewesen sein; die Mutter aber ist jedenfalls die krankhafte Disposition des Visionärs oder der Visionäre; und es ist für die Wirklichkeit oder Unwirklichkeit des Vorgangs völlig unerheblich, ob er durch eine oder hundert Personen bezeugt wird.

Ein letzter Einwand ist noch der, es sei doch undenkbar, daß weltgeschichtliche Umwälzungen, wie sie durch Mohamed und die Jungfrau von Orleans, von Anderen zu schweigen, hervorgebracht wurden, der zufälligen krankhaften Disposition dieser Persönlichkeiten ihr Dasein zu verdanken hätten. Dem gegenüber wollen wir zuerst daran erinnern, daß die Visionen ihre ungeheure Wichtigkeit in der Regel doch nur für die einzelne Persönlichkeit haben, der dadurch, wie mit einem Blitzschlage, ihr Beruf auf Erden klar wird; ob das nun dadurch geschieht, daß ihr in einem krankhaften Vorgange die Gedanken ihres Herzens gegenständlich werden, oder auf eine einfachere Weise, z. B. durch den Zuspruch einer Frau, eines Freundes, ein Dichterwort oder dergleichen, das kann der wahren Größe eines weltgeschichtlichen Charakters weder etwas nehmen noch geben. Weiter aber ist eine gewisse krankhafte Disposition auch in anderen Gebieten oft die Bedingung zu den höchsten Leistungen. „Die Perle,“ sagt Karl Hase, „entsteht auch durch eine Art Krankheit in der Muschel, und der heilige Wahnsinn des Dichters, von dem Platon und Shakespeare sprechen, ist auch kein gewöhnlicher gesunder Zustand, bei welchem man ruhig schläft und gut verdaut.“

Dem geneigten Leser aber, der mir bis hierher mit musterhafter Geduld gefolgt ist (die Leserinnen haben den zweiten Theil gewiß überschlagen), wünsche ich schließlich, daß er von Visionen verschont bleibe, wie ich für meinen Theil sogar auf die harmlosere Welt der Träume für immer verzichten möchte. Jener Voltaire’sche Candide, der aus Westphalen ausging, um, in der ganzen Welt herumgetrieben, alle Höhen und Tiefen der Menschheit durchzukosten, er kommt zum Schlusse auf die einfache und große Moral: „Laßt uns unser Glück besorgen, laßt uns in den Garten gehen und arbeiten.“




Auf Wolfsjagd in Kroatien.


Von Brehm.


(Schluß.)


Am andern Morgen stand Vranyczany schon ziemlich früh gerüstet vor unserm Lager, um uns mitzutheilen, daß wir in spätestens einer halben Stunde zur Jagd aufbrechen würden. Die Nacht war empfindlich kalt gewesen; erfreulicher Weise aber hatte es gegen Morgen noch etwas geschneit, so daß wir hoffen durften, durch die Neue über das Lager der Wölfe vollständig aufgeklärt zu werden. Mit raschen Pferden fuhren wir auf guten Wegen dem etwa zwei Meilen entfernten Jagdgebiete zu. Je weiter wir kamen, um so lebhafter wurde es auf den Straßen. Von allen Seiten strömten Schützen und Treiber herbei, um sich nach dem Versammlungsorte, einem kleinen Dorfe unterhalb des Waldes, zu begeben. Die kroatischen Schützen waren zwar fast alle mit Zündhütchengewehren, im Ganzen aber doch höchst erbärmlich bewaffnet, so daß ich mir beim Anblick ihrer Flinten sofort vornahm, mich möglichst entfernt von den Biedermännern zu halten. Weit besser gefielen mir die scharf geschliffenen langstieligen Aexte, welche die Treiber so im linken Arme trugen, daß das Eisen mit der Schneide nach außen zwischen Arm und Leib eingeklemmt war; denn ich sagte mir, daß man mit solcher Waffe wohl auch den Kampf mit einem Bären aufnehmen könne. Wir begegneten auf unserm Wege sehr vielen Treibern und ersahen daraus, daß die ganze Gegend zur Jagd aufgeboten worden war. In dem erwähnten Dorfe angekommen, näherte sich ein Kroat dem Wagen und machte eine Mittheilung, welche den ganzen Jagdplan mit einem Male über den Haufen werfen sollte. Er hatte einen Bären gespürt, welcher in der vergangenen Nacht, von dem höheren Gebirge herabkommend, einem gewissen Thale zugewandert war, in welchem sich das auf weithin passendste Versteck für Bären, ein an Felsblöcken und Felsenhöhlen reiches Dickicht, befindet.

„Was beschließen Sie, meine Herren?“ frug Vranyczany, [294] wollen wir dem Bären folgen und die sichere Wolfsjagd im Stiche lassen, oder uns um den ersteren nicht kümmern? So viel unterliegt für mich keinem Zweifel: ein riesenhafter Gesell muß es sein; denn die Bärinnen und jungen Bären haben sich schon längst in die Winterherberge zurückgezogen und schlafen, während sehr alte, vereinsamte Bären um diese Zeit wohl, wenn auch höchst selten, noch in unseren Gebirgen sich umhertreiben.“

„Wenn man Hochwild im Reviere hat,“ entgegnete ich, „jagt man nicht auf Hasen, und wenn man einen Bären spürt, läßt man die Wölfe liegen, wo sie sich hingelegt haben.“

„Dies ist auch meine Meinung,“ erwiderte der Jagdherr, „also vorwärts, meine Herren!“

Zwei Waldläufer, unter ihnen derselbe, welcher die Bärenspur aufgefunden hatte, wurden beordert, voraus zu eilen, um zu sehen, ob Petz das besagte Dickicht zu seinem Aufenthalte gewählt habe. Wir folgten langsam den vorauseilenden Leuten, welche an den Bergen emporkletterten, als gingen sie auf ebener Straße, und uns bald aus den Augen verschwunden waren. Bei einem kleinen Gasthofe an der Hochstraße nach Fiume wurde Halt gemacht, um Schützen und Treiber zu mustern. Dann gingen wir weiter, in der Absicht, die Bärenspur zu untersuchen. Nach etwa einer halben Stunde kamen wir zur Stelle und sahen schon von Weitem die unverkennbare Fährte des Raubthieres, aus welcher wir auch sofort entnehmen konnten, wie richtig Vranyczany dasselbe beurtheilt hatte. Der Bär, welcher diese Fährte hinterlassen, mußte in der That ein riesenhaftes Thier sein; denn der Abdruck unseres Jagdstiefels nahm sich neben der Fährte aus wie der Tritt eines Pferdes neben der Spur eines Elephanten. Freund Braun war allem Vermuthen nach auf einer Wanderung von den Krainer Gebirgen nach denen der Militärgrenze begriffen, hatte möglicher Weise in dieser Nacht die Kulpa überschwommen, einen Berg von mehr als tausend Meter Höhe überstiegen und seinen Weg in gerader Richtung von der Höhe nach der Tiefe des Thales genommen, unbekümmert um die bedeutende Steilheit der Bergwand, und ohne sich auch nur die Mühe zu nehmen, verschiedenen Hindernissen aus dem Wege zu gehen.

Ueber das Gesicht unseres Jagdfreundes glitt, nachdem er die Spur und ihre Richtung einen Augenblick geprüft hatte, ein befriedigtes Lächeln.

„Den werden wir finden, meine Herren,“ meinte er; „denn wenn auch ein Bär, und namentlich in jetziger Jahreszeit, unberechenbar ist, so läßt sich doch mit ziemlicher Bestimmtheit annehmen, daß er in dem Ihnen geschilderten Dickicht liegt; und wenn dies der Fall, dann, denke ich, sollen Sie mit der Jagd in unseren Bergen zufrieden sein.“

Dies ermuthigende Wort stählte Sehnen und Glieder; rascher, als wir gekommen, gingen wir zum Sammelplatze zurück, und traten nun von hier aus in Gesellschaft von etwa einhundertachtzig Landeseingebornen den Weg nach dem vermuthlichen Jagdgebiete an, mehr und mehr im Gebirge emporsteigend. In dem ziemlich gut, aber nur mit Unterholz bestandenen Walde hörten wir, während wir rüstig fortschritten, lautes Rufen und Schreien, wie uns mitgetheilt wurde, von Ziegenhirten ausgestoßen, in der Absicht, die Wölfe, welche sie gespürt haben mußten, von ihren Herden abzuhalten; uns kümmerte das nicht im Geringsten: die Wölfe hatten jetzt alle Bedeutung in unseren Augen verloren. Zwei Stunden lang mochten wir in dieser Weise fortgeschritten sein, als die Ausgesandten zurückkamen mit der untröstlichen Nachricht, daß der Bär seinen Weg weiter, als vermuthet, fortgesetzt, die Dobra überschwommen und sich in die Gebirge der Militärgrenze zurückgezogen habe. Ihm zu folgen war unmöglich; denn die Ufer des reißenden Flusses waren meilenweit ober- und unterhalb weder durch Brücken noch durch Führen verbunden. Und wenn wir auch versucht hätten, mit Hülfe unserer Pferde eine der Brücken zu gewinnen, so würde dies doch so viele Zeit in Anspruch genommen haben, daß an eine Jagd heute nicht mehr zu denken gewesen wäre, ganz abgesehen davon, daß angenommen werden mußte, der alte Starrkopf werde in nächster Nacht seine Wanderung fortsetzen.

„Die Bärenjagd ist vereitelt, zur Wolfsjagd ist es zu spät geworden, aber eine Fuchsjagd noch möglich,“ meinte Vranyczany; „und wenn es auch tüchtig zu steigen giebt: Sie sind ja gekommen, um hier zu jagen.“

Der Rath fand allgemeinen Beifall. Die Treiber wurden verständigt, und eine neue Wanderung begann. Nach etwa halbstündigem Steigen gelangten wir auf die Höhe des Bergrückens und damit in einen kroatischen Wald, welcher mich mehr als einmal an afrikanische Urwaldungen erinnerte, nur daß wir hier außer Buschdickichten und Schlinggewächsen der verschiedensten Art Felsblöcke und Schründe zu überwinden hatten. Von einem geordneten Forstbetriebe ist in Kroatien noch nicht die Rede; man treibt Plünderwirthschaft und nimmt diejenigen Bäume weg, welche am leichtesten zugänglich sind und am besten fortgeschafft werden können. Alles übrige Holz bleibt stehen und liegen. Mächtige Eichen recken ihre dürren, halbverfaulten Wipfel in die Luft; gewaltige Buchen liegen vom Winde niedergebrochen quer über den Weg, falls man überhaupt von solchem reden kann, und vermodern im Grunde; jung angesämtes Buschwerk schießt überall dazwischen empor; Brombeerstauden durchranken es und bilden stellenweise fast undurchdringliche Dickichte; andere Schlinggewächse, Nesseln etc. wuchern in üppigster Fülle auf dem Boden. Und nur da, wo der nackte Felsen mit seinen Zacken und Schründen zu Tage tritt, wo der Bergrücken das Gepräge des benachbarten Karstes vollständig zeigt, lichtet sich der Wald, wenn auch nicht zu Gunsten des in ihm Dahinschreitenden, welcher im Sommer, geschweige denn im Winter, wenn Schnee die Schründe und Vertiefungen zwischen den Steinen verdeckt, bei jedem Schritt darauf zu achten hat, daß er nicht in einer Vertiefung versinkt oder zwischen den Steinen sonstwie zu Schaden kommt. Unsere Kroaten freilich schritten mit größtem Gleichmuth dahin, angeführt von einem des Waldes Kundigen und eine lange indianische Reihe bildend, in welche wir uns ebenfalls einfügten. Auf der Kante einer ziemlich steil abfallenden Felswand wurden wir angestellt, und das Treiben begann. Von Nordosten her wehte die Bora so eisig kalt, daß wir es trotz der warmen und dichten Kleidung kaum aushalten konnten und fast schwermüthig an die Freuden unserer Fuchsjagden zurückdachten. Nach etwa drei Viertelstunden näherten sich die Treiber, und bald darauf erschien auch Reinecke, gefolgt von den Hunden, in dem jetzt winterkahlen Wald schon auf weithin sichtbar. Wie immer, wußte er sich den schlechtesten Schützen, einen kroatischen Bauer, auszusuchen und entkam, ohne daß ihm ein Haar gekrümmt worden wäre.

Wir hatten vollständig genug an der heutigen Jagd, verwünschten den Bären und den Fuchs dazu, drehten der Bora den Rücken und wandten uns, enttäuscht und mißmuthig, thalabwärts. Doch unser freundlicher Jagdherr verstand es, die erfrorenen Geister wieder zu erwecken. Nach kurzer Wanderung gelangten wir in eine Thalmulde und sahen mit stillem Behagen aus ihrer Mitte leichten stillen Rauch emporsteigen. Um ein mächtiges, wohl unterhaltenes Feuer standen die Leute Vranyczany’s in ernster Beschäftigung. An einem als Spieß dienenden Buchenschößling, welcher von kundiger Hand gedreht wurde, bräunte ein saftiges Puterhuhn, in einem mächtigen Topfe brätelte der Gulasch, das volksthümliche Hirten- und Jägergericht, und eben als wir uns näherten, keuchte einer der Leute heran, um einen schweren Sack voll Kartoffeln in die glühende Asche zu schütten. Für uns wurden auf den Felsblöcken ringsum Sitze und vermittelst einiger abgehauenen Stämme Bänke errichtet; die ganze Jagdgesellschaft sammelte sich allmählich um das Feuer, und absichtslos gestaltete sich eines der buntesten und lebendigsten Jagdbilder, welche ich jemals erschaut. In allen Stellungen standen, hockten, saßen und lagerten die kroatischen Schützen und Treiber, deren malerische Tracht durch die Waffen nur noch gehoben wurde, um das Feuer. Heitere Scherzworte flogen von Mund zu Mund, begehrende Blicke richteten sich auf Bratspieß und Kochtopf, nicht minder begehrlich auf die mächtige, kreisrunde Holzflasche, welche, mit edlem Weine gefüllt, jetzt die Runde machte. Einer und der andere versuchte von den in der Asche bratenden Kartoffeln einige für sich zu gewinnen; jeder Einzelne aber hielt sich, Angesichts des Gebieters, in den allerbescheidensten Schranken. Koch und Kellner verstanden ihre Sache vortrefflich; der köstliche Wein ließ die Bora, das leckere Huhn die geträumten Bärenschinken vergessen, und gestärkt und erheitert traten wir unsern Heimweg an. Aber was für einen! Von der steilen Höhe gerade herunter in das Thal, auf Wegen, welche eigentlich keine waren, obgleich sie von den Bauern benutzt wurden, um Stämme aus dem Walde zur Tiefe hinabzuschleifen, über Geröll, welches unter jedem Tritte sich bewegte, [295] über Eis und glatt gefahrenen Schnee ging es in die Tiefe. Ich krallte mich mit der Rechten fest in die Schulter eines stämmigen kroatischen Treibers und glitt so mehr, als ich ging, die treue Büchse hoch emporhaltend, um sie bei einem Sturze nicht zu beschädigen, in überraschend kurzer Zeit in das Thal hinab. Nach etwa einstündigem Wege erreichten wir wohlbehalten Schloß Severin und hatten unter dem frischen Eindruck der Gastfreundschaft, welche uns wiederum in der anspruchslosesten Weise geboten wurde, bald alle Mühsale und Beschwerden des Tages vergessen.

Am nächsten Morgen schieden wir dankerfüllt aus dem gastlichen Hause, in welchem länger zu bleiben uns nicht vergönnt war. Es handelte sich jetzt für uns darum, so schnell als möglich wieder nach Agram zu kommen, weil auf der entgegengesetzten Seite der Hauptstadt, etwa zwei Meilen von ihr entfernt, für die nächstfolgenden Tage große Wolfstreiben angesagt waren. Diesmal verließen wir Agram zu Wagen und fuhren auf einer leidlichen Straße im Thale der Save entlang nach dem in der Nähe von Dugosello gelegenen Edelhofe Bozjakovina des Herrn v. Tomekovitsch. Derselbe und seine hochgebildete Gemahlin, eine Polin, empfingen uns mit derselben Gastlichkeit und Freundlichkeit wie Vranyczany, so daß es schwer zu sagen sein würde, in welchem der beiden Edelhäuser wir mit größerer Zuvorkommenheit und Liebenswürdigkeit aufgenommen worden sind. Ersterer machte uns nicht allein aus seinem ereignißvollen Leben, sondern auch über Land und Leute und deren Verhältnisse Mittheilungen, welche uns aus dem Grunde in hohem Grade fesselten, weil in ihnen das Urtheil des gereiften, viel erfahrenen Mannes sich bekundete.

Der Stuhlrichter des Ortes war zugegen und erzählte uns, daß er zu der morgenden Jagd dreihundert Treiber und etwa hundert Schützen aufgeboten hätte, die Leitung der Treiber aber Herrn v. Tomekovitsch, dem erfahrenen Jäger, übertragen habe. An Wölfen sei, so versicherte er und bestätigte Tomekovitsch, kein Mangel; auch würden jedes Jahr mehrere von ihnen erlegt, manchmal unter absonderlichen Umständen. So kam der Bauer Belletz aus dem Dorfe Cernetz eines Tages auf eine umhegte Weide und an die dort vom Hirten errichtete Hütte, warf zufällig einen Blick in das Innere und sah in ihr zwei Wölfe liegen. Beide Theile, der Bauer und die Raubthiere, maßen sich mit gleich erstaunten Blicken; da aber ersterer den Wölfen den Ausweg vertrat, war die Verlegenheit auf Seiten Isegrims größer als die des Bauern, und die Feigheit der Raubthiere bekundete sich auf das Deutlichste in jeder ihrer Bewegungen, in ihrem ganzen Wesen. Zum Glück für die Gegend war der Bauer mit einem Doppelgewehre bewaffnet und erlegte mit zwei rasch aufeinanderfolgenden Schüssen beide Wölfe.

Ein anderer Bauer, Fundec, aus dem Dorfe Gratschetz bestand ein ebenso glückliches Abenteuer in einer von ihm errichteten Wolfsgrube. Diese war im Winter in der üblichen Weise gestellt worden; unser Bauer fand aber mitten im Sommer zu seiner nicht geringen Ueberraschung Herrn Isegrim auf dem Boden der Grube sitzend. Ohne Waffen, wie er war, versuchte er das Raubthier mit einem rasch herbeigeholten Knüppel zu erschlagen, verlor dabei das Gleichgewicht, stürzte in die Grube hinab und kam hier auf Hände und Füße zu liegen. Noch ehe er sich aufgerichtet, hatte der Wolf den günstigen Augenblick ersehen, nicht um ihm an die Kehle, sondern um auf seinen Rücken zu springen und so das Freie zu gewinnen, während der Bauer sich lange Zeit abmühen mußte und nur mit Hülfe des besagten Knüppels überhaupt im Stande war, aus der Grube herauszukommen.

Auf einer von Tomekovitsch veranstalteten Wolfsjagd ereignete sich ein anderer Fall, welcher ebenfalls der Erwähnung verdient. Ein Schreiber des Gutes, welcher schon längst mit Neid auf die Jäger geblickt hatte, faßte sich am Abend vor der Jagd den Muth, Herrn v. Tomekovitsch zu bitten, ihn doch auch unter die Zahl der Jünger Diana’s einreihen zu wollen. Zwar habe er bisher immer nur die friedliche Feder, nicht aber die mordende Waffe geführt; doch sei er vollkommen überzeugt, daß er wohl auch seinen Wolf fällen könne, denn an Muth fehle es ihm nicht. Der Bitte wurde willfahrt, der Schreiber mit einem Doppelgewehre bewaffnet und beim Treiben an einen verlorenen Posten gestellt. Die Jagd beginnt, und ehe man noch die Treiber vernimmt, erscheinen drei Wölfe und gehen schnurstracks auf den unerfahrenen Schützen zu. Diesen packt das Jagdfeuer, vielleicht auch eine gelinde Angst vor den Raubthieren; er verscheucht durch sein Gebahren zwei von letzteren; der dritte Wolf aber läßt sich nicht beirren und setzt seinen Weg in der einmal begonnenen Richtung fort; der Schreiber giebt auf fünf Schritte Entfernung Feuer, verwundet auch den Wolf erheblich, tödtet ihn aber nicht. Jetzt bemächtigt sich seiner die Sorge, die ruhmbringende Beute zu verlieren; er vergißt alles Gehörte, stürzt auf den Wolf los, ergreift ihn bei der Ruthe und versucht ihn festzuhalten. Der Wolf strebt mit aller Kraft sich frei zu machen, der Schreiber hält um so fester; jener aber ist stärker und schleppt den Mann hinter sich her. Nun kommt die Reihe ängstlich zu werden an Tomekovitsch; denn der erfahrene Jäger weiß sehr wohl, was es bedeutet, mit einem verwundeten Wolfe anzubinden. Daher befiehlt er dem Schreiber, doch um Himmelswillen die Bestie loszulassen, worauf die klägliche Antwort folgt: „Ja, ich möchte wohl, wenn ich nur könnte!“ Tomekovitsch eilt zur Stelle, schießt dem Wolfe einen wohlgezielten Schuß in den Leib und fordert nunmehr den Schreiber auf, doch endlich vom Wolfe abzulassen, da dieser nicht mehr entrinnen könne. Aber noch immer hält jener die Beute fest, und es ergiebt sich bei genauerer Untersuchung, daß sich seine Hände verkrampft haben, und er allerdings beim besten Willen nicht im Stande ist, sie zu lösen. So bleibt nichts übrig, als mit dem Jagdmesser die Lunte des Wolfes abzuschneiden und dem auf’s Höchste erregten Manne Zeit zu lassen, bis endlich der Krampf vorübergeht.

Ich wiederhole diese Erzählungen unseres Jagdfreundes hauptsächlich, um den Beweis zu führen, daß der hiesige Wolf zu den feigsten aller Raubthiere zählt.

Das Schauspiel, welches sich uns am nächsten Morgen bot, war wirklich großartig. In Dugosello herrschte ein Leben wie auf dem Jahrmarkte. Von allen Seiten waren Schützen und Treiber herbeigeströmt und unser Stuhlrichter mit seinen Unterbeamten bei unserer Ankunft gerade beschäftigt, die Aufgebotenen zu verlesen, um die Fehlenden zur Strafe zu ziehen. Aber sie waren alle erschienen, die würdigen Männer, und zogen nun in geordneten Haufen, geleitet und beaufsichtigt durch die Waldhüter unseres Jagdherrn, einem in der Ebene gelegenen Walde zu, um dort sich aufzustellen. Wir folgten bald darauf in Gesellschaft der von Agram herbeigekommenen und aus den benachbarten Dörfern zusammengeströmten Schützen. Mitten im Walde wurde dann, ganz wie bei unserm Fuchstreiben, eine Kette gebildet, nur daß sie fast eine halbe Meile weit sich ausdehnte. Ich stand auf dem Wechsel, neben mir die Reisegenossen. So lautlos, wie ich es gewünscht haben mochte, ging es bei dem Treiben nicht zu; auch hatten einzelne Treiber es sich nicht nehmen lassen, dem Verbote entgegen, im Walde Feuer anzuzünden; auf dem Wege, längs dessen unsere Schützenlinie sich hinzog, verkehrten Bauern nach wie vor, und aus dem Walde tönten uns die Schläge der Holzfäller entgegen. Drei Schüsse gaben das Zeichen zum Beginne des Treibens. Wir standen lange Zeit, laut- und regungslos, wie es guten, erfahrenen Jägern geziemt, ehe wir von dem Treiben etwas vernahmen. Erst dumpf und verhallend, dann deutlicher und endlich vollkommen klar vernehmlich kamen sie heran, rufend, schreiend, jauchzend, heulend, auf Pfeifen blasend und die Trommeln rührend. Letztere verliehen dem Ganzen einen eigenthümlichen Reiz. Die taktmäßigen Schläge der Trommel, welche der Wolf mehr fürchten soll als alles Schreien, belebte das Treiben in außerordentlicher Weise: es war, als ob ein Regiment zum Sturme heranrückte. Da warnte eine Amsel, für mich verständlich genug. Jetzt mußte er kommen. Und in der That vernahm ich bald darauf die Schritte eines größeren Thieres, welches gerade auf mich loszugehen schien. Lange harrte ich vergebens, da zeigte sich ein Fuchs, zwar nur für einen Moment, indem er auf einen abgehauenen Baumstumpf sprang, und doch viel zu lange für ihn; denn einen Augenblick später lag er zuckend am Boden. Sollte ich mich so geirrt haben? Sollte der Fuchs es gewesen sein, welcher so derb aufgetreten war? Unmöglich! Und doch konnte die Amsel ihn gemeint haben. Oben und unten knallte es ebenfalls; wahrscheinlich waren es Füchse gewesen. Die Treiber kamen heran, und Reden war jetzt gestattet.

„Ich habe einen mächtigen Wolf gesehen,“ rief mir der junge Gerlich zu, welcher seinem Vater nachgereist war und links [296] von mir stand; „er trat bei mir auf die Blöße heraus, war aber doch zu weit, als daß ich hätte schießen können. Warum haben Sie nicht Feuer auf ihn gegeben?“

„Was ich gesehen habe, liegt verendet; Sie werden sich aber wohl geirrt und den Fuchs, welchen ich erlegt, für einen Wolf gehalten haben.“

„O nein, ich bin meiner Sache sicher; Füchse, welche unsere Fleischerhunde an Größe übertreffen, giebt es nicht; das war ein Wolf. Ich glaubte, Sie hätten ihn gesehen weil Sie unmittelbar darauf, nachdem er wieder in das Dickicht zurückgetreten war, Feuer gaben.“

„Ich habe einen Fuchs gesehen und geschossen; dies ist Alles.“

Der Befehl, uns jenseits des Weges von Neuem aufzustellen und das von der andern Seite herankommende Treiben abzuwarten, schnitt weitere Rede ab. Derselbe Lärm erhob sich jetzt am entgegengesetzten Saume des Waldes, diesmal aber von Anfang an deutlich und vernehmbar, weil der abzutreibende Theil kleiner war und der Wind uns den Schall entgegentrug. Einige Füchse sprangen über den Weg und wurden gefehlt; von Wölfen zeigte sich nichts.

Und doch hatte ich die Amsel recht verstanden gehabt und auch Gerlich sich nicht geirrt. Denn als wir abberufen wurden und wieder zurückkehrten, fiel uns schon von Weitem ein von Treibern gebildeter Kreis auf, und als wir denselben durchschritten hatten, lag vor uns der von Hauptmann Scheller erlegte Wolf, derselbe welcher auf meinen Stand zugelaufen, von Gerlich gesehen worden und wahrscheinlich aus Furcht vor diesem in den Wald zurückgegangen war. Aber nicht allein er, sondern noch vier andere Seinesgleichen waren im Treiben gewesen und drei von ihnen durch die Treiber gegangen; auf den vierten hatte man vergeblich geschossen. Ich darf sagen, daß ich Scheller ohne Jagdneid meine Glückwünsche darbrachte; für mich war die Art und Weise der Jagd und Das, was ich über die Wölfe in Erfahrung gebracht, wichtiger gewesen, als ein von mir selbst auf Wölfe abgegebener erfolgreicher Schuß. Während wir noch um die Jagdbeute standen, brachten einige der Treiber bereits eine passende Stange herbei, schnürten mit Weidenruthen dem Wolfe die Füße zusammen, hingen ihn an der Stange auf und brachten ihn im Triumphe zum Dorfe zurück.

Die Kürze des Tages erlaubte nur noch ein einziges Treiben in einem benachbarten, ausgedehnten Walde. Dasselbe verlief jedoch ohne Ergebniß, weil eine zahlreiche Schweineherde schon seit Tagen dort geweidet und die Wölfe vertrieben hatte. Auch eine in den nächsten Tagen unweit der ungarischen Grenze bei dem Städtchen Kopreinitz veranstaltete Wolfsjagd fiel ungünstig aus. Wölfe waren zwar vorhanden und ihre Spur überall zu bemerken, kamen jedoch nicht zum Schusse. Auf anderweitige Jagden konnten wir uns diesmal nicht einlassen, weil das Herannahen des Weihnachtsfestes uns nach Hause trieb. Meinen Zweck hatte ich erreicht. Ich hatte das ganze Getriebe der Wolfsjagden kennen gelernt und einen Wolf so zu sagen mit erlegen helfen; mehr wollte ich nicht. Die Gefährten dachten ähnlich. Befriedigt waren Alle.

Wir schieden mit aufrichtigem Danke aus Kroatien. Unsere Landsleute wie die Eingeborenen haben uns Freundlichkeiten aller Art erwiesen; mein Urtheil über Land und Leute hat sich wesentlich geändert und jedenfalls zu Gunsten Kroatiens und der Kroaten berichtigt. So verworren und unbefestigt heutzutage die dortigen Zustände auch sein mögen: ein ernster Wille, sie zu ändern und zu verbessern, läßt sich nicht verkennen. Noch fehlt Vieles, bevor sich das Land den deutschen Staaten des österreichischen Kaiserreichs wird an die Seite stellen können; die feurige Vaterlandsliebe aber, welche die Kroaten bethätigen, der Eifer, überall zu bessern, wo es noth thut, die Opfer, zu denen man bereit ist, verbürgen einen stetigen Fortschritt. Grundfalsche politische Anschauungen, panslavistischen Größenwahn, maßlose Selbstüberschätzung und offenbare Feindschaft gegen das deutsche Element habe ich allerdings auch erfahren müssen, alles Dies aber auf Rechnung der wenigen unreifen Köpfe gebracht, in denen solcher Widersinn brodelte und gährte, und die wirklich gebildeten Kroaten, welche mir doch überall in überwiegender Menge entgegentraten, damit nicht belastet. Das niedrige Volk ist verkommen oder doch nicht vorwärts geschritten, aus dem einfachen Grunde, weil es so gut wie keine Bedürfnisse hat und Dasjenige, was es bedarf, ihm durch das reiche Land in Fülle geboten wird; dem ungeachtet glaube ich, daß ein guter Kern in ihm liegt und es nur der Verbreitung gründlicher Schulkenntnisse bedarf, um es ebenfalls vorwärts zu bringen. Rohheit und Unnatur habe ich nicht bei ihm gefunden, und deshalb bekenne ich mich auch ihm ebenso zu Dank verpflichtet wie den vielen und trefflichen Leuten, mit denen zu verkehren ich das Vergnügen gehabt habe.




 Der schwerste Gang.

„Mir ist’s im Herzen so bang’ und schwer,
Als ob ein Unglück im Anzug wär.“

Die junge Gattin seufzet es laut,
Großmutter nickt, das Knäblein schaut –

Es schaut in’s Antlitz Beiden und spricht:
„Mein Vater kommt aber recht lange nicht.“

Großmutter tröstet, sie thut sich Gewalt:
„Der Krieg ist ja aus, nun kommt er bald.“

Und doch sitzen die Frauen in Trübsal dort,
Der Knabe allein spielt heiter fort.

Und des Wegs ein Wehrmann wandert daher;
Man sieht’s: der trägt im Herzen schwer.

Je näher dem Haus, je zager der Schritt –
Er kehrte noch um, wenn die Pflicht es litt’.

Er pocht mit zitterndem Finger an,
Und wie die Pforte wird aufgethan –

Das junge Weib ihm entgegenspringt
Und schreckensbleich die Hände ringt:

„Um Gotteswillen, Johann, Johann,
Du kommst allein – wo ist mein Mann?“

„Dein Mann schläft in gar fester Ruh’,
Ich drückt’ ihm selber die Augen zu.

Er schläft nicht allein. Wir senkten hinab
Wohl hundert Cam’raden in’s selbe Grab.

Und die Ehrensalve, die war so stark,
Viel Tausenden fuhr sie durch Bein und Mark.

Denn wo wir das große Grab gemacht,
Da donnerte drüber die ganze Schlacht.

Hier ist seine Uhr und sein Briefbüchlein
Mit dem letzten Gruß – und sein Todtenschein.

Das bring’ ich Euch, ich that’s ihm zu Lieb’,
Das ist Alles, was von ihm übrig blieb.“

Da flog ein Engel durch den Raum,
Das Schluchzen und Wimmern – man hört’ es kaum.

Denn bei dem allertiefsten Schmerz
Da rinnen die Thränen hinab in’s Herz. –

Als der Landwehrmann trat wieder heraus,
Bekreuzet er sich und bekreuzet das Haus.

„Vor Granaten und Kugeln war mir nicht bang’,
Aber das, das war mein schwerster Gang.“

 Fritz Hofmann.




[297]
Die Gartenlaube (1872) b 297.jpg

Der schwerste Gang. Originalzeichnung von Oehmichen in Düsseldorf.

[298]
Witz und Humor.


Der Witz in Mißcredit. – Von den Ursachen dieses Mißcredits. – Nur ein Kalauer! – Berliner Wortspiele. – Friedrich Wilhelm der Vierte und seine Bonmots. – Confusion, Gallimathias und Maculatur. – Witzige Abfertigungen. – Friedrich der Große und der Geisterbeschwörer. – Eine Probe von Jean Paul’s unsterblichem Humor.


Was ist aus unserm Witz geworden? Außer den Blättern, welche ihn zwangsweise machen, findet sich selten eine Zeitschrift, die ihn nur duldet! Und warum ist der Witz so in Mißcredit gekommen, warum sein Cours so niedrig? Weil die Actien so steigen, d. h. wegen des unersättlichen, gefräßigen und doch nie zu befriedigenden Materialismus unserer Zeit. Wir verhalten uns mehr begehrend als betrachtend zu den Menschen und Dingen um uns. So stehen wir unter dem Zwange unserer Begierden, die uns unfrei machen. Die Gegenstände beherrschen uns, nicht wir sie. Sind wir dagegen im Stande, Menschen und Dinge um uns blos zu beurtheilen, zu erkennen, zu betrachten, so nehmen wir rein ästhetische Vorstellungen von ihnen auf, die unsere Freiheit nicht beeinträchtigen, weil wir nichts von ihnen wollen, sondern weil sie im Gegentheil dazu dienen, uns den Genuß der Freiheit zu erhöhen. Wir spielen geistig mit den Eindrücken von außen und fühlen so die Herrschaft über die Dinge, denen wir diese Eindrücke verdanken. „Freiheit giebt Witz und Witz giebt Freiheit,“ sagt Jean Paul. „Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.“ „In den heiteren Regionen, wo die reinen Formen wohnen, rauscht des Jammers trüber Sturm nicht mehr.“ (Schiller.) Darin liegt zugleich der Schlüssel zu den Geheimnissen der Witzlosigkeit unserer Zeit, der fieberhaft unersättlichen Begehrlichkeit, unserer Sclaverei unter dem Joche des Lebens, des Götzendienstes für die Molochs „Soll und Haben“.

Wir glauben uns deshalb ein Verdienst zu erwerben, wenn wir einmal wieder auf den Werth des Witzes und seine heiter befreiende Kraft aufmerksam machen. Wie herrlich sind schon dessen verschiedene Formen und Wandlungen! Alles Häßliche und Drückende in unserm Leben und den Erscheinungen um uns löst sich durch einen einzigen Blitz richtiger, uneigennütziger Erkenntniß in die beglückendste Heiterkeit auf, wenn uns der Contrast zwischen dieser Unnatur und dem Begriffe oder der Idee der Sache plötzlich durch ein treffendes Wort klar gemacht wird. Solche spielende Urtheile, in denen sich der Witz geltend macht, sind wahre Erlöser und Befreier. Was bisher in unseren Vorstellungen unverträglich war und uns selbst durch seine Mißverhältnisse quälte, wird durch den Witz ein glückliches Liebespaar. „Der Witz,“ sagt Jean Paul, „ist der verkleidete Priester, der jedes Paar traut und zwar die Paare am liebsten, deren Verbindung die ernsten interessirten Verwandten nicht dulden wollen.“

Wie oft stören uns die Ochsen am Berge des Fortschritts! Sie stoßen nicht uns, sondern wir sie aus unserm Wege fort, wenn wir mit Börne sagen: „Als Pythagoras seinen berühmten Lehrsatz entdeckt hatte, opferte er hundert Ochsen; seitdem zittern alle gehörnten Wesen dieser Art, so oft eine neue Wahrheit entdeckt wird.“ Das ist ein Witz, und die Dummheit der Welt, die uns bisher drückte und störte, erregt das Gelächter unseres freien Geistes. Ja, es ist eine Freude, blitzartig, d. h. mit Witz, zu erkennen und mit dem darauf folgenden Donner der Zwerchfelle die uns drückenden Fesseln abzuschütteln. Man lerne den Witz wieder ehren, und wer es irgend kann, lerne ihn machen oder vielmehr mit geschärftem Auge finden. Der Stoff dazu liegt überall umher. Man lerne vor allen Dingen sich höher, besser, freier fühlen, als die Dinge und Menschen, die uns drücken und ärgern. Der Witz entspringt aus dem sich erhebenden und befreienden Selbstgefühl und steigert dasselbe. Freilich um mit solchen spielenden Urtheilen blitzen zu können, dazu gehört nicht blos die Höhe, von welcher er herunterschießt, sondern auch die Kraft, welche den Blitz wirft. Wenigstens fühlt sich die Geisteskraft, wo sie blitzt, erhaben, frei und glücklich, und dies um so mehr, je mehr der Blitzschleuderer sieht, wie der Blitz zündete und die Leute um ihn her lachen und sich ebenfalls frei fühlen. Dies ist unendlich wohlthuend und ein dankbares Geschäft. Ein alter römischer Spottvogel sagte einmal: „Es ist schwer, keine Satire zu schreiben,“ und deshalb ist es auch nicht leicht, einen witzigen Einfall zu unterdrücken. Man gebe sich deshalb auch keine Mühe, sondern platze und blitze heraus, selbst auf die Gefahr hin, daß nichts herauskomme als ein „Kalauer“. Die Menschen um ihn her mögen nur dafür sorgen, daß sie den Witz verstehen, und sich vor allen Dingen hüten, ihn übelzunehmen.

Wer weiter nichts kann, versteht oder macht vielleicht sogar gelegentlich eine leichteste Art von Witzen, einen bloßen Wort- oder Klangwitz. Auch diese Sorte kann zuweilen schon ganz würzig und wirksam gerathen. Früher jedoch gedieh er sogar auf Kanzeln, und Abraham a St. Clara in Wien war Meister darin. Schiller verdankt ihm für seine Capucinerpredigt im Wallenstein die meisten Wortspiele:

„Kümmert sich mehr um den Krug als den Krieg,
Wetzt lieber den Schnabel als den Sabel,
Hetzt sich lieber herum mit der Dirn’,
Frißt den Ochsen lieber als den Oxenstiern.
Das römische Reich, daß Gott erbarm’,
Sollte jetzt heißen: römisch arm.
Der Rheinstrom ist geworden zu einem Peinstrom,
Die Bisthümer sind verwandelt in Wüstthümer,
Die Abteien und Stifter
In Raubteien und Diebesklüfter.

Auch nicht übel vergleicht er den verlornen Sohn mit einem Irländer und dann wieder mit der Donau, die sich nach verschiedenen Irrfahrten mit der Sau verbindet. Die Sau ist bekanntlich ein Nebenfluß der Donau und der verlorne Sohn aß mit den Schweinen Trebern. Ein Hamburger Lotteriecollecteur sprach nach Heine mit Rothschild ganz „famillionär“, und wer Shakespeare’s Macbeth kennt, wird auch den Witz Heine’s gut finden: „Hier in Hamburg herrscht nicht der schändliche Macbeth, sondern Banko.“ Solche Wortwitze werden oft durch den Doppelsinn ziemlich werthvoll und wirksam. Die Philosophen theilen sich in Kantianer, Fichteianer, Hegelianer, Leibnitzianer etc., und da sie sehr oft an schlechter Verdauung leiden, gehören sie und viele Gelehrte oft zu der ganz besonderen Sorte der Unterleibnitzianer. Insofern hat auch der ehrliche Kalauer unter Umständen seine volle Berechtigung. Wir wollen hierbei bemerken, daß eine etwas bessere Sorte dieser Wortwitze besser Kalenburger genannt werden. Es ist dies eine kalauernde Uebersetzung der französischen Bezeichnung für schlechte Wort- und Klangspiele, Calembours. Diese gehen herab bis zu den dummen Witzen und dem höheren Blödsinn, z. B. Welche Ringe sind nicht rund? Die Heringe. Warum gießt man kein Wasser in’s Portemonnaie? Weil dies zu sehr in’s Geld laufen würde. Ein Fähndrich Fallstaff’s heißt Pistol. Populär sagt man zu einem unangenehmen Gaste: Drücke Dich! Wenn nun Fallstaff zu seinem Fähndrich sagt: „Drücke Dich aus unserer Gesellschaft ab, Pistol!“ so ist das zwar ein sehr wohlfeiler, aber gut abblitzender Schuß.

Das Gebiet des Wortspiels ist unendlich groß und erhebt sich von der niedrigsten Kalauerei des höheren Blödsinns bis zu den höchsten Gedankenblitzen, die aus einem einzigen Worte hervorzucken können. Alle diese Spiele sind je nach Ort und Zeit berechtigt. Wir verzeihen sogar lachend die Antwort auf die Frage: Wann liegt Berlin an einem Vulcan? Während des Wollmarktes, weil dann mancher „Wullkahn“ auf der Spree liegt. Auch die Lösung des Räthsels einer berühmten komischen Figur in Berlin ohne Ahnung eines Unterschiedes zwischen Dativ und Accusativ wird wenigstens einmal gern gehört: „Das Erste ist eine Kuh, das Zweite ein Pferd und das Ganze steht auf dem Boden, bis man verreist; was ist das? Ein Kuffert“ (Koffer). Während eines Winters sollten in Berlin vier Subscriptionsbälle stattfinden. Derselbe Papa gefragt, ob er einen oder den anderen besuchen werde, antwortete: „O, ich komme uff allen Vieren!“

Solche Art von Witz braucht übrigens nicht besonders cultivirt zu werden, destomehr das eigentliche Wortspiel, das gute Wort, bon mot, wie es die Franzosen nennen. Aus solch einem Worte mit Doppelladung blitzt dann auch ein weithintreffender Schuß.

Napoleon der Dritte, Kaiser der französischen Adler, nahm gleich im Anfange seiner glorreichen Regierung die Güter der [299] Orleans weg. Da sagten die Franzosen: C’est la premier vol de l’aigle. Da nun vol zugleich Flug und Diebstahl heißt, ist das Wortspiel vortrefflich. Ein witziger Höfling wurde einmal von Ludwig dem Fünfzehnten aufgefordert, er möge ihn, den König selbst zum Subject eines Witzes machen. Der Hofmann antwortete einfach: „Der König ist kein Subject.“ (Sujet: Gegenstand und Unterthan.) Heine sagte von seinen satirischen Schriften, daß er aus ihnen und aus seinen Feinden Ducaten geschlagen habe und zwar so, daß er die Ducaten bekommen und seine Feinde die Schläge.

Professor Kuno Fischer in Jena hat ein vortreffliches kleines Buch: „Ueber die Entstehung und die Entwickelungsform des Witzes“ geschrieben, welches wir dieser begehrlichen, unfreien, nutzlosen Zeit mit diesem unseren Aufsatze, der sich vielfach daraus bereichert hat, dringend empfehlen. Er erwähnt als eines der besten bon mots das Friedrich Wilhelm’s des Vierten. Der kleine dicke Bürgermeister, über dessen Wanst sich in ungeheurer Ausdehnung eine stattliche weiße Weste wölbt, hält ihm in sehr kaltem Wetter eine nie enden wollende Rede. Da unterbrach ihn der König sehr wohlwollend und rief: „Mein Lieber, erkälten Sie sich nicht Ihren Montblanc.

Erstens welcher Contrast zwischen dem Pathos des Redners und diesem Schneegebirge von weißer Weste und dann noch obendrein die Vorstellung, als könnte sich der Montblanc erkälten!

Ein anderer Bürgermeister blieb in der Rede an denselben König gleich im Anfange stecken. Sie fing an: „Tausende grüßen Dich und abermals Tausende grüßen Dich!“ Und da er es nicht weiter konnte, nahm er noch einmal einen Anlauf von vorn: „Tausende grüßen Dich und abermals Tau–“. „Danke schön, danke schön!“ unterbrach ihn der König, „grüßen Sie Alle wieder, aber hübsch Jeden einzeln.

Das Wortspiel ist wesentlich Doppelsinn und wird dann leicht zur Zweideutigkeit. Jeder anständige Mensch wird hier stets den Unterschied achten und doppelsinnige Worte nur dann gebrauchen, wenn keiner derselben das Licht zu scheuen braucht und beide Sinne sofort klar hervorblitzen. In der Zweideutigkeit versteckt sich immer die eine Seite des Doppelsinnes. Das ist zugleich der Tod des Witzes, weil dieser sich blos vollzieht, wenn beide Deutungen sich mit gleicher Lichtkraft zu einem hellleuchtenden Knallgasblitze vereinigen.

Zu dem Komischen oder Lächerlichen gehören immer zwei Subjecte: ein thätiges und ein leidendes. Ersteres im Bewußtsein des Richtigen, Wahren oder Schönen schiebt dem Irrigen, Unwahren oder Häßlichen sein besseres Bewußtsein unter, wodurch ein Zusammenstoß und ein sich entladender Blitz in dem thätigen entsteht. Da muß man dann eben lachen. Und durch diesen Proceß wird der Wahrheit oder Schönheit in dem lächerlich werdenden Gegenstande sein Gericht und Recht gethan. Das Häßliche, der Irrthum wird thatsächlich ausgelacht, d. h. durch Lachen ausgetrieben. Dies vollzieht sich in den verschiedensten Formen. So ist zum Beispiel ein sehr willkommener Gegenstand für den Witz die Confusion der Vorstellungen und der Rede. Wer sich verspricht, wohl gar öfter hintereinander Confusion, „Gallimathias“ oder Maculatur spricht, wird am schnellsten und liebsten ausgelacht. Hier hatte ein ehemaliger Professor in Gotha einen wirklichem Ruhm erworben. Es giebt einen ganzen Band von ihm gesprochener Druckfehler seiner Zunge. „Alexander der Große wurde in Abwesenheit seiner Eltern geboren.“ „Luther ritt, in einem Planwagen versteckt, nach der Wartburg.“ „Von jetzt an sollen sich die Fehlenden immer auf die letzte Bank setzen, damit ich gleich sehe, wer eigentlich fehlt.“

Eine mindestens dreifache Confusion ist folgende. Ein berühmter Berliner Arzt wird in einer Gesellschaft neben Friedrich Tieck, den Bildhauer und Bruder des berühmten Romanschriftstellers Ludwig Tieck, gesetzt und ihm vorgestellt. Bei Tische ruft er, um dessen Wohl zu trinken: „Vivat Oranien!“ Niemand begriff, was er wollte. Man verstand die in diesen beiden Worten liegenden drei Confusionen erst später: er hatte nämlich erstens Friedrich mit Ludwig Tieck, dann diesen mit Tiedge, dem Dichter der „Urania“, und endlich „Urania“ mit „Oranien“ verwechselt. Mehr kann man mit zwei Worten kaum leisten.

Auch das bloße Versprechen, sowie das Stottern der Verlegenheit ist ein Lieblingsgegenstand des Komischen. Wenn einer flucht und mehrmals ruft „Schwech und Pefel“ und dann es richtiger zu machen glaubt, wenn er „Pefel und Schwech“ schreit, oder ein Anderer statt „Bildergalerie“ nach einander „Bildergalderie, Gallerbilderie, Gilderbalderie, nein Baldergillerie“ etc. stottert, so hat ein gutes Zwerchfell lange zu thun, um sich den Eindruck wieder lachend auszuschütten. Ein berühmter Alterthumsforscher ließ sogar viel lächerlichen Unsinn drucken, was ihm übrigens unzählige andere Schriftsteller mehr oder weniger bändereich nachgemacht haben. Vom Nil in Aegypten sagt er: „sein Wasser kann zu einer wahren Leidenschaft werden.“ Vom altrömischen Colosseumtheater heißt es: „Achtzig Thore brachten die Zuschauer auf die Spitze und entleerten diese Spitze ebenso schnell.“ „Eine tiefe Schlucht dringt von links hinauf.“ „Das Schulgeld wird von jetzt an halbjährlich in Quadratzahlungen entrichtet.“ „Das Turnen giebt den Lehrern Gelegenheit, die Schüler auch von einer ‚anderen Seite‘ kennen zu lernen.“ Ein dummer Schauspieler gab einmal den Schiller’schen Tell und fing den Monolog „Durch diese hohle Gasse muß er kommen“ mit einem tiefsinnig auf seine Stirn gedrückten Finger an. Niemand dachte an den Geßler, sondern an die hohle Gasse seines Gehirns.

Mit solchem und überhaupt allen Arten von Unsinn spielt der Witzige und Wissende, namentlich der Mutterwitz sehr gern und erfüllt damit sogar eine sehr angenehme Pflicht. Die herrliche Naturgabe des Mutterwitzes ist in dem gar stattlichen Herrn, dem Abte Bürger’s, seinem Schäfer und dem kurrrigen Kaiser unsterblich gefeiert worden. Wer nicht wissen kann oder will, dem macht der Mutterwitz gern etwas weis. Und der mutterlose Witz oder Aberwitz, der leicht zum Wahnwitz werden kann, sollte überall mit allen möglichen Waffen des wahren Witzes zu allen Tempeln, in welche er sich eingeschlichen, hinausgekitzelt werden. Auch das witzige Abfertigen giebt dem, der es kann, ein sehr angenehmes Gefühl geistiger Ueberlegenheit und freien Spiels über die festesten und besten Autoritäten. Fischer führt folgende zum Beispiele an: Herzog Karl von Würtemberg fragt auf einem Spaziergange einen handwerklich thätigen Färber: „Kann Er auch meinen Schimmel blau färben?“ „Ja wohl, Durchlaucht, wenn er das Sieden vertragen kann!“ Friedrich der Große läßt sich einen berühmt gewordenen Geisterbeschwörer aus Schlesien kommen und fragt ihn: „Also, Er kann Geister beschwören?“ „Zu Befehl, Majestät, aber sie kommen nicht.“

Hierher gehört auch, was man foppen, schrauben, zum Narren halten, zum Besten haben oder rheinisch „utze“, weiter im Norden „hutzen“ nennt.

Wenn diese Spiele des Uebermuthes nicht in Hohn und Bosheit ausarten, sind sie berechtigt, denn Irrthum und Unsinn, namentlich wenn er mit Autorität und Anmaßung auftritt, kann nicht oft und vielfältig genug abgeblitzt werden. Es ist sogar oft gut, sich für diesen Zweck selber die Narrenkappe aufzusetzen, um als lustiger Narr alle Arten von Verkehrtheiten mit der Pritsche zu klatschen. Als die Fürsten sich noch Hofnarren hielten, brauchten sie keine Constitution, keine Parlamente. Man kann oft die schärfste, tiefste Wahrheit in Form eines Unsinns sagen. Sie kommt wissenschaftlich ästhetisch unter dem Namen Oxymoron, d. h. zugespitzte Dummheit, witziger Unsinn vor. Beispiele:

„Ein Messer ohne Klinge und Griff,“ witziges Sinnbild der Volksrechte in scheinconstitutionellen Staaten. „Zweischläfrige Kirchenstühle“. „Beredtes Schweigen“. „Die Sprache erfunden, um Gedanken zu verbergen.“ Der Jean Paul’sche Recensent: „Ich kann dieses Buch nicht einmal recensiren, geschweige lesen.“ Insofern heut zu Tage sehr geistvolle, wahrheitsliebende, edle Charaktere nur mit besonderen Hindernissen vorwärts und emporkommen und in keinem Schwindel und Gewaltwesen brauchbar sind, ist auch folgendes Oxymoron sehr treffend: „Die Menschen, die nichts taugen, sind bekanntlich fast noch immer die besten.“

Man sieht hier, wie der Witz gern die Form des Gegensatzes, des Contrastes und des Epigrammes annimmt, um verborgene oder umdunkelte Wahrheiten dadurch um so rascher und schlagender aufblitzen zu lassen. Schauspieler und sonstige Lieferanten an die große Menge glauben immer: jemehr Kunden, jemehr Beifall, desto höher ich und meine Leistung; aber die urtheilslose Menge ist gewöhnlich ein schlechter Richter. Deshalb rief der berühmte griechische Redner Phokion, als er lebhaft beklatscht wurde: „Was habe ich Dummes gesagt?“

[300] Hamlet’s Ausspruch: „es giebt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumen läßt,“ wird durch Lichtenberg’s Zusatz: „aber es giebt auch Vieles in der Schulweisheit, das sich weder im Himmel noch auf Erden findet,“ zu einem treffenden Pfeile gegen die Schulregulative.

Die kürzeste und treffendste Form dieser Witzart liegt im Epigramm, d. h. einer Aufschrift mit einer überraschend contrastirenden und lösenden Unterschrift. Darin war Lessing Meister.

„Die arme Galathee, man sagt, sie schwärzt ihr Haar,
Da doch ihr Haar schon schwarz, als sie es kaufte, war.“

Werden die Blitze des Witzes zum dauernd leuchtenden und Lüge niederbrennenden Geiste, so genießen wir die Schönheit der Satire oder der Ironie, und wenn sie in’s Fleisch einschneidet, des Sarkasmus. Geht es dabei anschaulich in Wort oder wirklichen Bildern zu, so haben wir die Carricatur, welche leider in gezeichneten und gedruckten Uebertreibungen vielfach zum Zerrbild ihrer selbst geworden ist. Mit Worten läßt sich noch sehr wirksam übertreiben, weil sie ganz rasch und vorübergehend über den lächerlichen Gegenstand hinwegblitzen, während das gezeichnete Zerrbild feststeht und jede Linie zu viel oder zu groß leicht selbst häßlich wird, statt das Häßliche der Vernichtung durch die Lächerlichkeit preiszugeben. Falstaff schildert die rothe Nase seines Bardolph übertrieben stark; aber wollte man die Wortbilder malen oder zeichnen, so käme nicht die rothe Weinnase, sondern ein gräßliches Ungethüm zur Anschauung.

Der dauernd leuchtende Blitz wird in einer höheren Stufe zur Ironie und erreicht endlich seine Vollendung im Humor, der „feinsten Blüthe der Bildung“, der vollen und wahren Selbsterkenntniß, welche uns allein auf die höchste Stufe ästhetischer Freiheit erhebt, von welcher wir bald mit mitleidigen Thränen, bald mit der reinsten Seligkeit auf die Gebrechlichkeiten und Lächerlichkeiten der Welt um uns herabschauen, weil wir auch in den Brüchen dieser Lebensgestaltungen einen berechtigten Theil des Ganzen, des ewig Wahren und Schönen erkennen und genießen.

Unsterbliche Proben dieses Humors verstecken sich in dem wilden Reichthum der Jean Paul’schen Muse. Kuno Fischer hat als lustigstes Beispiel den Anfang der „Flegeljahre“ gewählt. Sie beginnen mit der Eröffnung von Kabel’s Testament, dessen Haus dem unter seinen sieben Anverwandten zufallen soll, der in der ersten halben Stunde nach Verlesung des Testaments wenigstens eine Thräne vergießt. Der Testamentsvollstrecker sitzt mit der Uhr in der Hand und wartet auf das erste Wasser aus einer der sieben zum Weinen vereinigten trockenen Provinzen. Der erste Erbe, der listige Buchhändler Pasvogel, machte sich sofort still an die Sache selbst und durchging alles Rührende, das er theils im Verlag, theils in Commission hatte; dabei sah er aus wie ein Hund, der das Brechmittel, das ihm der Pariser Hundearzt Demet auf die Nase gestrichen, langsam ableckt. Der zweite Erbe, Hoffiscal Knol, verzog sein Gesicht wie ein Schuster, der Sonnabend Abends bei einem Dreierlicht von seinem Gesellen rasirt und radirt wird. Der eigentliche Wettstreit um den Preis des Hauses, die binnen dreißig Minuten zu vergießende Thräne, ist zwischen dem Kirchenrath Glanz und dem Frühprediger Flachs. Letzterer sieht zunächst aus wie ein reitender Betteljude, mit dem der Hengst durchgeht. Er erinnert sich an allen Haus- und Kirchenjammer und sammelt die besten, schwülsten Wolken; auch ist sein Herz nahe daran, wie eine Sonne vor schlechtem Wetter, das nöthigste Wasser aufzuziehen, aber das Haus kommt ihm als ein gar zu erfreulicher Anblick immer dazwischen. Da erhebt sich der Kirchenrath und spricht mit Würde:

„Jeder, der meine gedruckten Werke gelesen, weiß, daß ich ein Herz im Busen trage, das so heilige Zeichen wie Thränen eher zurückdrängen, um keinem Nebenmenschen etwas zu entziehen, als mühsam hervorzubringen nöthig hat aus Nebenabsichten. Dies Herz hat sie schon vergossen, der Kabel war mein Freund.“ Er sah umher und mit Vergnügen bemerkte er, daß Alle noch so trocken dasaßen wie Korkhölzer.

Blos Flachsen schlug es heimlich zu; er dachte an die grauen Haare seiner Zuhörerinnen des Frühgottesdienstes, an Lazarus mit seinen Hunden. In der Eile dachte er auch an seinen eigenen langen Sarg, an das Köpfen so mancher Menschen, an Werther’s Leiden, an seine eigene augenblickliche erbärmliche Lage: noch drei Stöße hatte er zu thun mit dem Pumpstiefel, so hatte er sein Wasser und Haus.

„O Kabel, mein Kabel!“ fuhr nun Glanz fort, fast vor Freude weinend, daß ihm die Trauerthränen so nahe waren, „einst wenn neben Deine mit Erde bedeckte Brust voll Liebe auch die meinige zum Vermod –“

„Ich glaube, meine verehrtesten Herren,“ sagte nun Flachs, betrübt aufstehend und überfließend umhersehend, „ich weine,“ setzte sich darauf nieder und ließ es vergnügter laufen, denn er war nun auf dem Trocknen.

Witz ist zugespitztes, blitzendes Wissen und als Humor in unserer Empfindungs- und Gemüthsweise ein nie versiechender leuchtender Strom, der immer wieder jene Muscheln und Tange, die uns umwachsen wollen, mit sich fortspült, nie duldet, daß wir verknechtet unten im Schmutze und Staube der Dinge kleben bleiben, sondern uns frei oben schwimmend erhält auf dem flüssigen Elemente der ästhetischen, uneigennützigen Freiheit.

Wir müssen erkennend, scharfblickend ohne Begehr und ohne Haß uns frei zu machen suchen und Alles um uns aus seiner Verirrung und Verunstaltung mit diesen scharfen Waffen des blitzenden und leuchtenden Wissens zu erlösen suchen. „Das ist der Humor davon.“

H. B.




Eine Mutter sucht ihr Kind: Agnes von Estorff. Am 1. November 1863 wurde einer Dame in Deutschland ihr einziges, damals drei und ein halbes Jahr altes Töchterchen entrissen und nach Bex im Canton Waadt in der Schweiz gebracht. Das Kind ist am 8. April 1860 geboren. Der Thäter wurde von der königlich hannoverschen, nunmehr preußischen Staatsanwaltschaft in Lüneburg sogleich steckbrieflich verfolgt. Der Staatsrath in Lausanne aber verweigerte seine und des Kindes Auslieferung an die hannoversche und später an die preußische Regierung, weil zwischen der Schweiz und den betreffenden deutschen Staaten keine Cartelverträge bestünden. Im Winter von 1864 auf 1865 wurde das Kind in dem Hôtel „Metropole“ in Genf noch gesehen; seitdem aber ist dasselbe für die Mutter spurlos verschwunden. Wer Auskunft über das Leben oder den gegenwärtigen Aufenthalt des Kindes zu geben vermöchte, wird im Interesse der schwergeprüften Mutter gebeten, seine Angaben bei der Redaction der Gartenlaube niederzulegen.




Druckfehler. In einem kleinen Theil unserer Auflage von Nr. 15 ist in dem Artikel „Erinnerungen an Bogumil Dawison“ auf Seite 250 statt Baison – Baccon stehen geblieben; ebenso ist in Nr. 16, Seite 261, das Alter von Karl Schurz zu 33 statt zu 23 Jahren angegeben. Wir bitten beide Satzfehler zu entschuldigen.




Bock’s Buch in Heften 9. Auflage.




Dieses schon bei seinem ersten Erscheinen mit allgemeinem Willkommen begrüßte, jetzt bereits in 90,000 Exemplaren verbreitete Werk:


Das Buch vom gesunden und kranken Menschen.


Von Dr. Carl Ernst Bock,
Professor der pathologischen Anatomie in Leipzig.


Mit gegen 120 feinen Abbildungen.


bedarf keiner Anpreisungen. Es hat in acht Auflagen selbst für seinen Werth gesprochen und wird das in der neunten durch seine zeitgemäßen wissenschaftlichen Verbesserungen und Vermehrung des Textes und der Abbildungen noch mehr können, besonders da ihm das neu aufgenommene Capitel über die „natürliche Entwickelungsgeschichte der Erdrinde mit ihren Bewohnern und die Abstammung des Menschen nach Darwin und Häckel“ ein besonderes Interesse verleiht. In ca. 9 Heften ist das Werk vollständig. Der Subscriptionspreis jedes Heftes von ca. 6–7 Bogen ist nur 7½ Ngr., wofür auch der weniger Bemittelte im Stande ist, sich diesen Helfer in der Noth nach und nach anzuschaffen. Das erste Heft ist soeben erschienen.

Die Verlagshandlung von Ernst Keil in Leipzig.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.