RE:Aristobulos 14

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II,1 (1895), Sp. 911918
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14) Aristobulos (C. Müller Script. rer. Alex. 94–113. Susemihl Gr. Litt.-Gesch. I 540f.), A.s Sohn (Arr. VI 28, 2), wahrscheinlich aus einer Stadt der Chalkidike stammend, später – nach 316/5 – Bürger der von Kassander an Stelle Potidaias gegründeten Stadt Kasandreia (ὁ Κασανδρεύς (Plut. Dem. 34. Athen. II 43 d. VI 251 a. Ps.-Luc. macrob. 22), schrieb ein historisches Werk unbekannten Titels über Alexander, an dessen Feldzügen er selbst teilgenommen hatte (Arr. prooem., vgl. u.). Das Buch ist von Arrian benützt, um daraus die Geschichte des Ptolemaios zu ergänzen und nach seiner eigenen Angabe (prooem. V 7, 1. VII 15, 6) neben dieser seine Hauptquelle, ferner hat es Strabon vielfach ausgeschrieben, besonders in der Beschreibung Indiens im XV. Buch, seltener zieht Plutarch es heran, der sich lieber, und mit Recht, an originalere Berichterstatter wie Chares und Onesikritos hielt. Spuren A.s sind auch bei Curtius nachzuweisen, vgl. VIII 6, 12–17, wo die vulgäre Version und die A.s (Arr. IV 13, 5) contaminiert sind, und VIII 1, 50. 51, eine Darstellung, die eine ins Gegenteil verzerrte Entstellung der aristobulischen (Arr. IV 8, 9) ist, wie Kaerst Forsch. z. Gesch. Alex. 61. 57 mit Recht annimmt; endlich ist IV 17ff. der erste Briefwechsel zwischen Alexander und Dareios, von kleinen Verschiebungen abgesehen, im wesentlichen ebenso wie Arr. II 14, 1ff. erzählt, und da diese Partie bei Arrian nicht zu den λεγόμενα gehört, Ptolemaios aber auch nicht zugetraut werden kann, so bleibt nur übrig, das in der Concordanz enthaltene x A. zu nennen.

Es ist nicht ganz einfach, die Reste A.s, die ausser den Citaten in den erhaltenen Geschichtschreibern Alexanders stecken, herauszuholen. Arrian, der zunächst in Frage kommt, hat sein Buch wesentlich auf dem des Ptolemaios aufgebaut und A. im Grunde nur darum mitbenutzt, weil die officielle Kürze des ehemaligen Generals viele interessante Dinge, mit denen sich die vulgäre Tradition eifrig beschäftigte, nur streifte oder ganz überging. So sind aus ihm nur Trümmer und einzelne Stücke, zwischen denen der Zusammenhang fehlt, zu gewinnen. Die aristobulischen Partien verraten sich in der Regel durch ihren mehr geographischen, schildernden Inhalt und durch den lebhafteren Ton, der zu dem Bulletinstil des Ptolemaios nicht passt, am deutlichsten durch die Unterbrechung des Zusammenhangs zwischen den militärischen Operationen. Doch ist ein reinliches Auseinanderschneiden der arrianischen Darstellung in vielen Fällen unmöglich, da er beide Quellen in einander geleitet hat und eine Analyse nur an den nicht sehr häufigen Stellen, wo die Contamination zu Discrepanzen und Dittographien geführt hat, mit Erfolg einsetzen kann. Endlich macht noch ganz besondere Schwierigkeiten, dass Arrian gelegentlich [912] A. mit den Formeln der λεγόμενα einführt: das unbedingt beweisende Beispiel ist die Übereinstimmung von VII 20, 1 (λόγος κατέχει) mit dem Citat Strabons XVI 741. Die Concordanzen mit Plutarch, der Ptolemaios nicht kennt, beweisen freilich für A. (vgl. das Citat VII 18 mit Plut. Al. 73 von ἔπειτα μηνύσεως – οὐδὲν ἠδίκησεν), wenn sie genau sind, aber das sind sie, wie gesagt, sehr selten, und diejenigen, welche auf λεγόμενα Arrians treffen, können zwar auf A. zurückgehen, brauchen es aber nicht und nützen daher nichts. Die nicht aus Kleitarch entlehnten Partien des Curtius, die sich zu Arrian stellen, helfen auch nicht weiter, da sich nie bestimmen lässt, ob sie aus A. oder Ptolemaios herrühren. Am wichtigsten ist Strabon, der neben Onesikritos, Nearch, Megasthenes, Eratosthenes wesentlich A. benützt hat, dagegen nicht Ptolemaios, der geographisch zu wenig ausgab – das Citat VII 30, 1 ist übernommen, wahrscheinlich aus Poseidonios –, und auch nicht Kleitarch – er fehlt unter den οἱ μετ’ Ἀλεξάνδρου στρατεύσαντες XV 702 und wird erst viel später in einem Anhang citiert XV 718, längere Citate fehlen überhaupt gänzlich –, so dass aus Strabon und Arrians letzten drei Büchern sich die Geschichtsdarstellung A.s vom Beginn des indischen Feldzugs bis zum Tode Alexanders zwar nicht lückenlos, aber doch in solchem Umfange, dass ein Urteil möglich ist, wiederherstellen lässt (vgl. meinen demnächst erscheinenden Aufsatz ,Zu den Geschichtschreibern Alexanders‘); für die Zeit vor 326 sind nur vereinzelte Bruchstücke wiederzugewinnen; um so ergiebiger ist da die Interpretation der Citate.

Auf Grund dieser Kriterien weise ich nun zunächst bei Arrian, von den directen, in die Sammlung der Fragmente aufgenommenen Citaten absehend, A. folgende Partien zu. I 11, 2 (von καὶ ἐν τούτῳ an) = Plut. Al. 14 über das schwitzende Bild des Orpheus; dass das Vorkommen des Sehers Aristandros, einer sehr bekannten Persönlichkeit, Ptolemaios verrate, ist von Luedeke (De fontibus quibus usus Arrianus anabasin composuit, Lpz. Stud. XI 61ff.) in Verfolgung einer Vermutung, die Rohde auf Arr. IV 15, 8 fussend ausgesprochen hatte (Rh. Mus. XXXVIII 302), behauptet, aber mit Unrecht, da sein Beweis auf der irrtümlichen Voraussetzung beruht, dass Arrian nicht contaminiert hätte. I 12, 8 die Aufzählung der persischen Heerführer, denn Atizyes fehlt, der an der höchst wahrscheinlich aus Ptolemaios entnommenen Parallelstelle II 11, 8 erwähnt wird. I 13, 2–5 = Plut. Al. 16 der Wortwechsel mit Parmenion vor der Schlacht am Granikos. I 16, 7 = Plut. Al. 16 das Weihgeschenk Alexanders an Athena. I 26, 4 die Abkunft der Sideten, auf solche Dinge liess sich Ptolemaios nicht ein; ferner ergiebt die Darstellung Arrians, nach der Alexander über Side nach Sillyon und Aspendos gezogen wäre, einen geographischen Fehler, da Side östlich von Aspendos liegt, so dass klar ist, dass Arrian die Notiz aus A. an falscher Stelle in den Marschbericht des Ptolemaios einfügte. II 3 der gordische Knoten, der Anfang des Kapitels schliesst an I 29, 5 nicht genau an. II 5, 2–4 = dem Citat Strab. XV 672. Schol. Ar. Vö. 1022 = Suid. s. Σαρδανάπαλλος. Athen. XII 529 e (s. u.) das Grab des Sardanapal in Anchialos. [913] II 14 der Briefwechsel zwischen Alexander und Dareios, den ich wenigstens Ptolemaios nicht zutraue, um so weniger, als der Anfang ἔτι δὲ ἐν Μαράθῳ Ἀλεξάνδρου ὄντος zu dem Vorhergehenden nicht passt. II 18, 1 = Plut. Al. 24 (vgl. Curt. IV 2, 17) Alexanders Traum vor der Belagerung von Tyros. II 25, 1–3 = Plut. Al. 29, nachträglich eingeschoben, der zweite Briefwechsel zwischen Alexander und Dareios (vgl. das Nähere über diese Geschichte in dem oben erwähnten Aufsatz). II 3. 4 abgesehen von den zwei Varianten aus Ptolemaios; namentlich die Beschreibung der Oase, die ersichtlich Kleitarch entlehnt ist (s. u.), kann nicht auf Ptolemaios zurückgeführt werden. III 11, 3–7 die persische Aufstellung bei Gaugamela; die officiellen Berichte waren viel kürzer gewesen, und A. wollte seiner Ausführlichkeit urkundlichen Charakter vindicieren durch die Bemerkung, dass die persische Ordre de bataille nach dem Sieg aufgefunden sei. Die Schlachtbeschreibung selbst ist wenigstens zu Anfang contaminiert, da 13, 1–4 eine Dittographie von 14, 1 ist; vermutlich gehört das ausführlichere Stück A., vgl. meinen Aufsatz a. a. O. III 27, 4. 5 der Zug gegen die Euergeten; dass eingeschoben ist, beweist die Verwirrung, die Arrian mit den Δράγγαι (III 28, 1) und Ζαραγγαῖοι (III 25, 8) angerichtet hat, vgl. meinen Aufsatz. III 29, 2–4 Beschreibung des Amu-Darya und wie Alexander ihn überschritt; 2 ist gleich dem Citat Strab. XI 509, zu der Angabe der Breite vgl. Strab. XI 518; mit der Beschreibung übernahm Arrian die von ihr schwer abzulösende Erzählung des Übergangs, um dann zurückgreifend 29, 5 den Bericht des Ptolemaios wiederaufzunehmen. IV 1–4 (– καὶ ἐν τούτῳ) die Gesandtschaft der Abier und der ‚europaeischen‘ Skythen und der Plan, eine Stadt am Syr-Darya zu gründen; für den aristobulischen Ursprung von 1. 2 spricht der Inhalt (vgl. Aristobul. Strab. XVI 741. Arr. VII 20) und die auf der Identification des Syr-Darya mit dem Tanais (vgl. III 30, 7 und meinen Aufsatz) beruhende Bezeichnung der Skythen jenseits des Syr-Darya als europaeische, in 4 ist ferner die den Zusammenhang unterbrechende Fuge kaum zu erkennen. IV 6, 6. 7 über die in der Sandsteppe versiegenden Flüsse Centralasiens, besonders den Serafschan, gleich dem Citat Strab. XI 518, vgl. 514. IV 15, 1–6 die zweite Gesandtschaft der Skythen; die falsche geographische Vorstellung tritt hier recht grell hervor. Über die Spuren A.s in IV 28 und 30 vgl. meinen Aufsatz; ebenda ist auch die Analyse der arrianischen Darstellung von den indischen Feldzügen gegeben, so dass ich mich hier mit einer summarischen Angabe der Stellen begnüge: VI 2, 1–6 (dazu gehört Ind. 1). 3, 5. 6. 9. 18, 4–7 (vermutlich). 19 (vermutlich). 20, 5–7. 29, 4. VI 1, 1. 6 Schl. 2, 1–3. 3. 4. 5, 1–4. 12. 13, 1–3. 14, 1–3. 24, 1. 4–6. 25. 26 (= Strab. XV 2, 3. 4. 5 von πολλὰ δ’ ἐταλαιπώρει an. 6. 7). VII 7, 3–6 schon wegen des rein geographischen Inhalts, 6 ist gleich Strab. XVI 740. 16; 16, 3 = III 29, 2–4; 16, 5–8 wegen 17, 5, auch dies ganze Kapitel gehört A. 20, 1–9 wegen des Citats Strab. XVI 741; die folgenden Berichte des Archias und Androsthenes kann Arrian nur durch Vermittlung A.s bekommen [914] haben. 21. 22, von den kleinen Varianten abgesehen, vgl. Strab. XVI 740. 741, wo ebenfalls die Königsgräber erwähnt werden, so dass λόγος δὲ λέγεται τοιόςδε nicht irre führen kann.

A. hatte allerdings die Feldzüge Alexanders mitgemacht, wenigstens von 327 an, von dem Einmarsch in Indien (Strab. XV 691), und zwar als Officier oder Beamter, wie der Auftrag beweist, den ihm Alexander gab, das Grab des Kyros zu restaurieren (Arr. VI 29, 10), oder das Commando, das er einmal in Indien erhielt (Strab. XV 693). Er thut sich denn auch auf seine Autopsie etwas zu gute und führt sie gerne gegen seine Vorgänger ins Feld (vgl. Strab. a. a. O. und 706). Doch ist es ein Irrtum, zu glauben, dass sein Buch eine originale Schöpfung, ein Product wesentlich der eigenen Erinnerung gewesen wäre, wie es das des mit Unrecht in alter und neuer Zeit verschrienen Onesikritos war, von Nearch und Ptolemaios ganz zu schweigen. Er hatte erst im hohen Alter zur Feder gegriffen, als 84jähriger, wie er selbst in der Vorrede erzählte (Ps.-Luc. macrob. 22), geraume Zeit nach der Schlacht bei Ipsos (Arr. VII 18, 5), nachdem nicht nur eine unendliche Fülle völkerbewegender Ereignisse auf den Siegeszug des grossen Eroberers gefolgt war, sondern die Tradition über diesen sich bis zur vollen Reife entwickelt und in zahlreichen Werken niedergeschlagen hatte. Wie es für die antike Litteratur, ja für das ganze antike Geistesleben gilt, dass das, was einmal geworden und geschaffen ist, auch der Folgezeit die Wege und Formen des Denkens und Producierens vorschreibt, so ist auch das Buch A.s kein wurzelechtes Gewächs, sondern nur ein Spross gewesen an dem grossen Baum der geschichtlichen und legendarischen Erzählung von Alexander, und ein nicht einmal sehr frischer und eigentümlich gewachsener Spross. Denn A. war kein tiefer Geist, nicht wahlverwandt dem König und der gewaltigen Zeit – einen solchen hat Alexander unter seinen Zeitgenossen überhaupt nicht gefunden –, er hatte nicht einmal die rege Phantasie, wie viele seiner Vorgänger, er war nur nüchtern und hausbacken und das Element von Kritik, das in ihm sass und ihn dazu getrieben zu haben scheint, mit einem abschliessenden und zusammenfassenden Werk dem üppig wuchernden Alexanderroman ein Ende zu bereiten, brachte es über ein nörgelndes Abbrechen und Abschleifen nicht nur der Fehler, sondern auch der Gedanken und Beobachtungen, die er in der Tradition fand, nicht hinaus, so dass Plutarch nicht Unrecht hatte, wenn er, um von Alexanders Persönlichkeit etwas zu hören, lieber in dem Kammerherrenklatsch des Chares und solcher Leute herumstöberte oder sich an dem unmittelbar frischen, aus der drängenden und wogenden Zeit heraus entworfenen Bild des kynischen Weltbeherrschers und Weltbekehrers ergötzte, wie es Onesikritos mit keckem Pinsel entworfen hatte, von den Originalbriefen Alexanders ganz zu schweigen. Aber dass Strabon, der vom Schreibpult aus die Erde beschrieb, das stark nach der Lampe riechende, ostentativ kritisierende und bequem zusammenfassende Werk gefiel, ist nur natürlich, und Arrian konnte gerade A. am leichtesten in den Generalstabsbericht des Ptolemaios, auf den [915] es ihm in erster Linie ankam, hineinarbeiten; wo er eine ausführlichere Schilderung zusammenstellte, wie in den Ἰνδικά, war er verständig genug, sich an Augenzeugen ganz andern Schlags, an Nearch und Megasthenes zu halten. Weil nun aber A. in der Einleitung ihn mit Ptolemaios zusammen der vulgären Tradition gegenüberstellt, so ist bei dem berechtigten Ansehen, dessen sich Arrians Buch erfreut, auch dies Urteil zur herrschenden Meinung geworden, und es ist durchgängig Gewohnheit, die gute Tradition des Ptolemaios und A. von der schlechten, wie sie bei Diodor, Curtius und Iustin vorliegt, zu scheiden, während man doch zwischen primären und secundären Quellen scheiden müsste. A. gehört zu diesen.

Er bekämpfte in seiner Beschreibung Indiens eifrig die Beobachtung Nearchs, dass es im Sommer auch in der Ebene, nicht nur im Gebirg regne (Strab. XV 691. 692) und behauptete, die Ebene sei regenlos und werde nur durch die im Sommer austretenden Flüsse bewässert (vgl. Strab. a. a. O. 695 und 721, an dieser Anschauung ist auch Arr. VI 25, 4 A. mit Sicherheit zu erkennen, während Ind. 6, 4–7 Nearch ausgeschrieben ist). Nearch hat schon im Altertum bei competenten Beurteilern wie Megasthenes und Eratosthenes (Strab. XV 693) mehr Glauben gefunden und ist nach den modernen Berichten der bessere Beobachter gewesen (vgl. Lassen Ind. Altertumsk. I² 252); A., so sehr er auf seine Autopsie pocht, hat günstigsten Falls seinen individuellen Eindruck generalisiert, wahrscheinlich aber nichts gethan, als eine alte Fabelei des Ktesias, dessen Ἰνδικά zu Alexanders Zeit viel gelesen wurden, wieder aufgewärmt (frg. 57, 1). Ähnlich krittelte er an dem Vergleich herum, den Nearch, Anschauungen Alexanders berichtend und berichtigend, zwischen dem Nil- und Industhale angestellt hatte (Strab. XV 696 = Arr. VI 1, 2–6), indem er das Ganze herübernahm (Strab. XV 692. 693) und gegen Einzelheiten losfuhr (Strab. XV 1, 45 Schl. p. 707). Hatte Nearch die Furchtbarkeit der Cobra sehr anschaulich geschildert (Strab. XV 706), dabei auch sehr grosse Schlangen erwähnt, so zieh A. ihn hier der Übertreibung, beschrieb aber die Cobra und die Wirkungen ihres Bisses nicht nach ihm, sondern nach Kleitarch, die wundersamen indischen Heilkräuter nicht vergessend (vgl. Strab. XV 706 mit Diod. XVII 90, 6. 7), so dass Nearch hier wieder als der unabhängige wahrheitsliebende Beobachter, A. als der compilierende Litterat erscheint. Die Makedonen glaubten im Syr-Darya den Tanais, die Grenze zwischen Asien und Europa gefunden zu haben (Näheres s. in meinem Aufsatz), und Polykleitos von Larisa stützte das durch die Behauptung, dass es jenseits des Syr-Darya Tannen gäbe, ein Baum, der nicht asiatisch, sondern europaeisch sei. A. widerlegte das mit den Tannenwäldern am Hydaspes, die das Holz für Alexanders Flotte hergegeben hatten (Strab. XI 500. 509. XV 698). Das ist richtig; es wäre auch nichts dagegen zu erinnern gewesen, dass er den Namen Tanais statt des einheimischen Ἰαξάρτης beibehielt (Arr. III 30, 7), aber er machte sich von der Anschauung, dass jenseits von ihm Europa läge, nicht los, wie die europäischen Skythen, d. h. die jenseits [916] des Syr-Darya, bei Arr. IV 1, 1 verraten, und besonders das verrückte Anerbieten des Chorasmierhäuptlings, Alexander bei der Unterwerfung der Kolcher und Amazonen zu unterstützen (IV 15, 4). Eine Einzelheit wird geräuschvoll corrigiert, aber die Gesamtanschauung darum nicht verbessert und Fabeln aus der romanhaften Tradition übernommen, die mit der verkehrten Geographie standen und fielen.

A. ist keineswegs unabhängig von dem Alexanderroman, dessen bekanntester und glänzendster Bearbeiter Kleitarch – im wesentlichen bei Diodor und den Partien bei Curtius und Iustin, die mit Diodor übereinstimmen – war. Die Episode aus der Zerstörung Thebens (frg. 1 a), die ihm abzusprechen kein Grund vorliegt, ist ein vollgültiger Beweis, dass A. die von den älteren Alexanderhistorikern im Anschluss an die ionische Historiographie des 4. Jhdts. und Kallisthenes ausgebildete Technik des historischen Romans durchaus nicht verschmähte; auch das Lob, das die Rhetoren der Kaiserzeit seiner Beschreibung der Inselstadt Tyros spenden, muss in diesem Sinne interpretiert werden (Menand. de encom. IX 160 Walz). Wie in den schon angeführten Fällen, scheint auch hier seine Kritik sich auf Einzelheiten beschränkt zu haben; er schnitt die üppigsten Ornamente der Legende fort, stimmte phantastische Überschwänglichkeiten herab, verwässerte den brausenden und nicht immer edlen Wein der romanhaften Tradition mit einem skeptischen Rationalismus und zwängte das urkundliche Material, über das er allerdings verfügte, in den vorhandenen Rahmen hinein: ein von Grund aus neues Werk hat er nicht zu stande gebracht, obgleich das gerade damals noch möglich und eine Leistung von grösster Tragweite gewesen sein würde. Der sicheren Beispiele sind nicht wenige, an denen A. sich zu der Tradition stellt, die bei Diodor vorliegt und die ich, wie gesagt, für die kleitarchische halte, obgleich diese unzweifelhaft das Richtige verschoben und verdreht hat. Arrian III 4, 5ff. erzählt nach Ptolemaios, dass Alexander von der Ammonsoase auf einem andern Wege zurückmarschiert sei, direct nach Memphis, notiert aber die Variante aus A., dass er den gleichen Weg auch zurückgenommen hätte, d. h. nach Alexandrien. Das hat Sinn und Zusammenhang nur in der Tradition, welche die Gründung Alexandriens nicht vor, sondern nach dem Besuch des ammonischen Orakels ansetzte (Diod. XVII 52. Iustin. XI 11, 13. Curt. IV 8, 1ff.) und so Alexandrien einen ab Gott schon legitimierten Gründer zuwies, eine Verschiebung, die dem Alexandriner Kleitarchos (Philodem. de rhet. IV 1 col. 21 p. 180 Sudh. Κλείταρχος Ἀλεξανδρεύς) ganz besonders ansteht. Nach Diodor XVII 83, 8 (vgl. Curt. VII 5, 19. 36) wurde Bessos von den vornehmsten seiner Generale an Alexander direct ausgeliefert, d. h. Kleitarch hatte das Versprechen des Spitamenes und seiner Genossen (Arr. III 29, 6, vgl. 30, 1) in Wirklichkeit umgesetzt, damit der Verräter durch Verrat fiele; A. combinierte das mit der historisch richtigen Darstellung so, dass bei ihm Spitamenes und Dataphrenes Bessos an Ptolemaios auslieferten (Arr. III 30, 5), wodurch ein guter Teil des kleitarchischen Effects zerstört und das objectiv [917] Richtige doch nicht wiederhergestellt wurde. Sehr instructiv ist die Vergleichung des aristobulischen Berichts über Alexanders Gefecht am Hydaspes gegen Poros Avantgarde mit dem des Ptolemaios (Arr. V 14. 15) und der Darstellung von Alexander selbst (Plut. Al. 60; die Echtheit ist bewiesen von Pridik De Alex. M. epistularum commercio 104ff.). Zwar stimmt A. in einer Einzelheit, der Anzahl der Streitwagen, die der junge Poros mit sich führte, genau mit dem Brief Alexanders überein, während Ptolemaios eine zu hohe Zahl hat, aber die Hauptsache, dass Alexander erst geraume Zeit nach dem Übergang über den Hydaspes auf die indische Avantgarde stiess, giebt nur Ptolemaios richtig wieder, A. hingegen lässt die Avantgarde bei Alexanders Übergang schon da sein, den Angriff aber versäumen. Das wird verständlich durch die bei Arrian (V 14, 5) erhaltene vulgäre Tradition – über Kleitarch ist nichts zu wissen, da das Gefecht bei Diodor XVII 87 fehlt –, nach der bei der Landung eine grosse Schlacht stattfand: A. hat diese zwar gestrichen, aber das zu frühe Erscheinen der indischen Avantgarde beibehalten, so dass seine Erzählung sinnlos wird; ausserdem den Zweikampf zwischen Alexander und dem jungen Poros, den jene Tradition hatte, in die grosse Schlacht geschoben; vgl. Luc. quom. hist. s. conscrib. 12. Nimmt man die mit Wahrscheinlichkeit A. zugeschriebenen Stücke Arrians hinzu, so lassen sich diese Beispiele sehr erheblich vermehren, und ferner ist die Vermutung kaum abzuweisen, dass die zahlreichen Stellen Strabons, die sich mit Diodor nahe berühren, ohne doch völlig sich zu decken und nicht direct für Kleitarch in Anspruch genommen werden können, A. zu geben sind, vgl. meinen Aufsatz.

Lucian a. a. O. bezeichnet A. als einen Schmeichler Alexanders. Das Urteil erklärt sich aus der in der Kaiserzeit weitverbreiteten, Trogus, Curtius, Seneca beherrschenden Tendenz, Alexander herabzusetzen, und da ferner A. damals viel gelesen zu sein scheint, ist ein rhetorischer Theoretiker auf die sonderbare Idee verfallen, A. und Demades zu Begründern eines κολακευτικὸν γένος der Rhetorik zu machen (Rhet. gr. III 25 = VI 610, auf die Variante Ἀριστόδημος gebe ich nichts, dagegen ist Rut. Lup. I 18 für Aristotelis nicht mit Classen Aristobuli, sondern Stratoclis zu lesen). Thatsache ist, dass A. Alexander in günstigem Licht darstellte, vgl. z. B. Arr. VII 29, 4, und bei den Erzählungen vom Tod des Kleitos und von der Verhaftung des Kallisthenes die officielle Version wiedergab (Arr. IV 8, 9. 14, 1). Bei einem Kasandreer, dem Bürger einer Stadt, deren Gründer die von seinem Vater ererbte Opposition des makedonischen Adels gegen den kosmopolitischen Despoten in fürchterlicher Weise am Hause Alexanders ausgelassen hatte, will das sehr viel sagen und ist meines Erachtens ein Zeichen von dem ungeheuren Druck, den Alexanders Persönlichkeit noch immer auf die öffentliche Meinung ausübte. Nur in einem kleinen Zuge glaube ich eine Rücksicht, die A. auf Kassander nahm, zu erkennen. Nach den Hofjournalen erkrankte Alexander am Fieber erst nach dem Zechgelage bei Medeios (Arr. VII 25, 1), aber A. erzählte, dass Alexander schon in heftigem Fieber [918] am Gelage teilgenommen und um des brennenden Durstes willen stark getrunken habe (Plut. Al. 75). Diese Darstellung schloss jeden Verdacht einer Vergiftung aus, der sich gerade an Kassander, seinen Bruder Iollas und Medeios geheftet hatte (Arr. VII 27, 2. Plut. Al. 74. Diod. XVII 118. Curt. X 10, 14ff. Iustin. XII 14), und da dürfte es sehr wahrscheinlich sein, dass A. mit Absicht die Thatsachen etwas zurechtgebogen hatte; denn gerade zu seiner Zeit werden all die abenteuerlichen Vermutungen über die Vergiftung in immer neuen Formen aufgetaucht sein und ihn veranlasst haben, für Kassander oder sein Andenken eine Lanze zu brechen.