Malerische Wanderungen durch Kurland/Der Flecken Durben

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Stroken und dessen Beyhof Charlottenberg, Fischröden und dasiger Park Malerische Wanderungen durch Kurland
von Ulrich von Schlippenbach
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[63]
Der Flecken Durben.

Wer ein Land beschreiben will, wo man das Bemerkenswerthe nicht zufällig findet, sondern aufsuchen muß, kann unmöglich seinen Weg an eine fortlaufende Straße binden, und die Gegenstände, die ihm der Aufzeichnung werth scheinen, nach Werstpfählen berechnen. Daher, obgleich ein paar [64] Meilen zurück auf dem Wege nach Liebau, das jedoch die Poststralse nicht berührt, will ich bey dem Flecken Durben verweilen, der schon durch die vaterländische Geschichte merkwürdig wird.

Da, wo jezt der Flecken Durben liegt, stand ehemals die alte lettische Feste Tarwaiten. Gerade an demselben Tage, an welchem ich Durben passirte — es war der 13te Julius — fiel, vor 543 Jahren, die mörderische Schlacht[1] daselbst vor, in welcher der Ordensmeister Burchard von Hornhusen nebst 150 Rittern und einer Menge von Adel und Volk von den Litthauern erschlagen ward. Der Jahrestag jener schrecklichen Niederlage führte die Mordscene mit hellen Farben vor meine Seele, und lebhaft dachte ich mir jenen blutigen Kampf, dessen Panier hier noch in den Ruinen der alten zerstörten Feste weit über die ganze Gegend hervorragt. Dicht bey der Stadt in einem Sandhügel, jezt mit hohen Fichtenstämmen bedeckt, sind die Gräber der Erschlagenen. [65] Der Aberglaube, der ihre Geister fürchtet, hat dies Wäldchen, das zum Gute Ligutten gehört, vor jedem Spolium bewahrt und die holzarmen Bewohner Durbens abgehalten, hier auch nur einen Stamm zu fällen. Mag da nicht mancher Baum in einem modernden Herzen entkeimt seyn, das muthig und stolz einst unter eisernem Panzer geschlagen? Die Natur selbst hat hier die Stammbäume gepflanzt; die mit größerer Wahrheit, als oft die gemalten, in einem todten Helden ihre Wurzel schlagen.

Die Lage Durbens an dem Bache Lissa, in einem Thale, das sich längs schrägen Hügeln bis zum Durbenschen See hinzieht, ist sehr romantisch, Der Flecken hat eine Kirche, ein Armenhaus, 23 Wohnhäuser und 88 männliche und 86 weibliche Bewohner, Viele Häuser sind ganz verfallen. So klein indeß der Ort ist, so verschönert er doch die Landschaft ungemein. Dieß ist besonders der Fall, wenn man sie von den nahen Hügeln erblickt, und wie in einem Gemälde, die Häusergruppe, die Ruine des Schlosses und den am Fuße desselben ausgebreiteten [66] See übersieht. Von dem Schlosse sind nur noch die Trümmer der Ringmauer übrig und von den innern Gemächern ist kaum eine Spur vorhanden. Auffallend aber war es mir hier‚ den ganzen ehemaligen Schloßplatz in ein fruchtbares Feld umgeschaffen zu sehen. Hier reift jezt der Segen des Landmanns, wo früher Thränen für ihn keimten.

Nach einem anhaltenden Regen, der Felder und Wiesen überströmte und die Heuerndte so lange schon unterbrochen hatte, blickte endlich wieder ein heiterer Himmel hernieder — und ich sah auf der Wiese bey Durben sogleich eine Menge von Männern und Weibern, unter frohen Gesängen der letztern, mit der Heuerndte beschäftigt. Die Sonne war im Niedergange und hatte ihre Strahlen in einen glühenden Wolkenschleyer gehüllt, der zur Ostsee hinflatterte, um dort, wenn jene ihr heißes Gesicht in den Fluthen gekühlt, herabzufallen. Um die Ruinen und den Flecken warfen die verhüllten Sonnenstrahlen eine matte röthliche Beleuchtung, ein blutiger Äther schwamm um den Fichtenwald über die Gräber der hier erschlagenen [67] Helden. Die lauten, rohen Gesänge auf der Wiese tönten wie die Siegesgesänge der Überwinder; und mir schien als hörte ich ein Triumphlied, dem Pikollos geweiht, wie es Werner im Kreuz an der Ostsee anstimmen läßt. Dieser bleiche Gott Pikollos[2] konnte jedoch nicht lange seine Gläubigen schützen, nicht einmal erröthen, als man sie der christlichen Sklaverey übergab. Damals aber, unter Anführung des edlen Samländers Sklodo, wurden die Deutschen hier gänzlich geschlagen, wie schon oben erzählt ward. Von 14 gefangenen Rittern wurden 8 dem Pikollos geopfert und die übrigen unter Martern hingerichtet. Der Schrecken war, wie Arndt berichtet, so groß unter den Christen, daß 3 oder 4 verwegene Heiden wohl ihrer 100 auf der Flucht getödtet haben sollen. Duisburg hält jedoch die erschlagenen Ritter für den Verlust des Lebens auf eine andere Weise schadlos, und [68] erzählt unter andern: daß dem Ritter Herrmann, mit dem fürchterlichen Beynamen „der Sarazene“, die Jungfrau Maria erschienen wäre und ihn zu einer himmlischen Mahlzeit eingeladen, auch eine Nonne sogar gesehen habe, wie die Seelen seiner gefallenen Brüder von Engeln gen Himmel getragen sind, worunter vorzüglich zwey hervorgeglänzt haben sollen, So haben alle Zeiten eine große Bank, an die sie die Zahlung für baare Valuta eines hingeopferten Lebens assigniren, Heilige und Engel sollen die Zahlmeister seyn, oder der ewige Nachruhm, oder das Glück der Menschheit; aber wir kennen die Münzsorten nicht, die wir erhalten, sondern mur solche, die wir hingeben, und wissen übrigens nicht, wer das blutige Agio im Umwechseln ersetzt, Einen Beweis des schrecklichen Aberglaubens, wie er noch vor 300 Jahren, selbst bey den Geistlichen herrschte, hat Henneberger[3] in der Geschichte des verlornen Sohnes eines Durbenschen Predigers, Namens Dimler, aufbewahrt, [69] Als Sittengemälde damaliger Zeit wird sie im kurzen Auszuge dem Leser nicht unwillkommen seyn. Hier ist sie.

Der Durbensche Prediger Johann Dimler hatte im Jahre 1583 seinen sechzehnjährigen Sohn einem Freunde in Königsberg, Namens Ungermann, zur Erziehung anvertraut. Allein die strenge Aufsicht gefiel dem Jünglinge nicht, und er verschwand aus dem Hause seines Pflegvaters, ehe man sich dessen versah. Der Pastor Dimler, um das Schicksal seines Sohnes besorgt, wandte sich an einen damals berühmten Schwarzkünstler, der seiner Profession nach ein Kürschner war; und dieser zauberte die Erzählung hervor: der junge Dimler sey im Hause des Ungermanns ermordet worden, bestimmte auch den Ort, wo man die Leiche verborgen, so wie alle dabey statt gehabten Umstände möglichst genau. Dieß reichte hin, um gegen Ungermann eine gerichtliche Untersuchung zu bewirken, weshalb der Pastor Dimler, selbst nach Königsberg reiste. Man besichtigte die angegebenen Plätze, wo man aber natürlicherweise nichts fand. Indessen blieb [70] der Hexenmeister bey seiner einmal gemachten Anzeige, und seine bloß schwarzkünstlerische Behauptung war hinreichend, den armen Ungermann, seine Familie und sämmtliche Hausgenossenschaft fast 6 Jahre hindurch im Gefängnisse schmachten zu lassen. Der verlorne junge Mann ward endlich durch Zufall bey einem Bauer wiedergefunden, dem er sich als Knecht verdungen hatte. So war denn der unglückliche Ungermann gerettet, der vielleicht, ohne diese zufällige Entdeckung, als ein Opfer der schwarzen Kunst gefallen seyn würde. Wenn damals ein Religionslehrer so fest an Zaubermittel glaubte, wie mächtig muß nicht der Aberglaube beym Volke gewesen seyn. Doch, hat nicht jede Zeit ihren Aberglauben, mag er sich an Bannsprüche eines Hexenmeisters, oder an die oft eben so dunkeln Formeln eines Philosophen halten? Und hat dieser philosophische Aberglaube nicht auch seine Verfolgungen, seine falschen Beschuldigungen und Verdachte? und wird in diesem nicht auch der Geist gefangen gehalten? — Bey Durben bemerke ich nur noch, daß der [71] dasige See 5 1/2 Werste lang und 2 Werste breit, mit dem Telsschen See, der mehr als eine Meile davon entfernt ist, eine unterirdische Verbindung haben muß. Man schließt es daher, weil man in einem Hecht, der in diesem See gefangen wurde, einen in jenen See gefallenen Angelhaken, den man an dem darauf befindlichen Wappen als denselben erkannte, wieder gefunden hat. — Drey Meilen von Durben liegt die Stadt

  1. Im Jahre 1263.
  2. Pikollos ward zu Romove, als ein bärtiger bleicher Greis mit umwundenem Kopfe, verehrt; Todtenschädel lagen zu seinen Füßen.
  3. Hennebergs Preuß. Chronik. S 225.