Ein sonderbarer Traum

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Textdaten
Autor: Jonathan Swift
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Titel: Ein sonderbarer Traum
Untertitel:
aus: Swift’s humoristische Werke. Erster Band: Vermischte prosaische Schriften, Seite 20–28
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 1710
Erscheinungsdatum: 1844
Verlag: Scheible, Rieger & Sattler
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: Franz Kottenkamp
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: MDZ München und Commons
Kurzbeschreibung: Original in: The Tatler, No. 5. From Tuesday Jan. 23. to Saturday Jan. 27. 1710
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[20]
Ein sonderbarer Traum.

Kritiker haben mir schon viele schlimme Dienste erwiesen; der grausamste für einen alten Mann, wie ich, besteht aber in Versuchen, mich nicht einmal ruhig im Bette zu lassen, sondern mich sogar in meinen Träumen zu verfolgen. Ich darf nur träumen, wenn es ihnen beliebt, sie haben mir sogar das Träumen über lang fortgesetzte Gegenstände verboten, wie sehr diese auch den Anschein von Visionen zeigen; sie sagen nämlich, weil eine am Tage liegende Moral hindurchgehe, werde der Traum dadurch unwahrscheinlich und unnatürlich. Dieser Einwurf hätte mir Kummer machen können, müßte ich nicht bedenken, daß sie hiebei einen andern Umstand übergangen haben, in Betreff dessen ich mich schwerlich hätte vertheidigen können. Sie, die Kritiker, hätten mich fragen können, ob meine Träume Nachtstudien zu nennen wären; so habe ich nämlich alle meine Schriften, sowohl in Bänden als Broschüren, benannt. Hierdurch aber wird ein so auffallender Widerspruch geboten, daß ich mich wundern muß, kein Sophist habe denselben bis jetzt noch bemerkt. Der andere Einwurf ist Wortklauberei. Ich erinnere mich, als ich noch ein Schulknabe war, den Verlauf eines ganzen Tages geträumt zu haben; ich ritt aus, hetzte Hunde, aß zur Nacht, ging zu Bett und stand am andern Morgen wieder auf; so kannte [21] ich auch junge Damen, die in einer Nacht solche Verwickelung von Liebesabenteuern träumten, daß man einen ganzen Roman davon hätte schreiben können. In der Jugend ist die Einbildungskraft noch frisch, weder mit Sorgen untermischt noch durch Leidenschaften bestimmt, welche sie größtentheils sonst verwirren und beunruhigen, z. B. Habsucht, Ehrgeiz u. s. w. Nun sagt man, daß alte Leute wieder zu Kindern werden: so bin auch ich im Artikel der Träume wieder zu meiner Kindheit zurückgekehrt. Meine Einbildungskraft befindet sich in behaglicher Ruhe, und wird weder durch Sorgen noch durch Habsucht und Ehrgeiz beschwert; so erlange ich den Vortheil, die wenige mir noch übrige Zeit zu verdoppeln, und vierundzwanzig Stunden täglich zu leben. Der Traum jedoch, den ich jetzt erzählen will, ist so wild, wie man sich nur denken kann, und durchaus dazu geeignet, den tiefen Denkern, die über den Schlaf philosophiren, vollkommen zu gefallen, ohne daß sich irgend eine Moral darin entdecken ließe.

Zufälliger Weise ließ meine Magd auf meinem Nachttische eines ihrer Geschichtenbücher (wie sie dieselben zu nennen pflegt) gestern Abend liegen; ich nahm dasselbe in die Hand, und fand es von impertinenten und sonderbaren Geschichten angefüllt, die für ihren Geschmack und für ihren Stand geeignet waren; es war darin erzählt von armen Mägden, die zu vornehmen Damen wurden und von Bedienten niedern Standes, die Prinzessinnen heiratheten. Unter andern Dingen fand ich auch die weise Bemerkung, daß ein Löwe einer wahren Jungfrau keinen Schaden zufüge. Als meine Phantasie mit diesem Gemisch von Unsinn gefüllt war, ging ich zu Bett, und träumte, ein Freund habe mich am Morgen [22] aufgeweckt, und mir den Vorschlag gemacht, einige Stunden Zeitvertreib zu suchen, indem wir die Löwen der verschiedenen Kirchspiele besähen. Seitdem er in London sei, habe er dies noch nicht gethan, und weil man die Löwen nur einmal wöchentlich zeige, wollte er diese Gelegenheit nicht vorübergehen lassen. Ich erwiderte, daß ich ihm zu Gefallen mitgehen wolle; um ihm jedoch die Wahrheit zu gestehen, müsse ich ihm erklären, daß ich diese grausame Schauspiele nicht liebe. Wäre dieser Brauch nicht so alt, und wie ich gehört habe, auf den weisesten Grundsätzen begründet, so würde ich eher die Unmenschlichkeit unserer Vorfahren tadeln, welche den Brauch vor Zeiten einführten (Alles dies wird dem wachenden Leser ein Räthsel bleiben, wenn ich ihm nicht die Scene enthülle, welche meine Einbildungskraft sich nach dem Grundsatz gebildet hatte, ein Löwe könne einer wahren Jungfrau keinen Schaden zufügen). Ich träumte, daß in jedem Kirchspiele ein männlicher Löwe auf allgemeine Kosten, nach einem aus undenklichen Zeiten herstammenden Gesetz gehalten werde; der Verwahrungsort desselben finde sich dicht bei dem Kirchhofe; bevor ein Mitglied des schönen Geschlechtes sich verheirathe, müsse sie, sobald sie behaupte, eine Jungfrau zu sein, sich einer Ceremonie in Betreff des Löwen unterziehen; sie müsse allein in dessen Höhle treten, und eine Stunde mit dem Löwen allein sein, der von der Kette losgelassen und zuvor vierundzwanzig Stunden wegen der Ceremonie ohne Futter gelassen sei. In einiger Höhe über der Höhle waren passende Gallerien für die Verwandten und Freunde des jungen Paares angebracht; der Zutritt stand übrigens auch allen Zuschauern offen. Keine Braut wurde gezwungen, sich dem Löwen anzubieten; weigerte sie sich [23] jedoch, so galt es als Schande, sie zu heirathen, und Jedermann durfte sie alsdann bei einem üblen Namen nennen. Mich däuchte, es sei ein eben so gewöhnlicher Zeitvertreib, die Kirchspiellöwen zu sehen, gewesen, als wie wir in ein Schauspiel oder in eine Oper gehen. Der Platz der Löwenhöhle wurde immer ganz zweckmäßig in der Nähe einer Kirche gewählt, entweder die Jungfrau zu verheirathen, wenn die Probe von ihr überstanden war, oder um ihre Knochen auf dem Kirchhofe zu begraben, wenn der Löwe das Fleisch, wie er es gewöhnlich zu thun pflegte, von denselben abgefressen hatte.

Damit ich jedoch mit dem Traume fortfahre: Zuerst, wie ich mich erinnere, gingen wir in das Kirchspiel St. Dunstan, den Löwen zu sehen; es hieß jedoch, derselbe werde heute nicht gezeigt. Von dort gingen wir zum Löwen von Coventgarden, und fanden denselben zu meinem großen Erstaunen zum Skelett abgemagert, obgleich ich durchaus das Gegentheil erwartete; der Wärter sagte mir, es sei kein Wunder, denn das arme Vieh habe kein Loth Weiberfleisch bekommen, seitdem er sich im Kirchspiel befinde. Hierüber erstaunte ich noch mehr, wie über das Frühere, und empfand schon eine große Verehrung zu den Damen in diesem Stadtviertel, als der Wärter in seinem Berichte fortfuhr, und seine Verwunderung aussprach, weßhalb das Kirchspiel für Nichts und wieder Nichts einen Löwen unterhalte. Freund, sagte ich, haltet Ihr es für keinen genügenden Grund, daß man etwas dafür thut, die Tugend von so vielen Damen zu rechtfertigen? oder hat Euer Löwe seine Fähigkeit, zu unterscheiden, verloren? kann irgend etwas Eurem Kirchspiel zu größerer Ehre, wie der Umstand, gereichen, [24] daß alle in Eurer Kirche verheirathete Damen reine Jungfrauen waren? – Das ist wahr, sagte der Wärter, und der Pfarrer weiß dies zu seinem großen Verdruß, seit Seine Ehrwürden zu uns kamen, hat er keine Stollgebühren bekommen, denn kein einziges Paar ist in unserer Kirche verheirathet worden. Die Jungfrauen in dieser Gegend sind viel zu klug, um sich in die Klauen des Löwen zu wagen. Weil sie Niemand heirathen will, haben sie sämmtlich das Gelübde der Jungfrauschaft abgelegt; im Verhältniß haben wir hier das größte Nonnenkloster in der ganzen Stadt. Dies von den Damen beobachtete Verfahren, nach welchem sie das Gelübde der Jungfrauschaft ablegten, war mir vollkommen begreiflich. Mein Traum sagte mir auch, das ganze Königreich sei voll von Nonnenklöstern, welche aus demselben Grunde zur Genüge mit Insassen versehen würden. Wir gingen fort, um einen andern Löwen anzusehen, und fanden auf den Gallerien eine starke Gesellschaft. Der Wärter sagte uns, wir würden Zeitvertreib genug haben, wie er es nannte. Bald darauf erblickten wir auch eine junge Dame, welche in die Höhle trat; sie ging auf den Löwen zu, indem ihre Gesichtszüge das Bewußtsein der vollkommensten Sicherheit ausdrückten; sie blickte lächelnd zu ihrem Liebhaber und zu ihren Verwandten auf der Gallerie hinauf; auch hielt ich diese Stimmung für gar nicht außergewöhnlich, denn es hatte sich noch niemals zugetragen, daß irgend ein Löwe sich täuschen sollte. Jedoch die Erwartung Aller ward vereitelt. Der Löwe erhob seine rechte Pfote, welches das verhängnißvolle Zeichen war; dann trat er vor und ergriff ihren rechten Arm und begann ihn zu zerreißen. Die arme Dame stieß [25] ein furchtbares Gekreisch aus, und rief sterbend: Der Löwe ist gerecht, ich bin keine Jungfrau! Oh, mein dichterischer Genius! Sie konnte nicht mehr Worte hervorbringen, denn der Löwe gab ihr den Gnadenstoß und sie verschied zu seinen Füßen. Der Wärter schleppte den Leichnam fort, um das Thier zu füttern, nachdem sich die Gesellschaft entfernt hatte, denn die Kirchspiellöwen pflegten nie öffentlich zu fressen. Nach einer kleinen Pause ging eine andere Dame, in derselben Art, wie die frühere, auf den Löwen zu. Wir bemerkten, wie das Thier sie sorgfältig beroch. Der Löwe kratzte ihre beiden Hände, indem er sie an seine Nase hielt, legte eine seiner Pfoten auf ihren Busen, verwundete sie etwas, so daß sie blutete, alsdann aber ließ er sie gehen, und wandte sich von ihr ab, mit einer Art Verachtung, worüber sie sich nicht wenig gekränkt fühlte. Sie ging alsdann etwas bestürzt zu ihren Verwandten auf die Gallerie. Die ganze Gesellschaft schien mir sogleich den Sinn des Verfahrens zu verstehen. Der Leichtsinn[1] der Dame hatte gewisse unvorsichtige und gefährliche Vertraulichkeiten zugelassen, welche zu nahe an das durchaus Verbotene streiften; auch war es nicht ganz gewiß, ob der damals gegenwärtige Bräutigam nicht mit einigen Anderen jene Freiheiten getheilt hatte, womit eine Dame nie zu sparsam sein kann.

Dieser Tag war ein außerordentlicher, denn eine dritte Dame trat in die Höhle; sie lachte laut, spielte mit ihrem Fächer, hielt den Kopf in die Höhe und schenkte den jungen Herren auf der Gallerie ein sanftes Lächeln. Der Löwe aber sprang mit großer Wuth auf sie zu, und wir hielten sie schon für verloren; allein plötzlich ließ er sie los, und wandte sich von ihr weg, [26] als ob er Ekel empfände; alsdann gab er ihr einen Schlag mit dem Schwanze, worauf sie zur Gallerie, durchaus nicht aus der Fassung gebracht, zurückkehrte. Dies, wie es schien, war die gewöhnliche Behandlung der Koketten.

Jetzt, glaubte ich, hätten wir genug gesehen, allein mein Freund wollte durchaus noch weiter, und einen oder zwei Löwen in der Altstadt London besuchen. Wir gingen in ein oder zwei Höhlen, wo gerade kein eigentliches Schauspiel zu sehen war, fanden aber in jeder Löwenhöhle gewöhnlich ungefähr zehn junge Mädchen zwischen acht oder elf Jahren, die mit jedem Löwen spielten, sich ihm auf den Rücken setzten, oder die Hände ihm ins Maul steckten. Einige von ihnen erhielten dann und wann eine kleine Schramme, allein wir entdeckten immer bei näherer Untersuchung, daß sie mit den kleinen Lehrjungen unverschämten Spaß getrieben hätten. Eines von diesen Kindern sagte einem hübschen Mädchen, von ungefähr zwölf Jahren, das neben uns auf der Gallerie stand, sie möge doch zum Löwen herunter kommen, und als diese sich weigerte, rief sie ihr zu: O Miß Betty, wir konnten dich nie bewegen zum Löwen herunter zu kommen, seitdem du mit meinem Bruder in der Dachkammer Versteckens gespielt hast.

Alsdann folgten wir einem Paare mit den Hochzeitsleuten, welche sich in eine andere Kirche begab. Die Dame, obgleich schon mit Jahren gesegnet, außerordentlich verwachsen und häßlich, war wie ein fünfzehnjähriges Mädchen geputzt, indem sie, wie ich glaubte, alle Ueberbleibsel des Flitterstaates von Tanten, Großmüttern und Gevatterinnen aus mehren Generationen, an ihrem Leibe zusammengehängt hatte. Einer meiner Nachbarn [27] flüsterte mir ins Ohr: Sie sei eine alte Jungfer und habe den besten Ruf in der ganzen Stadt. Das ist nichts Sonderbares, dachte ich, und war um so mehr überrascht, als ich nachher bemerkte, wie sie mit Mißtrauen und Bekümmerniß auf den Löwen zuging. Das Thier lag auf dem Boden; so wie es aber die Dame erblickte, beschnüffelte es dieselbe zwei oder dreimal, gab das Zeichen des augenblicklichen Todes und schritt sogleich zur Hinrichtung. Man hörte, wie die Dame inmitten ihres Todeskampfes die Worte: italienische Sänger mit dem äußersten Schauder und mehren wiederholten Verwünschungen aussprach; zuletzt starb sie mit dem Bekenntniß: Ich Thörin, daß ich so viel Vertrauen auf meine rauhe Haut gesetzt habe!

Der Wärter brachte darauf die Höhle für einen andern Kunden in Ordnung; dieser bestand in einer berüchtigten Spröden, welche von ihren Verwandten nach langer Ueberredung und vielen Drohungen bewogen war, ihre Hand einem jungen und schönen Goldschmied zu schenken, der auf ein dreimal größeres Vermögen, wie das ihrige, hätte Anspruch machen können; die Väter und Mütter der Nachbarschaft pflegten sie als ein Musterbild ihren Töchtern zu citiren; ihre Ellbogen schienen stets an ihre Seiten genietet, und ihre ganze äußere Person war in solcher Weise mit höchstem Anstand eingerichtet, daß einem jedem Kunde gegeben wurde, sie scheue jegliche fremde Berührung. Dem Löwen fürchtete sie nur deßhalb näher zu kommen, weil er männlichen Geschlechtes war; der Gedanke, ein männliches Thier dürfe sich heraus nehmen, sie anzuhauchen, erregte ihren Abscheu. Der Anblick eines Mannes bewirkte schon auf dreißig Ellen Entfernung, daß sie ihren Kopf wegwandte. Sie [28] setzte sich auf die äußerste Ecke des Stuhles, obgleich sechs Stühle zwischen ihr und ihrem Liebhaber standen, obgleich die Thür weit offen gelassen und eine kleine Schwester mit im Zimmer war. Sie hatte sich nie anders als an den Ohrzipfel küssen lassen; ihr Vater hatte stets viel Mühe, ihr einzureden, daß sie ohne Handschuhe sich zum Mittagessen setzte, wenn ein Mann zugleich bei Tische war. Als sie nun mit einiger Furcht in die Höhle trat, glaubten wir den Grund in der Höhe ihrer Keuschheit zu finden, welche am Anblick so vieler Männer auf der Gallerie etwa Anstoß nehmen könnte. Sobald der Löwe sie aber in einiger Entfernung erblickte, gab er sogleich das tödtliche Zeichen, worauf das arme Geschöpf (mich däucht, ich sehe sie noch vor mir), im höchsten Schrecken vor unsrer aller Augen frühzeitig niederkam. Der Löwe schien eben so erstaunt, wie wir, und ließ ihr Zeit zum Bekenntniß: Seit fünf Monaten sei sie vom Ladenaufseher ihres Vaters in der Hoffnung und bereits schon zum dritten Mal in andern Umständen. Als nun ihre Verwandten fragten, weßhalb sie denn in die Gefahr der Prüfung sich begeben habe? – antwortete sie: Ihre Amme habe ihr früher erzählt, ein Löwe wage es niemals, einer Dame in andern Umständen Schaden zuzufügen. – Bei diesen Worten erwachte ich und konnte den Wunsch nicht unterdrücken, daß alle Sittenrichter den Instinkt der Kirchspiellöwen besitzen möchten.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Leichsinn