RE:Andania 1

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,2 (1894), Sp. 21162120
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Andania (ἡ Ἀνδανία). 1) Stadt im nordöstlichen Messenien, von welcher sich noch auf einem Bergvorsprunge drei Viertel Stunden entfernt vom Dorfe Sandáni Mauerruinen erhalten haben. E. [2117] Curtius (Peloponnesos II 132) fand im Mai 1840 die Reste auf, nachdem Gell (Itinerary of the Morea 69) die Deutung des heutigen Dorfnamens Sandáni auf (εἰ)ς Ἀνδανίαν gegeben hatte. Einen Plan dieser Mauern hat Curtius Pelop. II Taf. XXI mitgeteilt. Seitdem ist der heute Hellenikó genannte Burgberg leider wenig besucht worden; ein grösserer Plan und erneute Untersuchung der Ringmauern wären sehr erwünscht. S. Bursian Geogr. v. Griechenl. II 164. Stavros Oikonomaki τὰ σωζόμενα Ἰθώμης Μεσσήνης καὶ τῶν περίξ Kalamai 1879, 60. Lolling in Baedekers Griechenland (1888) 295. Die Burg liegt im Süden der Vorhöhen des hochaufragenden Hellenitzagebirges. Selbst versteckt, beherrscht sie vollständig den nördlichen Teil der messenischen Ebene, und jedem, der auf der alten Königsburg steht, wird die ähnliche Lage von Mykenai in den Sinn kommen, das ‚selbst versteckt das Tiefland mit seinen wichtigsten Punkten überschaut‘. Bei solcher ausgezeichneten Lage war es natürlich, dass A. in den Zeiten vor der dorischen Einwanderung die Königsburg der alten messenischen Herrscher war. Nach ihr wurde auch die obere messenische Ebene selbst A. genannt, Steph. Byz. Ἀ. πόλις Μεσσήνης ὁμώνυμος τῇ χώρᾳ (Curtius II 189. Sauppe Mysterieninschrift aus A. [Abhdl. d. Goett. Gesell. d. Wiss. VIII 1860] 32). In A., deren Namen ὑπὸ τῶν ἐξηγητῶν auf eine Frau Namens A. zurückgeführt wurde (Paus. IV 33, 6), residierte das Geschlecht der Polykaoniden (Paus. IV 1–3), und später, als die dorischen Könige Stenyklaros zu ihrer Residenz gemacht hatten, blieb sie noch als feste Burg nahe den Grenzen Lakoniens und Arkadiens von Bedeutung und stellte ein bedeutendes Contingent von Tapferen zum zweiten messenischen Kriege, darunter den Helden Aristomenes (Paus. IV 14, 7). Seit dem Ende des Krieges blieb die Burg in Trümmern liegen und wurde auch bei der Wiederherstellung Messeniens durch Epameinondas nicht wieder aufgebaut (Paus. IV 26, 6); aber unterhalb derselben bestand eine kleine Stadt (parvum oppidum inter Megalopolim Messenenque positum Liv. XXXVI 31) nicht nur im J. 191 v. Chr., wo T. Quinctius Flamininus daselbst mit dem achaeischen Feldherrn Diophanes (Liv. a. a. O.) zusammenkam, sondern auch zur Zeit des Strabon (VIII 339. 350), der sie zu Arkadien rechnet. Über die demokratische Verfassung dieser Stadt sind wir unterrichtet durch die im September 1858 an einem Καμαίραις genannten Ort, zehn Minuten entfernt vom Dorfe Konstantinoi, gefundene grosse Mysterieninschrift aus A., welche Sauppe mit einem meisterhaften Commentar a. a. O. ediert hat (Nachträge dazu von Conze und Michaelis Ann. d. Inst. 1861, 84. Foucart bei Le Bas Inscriptions grecques et latines II p. 161 nr. 326 a [Dittenberger Syll. 388]). Diese Inschrift gehört ins J. 91 v. Chr. und ist auch für die Verfassung A.s im 1. Jhdt. v. Chr. eine wertvolle Urkunde. An der Spitze der Verwaltung stand damals der Rat, ἁ γερουσία. Die Hauptbedeutung der Inschrift besteht aber darin, dass sie uns ein lebendiges Bild entwirft von der Organisation der andanischen Weihen. ‚In einer Zeit, in welcher die Geschichte hoch über den Häuptern der Griechen [2118] dahinschreitet, ohne ihre Städte und Staaten zu kennen und zu beachten, sehen wir doch im Innern der Gemeinden noch reges Leben sich bewegen, Ernst und Lust in reicher Fülle aus religiöser Quelle hervorströmen‘ Sauppe 57. Acht Stadien von der Burg lag nach Paus. IV 33, 5. 6 ein Karneasion (so oder Karneiasion die Inschrift, Καρνάσιον Pausanias, Sauppe 21) genanntes ἄλσος am rechten Ufer des Baches Charadros auf der Stelle einer alten Ortschaft Oichalia. In diesem Cypressenhain wurden zu Pausanias Zeit dem Apollon Karneios, dem Hermes Kriophoros, der Demeter und Kora Mysterien gefeiert, deren Ursprung in uralte Zeiten gelegt wurde, und die nach Pausanias früher in A. selbst ihre Stätte hatten. Pausanias (IV 1, 5–9) erzählt, dass Kaukon, der Sohn des Kelainos und Enkel des Phlyos, die heiligen Weihen aus Eleusis nach A. gebracht habe zu dem ersten Königspaar Polykaon und Messene (über Kaukon s. Toepffer Attische Genealogie 215). Später habe sie dann Lykos, Pandions Sohn, weiter ausgebildet. Man zeigte in der Nähe von A. ein Gehölz des Lykos (Λύκου δρυμόν), in dem Lykos die Mysten gereinigt habe (Paus. IV 1, 6). Ausser ihm schreibt Pausanias dann dem Athener Methapos (nach Kaibel Goett. Gel. Anz. 1892, 103 = Μέσσαπος, also ein Fremder) bedeutenden Einfluss auf die andanischen Weihen zu; er teilt als Zeugnis ein Epigramm mit, das nach Sauppes wahrscheinlicher Vermutung in der heiligen Hütte der Lykomiden zu Phlya unter dem Bilde des Methapos (Preger Inscriptiones graecae metricae nr. 155. Kaibel a. a. O.) stand. Wann Methapos gelebt hat, ist uns nicht überliefert. Sauppe, dem Toepffer Attische Genealogie 218 und O. Rubensohn Mysterienheiligtümer 135 zugestimmt haben, setzt ihn in die Zeit des Epameinondas, während auch die Möglichkeit offen bleiben muss, dass er ein Geselle des Onomakritos (Herm. XXV 12) war; ihm wird von Pausanias auch die Einrichtung der thebanischen Kabirmysterien zugeschrieben. Vorsichtig drückt sich Dittenberger Syll. 388 N. 26 aus. Nach den messenischen Kriegen kamen die Mysterien in Verfall. Erst zu Epameinondas Zeit gelangten sie zu neuer Blüte. Als Epameinondas das Werk der Neugründung Messeniens leitete, bei dem er vor allem auch die Erneuerung der alten Kulte im Auge hatte, erschien nach Paus. IV 26, 6 dem argivischen Feldherrn Epiteles ein Greis im Traume, der seinem Aussehen nach ganz einem Hierophanten glich; man glaubte, dass es Kaukon sei. Nach den Hinweisungen des Greises habe man dann auf der Ithome eine Hydria gefunden und in ihr auf zinnerner Rolle (κασσίτερος, s. Hiller von Gaertringen Festschrift des Gymnasiums zu Jauer 1890 S. 67, 1) die Weihe der grossen Göttinnen von A., welche Aristomenes dort einst vergraben haben sollte (Niese Herm. XXVI 13). Von dieser Weihe hat nun die grosse Inschrift, die sich noch heute eingemauert in der Kirche des Dorfes Konstantinoi befindet, neue Kunde gebracht. Sie hat bestätigt, dass die Weihen der Demeter, der Kora (bei Pausanias und in der Inschrift Hagna genannt), dem Apollon Karneios und dem Hermes Kriophoros gefeiert wurden. Als neue Kultgottheiten erscheinen in den Inschriften aber die μεγάλοι θεοί, welche Sauppe wohl mit [2119] Recht auf die Kabiren gedeutet hat, um deren Weihen sich Methapos ja auch in Theben verdient gemacht hatte. Toepffer (Att. Geneal. 220) versteht unter den μεγάλοι θεοί die Dioskuren, s. auch Rubensohn 137. Die Beziehung der andanischen Weihen zu den Mysterien von Eleusis tritt uns deutlich entgegen, mag nun die Sage Recht behalten, welche die Weihen durch Kaukon direct von Eleusis nach A. gelangen lässt, oder die moderne Forschung (Toepffer a. a. O.), welche auf den wichtigen Zusammenhang des Lykomidengeschlechts und seiner Gentilmysterien in Phlya mit A. hinweist. Das Mysterienfest, von dem die Inschrift spricht, fällt nach Sauppe 54 in den Anfang des August. Die oberste Leitung der Feier hatten die Zehnmänner, οἱ δέκα, welche von dem Volke gewählt wurden. Sie stehen an der Spitze der ἱεροί, über deren Zahl die Inschrift nichts ausgiebt. Es waren offenbar vornehme Bürger, welche durch das Los für ein Jahr gewählt wurden, um die strenge Erfüllung der Mysteriengebräuche zu überwachen. Mit dem Eid, den sie vor dem γραμματεὺς τῶν συνέδρων abzulegen haben, beginnt die Inschrift: ὀμνύω τοὺς θεοὺς, οἷς τὰ μυστήρια ἐπιτελεῖται, ἐπιμέλειαν ἕξειν, ὅπως γίνηται τὰ κατὰ τὰν τελετὰν θεοπρεπῶς καὶ ἀπὸ παντὸς τοῦ δικαίου, καὶ μήτε αὐτὸς μηθὲν ἄσχημον μηδὲ ἄδικον ποιήσειν ἐπὶ καταλύσει τῶν μυστηρίων μηδὲ ἄλλωι ἐπιτρέψειν κτλ. Auch heilige Frauen (ἱεραί) werden durch das Los bestimmt. Die Aufsicht über sie führt der γυναικονόμος. Ausserdem begegnet uns noch ein reiches Beamtenpersonal: οἱ πέντε die Verwalter der Kasse, ὁ ἐπιμελητής, ὁ ἀγωνοθέτης, ὁ ἱεροθύτης, ὁ κᾶρυξ, αὐληταί, μάντις, ἀρχιτέκτων, βαλανεῖς, ὑπηρεσίαι. Das Priesterpersonal, zu dem die ἱεροὶ herüberleiten, besteht aus folgenden. Gemeinschaftlich für alle in den Mysterien gefeierten Götter amtiert der ἱερεὺς τῶν θεῶν οἷς τὰ μυστήρια γίγνεται, den die ἱεροὶ vereiden. Denselben Rang nimmt die ohne nähere Bezeichnung genannte {{Polytonisch|}ἱέρεα} ein. Es kommen sonst noch vor ἱέρεα τοῦ Καρνείου, ἁ θοιναρμόστρια ἁ εἰς Δάματρος καὶ αἱ ὑποθοιναρμόστριαι αἱ ἐμβεβακυῖαι (A. Wilhelm Athen. Mitt. XVI 354), eine Priesterin der Demeter ἐφ’ ἱπποδρόμῳ und eine der Demeter von Aigila. Eine ganz besondere Stellung kommt dem mehrfach erwähnten Mnasistratos zu: er hat den ersten Platz im Festzuge und geniesst auch sonst allerlei Vorrechte. Sehr wahrscheinlich ist also auch diese Vermutung Sauppes, dass Mnasistratos bei einer Neugestaltung der Weihe das Priestertum an den Staat abtrat und ihm die heilige Urkunde (βιβλία, ἀρχαῖα ἔγγραφα) übergab, die sein Geschlecht bisher verwahrt hatte. Denn vielleicht gehörte Mnasistratos zu dem Priestergeschlecht, dessen Abkömmlinge nach Pausanias IV 27, 5 bei der Wiedergeburt Messeniens durch Epameinondas zurückgekehrt waren und damals den Inhalt der κασσίτεροι in Bücher übertragen hatten. Unsere Inschrift ist die erste Mysterienordnung des Staates, der von nun an über die Ausführung der heiligen Weihen und Opfer wacht (Sauppe 55). Über den Inhalt der Mysterien versagt leider auch hier litterarische Überlieferung und Inschrift. Aber soviel lernen wir aus der Inschrift, und das hat Sauppe natürlich auch sofort aus ihr geschlossen, dass das [2120] ganze Fest in zwei Teile zerfiel, in den religiösen (die δρώμενα wie in Eleusis) und in den weltlichen. Im ersten Teil fanden die heiligen Weihen und Opfer statt, der zweite bestand aus Festschmaus und Lustbarkeit in einem dazu errichteten Zeltlager. Über die Sitte des σκανοπαγεῖσθαι, wie dies Zeltaufschlagen in der Athen. Mitt. XV 406 mitgeteilten Inschrift aus Kos genannt wird, hat Toepffer Mitt. a. a. O. 414 gehandelt. Auch auf Vorstellungen im Theater weist die Erwähnung eines Theaters in der Inschrift.

[Kern.]

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Band S XII (1970), Sp. [S_XII 71]
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S. 2116ff. zum Art. Andania:

Zu A. neu vor allem Fr. Hiller v. Gaertringen–H. Lattermann Hira und Andania, 71. Winckelmannsprogr. Berlin 1911. Die richtige Lage von A. an der Stelle Divari etc. etc.