Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres/Am Sonntag Septuagesimä 1837

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
« Am Sonntag Sexagesimä 1836 Wilhelm Löhe
Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres
Inhalt
Am Sonntag Sexagesimä 1837 »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
Am Sonntag Septuagesimä.
(Merkendorf 1837.)


Apg. 20, 35. Ich habe es euch alles gezeiget, daß man also arbeiten müsse, und die Schwachen aufnehmen, und gedenken an das Wort des HErrn JEsu, das ER gesagt hat: Geben ist seliger, denn nehmen.


I.
 Ich kann mit dem Meinigen thun, was ich will; ich kann Almosen geben, wenn ich will, und wenn ich nicht will, kann mich kein Mensch nötigen; es steht ganz in meinem freien Willen.“ Diese und dergleichen Redensarten hört man oft genug; aber so gewöhnlich sie sind, so sind sie darum doch weder schön, noch wahr. Es ist zwar freilich wahr, daß dich kein Mensch zum Almosengeben zwingen kann, wie dich auch kein Mensch überhaupt zu etwas Gutem zwingen kann, etwa zur Bekehrung oder zu des etwas. Allein gleichwie du sündigst, wenn du dich nicht bekehrest, oder sonst etwas Gutes unterlässest, so sündigst du auch, wenn du nicht Almosen giebst; und wer es unterläßt, hat wohl einen frechen, aber keinen freien Willen. Gott ist der höchste HErr aller Menschen, ER giebt das Vermögen, aus dem man Almosen geben soll, und dazu ein Gebot, daß man geben soll; es ist nicht dein, was du hast, sondern Gotte gehört alles das Deinige, und nach Seiner Vorschrift mußt du damit verfahren, wenn du nicht zeitlich und ewig gestraft werden willst. Nach Seinem Worte liegt es gar nicht an dir, ob du Almosen geben willst oder nicht, sondern der Arme hat ein Recht darauf, der Arme ist dein Gläubiger, und wenn du ihm Almosen weigerst, verklagt er dich bei Gott, und du bist vor Gott ein Dieb. So ist’s| nach Gottes Wort, und ich führe nur deshalb kein Gebot an, Almosen zu geben, weil keiner unter euch zweifeln wird, daß es in der heiligen Schrift an Geboten wimmelt, so daß jeder leicht sich selbst Beweis und Beleg des Gesagten aus der Schrift holen kann.


II.

 Wohlan, es ist also Gottes Gebot, demnach auch Pflicht, Almosen zu geben; aber es fragt sich: für wen ist es Pflicht? wer soll Almosen geben?

 Darauf ist Antwort: Es ist keiner von der Pflicht, Almosen zu geben, ausgenommen, der Reiche nicht, aber auch der Arme nicht. Es ist keiner, der nicht noch etwas zu verlieren hätte, und wer noch etwas zu verlieren hat, der hat auch noch etwas zu geben. Wer noch ein Stück Brot hätte und sonst nichts mehr, der könnte von seinem Stück Brot immer noch Almosen geben. Da werden freilich eure Armen unzufrieden sein, daß ich so predige; sie haben gehofft, es werden heute die Wohlhabenden und Reichen die Wahrheit hören, und nun fällt auf sie selber eine so scharfe Rede! Allein, saget, was euch beliebt; wenn ihr’s nicht leugnen könnet, daß Luk. 21, 2. 3 die arme Witwe von dem HErrn Lob empfing, welche zwei Scherflein, das ist alle ihre Habe, in den Gotteskasten legte; so könnet ihr auch nicht leugnen, daß es auch dem Armen zusteht, von seinem Wenigen Almosen zu geben. Hast du nicht Geld, so gieb, was du hast; wer aber gar nichts geben will mit der Ausrede: er habe nichts, der ist bei aller seiner Armut ein Geizhals, seine paar Kreuzer und Groschen liebt er ebenso ängstlich, zäh und zart, als der Reiche seine volle Kasse, seine Obligationen, Schuldscheine, Quittungen etc.


III.
 Gut, sagt ihr, das Beispiel von der Witwe ist allerdings schlagend, und man muß auch gestehen, daß, weil die Nächstenliebe allen Menschen geboten ist, auch allen Menschen der Beweis der Nächstenliebe geboten sein muß, welcher im Almosengeben| liegt. Aber soll man denn allen ohne Unterschied geben? Wir wollen sehen, was hierauf die Antwort sei. Wenn ein armer und würdiger Mann vor dir steht, dem sollst du geben, ohne allen Zweifel. Wenn einer vor dir steht, von dem du gewiß weißt, die sichere, vor Gott am jüngsten Tage zu verteidigende Überzeugung hast, daß er unwürdig ist, daß er das Almosen etwa nur zum Wohlleben, zum Trunk, zum Spiele etc. anwendet, dem sollst du nicht geben, denn du würdest ihn in seiner Sünde steifen. Das gefällt euch, ihr Geizigen, nicht wahr? So wenn ich rede, da möchtet ihr Beifall klatschen. Da sprechet ihr bei euch selbst: Ja, ja, so ist’s, und lauter liederliches Gesindel ist’s, was da herumläuft und haben will, nichts geben muß man ihnen! Halt, halt! Laßt euern Jubel nicht los, so meint es Gottes Wort nicht, meinet ihr, Gottes Wort sei so geizig, wie ihr, oder Gott sei ein verhärteter Sünder, wie ihr? Wartet erst, lasset euch weiter berichten! Wenn zwei in dein Haus kommen und betteln, und du weißt es gewiß, daß der eine würdig, der andere ein Verschwender der Almosen ist, und du hast nur einen Pfennig, so gieb dein kupfernes Plättlein dem Würdigen und dem Verschwender gieb nichts, denn bei dem gössest du in ein bodenloses Faß. Das ist auch klar, das ist noch kein sonderlicher Spieß und Nagel für geizige Leute. Aber nun weiter. Wenn einer kommt, und du weißt es nicht ganz gewiß, du hast keinen Beweis, keine ganz sichere, vor Gottes Gericht zu vertretende Erfahrung, daß er unwürdig ist, so hast du die Pflicht zu geben. Die Liebe hält immer möglichst viele für würdig; aber der selbstsüchtige Geiz, der hält, wo möglich, keinen für würdig. Es ist nichts als Lieblosigkeit und Geiz, daß man so viele für unwürdig hält; in den wenigsten Fällen hat man Gewißheit, daß einer unwürdig sei, nur Gott weiß, wer unwürdig oder würdig ist. Und dann, gesetzt den Fall, es wäre einer unwürdig, er wäre aber in großer Not; willst du ihn, weil er unwürdig ist, sterben und verderben lassen? Hat Gott mit dir so gehandelt? Bist du nicht auch unwürdig, und ER hat dich doch mit Seinen Gütern überhäuft, ja zugedeckt! Hat auch der barmherzige Samariter| Luk. 10 erst gefragt, ob der unter die Mörder Gefallene seines Öles und Weines würdig war? Sag nicht: „Ja, wenn’s auf Leben und Sterben kommt, gebe ich dem Unwürdigen auch;“ es ist nicht wahr, auch Priester und Leviten gingen an dem tödlich Verwundeten vorüber. Sag auch nicht, dergleichen Fälle kommen nicht oft vor; so eben, wie du, spricht der Geiz, der immer eine Ausflucht sucht und niemals dem Worte Gottes zugeben will, daß es ihn mit Recht tadle. Wenn du einem unter die Mörder gefallenen Menschen Barmherzigkeit beweisen willst, so mußt du überhaupt jedem, von dessen Unwürdigkeit du nicht überzeugt bist, gründlich überzeugt bist, bei einem Herzen, welches gern das Gegenteil wollte, einem jeden solchen mußt du dann auch geben. Denn dem unter Mörder Gefallenen fristest du bloß das irdische Leben, aber dem andern? Bist du gewiß, ob nicht deine Barmherzigkeit an ihm Frucht bringt, daß er in sich geht, daß er sich zum ewigen Leben bekehrt? Es ist nicht vorauszusagen, dein Nein kann recht behalten, aber auch mein Ja, und wenn du deinem Nein Gehorsam leistest und um deiner Unbarmherzigkeit willen eine einzige Seele die Gelegenheit vermißt, sich zu bekehren, welch ein unbarmherziges Gericht wird über dich ergehen? Unbarmherziger, weißt du nicht, daß Gott im Himmel auch Guten und Bösen giebt? ER läßt Seine Sonne aufgehen über die Bösen und Guten und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte! Vor dem, vor dem barmherzigen Gott mußt du Rechenschaft geben von deinem Almosen, ja vor dem, dessen ausdrückliches Gebot lautet: „Wer dich bittet, dem gieb; und wer dir das Deine nimmt, da fordere es nicht wieder!“
.
 Doch aber, einmal angenommen, man solle keinem geben, auf den man bloß den Verdacht der Unwürdigkeit geworfen; giebt’s denn keine Armen, denen man mit Liebe und Wohlthat beweisen kann, daß man am Geld nicht hängt? Giebt es nicht Alte genug, die sich nicht mehr helfen können, nicht Kranke, die der Labung bedürfen; nicht Waisen, welche im Elend gehen? Und, wenn bei all denen wieder die Ausrede kommt: ja, die haben Verwandte, sie haben Freunde, sie haben Geld genug etc.; giebt’s denn keine wohlthätigen Anstalten,| zu denen man geben kann? Du giebst keinem Armen gern, warum giebst du zum Waisenhaus, warum zur Witwenanstalt, warum zur Heidenbekehrung, warum zur Bibelverbreitung nichts? Nicht wahr? Du hast keine Waisen und Witwen zu versorgen, eine Bibel hast du schon, und was gehen dich andere an? oder gar die Heiden? Sieh, sieh! merkst du’s nicht! Es liegt dir nicht daran, die Würdigen zu treffen; hättest du einen so hohen Sinn, so würdest du’s bald auch verstehen, daß du die Würdigen auszusuchen viel zu thöricht bist; es liegt dir nur daran, zu sparen, du willst nur deinen Geiz beschönigen, und du stimmst mit Christo nicht überein, daß geben seliger als nehmen ist, sondern geben, geben, nichts als geben; das ist deine Hölle auf Erden, und wenn du geben mußt, haben deine Leute einen bösen Tag!


IV.

 Da sagt ihr: „Schnaub’ uns nicht so an, wir sind keine Verschwender,“ das ist wahr, bei uns heißt’s von den Alten wie von den Jungen: „Junges Blut, spar dein Gut, Armut im Alter wehe thut,“ wir halten unsere Sachen zu Rat (dabei schmunzelt ihr, denn ihr denkt an euer Geld); aber, setzt ihr dazu, wir geben auch, es kommt kein Bettler, er bekommt seinen Pfennig oder ein Stück Brot. Wirklich? Thut ihr das? das thut ihr? Antwort. Und wie viel behaltet ihr übrig? Und was ist’s ganz und gar, wenn ihr Pfennige und Brotstücklein austeilt, ihr vergebt euch doch nicht, eure Linke weiß genau, was die Rechte thut, ihr könnet alle eure Pfennige Gott vorrechnen, aber ihr vergesset, daß er euch Gulden dafür giebt, daß das Almosen, das ihr gebet, mit dem, welches ihr empfanget, in keinem Verhältnis steht. Ihr gebt zu wenig, viel zu wenig. Darauf sprechet ihr: Was? zu wenig? Hast du mein Einkommen schon gezählt? Soll ich über Vermögen geben? Steht nicht geschrieben, ein jeder soll geben nach dem Vermögen, das Gott darreicht? Habe ich nicht Weib und Kind, muß ich die nicht versorgen? Ist der nicht ärger als ein Heide, der seine Hausgenossen nicht versorgt? Du redest, wie ein junger Mensch, der nichts vom Haushalt weiß, und wie schwer ist’s verdient.

|  Geduld, Geduld, was schiltst du mich um meiner Jugend willen und kommst aus deiner männlichen Ruhe in jungen Zorn? Ich sage dir, meine Stimme hat mehr recht als deine! ich sage dir, meine Stimme ist die Stimme deines Gewissens! meine Stimme ist ähnlich jener, die dich einst richten wird! ich sage dir, du verdrehst die Schrift nach der Bosheit deines Herzens, der Geiz legt dir sie aus, der ist dein heiliger Geist. Du sollst deine Hausgenossen versorgen, aber meinest du, das heiße so viel: du sollst ihnen Lebensunterhalt auf viele Jahre schaffen, du sollst ihnen mit Bedrückung der Armen, unter unbarmherzigen, schmutzigen Knausern ein Erbgut sammeln? Du sollst ihnen ihr täglich Brot reichen, ist die Meinung des Apostels, von Sorgen für die Zukunft ist nicht die Rede. Wenn deine Meinung die richtige wäre, so wäre Christus ein Sünder, denn ER hat Seiner Mutter, die ihm zu versorgen oblag, nichts zusammengespart! Wenn meine Meinung richtig ist, bleibt Christus heilig: ER gab Seinen Jüngern alle Tage das Nötige und am Ende fragte ER: „Habt ihr auch je Mangel gehabt?“ und sie antworteten fröhlich: „HErr, nie keinen!“ ER gab Seiner Mutter lebenslang und verschaffte ihr in der Jugend schon Gold, Weihrauch und Myrrhen, und da er arm starb, vermachte er ihr einen Sohn, welcher ihr wieder die tägliche Notdurft reichte, aber gespart wie du hat ER nicht; denn ER war zum Sparen zu barmherzig. Und dann, wenn du nur deine Hausgenossen versorgtest! Du thust es aber nicht! Ist denn deine alte Mutter, dein grauer Vater nicht auch dein Hausgenosse, oder hast du sie gar aus deinem Hause verstoßen? Und was giebst du ihnen denn? Ist dir nicht alles zu viel, was du auf sie wenden sollst? Wartest du nicht auf ihr Ende? Bekommt dein Knecht, ja dein Ochs nicht reichlicher seine Speise, als deine alte Mutter? Nur, weil du vom Knecht und Ochsen wieder Dienst empfängest, von deiner Mutter aber, die dich mit Schmerz getragen, geboren, gezogen, genähret, geliebet – von ihr empfängst du nichts, die ist dir überflüssig, elendester aller Hausväter, du verfluchtes Kind vor Gott!
.
 Du fragst, ob du über Vermögen geben sollst, und redest,| als hätte jemand von dir verlangt, du solltest über Vermögen geben. Gieb nur nach Vermögen, das eben verlangt Gott von dir! Das eben thust du nicht. Ein Schelm giebt mehr, als er hat, und wer über Vermögen giebt, muß es gestohlen haben; aber was du hast, das muß deinem HErrn ohne Ausrede bereit stehen, Verlust mußt du nicht achten, wenn du gleich keine Schulden machen darfst, um zu geben. Denke nur an die Witwe Luk. 10, denke nur daran, daß du ihr nachahmen und nicht bloß von deinem Vermögen, sondern auch dein Vermögen mußt geben können; wo nicht, so bist du der reiche Jüngling, der alle Gebote gehalten hatte, hernach aber offenbar ward, daß er das Geld anbetete, daß er nicht ins Himmelreich gehen könnte! Brüder, Brüder! Wer sein Herz nicht so von allem Irdischen losgerissen hat, daß er in jedem Augenblick bereit ist, arm zu werden, wer nicht arm werden und dabei vergnügt bleiben, wer nicht mit Freuden alles, alles opfern kann, o meine Brüder! der liebt den HErrn nicht über alles, dem ist der HErr nicht so gut, als ein Erbgut, der verachtet Ihn sehr, sehr, der ist Sein nicht wert, kein Gotteskind, kein Christ!


V.
 Nach alle dem wollen wir nur noch eine Frage ganz kurz beantworten: wie soll man geben? Soll man öffentlich geben oder heimlich? Antwort: öffentlich und heimlich, wie’s Gott schafft! Heimlich am liebsten, aber auch im Frieden Gottes öffentlich; denn wir thun öffentlich und heimlich nichts, als nur Gottes Willen, der allenthalben und auf jede Weise geschehen soll. Ferner sollst du geben mit Überlegung der Umstände, das ist, weislich, nicht bloß Geld sollst du geben, sondern auch die Zeit nicht scheuen, die es dich kostet, wenn du recht und nachdrücklich geben willst! Du sollst dem Armen sein Almosen nicht geben, wie dem Hund einen Brocken, und ihn dann laufen lassen, sondern du sollst ihn auch anleiten und beraten, wie ihm seine Armut und dein Geben am gesegnetsten werden könne; du sollst also mit weiser Liebe geben! Du sollst nicht geben aus fleischlicher Gutherzigkeit; denn fleischliches| Mitleid, angeborenes Erbarmen ist, weil es nicht Geist aus Geist geboren ist, doch nur Fleisch und verleitet zu Verschwendung, hindert auch die liebevolle Weisheit. Das anlangend ist’s ohne Zweifel größere Tugend, nach erkannter böser Absicht eines Bettelnden einen mannhaften Abschlag geben, als Almosen geben. Du sollst auch nicht geben, wie die Heuchler, als könntest du mit Almosen Vergebung deiner Sünden oder den Himmel verdienen. Dies ist ein schwerer Irrtum der sogenannten apokryphischen Bibel, daß sie lehren, Almosen versöhne die Sünde. Es ist eine Irrlehre der katholischen Kirche, von welcher wir erlöset sein sollten, die wir wissen, daß nicht durch das Verdienst unserer Werke, sondern allein durch das Verdienst eines leidenden und sterbenden Gottessohnes Vergebung der Sünden erworben werden sollte. Du sollst auch nicht geben wie die Heuchler, um Lohn und Dank: wenn du Menschenlohn und Dank suchst, arme Seele, da wirst du bald unbarmherzig werden, wenn du erkennen wirst, daß dich die Welt mit Undank lohnt.
.
 Bist du ein Christ, so vergiebst du, weil dein Herz mild geworden ist und du deine Lindigkeit allen Menschen willst kund werden lassen, weil dir geben seliger ist als nehmen, weil du nicht anders kannst, als lieben, und liebend nicht anders als geben, weil dir geben zur andern Natur geworden ist. Bist du ein Christ, so weinst du nicht, wenn du geben mußt, sondern wenn du versagen mußt! Geben wird dir leicht, weil dir dein Gott so viel vergeben und gegeben hat in Christo JEsu! Geben wird dir leicht, weil du so viel hast, daß du dich nie vergeben kannst; denn wenn du auch nichts mehr auf Erden hättest, so wäre das Himmelreich dein Reichtum, dein Gott, dein JEsus, dein Freudengeist, der Glaube, die Liebe, die Hoffnung dein Teil, dein überfließender Kelch. Ach, wenn du Ihn, deinen Gott und Heiland kennst, wenn du weißt, was und wie viel du an und in Ihm hast, dann hast du am liebsten immer volle Hände, als eines gütigen Gottes Kind bist du gütig! Du suchst nichts dahinter, aber du kannst nicht anders, du mußt allen Menschen freundlich sein, sei’s Heide, sei’s Jude, sei’s Christ. Ach! bist du ein| Christ, so teiltest du ja, wenn das an dir läge, gern mit allen Menschen deine Seligkeit, deinen Gott, deinen Heiland; wenn du aber den allen Leuten gönnest, ach dann, wie sollte dir das Geringere am Herzen kleben, wie könnte dich irdisches Gut gefangen halten?
.
 Wenn du aber freilich kein Christ bist, wenn du deine Taufgnade und deine neue Geburt verloren hast, wenn du ein blindes, selbstgerechtes, launenhaftes, vom Wind hin und her gewehtes Weltkind bist; nun, dann magst du’s machen, wie du’s willst, magst geben wie, was, wie viel und wem du willst; so ist und bleibt dein Geben ein Sündenkram, ein eitles Wesen, ein Greuel vor Gott, wie du und dein Herz auch; dann frag nur nicht so angelegentlich: was, wieviel, wem etc. muß ich geben, sondern dann hast du nötigere Fragen, frage dann: was giebt mir Gott? unter welchen Umständen giebt ER mir Seine Gnade, wie werde ich errettet von meinem eitlen Wandel nach väterlicher Weise, wie kann ich meinen Heiland empfangen, wie den heiligen Geist, wie selig werden? O höret, höret, wenn ihr Ohren habt: ehe man ein neues Herz empfangen hat, ehe man wiedergeboren ist, ehe man Buße gethan hat und im Glauben steht, wahre, ernste Buße gethan hat, im rechten lebendigen Glauben steht, kann man nicht recht, nicht gottwohlgefällig Almosen geben! O höret, höret! Ihr alle könnet Buße, Glauben, ein neues Herz, Christum JEsum in euer Herz empfangen, ihr alle könnet Kinder Gottes und barmherzige Leute werden: erkennet nur, daß ihr’s nicht seid, daß ihr’s erst werden müsset; ergebet euch nur dem Worte Gottes und dem heiligen Geiste, daß ER euch lehre und aus euch mache, was Ihm wohlgefällt! ER ist ja gütig, ER giebt zu gern, bittet nur; ER weiß, daß ihr zu Geben nicht geneigt sein könnet, bevor ihr Seine Gnade, Seinen Geist empfangen habt; aber empfanget ihn doch, den Geist der Gnaden! empfanget sie doch, die Gnade! Ja, bittet nur, daß ihr Macht und Buße empfanget, Gnade zu empfangen! So werdet ihr erhöret werden, der HErr wird solche Leute aus euch machen, die in Seinen Wegen wandeln, und ER wird euch auf Seine Wege führen, welche| für alle, die darauf wandeln, Friedenswege, Freudenstege und Heilspfade sind!

 O Vater! o Sohn! o heiliger Geist! Erhöre, erhöre, erhöre mich! Gieb mir und den Meinigen die Macht, abzusterben dem irdischen Wesen und Gotte und Deiner Güte zu leben, in ihr und durch sie zu leben! Wehre auch dem Teufel sein Werk, wenn ich nun diese Predigt halte, daß er nicht zwischen mir, meinem, das ist Deinem Worte und dem Herzen eine Mauer baue! Siege, König, o siege!

 Gott aber sei Dank für Seine unaussprechliche Gabe! (2. Kor. 9, 15.) Amen! Amen! JEsu! Amen.




« Am Sonntag Sexagesimä 1836 Wilhelm Löhe
Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres
Am Sonntag Sexagesimä 1837 »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).