RE:Aristobulos 15

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II,1 (1895), Sp. 918920
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15) Verfasser einer mehrbändigen Erläuterung des Pentateuchs (τῶν ἱερῶν νόμων ἑρμηνείας), woraus Clemens Strom. I 410f. VI 755f. u. ö., Anatolios (bei Euseb. h. eccl. VII 32, 16) und Eusebios pr. ev. VII 323 d f. VIII 376 a ff. XIII 12, 663 d ff. u. ö. grössere Stücke ausgeschrieben haben. Er suchte in der Weise des Ps.-Aristeas und des Philon die historischen Erzählungen der Bücher Mosis allegorisch (φυσικῶς) umzudeuten und zugleich wie Ps.-Aristeas und etwa Numenios von Apameia die Abhängigkeit der griechischen Weisheit von dieser neu erschlossenen jüdischen nachzuweisen und dies durch Citate zu belegen. Für Homer, Hesiod, Orpheus und Linos, Pythagoras, Platon und die Peripatetiker sind derartige Beweise von ihm, zum Teil in ausführlichen Citaten, erhalten. Dabei citierte A. aber nicht einfach den wirklichen Wortlaut, sondern half den unvollkommen ausgedrückten Gedanken mit bessernder Hand nach, um die διάνοια herauszuschälen, καθὼς δεῖ, und so schlagender die Gleichartigkeit mit der jüdischen Lehre zu zeigen, und zwar half er gerade da nach, wo es auf den Ausdruck ankam: in einem Falle (Euseb. 666 d) erfahren wir noch, wie A. sich ganz unbefangen zu diesem Verfahren bekannt hat. Trotzdem hat neuerdings Freudenthal Hellenist. Studien I 167f. angenommen, in allen übrigen Fällen sei A. der Betrogene gewesen, nicht der Betrüger: er muss ihm damit ein grosses Mass von Leichtfertigkeit und Thorheit zutrauen, wenn A. keinen Schriftsteller ausser Arat selbst nachschlug und nicht einmal den überlieferten Wortlaut Homers verglich. Weiter geht Elter, der (Akad. Progr. Bonn 1894 = Gnomica III 155ff.) mit älteren Gelehrten das ganze Werk für ein Falsum erklärt, unter dem altehrwürdigen Namen (etwa wie die Ps.-Phokylidea) im 3. Jhdt. n. Chr. geschrieben; er glaubt aus der Überlieferung der Orphika das Werk als letzte Etappe einer ganzen Reihe von fortgesetzten Fälschungen erweisen zu können. Auch hiergegen spricht das Selbstbekenntnis des Verfassers; anders Zeller V³ 259ff.

Zweifelhafter ist, ob A. die für seinen ganzen Nachweis notwendige These, längst vor den Perserkriegen habe es bereits eine griechische Übersetzung der Bücher Mosis gegeben, selbst erfunden oder einem andern entlehnt hat. Eine Vorlage des A. ist aber sicher nicht (trotz Freudenthal 167) der Aristeasbrief gewesen; denn die wirkliche Übersetzung bringt A. zwar fälschlich wie Ps.-Aristeas mit Demetrios von Phaleron in Verbindung, weiss aber noch nichts von der Legende der Septuaginta oder genauer der [919] 72 Übersetzer und nichts Genaueres von der Wirksamkeit des Demetrios im einzelnen. Da dies in dem pseudepigraphen Briefe ausgemalt und mit angeblichen Documenten belegt ist, so muss A. unabhängig von ihm und ohne Zweifel auch älter sein. Auch die romanhafte jüdische Geschichte des Artapanos hat A. nicht vor Augen gehabt, wie Freudenthal 168 Anm. an einem Beispiele (Euseb. pr. ev. 432 a. 664 a) bewiesen, aber selbst nicht geglaubt hat; und ebensowenig ist eine Spur davon erhalten, dass A. die Ps.-Phokylidea benützt hätte. Dadurch wird wahrscheinlich, dass A. nicht viel später als 100 v. Chr. geschrieben hat, freilich auch kaum erheblich früher wegen der dreisten Fälschungen. Sein Werk war einem Ptolemaios gewidmet, bei Clemens einmal dem ‚Philadelphos‘, nach Anatolios ihm und seinem Vater, nach Eusebios und Clemens dem Philometor. Das interpolierte Widmungsschreiben des zweiten Makkabaeerbuches, das dem Auszuge aus Iasons Geschichtswerke vorgesetzt ist, vermutlich erst in christlicher Zeit, richtet sich an einen A., den Lehrer des Philometor; ohne Zweifel ist darunter Philometor I. (181–146) verstanden; und so setzt Eusebios chron. II 124 Sch. den A. in das J. 176 v. Chr., und diesem Ansatze sind die meisten neueren Gelehrten gefolgt. Allein Homerfälschungen einem Protector der Homerstudien in Alexandreia zu widmen, war unmöglich: diesem Ansatze gegenüber ist der Zweifel an der Echtheit des ganzen Werkes berechtigt trotz ihrer glänzenden Verteidigung durch Valckenaer (De A. Iudaeo, philosopho peripatetico Alexandrino, ed. Luzac Leiden 1806 und Gaisford Euseb. pr. ev. IV 343–458). Man könnte meinen, dass A. selbst den Adressaten Ptolemaios überhaupt nicht genauer bezeichnet habe; nannte er ihn aber Philometor, so wird man an Philometor II. Lathyros (117–81) zu denken haben, dessen Vater Ptolemaios Physkon den gelehrten Studien in Alexandreia ein Ende gemacht und dafür einen Homerkultus eingeführt hatte. Derselbe Philometor erhielt den Beinamen Philadelphos bei seiner letzten Rückkehr auf den Thron (89/8), doch kann A. diesen Namen schwerlich schon gekannt und gebraucht haben, wenn die Anrede Euseb. 664 b wörtlich wiedergegeben ist. Also wird A. um 100 v. Chr. in Ägypten oder auf Kypros sein Werk überreicht haben, falls nicht jede genauere Bestimmung haltlos ist. Er gehört zu den Vermittlern orientalischer und occidentalischer Kultur, wie z. B. auch der Verfasser der ‚Weisheit Salomons‘; in griechischer Litteratur und Sprache war er gut zu Hause und hatte wohl auch den Stoikern die allegorisch-physikalische Interpretation abgelernt; tiefere philosophische Studien sind bei ihm wahrscheinlich, aber die Überreste gestatten keinen tieferen Einblick in sein Wissen und seine Lehranschauungen. Grundlos nennen ihn die alten und die meisten modernen Gelehrten einen jüdischen Peripatetiker: man müsste schon einen sehr weiten Begriff dieser Bezeichnung zulassen, wenn sie nicht unmöglich sein soll; auch der Lehre des Peripatos stellte A. die Worte Salomons als besser und klarer(!) gegenüber und fühlte und nannte sich selbst einen Israeliten: darauf geht ἡ καθ’ ἡμᾶς αἵρεσις (Eus. 666 d), deren theologischer Grundanschauung alle [920] Philosophen zustimmen, und deren Ausfluss das ganze jüdische (καθ’ ἡμᾶς) Gesetz ist.

Die Litteratur über A. ist gross; es wird genügen, auf Susemihls Zusammenstellung zu verweisen: Gesch. d. Gr. Litt. i. d. Alex.-Zeit II 629, 45; vgl. 604ff. 629–634 und Schürer Gesch. d. jüd. Volkes II 760ff. 899ff.