RE:Aloadai, Aloeidai

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,2 (1894), Sp. 15901592
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Aloadai oder Aloeidai (Ἀλωάδαι, Ἀλωεῖδαι), die Söhne des Aloeus, Otos (Ὦτος) und Ephialtes (Ἐφιάλτης). Ihre Namen werden gewöhnlich vom Stampfen des Getreides (ὠθέω) und dem Keltern der Trauben (ἐφιάλλομαι) abgeleitet. Preller-Robert Gr. Myth. I 103. Die Ilias (V 385) nennt sie Söhne des Aloeus und erzählt, dass beide den Ares gefesselt und 13 Monate lang in ehernem Fasse (χαλκέῳ ἐν κεράμῳ) gefangen gehalten hätten. Ares wäre dort zu Grunde gegangen, wenn nicht Eeriboia, die Stiefmutter der Aloaden, dem Hermes die Haft verraten hätte, der den schon ganz hinsiechenden Gott aus seinen Banden befreite. Die Odyssee (XI 305, mit der Hesiod. frg. 29 Rz. bei Schol. Ap. Rh. I 482 übereinstimmt) substituiert statt des menschlichen einen göttlichen Vater, den Poseidon. Vgl. Steph. Byz. s. Βίεννος. Die Mutter ist Iphimedeia, die Gemahlin des Aloeus. Vgl. v. Wilamowitz Hom. Unters. 150. Die nahrungsprossende Erde (ζείδωρος ἄρουρα) nährte beide zu gewaltiger Grösse und herrlicher Schönheit; mit [1591] neun Jahren waren sie neun Ellen breit und neun Klafter hoch; und sie drohten den Göttern im Himmel, sie zu bekämpfen, denn sie hatten im Sinne, den Ossa und Pelion auf den Olymp zu türmen, um in den Himmel zu steigen. Und sie hätten das auch ausgeführt, wenn sie zur Reife der Jugend gelangt wären; aber Apollon tötete sie vor der Zeit. Iphimedeia, die Mutter der Aloaden, ist die Tochter des Triops (Apollod. I 7, 4) oder des Poseidon (Hyg. fab. 28); Eeriboia oder Eriboia, die Stiefmutter der Aloaden, heisst Tochter des Eurymachos, Enkelin des Hermes (Schol. Il. V 385). Während in der Odyssee die Aloaden von Iphimedeia geboren und von der Erde, dem Saatland, ernährt werden, nennt sie Eratosthenes bei Schol. Ap. Rh. I 482 Söhne der Erde (γηγενεῖς), die von dem Weibe des Aloeus aufgezogen wurden. Apollodor I 7, 4 verbindet die homerischen Sagen mit einigen Erweiterungen und Modificationen zu einem Ganzen. Iphimedeia ging aus Liebe zu Poseidon beständig ans Meer und schöpfte sich mit den Händen Wasser in den Busen, bis Poseidon mit ihr die beiden Söhne zeugte (bei Ovid. met. XI 116ff. überraschte Poseidon die Iphimedeia in Gestalt des thessalischen Flussgottes Enipeus). Sie wuchsen jährlich eine Elle in die Breite und einen Klafter in die Länge, und als sie neun Jahre alt waren, türmten sie den Ossa und Pelion auf den Olymp und drohten in den Himmel zu steigen (Hyg. fab. 28). Auch wollten sie das Land zu Meer und das Meer zu Land machen. Ephialtes strebte nach dem Besitze der Hera, Otos nach dem der Artemis (vgl. Schol. B zu Il. V 385). Den Ares fesselten sie bei dieser Gelegenheit, aber Hermes entführte ihn wieder; Ares floh darauf nach Naxos und verbarg sich in der sogenannten σιδηροβρῶτις πέτρα, Schol. B zu Il. a. a. O.; nach demselben Schol. fesselten ihn die Aloaden aus Zorn, weil er den Adonis auf der Jagd getötet hatte (die Verknüpfung der Aloaden mit der Adonissage weist nach Kypros, wo Steph. Byz. die Ὠτιεῖς· μοῖρα Κυπρίων erwähnt; sollten diese den Ὦτος als Eponymos verehrt haben? vgl. Preller-Robert Griech. Myth. I 105, 5), und Artemis gab den beiden Riesen durch List den Tod, indem sie in Gestalt einer Hirschkuh mitten zwischen ihnen durchsprang, worauf sie, mit den Speeren nach dem Tiere werfend, sich gegenseitig töteten (vgl. Pind. Pyth. IV 156 u. Schol.). Nach einer anderen Version sandte Artemis eine Hindin zwischen ihnen durch (Schol. Il. V 385. Eustath. p. 1687, 36. Apollod. I 7, 4). Nach Hyg. fab. 28 schickte Apollon, als sie der Artemis Gewalt anthun wollten, die Hindin. Vgl. Verg. Aen. VI 582 mit Servius. Ap. Rh. I 482. Kallimach. Hymn. auf Artem. 264. Paus. IX 22, 5. Quint. Smyrn. I 516. Philostr. Her. I 3; Vit. Soph. II 1. 2. In der Unterwelt wurden sie für ihren Frevel an den Göttern damit gepeinigt (Verg. Aen. VI 582), dass sie von einander abgekehrt mit Schlangen an eine Säule gebunden wurden, stets gequält durch das Geschrei einer auf der Säule sitzenden Eule (ὦτος). Hyg. fab. 28; vgl. Verg. Cul. 233. An diese von den Dichtern behandelten Sagen schliessen sich locale Überlieferungen anderer Art, in denen das ethnologische Element bedeutsam hervortritt. Die [1592] Aloaden sollen Aloïon in Thessalien gegründet haben (Steph. Byz. s. Ἀλώιον). Die Gründung der Stadt Alos wurde ihrem Vater Aloeus zugeschrieben (Hesiod. bei Ap. Rh. I 482). Auch die Stadt Askra am Helikon erbauten sie und gründeten daselbst den Dienst der Musen, Melete, Mneme und Aoide (Paus. IX 29, 1. 2; vgl. Robert in Prellers Griech. Myth. I 104, 5). Zu Anthedon zeigte man ihre Gräber (Paus. IX 22, 5). Auf Naxos wurden sie als Heroen verehrt. Diodor V 50ff. erzählt, dass auf Strongyle (Naxos) wohnende Thraker die Iphimedeia und ihre Tochter Pankratis (Pankrato bei Parthen. Erot. 19) aus Thessalien geraubt und Aloeus seine Söhne ausgesandt habe, sie zurückzuholen. Sie besiegten die Thraker und bemächtigten sich der Insel, die sie Dia nannten. Auch bei der Sage von der Fesselung des Ares ist es beachtenswert, dass Ares der Stammgott der den Thessalern feindlichen Thraker ist, die in allen Formen der Sage als Gegner der Aloaden auftreten. Eine auf Naxos gefundene Inschrift (CIG II 2420) erwähnt ein τέμενος des Otos und Ephialtes. Vgl. Plut. de exilio 9. v. Wilamowitz Homer. Unters. 150. Preller-Robert Griech. Myth. I 105, 1. Auch die mit dem Aloadenmythos sich vielfach berührende Butessage weist auf einen alten Zusammenhang zwischen Thessalien und der Insel Naxos hin. Vgl. Toepffer Att. Geneal. 114, 1. In Kreta befand sich ebenfalls ein Grab des Otos (Plin. n. h. VII 73. Serv. Aen. III 578). Hier soll Ares von den Aloaden gefesselt worden sein und zur Erinnerung daran das Hekatomphonienopfer erhalten haben (Steph. Byz. s. Βίεννος). Iphimedeia hatte in Mylasa in Karien einen Kultus (Paus. X 28, 8). Die einzelnen Züge des Aloadenmythos lassen eine vielfache Deutung zu, doch kennzeichnen sie im allgemeinen die Aloaden durch ihre Abstammung als tellurische und agrarische Daemonen, die sich zu Heroen des Landbaus und der daraus erwachsenen Kultur ausgebildet haben. Vgl. Welcker Kl. Schr. II 102. M. Mayer Giganten und Titanen (Berlin 1887) 41ff. Sie sind Städtegründer und Colonienführer geworden und scheinen als solche dem Ares in ähnlicher Weise entgegenzustehen, wie der thebanische Kadmos dem Aresdrachen. O. Müller (Orchom. 387) fasst sie als die mythischen Heerführer der thrakischen Colonien, die als Kanalgräber und Austrockner der versumpfenden Bergthäler erscheinen. Von dem befruchtenden Poseidon erzeugt, aus dem fruchtbaren Saatfelde erwachsen, von der nahrungsprossenden Erde zu herrlicher Schönheit und riesiger Grösse und Kraft üppig ernährt, treten sie dann hinüber auf die Seite der Wesen, welche wie die Titanen und Giganten in dem Gefühle ihrer Kraft oder wie Prometheus in dem natürlichen Übermute menschlicher Kultur sich trotzig und frevelnd gegen die olympischen Götter erheben und der verdienten Strafe nicht entgehen.