Land und Leute/Nr. 42. Im Schwarzwald

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Autor: Georg von Seydlitz
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Titel: Im Schwarzwald
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aus: Die Gartenlaube, Heft 32, 33, S. 538–542, 555–559
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Land und Leute.
Nr. 42. Im Schwarzwald.
Skizze von Dr. G. v. Seydlitz.
I.

Die „Gartenlaube“ hat bereits in früheren Jahren öfters Skizzen und Zeichnungen aus dem in so vielfachen Beziehungen anziehenden Schwarzwalde gebracht, sowohl von bemerkenswerthen landschaftlichen Punkten, wie auch von den Bewohnern und deren Treiben. Diesmal nun sei es uns gestattet, eine zusammenhängendere Uebersicht und Charakteristik des Ganzen zu bringen und daran die Schilderung einiger weniger beachteter, aber in erster Reihe interessanter Punkte zu knüpfen. Wir verfolgen dabei die Absicht, für die alljährliche Reisezeit möglichst Viele, welche vom Schwarzwald bisher wenig mehr als etwa Baden- Baden und Wildbad kannten, darauf aufmerksam zu machen, daß dem wahren Freunde der Natur hier eine Fülle von so hohen landschaftlichen Schönheiten geboten wird, wie in kaum einem unserer Mittelgebirge, und daß es hier noch „gemütlich“ reisen ist, ohne daß man zum Geldsack wird, den alle Welt auszupressen sucht.

Er ist ein herrlich Stück Land – unser durch Natur und Sage gleich schöner Schwarzwald. Bis zu nahe an 1500 Meter steigen gewaltige, schön geschwungene Kuppen empor und bauen sich hinter einander auf, die einen immer die anderen überragend, und hinabschauend theils in enge Thalschluchten, theils in breite Gelände, theils in bequem sich weitende Thäler. Kuppen und Hochthalsohlen sind hier von saftigen Alpenwiesen überdeckt, dort vom köstlichsten Walde. Häufig zeigen sich Felspartien von starrer Wildheit, ja stundenlang sich fortziehende enge Felsenschluchten. Durch diese Schluchten, diese Thäler eilen hellblinkende, immer rauschende Bäche und Flüßchen, welche manchen schönen Wasserfall bilden, unter denen der berühmteste und größte der Tryberger Fall ist, ein Gegenstück zum Schweizer Gießbach. Einige klarspiegelnde Seen bieten dem Auge angenehm fesselnde Ruhepunkte der Betrachtung. Ueppige Feldfluren ziehen aus den Thälern über die niedrigeren Höhen, Obst- und Weingelände umgeben zahllose Dörfer und kleine Städte in den wärmeren westlichen und südlichen Theilen. Aber Städtchen und Dörfer sind auch hoch hinauf über das ganze Gebirgsland zerstreut. Sie strecken sich bald lang hin in den Thälern, bald weit und breit in mehr vereinzelten Höfen über die breiten welligen Höhen fort. Und alle diese Wohnstätten der Menschen machen den wohltuendsten Eindruck durch ihre Gediegenheit, Sauberkeit und viele durch die in’s Auge springende Wohlhäbigkeit. Dazu überall verstreut altersgraue Mauern, geschicht- oder sagenreiche Burg- und Schloßtrümmer, während in den Ortschaften selbst vielfach architektonisch bedeutende Bauten hervortreten, sowohl alte wie neue, sowohl Kirchen, Rathhäuser, Schulen, wie auch Fabriken, Schlösser und Privathäuser.

Großartige Alpenpanoramen der Schweiz sowie der baierischen und österreichischen Alpen, welche in oft zauberischer Schönheit von allen Höhenpunkten des Gebirgs in den südlicheren Theilen bei geeigneter Luft erblickt werden, erhöhen den Reiz.

Diese verschiedenartigen, fesselnden Bilder bewegen die Seele des Wandernden mannigfach. Bald sind sie lieblich, bald ernst, bald wild, düster und schaurig, bald wieder rein, erhaben und großartig – immer aber weht um sie ein Zauber eigener Art, nur einem deutschen Herzen ganz verständlich. Wer zu träumen liebt, wo fände er geeignetere Stätten als in diesem wunderbaren, dämmervollen Zauberwald! Schon der Name des Gebirges deutet darauf hin, daß sich ein ausgedehnter Bestand an Nadelholz hier finden muß, und derselbe ist in seiner Größe und Vollkommenheit in der That eine Pracht an sich selbst. Aber dieser manchmal an Urzeiten mahnende (obwohl sehr sorgfältig bewirthschaftete) Wald weist vielleicht ebenso viel des köstlichsten Laubholzes auf. Der Schwarzwald hat eine üppige Kräuterflora, und an vielen Berghängen überzieht lauschiges Strauchholz den Boden. Farren, Moose und Flechten überwuchern große und kleine Felsbrocken. Hier ist gut ruhen und sich träumerisch lagern.

Aufwärtssteigend findet man bis zu 800 Meter den herrlichsten Laubwald, Buchen, Ahorn, Eichen vor Allem; darüber tritt der eigentliche „Schwarzwald“ dominirend auf, und auf den Hochebenen der Kuppen auch das Knieholz der Legföhre, und ganz oben grüßen uns die Alpenwiesen. Uebrigens steigt an vielen Stellen bei dem fruchtbaren Boden der ertragreiche Feldbau bis 1000 Meter hoch. Die Hänge des Gebirgs im Westen und Süden deckt köstlicher Weinbau, abwechselnd mit Obstzucht.

Ueber 120 Quadratmeilen etwa erstreckt sich das Schwarzwaldgebirge, ein gar nicht unbeträchtlicher Raum, zu langen Wanderungen Gelegenheit bietend. Davon gehören 28 Quadratmeilen zu Württemberg. Sie sind im Ganzen die weniger hervorstechenden Theile, obwohl Nagoldthal, Teinach und Wildbad, also drei Glanzpunkte, in ihnen liegen. Die 92 Quadratmeilen Badens umfassen im Uebrigen alle schönsten Punkte des Schwarzwaldes.

Beim ersten Blick erscheint das Gebirge als ein gänzlich systemloses Conglomerat von Formationen, und obwohl sich die ganze Masse, im Norden etwa 6, im Süden 10 Meilen breit, in südwestlicher Richtung von Pforzheim bis Basel gemessen an 27 Meilen hinzieht, so sind dennoch keine systematischen Kettenzüge vorhanden, sondern es läßt sich nur eine Wasserscheide verfolgen, während der Charakter des Gebirges der eines gewaltigen Hügellandes ist, das nach allen Richtungen durch Thäler zerrissen wird. Gerade diese scheinbar systemlose Zerfurchung des Gebirges bringt aber die reiche und wechselvolle Fülle von Landschaftsbildern hervor, die andere in parallelen Ketten streifende Gebirge, wie z. B. der Jura, nicht bieten. Aus dem den Schwarzwald bildenden Gestein: Granit, Gneis, Porphyr, an den sich nach Osten Buntsandstein (vereinzelt auch mitten im Gebirge zu finden) anlegt, erklärt sich die Formation seiner Höhen. Dieselben sind keine hochkegelförmig, dornig, zahnig aufragenden Spitzen, sondern runde, breite Kuppen, Belch oder Bolchen, Belchen genannt, welche oben mit dichtem Erdreich bedeckt sind; letzteres ist häufig von mooriger Beschaffenheit und setzt sich gleichartig in die Hochthäler als Torfmoor fort. Einst waren hier breite Seeflächen, von denen freilich in historischer Zeit nur noch kleine, dürftige Seen zurückgeblieben sind, an sich allerdings sehr reizende Stellen, wie Titisee, Mummelsee, Schluchsee, Feldsee etc.. Die genannten weiten feuchten Bodenstrecken sind übrigens ein Segen für das Land, denn ihnen entströmen, wenn auch im Sommer schwächer, die ausdauernden Bäche und Flüsse, welche die Industrie des Schwarzwälders sichern und bei richtiger Behandlung noch lange vor reichlicherer Verwendung der ungesunden Dampfmaschine bewahren können.

Doch entbehrt der Schwarzwald darum keineswegs etwa der compact und pittoresk hervortretenden Felsklippen. Nur ragen sie nicht auf den Kuppen, über die Bodenkrume gen Himmel hervor. Dagegen sind Klippen, Felswände, Felsnadeln ist großer Menge an den Abhängen der Höhen überall zu finden, und in einer Anzahl großartiger, scharf eingerissener Thäler treten sie so massenhaft und gewaltig auf, daß sie in stundenweiten Zügen den Charakter der Gegend bestimmen, ja die übrigen deutschen Mittelgebirge hierin weit hinter sich lassen.

So ist es vor Allem in den größten und wichtigsten Thälern der Fall, welche von der südnördlich ziehenden Wasserscheide nach allen Richtungen sich hinaus in’s Flachland öffnen. Die wichtigsten derselben sind das Murgthal bei Baden-Baden, das große Kinzigthal, das breit gegen Offenburg ausläuft und das die Schwarzwaldbahn zum Theil durchzieht, das Dreisamthal, [539] das sich gegen Freiburg öffnet. Alle drei verfolgen die Richtung gegen Nordwesten. Von Nord nach Süd gerissen sind vorzüglich das Wiesenthal, das Wehrathal, das Albthal, im höchsten Theile des Gebirges, dem südlichen – durchweg Glanzpunkte des Schwarzwaldes. Während alle diese Gewässer unmittelbar dem Vater Rhein zuströmen, bricht das schmale, lange Nagoldthal von Süd nach Nord zum Neckar durch, nachdem es sich mit der Enz vereinigt hat. Wiederum gegen Südosten zu senken sich die behäbigen Thäler der Breg und Brigach hinab, die durch ihren Zusammenfluß bei Donaueschingen die Donau bilden.

Von Westen oder von Osten gesehen, ist der Anblick des Schwarzwaldes ein ganz verschiedener. Von Westen, der Rheinebene, her erblickt man ein hochaufragendes, langhin kuppenförmig geschwungenes Gebirge; in Vorstufen, durch welche schöne Thäler sich gegen die Ebene öffnen, fällt es steil ab. Dagegen dacht sich der Schwarzwald gegen Osten so allmählich in das württembergische Hügelland ab, daß ein von daher Kommender ganz unbemerkt in den Schwarzwald versetzt werden kann und vorher von seiner Annäherung an ein so gewaltiges Gebirgsland keine Ahnung hatte. Es sind hier lauter breite, kaum gewölbte Hochplateaus, zwischen welchen tief eingerissene Thäler liegen. Letztere sind in diesen Theilen des Gebirges denn auch die Schönheiten desselben, während von Fernsichten hier wenig die Rede ist.

Von einer Linie, etwas nördlich von Rastatt gegen Pforzheim zu gezogen, leitet nach Norden ein Hügelland gegen den Odenwald hinüber, das Kraichgauer, das nicht mehr zum Schwarzwalde zählt. Ebenso wenig zählt dazu das vulcanische, etwa anderthalb Meilen breite und lange, sehr pittoreske Gebirge, das nordwestlich von Freiburg aus der Ebene, am Rhein selbst, aufsteigt und das der Kaiserstuhl heißt. Südöstlich heißen die letzten gegen Schaffhausen zu auslaufenden Bergzüge das Randengebirge; auch sie gehören nicht mehr zum Schwarzwalde; sie haben Juraformation. Nordöstlich davon schließt sich das ebenfalls vulcanische und wieder sehr pittoreske Hochland mit Kuppen von Basalt und Klingstein an, der Höhgau.

Die Haupterhebungen des Gebirges liegen im nordwestlichen Theile des südlichen Schwarzwaldes, und zwar nicht in der Wasserscheide, sondern westlich derselben. Sie sind von Freiburg bald zu erreichen. Die höchste Kuppe mit dem umfassendsten Rundbild ist der Feldberg mit 1495 Meter; um ihn legt sich eine ganze Gruppe von Kuppen, die ihm an Höhe ziemlich nahe kommen und unter denen der Belchen 1415 Meter, der wohl am steilsten aufgekuppte von Allen, der Schauinsland 1286 Meter, und der Blauen 1166 Meter hoch ist. Im mittleren Theile des Gebirges ist der Kandel bei Waldkirch mit 1243 Meter, und im nördlichen Theile die Hornisgrinde mit 1196 Meter Höhe (hier der geheimnißvolle Mummelsee) die bemerkenswerteste Erhebung, beide sind zugleich sehr beliebte Aussichtspunkte. So viel über die Natur unseres Gebirges!

Werfen wir nun einen Blick auf das Volk des Schwarzwaldes!

Seit anderthalb Jahrtausenden ist das Volk durchweg deutsch, und zwar auf alemannischem Grundstock. Nicht nur unterworfen, sondern offenbar gründlich vertrieben wurden die ursprünglich das Land bewohnenden Kelten, als in den letzten Jahrhunderten der Römerherrschaft hüben wie drüben am Rhein die siegreichen Alemannen vorstürmten. Im Norden wurde dann dem Vordringen der Alemannen von den Franken ein Ziel gesetzt, als diese Gallien erobert hatten. Die Franken drangen von Nordwest her, friedlich einwandernd, weiter in’s Gebirge vor, während im Süden und Südwesten die Burgunder den Alemannen eine Mauer entgegensetzten, hin und wieder auch auf das rechte Rheinufer übergriffen. So z. B. soll das Hauensteiner Völkchen von burgundischer Abstammung sein, während neben ihnen das Wiesenthal gerade als der Typus rein alemannischen Wesens betrachtet wird. Von Osten her kam über die Alemannen die Einwanderung der Schwaben. Sie sind zwar im Grundstock auch Alemannen, aber schon vermischt mit den nördlicher entsprungenen Sueven. Diese Einwanderung ließ die Rheinebene unberührt, gab aber gerade dem Gebirgsvolke noch ein besonderes Gepräge, sowie den heute allgemeingültigen Namen der Schwaben.

Daß aus diesen Mischungen sich eine Anzahl Dialekte ergaben, welche, wie in anderen Gebirgsländern sich manchmal nur auf ein oder ein paar Thäler beschränken, wird nicht verwundern dürfen. Der Fremde bemerkt natürlich diese Abweichungen wenig. Er hört überall die alemannische, schwäbische Mundart, nur daß sie ihm im Norden heller, im Süden dunkler, im Flachlande weicher, im Gebirge härter klingt. Er wird die drei Hauptelemente, Burgunder, Schwaben und Franken, vielleicht besser an ihren Häusern herauserkennen, wenn er sein Auge beim Durchwandern der Schwarzwalddörfer prüfend auf der Bauart derselben ruhen läßt.

Zunächst fallen freilich nur die großen sogenannten „Schwarzwaldhäuser“ auf, welche den durchgehend gemeinsamen Zug aufweisen: hohe Dächer von Stroh oder Schindeln, unter denen meist sehr umfangreiche Bauten geschützt liegen, je nach dem von der Gegend bequem gebotenen Material aus Stein, Holz, oder (und dies meistens) gemischt. Die Stellung des Hauses und die Anordnung der Räume macht aber den Unterschied, und derselbe läßt sich kurz folgendermaßen bezeichnen: Der fränkische, sowie der burgundische Bauer wohnt stets neben dem Stall, der schwäbische auf demselben. Ferner baut der Franke Haus, Stall und Scheuer derartig in die eine Hälfte des Vierecks, daß der Hof neben diesen Bauten liegt, während der Burgunder Haus, Stall und Scheuer in ein und derselben Flucht unter demselben Dache aufführt, und zwar an der Straße, sodaß der Hof hinter das Ganze zu liegen kommt. Dabei liebt der Franke gegen seine vorzugsweise breit angelegte Gasse das Haus mit dem Giebel zu stellen; Burgunder und Schwabe stellen gern die lange Front an die Gasse, und haben den Eingang also auch meist von der Straße, welcher dagegen bei Jenem meist vom Hofe aus stattfindet. Für den Schwaben ist es bezeichnend, daß, während er seine Wohnung eine Stiege hoch über den Stall legt, er neben sich in gleicher Höhe die Scheuer aufführt.

Die richtigen „Wälderhäuser“ zeigen über dem niedrigen Steinfundament den reinen Holzbau, fest und gediegen, selbst natürlich schön gefugt; er ist sauber, geräumig und je nach den Vermögensverhältnissen außen und innen mehr oder minder zierlich; Decken und Wände sind mit Holzgetäfel verziert oder zu Schränken eingerichtet. Hier liegen Stube, Kammern, Küche, Stallung, Scheuer, Schuppen, alles im Viereck unter einem Dache, das, manchmal Außengallerien beschirmend, hochaufragt und tief hinabreicht und in seinem Giebelraum auch meist noch Kammern, kleine Stuben etc. birgt. Das Dach pflegt von Schindeln oder Stroh zu sein. Letzteres, weil es Alles warm hält, hat die Regierung gesundheitswegen den Schwarzwäldern gestatten müssen. Die Wetterseiten der Häuser sind oft mit Holzschindeln oder auch mit Schiefer bekleidet, was sowohl Feuchtigkeit wie Kälte abhält. Vermöge dieser Anordnung hat der Bauer das ganze Anwesen unter seiner unmittelbaren Aufsicht und kann trockenen Fußes in alle Theile desselben gelangen.

Selbstverständlich hat nun Einer vom Andern gelernt, sich das oder jenes nach Bedürfniß, Laune, Bequemlichkeit angeeignet. Der Einfluß studirter Architekten ist ebenfalls hinzugekommen und hat Manches aus dem Alten in verfeinerte Form umgesetzt.

Der Charakter der Schwarzwald-Bevölkerung hat sich im Laufe ihrer Geschichte als ein höchst achtungswerther erwiesen. Es ist wohlthuend, sich mit dem einfachen Mann zu unterhalten. Ein gesunder, kräftiger Menschenschlag, voll ruhigen Selbstbewußtseins, dessen heller Kopf aber beständig lerneifrig und bereit ist, das Gute sich anzueignen, stets offen und freundlich im Gespräch, zu sachlich eingehender Unterhaltung sehr geneigt, voll patriotischen, echt deutschen Sinnes, bei aller Treuherzigkeit gern schalkhaft – so stellt sich der Schwarzwäldler dem Besucher seiner Berge dar.

Die Einsicht, daß Alles, was für die Gemeinsamkeit geschieht, dem Einzelnen zum Nutzen gereicht, ist im Schwarzwald fast allerwärts die herrschende. Schulwesen, Kirchenbau, Wegebauten genießen die besonders in’s Auge springenden Früchte davon. Namentlich die Wegebauten bereiten dem Reisenden viele Freude. Denn prächtige Fahrwege, oft überraschend schöne Kunststraßen, gehen nicht nur von Ort zu Ort, sondern in die unbewohnten Wälder hinein, über die Kuppen des Gebirges fort, und erleichtern das Bergsteigen; ja, man kann fast zu allen höchsten Punkten, die besuchenswerth sind, selbst zum Feldberg hinauf, fahren.

Allerdings sind die Wegebauten auch von ganz besonderer materieller Bedeutung eben wegen des Holzreichthums im Lande, das aus diesem enorme Einkünfte zieht. Man darf den Werth

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Die Gartenlaube (1879) b 540.jpg

Bilder aus dem Schwarzwald.
Nach der Natur aufgenommen von Robert Aßmus.

[542] der badischen Waldungen bei den heutigen Holzwerthen reichlich auf 450 Millionen Mark schätzen und die Einnahme jährlich auf 23 Millionen. Zur Ausbeutung und der überall sehr geordneten Bewirthschaftung dieses immer werthvoller werdenden Capitals sind jene Wegebauten unentbehrlich. Dies führt uns dazu, einen Blick auf die Arbeit des Schwarzwälder Volkes zu werfen.

Da treten uns zuerst alle die Gewerbe entgegen, welche sich an die Holzproduction anschließen, als Sägemühlen, Bretschneiderei, Parqueterie, Küblerei, Bürstenfabrikation und Holzschnitzerei. Letztere dient besonders der Uhrenindustrie. Diese, der in neuerer Zeit die amerikanische auf den auswärtigen Märkten Concurrenz zu machen beginnt, ist immerhin noch von höchster Bedeutung; sie ist eine dem Lande ganz ursprüngliche, nicht importirte. Reichlich 2000 Meister und etwa 7000 Gehülfen mag sie beschäftigen; dieselbe ist zum Theil eine Familienbeschäftigung, die im Winter getrieben wird, und zwar so, daß ein Arbeiter meistens nur einen bestimmten Theil fertigt. Zur höchsten Kunst ist die Spieluhren- und Orchestrionfabrikation erwachsen, von deren Leistungen in Tryberg eine permanente Ausstellung zu finden ist. Vielleicht ebenso bedeutend ist die Flechterei aus dem Stroh einheimischer Kornarten; ihre Verfeinerung ist so weit gediehen, daß gewisse Erzeugnisse mit den feinsten Florentiner Arbeiten concurriren dürfen. Beide Industriezweige vertreiben ihre Fabrikate durch sogenannte „Factoren“ in aller Welt. Spinnereien, Wollen-, Baumwollen-, Seidenwaarenfabriken treten überall hervor. Hüttenbetrieb und fast jede Art Fabrikbetrieb findet sich.

Viehzucht und Milchfabrikatebereitung nehmen selbstverständlich in diesem almenreichen Gebirge eine erste Stelle ein, und die Bienenzucht blüht erfreulich. Von der hoch entwickelten Weincultur, von den vortrefflichen Markgräfler-Weinen und denen aus der Ortenau brauchen wir nicht erst zu reden. Ebenso ist die Obstcultur in lebhaftem Fortschritt begriffen. Bisher legte man sich allerdings besonders auf die Kirschenzucht, welche einen großen Betrieb von Kirschbranntweinbrennereien nährte. – Wir wollen nicht unterlassen, hier noch auf zwei sehr anschauliche und belehrende Artikel mit Illustrationen hinzuweisen, welche die „Gartenlaube“ 1868 in Nr. 49 über das „Branden“ der abschüssigen Felder und das Holzflößen brachte.

Die malerische Trachten, welche die Bewohner des Schwarzwaldes früher auszeichneten, verschwinden leider von Jahr zu Jahr immer mehr. Dagegen greift das sogenannte „städtische“ Kleid, als das unvergleichlich billigere, immer mehr um sich. Der Reisende sieht die alten Trachten nicht gerade viel, etwa an Markttagen in den Städten und Sonntags. In einige Thälern hat sich die Landestracht allerdings noch mehr erhalten, ist aber – man muß es gestehen – keineswegs immer schön. So tragen in der Gegend um Waldkirch bis gegen Tryberg die Weiber an Schulter und Aermeln ausgepolsterte Puffen und einen hohen, rothgelb lackirten Cylinder. Andere Trachten mit dem bunten Mieder, den bauschigen, weißen Oberhemdsärmeln nähern sich allerdings den hübschesten Schweizertrachten, und manchem weiblichen Gesichte steht die in einigen Gegenden übliche Goldstoffmütze allerliebst. Eine nun fast ganz verschwundene, aber wirklich malerische Tracht ist übriges die der Hauensteiner. Ueber dieses Völkchen, seine Absonderlichkeiten und seine Tracht ist in der „Gartenlaube“ 1868, Nr. 23, Ausführlicheres berichtet worden. Soviel für heute; über unsere Illustration in der nächsten Nummer!

[555] Nach den allgemeinen Bemerkungen über Land und Leute im vorigen Artikel sei es uns gestattet, den Leser zu einigen Punkten des Schwarzwaldes zu führen, welche in ganz besonderem Maße dessen eigenthümliche Schönheiten zeigen. Wir folgen in der Auswahl dem trefflichen Künstler, aus dessen reicher Skizzenmappe das in voriger Nummer gebrachte Gruppenbild stammt, und beginnen mit einem Glanzpunkte des nördlichen württembergischen Schwarzwaldes, der großartigen und malerischen Ruine Zavelstein über dem kleinsten Städtchen Württembergs gleichen Namens.

Wer von Stuttgart oder Pforzheim aus mit der Bahn das an Naturschönheiten so reiche Nagoldthal aufsucht, welches unter Anderem die von Uhland besungenen, sehr malerischen Ruinen des Klosters Hirsau birgt, der erreicht bald hinter Calw die Station Teinach am Einfluß der Teinach in die Nagold, und von da in 25 Minuten mit dem Omnibus Bad Teinach, das „königliche Bad“ genannt, obwohl es längst dem bekannten Stuttgarter Verleger C. Hoffmann gehört. Das Bad liegt am Zusammenstoß zweier anmuthiger Bachthäler, und zwar geradezu überraschend schön und so anheimelnd, daß es stets zum Bleiben verlockt, um so mehr, als die Unterkunft in den ausgedehnten Räumen des Badehôtels eine recht behagliche ist. Die Gegend bietet eine Menge reizender Spaziergänge, deren dankbarster eben nach der 237 Meter höher liegenden Ruine Zavelstein führt. Burgfeste Zavelstein, 1692 durch Melac in Trümmer gelegt, war 1367 die Zuflucht des Grafen Eberhard des Greiners, als die Schlegelbrüder den von Uhland besungenen Ueberfall auf ihn im „Wildbad“ machten. Da das in alten Urkunden Taginach genannte Bad damals den Namen „Wildbad“ führte, so verlegen Manche den Ueberfall überhaupt hierher, statt nach dem viele Stunden über Berg und Thal entfernten eigentlichen Wildbad. Teinach war außerdem damals und später ein sehr hoch angesehenes Bad, und erst der Dreißigjährige Krieg stürzte es von seiner Höhe. Später hob es sich durch seinen natürlichen Werth und hat besonders in diesem Jahrhundert einen Aufschwung genommen, wie er im Hinblick [556] auf seine trefflichen Eisenquellen, warmen Bäder, Kaltwasser-, Fluß-, Fichtennadelbäder nur begreiflich erscheint. Die gesunde Waldluft des 300 Meter hoch liegenden Ortes wirkt nicht wenig zu den vorzügliche Erfolgen der Cur.

Das Edelfrauengrab ist ein Wasserfall, den der Gottschlägbach in einer schaurig wilden Schlucht bildet. Man besucht dieselbe von der badischen Eisenbahnstation Achern aus, von welcher meist der Ausflug nach dem erst kürzlich in der „Gartenlaube“ (Jahrg. 1879, Nr. 8) dem Leser vorgeführten Allerheiligen angetreten wird. Viele Wanderer vereinigen beide Ausflüge. Man pflegt bis Ottenhöfen zu fahren, beginnt dann eine lange, aber genußreiche Fußwanderung und erreicht nach dreiviertel Stunden den Schluß des unteren Bachthales. Dort braust der Bach gewaltig tobend durch die enge und hohe Schlucht, Wasserfälle ganz in der Art der berühmten bei Allerheiligen bildend. Schmale Stege führen an dem Fall hinauf zu einer Höhle, welche einst das Wasser ausgewaschen hat. An diese Höhle und deren Benennung knüpft sich eine Sage, die wir dem Meyer’schen „Wegweiser durch Schwarzwald, Odenwald, Bergstraße und Heidelberg“ – einem, nebenbei gesagt, sehr empfehlenswerten Reisebuche[WS 1] – nacherzählen: „Eine Frau von Bosenstein, ob ihrer Hartherzigkeit von einer dem Hungertod nahen Armen verflucht, gebar in Abwesenheit ihres Gatten sieben Knaben auf einmal. Entsetzt über solchen Segen des Himmels, gab sie einer vertrauten Magd den Auftrag, sechs der Kinder im Teich zu ertränken. Diese, im Begriff den Mord zu vollziehen, wird durch den von der Jagd zurückkehrenden Vater überrascht und befragt, was sie zu thun im Begriff sei.

‚Junge Hunde ersäufen,’ entgegnet verwirrt die Dirne.

Der Ritter aber entdeckt das beabsichtigte Verbrechen, droht der Magd mit dem qualvollsten Tod, wenn sie ihrer Herrin eine Silbe verrathe, nimmt die Kinder und läßt sie heimlich erziehen. Als sie erwachsen sind, nimmt er sie mit auf die Burg und bei fröhlichem Banket fragt er, welche Strafe eine Mutter verdiene, die ihre Kinder ermorden lasse.

‚Lebendig eingemauert muß solch ein Weib werden,’ ruft vorschnell die unnatürliche Mutter.

,So ist’s Dein eigenes Todesurtheil!’ entgegnet der Graf, indem er ihr die sechs ermordet geglaubten Jünglinge vorstellt.

In dieser Höhle nun soll das Urtheil vollzogen worden sein; die Nachkommen Jener sollen aber noch unter dem Namen ‚Hund’ im Kappeler Thal leben.“

Die Sage ist vermuthlich späte Erfindung durch Mißverständniß, denn eigentlich heißt der Ort „der Edelfrauengraben“, auch dürfte hier eine Version der Melusinensage vorliegen. Wenn man die schmalen Stiegen hinaufklimmt, gelangt man zu einem Pavillon, wo sich eine großartige Gebirgsaussicht auf wildverwitterte Felsenkämme zeigt. Ein sehr guter Fußweg führt von da in einer Stunde nach Allerheiligen.

Der Triberger (oder auch: Tryberger) Wasserfall, zu dem wir uns jetzt wenden, ist der „Löwe des Gebirges“, und seit der Eröffnung der sogenannten „Schwarzwaldbahn“ von Offenburg nach Villingen hat der Besuch dieser Sehenswürdigkeit so ungemein zugenommen, daß zeitweise die ganze Gegend, besonders der Ort Triberg von Reisenden überfüllt ist. Die Triberg-Fahrer kommen gewöhnlich von Offenburg mit der genannten Bahn, welche der Semmeringbahn an Kühnheit und Großartigkeit wenig und an Höhe nur um 140 Meter nachsteht, durch das unterste Stück des herrlichen Kinzigthals bis Hausach herauf, ein Stück, das trotz hoher Bergeinrahmungen äußerst lieblich ist. Bei Hausach wendet sich die Bahn südlich in’s Gutachthal. Die Landschaft, zuerst noch anmuthig, nimmt in diesem Thal allmählich einen immer ernsteren, bedeutenderen Charakter an. Bis Hornberg nennen die Leute es noch das „Himmelreich“; hat man dieses sehr malerisch gelegene und eine treffliche Sommerfrische gewährende Städtchen und das Thalthor passirt, welches einst durch ein noch in seinen Trümmern drohend vom Felskegel herabschauendes Schloß vertheidigt wurde, so beginnt die sogenannte „Hölle“, der enge und schroffe Theil, zahlreiche Schluchten und Felsenwände aufweisend, bis nahe bei Triberg der Thalwinkel wieder einen sanfteren Charakter gewinnt. Triberg hat angeblich seinen Namen von drei Bergen, die hier mit drei Thälern zusammentreffen. Der Ort sieht ganz modern aus, seit er nach dem vernichtende Brande von 1826 wieder aufgebaut ist, und erscheint wie ein Muster bürgerlicher Behaglichkeit und einfacher Wohlhäbigkeit.

Der Wasserfall wird mit Recht als ein, wenn auch kleineres, Pendant zum Schweizer Gießbach bezeichnet, weil er, wie jener, besonders durch seine malerische Schönheit, die Gruppirung von Wald auf Felsenterrassen, über welche er fällt, sich auszeichnet; er ist wohl, wenn man von den Alpengegenden absieht, der schönste Wasserfall Deutschlands. Wie der Gießbach, wird er seit Jahren oft bengalisch beleuchtet, und es läßt sich nicht bestreiten, daß der Eindruck in stiller, lauer Sommernacht ein märchenhafter, zauberischer ist, wenn ringsum Alles in Thaldunkel und Waldesschatten liegt, nur oben die Sterne funkeln, und dann allmählich Stämme und Kronen der Bäume, das Gestein, und das schäumende Gewässer in wundersamer, geheimnißvoller Weise aufglühen. Ein bequemer Fußweg führt an den Fällen hinauf und bietet reizvolle Blicke auf das Thal von Triberg. Erwähnt ist das Gutachthal, Hornberg und Triberg auch in Nr. 11 der „Gartenlaube“ von 1869[WS 2], und Nr. 22 giebt eine Wanderung von da über St. Georgenwald hinaus nach Rottweil. Wir halten uns deshalb nicht weiter dabei auf, sondern versetzen uns in den südlichen Schwarzwald, um den Feldberg zu ersteigen.

Man besucht den Feldberg meist von Freiburg aus, der Perle des Breisgaues mit dem wundervollen Münster, welche ein früherer Jahrgang der „Gartenlaube“ (1875, Nr. 42) bereits geschildert hat. Von da aus nehmen wir den Weg wieder durch ein Höllenthal, auf der großen Straße nach Donaueschingen, welche hier gelegt wurde, um Marie Antoinette nach Frankreich zu führen; im October 1796 machte auf dieser Straße Moreau seinen berühmten Rückzug; späterhin wesentlich nachgebessert, war sie für den Verkehr aus Süddeutschland nach dem Breisgau und Elsaß hochwichtig. Geredet ist von diesem Wege schon in Nr. 10 der „Gartenlaube“ 1868. Von dem Wirthshause zum „Stern“, dessen Laube ein hübsches Bildchen von Pixis in jener Nummer darstellt, erreicht man mit der Post oder fußwandernd bald den Titisee, an welchem wiederum ein seit etlichen Jahren als Sommerfrische sehr beliebtes Wirthshaus steht. Von diesem berühmtesten See des Schwarzwaldes wandern wir über Bärenthal im Quellthale der Wutach aufwärts zu dem von unserm Künstler dargestellten Feldsee. Nur 14 Morgen umfassend, in 1113 Meter Meereshöhe gelegen, ist derselbe wegen seiner Scenerie der großartigste des Schwarzwaldes. Ernst und düster sind die tannenbewachsenen, moosbedeckten Felsgesenke des Nordufers, dem der Quellbach der Wutach entrauscht, nackt aber, und ein imposantes Amphitheater bildend, starren die wilden Felsmassen hunderte von Metern am Südufer empor, und über ihnen wölben sich die Kuppen des Feldbergkammes, der sich noch an 400 Meter über den Spiegel des Sees erhebt. Hier ist Alles öde und einsam; nur daß etwa ein Raubvogel kreischt, oder eine der schmackhaften Schwarzforellen über die Wasserfläche sich emporschnellt.

Ein ziemlich steiler, aber ganz gangbarer Zickzackweg führt durch üppigen, labenden Wald zu einem Gasthof auf der Hochfläche empor, dem „Feldbergerhof“, von wo man bis zur höchsten Kuppe noch eine Stunde behaglichen Spazierengehens hat. Auf dem Wege blickt man in die Schlucht des Sees hinab; die Scenerie erinnert lebhaft an den Kamm des Riesengebirges bei den Teichrändern oder Schneegruben. Auf der Platte des Aussichtsthurmes angelangt, überblickt man nach allen Richtungen ein wogendes Meer von Gipfeln. Von seinen meist mit Wald bestandenen Seiten sendet der Feldberg fast regelrecht vier Arme nach den vier Weltgegenden aus, welche dann in zahllosen Aesten und Verzweigungen das große und umfangreiche Schwarzwaldgebirge bilden. Besonders hervor treten die schönsten Aussichtspunkte: Belchen, Blauen, Schauinsland, Höhenschwand. Außer dem Gebirge überblickt man die lachende Rheinebene, aus welcher sich der malerische dreigipflige Kaiserstuhl erhebt, dahinter läuft in langen Zügen, parallel dem Schwarzwalde, der vielkuppige Wasgenwald (oder die Vogesen), südöstlich der Jura, der zu dem ungeheuren Panorama der Schweizeralpen, der österreichischen und baierischen Alpen überleitet. In einer Ausdehnung von etwa 52 Meilen strahlt dieser Alpenwall im Glanze seiner Gletscherkronen – wahrlich ein Panorama, das eine Reise verlohnt! Die Wanderung vom „Stern“ der Hölle bis zum Feldberggipfel erfordert fünf Stunden und ist, wenn man sich Zeit gönnt, nicht eben beschwerlich.

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Die Gartenlaube (1879) b 557.jpg

Die Fürstengruft in der Haseler Höhle.
Nach der Natur aufgenommen von Robert Aßmus.

[558] Abgesehen von den Fernsichten gegen die Alpen hin, beruht die größte Schönheit des südlichen Schwarzwaldes in der Formation seiner vom Centrum her gegen West, Süd und Ost tief und gewaltsam eingerissenen langen Thäler. Oben sind sie, in ihrem Anfange, freundliche, von leichtem Rinnsal durchzogene Wiesenthäler, dann aber wühlen sich die Wasser immer tiefer ein und brechen sich zuletzt meist stundenweit durch gewaltige, schroffe Felsschluchten dem Rheine zu Bahn. Man begreift daher leicht, daß hier ein großer Schatz an landschaftlichen Schönheiten zu heben ist. Hand in Hand mit unserem Künstler, wollen wir nur zwei dieser Auswege aus dem Gebirge schildern: das Albthal mit St. Blasien und das Wehrathal mit der nahen Haselhöhle.

Steigen wir zunächst in das Albthal hinab, welches von allen Schwarzwaldthälern am meisten schweizerischen Charakter trägt! Der Albfluß entspringt ganz in der Nähe des Feldberggasthofes und hat von seinem Ursprunge ab, die Windungen ungerechnet, eine Länge von vier Meilen. Das Thal beginnt als Thälchen zwischen Hochalpenwiesen, senkt sich aber bald tiefer zwischen die Kuppen ein, erreicht dann abwechselnd Waldstrecken und hat nun ganz jenen frischen Hochalpenthalcharakter, bei welchem dem Wanderer das Herz aufgeht, daß er jubelnd singen möchte, wenn sein Fuß ihn leicht und munter thalab trägt. Hier liegen die lang sich hinstreckenden Dörfer, welche die Gemeinde Menzenschwand bilden; sie sind die Heimath des berühmten Malers Winterhalter und in neuerer Zeit als Curort beliebt.

Je mehr sich unser Thal in die Gebirgsmasse einschneidet, desto mächtiger nehmen sich die Thalwände aus, und bei einer Wendung um eine Thalecke sieht der Reisende plötzlich St. Blasien vor sich. Inmitten der dunkelgrünen bewaldeten Berge, welche den kleinen Thalkessel umfangen, erhebt sich über die Baumkronen schon von Weitem die hohe majestätische Kuppel eines Domes. Näher kommend gewahrt man im Hintergrunde eines fast großstädtisch eingefaßten Platzes über einem von riesigen Säulen getragenen Frontispiz den kühn in die Lüfte ragenden Bau wieder – da steht er, der schöne Dom des ehemaligen Klosters St. Blasien, das 858 als „Albzell“ gegründet wurde und von einem ganz ärmlichen kleinen „Klösterle“ sich zu einem geistlichen Reichsfürstenthum mit soviel Besitz entwickelte, daß seine Aebte der Sage nach auf ihren Romfahrten täglich auf eigenem Boden zur nächtlichen Rast einkehren konnten. Seine Besitzungen auf deutschem Boden, ohne die in der Schweiz, konnten bei seiner Säcularisation 1805 auf 5 Millionen Gulden, sicherlich zu niedrig, taxirt werden. Die Geschichte des Reichsfürstenthums St. Blasien ist in Recht und Unrecht höchst interessant. Sie steht mit der des angrenzenden Hauensteiner Ländchens und des Gebietes der nachbarlichen Herren von Tiefenstein, sowie der ebenfalls angrenzenden Grafen von Habsburg im engen Zusammenhang. In den Bauernkriegen und den Aufständen der Hauensteiner („Gartenlaube“ 1868, Nr. 23) wurde St. Blasien öfters hart geschädigt. Der Dom ist im Laufe der Zeit mehrmals niedergebrannt, zuletzt im Jahre 1874. Das Gebäude, welches damals der Flamme erlag, hatte der Abt Martin Gerbert 1785 nach dem Muster des Pantheon von Dixnard aufführen lassen, und der Marmor zu seinen schönen hohen Säulen war im Wutachthal im Schwarzwalde selbst gebrochen. Bei der Sequestration war die kupferne Bedeckung der gewaltigen Kuppel in die Karlsruher Münze gewandert und durch Zinkplatten ersetzt worden.

Es ist kein geringerer als Goethe, der diese Kirche St. Blasiens als einen der schönsten deutschen Tempel pries. In der That gemahnte uns die in dem herrlich bewaldeten Thal aufragende gewaltige Kuppel an die alte Sage vom Tempel des Gral. Der letzte Brand von 1874 erregte weithin schmerzliche Theilnahme, aber die menschlich Beharrlichkeit hat auch hier abermals einen ihrer Triumphe gefeiert: der Bau steht seit Kurzem wieder in alter Herrlichkeit da. Der kleine Thalkessel ist von den Klostergebäuden, die jetzt eine großartige Spinnerei beherbergen, und wenigen Privathäusern, worunter die empfehlenswerthen Gasthöfe, ganz ausgefüllt und eine vielbenutzte Sommerfrische.

Der schweizerhafte Charakter der Gegend erhält sich auch weiter abwärts. Doch ist das Thal nun belebter. Dörfer und Weiler im echten Schwarzwaldbaustil liegen im Thal und auf den Hängen sehr anmuthig. So geht es zwei gute Stunden fort; da verengt sich das Thal abermals zu einem langen Paß. Immer steilere Felsgehänge und Ecken engen den tosenden Fluß ein und lassen endlich an seinem vielgewundenen Ufer nur noch hoch überm Wasserspiegel die Fahrstraße ihren Fortgang finden. Dann kommt eine kleine Thalausweitung bei Tiefenstein, einem kleinen, an einer Bacheinmündung malerisch gelegenen Orte, über welchen die mit frischem Grün überwucherten Ruinen seiner alten Burg auf steilem Bergkegel emporragen.

Und nun beginnt die Glanzstrecke des Thales und zieht sich bis Albbruck, der Station an der Basel-Constanzer Bahn hin, wo der Albfluß in den Rhein mündet. Auf einer Wanderung von etwa anderthalb Stunden blickt man hier von der am linken Berghang geführten Straße in ein enges Felsenthal hinab, ganz von der Art des Bodethales im Harz. In der That gewährt diese Wanderung beständig Hinabblicke, wie der vom „Hexentanzplatz“ nach der „Roßtrappe“ zu; etwas weiter ist das Thal freilich. Fast inmitten der Strecke liegt der Gasthof „Zum Hohenfels“; seine auf schwindelnder Höhe über der Alb erbauten Pavillons gewähren wunderbare Ansichten des Felsenpanoramas. Ein Fußweg führt hinab zu den interessantesten Punkten am Ufer, zu der „Teufelsbrücke“ und dem „Felsenthal“. Der Eindruck dieser Wanderung durch das Albthal wird auch dem von hier in die Schweiz Uebertretenden durch keine Landschaft der letzteren verwischt werden.

Wir müssen aber zur Erläuterung der Skizzen unseres Künstlers uns noch auf einen kleinen Ausflug seitwärts von St. Blasien begeben. Man erreicht, auf vortrefflicher Chaussee wandernd, über den Ort Häusern fort, den höchst gelegenen (1014 Meter) Pfarrort des Schwarzwaldes, Höhenschwand. Der Ort ist bei Bergfreunden schon lange berühmt gewesen wegen seines wunderbaren Alpenpanoramas, welches das vom Feldberg darin übertrifft, daß es die Alpenzüge tiefer hinab, und auch um etwas näher zeigt. Das große, sehr behagliche und comfortable, freilich durch die Verhältnisse zu hohen Preisen genöthigte Hôtel „Höhenschwand“ fand seine Begründung durch ein großes Vermächtniß Winterhalter’s.

Nach etwa zwei Stunden in entgegengesetzter Richtung erreicht die Chaussee von dem Orte Häusern aus die Sommerfrische Schluchsee, am gleichnamigen See gelegen, den uns unser Künstler vorführt. Der Schluchsee kommt dem Titisee, zu dem die Straße über Altglashütte führt, an Größe und Lieblichkeit der Umgebung beinahe gleich. Er ist auch fischreich wie jener. Die Sage läßt in ihm Nixen hausen, welche in den früheren besseren Zeiten oftmals sichtbar sich unter die Menschen mischten; besonders zu den Tänzen an Festtagen stellten sie sich in ihrem schönen glitzernden Putz ein. Aber Zweien erging es einst schlecht. Sie selbst ließen sich von der Schönheit und Liebeswerbung zweier trefflicher Jungen so weit berücken, daß sie die Mitternacht über am Lande blieben, während sie, „wenn die Unke ruft und der Schuhu schreit“, nach dem Gesetze ihres Wasserreiches hätten daheim beim Seekönig, ihrem Vater, sein müssen. Als sie nun endlich unter Bangen und Klagen sich aus den Armen der sie begleitenden Jünglinge losrissen und in die Wellen tauchten, da brausten dieselben sogleich wild auf und färbten sich blutroth. Die armen Jungen aber verzehrte der Gram und die Sehnsucht nach den verlorenen Geliebten.

Unsere Illustration führt uns endlich noch in das Wehrathal und die Haseler Höhle. Das Thal der Wehra, eigentlich wohl Werra, zieht von den Vorstufen des Feldberges, Blößling und Hochkopf her in etwa zwei Drittel der Länge des Albthales gen Süden zum Rheine, wo der Fluß bei der Eisenbahnstation Brennet in letzteren mündet. Meist besucht man das Thal von hier aus. Bis zum Orte Wehr, einem sehr behäbigen, mit guten Gasthöfen ausgestatteten, zu längerem Weilen einladenden Orte, pflegt man zu fahren und dann die Fußwanderung anzutreten, obwohl man auch hier durchweg vorzügliche Straßen hat. Der Ort liegt in einem sich etwas weiter auslegenden, fruchtbaren Thalkessel.

Bald hinter ihm verengt sich aber derselbe, und nun wandert man dem Laufe des wild brausenden, in beständigen Cascaden tosend springenden Flusses entgegen, durch ein enges Felsenthal, wiederum ganz dem der Bode vergleichbar, aber zwei Stunden lang. Felswände und Felskegel von gewaltiger Höhe schieben sich durch einander und lassen dem vielgewundenen Flusse und der Straße kaum noch Raum. In den Schluchten zwischen den nackten Felskolossen ziehen sich außerordentlich schön bewaldete [559] Abhänge hinauf. Wie absichtlich sind die verschiedenen Farben der Laub- und Nadelhölzer zu den das Auge am meisten erfreuenden Zusammenwirkungen gemischt, denn es sind hier etwa siebenzig Holzarten vertreten. Auf der Spitze der höchsten, schroffsten und kahlsten Felswand erblickt man einen kleinen Aussichtspavillon, das „Jägerhäusle“, welches unser Künstler uns nebst der schon früher, näher an Wehr, emporragenden Ruine Bärenfels vorgeführt hat. Von Wehr bis zum Orte Todtmoosau, drei Stunden Weges, zuletzt durch etwas sich erweiternde Thalgehänge, trifft man nur ein „Rasthaus“, Unterkunft für Wagen und Menschen bietend, aber ohne Verpflegung, für die man selbst sorgen mag, wenn man nicht bis Todtmoosau warten will. Das Thal von Todtmoosau bis zu dem als Wallfahrts- und Marktort wie als Sommerfrische vielbesuchten Todtmoos, anderthalb Stunden hinauf, ist wieder ganz Hochalpenthal.

Die „Haseler Höhle“ liegt unfern des Ortes Wehr, in einem Seitenthale bei dem Dorfe Hasel (drei Viertelstunden von Wehr). Die ganze Gegend westlich von Wehr hat eigentlich etwas Unheimliches, so anmuthig sie ist. Ueberall nämlich dröhnt es beim Fahren schwerbelasteter Wagen, selbst stellenweise beim Aufstampfen des wandernden Fußes, in den Tiefen. Dem Gneis- und Granitgestein des eigentlichen Gebirgsmassivs ist hier gegen Westen zu Muschelkalk vorgelegt. Dies giebt, wie man weiß, unterirdische Klüfte und oft meilenweite Gänge, in denen verborgene Wasser rauschen. Der wunderbare See beim nahegelegenen Dorfe Eichen, auf dessen Grunde viele Jahre nur goldige Aehren rauschen, und dann wieder lange Wogenkämme vor dem Winde treiben, verdankt dieser Bodenformation sein sporadisches Erscheinen. Mehrfach sind Höhlungen mit unterirdischen Wassern entdeckt worden; auch sind Erdeinstürze nicht seltene Erscheinungen. Die Haseler Höhle, in welche man, durch lange leinene Kittel gegen das beständig träufelnde Wasser geschützt, hineinwandert, nimmt den flüchtigen Besucher eine Stunde in Anspruch. Sie hat aber Abzweigungen, welche man nicht zu besuchen pflegt und die noch nicht genügend untersucht worden sind. Lange Gänge, mehrere Höhlen, deren schönste, die sogenannte „Fürstengruft“, von unserem Künstler wiedergegeben ist, ein unterirdischer See, ein wildrauschender und unterirdisch verlaufender Bach, überall wunderbare, noch schön weiße Tropfsteingebilde, z. B. Capelle, Mantel, Orgel, Kanzel, Bienenkorb, Sarkophag und Thier- und Menschengestalten, sind die unterweltlichen Wunder, die sich überraschend darstellen. Drei von den Stalaktitsäulen geben beim Anschlag einen reinen Dreiklang.

Zu verwundern ist es nicht, daß solchen Naturspielen gegenüber die Sage von wunderbaren Dingen zu berichten weiß. So heißt die hier bezeichnete Höhle die „Erdmannshöhle“, und zwar nach den sagenhaften Gnomen („Erdmännlein“ sagt dort der Volksmund), welche hier leben sollen. Einst, so will die Sage, verkehrten sie hülfreich mit den Menschen, bis menschliche Neugier, um die Beschaffenheit ihrer stets sorgfältig verborgenen Füße (Schwanen- oder Entenfüße) zu erfahren, einst feingesiebte Holzasche vor den Eingang der Haseler Höhle streute. Die überlisteten „kleinen Leutchen“ zogen sich, theils aus Beschämung, theils aus Zorn über den Undank, in die Erde zurück, und mit ihrer Hülfe ist es nun leider vorbei, bis wieder einmal ein besseres Menschengeschlecht die Thäler dort bewohnt. Aber die Haseler Höhle, ihren Lieblingsort, aus dessen Eingang sie oft nächtlicher Weile zum gestirnten Himmel aufblicken, bewohnen sie noch. Dringt aber ein menschlicher Fuß hinein, so verschwinden sie dem Auge des Menschen. Sie werden zu Stein. Und das sind eben die wunderbaren Gestalten in der Höhle, die der Mensch anstaunt.

Ich schließe mit einer Anführung aus einem Briefe des Herrn Aßmus, welcher im letzten Herbst die Haseler Höhle für die „Gartenlaube“ aufnahm. „Der Herr Bürgermeister,“ so schrieb er mir damals, „an den ich Empfehlungen von Brennet und Wehr hatte, war krank; mich führte, was mir keineswegs unlieb war, seine hübsche, jugendliche Tochter, ‚das Emmele’, mit sanften, blauen Augen und dunklem, prächtigem Haar. Die Schwarzwälderinnen zeichnen sich überhaupt durch üppiges, schönes Haar aus, das meist in langen Zöpfen getragen wird. Zwei junge Bursche begleiteten uns, welche Bündel von Buchenspähnen trugen, um mit diesen unserer Wanderung und meiner Arbeit zu leuchten. Im tiefen Schnee gingen wir zur Höhle. Auf Anrathen des Emmele legte ich meinen Ueberzieher ab, weil es da unten in der Höhle sehr warm sei. Ich zog dann jenen bekannten leinenen Kittel mit Kapuze an, und hinab ging es in die Tiefe. In der Fürstengruft sang ich; die Akustik war herrlich. Das Emmele wußte übrigens recht gut in der Höhle Bescheid, und nicht sie war schuld, daß ich mir einige Male in den engen Gängen an den Stalaktiten tüchtig den Kopf stieß. … Sie haben ganz Recht, daß man den Schwarzwald lieb gewinnen muß. Ich kenne ebenfalls die Schweiz, Tirol, die Karpathen, Harz, Riesengebirge, ein gut Stück von Italien, allein die Herzlichkeit, das biedere Wesen der Schwarzwälder und in Verbindung damit die schöne, oft sehr großartige Natur, lassen den Aufenthalt hier so anmuthend wie kaum sonstwo erscheinen; ich habe mich oft sehr schwer von den lieben Leuten und herrlichen Thälern getrennt.“[1]

  1. Wir können von unserm Gegenstande nicht Abschied nehmen, ohne des eigentlichen Reiseschriftstellers des Schwarzwaldes zu gedenken, des Dr. Wilhelm Schnars. Ein Kind des Nordens, und als Arzt in Hamburg jahrelang thätig, hat er mehr als jeder Andere, hauptsächlich durch Vermittelung des rüstig wirkenden „Schwarzwald-Vereins“, zur Aufschließung der Naturschönheiten dieses deutschen Gebirges gewirkt. Leider ist der treffliche Mann am 20. Mai in seinem 73. Jahre zu Baden-Baden aus dem Leben geschieden. Das Andenken an ihn, der fünfzehn Jahre lang Land und Leute des Schwarzwaldes mit aller Wärme des Herzens und Schärfe des Geistes erforscht, um in ihrer fortschreitenden Entwickelung seine schönste Lebensfreude zu finden, das Andenken an den Dr. Schnars hat im dankbaren Volksgemüth seine sichere Stätte gefunden.
    D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Berichtigung
  2. Vorlage: Nr. 21