Die Gartenlaube (1874)/Heft 20

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1874
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[315]

No. 20.   1874.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 16 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Die zweite Frau.
Nachdruck verboten und
Uebersetzungsrecht vorbehalten.
Von E. Marlitt.


(Fortsetzung.)


„Fast könnte ich mich fürchten,“ sagte Mainau mit verächtlicher Ironie, „stünde ich nicht da auf meinen eigenen Füßen. … Ich weiß, wo Du den Hebel ansetzen willst. Weil ich meinem katholisch getauften Kinde eine protestantische Mutter und einen freisinnigen Theologen als Religionslehrer gegeben habe, so ist die Kirche berechtigt, die ihr gehörige Seele zu reclamiren, respective zu retten. Die Rechte des Vaters kommen denen des päpstlichen Stuhles gegenüber selbstverständlich gar nicht in Betracht. Wer wird denn um eine solche unerhebliche Kleinigkeit rechten in einer Zeit, wo der Endspruch des weltlichen Herrschers, die Beschlüsse der Volksvertretung als Seifenblasen von Rom aus ignorirt werden! … Ich könnte mich auf die Linie stellen, wo der erbitterte Kampf gegen die clericale Anmaßung entbrannt ist, wenn ich nicht vorzöge, die schwarze Schaar allein, als einzeln Angegriffener, auf der Mensur zu erwarten – mag sie kommen!“

„Sie wird kommen – darauf verlasse Dich! Deine frevelhafte Opposition wird gezüchtigt werden, wie sie es verdient, und wie es alle Treugesinnten wünschen müssen,“ rief der Hofmarschall in namenloser Erbitterung. „Poche Du nur auf Deinen Geist, auf den Kopf, mit dem Du glaubst durchrennen zu können – gerade mit ihm wirst Du kläglich Fiasco machen! Frage morgen Alle, die drinnen bei Hofe sind! Nicht Einer wird Dir zugeben, daß Du heute Abend im vollen Besitze Deiner Geisteskräfte gewesen bist. Ein Mensch mit seinen gesunden fünf Sinnen, einem ungetrübten Gehirne –“

„‚Trägt nicht seinen Kopf fest auf dem geraden Rücken, sondern kriecht und scherwenzelt vor den Mächtigen‘, willst Du sagen?“

„Ich will sagen: Dein Thun und Treiben, Dein ganzes Gebahren ist in den letzten Tagen ein so auffälliges geworden, daß ein ärztlicher Ausspruch wird entscheiden müssen,“ schrie der alte Herr, blind vor Wuth.

„Ah! Das die Bresche, durch welche mir die weltliche Macht beikommen wird.“ Eine tiefe Blässe überflog secundenlang die Wangen des schönen Mannes. Er war tiefergrimmt; aber die Arme über der Brust verschränkt, sagte er leichthin, wenn auch in beißendem Tone: „Ich wundere mich über Dich. Es ist eines so gewiegten Diplomaten und Hofmannes nicht würdig, im Zorne einen ganzen geheimen Feldzugsplan zu verrathen. … Also wenn der Kampf mit den Clericalen glücklich ausgefochten ist, dann tritt der Gerichtshof auf und erklärt den Mann für ‚unzurechnungsfähig‘, eben weil er gekämpft hat, und weil eine ganze große Hofgesellschaft – Ihre Hoheit, die Frau Herzogin, selbstverständlich an der Spitze – eidlich erhärtet, daß er eines Abends nicht bei Sinnen gewesen ist.“

Der Hofmarschall erhob sich. „Ich muß bitten, die erhabene Frau vor meinen Ohren nicht zu verunglimpfen,“ protestirte er kurz mit seiner abscheulich schnarrenden Stimme. „Uebrigens habe ich Dir diesen sogenannten geheimen Feldzugsplan geflissentlich mitgetheilt. Du sollst ihn wissen, weil ich den Handel nicht bis zum Aeußersten kommen lassen möchte, weil ich als ein Mainau mich verpflichtet fühle, einen Scandal, ein öffentliches Aergerniß von unserem Namen so lange wie möglich abzuwehren. Ich kann aber auch von meiner Forderung nicht um ein Jota abgehen, schon um meines heimgegangenen, strenggläubigen Kindes willen, und deshalb frage ich Dich kurz und bündig: ‚Willst Du mir Leo freiwillig überlassen, an den ich ein heiliges Anrecht habe, so gut wie Du –‘“

Er kam nicht weiter. Mainau unterbrach ihn mit einem hellen, scharfen Auflachen. In dem Momente glitt die junge Frau unbemerkt in das Ankleidezimmer und von da in den Säulengang. Nicht einen Augenblick länger durfte sie zögern. Das beispiellos anmaßende Auftreten des Hofmarschalls ließ nur zu deutlich erkennen, daß er auf mächtige Streitkräfte zu Gunsten seiner unberechtigten Forderung pochen durfte. Der siegesgewisse, erbärmliche Höfling mit den mörderischen Händen mußte heute zum zweiten Male stürzen – jetzt aber durch die eigene schwere Schuld! … Wie that ihr das Herz weh im Mitgefühle für Mainau! Wie liebte sie ihn, der so mannhaft gegenüberstand den unvermeidlichen Folgen, die seine Neigung für sie heraufbeschworen!

Sie vergaß, daß sie Capuchon und Mantille im Salon zurückgelassen; sie sah auch nicht, wie die auf den Lärm der streitenden Stimmen horchenden Lakaien im Vestibule zurückwichen vor der eilig daherrauschenden Frauengestalt, die, Haupt und Nacken unbedeckt und feenhaft geschmückt, in die Mondnacht hinausflog.

Der indische Garten breitete sich hin, so fremdartig, so silbern funkelnd im Mondlichte, wie in jener ersten Nacht, die sie in Schönwerth verlebt – aber welch ein Contrast zwischen heute und damals! Noch in diesen nächtlichen Stunden brachen die morschen Verhältnisse unter den Streichen der Nemesis zusammen, wie der Sturm mit Einem Griffe die gewaltige Banane dort umgestürzt hatte.

[316] Die flüchtigen Füße der jungen Frau berührten kaum den Boden. Desto unheimlicher klang das schwere Rauschen des starren Schleppsaumes in die athemlose Nachtstille hinein. … Beim Betreten des dunklen Laubganges, des Lieblingsaufenthaltes der Affen und Papageien, hemmte sie zusammenfahrend ihre Schritte; kein Rauschen der Thiere in den Zweigen, wohl aber das Knirschen des Kieses unter einem starken Fußtritte hatte ihr Ohr berührt.

„Wer ist hier?“ fragte sie, vorsichtig nach dem Ausgange zurückweichend.

„Der Jäger Dammer, gnädige Frau,“ meldete eine hörbar verlegene Stimme.

Sie athmete befreit auf und ging weiter, während der junge Mann eilig vor ihr herschritt und sich, ehrerbietig grüßend, am jenseitigen Ausgange postirte. Ein Blick zur Seite machte ihr draußen sofort klar, was den Jäger hierhergeführt hatte – das purpurrothe Gesicht auf die Brust gesenkt, stand eines der hübschen Hausmädchen da und knixte – es handelte sich um ein Rendezvous zwischen zwei jungen Leuten, welche die Versetzung des Burschen für längere Zeit getrennt hatte. War es doch, als sei Liane ein Alp von der Brust genommen durch die Gewißheit, daß Menschen in der Nähe seien.

Die Thür des indischen Hauses war verschlossen. Hinter den Fenstern hingen die steifen Matten, und die zerbrochenen Glasscheiben der Thür waren einstweilen durch Bretter ersetzt. Auf Lianens leises Klopfen wurde mit vorsichtiger Hand eine der Matten ein wenig seitwärts geschoben. Gleich darauf öffnete sich geräuschlos die Thür.

„Wäre der Schwarze gekommen, er hätte nicht hereingedurft,“ flüsterte Frau Löhn, indem sie den Riegel wieder vorschob.

Ueber die Todte auf dem Ruhebette war ein weißes Leinentuch gebreitet, und in einem Lehnstuhle lag Gabriel erschöpft in tiefem Schlafe. Die Beschließerin hatte eine wärmende Decke über ihn gelegt, dessen abgehärmtes Antlitz sich todtenhaft von dem dunklen Polster abhob. Unruhig flackerte der Lichtschein darüber hin, den ein vielarmiger, mit Wachskerzen besteckter Silberleuchter verbreitete.

„Auch ein Rest aus der alten Zeit, den ich vor dem geizigen alten Manne drüben im Schlosse gerettet habe,“ sagte die Beschließerin, auf den prachtvollen Leuchter zeigend; „das arme Ding da ist mehr als jede Andere Schloßfrau gewesen, und da soll sie nun auch die letzten Ehren haben.“

Mit sanfter Hand schlug sie das Leichentuch zurück. Das Herz der armen Lotosblume schlug nicht mehr, und doch sah es aus, als hebe sich die schöne frische Seerose auf ihrer Brust noch unter gleichmäßigen Athemzügen. Auch über das Kleid und das Kopfkissen der Todten lagen die weißen Wasserblüthen hingestreut.

„Gabriel hat sie gebracht,“ sagte Frau Löhn „es waren ihre liebsten Blumen, und der arme Teufel hat manchen Schlag vom Schloßgärtner gekriegt, wenn sie ihn am Teiche ‚beim Holen‘ erwischt haben.“

Bei diesen Worten hob sie sanft das Köpfchen vom Kissen, während Liane mit bebenden Händen die Kette darüber streifte; ebenso leicht ließ sich das kleine silberne Buch aus den erkalteten Fingern lösen; sie leisteten nicht den geringsten Widerstand mehr. … Die junge Frau legte die Kette um den Nacken und steckte das verhängnißvolle Schmuckstück in den Busen.

„Morgen!“ sagte sie mit halb erstickter Stimme zu Frau Löhn und ging hinaus. Eine namenlose Beklemmung, das unerklärliche Gefühl, als habe sie mit dem kältenden Silber auf der Brust ihren eigenen Untergang auf sich genommen, machte ihr den Herzschlag stocken. … Umsonst ließ sie ihre Blicke von der Veranda aus über das von Rosengebüsch begrenzte Terrain hinschweifen; umsonst lauschte sie mit zurückgehaltenem Athem auf irgend ein Zeichen, daß ein menschliches Wesen in ihrer Nähe sei. Der Jäger und sein Mädchen hatten jedenfalls, durch ihr Erscheinen erschreckt, den Garten verlassen. Sie schauerte in sich zusammen bei dem Versuche, die Verandastufen hinabzusteigen und weiter zu gehen, und dennoch schämte sie sich, die Frau, die hinter ihr die Thür wieder verriegelt hatte, abermals herauszuklopfen und um ihre Begleitung zu bitten. Und zögern durfte sie nicht mehr; jede Secunde Zeit, die den unnatürlichen Kampf verlängerte, welchen Mainau und sein Kind kämpfen mußte, hatte sie zu verantworten.

Sie flog die Stufen hinab durch das Rosengebüsch – da – da stand das Entsetzliche, dessen Nähe sie gefühlt hatte, wie der Vogel die seines Todfeindes – da stand die schwarze Gestalt mit aschbleichen, verwüsteten Zügen, und der geschorene Fleck inmitten der dunkellockigen Haarmassen dämmerte gespenstig, als die unheimliche Erscheinung feierlich grüßend das Haupt neigte.

Im ersten Augenblicke machte der Schrecken der jungen Frau das Blut gerinnen, dann aber wallte ein Gefühl der Erbitterung, des Zürnens in ihr auf, wie sie nie solches vorher empfunden. Und dieses Gefühl siegte; es machte sie hart, schonungslos. … Ihr Kleid mit einer ausdrucksvollen Geberde an sich heranziehend, als dürfte nicht einmal sein Saum den ihren Weg kreuzenden Mann streifen, wich sie aus und wollte weiter gehen, ohne seinen Gruß zu beachten; aber er vertrat ihr auf’s Neue den Weg, er wagte sogar seine Hand auf ihren entblößten Arm zu legen, um sie zurückzuhalten; sie erblich bis in die Lippen bei der Berührung. Die Hand mit einer kraftvollen Bewegung von sich schleudernd, nahm sie stumm den kostbaren Spitzenärmel, der von ihrer Schulter niederhing, und strich mit dem Gewebe wiederholt über die Stelle, die seine Finger berührt hatten.

„Erbarmungslose!“ stieß er hervor. „Sie kommen von einer Sterbenden –“

„Von einer Todten, Herr Hofprediger, von Einer, die im Heidenthume gestorben ist, und deshalb, wie wir Christen sagen, gestorben ist an Leib und Seele. Ob Gott wirklich die Menschenseelen nur annimmt aus der Hand der Priester, mag sie auch fälschen und vor Nichts zurückschrecken, was die Geister als Schemel unter die Füße der Priestermacht zu werfen vermag? Sie müssen es ja wissen. … Gehen Sie mir aus dem Wege, Herr!“ gebot sie stolz und heftig. „Den echten Predigern des Christenthumes unterwerfe ich mich in Ehrfurcht – und, Gott sei Dank, wir haben deren noch! Sie aber haben mich selbst in Ihre verwerflichen Karten sehen lassen; nicht eine Spur von Weihe liegt auf Ihrer Stirn, und deßhalb wundere ich mich auch nicht über Theaterphrasen, wie ich sie eben gehört, aus Ihrem geistlichen Munde. Lassen Sie mich vorüber!“

„Wozu diese Eile?“ fragte er hohnvoll, aber doch im Tone heftiger innerer Bewegung. „Sie kommen noch rechtzeitig genug, um zu sehen, wie sich der unheilbare Bruch zwischen Onkel und Neffen vollzieht, wie der interessante Herr von Mainau alle alten Bande und Beziehungen von sich wirft, um – ausschließlich Ihnen zu gehören!“ – Er hatte also wieder draußen unter den Säulen vor der Glasthüre gestanden und dem Streite gelauscht; er war ihr dann gefolgt, wie in jener ersten Nacht. In diesem Augenblicke gelang es ihr, an ihm vorüberzukommen – sie betrat nothgedrungen den Uferrasen des Teiches, weil er auch jetzt schon wieder neben ihr herging. „Ja, Ihnen ausschließlich, gnädige Frau!“ wiederholte er beißend. „Ihre gestrige Drohung, zu gehen, hat ihn ohne Zweifel zu Ihren Füßen geführt – wie und wann? – ich gäbe ein Glied meines Körpers d’rum, wenn ich das wüßte. … Aber ich sah heute Abend im Concertsaale diesen Triumph auf Ihrem schönen Gesichte glänzen – Sie sind stolz darauf – wie lange? … ‚Der Schmetterling muß fliegen!‘ sagte die Herzogin – er muß fliegen, der strahlende Falter, damit die Welt das schillernde Farbenspiel seines originellen Wesens bewundern kann, sage auch ich. Ein Jahr des geträumten, stolzen Glückes gebe ich Ihnen – nicht einen Tag länger.“

„Nun gut“, versetzte sie mit aufstrahlenden Augen den Kopf zurückwerfend – im unwillkürlichen, fortgesetzten Ausweichen vor der andrängenden Gestalt des Geistlichen war sie allmählich dicht an den Rand des Ufers getreten – da blieb sie stehen, die Hände inbrünstig über der Brust verschränkt, und auf dem mondbeglänzten, lieblichen Antlitze lag ein Ausdruck von Verzückung. „Ein einzig Jahr denn! Aber ein Jahr von unaussprechlichen Glückes! Ich liebe ihn, ich liebe ihn bis in alle Ewigkeit, und nehme dieses eine Jahr der Gegenliebe dankbar aus seinen Händen.“

Ein halbunterdrückter Schrei, wie ihn nur Wuth und Verzweiflung ausstoßen können, rang sich aus der Brust des Mannes.

„Sie belügen sich selbst,“ stieß er hervor, „um das Gefühl des gesättigten Trachenberg’schen Stolzes darüber zu beschönigen, [317] daß dieser Mainau für einen Augenblick wirklich niedergeworfen zu Ihren Füßen liegt. … Sie können ihn nicht lieben, der Sie oft genug in meiner und Anderer Gegenwart mit der schneidendsten Kälte behandelt, der der ganzen Welt gezeigt hat, daß es ihm widerstrebt, diesen schönen Körper auch nur mit seinem Athem zu berühren; er hat Sie beleidigt, wie ein Mann das Weib nicht schmählicher beleidigen kann – und das hätten Sie nie gefühlt? Es hätte Sie nie erbittert, und triebe Ihnen nicht noch zur Stunde die Gluth der Demüthigung in das Gesicht? Sehen Sie in diesen klaren Spiegel hinab!“ – er zeigte auf die durchsichtige Wasserfläche, die fast an ihre atlasschimmernden Füße schlug. – „Sehen Sie in Ihre eigenen Augen hinein! Sie können nicht wiederholen, daß Sie ihm für seine augenblickliche herablassende Laune das Wonnegeschenk Ihrer Liebe hinwerfen wollen.“

Sie sah in der That seitwärts in die Fluth hinab – aus namenloser Furcht vor den Augen, die sie anglühten.

„Sie lieben ja diesen See, schöne Frau,“ sagte er mit seltsam gedämpfter Stimme, als handle es sich um ein Geheimniß. „Sie haben mir verrathen, daß Sie seine weichen Wellen meiner Berührung weit vorzögen. Sehen Sie, wie er lockt und schmeichelt!“

Jäh zusammenschreckend fuhr sie empor und sah ihm mit einer wilden Angst in das Gesicht.

„Fürchten Sie sich vor mir?“ fragte er sardonisch lächelnd. „Ich will ja Nichts von Ihnen, als angesichts dieses reinen, klaren Spiegels die Erklärung, daß Sie für ‚Jenen‘ die Neigung und für mich der Abscheu nicht so erfüllt, wie Sie mich überzeugen möchten.“

Sie raffte ihre ganze Willenskraft, ihren Muth zusammen. „Unerhört! … Was ficht Sie an, mir eine Erklärung abzufordern? Ich bin Protestantin, und nicht Ihr Beichtkind; ich bin die Herrin von Schönwerth, und Sie der Gast; ich bin eine Frau, die ihr gegebenes Wort erfüllt, und Sie ein eidbrüchiger Priester. Ich könnte Sie einfach meinen Stolz fühlen lassen und schweigend gehen, aber weil Sie drohend vor mir stehen, sollen Sie wissen, daß ich mich nicht vor Ihnen fürchte, daß ich Sie vom Grunde meiner Seele verachte, schon deshalb, weil Sie so plump die erste und einzige Liebe eines Frauenherzens anfechten und zu entweihen suchen.“

Sie hob den Fuß zum Gehen, aber zwei Arme umschlangen sie: „Darf ich nicht, dann soll auch er Sie nie berühren,“ murmelte es vor ihrem Ohre. Sie wollte aufschreien, aber heiße Lippen preßten sich wild auf die ihren … dann ein Stoß, und die schlanke Frauengestalt stürzte kopfüber in die aufzischende Fluth. … Ein furchtbarer Schrei gellte über das Wasser hin, aber nicht die Hinabgestürzte stieß ihn aus – vom Laubgange flog das Hausmädchen her, ihr nach der Jägerbursche. … „Wir haben’s gesehen, elender Mörder!“ schrie sie wie toll, beide Arme weit ausbreitend, um den nach dem Laubgange fliehenden Priester aufzuhalten; „Hülfe, Hülfe! Haltet ihn!“ … Mit einem einzigen Griffe schleuderte der wie wahnwitzig fortstürzende Mann das Mädchen aus dem Wege und verschwand im Laubgange.

Inzwischen hatte der Jäger den Teich erreicht und den Rock von sich geworfen. Gerade hier war das Ufer nicht sumpfig und seicht; es stieg fast senkrecht hinab in die verrufene Tiefe. Das Wasser war so durchsichtig klar und ungetrübt, wie inmitten des Teiches. Im ersten Momente schlossen sich die Wellen über dem hinabgeschleuderten Körper; dann aber – es sah geisterhaft schön aus – wogte der starre Silberstoff des Gewandes empor; er sog das Wasser nicht ein und breitete sich wie ein glitzerndes Schwanengefieder weit entfaltet über den Teichspiegel hin, und darüber erschien der wasserüberströmte Frauenkopf mit den Juwelen im Haar; er sank tief in den Nacken zurück, während die weißen Arme hoch in der leeren Luft vergebens nach einem Halt griffen. Jetzt zitterte ein schwacher Hülferuf von den Lippen der jungen Frau herüber. Seltsam, der steife Silberbrocat schien sie zu tragen.

Der Jäger schwamm gut; er mußte sich aber ziemlich weit hineinarbeiten; denn die Wucht des Stoßes hatte die unglückliche Frau sofort weitab vom Ufer getrieben; dennoch gelang es ihm, einen ihrer Arme zu erfassen, in dem Augenblicke, wo der Körper abermals zu sinken begann; er zog ihn an sich, und langsam, aber sicher schwamm er mit der Geretteten dem Ufer zu. Noch hatte er den festen Boden nicht erreicht, als es im Garten nach verschiedenen Richtungen hin plötzlich lebendig wurde. Das markerschütternde Aufschreien, das Hülferufen des Mädchens war sowohl im indischen Hause wie im Vestibüle des Schlosses gehört worden. Frau Löhn kam durch das Rosengebüsch gestürzt – sie sah noch, die Hände über dem Kopfe zusammenschlagend, wie ihre Herrin abermals unterzugehen drohte, und vom Schlosse stürmten die Lakaien her, gerade rechtzeitig, um die Halbbewußtlose an das Land zu ziehen. …




27.


Frau Löhn kniete auf dem Rasen und hielt den Oberkörper der jungen Frau in den Armen. Sie weinte und schrie laut, als das Mädchen mit heiserer, gebrochener Stimme den entsetzten Leuten zuflüsterte, was geschehen war. Die Kleine hatte das saubere, weiße Battistschürzchen abgenommen und trocknete sanft das niederrieselnde Wasser von Gesicht und Schultern der Herrin. Diese belebende Berührung und das laute Jammern der Beschließerin gaben der jungen Frau sehr schnell die volle Besinnung zurück. „Still, still, Frau Löhn!“ flüsterte sie sich aufrichtend. „Der Herr darf nicht erschreckt werden.“ … Mit einem lieblichen Lächeln reichte sie ihrem Retter herzlich die Hand, dann stellte sie sich mittelst einer energischen Bewegung auf die Füße. Die Bäume schwankten, wie vom starken Winde bewegt, vor ihren Augen, und der Weg zu ihren Füßen nahm eine wunderlich schlängelnde Bewegung an; es war ihr, als wandle sie in greifbarem Nebel, und dennoch ging sie vorwärts, und ihre Hand fuhr erschrocken nach dem Nacken – da hing die Kette noch – das wichtige Document lag nicht im See.

Mit jedem Schritte weiter verlor sich der Schwindel, der so beängstigend ihren Kopf gefangen gehalten, immer mehr; sie ging hastiger und wandte sich nur dann und wann, den Finger auf die Lippen legend, nach den ihr folgenden Leuten um, wenn ein Laut der Entrüstung ihr Ohr traf.

Im Vestibüle lief die übrige Dienerschaft durcheinander. Man wußte, daß etwas Unerhörtes geschehen sei; aber Keiner konnte sagen, was und wo. Die dienstthuenden Lakaien waren aus der Halle verschwunden, und ein fernes, wildes Schreien hatte man in der Küche und in den Gängen auch gehört, der Kutscher des Hofmarschalls aber schwur aufgebracht, er habe Seine Hochwürden keuchend, mit hochgehobenen Armen, wie einen Rasenden über den Kiesplatz stürzen und hinter dem nördlichen Flügel verschwinden sehen. … Dazu scholl aus de Gemächern der „gnädigen Frau“ unausgesetzt die aufgeregte, zornbebende Stimme des Hofmarschalls, manchmal unterbrochen von einem mahnenden oder auch heftig drohenden Ausruf des jungen Herrn. …

Da trat Liane auf die Schwelle und schritt an den erschreckt Zurückweichenden vorüber, das Gesicht blutlos und starr, wie das einer Wachsfigur; von den langen Flechten rieselten die Wasserbäche unaufhörlich über das silberrauschende Kleid, das sie als rollende Perlen abstieß, und die lange Schleppe zog einen breiten, feuchtglänzenden Streifen über die Steinmosaik des Fußbodens; es machte den Eindruck, als käme „die gespenstige Wasserfrau“ direct vom Grunde des Sees, um eine Seele hinab zu holen. …

Sie verschwand im Säulengange, und Hanna flog ihr nach in das Ankleidezimmer; dem Mädchen sträubte sich das Haar vor Entsetzen; sie hatte eben noch mit halbem Ohre erfangen, was die hereintretenden Leute den Anderen mittheilten; sie hörte das Stimmengewoge hinter sich in Ausrufen der Wuth, der Erbitterung gipfeln.

In angstvoller Hast kleidete sich die junge Frau um. Sie sprach nicht; aber ihre Zähne schlugen hörbar wie im Fieberfroste zusammen. Durch die Thür des anstoßenden Salons drang die scharfe, schrille Stimme des Hofmarschalls unermüdlich herüber; man konnte jede Silbe verstehen. … Er erging sich mit einer wahren Wollust in Schmähungen jener verstorbenen Brüder und des „Landstreicherlebens“, das sie geführt. Er griff in die fernste Vergangenheit zurück, um darzuthun, welch eine lange Kette von Leiden und Anfechtungen er, der echte Sohn seiner Väter, der allein den Nimbus und die Principien des Edelmannes [318] zu bewahren verstanden, um dieser „zwei Hirngestörten“ willen habe erdulden müssen. … Jeden drohenden Einwurf Mainau’s, jede Zurückweisung in die Schranken der Selbstbeherrschung belachte er verächtlich – was konnte ihm der erzürnte Mann anhaben, der unablässig, in höchster Aufregung das Zimmer durchmaß? Morgen mußte er Schönwerth verlassen, und wenn sie auch Beide gleiche Rechte an die Besitzung hatten, so war doch nach Allem, was die boshafte Zunge des Einen an Beleidigungen gegen den Anderen geschleudert, ein ferneres Zusammentreffen, ja auch nur das Athmen einer und derselben Luft Beiden für alle Zeiten undenkbar geworden. Und daß der Herr Hofmarschall, der Stolz des Hauses Mainau, das Feld nicht räumte, verstand sich von selbst.

Hanna hatte die Flechten ihrer Dame einigermaßen getrocknet und ihr ein schwarzes Hauskleid übergeworfen. Sie erschrak über diesen „Mißgriff in der Eile“ und bebte zurück, so entgeistert, so fahlweiß hob sich das Gesicht mit den bläulichen, krampfhaft zusammengezogenen Lippen von dem tiefen Schwarz.

„Gnädige Frau – nicht hinüber!“ bat sie angstvoll und griff unwillkürlich nach dem Kleide der jungen Frau, die auf die Salonthür zuschritt; heiße, zitternde Finger schoben die zurückhaltende Hand weg und zeigten nach der Thür, die in den Säulengang mündete. Die Kammerjungfer ging hinaus; sie hörte, wie hinter ihr der Riegel vorgeschoben wurde.

„Du wirst nicht leugnen, daß sich auch eine tüchtige Dosis dieses Narrenblutes bereits bei Leo geltend macht. Er nimmt leider, zu meiner Verzweiflung, nur allzu oft jenen ‚genialen Chic‘ an, der zum Fluch für unsere einst so respectable, ehrenfeste Familie geworden ist,“ sagte drinnen der Hofmarschall. „Nur eine strenge, vernünftige und gottesfürchtige Erziehung kann da helfen; ich sage nochmals, nur die großväterliche, nöthigenfalls eiserne Hand wird ihn retten – und das soll geschehen, so wahr ich dereinst auf einen gnädigen Richter hoffe. Und wenn Du Deine väterlichen Ansprüche von einem Gerichtshof zum andern schleppst, Leo ist mein! … Uebrigens hast Du ja einen Ersatz – Deinen Adoptivsohn Gabriel! Ha, ha, ha!“

Da wurde der Thürflügel zurückgeschlagen, und die junge Frau trat in den Salon. Sie stand dem in einen Lehnstuhl hohnlachend zurückgesunkenen alten Herrn gegenüber.

„Gabriel’s Mutter ist todt,“ sagte sie langsam vorschreitend.

„Mag sie zur Hölle fahren!“ schrie der Hofmarschall wie wüthend.

„Sie hatte eine Seele so gut wie Sie, und Gott ist barmherzig,“ rief Liane. Das Blut kehrte in ihre Wangen zurück. „Sie sind strenggläubig, Herr Hofmarschall, und wissen, daß er ein unbestechlicher Richter ist. … Mögen Sie auch in die eine Wagschale den ‚stetsbehaupteten‘ Nimbus des Edelmannes, die strenge Ausübung der Standespflichten werfen, sie wird dennoch zu leicht befunden. … Wo ein Richter zu entscheiden hat, da müssen auch Ankläger sein, und sie steht jetzt vor ihm und zeigt auf die Fingermale an ihrem Halse.“

Der Hofmarschall hatte sich anfänglich scheinbar galant vorgebeugt und die Sprechende unbeschreiblich malitiös angelächelt. Bei den letzten Worten fiel er zurück; als ihm der Unterkiefer vor sprachlosem Schrecken herabsank und den meist so impertinent zugespitzten Mund weit offen erscheinen ließ, da sah es aus, als berühre ihn die überraschende Hand des Todes. … Mainau aber, der bei Lianens Eintreten am entgegengesetzten Ende des Salons gestanden, kam jetzt auf sie zu; er schien kaum gehört zu haben, was sie gesprochen; er vergaß den verzweifelten Kampf, den er eben um sein Kind kämpfte, den beispiellosen Zorn, der in ihm kochte, über dem Anblicke der Frau, die, so seltsam verändert an Stimme und Erscheinung, wieder eingetreten war. … Er schlang den Arm um sie und zog sie näher an das Lampenlicht; er wollte ihr den Kopf in den Nacken biegen, um das Gesicht von beleuchten zu lassen, und legte die Hand auf ihren Scheitel – entsetzt fuhr er zurück.

„Was ist das?“ schrie er auf. „Dein Haar trieft von Nässe. Was ist mit Dir vorgegangen, Liane? Ich will es wissen.“

Krank ist die Gnädige!“ rief der Hofmarschall mit klangloser Stimme herüber; er saß bereits wieder aufrecht und legte mit einer ausdrucksvollen Geberde den Zeigefinger an die Stirn. „Ich sah es sofort an ihrer gespreizten, theatralischen Haltung, und ihre letzten Worte bestätigen vollkommen, daß die Dame an Nervenaffectionen, respective Visionen leidet. Lasse den Arzt holen!“

Liane wandte die Augen mit einem kalten verächtlichen Lächeln von ihm weg und ergriff Mainau’s Hand. „Du sollst Alles erfahren – später, Raoul. … Ich habe Dir schon heute einmal angedeutet, daß ich Dir Schweres mitzutheilen habe. Die Todte im indischen Hause –“

„Ah, da ist ja wohl die Erscheinung wieder!“ lachte der Hofmarschall heiter auf. „Wo haben Sie denn eigentlich das Phantom gesehen, meine Gnädigste?“

„Vor der Thür des rothen Zimmers, Herr Hofmarschall. Ein Mann schlang die Hände um den kleinem Hals der armen Bajadere und drückte ihr die Kehle zu, bis sie für todt auf den Boden niedersank.“

„Liane!“ rief Mainau in leidenschaftlicher Angst. Er zog sie an sich und zog ihren Kopf beschwichtigend an seine Brust; er glaubte immer noch eher an eine plötzliche Geistesstörung dieses geliebten Wesens, als – an einen Mordversuch in „dem höchst ehrenhaften Schönwerth“.

Der Hofmarschall erhob sich in demselben Augenblicke. „Ich gehe – ich kann keinen gehirnkranken Menschen sehen.“ Er sagte das mit dem ausgesprochensten Abscheu in Stimme und Geberde; aber er vermochte nicht allein zu stehen und griff mit unsicher tastender Hand nach der Armlehne des Stuhles.

„Beruhige Dich, Raoul! Ich werde Dir beweisen, daß ich nicht ‚gehirnkrank‘ bin,“ sagte Liane. Sie wand sich von ihm los und trat dem alten Herrn näher.


(Schluß folgt.)




Album der Poesien.

Der Goldschmiedsgesell.

Es ist doch meine Nachbarin
Ein allerliebstes Mädchen.
Wie früh ich in der Werkstatt bin,
Blick’ ich nach ihrem Lädchen.

5
Zu Ring und Kette poch’ ich dann

Die feinen goldnen Drähtchen.
Ach, denk’ ich, wann, und wieder wann
Ist solch ein Ring für Käthchen?

Und thut sie erst die Schaltern auf,

10
Da kommt das ganze Städtchen

Und feilscht[WS 1] und wirbt mit hellem Hauf
Um’s Allerlei im Lädchen.

Ich feile; wohl zerfeil’ ich dann
Auch manches goldne Drähtchen.

15
Der Meister brummt, der harte Mann!

Er merkt, es war das Lädchen.

Und flugs, wie nur der Handel still,
Gleich greift sie nach dem Rädchen.
Ich weiß wohl, was sie spinnen will:

20
Es hofft das liebe Mädchen.


Und nach den Lippen führt der Schatz
Das allerfeinste Fädchen.
O, wär’ ich doch an seinem Platz,
Wie küßt’ ich mir das Mädchen!

 Goethe.




[319]
Die Gartenlaube (1874) b 319.jpg

Der Goldschmiedsgesell.
Originalzeichnung von H. Effenberger.

[320]

Bei den Coroados-Indianern.

Es war im Monat Juli des Jahres 1864, als ich mich mit meinem Vater und einem alten portugiesischen Major als technischem Gehülfen mitten auf dem Ivahy, einem Seitenflusse des gewaltigen Parana, in der brasilianischen Provinz letzteren Namens, befand. Vierzig Mestizen und Mulatten als Ruderknechte und Bemannung von acht kleinen, je aus einem Stamme gezimmerten Canots begleiteten uns.

Mehr als zwei Monate waren schon verflossen, seitdem wir zu Pferde die sechszig geographische Meilen, meist wellenförmiges Prairieland, von dem Hafenorte Antonina über das hochliegende Städtchen Curityba nach der Colonie Thereza zurückgelegt hatten. Unter theilweisem Landtransporte unserer Fahrzeuge hatten wir auf diesem äußersten Vorposten civilisirten oder vielmehr halbcivilisirten Lebens gegen die endlosen Urwälder des Innern uns nach mühevollen Vorbereitungen schließlich eingeschifft und durch brausende Stromschnellen, aus deren weißem Gischt glänzend schwarze Doleritklippen drohend hervorlugten, eine Region des Thales erreicht, wo die sich mehrenden Anzeichen der Anwesenheit von wilden Indianern zur Vorsicht mahnten. Wir fanden nämlich Schlingen zum Einfangen von Säugethieren und schön befiederte Pfeile, untrügliche Spuren von Indianern.

Regelmäßiger als sonst wurde Munition vertheilt und die Waffen in steter Bereitschaft gehalten; die Mannschaften der einzelnen Canots erhielten den Befehl, sich nicht, wie bisher geschehen, den Tag über oft vollständig außer Sicht zu begeben, sondern mehr beisammen zu bleiben, und für die Nacht mußte der Wachtdienst, welcher, obgleich im Beginne der Fahrt richtig organisirt, schon seit längerer Zeit mehr oder weniger zur Mythe geworden war, wieder regelmäßig gethan werden.

Wie gering jedoch bei alledem die Sicherheit war, welche uns diese bei dem kindisch-leichtfertigen Wesen der an keine Disciplin gewöhnten Mulattenbande nur mit vieler Mühe durchzuführenden Maßregeln gaben, sollte mir gerade in jener Zeit durch einen charakteristischen Zwischenfall klar werden.

Müde von der Tagesarbeit, dem Aufschreiben topographischer Notizen, Mikrometer-Ablesungen, Sondirungen und Geschwindigkeitsmessungen, hatten wir uns, nachdem ich noch kurz nach Sonnenuntergang eine Monddistanz behufs der Längenbestimmung gemessen, bald nach der Einnahme unseres einfachen, aus Tapirbraten und schwarzen Bohnen bestehenden Mahles zur Ruhe begeben. Es war Winter auf der südlichen Hemisphäre; fröstelnd hatte ich mich in meine wollenen Decken gehüllt, und war, das Haupt auf meinem kleinen ledernen Reisekoffer, auf der harten, als Unterlage dienenden Kuhhaut unter Gedanken an die ferne Heimath alsbald in tiefen Schlaf versunken, als ich durch einen in nächster Nähe abgefeuerten Schuß, der, kaum gebrochen durch die dünne Zeltwand, wie der Donner eines schweren Geschützes an mein Ohr schlug, plötzlich aufgeschreckt wurde.

Mein erster Griff war nach dem mir zur Seite liegenden Revolver, um im nächsten Augenblicke, als gerade ein zweiter Schuß krachte, die feuchte Zeltwand aufzuschlagen und mit einem Sprunge in’s Freie zu treten. Ich erwartete schwirrende Pfeile, Kampfgewühl und gellendes Geheul, kurz die ganze Inscenirung eines regelrechten Indianerüberfalles, für den die Tageszeit – es ging schon gegen Morgen – nicht passender hätte sein können. Statt dessen – wer beschreibt mein Erstaunen? – lagen der breite Strom, dessen Oberfläche qualmende Nebel bis in’s Unendliche zu verlängern schienen, sowie die unter dem überhängenden Buschwerke des Ufers halb versteckten Zelte der Mannschaft und die verglimmenden Reste des Wachtfeuers im Morgengrauen des anbrechenden Tages so friedlich, so zauberhaft still vor meinen schlaftrunkenen Blicken, daß ich die erhobene Waffe mit lautem Lachen zur Erde senkte.

Doch da kam ja der nächtliche Schütze, einer der beiden Wache haltenden Ruderer, dessen Leidenschaft für die Jagd ich wohl kannte, hinter dem Zelte hervor, den noch rauchenden Trabuco am Arm.

„Aber was zum Kukuk, Hippolyto, machst Du denn?“ fuhr ich ihn an.

„Jawohl, mein Patron, sie ist leider entwischt; es war wirklich nicht hell genug, um scharf zielen zu können, aber fett, sehr fett war sie,“ antwortete er im Tone höchsten Bedauerns.

„Aber wer denn, was denn?“

„Nun, die Anta (Tapir); sehen Sie hier den ‚rasto‘!“ und er wies auf eine tief in den feuchten Ufersand eingedrückte Tapirspur, „und wie der mittlere Ballen schön rund sich abgeformt hat; ich sagt’ es ja, sie war fett wie ein gemästetes Schwein.“

Ueberdem und gerade als ich dem tollen Burschen, dem es unfaßlich war, daß es Umstände geben könne, unter welchen man auf ein in Schußweite kommendes Wild auch einmal nicht anlegen solle, sein rücksichtsloses Gebahren verwies, waren unsere halbwilden Burschen aus ihren Zelten hervorgekrochen, zuerst erstaunt um sich spähend, dann aber schwatzend und lärmend die Antaspur umstehend und den spaßhaften „Caso“ besprechend.

Nach einer längeren Disputation begab sich Jeder auf seinen Posten; die Köche, deren jede Bootsmannschaft einen stellte, besorgten die großen Kessel, in welchen die schwer weich zu kochenden Bohnen die Nacht über am verglimmenden Feuer gestanden; Andere schleppten die Säcke mit Mais und Mandiocca-Mehl, das im ganzen Innern Südamerikas die Stelle des Brodes vertritt, herbei, und nachdem Jedem seine Portion in die selbst verfertigten Hornschüsseln zugemessen und er von dem keineswegs beliebtest, nach unserer Ansicht jedoch ausgezeichneten Palmkohl, der à discrétion war, sich selbst bedient, wozu irgend ein Spießbraten, sei es Tapir, Pecari oder Reh, ein Waldhuhn, Jacu oder Jacutinga, oder einer der herrlichen Fische jener Ströme kam, breitete sich jene feierliche Stille über die Versammlung, welche die natürliche Folge einer ausschließlichen und eifrigen Thätigkeit der Kauwerkzeuge zu sein pflegt.

Nach dem Essen macht in jenen Ländern, den Südprovinzen Brasiliens, wie in der argentinischen Republik, Montevideo etc., stets die unvermeidliche kleine Calebasse mit dem etwas vegetabilisch zusammenziehend, im Allgemeinen jedoch angenehm schmeckenden Paraguay-Thee, Herva-Mate, einer Ilexart und nahen Verwandten unserer Stechpalme mit den prächtig glänzenden Blättern, die Runde, und auch unsere Ruderer hätten sicherlich viel lieber den von Zeit zu Zeit gespendeten Branntwein, so sehr sie ihn auch liebten, als das geliebte Nationalgetränk entbehrt.

Für uns jedoch war selbst die Süßigkeit des Mateschlürfens nicht von Dauer und rastloses Vorwärtsdringen unsere Losung.

Das Zeichen zum Aufbruche wurde also gegeben, die Zelte, Decken, Waffen, Kessel und Lebensmittel wieder in den engen Canots, so gut es ging, verstaut, und nachdem ich zuletzt noch eigenhändig die Chronometer, jene empfindlichsten aller Instrumente, an Bord gebracht, wurde endlich die Reise stromab fortgesetzt.

Nicht weit jedoch waren wir gefahren, als die Bemannung der vordersten Canots, welche soeben in eine starke Krümmung eingelenkt hatten, gegen ein paar Felsen in der Nähe des rechtseitigen Ufers sich drückend, uns durch Winken und Zeichen zu verstehen gab, daß stromabwärts etwas Neues in Sicht sei.

Eiligst rückten wir Alle bis dahin vor und sahen nun auf eine Entfernung von vielleicht achthundert Metern das hohe Ufer einer kleinen, dichtbewachsenen Insel von einer großen Zahl von Indianern besetzt. Durch das Fernrohr konnten wir beobachten, wie auch sie durch den Anblick unserer Boote lebhaft erregt waren und mit einem andern auf der Insel postirten Trupp Zeichen wechselten.

Es hatte wirklich allen Anschein, als wollten sie uns den Durchgang verwehren, und ich begann zu befürchten, daß es ohne Kampf nicht ablaufen werde, um so mehr, als ich die blutige Tradition, eine Art von Vendetta, welche in diesen Grenzdistricten zwischen den Ansiedlern und den Ureinwohnern leider immer noch lebendig ist, recht wohl kannte. Hatten doch mehrere unserer Ruderer vor mehreren Jahren die Leichen von vier Bewohnern der Colonie Thereza, welche beim Einsammeln von Herva-Mate von den Coroados überrascht und erschlagen worden waren, nach Hause gebracht, und war der Eine und der Andere auf der Jagd schon durch einen von unsichtbarer Hand abgeschossenen Pfeil ober durch gellendes Indianergeheul erschreckt worden. Zu Einem jedoch war ich fest entschlossen: zu verhindern, daß von unserer Seite der geringste Schritt zur Eröffnung der [321] Feindseligkeiten gethan würde. Ich wandte mich daher an die Bemannung der Bootsflotille, welche sich um uns gesammelt hatte, und drohte Jedem, der Feuer geben würde, ohne daß der erste schwirrende Pfeil im Bord unserer Canots stecke, mit strenger Ahndung. Wir seien nicht gekommen, um die alte Fehde zu erneuern, sondern um Straßen, Eisenbahnen und Schifffahrtscanäle anzulegen und gerade die bis jetzt unzugängliche Wildniß, den „Sertao“ des Parana, zu erschließen. Die Regierung werde es daher sehr übel nehmen, wenn durch unsere Schuld die Erreichung dieses Zweckes erschwert werde, und ich für meinen Theil würde dafür sorgen, daß der Uebelthäter seiner Strafe nicht entginge.

Sie hörten mich ernst und schweigend an, und wir setzten, als ich noch etwas Munition vertheilt hatte und die Waffen schußbereit zur Hand lagen, die Fahrt stromab langsam fort unter steter Beobachtung der, wie es schien, an Zahl wachsenden Indianerhorde. Kaum hatten wir jedoch 2–300 Meter zurückgelegt, als sich am gegenüber liegenden Punkte des Ufers die Büsche theilten und ein gänzlich unbekleideter junger Indianer, vollständig unbewaffnet, auf eine flache Felsplatte heraustrat und uns Zeichen machte, heranzukommen.

Wenngleich der eine oder der andere unserer Leute, besonders ein paar furchtsame Neger, deren tiefen, psychologisch interessanten Abscheu vor den Rothhäuten ich öfters zu beobachten Gelegenheit hatte, etwas von Hinterhalt murmelte, so ließ ich doch alsbald anlegen und war auf’s Angenehmste überrascht, als der Indianer, ohne sich lange zu besinnen, in mein Boot sprang und sich zu uns setzte, als seien wir alte Bekannte. Es war ein kräftig gebauter, untersetzter Bursche von etwa zwanzig Jahren, dem die den ganzen oberen Theil des Hauptes einnehmende scharf abgegrenzte Tonsur ein eigenthümliches Aussehen gab. Einige Reihen weißer Glasperlen um den Hals bildeten, wie schon bemerkt, seine ganze Ausstattung.

Um die Conversation in einer allgemein verständlichen, für ihn angenehmen Weise zu eröffnen, ließ ich ihm ein Stück gebackenen Angu oder Polenta reichen, das er sogleich verspeiste, sowie eine Ziehharmonika, deren Töne, als einer der Ruderer sie spielte, seine Bewunderung zu erregen schienen. Er versuchte dasselbe zu leisten, ärgerte sich, daß es ihm nicht gelang, betrachtete das Instrument von allen Seiten, durchbohrte endlich wahrscheinlich behufs eingehenderen physiologischen Studiums, dessen Blasebalg mit den Fingern, suchte das tönende Princip im Innern zu erspähen, und warf, zuletzt ungeduldig werdend, den ganzen Plunder über Bord.

Nach diesem stummen, aber ausdrucksvollen Intermezzo setzten wir unsere Fahrt stromabwärts mit um so größerer Zuversicht fort, als wir nun von den friedlichen Absichten der uns Erwartenden überzeugt sein durften und der „Parlamentär“, welcher sich so vertrauensvoll zu uns gesellt hatte, uns durch Zeichen zur Weiterfahrt aufforderte.

Wir waren nach und nach in den Bereich der Schnelle gekommen; pfeilschnell schossen die Wasser dahin und bald saßen selbst unsere keineswegs tiefgehenden Fahrzeuge auf einem der Riffe fest. Unter stets getheilter Aufmerksamkeit auf den schwer ausfindig zu machenden Fahrweg und auf die am Ufer versammelten Indianer, welche bei unserer Annäherung ein lautes Geschrei erhoben, gelangten wir endlich in den Canal zwischen der Insel und dem rechtseitigen Ufer, hart unter dem hohen Gelände, auf dem die Hauptmasse der Rothhäute, etwa sechzig Männer und nahezu ebensoviel Frauen, sich versammelt hatten. Als die Canots wegen mangelnder Wassertiefe hier nochmals festsaßen, fanden wir uns im nächsten Augenblicke von der ganzen Bande umringt, so daß ich mir sagen mußte, wir seien, im Falle sie wirklich noch feindselige Absichten hegten, so ziemlich ihrer Gnade anheim gegeben.

Wir hatten jedoch, wie sich alsbald herausstellte, eher von allzu großer Zudringlichkeit und Freundlichkeit, als von Feindseligkeiten zu leiden, denn kaum hatte ich angefangen einige Geschenke: grobe Wollstoffe, rothe Taschentücher, Scheeren, Glasperlen etc., unter sie zu vertheilen, als ein solches Drängen, Schieben und Zugreifen rings um mich her entstand, daß ich mir, um nur einigermaßen die Freiheit meiner Bewegungen zu wahren, von Zeit zu Zeit durch meine Ruderer etwas Luft schaffen lassen mußte.

Männer, Frauen und halberwachsene Kinder, bis an die Kniee im Wasser stehend, suchten durch die lebhaftesten Geberden das Bedürfniß nach schützender Kleidung, von welcher die Männer und Kinder gar nichts, die Frauen nur ein grobes Lendentuch auf sich hatten, auszudrücken, und trotz aller Anstrengung von unserer Seite konnten wir es nicht verhindern, daß der Eine oder der Andere, der seinen Antheil schon empfangen, zum zweiten Male sich vordrängte.

Noch wartete unser jedoch die größte Ueberraschung: Mühevoll bewegte sich eine Gruppe von Indianern von der Insel her, von Stein zu Stein springend oder durch die brausenden Rinnen watend, auf unsere Boote zu, von Zeit zu Zeit eine Lanze mit einem an deren Spitze befestigten Bündelchen hoch haltend oder schwenkend.

Laut schreiend und gesticulirend machten uns die Umstehenden darauf aufmerksam; da wir jedoch ihre Sprache, die von dem bekannteren Guarany durchaus verschieden ist, nicht verstanden, so mußten wir uns gedulden, bis das Räthsel von selbst sich löste. Endlich waren sie keuchend und triefend neben unsern Fahrzeugen angelangt und ein schöner, ernst blickender Indianer von etwa fünfzig Jahren, der, auf zwei jüngere Bursche sich stützend, allem Anscheine nach der Häuptling sein mußte, übergab uns mit einer gewissen Würde und nicht zu verkennender freudiger Erregung einen sorgfältig in glatte Palmitohüllen gewickelten – Brief! – Jawohl! – einen wirklichen, echten, mit schwarzer Tinte auf etwas grobes, graues Papier geschriebenen Brief in portugiesischer Sprache, der obendrein noch so sorgfältig wie möglich, und zwar an die „Ingenieure José und Francisco Keller auf dem Ivahy“, adressirt war. Auf dem Ivahy, der auf seiner ganzen Länge zwischen endlosen Urwäldern, die noch nie der Fuß eines Weißen durchmessen, dahinfließt!!

Das merkwürdige, mit wenig gewandter Feder in steifen, ich möchte sagen klösterlichen, Zügen geschriebene Document kam von der Hand des Fray Timotheo de Castelnuovo, eines genuesischen Capuzinermönches, der zur Zeit die Stelle eines Directors in der von der Regierung am Tibagy in San Pedro d’Alcántara gegründeten Indianer-Colonie oder Aldeamento einnahm. Er hatte von dem Präsidenten der Provinz, unserem verehrten Freunde Herrn André Augusto de Padua Fleury, durch einen expressen Boten von unserer Expedition Nachricht erhalten, und erkundigte sich darnach, wann wir etwa, von der Ivahymündung den Parana aufwärts fahrend, an der Mündung des Paranapanema ankommen könnten, um uns dorthin ein Canot mit frischen Lebensmitteln entgegen zu schicken.

Der Gedanke war gut, doch dessen Ausführung nicht so leicht, da wir kaum hoffen konnten, noch so weit vom Ziele, in nahezu gänzlicher Unkenntniß der Schwierigkeiten, die unser noch warten konnten, nur auf die Basis höchst ungenauer und unvollständiger Karten hin den Zeitpunkt unserer Ankunft am Paranapanema auch nur annäherungsweise angeben zu können.

Doch was war zu machen? Die zu erwartenden Vortheile waren zu groß, als daß wir nicht hätten Gefahr laufen sollen, eine vielleicht nicht zutreffende Angabe zu machen, und so schrieb ich denn auf ein aus meinem Notizbuche gerissenes Blatt ein paar Zeilen an den guten Pater, worin wir ihm nicht nur für die pünktliche Ausführung des vom Präsidenten erhaltenen Auftrags die gebührende Anerkennung zollten, sondern ihm auch den Tag unserer muthmaßlichen Ankunft an jenem dem Ivahy nächstliegenden Seitenstrome des Parana anzugeben suchten. Der Zufall wollte, daß wir wirklich an dem in dieser Weise voraus bestimmten Tage, und zwar nahezu zwei Monate nach Empfang des Briefes, dort anlangten, woselbst das vom Tibagy herunter gekommene Canot mit einem Quantum höchst willkommenen frischen Proviants (von dem uns nicht nur der Speck, sondern auch schon das Salz zu mangeln begann) schon einige Tage auf uns wartete.

Wie wir später in Sao Pedro d’Alcántara erfuhren, hatten die vom Ivahy, dem gewöhnlichen Ziele ihrer Jagdausflüge, nach der Mission zurückkehrenden Coroados nicht nur mein Billet richtig übergeben, sondern auch durch einen daselbst wohnenden Dolmetscher (wohl den einzigen weißen Mann, der ihre Sprache versteht) einen umständlichen Bericht über unsere Expedition, deren Stärke etc. abgegeben und dabei die wohlverdienten Geschenke vorgezeigt.

Das Geschick, womit diese Wilden den inmitten jener Wälder, bei der zwischen der weißen und rothen Race leider [322] obwaltenden feindseligen Stimmung keineswegs gefahrlosen Auftrag ausgeführt und gerade an einer Stelle, wo durch die schwer zu passirende Stromschwelle unvermeidlich ein gewisser Aufenthalt eintreten mußte, in zwei verschiedenen Partieen, am Ufer und auf der kleinen Insel, uns erwartet hatten, verdiente allerdings einige Anerkennung. Sie hatten übrigens noch einen anderen Grund, unser gerade an dieser unter den allzu zahlreichen Schnellen des Ivahy zu harren, denn an demselben Platze befand sich einer ihrer sogenannten Pary’s, das ist ein zum Zwecke des Fischfangs errichteter Bau.

Indem sie nämlich auf der vielfach gebrochenen Kante des Absturzes durch eingeworfene Steine die Mehrzahl der Canäle verbauen und nur zwei oder drei der Hauptöffnungen offen lassen, zwingen sie die Fische, welche, einem eigenthümlichen Naturtriebe folgend, zur Laichzeit in zahllosen Schwärmen stromaufwärts gegangen waren, bei der Rückkehr thalabwärts den Weg durch diese Luken zu nehmen.

Dort aber fallen sie in die Hände der schlauen Rothhäute, welche eine aus gespaltenen Bambusrohren etwas weit geflochtene Rinne von vier bis fünf Meter Breite und entsprechender Länge derart zwischen die Steine eingesetzt haben, daß, wenngleich die Hauptwassermasse am oberen Ende sich sprudelnd und schäumend auf dieselbe ergießt, der untere Theil derselben doch trocken zu liegen kommt. Hier nun ist es, wo die irregeleiteten Schuppenträger plötzlich an’s Licht geschleudert, machtlos um sich schlagend, von den mit Speeren und Stöcken bewehrten, toll lärmenden und schreienden Wilden mit Leichtigkeit erlegt und dann auf’s feste Ufer gebracht werden.

Wenngleich ein Theil der zu Thal gehenden Fische, die kleineren besonders, so glücklich ist, durch die Zwischenräume des wenig dichten Steinwalles zu entwischen, so ist die Menge der gefangenen und getödteten Fische doch so groß, daß die ganze Indianerbande sammt deren magern Hunden damit nicht zu Ende kommen kann und große Quantitäten eines ausgezeichneten Nahrungsmittels in schmählichster Weise verderben müssen.

Zerstörten die Hochwasser nicht regelmäßig den wenig soliden Bau und erschwerte nicht die gewaltige Breite jener Ströme, die gerade an den Schnellen das Doppelte und Dreifache der normalen erreicht, den vollkommenen Abschluß, so wäre wohl selbst der außerordentliche Fischreichthum jener Gewässer nicht genügend, auf die Dauer einer solchen Verwüstung zu widerstehen, und längst schon vernichtet. Bei alledem soll jedoch an jenen Punkten, wo, wie bei Sao Pedro d’Alcántara, beinahe ständig zahlreiche Indianerhorden sich aufhalten und den Strom durch mehrere Parys verbaut haben, eine bedeutende Abnahme bemerklich sein. Doch kehren wir zu der denkwürdigen Episode unserer Ivahyfahrt zurück.

Nachdem wir noch auf einen Augenblick das hohe Ufer erkletternd an Land gegangen und uns die aus Palmwedeln leicht zusammengestellten provisorischen Hüttchen angesehen, trafen wir endlich Anstalten zum Aufbruche, da wir aus guten Gründen trotz nicht mißzuverstehender Einladung von Seiten unserer neuen Freunde unter keiner Bedingung in deren unmittelbarer Nähe übernachten wollten. Die Mannschaften, von welchen nur ein Theil zur Bewachung der Canots zurückgeblieben war, wurden also zusammengerufen und unter Beihülfe der Coroados die letzten Riffe der langen Schnelle glücklich passirt.

Einen charakteristischen Zwischenfall, der sich gerade in den letzten Augenblicken unseres Zusammenseins abspielte, kann ich, so unbedeutend er an und für sich war, nicht übergehen.

Als wir nämlich, noch umgeben von mehreren Dutzend Indianern, vor uns den glatten Strom, auf unsere Bootsstangen gestützt, ruhig dalagen und ich nach all’ dem Treiben endlich die nöthige Ruhe fand, noch ein paar lange Bogen und schönbefiederte Pfeile einzutauschen, von denen wir schon an Land einige mitgenommen, riß einer der rothen Burschen einen schon an Bord befindlichen schönen Bogen, für den ich kurz vorher ein großes Messer gegeben, mit Blitzesgeschwindigkeit wieder an sich und klatschte, nachdem er ihn geschickt unter Wasser und unter seine Füße gebracht, gerade so wie die Anderen unter lautem Geschrei und mit der unschuldigsten Miene von der Welt in die freigewordenen Hände. Seine List war jedoch bemerkt worden und ein nicht zu sanfter Stoß, durch den er auf einen Augenblick das Gleichgewicht verlor, so daß die schon geborgene Beute an die Oberfläche des Wassers kam und von einem unserer Ruderer ergriffen werden konnte, brachte ihm die unter den Weißen gangbare Auffassung von Mein und Dein in eindringliche Erinnerung. Möglicher Weise wäre bei längerem Verweilen das gute Einvernehmen durch Aehnliches noch ernstlich gestört worden; so wie es war, glitten die Boote alsbald in tieferes Wasser, und wir sahen uns mit einem Male von der nach und nach allzu lästig werdenden Umgebung befreit. Einige Dutzend Ruderschläge brachten uns an die nächste Flußkrümmung: unter überhängendem Buschwerke und gordisch verschlungenen Lianen schossen die schmalen Fahrzeuge pfeilschnell dahin, und in wenig Augenblicken waren uns Pary und Coroados entschwunden.

Die Fahrt wurde dann noch fortgesetzt, bis die langgestreckten Schatten der Palmwedel, die sich auf den weißen Sandbänken malten, und die Tinten, mit denen die Sonnenstrahlen golden durch die Laubkronen brachen, dazu mahnten, beizulegen und die Vorbereitungen zum Nachtlager zu treffen.

Nachdem einige Notizen niedergeschrieben und die eingehandelten Waffen, die sich bei näherer Betrachtung als außerordentlich schön und vollkommen gearbeitet erwiesen, in feste Bündel zusammengeschnürt und an passendem Platze verstaut waren, wurden dann am flackernden Wachtfeuer bei einem Glase dampfenden Punsches die Erlebnisse des Tages nochmals durchgesprochen.

F. Keller-Leuzinger.




Das Original der Don Juane.


„Schöne Dame! Dieses kurze Register giebt von einigen Herzensgeschichten meines Herrn einen kleinen Prospect. Wenn’s beliebt, so laufen wir’s durch.“ Wer von den vielen Herren der Schöpfung, an deren Ohr schon die Worte dieses treuen Dieners seines Herrn geschlagen sind, hat sich nicht im Stillen sagen müssen, daß auch er einen Beitrag zu diesem Schatzregister Leporello’s leisten könne? Gestehen wir’s nur offen: Den Glauben an eine Unwiderstehlichkeit gegenüber dem schwachen Geschlechte hat fast Jeder von uns – und war’s auch nur ein „süßer Wahn“ – eine Zeitlang in sich getragen. Wollen wir doch immer etwas von Faust in uns haben! Dann müssen wir aber auch den Don Juan mit in den Kauf nehmen, denn Beide stehen, sich ergänzend, zueinander. Freilich sind wir dabei gegenüber unserem großen Vorbilde, das es allein in Spanien auf tausendunddrei gebracht, doch nur erbärmliche Stümper. Dafür empfangen uns aber nach Ablauf unserer Don-Juan-Periode auch nicht die Pforten der Hölle, sondern die – der Ehe. Und es sind nur schlechte Spaßmacher, welche behaupten wollen, daß diese beiden Begriffe sich decken.

Wir sind gewohnt, immer Mozart dafür verantwortlich zu machen, daß er dieses bedenkliche Beispiel, dieses Hauptexemplar aller Herzensräuber, diesen gottlosen Heuchler und verführerischen Schmeichler, diesen Bekenner des männlichen Unfehlbarkeitsdogmas unserem biederen deutschen Gemüthe noch dazu unter der Zaubergewalt einer berückenden Musik zugängig gemacht hat. Indeß sind Mozart und seine Librettodichter nicht die eigentlichen Schöpfer dieser gewaltigen, dämonischen Figur. Als sie umrauscht von den zauberhaftesten aller Melodienklänge im Jahre 1787 zum ersten Male über die Prager Bühne schritt, hatte sie bereits eine Geschichte. Langsam und in großen Pausen war sie schon von ihrem Heimathlande Spanien aus durch Italien nach Frankreich gewandert, überall dort Herzen und Boden erobernd.

Das Land der blühenden Kastanien ist also die jedenfalls auch naturgemäßeste Heimath unseres Helden. Andalusische Chroniken berichten uns zuerst die Historie seines Lebens und verlegen dessen Anfangs- und Endpunkt nach Sevilla, dieser Stadt, welche in ihrer Verschmelzung maurisch-romanischer Elemente immer als das Arkadien aller Romantik gegolten hat. [323] Diese Chroniken beschränken sich indeß wesentlich auf die Mittheilung der That der Ermordung des Comthurs und deren begleitende Umstände. Sie erzählen darüber Folgendes.

Don Juan Tenorio, der Sohn einer vornehmen Familie aus dem Geschlechte der Vierundzwanziger, erstach den greisen Comthur Gonzalo de Ulloa in Sevilla, als dieser die gewaltsame Entführung seiner Tochter hindern wollte. Der Leichnam wurde im Kloster zu St. Francisco, in welchem die Familie eine Capelle besaß, beigesetzt und das Grabmal mit der Statue des Gemordeten geziert. Den Mörder selbst schützte seine hohe Geburt vor dem Arme der Justiz. Indeß gelang es den Mönchen des Klosters, die an dem wüsten Treiben Don Juan’s längst ein Aergerniß genommen hatten, diesen in ihr Kloster zu locken und durch seine Ermordung den Rachegefühlen des Ulloa’schen Geschlechts Genüge zu leisten, wogegen sie nach außen das Gerücht verbreiteten, Don Juan habe die Statue des Comthurs in gotteslästerlicher Weise verhöhnt, da habe ihn diese erfaßt und durch die klaffenden Steinplatten in das höllische Feuer gestürzt. Mit der Zeit trat diese klösterliche Erfindung ganz an die Stelle der Wahrheit und die Kirche hatte damit durch Aufstellung eines Beispiels für das Walten des göttlichen Strafgerichts sich selbst, gleichzeitig aber auch der Poesie ein Verdienst erworben. Es ist bekanntlich dies nicht der einzige Fall, in welchem die Dichtkunst bei der Kirche sich zu bedanken hat.

Englische Forscher haben bei Gelegenheit der Kritik des Byronschen Don Juan herausgefunden, daß ein vornehmes Hidalgogeschlecht, Namens Tenorio, in der That in Andalusien existirt hat, daß unser Weiberheld der jüngste Sohn eines berühmten Admirals aus jenem Geschlechte und der vertraute Freund des castilischen Königs Peter des Grausamen, sein Oberkellermeister und Genosse seiner Unthaten und Grausamkeiten gewesen ist. Es fiele dann sein Leben in die Zeit der zweiten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts.

Das schreckliche Ende des Don Juan wurde im Gedächtnisse des Volkes festgehalten und, um dasselbe immer mehr mit der höheren Gerechtigkeit in Einklang zu bringen, seine Person zu einem immer größeren Sünder im Reiche der Liebe, zu einem professionellen Verführer und Lebemann, zu einem dämonischen Verhöhner und Zertreter aller christlichen Lebensordnung hinaufgeschraubt und zu diesem Ende ihm verschiedene abenteuerliche Thaten angedichtet. So wurde unter Anderen folgendes Bravourstück von ihm erzählt.

Nach einem schwelgerisch vollbrachten Tage ging er Abends am Ufer des Guadalquivir spazieren und bat einen am anderen Ufer wandelnden Fremden um Feuer für seine Cigarrette. Sogleich langte dieser Fremde, den Don Juan nur hatte verhöhnen wollen, seinen Arm in immer wachsender Verlängerung über den Fluß herüber, und Don Juan brannte kaltblütig seine Cigarre an dem herübergereichten Feuer der fremden Cigarre an. Dieses Abenteuer ist, wie schon der Brauch des Rauchens andeutet, unserem Helden jedenfalls erst später und zwar zu einer Zeit angedichtet, wo jeder ausschweifende Lebenswandel auf ein Bündniß mit dem Teufel zurückgeführt wurde.

Nachdem so die Sage ein paar Jahrhunderte durch das Mittel der Tradition sich heimlich forterhalten hatte, nahm sich die Dichtkunst ihrer an, sammelte die einzelnen Züge und gestaltete sie zu einem Drama. Die Hand, die dies that, war wieder eine geistliche. Der Predigermönch Gabriel Tellez, Beneficiat des Ordens Unserer lieben Frauen von der Gnade zu Madrid, gab neben vielen anderen Komödien unter dem Schriftstellernamen Tirso de Molina auch ein Schauspiel: „Der Verführer von Sevilla oder der steinerne Gast“ (el burlador de Sevilla y convidado de piedra) 1634 zuerst gedruckt heraus, als dessen Held Don Juan Tenorio figurirt. Erst mit dieser dichterischen Belebung wurde die Figur auch über die Grenzen Andalusiens hinaus bekannt; von da an entwickelt sich erst ihr kosmopolitischer Charakter; sie wird typisch für alle Zeiten, und selbst die in dem Drama weiter auftretenden Personen und vorgeführten Handlungen theilten dieses Schicksal. Es ist also ist diesem Don Juan des Tirso de Molina das zuerst ausgeprägte Original der späteren Don Juane, die in Dramen, Epen, Romanen und im wirklichen Leben spuken, zu suchen. Deßhalb ist es wohl am Platze, die äußerst lebensvolle und bewegliche Handlung dieses Dramas einer kurzen Skizzirung zu unterwerfen.

Wir treffen gleich in der ersten Scene Don Juan mitten in seiner charakteristischen Thätigkeit. Kaum hat er sich in Neapel zum Besuche seines Oheims, des spanischen Gesandten Don Pedro Tenorio eingefunden, nachdem ihn sein Vater bereits wegen Kränkung einer edlen Sevillanerin fortgeschickt hatte, als er der Herzogin Isabella unter der Maske ihres Verlobten Don Octavio einen nächtlichen Besuch im Palaste des Königs macht. Die den Betrug frühzeitig wahrnehmende Donna ruft nach Hülfe; der König erscheint, läßt Don Juan durch Don Pedro gefangen nehmen, dieser aber den sauberen Vogel, als er in ihm seinen Neffen erkennt, entschlüpfen. Er flieht zur See, leidet unterwegs Schiffbruch, wird ohnmächtig an eine Küste geschleudert und erwacht in dem Schooße eines hübschen Fischermädchens, die eben noch, ehe ihr die zweideutige Gabe des Meeres in den Schooß gefallen, die Freiheit ihres jungen Herzens von jedem Banne der Liebe in begeisternden Versen gepriesen hatte. Don Juan schlägt die Augen auf, nicht um sich des wiedergewonnenen Daseins zu erfreuen, sondern um sofort zu entdecken, daß es in der That ein allerliebstes Mädchen ist, die ihn in ihren Armen hält. Diese Entdeckung und der Entschluß, das Entdeckte zu besitzen, fallen bei ihm stets zusammen. Sie bilden nur einen Moment. Und so öffnet er den Mund auch nicht etwa um seiner Retterin zu danken, sondern um ihr ahnungsloses Herz sofort mit den verführerischsten Schmeichelreden zu bestürmen und durch die heißesten Schwüre an sich zu ketten. Die Aermste empfindet zu spät, wie weit gefährlicher es ist, Menschen statt, wie sie seither that, Fische zu angeln. In der über sie jäh hereinbrechenden Erkenntniß ruft sie ihre Nachbarn, ihre bisher abgewiesenen Freier zur Verfolgung des Treulosen auf, dem sie in der Unschuld ihres Glaubens an seine Treue sogar selbst zur Flucht verholfen, und stürzt sich reuegefoltert in das Meer.

Don Juan ist indessen wieder ist seiner Vaterstadt Sevilla angelangt. Auch Don Octavio ist dahin gegangen, um Jenen wegen des Attentats auf seine Verlobte anzuklagen. Des Letzteren Vater erhebt lauten Jammer über das wüste Treiben seines Sohnes, den der König nach der Anklage Octavio’s aus Sevilla verbannt. Don Juan beantwortet solche väterliche „Moralpredigten“ mit Spott und Hohn, ist indeß wieder im Begriffe, ein neues galantes Abenteuer auszuführen. Diesmal gilt es der Geliebten seines eignen Freundes und einstigen Genossen seiner Thaten – in einem solchen Falle kehrt er sich weder an Freund noch Feind –, des Marquis de la Mota, eines gewöhnlichen Wüstlings, der auf noch weit niedrigerem Niveau steht als Don Juan. Des Freundes rother Mantel übernimmt die Täuschung, aber der Betrug gelingt auch diesmal nicht. Die Dame, auf deren Herz es abgezielt war, ist die Tochter des Comthurs Gonzalo de Ulloa, Donna Anna. Auf ihr Hülfegeschrei kommt der Vater hinzu, fällt Don Juan an und wird von diesem erstochen. Don Juan entkommt, und der eben eintreffende Freund gilt als Mörder. Dieser taucht hierauf bei einer bäuerlichen Hochzeitsfeier wieder auf. Die Braut hat das Verhängniß, ihm zu gefallen, und er weiß durch ein wahrhaft raffinirtes Mittel den eifersüchtigen Bräutigam sich vom Halse zu schaffen. Er macht ihm weis, seine Braut habe bereits mit ihm die Treue gebrochen. Mit einer solchen Braut mag selbst ein Patricio nichts mehr zu schaffen haben. Er verläßt sie; Don Juan hat freies Spiel und seiner überlegenen Rede und einigen kräftigen Eidschwüren gelingt es sehr bald, das Herz der ländlichen Schönen zu erobern.

Diesen beiden Figuren begegnen wir als Zerline und Masetto im Mozart’schen Don Juan. Die Grundzüge ihrer Charaktere sind hier beibehalten, wenn auch in etwas weiterer Ausführung. Die Fischerin Tisbea ist nicht mit aufgenommen.

Damit enden zunächst die Liebesabenteuer unseres Helden. Die verlassenen und gekränkten Geliebten treten nun an der Seite ihrer betrogenen Freier als Rächerinnen auf. Auch das Fischermädchen ist unter ihnen. Einer ihrer Werber hat sie aus der See gefischt. Der Uebermuth des siegreich über die Mächte der Erde triumphirenden Don Juan ist auf’s Höchste gestiegen. Er wagt sich jetzt auch an die Mächte des Jenseits. Er stößt mit seinem ein seltsames Gegenstück von Glaubens- und Todesfurcht bildenden Diener Catalinon, der über die lockeren Thaten seines Herrn immer weidlich schimpft, aber ihn doch nie verläßt, [324] auf die Statue des Comthur. Zur Beantwortung ihrer Inschrift, darin es heißt:

Für erlittnen Schimpf und Spott
Harrt ein Edler hier auf Rache.
Den Verräther strafe Gott!

lädt er den steinernen Gast zum Abendessen ein. Das Steinbild hält Wort. Der todtblasse Diener forscht es aus über die Geheimnisse des Jenseits. Der unerschrockene Don Juan verspricht ihm, morgen in die Capelle zum Nachtmahl zu kommen. Als er, den überkommenen Schauer durch Spott besiegend, der abgehenden Statue leuchten will, ruft diese ihm zu:

„Laß das! Mich erleuchtet Gott.“

Don Juan soll inzwischen auf Befehl des Königs mit der verlassenen Isabella verheirathet werden. Er willigt darein, will aber cavaliermäßig, dem Flehen seines Dieners zum Trotze, erst der Statue das gegebene Wort einlösen. Das Gastmahl in der Capelle beginnt. Unsichtbare Chöre intoniren den Gesang des dies irae; Scorpionen und Schlangen werden als Speise aufgetragen; essigsaure Galle dient als Wein; der Galgenhumor der Gäste liefert die Würze. Nach aufgehobener Tafel tritt der steinerne Gastgeber zu Don Juan, streckt die eisige Rechte aus und ruft: „Jetzt reiche mir die Hand!“

„Weh, ich brenne!“ schreit Don Juan, „Gluth und Flammen verzehren mich.“

„Noch kein Vergleich mit Deinen künftigen Qualen,“ replicirt die Statue.

Im Muthe der Verzweiflung greift Don Juan sie mit dem Dolche an und muß sehen, daß die Waffe ihr nichts anhat, daß er in Luft und Hauch hinein stößt. Da ruft er gebrochen nach einem Beichtiger.

„Allzu spät ist dieses Verlangen,“ spricht der Bewohner des Jenseits und versinkt mit ihm in die flammende Tiefe. Die Capelle brennt; Catalinon, der Diener, aber kriecht, wie es im Texte des Stückes heißt, auf allen Vieren nach vorn. Der Verfasser des Mozart’schen Don Juan-Textes hat dem großen Sünder die letzte kleine Schwäche erspart. Ohne Beichtruf, ohne Reue bis zuletzt verharrend in energischem Trotze wider den Himmel und seine Gnade stolz ablehnend, läßt er ihn den Mächten der Unterwelt verfallen.

Nach dieser erschütternden Katastrophe geht das Molina’sche Stück noch wie ein Lustspiel aus, indem alle durch Don Juan’s Eingriffe in Frage gestellten Liebesbündnisse sich von Neuem schließen, so daß wir am Vorabend von nicht weniger als vier Hochzeiten stehen. Nach dem Texte der Mozart’schen Oper treten zum Schlusse auch Octavio und Genossen wieder auf, um die himmlische Gerechtigkeit zu preisen, welche an ihrer Statt das Vergeltungsamt vollzogen hat. Um jedoch den großartigen Eindruck der Katastrophe nicht zu zerstören, wird bei der Aufführung dieser matte Schluß gewöhnlich gestrichen.

So haben wir also hier bereits die Figuren der Mozartschen Oper bis auf Donna Elvira. Auch die Charaktere sind wesentlich beibehalten, namentlich besteht auch schon der wirksame Contrast zwischen dem thatkräftigen Don Juan, der rücksichtslos den Eingebungen seines sinnlichen Dranges folgt, und dem empfindsamen und nie zur That sich aufraffenden Octavio, nur hat der Charakter der Donna Anna bei Mozart weit mächtigere Dimensionen angenommen, wie denn auch das Stück mit der Ermordung des Comthurs eröffnet wurde, also zur Entwickelung des Charakters ein weiterer Spielraum bleibt. Indeß ist auch die Mozart’sche Elvira keine Originalfigur. Ihr Schöpfer ist Molière. Das spanische Stück wanderte nämlich zunächst nach Italien und wurde dort in einer Umarbeitung aufgeführt. Diese Umarbeitung ist knapper, bühnengerechter, namentlich nach dem Schlusse zu, wo die Höllenfahrt Don Juan’s den Ausgang des Stücks bildet. Durch die Hereinziehung der dort typischen Figuren des Arlequino und Pantalon wurde dem komischen Elemente viel Raum gegeben und lassen sich auf diese italienische Taufe die Hauptnuancen der Leporellofigur zurückdatiren, namentlich auch das berühmte Register. Arlequino-Leporello warf, nachdem er die viele Ellen lange Rolle theilweis abgelesen, sie mit dem einen Ende noch in’s Parterre und rief dem Publicum zu: „Bitte, meine Herren, sehen Sie zu, ob nicht vielleicht der Name Ihrer Frau, Schwester oder Braut sich darauf verzeichnet findet.“ Italienische Wandertruppen brachten sodann das Schauspiel nach Paris. Dort erregte es die Aufmerksamkeit des bereits berühmt gewordenen französischen Lustspieldichters und er arbeitete danach sein Drama „Don Juan oder das Gastmahl des Don Pedro“.

Hier erscheint Don Juan als Ehemann. Er hat Elvira aus dem Kloster entführt und geheirathet. Das eheliche Leben ist aber nicht nach seinem Geschmacke. Er bekommt es bald satt; er verläßt Elvira, um einer Schöneren nachzuziehen. Jene reist ihm nach und sucht nun während des ganzen Stückes den Treulosen sich und der Tugend wiederzuerobern. Ihr Herz ist dabei ebenso zwischen Haß und Liebe getheilt wie später bei Mozart. Dieser Molière’sche Don Juan ist nicht blos, wie sein Diener Spanarella ihn wiederholt bezeichnet, ein Allerweltsheirather, er ist Philosoph, als solcher Epicuräer und Atheist. Er verficht seine Philosophie durch die Dialektik der Rede, auf welche der alte Don Juan sich gar nicht einläßt. Letzterer ist ein guter Katholik. Er verneint nicht den Glauben; er weiß recht gut, daß ihn einst das göttliche Strafgericht treffen wird. „Pah,“ meint er aber, „das hat noch lange Zeit.“ Er pocht auf die Kraft seiner Jugend und hält sich an den Genuß des Augenblicks. Jener hingegen ist ein Bild der platten, herzlosen Wüstlinge der damaligen französischen Aristokratie, jener frivolen Marquis, deren Schicksal sich nicht am Grabmale des Comthurs, sondern auf dem Grêveplatze zu Paris erfüllte. Auch das bei Mozart angewandte Motiv des Kleiderwechsels ist hier zuerst gebraucht.

In einer späteren italienischen Bearbeitung von Goldoni wird die Strafe des beleidigten Himmels an Don Juan nicht durch die Verstoßung in die Hölle, sondern durch einen Blitzstrahl vollzogen.

Nachdem der Stoff dann weiter zur Unterlage eines Ballets mit Gluck’scher Musik gedient, nachdem er bereits auch schon als Oper durch einen Italiener Righini bearbeitet worden, wurde die Geschichte unseres Helden endlich im Jahre 1787 von dem Abte Lorenzo da Ponte für Mozart als Operntext bearbeitet und ihm eine geradezu weltgeschichtliche Bedeutung gesichert, Damit war aber sein Lebenslauf noch keineswegs abgeschlossen, vielmehr begannen nun erst die Don Juane an allen Orten und Enden, in den Literaturen fast aller Länder hervorzusprießen, freilich, folgend den Gesetzen der Zuchtwahl, in oft sehr starker Abweichung von ihrem gemeinsamen Stammvater.

Man unterschied bereits in Spanien neben dem Don Juan de Tenorio noch einen Don Juan de Meranna. Beide geben sich in Bezug auf die Zügellosigkeit ihres Lebenswandels nichts nach. Um so verschiedener aber ist ihr Ende. Der von Meranna wird in Folge einer Vision, die er kurz vor dem Momente der Entführung einer Nonne hat, einer Vision, welche ihm den Act seiner eigenen Bestattung vorgaukelt, zum reuevoll Bekehrten. Er wird Mönch. So maßlos wie sein Leben, so maßlos ist nun seine Reue. Er steigert die Selbstpein namentlich nach einem Rückfalle, auf’s Höchste. Seinen Leib befiehlt er unter den Fußboden der Kathedrale zu begraben, damit Alle ihn mit Füßen treten. Im Gegensatze zu seinem wilden und wildgebliebenen Namensvetter könnte man diesen den zahmen oder zahmgewordenen Don Juan nennen. Ihm ist das geistige Ursprungszeugniß noch deutlicher auf die Stirn geschrieben. Eine ausführliche Beschreibung seines Lebens und Sterbens giebt uns Prosper Merimée in seiner Erzählung „Die Seelen des Fegefeuers oder die beiden Don Juane“.

Aber auch außerdem ist die Zahl der Verehrer dieses zahmen Don Juan eine sehr große und hat seinen wilden Vorgänger fast ganz verdrängt. Er ist nicht blos allein nach dem Geschmacke der Gräfin Hahn-Hahn bei der Vorführung ihrer weiblichen Don Juane. Läßt doch selbst Goethe, dessen eigene Leporelloliste von Gretchen bis zur Minna Herzlieb eine recht anständige Summe von Namen aufweist, seinen Faust während seiner Don-Juan-Periode auch in einer etwas kläglichen Armensünderverfassung auftreten, und auch die Weislingen und Consorten leiden stark an sanften Wallungen und Gewissensbissen, während Lenau gar seinen Don Juan, nachdem derselbe seine zahlreiche Nachkommenschaft testamentarisch vorher gut versorgte, an melancholischem Lebensüberdrusse, an philiströser Langeweile zu Grunde gehen heißt, wogegen Lord Byron sich begnügt, ihn als verführerischen Liebhaber von Sieg zu Sieg zu schleppen, ohne sich dabei um sein Ende weiter zu kümmern. Das Volks- [325] und Puppentheater ließ andererseits das „verliebte Wesen“ jenes Don Juan vor dessen verbrecherischer Natur, die ihn von Mord zu Mord treibt, fast ganz in den Hintergrund treten. Der deutsche Idealismus konnte natürlich nicht umhin, ihn mit dem herkömmlichen Ideale zu versehen und seinem Treiben die entsprechenden „höheren Gesichtspunkte“ zu geben. Da muß er in jedem Frauenherz, das ihm verfällt, das ersehnte Ideal des Weibes suchen, und da er’s nie oder nur sehr spät findet, müssen darüber so und so Viele erst zu Grunde gehen, denen er dann ein mitleidiges Achselzucken über sein und ihr Verhängniß nicht versagt. In anderen Fällen übernimmt auch eine „reine Mädchenseele“ die sittliche Bekehrung und Reinigung des vom Dichter verhätschelten Sünders. Nur der große Grabbe blieb der alten Auffassung, dem alten wilden Don Juan treu und ließ ihm jene energische Größe, welche die Figur bei Mozart und seinen Vorgängern besaß und welche ihn ebenbürtig einstellt in die Reihe der großen Bösewichtscharaktere Shakespeare’s.

Die moderne Zeit und ihre Cultur kann sich in der That den alten Don Juan nur denken unter einer starken Beimischung von Faust; sie glaubt trotz der neuesten Belehrung des „Philosophen des Unbewußten“ nicht an das bloße dunkle Walten jenes elementaren Instincts, dessen willensstarker Hingabe das ganze Leben des Originals aller Don Juane galt.

Fr. Helbig.




Lustgang um und in die „Fränkische Krone“.


Ein Heimathbild, von Friedrich Hofmann.


Die Stadt. – Alter Kern mit frischen Armen. – „Der Ort Landes in Franken“. – Prinz Albert bei den Bratwürsten. – Markttreiben – Regiomontanus und der Liebesfrühlingsdichter. – Rückertbüste. – Callenberg – Gekaufte Bäume. – Rosenau. – Königin Victoria. – Die Beste. – Wallenstein’s Kriegsspuren. – Thor und Höfe – Rothbart. – Die Trophäenhalle. – Das Naturaliencabinet. – Dreihundert Colibris. – Tiefer Brunnen. – Brautfestzug. – Brautwägen. – Der Spanier im Sack. – Bärenbesuch. – Lutherstube. – Waffensaal. – Ein grausiges Beil und Schwert.


Ein gemeinschaftlicher Ausflug nach Coburg wurde von einem Leipziger Freundeskreis in trübseligen Wintertagen fest beschlossen und in schönster Sommerzeit ausgeführt. Da ich zu diesem Kreis gehörte, so fiel mir von selbst das Wegweiseramt in der alten Heimath zu.

Mit dem Mittagszuge der Werrabahn kamen wir in Coburg an. Es war Sonnabend. Wie sehnsüchtig auch besonders unsere Künstler die Blicke nach der jenseits der Stadt hochaufragenden Veste richteten, so bestand ich doch darauf, dem unterwegs entworfenen Programm treu zu bleiben: diesen Nachmittag der Stadt, den andern Morgen der Fahrt über Neuseß und Schloß Callenberg zur Rosenau und den Rest des Tages bis tief in die Nacht der Veste zu widmen.

Auf dem Wege vom Bahnhof zur Stadt wiederholte sich uns, sobald wir die Brücke (Judenbrücke) über die Itz überschritten hatten, das Bild so vieler Städte: aus dem alten Kern strecken überall sich die neuen frischen Arme aus. Den Coburgern muß man in ihren Neubauten ungewöhnlichen Geschmack nachrühmen; ihre Baumeister verstehen es, ihre Bauformen dem Bilde ihrer lieblichen fränkischen Hügellandschaft anzuschmiegen. Dabei unterstützt sie der schöne Sandstein, der dem Leipziger ein so seltener Anblick ist.

Das Innere der Stadt ist eben alt; die Straßen sind meist schmal und krumm, manche stattlichere, aber durch ihre Erker oder Eckthürmchen an Nürnberg erinnernd, Alles recht wacker altfränkisch. „Was Sie nur immer mit Ihrem ‚Fränkisch‘ wollen? Coburg gehört doch noch zu Thüringen!“ zürnte da Einer. – „Der Staat,“ sagte ich, „ja, aber das Volksleben, nein! Uebrigens heißt in der ganzen mittelsächsischen Geschichte dieses Ländchen ausdrücklich ‚der Ort Landes in Franken‘; Ort aber bedeutet so viel wie Bezirk oder meinetwegen Provinz.“ Wir waren derweil auf dem Marktplatz angekommen, den der Wochenmarkt mit seinem bunten Treiben erfüllte. „Da, seht Euch diese Itzgründer Bauern und Bauernmädel an! Ob das nicht echtfränkischer Schlag ist?“ Und da standen sie der Bratwurstbudenreihe entlang, jeder seine Semmel mit der eingelegten Wurst in der Hand, – und wie theilnehmend schaute hoch von seinem Postament auf des Marktes Mitte „der Albert“ zu ihnen herab, der nur äußerlich, in seinem Hosenbandsordens-Ornat, so fremd aussieht. Schade, daß man diese Statue nicht lieber in England aufgestellt und den Deutschen es überlassen hat, ihn in ihrer Kunst selbst zu verewigen! Wer kennt in dieser Gestalt den Prinzen wieder, der einst hier an denselben Bratwurstbuden zwischen den Bauern stand und sich halbtodtlachen wollte, weil seine englischen Cavaliere sich so überaus ungeschickt anstellten, als sie, wie er, Wurst und Semmel ohne Teller, Messer und Gabel verzehren sollten.

Wir durchschritten die Hauptstraßen mit ihrem lebhaften Volksgewühl und Verkehrstreiben, aber auch die Reihen der Käse- und Butterweiber, der Bamberger Gärtner, der Getreidebauern und erfreuten uns der Sprach- und Tracht-Verschiedenheiten, je nachdem die Leutchen Thüringen oder Baiern näher wohnten oder gar dort her waren. Denn in Coburg reichen sich beide, die Südthüringer und Nordfranken, zum Austausch ihrer Producte und zum gegenseitigen Befriedigen ihrer Bedürfnisse die Hand, und diese glückliche Mittellage hauptsächlich hat Coburg zur wohlhäbigen Stadt gemacht.

Die Sehenswürdigkeiten, zu denen ich in den Nachmittagsstunden bis zum Abend meine Gesellschaft führte, brauche ich hier nicht zu nennen. Sie sind nicht unbekannt, unsere Reisebücher von Meyer und Bädeker führen sie sämmtlich auf. Die Statue, welche auf unserer Illustration des Residenzschlosses „Ehrenburg“ sichtbar ist, stellt den Vater des jetzigen Landesherrn, Herzog Ernst den Ersten, dar. Das Modell dazu ist aus Schwanthaler’s Atelier hervorgegangen. Zwei andere plastische Monumentalstücke werden in den Reisebüchern nicht erwähnt, weil es nicht üblich ist, den Fremden in Schulsäle zu führen. Die Aula des Gymnasiums schmückt eine Colossalbüste des Herzogs Johann Casimir, den wir noch sehr oft zu nennen haben, und eine andere, die eines der berühmtesten Coburger Landeskinder, des großen Mathematikers Regiomontanus (Johann Müller aus dem coburgischen Städtchen Königsberg in Franken), der dem deutschen Volke seinen ersten Kalender geschrieben hat, beide von dem trotzalledem verlassenen und vergessenen Bildhauer G. von Dornis. Dazu kam neuerdings ein treffliches Relief-Medaillon Rückert’s aus der Zeit, wo er in Coburg seinen Liebesfrühling lebte und dichtete. Am Coburger Wohnhaus des Liebesfrühlingsdichters hat man in Erz den alten Brahmanen verewigt.

Prächtig war die Fahrt am andern Morgen. Wind, Welt und Wetter, Alles frisch und klar, als wir die dumpfen Gassen hinter uns hatten. Da geht’s über die Judenbrücke. Wie grün vor uns der Adamiberg lacht! Was meine Mutter mit Jean Paul da droben erlebt hat, habe ich in der Gartenlaube 1863 (Seite 143) erzählt. Am Bahnhofe vorüber, im Schatten buschiger Hügel dahin. Da erhebt sich links der Jagdthurm, den nach einem Muster aus seinem spanisch-maroccanischen Reisealbum Graf Arthur Mensdorff baute, derselbe, dem wir das Bild von Radhen Saleh (1865, Nr. 25[WS 2]) verdanken. Gleich daneben ragt Thümmel’s Grabsäule auf. Aber rechts ist Rückert’s Neuseß, und nahe an der Landstraße in seinem Garten steht des Dichters Denkmalbüste. Unsere Abbildung giebt sein Haus nicht von der Gartenseite. An dieser saß ich einmal, in der Laube neben der Thür lesend, als der alte Herr, jedenfalls einem drohenden Besuch entweichend, fuchswild zur Thür herauskam und, an mir vorüberschreitend, im besten Fränkisch murrte: „Wenn nur der Teufel die Leut’ holet!“ – Die Rückert-Büste von Ernst Conrad in Hildburghausen ist eine sinnige, wohldurchdachte Arbeit, von wahrer Künstlerhand ausgeführt. Rückert saß 1846 dazu. Die Müller’sche Marmorarbeit danach, die hier als Denkmal steht, verdient ebenfalls alles Lob.

Auf der weitern Fahrt hatten wir den schmucken Callenberg auf seinem grünen Hügel vor uns, bis dieses Grün uns selbst umfing und wir im Schatten desselben bis hinauf zum Schlosse gelangten. Auf diesem seinem Lieblingssitze – und es

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Die Gartenlaube (1874) b 326.jpg

Coburg und seine Umgebungen. Nach der Natur aufgenommen von Alfred Schröder.

[327] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [328] ist ein beneidenswerther Aufenthalt! – hat Herzog Ernst bis auf die Kirche und das neue Schloß Vieles neu schaffen und Alles umgestalten lassen und zwar hauptsächlich durch einen Künstler, den wir auf der Veste des Näheren kennen lernen werden. Er hat das alte Schloß um-, den Marstall, die Wasserleitung mit Dampfkraft und auch die Musterfarm neugebaut, über welche wir in der Gartenlaube (1863) Bild und Beschreibung gebracht haben und die, selbst trefflich gedeihend, durch ihr Beispiel sich auf das Gedeihlichste auch für das Land bewährt hat. Meine Freunde waren nicht nur von dem echtritterlichen Aeußern, sondern ebenso von der inneren Einrichtung und Ausschmückung, die durchweg mehr dem Geschmack als der Pracht huldigt, sehr befriedigt. Der Rundblick auf der reizenden Terrasse hat den Vorzug, daß er die Veste mit als Hauptzierde in sein Bild einschließt.

Vom Callenberg führt ein Fahrweg mitten durch die fruchtbare Flur und durch die Dörfer Neuseß, Bertelsdorf und Esbach bis zum Park und Gasthaus der Rosenau. Auf dieser Fahrt sprach einer unserer Baumeister seine Freude aus über die schönen Bäume und Baumgruppen, die oft mitten auf den Feldern und Wiesen stehen.

„Die Landleute müssen hier mehr Sinn für solchen landschaftlichen Schmuck haben als bei uns, wo Derlei sofort zu Geld gemacht würde.“

„Das ist leider ein Irrthum,“ entgegnete ich. „Sehr viele dieser Bäume sind für die Besitzer des Grund und Bodens längst in blanke Gulden verwandelt. Der vorige Herzog Ernst war ein so eifriger Naturfreund, daß er schöne Bäume, denen die Gefahr des Umgeschlagenwerdens drohte, kaufte und sie stehen und pflegen ließ, wenn sie zur Zierde der Landschaft gehörten. Sein feines Verständniß für Naturschönheiten bekundete er namentlich hier, denn Ihr werdet sehen, daß der Uebergang von der freien Flur zum Park der Rosenau so unmerklich geschieht, daß man sich plötzlich darin fühlt, ohne zu wissen, wo man hineingekommen ist.“

Und so war es auch.

Wir stiegen vor dem Gasthause aus und nahmen auf den einladenden weißen Bänken unter einem der prächtigen Bäume Platz; hier hatten wir das Bild des Schlosses vor uns, wie unsere Illustration es giebt. Schloß und Park waren, wie die Schöpfung, auch der Lieblingssitz des „alten Herzogs“, der, im Gegensatze zu seinem Sohne und Nachfolger, neben der Naturpflege auch fürstlicher Pracht huldigte, und darnach unterscheidet sich auch der innere Charakter von Callenberg und Rosenau. Bekanntlich ist das Schloß die Geburtsstätte des Prinzen Albert und der Lieblingsaufenthaltsort der Königin Victoria, so oft sie die Heimath ihres Gemahls besucht. Stille und Frieden umfängt sie da wohl; Straßen und Bahnen ziehen fern vorüber, und wohin das Auge sich wendet, wird es von einem lieblichen Bilde begrüßt. Die anmuthigste Stelle ist bei dem wunderschönen Springbrunnen vor dem Schlosse mit dem Ausblicke nach Norden. Breite Wiesenflächen, durchschlängelt von der noch rasch im Gebirgsschritte vorwärts rauschenden Itz mit ihrer Erlen-Umgebung, dehnen sich bis zu sanften Hügeln aus, an denen die Kornfelder bis zur halben Höhe hinansteigen. Dort die hellaufragende Ruine Lauterburg frei vor dem Tannenwalde, der ihren dunklen Hintergrund bildet. Und ein wenig rechts davon öffnet es sich, wie ein tiefes, breites Thor zum Thüringerwalde. Wie Coulissen schieben von links und rechts die Höhen ihre Wände hervor, unten in goldnen Ackerflächen und grünen Thälern sich berührend. Und wie sie von der Nähe in die Ferne immer höher übereinander aufsteigen, so wechseln ihre Farben vom saftigsten Grün bis zum Nebelschleier über dem verschwindenden Blau. Das ist ein Plätzchen wie dazu geschaffen, in selig sich selbst vergessendes Hinträumen sich leise zu verlieren. Das kosende Plätschern des Wasserspiels trägt redlich dazu bei. Die Gefahr eines sanften Einnickens war uns drohend nahe, da ermannten wir uns rasch und energisch; noch einen Blick auf das herrliche Bild, und so schieden wir von der Rosenau an ihrer verführerischsten Stelle, um unsere größte Sehnsucht, die nach der mahnend winkenden Veste Coburg, endlich zu befriedigen.

Von der Rosenau führte ich unsere naturselige Schaar den schönsten Weg zur Veste zu Fuß durch den Buchenwald des Bausenbergs, eines der südlichen Vorberge des Thüringerwaldgebirgs, der nach Südwesten hin gleichsam eine Faust vorstreckt, auf welcher die alte Veste Coburg steht. Als wir, nach etwa anderthalbstündigem naturgenußreichem Gange, aus dem Walde heraustraten, hatten wir die Veste vor uns, die sich hier mit ihrem dreifach übereinander aufragenden Mauergürtel stattlich erhebt.

Hier war einst ihre gefährdetste Seite; von allen anderen Seiten der Veste fällt der Berg steil zu Thale ab, nur von hier konnte eine stürmende Schaar vordringen und von den zu nahen Berghöhen das feindliche Geschütz wirken. Von hier aus versuchte Wallenstein (1631) mehrere Stürme, aber vergeblich; dafür trägt die „Hohe Bastei“ noch heute die Spuren seiner Karthaunen in dem mit Backsteinen ausgeflickten Mauerwerk. Da die äußere Wallmauer (Contreescarpe) längst vollständig beseitigt und der Wallgraben eingeebnet ist, so gewinnt man nur bei der Brücke zum Hauptthor noch ein Bild von der ehemaligen äußeren Befestigung. Dieses Thor ist wegen seines Steinbildhauereischmucks ansehenswerth und deshalb in unseren Randbilderkranz aufgenommen.

Nun hinein in das von einem neuen Thurm überragte und fünfundzwanzig Schritte tiefe letzte Thor, in dessen Mitte die Zacken eines Fallgatters auf unsere Köpfe herabdrohen. Jenseits desselben haben wir unser zweites Festungsbildchen, den äußeren Hof, vor uns. Links der in den Hof hervortretende Steinbau, der in Verbindung mit der daranstoßenden Mauer sammt Thor diesen ersten, äußeren vom zweiten, inneren Hof abschließt, heißt der alte Fürstenbau; im rechten Winkel schließt sich ihm der durch seine Holzconstruction ausgezeichnete neue Fürstenbau an, der mit der Capelle endet. Rechts davon führen Treppen zu einer Terrasse und der „Hohen Bastei“, die wieder mit dem neuen Wirthshause zusammenhängt, welches mit seiner Terrasse bis zum Thorthurm reicht und die südöstliche Seite des Hofes abschließt.

Erhitzt von der Nachmittagssonne und dem Berggange zogen wir den Aufenthalt im zugfreien Zimmer vor, und zwar öffnete Herr Christian Barth, der unseren Lesern aus dem „Heimweh“ (1866, Nr. 28 der Gartenlaube) bereits bekannte Gärtner und Wirth der Veste, uns das Seitencabinet neben der allgemeinen Gaststube, die sogenannte „Humpenburg“. Hier hatte ich gleich Gelegenheit, meine Gesellschaft mit dem schon auf dem Callenberg erwähnten Künstler bekannt zu machen, dem nicht blos die Veste, sondern auch die Stadt und Umgegend manche bauliche Zierde verdankt. Die Restaurirung der alten Veste hatte unter Herzog Ernst dem Ersten begonnen und war von dem berühmten Heideloff und dem Baumeister Görgel ausgeführt worden. Zu ihnen trat als Dritter im Bunde im Jahre 1830 Ferdinand Rothbart aus Nürnberg, der seitdem die bauliche und decorative Wiederherstellung der Veste vollendete und durch seine vielseitigen Kenntnisse und Fertigkeiten als Maler, Baumeister und Kunsthistoriker auch um die Aufstellung, Vervollständigung und Pflege der kunst- und culturgeschichtlich wichtigen Sammlungen der Veste sich große Verdienste erwarb. Er ist noch jetzt, mit dem Titel „Hofbaurath“, Inspector derselben.

Unsere Künstler lernten ihn sofort schätzen an seinem flott hingeworfenen Frescobilde des auf einem Fasse reitenden Bacchus an der Wand. Da Rothbart, dem ich einen Besuch machte, sich erbot, nach einer halbe Stunde selbst uns durch seine Sammlungen zu führen, so schlug ich, um die Zeit möglichst auszunützen, vor, sogleich das Naturaliencabinet zu besehen.

Wir gingen über den äußeren Hof zum Thore in den inneren Hof. Im Vorbeigehen warfen wir einen Blick in die Trophäenhalle des alten Fürstenbaues, über welcher der Ritter Sanct Georg, von Heinrich Schneider, dem Director der Gothaischen Bildergalerie, in Fresco gemalt, Wache hält. Bei den Siegeszeichen von Eckernförde sind jetzt auch eine Kanone aus Metz und französische Waffen von den Schlachtfeldern aufbewahrt. – Der innere Hof, den wir nun betraten, imponirt mehr durch seine Größe, als durch seine Gebäude, die sämmtlich ziemlich einfach und schmucklos sind: links das große ehemalige Zeughaus, jetzt Beamtenwohnung, geradeaus das kleine Zeughaus, rechts die ehemalige Caserne, jetzt Naturaliencabinet, und, gegen Osten den Hof abschließend, der alte Fürstenbau mit der Thormauer.

„Na, so ein altes Gemäuer! Da wird viel d’rin sein!“ räsonnirte [329] es hinter mir. Im selben Augenblicke begrüßte uns in der Thür der Conservator der Sammlung, Herr Ehrhardt, ein Mann von anerkannter naturwissenschaftlicher Tüchtigkeit, und lud uns ohne alle Phrasen zum Eintritte ein. Ein „Ah!“ der Verwunderung entfuhr Allen beim Anblick des ersten Saales. Einen solchen Prachtraum hatte Rothbart aus der alten, baufälligen Kaserne zu schaffen verstanden! Galerien verzieren und Oberlicht erhellt den stattlichen Saal, den eine Vögelsammlung vollständig einnimmt. In derselben sind die europäischen Vogelarten nahezu sämmtlich, die der übrigen Erdtheile ziemlich reich vertreten. Der Conservator fragte uns, ob Fachmänner unter uns seien. Als wir dies verneinten, meinte er: „Dann wird Ihnen weniger an unseren naturwissenschaftlichen Seltenheiten als an unserer Hauptzierde gelegen sein. Hier ist sie!“ Und wahrlich, vor solch einem Bilde muß jedes Auge von selbst lachen. Nicht weniger als dreihundert Colibris, die etwa hundertsiebenzig Arten vertreten, entfalten hier die Pracht ihrer Farben. Man weiß nicht, soll man diese, oder die geschmackvolle Aufstellung mehr bewundern. Ungern trennt man sich von den köstlichen Geschöpfchen, wie vom ganzen gleichsam lebenvollen Raum.

Im nächsten Saal machte sich eine größere Mannigfaltigkeit in schöner Ordnung geltend. Wir sahen Eier und Nester, Amphibien, Fische, Insecten, Krebse, Stachelhäuter (Seesterne etc.) und Pflanzenthiere (Korallen etc.); einen dritten Saal nahmen Conchylien und Petrefacten ein, und in einem vierten fanden wir eine Mineraliensammlung, in eine oryktognostische und eine geognostische Abtheilung geschieden. Als Glanzstück derselben zeigte uns Herr Ehrhardt eine Chalcedonkugel aus China, die ein ziemliches Quantum Urwasser einschließt, ein Naß, dessen Alter wir voll Ehrfurcht anstaunten.

„Zu dieser Sammlung“, belehrte uns zum Abschiede Herr Ehrhardt, „die unter der Direction des Oberbibliothekars Dr. von Schauroth steht, haben Herzog Ernst und sein Bruder, der Prinz Albert, 1846 den Grund gelegt und der Herzog von Edinburg ist für die Vermehrung derselben wacker in seines Vaters Fußstapfen getreten. Die afrikanische Reise des Ersteren und die Jagden des Letzteren auf den Falklandsinseln und auf Neuseeland waren besonders ausgiebig für alle Theile des Cabinets.“ Wir schieden, und meine Leipziger hatte dieser erste Gang nun mit ganz anderen Erwartungen für das noch Kommende erfüllt.

Rothbart, den wir bei den vier „Falconettlein“ fanden, die er aus der Sammlung alter Schießwaffen hier vor dem Wachtlocal aufgestellt hat, machte, nach kurzer gegenseitiger Vorstellung, meine Leipziger zunächst auf den nahen, dritthalbhundert Fuß tiefen Festungsbrunnen aufmerksam; dann ging es sofort hinauf in den Fürstenbau, der ebenfalls durch sein schlichtes Aeußere seinen reichen Inhalt nicht verräth. Auf einer Freitreppe zu einer offenen Galerie gelangt, haben wir auf der ganzen langen Rückwand derselben das von Heinrich Schneider und Rothbart gemalte und jüngst wieder aufgefrischte Frescobild des Einzugs des Herzogs Johann Casimir (er hat kurz vor dem Dreißigjährigen Kriege, wie in der Ahnung an die schlimmste Zeit, die ehemalige Burg erst zur Festung umgeschaffen) mit einer seiner beiden Bräute vor uns. Unter dem zahlreichen Personal sind viele Portraits, darunter auch das Friedrich Rückert’s. Rothbarth zeigte auf den fürstlichen Brautwagen des Bildes hin, indem er eine Thür aufschloß und rief: „Hier steht das Original!“

Wirklich birgt die aufgeschlossene Halle vier solcher culturgeschichtlichen Seltenheiten: den Brautwagen Johann Friedrich’s des Großmüthigen und die beiden Brautwagen Johann Casimir’s als Denkmale des Geschmacks und der Holzbildhauerei vor, und den Ernst’s des Frommen als ein solches nach den Verwüstungen des deutschen Lebens durch den Dreißigjährigen Krieg. Der Unterschied ist merkwürdig belehrend; nur die Echtheit der überreichen Vergoldung und der Farben hat sich bei allen gleich bewährt. – Neben dieser Halle öffnet sich eine andere mit ebenso beachtenswerthen alten Festschlitten, die mit mythologischen, in Holz geschnitzten und bunt bemalten Figuren verziert sind, und mit Sätteln und Pferdegeschirren aus verschiedenen Zeiten, beachtenswerth für Geschichtsschreiber und Dichter, Künstler und Kunsthandwerker, an deren Adresse wir uns in diesen Sammlungen überhaupt noch oft zu wenden haben.

Von der Galerie aus folgten wir Rothbart in eine Vorhalle des alten Fürstenbaus, in welchem er meine Freunde besonders auf die hier aufgestellten sogenannten Orgelgeschütze (die Ahnen der Mitrailleusen) hinwies. Es sind deren zwei, das eine mit neunundzwanzig, das andere mit neunundvierzig Läufen, die zugleich losgeschossen wurden. Von diesem Vorplatze führt links eine an sich sehenswerthe Thür zum großen Waffensaale, rechts eine andere in das sogenannte Lutherzimmer. Links von der Waffensaalthür stellt ein altes Oelgemälde den Ritter Eberhard Rauber, genannt der deutsche Hercules, dar. Der in zwei Zöpfen geflochtene Bart desselben reicht bis zu den Füßen und wieder herauf bis zum Gürtel, wo die Zopfenden festgesteckt sind. Von ihm wird ein gar seltsamer Zweikampf erzählt. Auf dem letzten deutschen Turnier machte ein spanischer Ritter sich so üppig, daß Helene, des Kaisers Maximilian Töchterlein, Demjenigen den Preis verhieß, welcher den Spanier in einen Sack stecken werde. Ritter Rauber war der Held, welcher einen solchen Kampf einging und den Spanier nach gewaltigem Ringen richtig einsackte. Ich sah dasselbe Bild in den Sammlungen des Ständehauses zu Graz, wo jenes Turnier stattfand.

Rechts von der Waffensaalthür füllt die ganze Seite bis zur Fensterwand ein Frescogemälde von Heinrich Schneider aus. Es stellt die tragikomische Scene dar, wie einst die Bären, deren man stets einige in einem Zwinger hielt, sich aus demselben befreit hatten und zur Thür des Banquetsaales hereinmarschirten, wo man eben an der fürstlichen Tafel saß. Die allgemeine Flucht ist prächtig zu sehen; nur eine Hofdame besaß Geistesgegenwart und Muth genug, den Bären mit einer Schüssel voll Obst und Zuckerwerk entgegenzutreten und die Leckermäuler zu besänftigen. Was aber die Bären betrifft, so darf der geneigte Leser nur die Fenster öffnen, um in dem Bärenzwinger die späten Nachkommen der Helden jenes Bildes zu beschauen.

Wir begeben uns nun in die sogenannte Lutherstube. Ich sage „sogenannte“, weil ich nicht glaube, daß Luther, dem nachweislich der ganze obere Fürstenbau zur Verfügung gestellt worden war, sich diese düstere enge Klause zu einem halbjährigen Aufenthalt ausgewählt haben sollte. Ueberhaupt hat die Veste Coburg bei ihren gediegenen und so höchst werthvollen übrigen historischen Reichthümern nicht nöthig, sich mit unverbürgten Reformationsreliquien auszuputzen. Wer sich von der außerordentlichen Wichtigkeit von Luther’s Aufenthalt auf der Veste überzeugen will, der lese Ernst Pfeilschmidt’s treffliche Schrift: „Luther in Coburg“; er wird dann nicht mehr darnach fragen, in welchem Raum gerade der große Mann so Bewundernswerthes geleistet hat. Auch bedenke man, daß die Veste nach seiner Zeit den Dreißigjährigen Krieg erlebt hat, daß sie längere Zeit im Besitz der Kaiserlichen war, die schwerlich Luther-Erinnerungen mit besonderer Liebe behandelten, und man wird auch dem Lutherbett nicht viel Glauben schenken. Dem Volk freilich war es das echte Lutherbett; die Spähne desselben haben unzählig viele Zahnschmerzen vertrieben, und dieser Glaube hat es in den dermaligen Zustand gebracht. Ich selbst habe als Knabe, meiner Mutter zu Liebe, mehrmals sogar die Bettpflöcke davongetragen – und stets durch neue ersetzt gefunden; also genau wie es mit den alten Stiefeln des Andreas Hofer erging, die, so oft sie auch von Engländern gekauft wurden, für den nächsten Engländer immer durch ein neues Paar alte Stiefel ersetzt waren. – Wie gesagt, die Veste hat solche Reliquienspielerei nicht nöthig, Luther bleibt darum doch ihr Stolz und ihre höchste geschichtliche Ehre. Deshalb ist auch das Ansammeln von Luther-Erinnerungen in einem Raum der Veste, wozu neuerdings sogar eine Luther-Bibliothek gekommen ist, aller Anerkennung werth.

Und nun hinüber zum Waffensaal. Der Anblick dieser trefflich und geschmackvoll aufgestellten reichen Waffensammlung ist in der That überraschend. Vom zwölften bis zum siebenzehnten Jahrhundert herauf fehlt hier nicht leicht eine Gattung von Waffen und Rüstzeug, und sämmtliche Waffenstücke sind in einem so vollkommenen Zustand und so gut gehalten, daß die Kunstfertigkeit und Pracht, welche die Alten in diesen Dingen kund gaben, sich hier vollkommen erkennen läßt. Der Saal nimmt das ganze Mittelgeschoß des alten Fürstenbaues ein und ist einundachtzig Fuß lang und einundvierzig Fuß breit. Auf einer Empore im Hintergrunde stehen sich zwei Ritterpaare in vollem Turnierschmuck hoch zu Roß mit eingelegten Lanzen gegenüber.

[330] Während ich nur für diesmal den alten riesigen gußeisernen Ofen, vielleicht noch das einzig erhaltene Gußwerk aus der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, zur Beschauung vornahm, überließ ich die Freunde der Führung Rothbart’s, der ihre Aufmerksamkeit namentlich auf Stücke hinlenkte, die in den Reisebüchern theils falsch angegeben, theils ganz übergangen sind. Er zeigte ihnen, als Stücke von besonderem geschichtlichem Kunstwerth, die Rüstung des Herzogs Bernhard von Weimar, der die Veste vor Wallenstein gerettet, ferner zwei geriefte Rüstungen aus der Zeit Maximilian’s und einen Helm aus dem dreizehnten Jahrhundert, dann die uralten Holzschilde, die Bauernwaffen (nägelgespickte Dreschflegel, Morgensterne etc.) aus dem. Bauernkriege, die zum Theil außerordentlich prächtigen Schwerter von Toledo und Ferrara mit ihren kunstvollen Gefäßen, in Eisen geschnitten, reich vergoldet oder ciselirt, niellirt, mit Edelsteinen besetzt oder mit Gold und Silber eingeschlagen. Als er aber bei den Richtschwertern auf eines hinweisend sagte: „Mit diesem ist Kanzler Brück in Gotha enthauptet worden, mußte ich „Halt!“ rufen.

„Hier,“ sagte ich, „ist ein aus dem Kataloge der Sammlung in alle Reisebücher übergegangener Fehler zu berichtigen. Brück wurde, wie Grumbach, von unten aus geviertheilt, ebenso ihr Mitgeächteter, Wilhelm von Stein, der jedoch vorher erst, wie nach ihm David Baumgarten, der Patricier von Augsburg, enthauptet worden ist. Das Beil hier (es ist bei den Richtschwertern aufbewahrt) hat daher wohl für jene Drei, das Schwert nur für die beiden Letzteren gedient. Darnach sind diese Angaben zu berichtigen; das Grausige von beiden verliert dadurch nichts.


(Schluß folgt.)




Blätter und Blüthen.


Aus den Erinnerungen einer Siebzigjährigen. Die vor Kurzem an die Oeffentlichkeit gezogenen Ereignisse in Münster rufen eine lebhafte Erinnerung in mir wach an einen Aufenthalt in jener Stadt, die wohl zu den schlimmen, jedoch zu den nie zu vergessenden gehört. Mit Hülfe meiner „Erinnerungsblätter“ und meines treuen Gedächtnisses will ich hier von dem berichten, was ich in jener Stadt in meiner frühesten Jugendzeit erlebte, leider nur ein Zeugniß mehr unter den zahllosen heute zu Tage tretenden, wie schwer es der vorwärts schreitenden Zeit wird, tief eingewurzelte Uebel zu besiegen.

Im Winter des Jahres 1809 brachte ein Brief aus Münster meiner Mutter die Einladung ihrer Freundin, der Gräfin Plettenberg-Mietingen, sie auf längere Zeit zu besuchen. In der ersten Hälfte des März langten wir in Münster an, fanden aber die Gräfin krank und für längere Zeit an das Zimmer gefesselt. In gütiger Rücksicht für mich veranlaßt sie es, daß wir einige der als Merkwürdigkeiten geltenden Dinge kennen lernten. Der düstere, unheimliche Eindruck, den der Ort sogleich auf mich gemacht, ward dadurch nicht gemildert, daß wir, in der vielgepriesenen Kapuzinerkirche im stillen Gebete auf einer Bank sitzend, nicht allzu sanft an der Schulter uns berührt fühlten und die Worte aus eines Kapuzinermönches Munde hörten:

„Machen Sie, daß Sie ’raus kommen! Man hat bemerkt, daß Sie nicht des Glaubens sind. Wenn Sie nicht Unangenehmes erleben wollen, so trollen Sie sich fort.“

Als wir vor dem Rathhause anlangten, zeigte der uns Begleitende auf die dort aufgehängten Zangen, Ketten, Halseisen, all jene Denkmäler mittelalterlicher Grausamkeit, womit man den halb wahnsinnigen Johann von Leyden und seinen bösen Rath Knipper-Dolling gemartert und sie dann todeswund in einsamen Käfigen an den beiden Thürmen der nahe gelegenen Lambertikirche hinaufgehißt und elend hatte verschmachten lassen.*[1]

Das Grauen, das damals mein junges Herz durchschauerte, steigerte sich, als man uns nach dem Domplatze führte, dessen düsterer Eindruck mir unvergeßlich geblieben. Es war, als flüsterten unheimliche Stimmen in den noch unbelaubten hohen Bäumen von schauerlichen Dingen, die hier geschehen und von denen auch die Sage im Volke sich noch erhalten. – In der Mitte des Platzes zeigte man uns einen viereckigen Stein, auf welchem, der Sage nach, der Richtblock gestanden, auf welchem Johann von Leyden diejenige seiner zwölf Frauen, die so unglücklich gewesen, durch ein Wort, eine Miene seinen Zorn zu erregen, durch den Henker hinrichten ließ, während welches Actes er mit den elf anderen einen Rundtanz mit Gesang um die Schauerscene aufführte.

Ich erholte mich erst von all diesen Eindrücken, als unser Begleiter uns verständiger Weise auf die Promenade um die Stadt führte, die sehr wohlgehalten, mit herrlichen Bäumen und vielen Ruhesitzen versehen war.

Es standen mir noch andere, mich persönlich berührende Eindrücke bevor. Die Stimmung der Bevölkerung unter Hoch und Niedrig gab sich so erkennbar kund, daß sie selbst meinem so jugendlich unbefangenen Gemüthe bemerkbar wurde. Die mir völlig fremde Erscheinung von Mönchen, denen man dort immer begegnete, war mir zwar als Neuheit interessant, allein der finstere Ausdruck dieser Gesichter, der stechende Blick, dem ich öfter begegnete, machten mir den Eindruck, als sähen sie es mir an, daß ich nicht „des Glaubens“ sei. Bei den wenigen Personen, die wir bei der Gräfin sahen, gab sich eine eisige Zurückhaltung kund.

Man konnte es nicht ertragen, sich unter einer ketzerischen Regierung zu befinden, und als nun diese Regierung es wagte, eine der vielen Kirchen der Stadt für den protestantischen Gottesdienst in Beschlag zu nehmen, da entbrannte ein fanatischer Haß, ein Groll, den nur die Furcht vor der Macht zurück in’s Innere drängte und der bis jetzt nur selten laut wurde. Wir hatten wohl schon von Störungen des protestantischen Gottesdienstes gehört. Da mich, die ich vor Kurzem erst eingesegnet worden, unter all diesen mir widerstrebenden Umgebungen herzlich nach der Kirche verlangte, besuchten wir diese am nächsten Sonntage. Auf dem Hinwege war Alles ruhig; kaum ertönte aber von der Orgel das erste Lied, so flogen Steine gegen die Kirchthür; der Küster, der draußen stehen sollte, um zur Ruhe zu ermahnen, ward verhöhnt und zuletzt so pöbelhaft bedrängt, daß er sich, um Mißhandlungen zu entgehen, eiligst in die Kirche flüchtete und die Thür schnell schloß. Das Bombardement dauerte fort, so lange die Orgel tönte. – So toll hatte der Pöbel noch nicht getobt. Der Consistorialrath führte Beschwerde und von jenem Sonntage an wurden die Kirchgänger durch ein an den Kirchthüren aufgestelltes Piquet Militär geschützt.

Da die völlige Genesung der Gräfin sich länger, als man erwartet, verzögert hatte, konnte meine Mutter nicht umhin, es auszusprechen, daß es endlich Zeit sein dürfe, der Baronin von Ketteler, Schwiegermutter der Gräfin und früheren verwittweten Reichsgräfin Plettenberg, mit welcher sie schon einige Male zusammengetroffen, den schuldigen Höflichkeitsbesuch zu machen, da sie sonst der Dame gegenüber als aller gesellschaftlichen Bildung baar erscheinen müsse.

„Ach!“ entgegnete die Gräfin, „meine Schwiegermutter weiß sehr wohl, daß Sie ihr nicht eher Ihren Besuch machen können, als bis Sie einen andern gemacht haben, über den zu sprechen mir schon lange schwer auf dem Herzen liegt.“

„Weshalb?“

„Ja, das ist mir Ihnen gegenüber deshalb schwer,“ sagte die Gräfin nicht ohne sichtbare peinliche Verlegenheit, „weil ich die Visite bei Plettenberg’s Großmutter als ein Freundschaftsopfer von Ihnen erbitten muß.“

„Das klingt ja sonderbar! Und wer ist diese Dame?“

„Es ist die hochbetagte Gräfin Galen Excellenz, ci devant Oberhofmeisterin der Kaiserin Maria Theresia.“

„Nun, darin kann doch weder für Sie, noch für mich etwas peinliches liegen?“

„Darin freilich nicht, aber dennoch dürfte bei diesem Besuche sich Manches zutragen, was Sie verletzen würde, denn, gerade herausgesagt, die alte Dame ist entsetzlich bigott und weiß es längst, daß Sie –“

„Daß ich eine Ketzerin bin,“ unterbrach meine Mutter lachend die peinliche Rede der Gräfin. „Beruhigen Sie sich, Liebe! Lassen Sie morgen schon anspannen und mich das Wagniß unternehmen, mir einige innerliche Anathema nachgesandt zu wissen! Als Frau von Welt werde ich blind und taub sein für Alles, was meinem Ketzerthume gilt.“

Am nächsten Vormittage führte uns die Gala-Equipage des Grafen zu dem Hause der alten Excellenz, das ich nicht ohne ein gewisses Bangen betreten konnte. In der Vorhalle schon umgab uns eine Wolke von Weihrauch, der das ganze Haus zu erfüllen schien. Durch ein großes mit Teppichen belegtes Vorzimmer geführt, ward die Hälfte einer Flügelthür geöffnet und wir traten in ein großes, aber dennoch düsteres Gemach. Alle Wände waren mit schwarzeingerahmten Bildern bedeckt, welche Heilige darstellten, die in ihrem Martyrium begriffen waren. Die alte Dame, deren Antlitz trotz des hohen Alters Spuren großer Schönheit zeigte, saß im Lehnsessel, von welchem sie sich ein wenig erhob. Mit der Hand auf zwei nicht allzu nahe von ihr stehende Stühle zeigend, begrüßte sie uns mit einigen Worten. Sie war höflich, aber äußerst reservirt, und so bewegte sich die Unterhaltung in den gewöhnlichen Phrasen der Leute aus der großen Welt.

Mir war die Erscheinung dieser in Formen erstarrten Seele zu merkwürdig, als daß ich nicht mit jugendlicher Neugier hätte auf Alles achten sollen. Das schwere schwarzseidene Kleid, die schönen Points am Kragen und an den Händen, die breiten Spitzenbarben an der Haube, die Insignien ihrer früheren Würde und vor Allem der prächtige Rosenkranz, der an ihrem Gürtel herabhing und den sie während der kurzen Zeit dieses Besuches sehr oft in die Hände nahm und durchgleiten ließ, nichts entging meinen Augen, wenn ich sie auch nicht unbescheiden umherschauen ließ.

Nur so lange als strengste Etiquette einen solchen Besuch gestattet, verweilte meine Mutter. Wie es schien, wurden wir etwas freundlicher entlassen, als wir empfangen worden. Kaum hatten wir die Thür geöffnet, so sahen wir dicht an derselben die Kammerfrau stehen, in der einen Hand den stark tröpfelnden Weihwedel, in der andern das dampfende Rauchbecken, und sobald unser Fuß die Schwelle des Zimmers überschritten, besprengte die Person, deren Blicke feindselig unsere Schritte zu überwachen schienen, hastig die durch die Füße der Ketzerinnen entweihte Schwelle und folgte uns Schritt für Schritt, den Weg bis zur Ausgangsthür, die der Lakai schnell aufriß, besprengend, räuchernd und Worte zwischen den Lippen murmelnd, von welchen mein scharfes Gehör jedoch nicht unterscheiden konnte, ob es Gebete oder Flüche waren.

Ich war ganz empört über das Erlebte, das einen tiefen Eindruck auf mein junges Gemüth machte.

Es ward nun sogleich auch der Besuch bei der Baronin von Ketteler abgestattet. Dort war soeben ihr Enkelsohn, der jetzige Bischof von Mainz, eingetreten, der sich, glückselig herumstolzirend, Großmama in den ersten Höschen, die er heute bekommen, präsentirte. Wer hätte wohl ahnen können, welche Rolle dieses, in echt kindlicher Weise sich brüstende Knäblein dereinst spielen werde? Aber zu verwundern hat man sich wohl nicht, daß auf solchem Boden solche Pflanzen gedeihen.

N. v. B.



  1. * Die Marterwerkzeuge und Käfige sind nicht mehr dort.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: feilt, vergl. Berichtigung in Heft 21
  2. Vorlage: 23