Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres/Am Sonntag Quasimodogeniti 1836

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
« Am Palmsonntage 1836 Wilhelm Löhe
Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres
Inhalt
Am Sonntag Rogate 1832 »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
Am Sonntag Quasimodogeniti.
(Altdorf 1836.)


1. Mose 32: Jakob aber zog seinen Weg; und es begegneten ihm die Engel Gottes. Und da er sie sahe, sprach er: Es sind Gottes Heere, und hieß dieselbige Stelle Mahanaim. Jakob aber schickte Boten vor ihm her, zu seinem Bruder Esau, ins Land Seir, in der Gegend Edom, und befahl ihnen, und sprach: Also saget meinem Herrn Esau: Dein Knecht Jakob läßt dir sagen: Ich bin bis daher bei Laban lange außen gewesen, und habe Rinder und Esel, Schafe, Knechte und Mägde; und habe ausgesandt, dir, meinem Herrn, anzusagen, daß ich Gnade vor deinen Augen fände. Die Boten kamen wieder zu Jakob, und sprachen: Wir kamen zu deinem Bruder Esau; und er ziehet dir auch entgegen mit vierhundert Mann. Da fürchtete sich Jakob sehr, und ihm ward bange; und teilete das Volk, das bei ihm war, und die Schafe, und die Rinder, und die Kamele in zwei Heere, und sprach: So Esau kommt auf das eine Heer, und schlägt es, so wird das übrige entrinnen, weiter sprach Jakob: Gott meines Vaters Abrahams, und Gott meines Vaters Isaaks, HErr, der Du zu mir gesagt hast: Ziehe wieder in dein Land, und zu deiner Freundschaft, ich will dir wohlthun; ich bin zu gering aller Barmherzigkeit und aller Treue, die Du an Deinem Knechte gethan hast; denn ich hatte nicht mehr, denn diesen Stab, da ich über diesen Jordan ging, und nun bin ich zwei Heere geworden. Errette mich von der Hand meines Bruders, von der Hand Esaus: denn ich fürchte mich vor ihm, daß er nicht komme und schlage mich, die Mütter samt den Kindern. Du hast gesagt: Ich will dir wohlthun, und deinen Samen mehren wie den Sand am Meer, den man nicht zählen kann vor der Menge. Und er blieb die Nacht da, und nahm von dem, das er vorhanden hatte, Geschenke seinem Bruder Esau: Zweihundert Ziegen, zwanzig Böcke, zweihundert Schafe, zwanzig Widder, und dreißig säugende Kamele mit| ihren Füllen, vierzig Kühe und zehn Farren, zwanzig Eselinnen mit zehn Füllen, und that sie unter die Hand seiner Knechte, je eine Herde besonders und sprach zu ihnen: Gehet vor mir hin, und lasset Raum zwischen einer Herde nach der andern. Und gebot dem ersten und sprach: Wenn dir mein Bruder Esau begegnet, und dich fragt: Wem gehörst du an? Und wo willst du hin? Und wes ist es, das du vor dir treibest? Sollst du sagen: Es gehöret deinem Knechte Jakob zu, der sendet Geschenke seinem Herrn Esau, und ziehet hinter uns hernach. Also gebot er auch dem anderen, und dem dritten, und allen, die den Herden nachgingen, und sprach, wie ich euch gesagt habe, so saget zu Esau, wenn ihr ihm begegnet. Und saget ja auch: Siehe, dein Knecht Jakob ist hinter uns. Denn er gedachte, ich will ihn versöhnen mit dem Geschenke, das vor mir hergehet; darnach will ich ihn sehen, vielleicht wird er mich annehmen. Also ging das Geschenk vor ihm her, aber er blieb dieselbe Nacht beim Heer, und stand auf in der Nacht, und nahm seine zwei Weiber, und die zwei Mägde, und seine elf Kinder, und zog an die Furt Jabok, nahm sie, und führete sie über das Wasser, daß hinüber kam, was er hatte; und blieb allein. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. Und da er sahe, daß er ihn nicht übermochte, rührete er das Gelenk seiner Hüfte an; und das Gelenk seiner Hüfte ward über dem Ringen mit ihm verrenket. Und er sprach: Laß mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber er antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Er sprach: Wie heißest du? Er antwortete: Jakob. Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel. Denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und bist obgelegen. Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißest du? Er aber sprach: Warum fragest du wie ich heiße? Und er segnete ihn daselbst. Und Jakob hieß die Stätte Pniel, denn ich habe Gott von Angesicht gesehen, und meine Seele ist genesen. Und als er vor Pniel überkam, ging ihm die Sonne auf; und er hinkte an seiner Hüfte.
Jakobs Kampf.
I.
 Jakob war in seiner Jugend von Kanaan weggezogen nach Mesopotamien und nach der ersten Tagereise hatte ihn die Nacht in der Wüste überfallen. Er legte sein Haupt auf| einen Stein und schlief, und im Schlafe sah er eine Leiter, über welcher Gott war, und Seine heiligen Engel stiegen an derselben auf und ab. Er erkannte, daß hier die Pforte des Himmels war, salbte einen Stein zum Malzeichen und versprach seinem Gott, wenn er glücklich aus der Fremde heimkehre, an der Stelle ein Haus zu bauen, nannte auch die Stelle schon zum voraus Bethel oder Gotteshaus. Seitdem war eine lange Zeit vergangen: er war in der Fremde reich geworden mit Recht und Unrecht, er hatte den HErrn, der ihm zu Bethel erschienen war, oft vergessen. Endlich aber war ER ihm erschienen, und auf Seinen Befehl zog er weg aus Mesopotamien und machte sich auf, um in seine Heimat zu kommen und zu dem Gotte und zu dem Bethel seiner Jugend. Auf dem Gebirge Gilead hatte er zwar noch einigen Aufenthalt durch seinen Schwäher Laban; als er sich aber von diesem los gemacht hatte, als er in ihm der Fremde den letzten Abschied gegeben hatte, da war sein Zug ein lauterer Heimgang in sein Vaterland, unaufhaltsam zog er hin zu seinem Vater und gen Bethel seines Gottes. Also mit seinen Herden ziehend that er seine Augen auf, siehe, da kamen ihm Gottes Engel entgegen, die heiligen Heerscharen, in langen Zügen, im Glanz der seligen Ewigkeit. Staunend hielt er an und sahe sie vorüber ziehen und sprach zu den Seinigen: Mahanaim, d. i. Gottes Heere, und seitdem hieß der Ort Mahanaim.
.
 Lieben Brüder! Mesopotamien war Jakobs Welt gewesen, Bethel war sein Himmelreich; da er aus Mesopotamien nach Bethel zog, riß er sich los von der Welt, zog er hin in das Reich Gottes und zu allem dem Guten, was wir an dem Reiche Gottes und in demselben haben. Wer nun, wie Jakob, aus seinem bisherigen ungöttlichen Leben sich aufmacht, wer zu dem Gott seiner Väter, zu dem gebrochenen Bunde und Bethel seiner Jugendjahre, zu dem Taufbund zurückkehrt, der ist in einem und demselben Fall mit Jakob, auf den wird alles passen, was wir von Jakob in unserm Texte gelesen haben. Jakob verabschiedete sich von seinem Schwäher Laban, und alles, was sie miteinander ausmachten, der ganze Bund, welcher zwischen ihnen noch bestand, war, daß sie einander nicht mehr| nahe kommen, einer über des andern Grenze nicht mehr kommen wollte. Damit war nun freilich Jakob von seinen vorigen Freunden geschieden; aber dafür nahmen ihn die seligen Geister in ihre Mitte auf. Engelheere wurden ihm befreundet und zogen mit ihm zum Schutz wider alle Feinde. So ist’s mit einem Menschen, der sich bekehrt: er kann freilich mit den Leuten dieser Welt, auch mit denen unter ihnen, welche er am meisten liebt, nicht in Freundschaft bleiben, ja, es kann kommen, daß er von Schwäher und Schwieger, von Vater und Mutter sich scheiden muß, um in die Ruhe des himmlischen Heimatlandes einzugehen und die Taufgnade wieder zu erlangen: er muß vielleicht den sauern, herzbrechenden Schritt thun, daß er mit seinen bisherigen, liebsten Freunden ausmachen muß, sie wollen keinen Umgang miteinander weiter haben, einander nicht nahe kommen, eine Sache, welche, sonst unerträglich für ein liebevolles Herz, unter solchen Umständen noch den leidlichsten Frieden gebiert. Dadurch scheint ein Mensch völlig zu verwaisen und zu verarmen; aber er gebe sich nur darein, es ist sein Schade nicht, denn er kommt zu dem Berge Zion und zu der Menge vieler tausend Engel, die Bewohner des Himmels freuen sich über seine Buße, ziehen ihm entgegen, lagern sich um ihn auf allen seinen Wegen, und was er verlassen, hat er hundertfältig gewonnen. Einen Haufen weltlich gesinnter, an der Erde klebender Freunde verläßt er, Gottes Heere gewinnt er; die Welt verläßt er, der Himmel wird sein, staunend findet er, daß es ein großer Gewinn ist, wer gottselig ist, und ihm wird die Erde ein Mahanaim, eine Vorhalle des Himmelreichs.


II.
 Als Jakob hinter Mahanaim zog und den Grenzen seines Heimatlandes nahe kam, wachten die Erinnerungen der in demselben verlebten Jugendtage immer mehr auf. Es waren aber diese Erinnerungen keine freundlichen, es waren Erinnerungen an schwere Sünden; denn er hatte durch Betrug seinen Bruder Esau um das Recht der Erstgeburt und um den väterlichen Segen gebracht, und sein Bruder Esau wurde| darüber so grimmig, daß er ihn töten wollte und getötet hätte, wenn er nicht aus dem Lande und zu Laban geflohen wäre. Diesem seinem Bruder Esau zog er nun entgegen, und sein Gewissen weissagte ihm keinen guten Empfang. Da fürchtete sich Jakob sehr, und wahrlich, hätte ihm nicht Gott befohlen heimzuziehen, er wäre nicht weitergezogen. So aber mußte er, und es war ihm eben, als zöge er seinem Richter entgegen.

 Wie es Jakob bei seinem Heimgang zu Gott erging, so ergeht es einem jeden, der seine Seele darein begiebt, die Welt zu verlassen und heimzuziehen zu Gott. Sind ihm auch gleich beim ersten Aufbruch aus Gilead, nach dem festen Entschluß auszugehen, Engelheere begegnet, hat er gleich anfangs wonnevolle Stunden gehabt und manchen Blick in ein seliges Reich der überirdischen Welt, manchen Vorschmack der Seligkeit gehabt; so ist doch das nur der Anfang gewesen, auf die Freude folgt Leid, und wenn es einem Menschen gar so wohl ist, bereite er sich auf Leiden; denn auch die Sonne, wenn sie am heitern Himmel steht, zieht Gewitter zusammen.

 Solange der Mensch noch in der Welt lebt, ist er sicher und ohne Furcht; aber bei dem Aufbruch ins Reich Gottes überfällt ihn nach dem ersten Anfang eine große Furcht, denn Gott öffnet ihm das Auge über sein vergangenes Leben. Der unbekehrte Mensch sieht bloß auf die groben Sünden, aber wer sich bekehrt, dem erscheinen Sünden, welche er zuvor für gering geachtet hat, nach dem Maße, mit welchem Gott mißt, d. i. so groß, als die groben, ja, er erkennt im Lichte der göttlichen Wahrheit Sünden, wo er sonst nichts Sträfliches, wohl gar Tugenden gesehen hat. Er denkt an seinen Bruder Esau, den er betrog, an seinen Vater, den er belog, an das und jenes, was er vergessen hatte. Da wird es mit ihm gar anders, der Stand der Sicherheit ist aus, Schrecken von Gott überfällt ihn, er fühlt sich krank, voll Striemen und voll Schmutz. Er wollte gern gesund, er wollte gern heilig sein; aber ach, er kannte kein Mittel, es zu werden. Er sagte sich alle Tage vor: „Wolle nur, der Mensch kann, was er will“, aber die Erfahrung überweist ihn alle Tage mehr, daß der Mensch zwar allerlei kann, wenn er will, aber sich selbst überwinden,| seine Sünde bezahlen, seine Zunge, sein Herz hüten, Gutes thun, heilig werden, das kann er nicht, auch wenn er’s will; ja, je mehr er sich anstrengt, desto mehr erkennt er, daß es nicht geht, daß nur die Allmacht es kann. Und doch hat er diese Allmacht, d. i. Gott beleidigt mit so viel Sünden, und er muß alle Tage erwarten, daß Gott sich wider ihn kehre, ihn strafe, daß ER seinen Bruder Esau oder den und jenen über ihn schicke, ihn zu strafen. Seine Sünde drückt ihn, die Furcht vor Gott treibt ihn hin und her, es ist ihm sehr bange, und solange diese Schrecken nicht weg sind, solange nicht die Gewißheit einkehrt, daß Gott versöhnt ist, so lange ist kein Friede. Man sehnt sich nach Frieden, aber wo ist er? Gottes Schrecken sind über einen, das ist ein Zustand voll Not und Jammers, in dem man wahrlich Mahanaim oft vergißt und nicht glauben kann, daß man inmitten heiliger Engel und unter ihrem Schutze wandle.


III.
 In der Angst seines Herzens stand dem Jakob auch jene Klugheit bei, welche in seinem Leben ein unterscheidender Charakterzug ist. Er fürchtet sich vor Esau, darum spart er ein gutes Wort nicht, er sendet ihm entgegen, um seinen günstigen Willen für seinen Einzug in sein heimatliches Land zu bekommen, er läßt ihm gleichsam ein Besitztum, er bekennt, daß er mit Recht Friede und Ruhe von ihm nicht fordern könne, er sende aber zu ihm, um Gnade zu finden vor seinen Augen. Diese Klugheit war vereinigt mit herzlicher Wahrheitsliebe, denn in solchen Ängsten und auf dem Wege zu Gott liebt man die Lüge nicht. Dieselbe Klugheit lehrte ihn auch, sich vor Esau vorsehen: er teilt das Volk samt den Herden in zwei Heere, damit, wenn Esau in seinem Grimm auch das eine Heer schlüge, doch etwa das zweite gerettet werden könnte und nicht alle sauer erworbene Habe zu Grunde ginge. Endlich war es auch Klugheit, daß Jakob durch Geschenk seinen Bruder zu versöhnen suchte. Er nahm nämlich zweihundert Ziegen und zwanzig Ziegenböcke, zweihundert Schafe und zwanzig Widder, dreißig säugende Kamele mit ihren Füllen, vierzig| Kühe und zehn Farren, zwanzig Eselinnen mit zehn Füllen. Diese verteilte er unter verschiedene Hirten, die Ziegenherde übergab er im besonderen, die Schafherde etc., zwischen jeder Herde ließ er Raum, damit sie Esau nicht auf einmal begegnen möchten. Jedem Hirten gab er dieselbe Antwort ein: „Es gehört“, mußte ein jeder antworten, „es gehört deinem Knecht Jakob zu, der sendet Geschenk seinem Herrn Esau und zeucht hinter uns hernach!“ Er nannte in dieser Antwort Esau seinen Herrn und sich einen Knecht, kurz, er that nicht hochmütig, sondern demütig, und war der Meinung, wenn Esau so viele unerwartete Geschenke nacheinander kommen sähe, wenn immer ein Hirt, wie der andere reden würde, so würde Esau selbst auch demütig oder wenigstens erweicht werden, wenn auch nicht beim ersten Geschenk, doch nach und nach durch die vielen Geschenke, zwischen denen Raum und Zeit gelassen war, anderes Sinnes zu werden. So, glaubte er, würde er Esaus Angesicht am ersten gegen sich erheitern.
.
 Die Klugheit, welche hier Jakob bewies, ist dieselbe, welche Zachäus bewies, da Christus bei ihm einkehrte. Denn Zachäus sagte auch, er gebe zehnfach wieder, was er gestohlen habe, und die Hälfte seines Vermögens den Armen. Beide, sowohl Jakob, als Zachäus bewiesen damit, daß ihnen ihre Sünden leid waren und ihre Geschenke, ihr Bekenntnis, ihre Demütigung waren rechtschaffene Früchte der Buße. Wenn ein Mensch, der mit manchem Unrecht sich ein Vermögen erworben hat, vorgäbe, er bekehre sich nun, wenn er alle Kirchen besuchte, alles, was weltlich ist, meide, er gäbe aber nicht wieder, was er gestohlen oder unter dem Schein des Rechts an sich gebracht hat, so wäre er ein Heuchler, der nur andre betrügen wollte, oder im besten oder vielmehr schlimmsten Fall ein Gleisner, der sich und andere betrügt. Eines Diebes Bekehrung besteht nicht im Kirchengehen und Weltentsagen, sondern daß er zurückgebe, was von unrechtem Gut an seinem Finger klebt, daß er nicht mehr stehle, sondern arbeite und schaffe mit den Händen etwas Gutes, auf daß er habe zu geben den Dürftigen. Wer das thut, der hat eine feine Klugheit. Jakob sucht durch seine Gaben Frieden mit Esau. Und wahrlich, wenn man Frieden| um Geld oder mit Geschenken erkaufen kann, so wäre es besser, als den Frieden erstreiten. Unter allen irdischen Dingen ist doch nichts lästiger, als Unfriede und Streit und nichts angenehmer, als Friede und Eintracht: ob man auch zur Herstellung des Friedens etwas verlöre, was wär’s: eine so gute Sache ist nicht leicht zu teuer erkauft. Dazu kommt noch dies, daß, wer sich aufmacht, um Gottes Frieden zu suchen, den Ernst seines Begehrens auf keine andere Weise bewähren kann, als durch Friedfertigkeit gegen die Menschen. Gott schließt zwar darum noch keinen Frieden, weil er Frieden mit seinem Bruder schließt, das ist wahr; aber wer es versäumt, mit seinem Bruder Frieden zu schließen, der hat gewiß desto weniger von Gott keinen Frieden, sondern Krieg, Zorn und Fluch zu erwarten. Es ist also eine feine Klugheit derer, welche Frieden Gottes suchen, Frieden mit Menschen zu schließen, damit sie nicht erscheinen als Leute, die da nehmen wollen, was sie selbst nicht geben: Frieden! Ist’s dir ein Ernst mit deiner Bekehrung, so beweise es durch Friedfertigkeit! Wohl dir, wenn dein Hunger und Durst nach Gottes Frieden, wie bei Jakob, allen Haß und Hochmut verzehrt, so daß du gern dich demütigst und Frieden suchst von denen, welche du beleidigt hast, ja auch von denen, welche dich beleidigt haben.


IV.
 Indes alle Klugheit hat doch mit ihren Anschlägen nur einen ungewissen Ausgang, und Jakob wußte das auch. Alles, was er durch seine Maßregeln zuwege brachte, war ein „vielleicht“: „vielleicht wird mich mein Bruder annehmen“, sagt er. Dabei ist es auch nur sein Bruder, den er zu gewinnen hoffte; hingegen Gott, die Sünde, bleiben beide trotz der Geschenke so groß und furchtbar, wie zuvor, und man erkennt, daß von Gewissensängsten keine Klugheit befreit. Menschen können etwa durch Klugheit versöhnt werden, das eigne Herz und Gewissen nicht, viel weniger der lebendige Gott, an dessen Gnade und Gunst doch allein unser Friede liegt. Nachdem daher Jakob umsonst durch Werke und Klugheit Frieden gesucht hat, bleibt ihm kein anderer Ausweg mehr| übrig, als zu Gott zu rufen und zu versuchen, wie er auf Ihn seine Sorge wälze. Er betete ein Gebet, welches ihn der heilige Geist gelehrt hat und welches darum auch würdig geachtet wurde, in der heiligen Schrift aufbewahrt zu werden bis auf den heutigen Tag. Menschenhülfe kann ihm in seinen Nöten nicht helfen, so gedenkt er denn an den Gott seiner Väter, zu Ihm nimmt er seine Zuflucht: „Gott meines Vaters Abraham und Gott meines Vaters Isaak.“ Nach dieser Anrufung beruft er sich auf den Befehl Gottes, durch welchen ihm die Heimreise geboten war; „HErr, der du zu mir gesagt hast: Zeuch wieder in dein Land und zu deiner Freundschaft!“ und wohl dem, welcher gleich Jakob, wenn er gefahrvolle Wege geht, sich darauf berufen kann, daß er sie nicht unberufen betreten, daß er auf Gottes Befehl seinen Fuß darauf gesetzt habe: hierin beginnt schon der Trost, denn alle Unruhe liegt darin, wenn man unberufen etwas erweckt, alle Ruhe, wenn man gewiß weiß, daß Gott mit uns. Wenn wir nur thun, was Gott gefällt, mag dann die Welt schreien, mag dann auch die fromme Welt uns beweinen, mag uns allerlei Schmach treffen: Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? Nachdem Jakob sich auf Gottes Befehl berufen, erkennt er nichtsdestoweniger, daß er mit seinen Sünden nicht verdient habe, daß sein Weg wohl hinausgehe und daß Gott zum Vollbringen Seines Befehls auch gnädiges Gelingen und Glück gebe: „Ich bin zu geringe,“ sagte er, „aller Barmherzigkeit und Treue, die du an deinem Knechte gethan hast“. So bereitet er sich wohl zur Bitte, er demütigt sich; dem Demütigen aber giebt Gott Gnade! Indem er sich aber demütigt, bekennt er mit denselben Worten auch die göttliche Gnade, in welcher alleine seine Hülfe ist, er dankt Gott, und auch das ist seine Klugheit; denn wer dankt, der hat empfangen und zwar, wie Gott es wünscht, wer aber hat, dem wird gegeben: wer dankt, der wird immer mehr zu danken bekommen. Also hat auch Jakob, wie es einem Menschen ziemt, recht als ein armer Sünder an Gott angehängt auf Gnade und Barmherzigkeit, und nun bringt er sein Anliegen vor, nun schüttet er sein Herz in Bitten heraus, er thut nicht groß, er sagt die Ursache seiner Angst| heraus: „Errette mich von der Hand meines Bruders Esau!“ O wohl gebetet! Wie ein Kind dem Vater, so soll man vor Gott alle seine Bitte mit Lob und Dank kund werden lassen; denn ER liebt die Aufrichtigen und läßt ihr Gebet gelingen. Nachdem Jakob seine Bitte vorgebracht hat, beruft er sich wiederholt auf die Verheißung Gottes: „Du hast gesagt: Ich will dir wohlthun und deinen Samen mehren wie den Sand am Meer“. O wer Ihm Sein eigenes Wort und Seine Verheißung vorhalten kann, der ist wohl daran! Gott ist ja nicht ein Mensch, daß ihn etwas gereue. Kann man Ihn bei Seinem Worte halten, so hat man seine Bitte schon gewonnen. O wie fest kann ein Amen sein, das auf Gottes Verheißung baut!

 Wahrlich, Brüder, ein musterhaftes Gebet, welches man sich einprägen sollte, um es nachbeten zu können. Brüder, wenn ihr heimkehrt auf dem Weg zum Frieden und zu Bethel, so rufet den Gott Jakobs an und den Engel, der Ihn erlöset hat! Beruft euch darauf, daß ER ja befohlen habe, auszuziehen aus Babel und aus dem irdischen Vaterland mit Abraham und heimzukehren mit Jakob ins himmlische Vaterland! Bekennt Ihm eure Unwürdigkeit, nehmt Seine Gnade in Anspruch, begehrt von ihr Gelingen, Hilfe, Förderung, versiegelt euer Gebet mit Verheißungen: was gilt’s, wenn auch nicht zur Stunde, auf daß ihr glauben lernet, doch aber zur Stunde Gottes wird euch Erhörung kommen, wie sie Jakob gekommen ist! ER wird euch eure Angst und Furcht vor Esau wegnehmen, ER wird eure Traurigkeit in Freude verwandeln und euer Leid in Wonne! ER wird euch den Esau versöhnen, wie den Laban, und zu ihm, wie zu Laban sprechen, daß er euch ein freundliches Gesicht machen muß! Denn ER lenkt Menschenherzen, ER wendet das Übel, und ER hat die Bezeugung des Todes!


V.
 Nachdem Jakob also gebetet und alle Geschenke vorangeschickt hatte, führte er sein Heer auch hinüber über die Furt Jabok. Dazu auch seine Weiber und Kinder und blieb darnach| jenseits der Furt mit seinem Kummer, mit seiner Angst, seiner Furcht, mit seinem schreienden Gewissen allein.

 Das Hinüberführen über den Bach, das Alleinbleiben jenseits des Baches war es nicht, was hier insbesondere beachten. Aber die Hauptsache ging in seinem Herzen vor. Solange er bei Laban in Mesopotamien gewesen war, hatte er darnach getrachtet, sein Gut zu mehren, und er liebte das Irdische sehr, also, daß er auch nicht immer von Sünde sich enthielt. Nun war er reich geworden, aber sein Gewissen sprach ihm um mehrfachen Betrugs willen, an Esau begangen, gleichsam das Recht auf sein Eigentum ab. Er wußte zwar, daß er auf einem guten Wege zum Bethel seiner Jugend war; aber ob es nicht zum Plan des HErrn gehörte, ihn wenigstens wieder arm zu machen, wie da er auswanderte, das war eine andere Frage. Er hatte zwar den HErrn gebeten, ihm wohlzuthun; und der HErr hatte ihn auch erhört: der HErr hatte ihn aber über Bitten und Verstehen erhört: ER wollte ihm das Seine lassen und nichtsdestoweniger das Herz davon frei machen; ER schenkte ihm seinen Reichtum aufs neue, aber ER nahm ihm die Lust dran, und dieses Freiwerden von der Anhänglichkeit ans Irdische, das Freiwerden für das Himmlische war es, was durch das Hinübersenden aller seiner Habe über den Bach äußerlich angedeutet wurde.

 Liebe Brüder! Wer zum Frieden Gottes eingehen will, der muß, wenn auch nicht von irdischen Gütern, doch aber von der Liebe zu irdischen Gütern frei werden. Wer der Furcht seines Gewissens ledig und los werden will, der muß seine Seele frei machen von dem, was vergänglich ist. Wer zu Gott kommen will, muß von der Welt weg. Wer Gottes Freundschaft begehrt, der lasse sich’s eben auch etwas kosten, er gebe die Freundschaft der Welt auf. Wer den Himmel sucht, der binde sich keinen Gold- oder Sorgenklumpen an die Füße, sondern Flügel an die Arme. Das Himmelreich leidet Gewalt von den Tagen Johannes des Täufers bis hierher; aber wer dem Himmelreich Gewalt anthun| will, der darf von der Erde nicht selbst mehr Gewalt leiden. Da hilft nichts! Entweder – oder! Rein ab und Christo an!


VI.
 Nachdem nun Jakob also seines irdischen Gutes sich verziehen hatte und sein Herz arm an Erdendingen und an irdischer Lust geworden war, nachdem er sich ganz allein fand nicht bloß dem Leibe, sondern auch dem Geiste nach, da begegnete ihm etwas Besonderes, was in der heiligen Geschichte keinem sonst geschah. Ein Mann rang mit ihm, etwa von Mitte der Nacht, bis die Morgenröte anbrach. Es ist dieser Mann ein Krieger und Kämpfer, wie Melchisedek ein Priester war: man vermißt eine deutlichere Beschreibung, man wünscht alles deutlicher, man ist nicht zufrieden, daß er so eines dunkeln, geheimnisvollen Wesens ist; aber je dunkler, je geheimnisvoller, je unverständlicher, desto himmlischer, desto göttlicher ist er, desto deutlicher ist es, wer er ist: es ist der Sohn Gottes, der dem Jakob begegnet war. ER war ihm entgegen gekommen, als wollte ER ihn töten, ER that, als wollte ER gerechte Strafe von ihm heimholen: ER zeigte ihm etwas von jenem schrecklichen Ernste, welchen der Richter der Welt einst offenbaren wird; Jakob aber weinte, bat Ihn sehr, erinnerte Ihn an Seine Verheißungen, er wollte nicht mit Gott zürnen nicht Gottes Zorn tragen zu einer Zeit, wo er der Gnade am meisten bedurfte, er wollte nicht von Gott verlassen werden zu einer Zeit, wo er, von allen verlassen, Ihn zu seinem einigen Helfer auserkoren hatte. Da ließ sich der HErr erweichen, da gab ER in etwas nach, wiewohl sein Zorn noch nicht ganz gewichen war, statt Jakob ganz zu strafen nach Verdienst seiner Sünden, bewirkte ER bloß ein Andenken seiner Sünden an seinem Leibe, verrenkte seine Hüfte, daß er hinkend ward. Jakob heißt er, der einem andern die Ferse hält, heimlich, damit er nicht vorwärts komme, sondern hinke, strauchle, falle, und der nach jemandes Schaden trachtet, nun hinkt er selbst und am Hinken soll er zeit seines Lebens merken, warum ihm der HErr so hart gezürnt hat. Das Verrenken der Hüfte hieß| gleichsam: Geh hin, ich strafe dich nicht allzuhart, geh hin und laß mich auch gehen, magst du hingehen, wo du hinwillst, du lasse nun auch mich von hinnen gehen. Sieh, spricht ER, genug ist gekämpft, die Morgenröte bricht an. Aber so lässig im Kampf war Jakob nicht. Es hatte ihn die verrenkte Hüfte nicht gestört in seinem Beten, seinem Ringen und Kämpfen mit dem HErrn; so stört ihn nun auch das Zögern, das Weigern des HErrn nicht. Jakob mußte Frieden haben, sein Herz mußte leicht, seine Schuld mußte weggenommen, seine Furcht zerstreut werden: lieber sterben als ohne Gnade Gottes leben; Jakob merkt, mit wem er’s zu thun hat, er weiß, mit welchem er kämpfe, er weiß, daß alles verloren ist, wenn sich der HErr nicht drein ergiebt, mit ihm versöhnt zu werden, wenn ER sich nicht überwinden läßt; er hat sich in einen Kampf gewagt, wo es entweder ewiges Siegen oder ewiges Unterliegen giebt: es ist ihm klar, sein ganzes Herz weint, sehnt sich, alle seine Kräfte sind wach, mit Macht drückt er den HErrn an sich, in ihm heißt’s: HErr, Unbekannter und doch Bekannter, nicht so, nicht halb zürnend geh von mir, was soll mir helfen, wenn Du mich von Dir stößest, HErr, ich bin dahin gekommen, daß ich Dich nicht entbehren kann, HErr, HErr, ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn! Lieben Brüder, der mit Jakob kämpfte, ist der Mann, der zwar eine Weile das kananäische Weiblein ein Hündlein schimpfte, aber nichtsdestoweniger sich erbitten ließ, ihr zu helfen, derselbe, welcher das Gleichnis von dem Richter gab, der sich von dem Weibe mit viel Bitten überwinden ließ, derselbe, der den Ruhm hat, daß ER die Sünder annimmt, sollte ER denn, da Ihm Seine Eingeweide vor Barmherzigkeit brausen, nicht über Seinen Auserwählten Jakob sich erbarmt, ihn nicht aus der Angst gerissen haben? ER ist derselbe, der hernach am Kreuze aller Menschen Sünden, auch Jakobs Sünden trug; sollte ER dann, der Erlöser, über die Sünde Seines Knechtes Jakob unversöhnt zürnen? Hat doch Sein Blut versöhnt alle Sünder, erstreckt sich doch Seine Kraft vorwärts und rückwärts, rückwärts bis zur ersten Sünde Evas, vorwärts bis zu meiner Sünde, die ich heute, die ich vorm Augenblick gethan, bis zur letzten Sünde des letzten| Tages, und Jakobs Sünden sollten zu groß sein für JEsu Blut? Das nicht! Jesu Herz neiget sich zu Jakob, eine andere Kraft geht aus von ihm, als während des Kampfes. Jakob, du hast überwunden, JEsu Angesicht leuchtet, wie die Morgenröte, wie die Sonne hernach, Gnade und Majestät verbreitet sich von ihm aus, bei Ihm ist Vergebung, daß man Ihn fürchte. Der selige Arzt ist hie, der das blutflüssige Weiblein geheilt: Jakob, nun gieb acht, wie ER dir wohl thun will und wird! Noch segnet ER ihn nicht, aber ER absolviert ihn. Wie heißest du? fragt ER, noch etwas fremde; Jakob, antwortete der Gefragte. „Du sollst nicht mehr Jakob, sondern Israel heißen.“ Da hat er einen neuen Namen empfangen, denn er ist ein anderer Mensch geworden, das Herz ist nicht mehr eines schändlichen Betrügers Herz, Vergebung ist ihm zu teil geworden, im Namen liegt die Absolution. Der zuvor ein Betrüger war, ist ein rechter Israel ohne Falsch, ein Gottesüberwinder geworden. Du bist obgelegen, du hast gewonnen, Jakob, du heißest Israel forthin, freudig, fröhlich dringt es in Jakobs Herz, nun wird er übermütig: er fühlt sich dem HErrn nahe, verwandt, er hat ihm obgelegen, die Furcht ist weg, er ist verwandelt, er ist erneut, es wächst ihm das Zutrauen, er weiß nicht, wie es mit ihm auf einmal so anders ist: ach, er sieht Ihn an, und wie ein Kind, das seine Kindheit vergißt, fragt er: „Sage, wie heißest Du?“ Ich kenne Dich, wer Du bist, ich kann Dich aber nicht nennen: sage mir, wie nennst Du Dich? Aber das war dem HErrn zu viel gefragt, zu weit gegangen. Was will der Mensch nach göttlichen Heimlichkeiten fragen und nach dem, was Gott verborgen hat und keiner wissen soll? Hatte doch Jakob den HErrn in seinen Armen, war ER doch bei ihm, hat ER ihm doch sein Herz erneut, was soll’s weiter? Forschen nach Gottes Wesen soll der Mensch nicht, aber Sein göttliches Wesen umfassen, das ist ihm vergönnt. Doch aber ist der HErr nicht böse über Jakob, gönnt ihm die Frage, weist sie freundlich weg, hebt aber Seine Hände und segnet ihn. Dieser Segen hebt den Übermut von hinnen, reinigt das arme Herz,| es ist alles anders geworden, demütiger Israel, groß vor Gott geworden, gehe hin!

 Da Jakob hinging, ging die Sonne auf, und er nannte die Stätte Pniel, d. i. Gottes Angesicht. Nun leuchtet ihm die Sonne anders, als zuvor, nicht mehr bei dem ahnenden Mahanaim ist er, die Sonne hat er gesehen und seine Seele lebet! ist genesen! Aber der Leib hinkt. Amen, o Jesu, Amen.




« Am Palmsonntage 1836 Wilhelm Löhe
Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres
Am Sonntag Rogate 1832 »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).