Die Raupe (Herzl)

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Autor: Theodor Herzl
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Titel: Die Raupe
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aus: Philosophische Erzählungen, S. 191–202
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 1889
Erscheinungsdatum: 1900
Verlag: Gebrüder Paetel
Drucker: G. Bernstein
Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: ÖNB-ANNO und Commons
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[191]
Die Raupe.
1889.


[193] Riviera! … Goldiger Glanz liegt auf dem Meere.

Draußen, weit, weit draußen an der Wassergrenze stehen wie weiße Flämmchen die Segel der Fischerbarken, die Morgens ausgefahren. Ein leichter Wind kommt tändelnd gezogen, man spürt ihn kaum. Man fröstelt auch nicht, denn es ist warmer Frühling, Frühling an der Riviera.

Kinder spielen am Ufersaum. Ein paar welsche, schmutzige Bettelkinder mit brauner Haut und struppigen Haaren. Und mitten unter ihnen glänzt ein wohlgewachsener, weißer, blonder kleiner Sohn des Nordens. Das ist Kurt. Er versteht die lustigen Spielkameraden so wenig wie sie ihn. Das heißt: nur, wenn sie sprechen. Denn die artikulirten italienischen Laute sind ihm fremd, wie den Anderen das Deutsche. Aber sie unterhalten sich königlich im Volapük der Kinderei. Sie laufen der fliehenden Welle nach, und wenn diese dann bärbeißig umkehrt, so weichen sie vor ihr lachend und erschrocken zurück. Und in die großen Rhythmen der Brandung zwitschern, jauchzen sie Ringelreihelieder als helle Gegenstrophe.

Unfern sitzen die drei Erwachsenen. Sie haben sich bequeme Weidenfauteuils vom Hotel herunterbringen lassen. Fritz und seine Cousine Clara schauen den Kindern zu; Mergenthien, Clara’s Gatte, liest. Frau Clara hat den rothen Sonnenschirm aufgespannt und über ihr hübsches freundliches Gesicht huschen nun rosige Reflexe. Der Vetter Fritz blinzelt sie ab und zu an. Ah ja, sie ist in ihrer [194] gesunden Frische immer noch tausendmal charmanter als alle diese verblüffenden Pariserinnen, die ihn längst nicht mehr verblüffen, weil er sie täglich sieht. Als Attaché der deutschen Legation in Paris hat er jahraus, jahrein sehr viel Zeit und Muße, die Schönheitskniffe, die Trucs der Anmuth ganz genau kennen zu lernen. Die Abenteuer sind, Gott sei’s geklagt, immer die gleichen, immer! Eines ist wie das andere. Und den Süßigkeiten entwächst allmählich der Ueberdruß, der Ekel. So hat Fritz denn auch die elegante und lustige Bande von Pariser Freundchen und Freundinnen, mit denen er in Nizza beisammen war, eiligst verlassen, als er hörte, daß sich die Mergenthiens hier in diesem allerliebsten schmutzigen Nest an der Riviera aufhielten.

„Eine dringende Abberufung!“ hatte er in Nizza mit wichtiger gesandtschaftlicher Miene vorgeschützt und war heimlich hieher geeilt. Wie hätten die Damen ihre graziösen, gepuderten Näschen gerümpft, wenn sie dieser „dringenden Abberufung“ auf die Spur gekommen wären! Herr Fritz verbrachte hier seine Tage damit, den lieben Buben seiner Cousine in die drallen Waden zu kneifen oder gedankenlos zuzuschauen, wenn Kurt mit den Bettelkindern um die Wette am Ufer hinjagte, wie eben jetzt …

„Wer von euch will den Wagen für heute Nachmittag besorgen?“ sagt Frau Clara.

„Thu’ mir den einzigen Gefallen, Clara, und lass’ mich jetzt ruhig sitzen!“ meint Vetter Fritz.

Mergenthien sieht vom Buch auf: „Ja, vom Nichtsthun wird man faul.“

„Was hast denn Du heute schon geleistet, mein Dicker?“ lacht Fritz. „Du liest da irgend einen französischen Roman – et voilà tout, um mich gebildet auszudrücken.“

[195] „Gott verzeihe Dir Deine Unwissenheit,“ erwidert Mergenthien; „Du hältst das für einen Roman! Das ist Taine, „De l’intelligence!“ Etwas Tiefes, Feines, Gelehrtes!“

„Ah so! … Ich dachte, weil das Buch einen gelben Umschlag hat, wie die Werke von Zola oder Bourget.“

„Du bist ein schrecklicher Ignorant,“ erklärt der Dicke wohlwollend.

„Und kommst wahrscheinlich nie über den Umschlag der Bücher hinaus?“ fügte Clara lächelnd hinzu.

„Niemals!“ betheuert Fritz.

„Da kennst Du gerade das Allerbeste nicht, was das Leben bietet, Du Lebemann! … Sieh’, dieses wunderbare und ernste Buch: Die Intelligenz! …“

Fritz unterbricht ihn: „Ja, was geht denn mich die Intelligenz an?“

Frau Clara lacht laut auf: „Geh’, Du wirst den Boulevardier da nicht ernst machen, Max! Halte ihm keinen Vortrag, den er nicht verstünde! … Besorg’ uns lieber den Wagen für Nachmittag. Ja?“

Mergenthien lacht nun ebenfalls, erhebt sich willig und geht nach dem Hotel.

Die Zwei sitzen eine Weile still da. Die junge Frau blickt ihren Vetter stumm und lächelnd an. Fritz aber träumelt vor sich hin.

Dann sagt Frau Clara plötzlich, ohne rechten Zusammenhang mit dem Früheren: „Höre, Fritz, Du sollst es ja sehr arg treiben!“

„Ich? Wo denn?“

„In Babylon!“

„Hahaha. Ich erkenne dich, deutsche Tugendhaftigkeit … Paris sagt man nicht, sondern, mit frommem Schauder, [196] „das Babel an der Seine.“ Wenn ihr wüßtet, wie ich mich manchmal in Babylon langweile! Was, manchmal? Immer! Wie ein Sträfling – zum Sterben! Und wie ich mich zuweilen nach der blonden Fadaise eines heimathlichen Tanzkränzchens sehne. Wenn ich mit den Prinzessinnen des Chic beisammen bin, überkommt mich ein wilder Wunsch: Herrgott! Wenn Du jetzt mit Schmallwitz und Mergenthien Skat spielen könntest! Was müßte das für eine Wonne sein! …“

„Hat sie Dich denn hintergangen, Fritz?“

„Wer?“

„Na, Deine Angebetete!“

„Ich habe keine.“

„Wem willst Du das einreden? … Vielleicht ist Dein Herz im Augenblick beschäftigungslos. Aber daß es nicht immer so ist, darauf will ich wetten. Ganz Pommern hält Dich für einen stürmischen Lebemann.“

„Ganz Pommern irrt sich.“

„Da erinnere ich mich an etwas. Beim letzten Skat vor unserer Abreise – Schmallwitz und Marzahn spielten mit meinem Mann – saß ich und schaute gelangweilt zu, und plötzlich fielst Du mir ein. Vielleicht war’s derselbe Moment, in welchem Du Dich nach dem Skat sehntest. Ich dachte mir – ich erinnere mich ganz deutlich, – Fritz ist doch gescheidter, als diese Krautjunker Schmallwitz und Marzahn. Während die hier ihr lediges Leben verdämmern, flattert er von Blume zu Blume, der Schmetterling!“

„Der Schmetterling soll ich sein?“

„Leugne nicht! … Und ich nahm mir fest vor, daß ich mir von Dir Geschichten werde erzählen lassen, wenn wir uns treffen.“

„Geschichten! … Weiß der Himmel, was Du Dir [197] vorstellst! Ich habe gar nichts erlebt. Als junger Gänserich flog ich wohl über den Rhein – da hast Du meine Geschichte.“

„Hilft Dir nichts, Du mußt mir erzählen! Wenn schon nicht Alles, so doch Dein merkwürdigstes Abenteuer.“

„Mein – merk–wür–digstes – Abenteuer?“

„Ja wohl! …“ Frau Clara unterbricht sich mit einem leichten Aufschrei. Kurt ist im Spielen hingefallen und scheint sich weh gethan zu haben, denn er heult. Sie springt auf und eilt in mütterlicher Aengstlichkeit zu dem Knaben hin, um ihn zu trösten und aufzurichten.

Fritz ist ruhig sitzen geblieben. Jetzt nimmt er mechanisch das von Mergenthien zurückgelassene Buch in die Hand, klappt es auf. Die Intelligenz! … Mit einem Mal bleibt sein nachlässig streifender Blick an einer Stelle haften. Von Schmetterlings-Verwandlungen ist die Rede. Er liest:

„Wenn uns ein Schlaf, gleich jenem der eingepuppten Raupe, in der Mitte unseres Lebens befiele und wir nachher mit verwandelten Sinnen und einem so ganz anderen Nervenapparat erwachten, wie die zum Schmetterling gewordene Raupe – der Bruch zwischen diesen unseren zwei Verkörperungen wäre dann sichtbarlich ebenso mächtig bei uns, wie bei jenen.“

Fritz überliest die Worte noch einmal, halblaut: „Wenn uns ein Schlaf befiele …“ Er träumt in die Zeilen hinein, bis ihm die Buchstaben vor den Augen flimmern. Oder blendet ihn das Sonnenglitzern auf den blauen Wellen? Er schließt die Augen …

*     *     *

[198] … Hochsommertag. Eine eigenthümlich, schläfrige, warme Stille liegt über dem Garten. Unter dem großen Ahornbaum wartet Fritz auf sie. Bei Tische hat ihm nämlich Cousine Clara zugeraunt, daß sie ihm etwas Dringendes sagen wolle – Nachmittags, wenn Niemand im Garten sein werde, unter dem Ahornbaum. Was das wohl zu bedeuten habe? Sein Gymnasiastenherz schlägt heftig. Wird sie ihm die erfreuliche Mittheilung machen, daß sie ihn liebe? Vorsichtsweise hat er einige Gedichte, die er für sie während des ganzen Schuljahres geschrieben, zu sich gesteckt. Denn er liebt sie schon lange – zu Ostern waren es zwei Jahre, daß er dieses Gefühl in sich entdeckt hat. Gesprochen hat er natürlich nichts davon – es ist ja die erste Liebe … Schritte knirschen über den Kiesweg, ein blaues Kleid schimmert durch die Büsche, sie kommt.

„Fritz!“

„Da bin ich. Was willst Du mir sagen?“

„Zuerst schwöre mir, daß Du treu und verschwiegen sein wirst!“

„Treu und verschwiegen! Bis in den Tod! Ich schwöre es Dir!“

„Gut, gut … Oh, vorher noch Eins! Liebst Du mich?“

„Ob ich Dich liebe, Clara?“

„Ja. Ich meine aufrichtig?“

„Wie kannst Du nur fragen?“

„So will ich mich Dir ganz anvertrauen.“

„Wann wird sie mir denn endlich um den Hals fallen?“ denkt sich Fritz. Er ist aber zu bescheiden, um den Anfang zu machen.

Sie fällt ihm nicht um den Hals, sieht sich aber noch einmal vorsichtig um:

[199] „Pst, Fritz, diesen Brief!“

„Was soll’s mit dem Brief?“

„Du mußt ihn unbemerkt dem Leutnant Mergenthien überbringen!“

„Max von Mergenthien?“ sagt er tonlos.

„Natürlich Max! Für mich gibt’s nur diesen Einen.“

„Für Dich gibt’s nur …?“

„Papa will zwar nichts von ihm wissen. Ich aber lasse nicht von Max, Papa kennt ihn nicht, weiß nicht, daß Max unter dem Ulanenrock ein ehrliches Herz trägt. Er ist nicht bloß schneidig, sondern auch lieb und gut, und gescheidt und gebildet.“

Fritz rafft sich zu einer ironischen Bemerkung auf: „Kurz, ein Reiter ohne Furcht und Tadel.“

Sie nimmt es ernst: „Oh ja, das ist er … Du, Fritz, Du wirst unseren brieflichen Verkehr möglich machen, da er doch jetzt leider nicht herüber kommen darf. Willst Du?“

Nicht umsonst hat sich Fritz an den griechischen Helden gebildet. Er ist eine standhafte Seele. Und darum erklärt er mit feierlicher, wenn auch etwas umflorter Stimme: „Du kannst auf mich rechnen. Ich habe Dir es ja zugeschworen.“

Da fällt sie ihm um den Hals und küßt ihn, ja wohl, sie küßt ihn: „Fritz, Du bist ein reizender Junge! …“

Bitterer Kuß, schmerzliches Wort! Als „reizender Junge“ zu gelten, wenn man großartig liebt und sich unaussprechlich unglücklich fühlt! Das ist hart! … Aber entsagungsvoll läßt er sich ein Pferd satteln und reitet hinüber nach der Garnison Max von Mergenthien’s. Der empfängt ihn strahlend vor Glück, fällt ihm ebenfalls um den Hals und ruft wahrhaftig ebenfalls: „Herr Fritz – [200] entschuldigen Sie die Vertraulichkeit – aber Sie sind ein reizender Junge! …“ Fritz schluckt mannhaft einige Thränen hinunter, läßt sich die Antwort einhändigen und reitet zurück. Nur unterwegs hält er einmal an, bindet das Pferd an einen Baum, legt sich ins grüne Gras und weint bitterlich.

So geht’s die ganzen Ferien hindurch täglich hin und her. Nie hat ein gefühlvoller Gymnasiast schmerzlichere Ferien verlebt. Doch Alles geht vorüber. Es kommt der Tag, wo er zum letzten Male bei Max von Mergenthien eintritt, mit dem letzten Brief. Mit zuckenden Lippen, die zu lächeln versuchen, sagt er: „Ihr werdet euch jetzt einen anderen Boten verschaffen müssen, die Schulzeit ist wieder da.“

Max faßt seine Hand und drückt sie warm. „Wie soll ich Ihnen danken, lieber Fritz? Wir müssen Bruder werden, auf Du und Du! Denn Du bist ein reizender Junge!“

Fritz fühlt sich eigentlich sehr geehrt. Es ist der erste Leutnant, mit dem er sich duzt. Dennoch bringt er das vor, was ihn schon so lange bedrückt: „Wie Sie – wie Du mir danken sollst? Nenne mich nie mehr einen reizenden Jungen! …“

*     *     *

Wie durch einen feinen Schleier sieht er diese alten Bilder, gemalt mit den blassen Farben der Erinnerung, gemischt aus Traum und Wahrheit. Vom großen, sonnigen, blauen Hintergrunde des Meeres hebt sich eine Frauengestalt ab. Er blinzelt sie unter halbgeschlossenen Lidern hervor an. Frau Clara steht schon seit ein paar Minuten vor ihm, betrachtet ihn ergötzt.

[201] „Schläfst Du denn, Fritz?“ lacht sie.

Und er darauf, noch ganz dämmrig: „Wenn uns in der Mitte unseres Lebens ein Schlaf befiele, gleich jenem der eingepuppten Raupe, und wir nachher erwachten …“

„So erwache doch, Mittagsschläfer!“

Ermuntert fährt er jetzt in die Höhe, lächelt auch ein wenig und sagt: „War mir’s doch … Ich glaube, Du hast mich vorhin nach meinem merkwürdigsten Abenteuer gefragt? Nicht?“

„Ganz Recht. Lass’ also hören!“

„Mein merkwürdigstes Abenteuer war, daß ich einst eine Raupe gewesen.“

„Ich verstehe nicht.“

„Oder ein ‚reizender Junge‘, wenn Dir das lieber ist. So hoch hat nimmermehr mein Herz geschlagen, so athemlos, so glücklich und unglücklich wie damals war ich nie wieder in meinem Leben … In dem Buche da hab’ ich etwas Sonderbares, Köstliches gefunden. Lies! … Ein Bruch geht durch unser Wesen, und theilt es wunderbar in Raupe und Schmetterling. In meiner Art lese ich das so: Wenn wir selber nicht mehr lieben, werden wir geliebt. Das Erste ist aber viel seliger als das Zweite. Und darum meine ich, daß die Raupe weit, weit mehr zu beneiden ist, als der Schmetterling …“