Fünf Festreden der Gesellschaft für innere Mission/Über die Wirksamkeit der Gesellschaft durch Verbreitung christlicher Schriften

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« Über die Wirksamkeit der Gesellschaft durch Aussendung von Predigern und Lehrern Fünf Festreden der Gesellschaft für innere Mission Über die Wirksamkeit der Gesellschaft durch Colonisation »
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Gesang.
Mel.: HErr JEsu Christ, dich zu uns wend etc.

Dein Wort bewegt des Herzens Grund,
Dein Wort macht Leib und Seel gesund,
Dein Wort ist, das mein Herz erfreut,
Dein Wort gibt Trost und Seligkeit.




Dritter Vortrag
über die
Wirksamkeit der Gesellschaft
durch
Verbreitung christlicher Schriften,
gehalten von
Pfarrer Wucherer
in Nördlingen.


 Die Abtheilung II. unserer Gesellschaft, über deren bisheriges Thun und Streben Euch zu berichten mir aufgetragen ist, liebe Brüder! hat zu ihrer Aufgabe die Verbreitung von Schriften. Daß diese Verbreitung nicht anders als im Sinne der lutherischen Kirche, und also hauptsächlich zu dem Zweck, kirchliches Bewußtsein und Leben im Volke zu wecken, zu nähren und zu stärken, von uns betrieben werde: das ergibt sich sowol aus unserer Stellung in dieser Gesellschaft, als aus unserer eigenen bekannten Ueberzeugung von selbst. Dabei erstreckt sich unsere Wirksamkeit der Natur der Sache nach über das Gebiet aller andern Abtheilungen, und wir glauben uns recht eigentlich als| die Helfer und Handlanger der übrigen ansehen zu müßen, besonders aber der Abtheilungen I. und IV. Denn mit der Aussendung von Predigern diesseits des Meeres, namentlich im deutschen und noch mehr im engern bayerischen Vaterlande wird sich selten etwas bewerkstelligen laßen, wenn man nicht (was ja doch nicht sein soll) in ein fremd Amt greifen will. Dagegen gute Schriften haben überall freien Zugang; es kann ihrer Verbreitung, wenn dabei nur im Wege gesetzlicher Ordnung verfahren wird, niemand etwas mit Fug und Recht entgegensetzen. Unser erstes Augenmerk gieng daher auf solche Schriften, die zur Begründung und Befestigung in reinem Wort und gesunder Lehre dienen könnten; also vor allem auf die h. Schrift selbst, dann auf die Symbole, vorzüglich auf die Hauptbekenntnisschriften unserer Kirche, die Augsburgische Confession, den großen Katechismus Luther’s, aber auch die ganze Concordia. Und da wir zu unserer großen Freude fanden, daß unsere Brüder in Straßburg mehrere Schriftchen zur Beleuchtung der wichtigsten praktischen Kirchenfragen, die unsere Zeit bewegen, herausgegeben hatten, die sich wie durch Klarheit, so besonders auch durch Ruhe und Milde in der Behandlung ihres Stoffes auszeichneten, so erbaten wir uns von ihnen eine Zusendung zur Probe. Es waren dieser Schriftchen zwei vollständige Hefte, jedes zu zwölf Nummern erschienen, und wir erhielten von jeder Nummer 100 Exemplare. In kurzer Zeit waren sie vergriffen. Da giengen wir auf den Wunsch mehrerer Freunde die Brüder in Straßburg um Errichtung eines Depots ihrer Schriften bei uns an; mit der größten Bereitwilligkeit giengen diese darauf ein und sandten uns 17,000 Exemplare, wovon sie die 700 sogleich unserer Abtheilung als brüderliches Geschenk boten, den Ertrag der übrigen 17,700 als einen Beitrag ihrer Missionsgesellschaft für die innere Mission in Nordamerika der Abtheilung I. unserer Gesellschaft zuwiesen, so daß also die ganze große Niederlage nichts anderes, als eine reiche Liebesgabe auf den Altar des HErrn ist. –
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|  Kirche und kirchlicher Sinn haben ihre Wurzel im Haus, in der Familie und müßen besonders da gepflanzt und gepflegt werden, wenn sie gedeihen, blühen und Frucht bringen sollen. Darum zogen wir fürs zweite besonders solche Schriften in Betracht, die in keinem christlichen Hause fehlen sollten, und die hauptsächlich zur Wiederbelebung und Förderung des Hausgottesdienstes dienlich sein möchten. Zu diesem Zwecke suchten wir (außer den bereits genannten Hauptschriften) den Tractat „vom christlichen Hausgottesdienste“ zur Belehrung über den letztern, so wie zur Empfehlung desselben, dann als besonders ein zu diesem Zwecke passendes Gebetbuch die „Samenkörner“, als Gesangbuch das kleine Raumer’sche Liederbüchlein, als Predigtbuch Veit Dietrichs Postille und Luthers Hauspostille zu verbreiten, ohne deswegen andere, wie z. B. Stark’s Gebetbuch, Brastberger’s Predigten u. dgl. auszuschließen.
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 Das Hauptübel, oder vielmehr der Ausbruch des Hauptübels unserer Zeit tritt in den socialen Zuständen besonders hervor, und die innere Mission unserer Tage richtet ja eben deswegen einen Hauptzweig ihrer Bestrebungen auf Abhilfe dieser schreienden Noth- und Uebelstände. Nach unserer festen Ueberzeugung haben dieselben (ebenso wie der Verfall oder die Blüthe der Kirche) ihren Grund im Familienleben. Daß aus diesem der gottesfürchtige, gemüthliche, auf Ordnung und Sitte haltende Sinn der Väter immer mehr gewichen ist, das ist die bittere Wurzel, aus der alle die schauerlichen und jammervollen Nothstände des socialen Lebens in der Gegenwart erwachsen sind. Und wenn noch geholfen werden soll, muß da vor allem angefangen werden; wenn da keine Beßerung eintritt, wird auch keine gründliche und nachhaltige Abhilfe erzweckt werden, man mache, versuche, experimentiere und tendiere auch, was man wolle. – Wir laßen uns nicht bedünken, l. Br.!, daß wir nun die Leute seien, die da helfen und es herausreißen könnten; wir wißen, daß da nur der allmächtige und erbarmende Gott durch den Geist seiner Gnade zu helfen vermag; aber wir thun, was wir können. Wir| suchen solche Schriften zu verbreiten, die den Sinn für gottseligen Ehestand, für gottgeordnetes Familienleben, für christliche, ernstliche Kinderzucht, für häusliches, ehrbares Wesen bei der Jugend zu wecken gemacht sind; wir suchen mit unsern stummen Predigern den Armen, den Wittwen, den Kranken, den Verlaßenen nahe zu kommen, sie zum Vertrauen auf den treuen Gott, zum Trost aus der Fülle seiner Gnade zurückzuführen; wir säen unsern Samen und erwarten und erbitten das Gedeihen von dem, der es auch allein, wie im Leiblichen, so im Geistlichen, zu geben vermag, aber auch zu geben verheißen hat. –
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 Die Mittel nun, die wir zur Verbreitung unserer Schriften anwandten, sind ganz einfach drei. Im Sammelkasten des Sonntagsblattes machten wir auf sie durch eine kurze Charakteristik der einzelnen und durch Hinweisung auf eine zweckmäßige Anwendung derselben aufmerksam und erboten uns zur Mittheilung an jeden, der sie zu bekommen wünschte. Sodann errichteten wir hier in Nürnberg, in Augsburg, in Gunzenhausen, in Untersiemau bei Coburg, in Nördlingen bei willigen Freunden größere Niederlagen, namentlich von Straßburger Tractaten, um sie von diesen Punkten aus durch Freunde der innern Mission im Sinn unserer Kirche in ihren Kreisen und Umgegenden weiter verbreiten zu laßen. Endlich fanden wir drei wackere Männer, die sich zu Colporteuren erboten, und von denen der eine in der Umgegend von Nördlingen und Gunzenhausen, der andere in der Nähe von Ansbach seine Versuche anstellte, der dritte aber durch häusliche Geschäfte bisher noch verhindert war, dies Werk zu treiben, in das er in nächster Zeit wird eintreten können. Es liegt eben nicht viel an Zahlen und an dem Glanz des Vielthuns; doch will ich einiges anführen. Obwol jene beiden erst einen kleinen Anfang gemacht haben und nur von Zeit zu Zeit auf einige Tage oder Wochen ausgehen konnten, haben sie doch bisher 1085 Straßburger Tractate, 215 Samenkörner, 125 Raumer’sche Liederbüchlein, 100 Exemplare von Stark’s Gebetbuch, 65 Augsburger Confessionen, 40 Tractate vom Hausgottesdienste,| über 30 Neue Testamente, 10 Bibeln u. s. w. verbreitet: das hat sich jedenfalls gezeigt, daß die Männer und die Sache wol dabei bestehen, und wäre nur zu wünschen, daß sich noch mehrere finden, die willig und tüchtig dazu wären, damit man dies Werk in mehrern und weitern Kreisen betreiben könnte. –
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 Was wir nun weiter zu thun Vorhabens sind, ist folgendes. Daß wir den Hausgottesdienst für einen der wichtigsten Punkte sowol für Beßerung der kirchlichen als der socialen Zustände halten, ist bereits erwähnt. Nun ist aber das ihn empfehlende Schriftchen vergriffen, und unsere Abtheilung hat daher mit Zustimmung des Verfaßers eine neue Ueberarbeitung desselben besorgt, wobei nur hin und her auf eine dem gemeinen Mann noch verständlichere Ausdrucksweise Bedacht genommen, der Gedankengang aber durchweg unverändert gelaßen wurde. Das Manuskript liegt zum Druck bereit.[1] – Das Buch, worin der gemeine Mann noch am liebsten blättert, liest und studiert, ist der Kalender. Wir haben es uns darum zur Aufgabe gemacht, für das kommende Jahr einen Kalender vorzubereiten, der in möglichst populärer und unterhaltender Form auch wieder unsern Hauptzweck, Weckung und Förderung kirchlichen Sinnes, verfolgen, besonders aber auf die Verbindung des Natürlichen und Geistlichen und die wechselweise Beziehung von Natur und Gnade, die in der Anlage und dem Wesen jedes Kalenders verborgen liegt, aufmerksam machen und den Leser ermuntern soll, bei seinen täglichen Erlebnissen und Werken Gottes Wort, Werk und Weisung nicht unbeachtet zu laßen. – Die Abtheilung IV. hat die Wahrnehmung gemacht, daß das Laster der Zauberei in mancherlei Namen und Gestalten unter Hoch und Nieder noch auf eine arge Weise im Schwang gehe und die Seelen vom Vertrauen auf den allmächtigen Gott und seiner Gnade abwende,| und hat darum den Antrag gestellt, daß der Aufsatz über Zauberei, der sich im Sonntagsblatte 1837 findet, als besonderer Tractat abgedruckt werde. Wir sind bereit, diesem Verlangen entgegenzukommen. – Die Klasse von Leuten, unter denen der Krebs des socialen Unwesens am meisten um sich zu freßen droht, sind die jungen Handwerker. Die Unerfahrenen und Neulinge unter ihnen zu bewahren vor Verführung, ist gewis eine Hauptaufgabe der innern Mission. Ein Wanderbüchlein für Handwerksburschen, wo ihnen Rath für leibliche und geistliche Bedürfnisse ertheilt, und dem besonders auch ein kirchlicher Wegweiser, d. i. ein Verzeichnis derjenigen Gemeinden und Prediger in deutschen Landen, bei denen der Wanderer gesunde Nahrung für seine Seele und treuliche Pflege und Erquickung derselben finden könnte, beigegeben würde, ist in Vorschlag, und soll, so Gott will, auch bald in Ausführung gebracht werden. – Endlich ist von mehreren Freunden auf Besorgung einer populären Kirchengeschichte angetragen. Da wäre nun freilich leicht zu helfen, wenn es sich bloß um populäre Umgießung irgend eines Compendiums der Kirchengeschichte handelte. Allein wir glauben, daß damit der Sache kein Genüge geleistet wäre. Es handelt sich ja auch bei einem solchen Buche hauptsächlich um Belebung und Aufklärung des Sinnes für unsere lutherische Kirche; also hier vornehmlich um Nachweis ihres Zusammenhangs mit der ältesten Kirche, um Beleuchtung der ersten Zeiten, namentlich auch in Bezug auf Leben und Verfaßung. Denn dieser Cardinalpunkt, um den sich ja in unserer Zeit die ganze kirchliche Bewegung dreht, kann doch nur von dorther das rechte Licht erhalten, und die Entscheidung wird am Ende doch nur davon abhängen, wie dieser Punkt vom Volke aufgefaßt wird. Daß diese Auffaßung rechter Art werde, das, dünkt uns, mit zu erstreben, sei eine Hauptaufgabe einer populären Kirchengeschichte für unsere Zeit und unser Volk. Aber gerade darüber geben uns die bisherigen Geschichtswerke weder Genügendes noch ganz Zuverläßiges; man muß da nothwendig zu den Quellen zurückgehen.
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|  Es wäre wol noch mancher Antrag zu stellen, wird auch noch mancher gestellt werden, und soll auch; aber für diesmal seis genug. Das Gesagte wird hinreichen, klar zu machen, in welcher Weise wir unser Ziel zu erreichen suchen. Nur auf eines noch möchte ich Euch aufmerksam machen, l. Br.! auf eines, das alle angeht. Daß Ihr Euch nemlich alle als Mithelfer unserer Abtheilung ansehen und mit allem Fleiß zur Verbreitung unserer Schriften beitragen möchtet. Mit den Colporteuren allein ist nicht genug gethan. Wir sind zwar durchaus nicht der Meinung, daß Land und Leute mit Schriften und Schriftchen überschwemmt, daß Tractate blindlings ausgestreut werden sollen; aber wenn kirchlicher Sinn geweckt, wenn die bisherige Unklarheit, Stumpfheit und Gleichgiltigkeit gebannt werden soll, muß den Leuten mit dem Worte der Wahrheit nahegekommen werden. Und dazu sollen unsere Schriften Mittel sein; sie sollen Veranlaßung zu manchem heilsamen Gespräche geben, oder die Nachwirkung eines solchen sichern. Wir und unsere Schriften haben (wenn man so sagen darf) keinen Selbstzweck, wir sind nur da, dem Wort an die Hand zu gehen, dem lebendigen Worte zu dienen. Darum bieten wir aber auch jedem Gliede unserer Gesellschaft unsere Dienste an, und glauben, jedes Glied unserer Gesellschaft sei verpflichtet, unsere Dienste und Handreichung fleißig und treulich zu benützen. Denn es sind ernste und tiefe Schäden, die wir zu heilen haben, und nur durch ernstes, anhaltendes und auf den Grund gehendes Zusammenwirken werden wir sie einigermaßen heben können. Darum, je mehr Ihr uns zu thun gebt, je mehr Ihr uns Freude macht. Der HErr aber fördere das Werk unserer Hände bei uns! Ja, das Werk unserer Hände wolle Er fördern um Seines Namens Ehre willen! Amen.





  1. Nunmehr liegt es schon fertig vor, zu haben in Nürnberg, Raw’sche Buchhandlung. Preis 6 kr.


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