RE:Apollonios 98

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II,1 (1895), Sp. 146148
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98) Apollonios von Tyana, pythagoreischer Philosoph und Wunderthäter des 1. (1/2?) Jhdts. n. Chr. Die Biographie des Philostratos, im Auftrag der Kaiserin Iulia Domna verfasst (I 3), ist von keiner philosophischen oder religiösen Tendenz beeinflusst, wohl aber von der Absicht, den A. gegen den Vorwurf der Magie zu verteidigen und ihn nach der Art eines wandernden Sophisten darzustellen, vgl. Philol. N. F. V 137ff. Die zahlreichen weit ausgesponnenen Reden und Unterredungen behandeln sophistische, vielfach auch sonst von Philostratos besprochene Themen. Als Hauptquelle (auch für die Reden, vgl. I 19) werden die ὑπομνήματα des Damis angeführt, des aus ‚Ninos‘ stammenden Jüngers des A. Als unecht erweisen sich dieselben abgesehen von der Art der Einführung (I 3) durch zahlreiche historische und geographische Fehler; es ist entweder eine Fiction des Philostratos oder (wahrscheinlicher) die Fälschung eines Betrügers anzunehmen. Nach Philostratos wurde A. zu Tyana geboren, ca. 3 v. Chr. (vgl. Olearius ad vit. Ap. I 12). Er wurde in der Rhetorik und in der Philosophie unterrichtet und wandte sich alsbald ausschliesslich der pythagoreischen Lehre zu, trat auch in Beziehung zu dem Asklepiosheiligtum zu Aigai. Auf seinen Reisen kam er zu den Magiern ,in Babylon‘, zu den Gymnosophisten in Indien, zweimal nach Italien, nach Spanien, nach Aithiopien zu den dortigen ,Gymnosophisten‘. Zu Rom wurde er unter Nero von Tigellinus verhört, unter Domitian ins Gefängnis geworfen, dann von dem Kaiser verhört, worauf er aus dem Gerichtssaal wunderbar verschwand. Freundschaftliche Beziehungen hatte A. zu Vespasian, Titus und Nerva. Er war Gegner des Philosophen Euphrates, Freund des Musonios. Er starb unter Nerva, den Ort seines Todes weiss Philostratos nicht sicher anzugeben. A. gab allgemein moralische Belehrungen, ermahnte zum Festhalten an den überlieferten hellenischen Gebräuchen, sorgte für den Dienst der Götter; besondere Verehrung zollte er selbst dem [147] Helios. Seine übermenschlichen Fähigkeiten erwiesen sich durch Weissagen (I 10. IV 4. 34. VI 32, VIII 26 u. ö.), Daemonenaustreibungen (IV 20. 25. VI 27), Vertreibung einer Pest (IV 10), Erweckung einer (Schein- ?) Toten (IV 45), plötzliches Erscheinen an einem entlegenen Orte (IV 10. VIII 10). Er war Astrolog (III 41).

Bei der Unzuverlässigkeit aller Angaben dieser Biographie verdient die von Philostratos unabhängige Überlieferung besondere Beachtung. Gleichzeitige Nachrichten fehlen; die ersten flüchtigen Notizen geben Luc. Alex. 5 und Apul. de mag. 90 (Lesung zweifelhaft). Abweichend in Beziehung auf die Lebenszeit setzt Chron. Alex. seinen Tod auf 123 n. Chr. (Verwechslung mit Euphrates? vgl. Hieron. z. J. 98 u. 123 n. Ch.), Malal. p. 266 ed. Bonn, nach Domninos seine Lebensdauer auf 34 J. 8 Mon. Caracalla liess dem A. ein ἡρῷον bauen (Dio Cass. LXXVII 18); Alexander Severus verehrte auch den A. in seinem Lararium (Hist. Aug. Alex. Sev. 29); dem Aurelian, welcher sein Bild schon in vielen Tempeln gesehen hatte, erschien A. im Traume und mahnte ihn mit Erfolg davon ab, Tyana zu zerstören (Hist. Aug. Aurel. 24); zu Ephesos wurde A. unter dem Namen Herakles Alexikakos verehrt (Hierocl. bei Lactant div. inst. V 3); von Anbetern des A. spricht Eunap. v. Chrys. p. 189. Eine Münze mit seinem Bilde (Contorniate) s. bei Baumeister Denkm. I 109.

Über Lehre und Wirksamkeit geben die angeblichen Briefe sowie das einzige in griechischer Sprache erhaltene Fragment einer Schrift des A. (s. u.; echt? A. verbot, dem ‚grossen, über allen stehenden Gott‘ zu opfern, welcher nur durch den νοῦς zu verehren sei) kein von der Biographie des Philostratos wesentlich verschiedenes Bild; Dio Cass. LXVIII 18 erzählt die auch von Philostratos (VIII 26) berichtete Vision des A. (Ermordung des Domitian). Sonst wird A. mit Entschiedenheit als μάγος bezeichnet, so bei Apul. a. a. O., bei Moiragenes, einem Biographen des A. (s. d.), vgl. auch Luc. a. a. O.; zahlreiche Notizen erwähnen Τελέσματα des A., welche auch nach dessen Tode wirksam geblieben sein sollen, so Eus. c. Hier. c. 44. Ps.-Iustin qu. ad orthod. 24. Isid. Pelus. I ep. 398. Phot. Bibl. c. 44 p. 10a 18 B.; über die τελέσματα des A. zu Byzanz und Antiochia insbesondere Hesych. Miles. patr. Cpol. 25, FHG IV 151 a. Malal. p. 263. Cedr. I p. 346. 431. Tzetz. chil. II 60, 925ff. Nicet. Chon. d. stat. Cpol. 8. Niceph. Call. III 11, Notizen aus arabischen Quellen bei Leclerc Journ. asiat. VI 14 (1869) 111ff.; vgl. Philol. N. F. V 581ff. In unmittelbare Beziehung zum Christentum wird A. gesetzt von Synkell. I p. 646 ed. Bonn. Abul Pharaji hist. dyn. 75, mit Moses und Hermes Trismegistos in eine Linie gestellt in den χρησμοὶ τῶν Ἑλληνικῶν θεῶν (Buresch Klaros 108). Eine Parallele zwischen A. und Christus zog der dem Christentum feindliche Hierokles von Nikomedien (s. d.); gegen ihn die erhaltene Schrift des Eusebios (abgedruckt in den Ausgaben des Philostratos) und Lactant a. a. O., wahrscheinlich auch gegen ihn Makar. Magnes ed. Blondel p. 52. 65ff. Als sicher darf gelten, dass A. pythagoreischer Philosoph hat sein wollen und dass [148] er sich zum lebendigen Gegenbild des Pythagoras, so wie er ihn auffasste, gemacht hat; auch seine Fürsorge für die Götterverehrung, seine Vorliebe für hellenische Kultur sind wohl historische Züge. Mit Wahrscheinlichkeit ist gegen Philostratos anzunehmen, dass A. sich mit magischen Künsten befasste, was jedoch nicht nötigt, ihn als Betrüger anzusehen.

Schriften des A. nach Suidas : 1) τελεταὶ ἥ περὶ θυσιῶν (frg. bei Eus. pr. ev. IV 12, vgl. Porph. de abst p. 163, 15 Nauck². Philostr. v. A. IV 19), 2) διαθήκη (vgl. Philostr. I 3), 3) χρησμοί (auf ehernen Säulen zu Byzanz eingegraben, Codin. de sign. Cpol. p, 54 Bonn.), 4) ἐπιστολαί, 5) Πυθαγόρου βίος, wahrscheinlich benützt von Porphyrios und Iamblichos (Rohde Rh. Mus. XXVI 554ff. XXVII 23ff.}. Dazu noch 6) ὕμνος εἰς μνημοσύνην (Philostr. I 24), 7) περὶ μαντείας ἀστέρων (III 41), 8)(?) δόγματα Πυθαγόρεια (VIII 19). Die Apologie VIII 7 ist ein Machwerk des Philostratos (Rohde Rh. Mus. XXVII 55 gegen Cobet Mnemos. VIII 150ff.). Allein erhalten sind Briefe, eine Sammlung von 77 Briefen (darunter 53. 59. 62 nicht dem A. zugehörig), mit den von Porph. de styge bei Stobaeus I p. 70, 10 Wachsm. und von Stobaeus im Florilegium angeführten abgedruckt in den Ausgaben des Philostratos; beizufügen sind noch 3 bei Ps.-Joann. Dam. Stob. II 191. 263 Wachsm. Eine andere Sammlung als die genannte hat auch Philostratos vorgelegen, welcher öfter (vgl. Kayser ed. min. ind. III) Briefe des A. citiert und eine Sammlung derselben erwähnt (VIII 20). Die Echtheit der Briefe muss dahingestellt bleiben. Über vielleicht echte Schriften und Fragmente des A. (Balinas; dass A. von Tyana gemeint ist, kann kaum bezweifelt werden) s. Leclerc a. a. O. Steinschneider ZDMG XLV 439ff. Gottheil ebd. XLVI 466 ff. Duval Journ. asiat IX 1 (1893) 178.

Die ältere Litteratur, von der Vergleichung des A. mit Christus beherrscht, bei Olearius Philostr. XXXIff. Ersch und Gruber Enc. s. v. F. C. Baur A. und Christus, oder das Verhältnis des Pythagoreismus zum Christentum, Tübinger Ztschr. f. Theol. 1832. Gegen Baur Nielsen A. fra Tyana, Kopenhagen 1879. Die übrige neuere Litteratur bei Göttsching A. v. T., Leipz. Diss. 1889, vgl. dazu noch Keim Rom und das Christentum, Berl. 1881, 59ff. J. Réville La religion à Rome sous les Sévères, Paris 1886, 210ff.

Die Notiz des Suid. (nach Ἀγρέσφων περὶ ὁμωνύμων) Ἀ. ἕτερος Τυανεὺς γεγονὼς ἐπὶ Ἀδριανοῦ βασιλέως ist wohl auf die Unsicherheit bezüglich der Zeitverhältnisse des A. (s. o.) zurückzuführen.

Nachträge und Berichtigungen

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Band S I (1903), Sp. 110111
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98) Apollonios von Tyana. Zu der von Philostratos unabhängigen Litteratur beizufügen: Lucian. Demon. 31. Neuere Litteratur: über die Beziehungenen zur Zeitgeschichte am besten I. Müller De Philostrati in componenda mem. Ap. T. fide Progr. Ansbach 1858, Landau 1859. 1860. v. Gutschmid Kl. Schr. III 51f. 56ff. V 543ff., vgl. W. Schmid Jahrb. f. Philol. CXLIX (1896) 93ff. E. Strazzeri A. di T. e la chronologia dei suoi viaggi. Terranova 1901, vgl. Wochenschr. f. kl. Ph. 1902, 318f. G. R. S. Mead A. of Tyana, London [111] 1901. B. Gildersleeve Essays and Studies 1890. (Die letztere Schrift dem Verfasser nicht zugänglich).