Ein Wiederfinden

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Textdaten
Autor: Walther Kabel
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Titel: Ein Wiederfinden
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aus: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Jahrgang 1910, Neunter Band, Seite 75–97
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Erscheinungsdatum: 1910
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
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Erscheinungsort: Stuttgart, Berlin, Leipzig
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[75]
Ein Wiederfinden.
Erzählung von Walter Kabel.

Mit Bildern von A. Wald.[ws 1]

(Nachdruck verboten.)

Durch die südwestafrikanische Steppe zieht im brennendsten Sonnenglast ein einsamer Reiter dahin, vorbei an mannshohen, endlosen Dornenfeldern, deren ausgedörrtes, fahles Gelb sich in der Ferne mit der Farbe des unergründlichen Sandes vermischt, vorbei an den bleichenden Knochen von Tieren und grinsenden Menschenschädeln, vorbei an halbverhungerten Schakalen, die in ihm eine baldige leichte Beute wittern.

Mit geschlossenen Augen hängt der Offizier auf dem abgetriebenen Braunen, der mit seinen kraftlosen Hufen eine breite Spur hinter sich läßt. Immer tiefer sinkt dem Reiter der grüne, zerfetzte Schlapphut in das bleiche, von einem wirren blonden Vollbart umrahmte Gesicht. Der todesmatte Mann merkt es nicht. Er merkt es nicht, daß die Schulterwunde wieder zu bluten beginnt, daß von dem kunstlosen Verbande das Blut den Ärmel entlang sickert und in langsamen Tropfen auf den dürren Boden fällt.

Längst hat Horst Dittmers jene Gleichgültigkeit gepackt, die schließlich nur einen Wunsch kennt: Ruhe zu finden in schnellem Tode und damit das Ende aller Qual. Aber noch stolpert das elende Roß weiter, vielleicht vorwärtsgetrieben von jenem feinen Instinkt, [76] mit dem es die Nähe eines Wasserlochs auf Meilen wittert.

So geht es weiter, immer weiter in die grenzenlose, stille Wüste hinein. Und bei jedem Schritt des Tieres schwankt der Körper des todwunden Mannes im Sattel vorwärts und rückwärts – vorwärts und rückwärts, gleichmäßig wie ein Uhrpendel und ebenso gleichmäßig tropft alle fünf Meter ein großer Blutstropfen neben die breite Spur der Pferdehufe in den gelben Sand.

Schon nähert sich die in milchige Dunstschleier gehüllte Sonne dem Horizont, und ein erster kühler Luftzug läßt die Dornenbüsche ihre verdorrten Zweige mit knisterndem Geräusch aneinanderreiben. Aber der dem Tode Geweihte fühlt nicht einmal mehr diesen belebenden Hauch des nahenden Abends. Das Bewußtsein für das Verzweifelte seiner Lage ist ihm völlig verloren gegangen. Im Halbschlaf, während der Fieberfrost immer häufiger seine Zähne leise klappernd zusammenschlägt, eilen in toller Abwechslung die Erinnerungen wie Visionen vor seinem geistigen Auge vorüber, Erinnerungen, die mit der frühesten Jugend begannen, mit jener ersten Fahrt in der Postkutsche, auf der er staunenden Auges als Kind zuerst die Fremde geschaut hat. Und all die Einzelheiten dieser Reise huschen mit greifbarer Deutlichkeit durch sein Gedächtnis, wachgerufen jetzt durch das wiegende Schütteln auf dem Rücken des kraftlosen Pferdes, dieses Schütteln, das so sehr an die Stöße des alten Postwagens auf der sandigen Landstraße von einst gemahnte.

Andere Bilder kommen, immer neue folgen. Und so fliegt nochmals sein Leben vor ihm dahin wie eine Reihe ihn seltsam erregender Bühnenszenen, in denen er mit seinem krankhaft überreizten Hirn jedes Gesicht und dessen wechselnden Ausdruck so deutlich sieht, jedes [77] gesprochene Wort in seiner besonderen Tonfärbung hört und selbst mithandelt im Kreise dieser Spukgestalten.

Dann ist’s plötzlich, als ob der halb besinnungslose Reiter sich mit einer letzten Kraftanstrengung aufraffen will, als ob ein neuer Gedanke ihn die blutunterlaufenen Augen aufreißen und mit irrem, verständnislosem Blick die Umgebung mustern läßt.

Doch diese Anspannung dauert nur Sekunden. Schon sinken die Lider wieder über die Augen herab, wieder fällt der matte Körper in sich zusammen.

Aber die Gedanken eilen jetzt rastlos den einmal eingeschlagenen Weg vorwärts, jene Strecke seines Lebenspfades, an deren Anfang wie ein Wegweiser [78] ein Name steht, ein Name, der soeben durch seine Erinnerung zuckte wie ein flammender, einen bestimmten Daseinsabschnitt erhellender Blitz und ihn für Augenblicke wachgerufen hatte aus diesem stumpfen, unbewußten Vorsichhinträumen.

Weiter stolpert das müde Roß. Wieder schwankt der Reiter im Sattel kraftlos hin und her wie ein Uhrpendel. Aber in seinen Ohren klingen die weichen Laute dieses Namens wie ein sehnsüchtiges Raunen fort, und seine Lippen, verdorrt und rissig von Sonnenbrand und Durst, formen immer aufs neue zwei Worte: Ellen Bieler – Ellen Bieler.

Jetzt tritt in das von Krankheit und Strapazen entstellte Gesicht des Mannes ein Ausdruck erhöhter Qual. Sein visionäres Schauen ist angelangt bei jenem Abend, als er zum ersten Male in seinem Leben jene wilde Verzweiflung fühlte, die nur die Erkenntnis der eigenen Unzulänglichkeit und ihrer heiß bereuten, aber nicht mehr abzuwendenden Folgen hervorrufen kann - bei jenem Abend, der für Horst Dittmers der letzte in dem trauten, von Glückseligkeit einst durchwehten Gemache bei Ellen Bieler war, der letzte, bevor diese das Herz zermarternde Reue ihn in das Grauen dieses furchtbaren Feldzuges, hinein in die öden Strecken der afrikanischen Kolonie trieb.

***

Kaum zwei Wochen war es her, daß der junge, von den Frauen so sehr verwöhnte Privatdozent Doktor Dittmers um die anscheinend so kühle, unnahbare Witwe des reichen Fabrikbesitzers Bieler geworben. Aber Horst Dittmers gegenüber vergaß Frau Ellen all ihre Vorsätze, vergaß, daß sie bisher in der ständigen Furcht gelebt hatte, nur ihres Geldes wegen begehrt zu werden. [79] Liebe auf den ersten Blick war’s, jene Liebe, die vom ersten Moment das feinste Verständnis für jede Seelenregung, jede Neigung des anderen zeigt, jene tiefe, beglückende Leidenschaft, die in den Augenblicken ihrer höchsten Entfaltung still und wunschlos ist und nur das Herz vor Jubel bis zum Zerspringen weitet. Zwei Wochen stillen Werbens, dann lagen sie sich eines Tages in den Armen – zwei, die das Glück gesucht und nun gefunden hatten und es sich bewahren wollten.

Wollten!

Denn das Unheil, das dieser Liebe ein trauriges Ende bereiten sollte, begann bereits seine tückische Wühlarbeit, nachdem sie kaum die ersten, scheuen Küsse ausgetauscht hatten. Und dieses Unheil beschwor eine Lüge herauf, eine Lüge, die Horst Dittmers nur aussprach, um die Geliebte zu schonen, eine Unwahrheit, zu der ihn nur ein falsches Feingefühl und eine überzarte Rücksichtnahme verleitete.

Frau Ellen machte sich vorsichtig aus seinen Armen los, schaute ihm selig in das verklärte Gesicht. „Horst – ich kann’s ja noch gar nicht fassen, daß du jetzt mein bist, mein für immer, du, dem alle Frauenherzen zufliegen, mein – mein!“

Und während sie noch so aneinandergeschmiegt dastanden, flog es plötzlich wie ein dunkler Schatten über Frau Ellens schönes Gesicht. Ihre Blicke nahmen einen prüfenden, forschenden Ausdruck an. „Nicht wahr, Horst, die Welt lügt doch, wenn sie sagt, daß die Verbera dir einst nahe gestanden hat?“ Mit der ganzen Angst der jungen Liebe, des jungen Besitzes fügte sie leise hinzu: „Oder hast du sie geliebt, Horst, liebst du sie vielleicht noch, hat sie noch irgendwelches Anrecht an dich? - Antworte mir, sag mir die Wahrheit, Horst! Ich kann’s ja nicht glauben, denn ich würde vor Zorn [80] und Scham vergehen, wenn ich diese Operndiva mit dir zusammen noch in derselben Stadt weiß.“

Dieser Angstschrei eines leidenschaftlich liebenden Frauenherzens raubte dem Manne die ruhige Überlegung, die Fähigkeit, die Folgen seiner Antwort klar zu übersehen. Sollte er denn wirklich diese Stunde durch ein Geständnis stören, sollte er diese schönen Augen mit Tränen füllen, dieser reinen Frauenseele die Ruhe nehmen? Wozu der Geliebten diesen Schmerz antun, da er doch wußte, daß seine Neigung für die Sängerin längst verflogen war wie ein kurzer Rausch, daß er frei sein würde, ganz frei, sobald er es nur wollte.

Da hatte er ihr den zuckenden Mund mit Küssen verschlossen, hatte sie fest in seine Arme genommen und ihr beruhigend zugeflüstert: „Ich bin dein, Ellen, nur dein! Mit niemandem brauchst du zu teilen. Wen sollte ich dir wohl auch vorziehen, du meine Königin – wen? Es lebt ja kein Weib, das dir gleicht!“

Und vertrauensvoll hatte sie dann zu ihm aufgeblickt, unter Tränen gelächelt. „Ich danke dir für diese Worte, Horst. Jetzt erst bin ich ganz glücklich.“

Horst Dittmers war es wie ein körperlicher Schmerz bei diesen gläubigen Worten durch das Herz gezuckt. Schon begann die Reue. Und erst nach Tagen hatte er ein immer wiederkehrendes unsicheres Gefühl, ein ihn schwer belastendes Schuldbewußtsein der Geliebten gegenüber einigermaßen überwunden.

Von einer Veröffentlichung der Verlobung wollte Frau Ellen vorläufig noch nichts wissen.

„Laß mir doch das heimliche Glück noch eine Weile. Du bist ja mein, und ich ganz, ganz dein. Wenn erst die Menschen kommen mit ihren leeren Glückwunschphrasen und neugierigen Blicken, dann nehmen sie uns [81] den feinsten Blütenstaub von dieser rosenroten Seligkeit.“

So war Frau Ellens junge Witwenschaft durch einen Frühlingsrausch abgelöst worden, wie ihn kein Dichter heißer, berückender schildern kann. Die Wochen gingen dahin. Die Welt hatte sich längst daran gewöhnt, die reizende Frau in steter Begleitung des hochgewachsenen Mannes zu sehen. Jeden Tag erwartete dieselbe Welt die Entscheidung, die einzig mögliche Lösung dieses vertrauten Verkehrs. Aber vergebens überflogen neidische Augen täglich die Reihe der Anzeigen in den Zeitungen, vergeblich suchten gute Freunde Horst Dittmers zu einer klärenden Äußerung zu veranlassen.

Und dann kam das nie Geahnte, fast Unglaubliche.

Eines Tages war Horst Dittmers aus der Stadt verschwunden, abgereist ohne Abschiedsbesuche, ohne auch nur einen einzigen in das Geheimnis dieser offenbaren Flucht einzuweihen. Nur langsam sickerte die Wahrheit durch. Der junge Gelehrte, der als Reserveoffizier einem der Garderegimenter angehörte, hatte sich als Freiwilliger zur Teilnahme an dem Hererofeldzuge gemeldet und es durch seine Verbindungen im Kolonialamt möglich gemacht, schon mit dem nächsten Truppentransportdampfer Europa verlassen zu können.

Die weiteren Kombinationen schienen nicht schwer. Jedermann glaubte eben, daß der schöne Dittmers sich bei Frau Ellen trotz all seiner Bemühungen einen Korb geholt habe. Niemand ahnte die Wahrheit, erfuhr den wahren Sachverhalt.

Frau Ellen verließ kurz nach der Abreise ihres scheinbar abgewiesenen Freiers gleichfalls die alte Universitätsstadt und wurde erst zwei Monate später in einem Badeort an der Riviera von Bekannten wieder [82] entdeckt. Und diese Bekannten, die unzart genug waren, den Namen des verschwundenen Freiers vor der sehr leidend aussehenden jungen Frau zu erwähnen, mußten es zu ihrer Verwunderung erleben, daß Ellen Bieler plötzlich fassungslos zu schluchzen begann und, ihr tränenüberströmtes Gesicht hinter dem Taschentuche verbergend, davonstürzte.

Der wahre Sachverhalt aber war jener letzte Abend, den Horst Dittmers mit aller Deutlichkeit nochmals durchlebte, während er, von Fieberschauern geschüttelt, auf todmattem Pferde die afrikanische Steppe durchirrte.

***

Ein Abend in dem mit traulicher Eleganz ausgestatteten Wohnzimmer bei Ellen Bieler. Draußen rieselt ein gleichmäßiger Regen gegen die Fenster, im Kamin singt und flüstert der Herbstwind. Und das Feuer im Kamin fällt mit rötlichem Schein auf zwei Menschen, die in bequemen Sesseln nebeneinander sitzen in inniger Aussprache.

Jetzt, wo keine Scheu ihr mehr die Zunge bindet, beichtet Frau Ellen dem Geliebten endlich das ganze Elend ihrer ersten Ehe.

„So bin ich stets belogen und betrogen worden, betrogen mit einer Rücksichtslosigkeit, die nicht einmal das Gerede der Leute fürchtete. Unsagbar habe ich darunter gelitten, nicht weil ich jenen Mann liebte, sondern weil ich mich durch all die mitleidigen Blicke und versteckten Trostworte wie durch Peitschenhiebe getroffen fühlte. Und darum, versprich mir, Horst, gelobe es mir hier in die Hand: erbaue du mir ein ganzes, vollkommenes Glück, du, den ich allein liebe, belüge mich nie, nie, auch nicht aus sogenannter Rücksichtnahme. [83] Ich hasse die feige Unwahrheit, die das Vertrauen zwischen Liebenden untergräbt. Horst, ich flehe dich an, sonst –“

Da war plötzlich wieder in Horst Dittmers die Erkenntnis seiner Schuld riesengroß erstanden wie ein drohendes Schreckgespenst. Alle die reuigen Gedanken, alle die Befürchtungen drängten sich wieder in seiner Seele zusammen und machten ihn stumm, ließen ihn mit nachdenklich gefurchter Stirn schweigend vor sich hinstarren. Und dann kam es über ihn, dieses heiße Verlangen, seine Schuld einzugestehen, sich das Herz endlich freizumachen von dieser Unruhe, die ihm noch immer die trautesten Stunden störte.

Der Wunsch, nicht weiter bedrückt durch eine Lüge neben ihr herzugehen, trieb den selbstbewußten, starken Mann zu einem Geständnis. Besser, daß sie die Wahrheit jetzt durch ihn erfuhr als durch andere, die ihr dann später vielleicht mit giftigen Zungen die Tatsachen in gehässiger Übertreibung schilderten, die lieben Mitmenschen, die so gern in ein friedliches Heim häßliche Saat hineintragen.

So nahm er denn ihre Hände zwischen die seinen und sprach zu ihr, erst stockend und zögernd, dann schneller, überzeugter. Er sprach von jener flüchtigen Neigung, von seinen Beziehungen zu Liane Verbera, mit der er aber sofort nach seiner Verlobung in einer letzten ernsten Unterredung für immer gebrochen habe.

Aber der Fluß seiner Rede stockte. Ellen hatte ihm ihre Hände entzogen, war aufgestanden und vor ihn hingetreten. Das Licht der elektrischen Glühbirne zeichnete in ihr erblaßtes Gesicht scharfe Kontraste, nahm ihm alle Weichheit, ließ ihre Lippen in zornigem Weh zucken und beben, daß es ihnen schwer fiel, jene, gerade jene Worte zu formen.

[84] „Nein, Horst, ich kann dir nicht verzeihen, kann das nicht vergessen, das nicht – nie, nie!“ sagt sie langsam mit mühsam bewahrter Ruhe. Sie denkt ja nur daran, daß er nochmals in der Wohnung jenes Weibes gewesen ist, während sie ihn schon ganz zu besitzen glaubte, jenes Weibes, das sie haßt wie sonst nichts auf der Welt. In verzehrender Eifersucht schreit sie hinaus: „Geh – verlaß mich! Nie kann ich dir wieder glauben, nie wieder Vertrauen zu dir fassen, zu dir, der es fertig brachte, mich in der ernsten, weihevollen Stunde, in der wir uns fanden, zu belügen! Geh, hab Erbarmen und geh! Laß mich allein – allein für immer, und nimm die Überzeugung mit dir, daß Ellen Bieler auch [85] hierin ein ganzer Mensch bleiben, nie ihren Sinn ändern wird!“

Vergeblich ist sein beschwörendes Flehen. Und ihm, der sonst so leicht mit klingenden Sätzen jeder Gefühlsregung Ausdruck geben kann, fehlen heute die ernsten Worte, um seiner Verzweiflung den Stempel wahrsten Empfindens aufzudrücken. Diesem drohenden Verlust gegenüber erscheint ihm heute jedes Wort nur traurige, nichtssagende Phrase.

Und sie, die durch seine schwache Verteidigung in ihrer schnell gefaßten Meinung über das Unaufrichtige in seinem Charakter nur noch bestärkt wird, hebt jetzt den Arm und weist zur Tür. „Gehen Sie, verlassen Sie mich sofort!“ Ihre Stimme klingt schneidend, grausam.

Und doch – niemand sieht in ihr Herz, das sich in wildem Schmerze aufbäumt, das sie mit aller Energie niederzwingen muß, um sich nicht zu verraten.

Da erhebt sich seine zusammengesunkene Gestalt langsam aus dem Sessel. „Leben Sie wohl, gnädige Frau.“ Kaum vernehmlich wehen die Worte zu ihr herüber.

Noch eine Verbeugung, dann geht er zur Tür, schlägt den Vorhang zur Seite – und dann wendet er sich nochmals zurück. Ein Stöhnen dringt durch die Stille des Zimmers, ein Laut, der die Nerven der Frau erzittern macht.

Und jetzt findet er endlich Worte, schlichte Worte, doch nur Worte, die nichts mehr ändern können. „Ellen, ich habe gefehlt. Warum ich’s tat – du weißt es. Und der Sünder hat freiwillig seine Schuld bekannt, ehrlich, ohne Beschönigung, hab’ dich um Vergebung angefleht. Du bist hart geblieben. Weil ich ehrlich war, mein Gewissen entlasten wollte, bricht mein Glück [86] jetzt zusammen. Aber, Ellen, auch für dich wird vielleicht einst die Stunde kommen, da du einsiehst, daß du die Größe dieser Beichte mit anderem hättest beantworten können, mit dem Mute zum Verzeihen und Vergessen. – Leb wohl, Ellen. Ich habe nur dich geliebt, nur dich. Hab Dank für alles. Ich werde deinen Lebensweg nicht mehr kreuzen.“

Der Vorhang sinkt zurück, schnelle Schritte, eine Tür fällt dumpf ins Schloß.

***

Auf der durch die Unmenge von Transport- und Krankenwagen breit ausgefahrenen Etappenstraße, die von Okahandja gen Norden führt, schlängelt sich schwerfällig ein endloser Zug Ochsenwagen dahin. Soeben ist der die Bedeckungsmannschaften kommandierende Offizier an den Oberstabsarzt herangeritten, der, wohlversorgt mit Zeltmaterial, Betten und allen nötigen Medikamenten, das bei Hamakari südlich der Waterberge gelegene Typhuslazarett übernehmen und erweitern soll.

„Gut, wenn Sie den näheren Weg genau kennen, Herr Leutnant. Lassen Sie also abschwenken,“ meint der Oberstabsarzt und wendet sich dann, nachdem der Offizier in kurzem Trabe hinter der nächsten Wegbiegung verschwunden ist, zu zwei in graue Leinenkleider gehüllte Krankenpflegerinnen, die auf einer großen Holzkiste in einem der Wagen sitzen.

„Wir verlassen jetzt die eigentliche Etappenstraße, meine Damen, und werden über die Wasserstelle Otjekongo unser Ziel zu erreichen suchen. Leutnant v. Mackeroth hofft dadurch einen ganzen Reisetag zu sparen. Sie werden nun diese Sandbüchse auch einmal außerhalb der sogenannten Wege kennen lernen. Ich fürchte [87] nur, das Bild wird jenseits dieser die Straße so schön eintönig einrahmenden Dornenfelder nicht viel anders werden – eben auch nur Sand, Dorngestrüpp, bleichende Knochen und die liebe Sonne, die es heute wieder einmal allzu gut mit uns meint. Ja, sehen Sie, meine Damen, Ihr Teint wird bei dieser Glut wirklich kaum viel besser werden.“

Der Oberstabsarzt zwinkert den beiden vergnügt zu und steckt sich dann wieder seine geliebte Zigarre an, die ihn ebensowenig jemals verläßt wie dieser trockene, [88] wohltuende Humor, mit dem er seine Umgebung über die Unannehmlichkeiten und Strapazen dieser Schneckenfahrt hinwegzuhelfen weiß.

Frau Hauptmann Seidler, deren Gatte zurzeit im Süden der Kolonie gegen die Hottentotten kämpft, und die, nur um in der Nähe ihres Gemahls sein zu können, freiwillig das schwere Amt einer Krankenpflegerin übernommen hat, geht in ebenso leichtem Plauderton auf die Unterhaltung ein.

Ihre Nachbarin dagegen bleibt stumm und schaut weiter verträumt vor sich hin. Nur wenn der Militärarzt, der neben seiner unverwüstlich guten Laune ein ebenso mitfühlendes Herz sein eigen nennt, das Wort direkt an sie richtet, gibt sie einsilbige, fast abwehrende Antwort. Und dann blickt der freundliche Herr sie immer so seltsam prüfend an.

Zwei Wochen kennt Oberstabsarzt Müller nun schon diese eigenartige Frau, die seiner Kolonne in Windhuk zugeteilt wurde. Aber vergeblich hat er bisher das Geheimnis zu lüften gesucht, das ihre Person umgibt. Immer wieder zerbricht Müller sich darüber den Kopf, aus welchen Gründen die anscheinend sehr vermögende junge Witwe auf die abenteuerliche Idee gekommen sein mag, ihr ruhiges, bequemes Dasein drüben in Europa gegen die Wechselfälle dieses aufreibenden Feldzuges und die Gefahren der typhus- und ruhrverseuchten Lazarette einzutauschen. Daß Frau Ellen Bieler nicht aus Übersättigung durch das gesellschaftliche Leben in der Heimat oder aus Hang zu extravaganten Erlebnissen Krankenpflegerin geworden ist, hat er als guter Menschenkenner längst herausgemerkt, und daß sie gerade im heißesten Norden der Kolonie verwendet werden wollte, dürfte auch wohl seine besonderen Ursachen haben. Aber über dieses Ahnen ist [89] er noch nicht hinausgekommen. Mit ängstlicher Scheu weicht Frau Ellen allen Fragen, so vorsichtig und zart sie auch gestellt sein mögen, aus. Still tut sie ihre Pflicht, übernimmt auf den Lagerplätzen bereitwilligst jede Arbeit, kocht und pflegt unermüdlich die Verwundeten, die man unterwegs auf den Etappenstationen aufgelesen hat. Doch ihre traurigen Augen und ein weher Zug um den feingezeichneten Mund sprechen nur zu deutlich von einem großen, unüberwindlichen Herzensweh.

Der Wagenzug schleicht knarrend und ächzend weiter über die trostlose Steppe dahin. Bei den ersten Anzeichen der nahenden Nacht sind Oberstabsarzt Müller und Leutnant v. Mackeroth vorausgeritten, um eine geeignete Stelle zum Lagern auszusuchen, eine jener tief in ein Dornenfeld einschneidenden Buchten, die den Vorteil bieten, daß nur ihre nach der Ebene hin offene Seite durch Posten bewacht zu werden braucht.

Aber die beiden Offiziere sind heute wenig vom Glück begünstigt. Schon eine Stunde folgen sie vergeblich dem Rande des stachelstarrenden Busches. Inzwischen ist mit der in den südlichen Breiten eigentümlichen Schnelle der Tag in eine dämmerige, sternen- und mondlichtdurchflutete Nacht übergegangen. Wie Silberglanz liegt es jetzt über der schweigenden Wüste.

Plötzlich zügelt der Leutnant sein Pferd und weist mit der Hand vor sich auf den Boden. Eine breite Spur ist dort deutlich zu erkennen, Tritte müder, schleppender Pferdehufe.

Die beiden Offiziere tauschen nur einen Blick und setzen dann wie auf Verabredung ihre Tiere in Trab. Wohl eine Viertelstunde geht es auf den in den Sand gezogenen Rillen entlang. Aber beim Umreiten einer neuen Biegung des hohen Dornengebüsches reißen [90] sie dann mit einem Male in jähem Erschrecken ihre Pferde zurück.

Keine fünf Schritte vor ihnen liegt ein menschlicher Körper, die Arme weit von sich streckend wie im letzten Todeskampf, und daneben steht mit tief herabhängendem Kopf ein abgetriebener, gesattelter Brauner.

Müller kniet schon neben dem Leblosen, reißt ihm die Uniform auf und legt ihm lauschend das Ohr auf die Brust.

Sekundenlang horcht er angestrengt.

„Nur bewußtlos,“ meint er dann erleichtert aufatmend und erhebt sich wieder.

Inzwischen hat der Leutnant vorsichtig einen beschriebenen Zettel vom Boden aufgenommen. Auf dem Zettel aber steht mit zitterigen Buchstaben zuoberst: „Patrouille von Leutnant Dittmers von zersprengten Hereros überfallen, alles bis auf mich niedergemacht. Hereros ziehen sich in gerader Linie nach Osten zurück.“

Noch viel mehr aber steht auf dem zerknitterten Zettel. Mackeroth traut seinen Augen kaum, als er die folgenden Bleistiftzeilen überfliegt. Dann reicht er das Blatt dem Oberstabsarzt hin, indem er kopfschüttelnd sagt: „Ich glaube, wir haben hier soeben entdeckt, weswegen unsere Frau Ellen Bieler nach Südwest gekommen ist. Dieser letzte Gruß ist an sie adressiert – da, sehen Sie die Überschrift.“

Wortlos liest der Oberstabsarzt die offenbar im halben Fieberdelirium mühsam niedergeschriebenen Sätze. Und ihr Inhalt packt den abgehärteten, starken Mann seltsam ans Herz.

„Sie haben recht, Mackeroth,“ meint er sinnend. [91] Und dann setzt er hinzu in einem rührend schlichten Ton, indem er so seinen innersten Gedanken Ausdruck gibt: „Ja, ja, Mackeroth, hier in diesem verteufelten Afrika lernt man wirklich noch an eine Vorsehung glauben!“

***

Die schweren Ochsenwagen der Sanitätskolonne sind zum Kreise zusammengeschoben. Lohende, knisternde Feuer, die die harten Dornenzweige gierig verzehren, brennen in diesem Kreise, und ihr zuckender, rötlicher Schein gleitet wie streichelnd über die in graue Mäntel gehüllten Männer hin, die in flüsternder Unterhaltung um die wärmende Flamme sitzen. So heiß die Tage sind, so kalt sind die Nächte. Seltsam still ist’s im Lager. Nicht einmal an den Feuern der schwarzen Ochsentreiber, die sich stets abseits von den weißen Soldaten halten müssen, hört man jene gewohnten, kreischenden Negergesänge wie sonst, nicht das schnatternde Schwatzen und gellende Lachen dieser stets sorglosen Naturkinder. Sie alle wissen, daß dort in dem braunen, schnell hergerichteten Zelt ein todwunder Mann liegt, sie alle sind Zeugen des erschütternden Wiedersehens gewesen, das Ellen Bieler hier in der afrikanischen Steppe mit dem Geliebten feiern mußte.

Die rauhen, durch den blutigen Krieg abgestumpften Männer haben mit weiten, erbarmenden Augen geschaut, wie die bleiche, schöne Frau sich wortlos über den Körper des noch immer Bewußtlosen geworfen hat mit einem Schrei, den die Seelenqual langer Monate endlich auslöste und der dann überging in ein wimmerndes Weinen.

Im Zelte brennt zu Häupten des niedrigen Feldbettes, auf dem der Verwundete ruht, eine Petroleumlampe. [92] Ihr Schein fällt auf das unbewegliche Gesicht Horst Dittmers’ und die starren, verzweifelten Züge Ellens, die dicht neben dem Lager sitzt und mit angstvollen Augen jeden Atemzug des Kranken überwacht. In ihrer Rechten hält sie jenes Blatt Papier, das der Leutnant neben dem Leblosen aufgenommen hat. Unzähligemal hat sie sie schon überlesen, diese Zeilen, die mit zitternden Fingern geschrieben sind – der Scheidegruß eines Sterbenden an sie. Und aus den mühsam hingemalten Buchstaben wächst ihr etwas wie ein großer, stiller Vorwurf entgegen. Wie muß dieser Mann sie geliebt haben – nein, wie muß er sie noch immer lieben! Welch ungeheures Sehnen nach dem verlorenen Glück muß ihn stets und ständig begleitet haben, daß [93] er mit fieberumnebeltem Geiste diese wehen, ergreifenden Worte fand! Und sie selbst? Ist sie nicht doch klein gewesen dieser unendlichen Liebe gegenüber? Wäre es nicht trotz allem, was er ihr angetan, ihre Pflicht gewesen, zu verzeihen, den Mut zum Vergessen und Vergeben zu finden?

Und weiter sinnt und grübelt die einsame Frau. Sie denkt an jenen letzten Abend, als er von ihr ging, an seine beschwörenden Worte, seine ehrliche Beichte, durch die er sein Gewissen zu befreien und sie selbst zu versöhnen hoffte.

Doch was hilft das alles jetzt?! – Ihre Reue, ihre Einsicht sind zu spät gekommen, zu spät ihr in schneller Eingebung gefaßter Entschluß, ihn sich zurückzuerobern durch diese Fahrt in das unwirtliche Land, ein Entschluß, der trotz der geringen Aussicht auf Erfolg doch ihre Gedanken in ruhigere Bahnen führte und ihr ebenso willkommene Ablenkung brachte durch die Vorbereitungen zur Reise und die neuen Eindrücke unter der afrikanischen Sonne.

Und nach all den Monaten der Trennung dann heute dieses Wiederfinden! Einen dem Tode Verfallenen hat sie heute in ihre Arme genommen und das heißgeliebte, mit grauer Staubschicht bedeckte Gesicht geküßt in rasendem Schmerz.

Der Oberstabsarzt hat dabeigestanden und sie dann sachte beiseite geleitet. „Beruhigen Sie sich doch, wir werden ihn schon wieder zusammenflicken. Der Schuß in die Schulter hat ja nichts weiter zu bedeuten. Nur diese übergroße Erschöpfung – hm, ja – Aber nur Mut, kleines Frauchen – Mut!“

So hat er ihr zugesprochen. Aber sie merkte es doch heraus, daß es schlecht stand mit Horst Dittmers, sehr schlecht. Und eine innere Stimme, die sie vergeblich [94] durch gläubige, hoffende Gedanken zu beschwichtigen suchte, sagte ihr auch, daß diese einst vor Liebesglück strahlenden Augen sich nicht mehr öffnen würden.

Um Mitternacht war der Stabsarzt zum letzten Male bei dem Kranken gewesen, der noch immer ohne Besinnung, bewegungslos und kaum hörbar atmend dalag. Müller hatte die Temperatur gemessen, hatte das Herz behorcht und war dann wieder gegangen, nachdem er ihr mit mitleidigem Händedruck zugeflüstert hatte: „Eines, liebe Frau Bieler, kann uns niemand rauben – das ist die Hoffnung. Vielleicht geschieht das Wunder, das diesen siechen Körper allein noch retten kann.“

Dann war sie wieder allein mit dem Sterbenden. Aber keine Träne, kein Stöhnen befreit mehr ihre schmerzzerrissene Brust. Vor dem niedrigen Feldbett hat sie sich auf die Kniee geworfen und ihr Gesicht in die weichen Decken gewühlt. Sie betet. Und ihre vor wahnwitziger Angst sich überstürzenden Gedanken flehen den Schöpfer an, daß er ihr doch dies Leben lassen solle. Unzählige Gelübde, wie nur eine solche Stunde sie eingibt, kommen über ihre bebenden Lippen, suchen des Schicksals Willen anders zu lenken.

***

So geht die Nacht vorüber. Der Morgen kommt mit bleigrauer Dämmerung, die durch die Spalten des Türvorhanges sich hineinschleicht in das stille Zelt, in dem neben der reuevollsten Verzweiflung noch immer das Hoffen wohnt. Noch immer liegt das junge Weib neben dem Lager des Kranken, hält seine Hände umklammert und schaut mit brennenden Blicken in das regungslose, verfallene Antlitz.

Draußen im Lager werden die ersten Geräusche [95] des anbrechenden Tages hörbar, das Klirren der Waffen, unterdrückte Stimmen und das dumpfe Brüllen der Ochsen.

Im Zelt wird es lichter. Und da, da ist’s, als ob der Kranke sich leise regt, den Körper streckt.

Horst Dittmers sucht den gesunden, nicht von dem Verbande eingeschnürten Arm zu bewegen. Schnell gibt sie seine Hände frei. Und dieses Nachlassen des Druckes um seine Finger bringt ihn völlig zur Besinnung. Er schlägt die Augen auf, die erst ruhelos, staunend über die Umgebung hineilen und sich dann festsaugen mit einem Aufdruck unendlichen Entzückens in Frau Ellens nie vergessenen Zügen. Aber die Augen schließen sich wieder. Und über des eben Erwachten Gesicht huscht ein Ausdruck qualvoller Enttäuschung. Seine Lippen zittern, und kaum vernehmbar flüstert er: „Ein Traum – nur ein Traum!“ Und dann ein tiefes, verzweifeltes Stöhnen.

Frau Ellen begreift. Wie soll er auch ahnen, daß das eben geschaute Bild Wirklichkeit ist? Er muß ja annehmen, daß nur der traumbefangene Geist auf seinen phantastischen Pfaden ihm dieses Glück vorgetäuscht hat.

Mit unendlicher Vorsicht beugt sie sich weit über ihn, drückt leise ihre weichen Lippen auf die seinen: „Horst, ich bin’s – deine Ellen. Bewege dich nicht, du sollst ja gesund werden, gesund für mich, die nie wieder von dir geht – nie, nie wieder!“

Er will sich aufrichten, fragen. Aber sanft drückt sie ihn in die Decken zurück, streichelt beruhigend seine Wangen und nennt nur bisweilen seinen Namen mit alter Innigkeit.

So schläft er wieder ein. Und seine tiefen, regelmäßigen Atemzüge sagen ihr, daß es der Schlaf der Genesung ist.

[96] Dann liest sie mit einem sonnigen Lächeln frisch erwachten Lebensmutes nochmals jene ergreifenden Zeilen: „Ellen, ich rufe nach Dir, aber Du kommst nicht. Die Sonne brennt auf mein fieberndes Hirn. Ich sehe die Luft über der Steppe flimmern. Und da hinten ziehen zwei Schakale vorbei und wittern herüber. Sie riechen mein Blut. Und mein Blut tropft in den Sand, bildet einen See, in dem sich die Sonne widerspiegelt. Die Sonne, Ellen! Weißt Du noch, einst nannte ich Dich meine Sonne, mein Leben, mein alles! Ellen, komm – komm, damit ich Dich anflehen kann, damit Du mir vergibst!

Die rote Scheibe versank so glühend hinter den Bergen, und nur die feurige Röte umflammt noch die Spitzen der Dornenbüsche. Ich habe lange bewußtlos gelegen. Jetzt erweckt mich die Kälte. Sie kriecht mir zum Herzen und schüttelt mich. Aber meine Augen sind klar, und wenn ich sie schließe, sehe ich Dich, Ellen, meine Ellen. Das Schreiben fällt mir so schwer. Meine Wunde blutet nicht. Aber die Schakale sitzen da drüben und starren mich an. Ich werde sterben, sterben hier allein, verlassen – für mein Vaterland, für Dich, Ellen. Die Röte am Horizont ist erloschen, die Nacht naht. Ich bin so matt – zum Sterben.

Nacht um mich her. Aber da oben, Ellen, blitzen die Lämpchen am Himmel. Ich habe so lange gebeten. Jetzt kommst Du endlich – endlich! Ich sehe Dich durch die Nacht schreiten. Oh, wie ich Dich liebe, Ellen, wie ich Dir danke, daß Du mich gehört hast! Du kommst immer näher, immer näher, meine Göttin, und Du lächelst so lieb, so lieb wie einst – Du, Du mein Glück –

Und jetzt, in Dein Ohr flüstre ich’s – nahe, ganz nahe: Ich habe nur Dich geliebt, nur Dich! Und jetzt [97] küsse mich, küsse mich, dann werden wir zurückkehren in das traute Gemach, in dem der Frühlingssturm uns im Kamin Märchen erzählte, glücklich werden wir wieder sein, ganz glücklich –“

Schwere Tropfen fallen auf das Blatt, Tränen des Glücks, die Frau Ellen nicht länger zurückdrängt. Und dann streichelt sie leise, leise des Schlafenden Hand.

„Ja, Horst, ich habe gelernt, daß die wahre Liebe stärker ist als alles in der Welt.“

Sie spricht’s flüsternd zu ihm, als ob er sie höre. Und im Schlaf gleitet jetzt auch über seine Züge ein seliges Lächeln.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Da die biographischen Daten von Adolf Wald nicht ermittelt werden konnten, wurden die Bilder entfernt.