RE:Curtius 31

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band IV,2 (1901), Sp. 18711891
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31) Q. Curtius Rufus hat eine Geschichte Alexanders verfasst, die nach den Subscriptionen in den ältesten Hss. den Titel führte: Historiae Alexandri Magni regis Macedonum. Das Werk bestand aus zehn Büchern; doch sind die beiden ersten, der Anfang des dritten, das Ende des fünften, der Anfang des sechsten und sehr bedeutende Stücke des zehnten Buches verloren gegangen; dagegen ist der Schluss erhalten. Es hat im Altertum keines besonderen Ansehens genossen; kein einziges Citat liegt vor, und die immer wiederholten Versuche (vgl. Dosson Étude sur Quinte-Curce, Paris 1886, 31ff. 357ff.), auf Grund scheinbarer Coincidenzen nachzuweisen, dass der jüngere Seneca und Lucan es gelesen haben, müssen als gescheitert angesehen werden. Durch Zufall hat sich ein arg beschädigtes Exemplar ins frühe Mittelalter gerettet, aus dem sich dann, noch vor dem 9. Jhdt, eine doppelte, gering differierende Überlieferung entwickelt hat, die des Bernensis 451, Laur. 64, 35, Leidensis 137, Vossianus Q. 20 und die des Parisinus 5716, zu der auch die alten, aber wenig umfangreichen Fragmente von Würzburg, Darmstadt, Wien u. a. zu gehören scheinen; vgl. Hedicke De codicum Curtii fide atque auctoritate, Progr. von Bernburg 1870 und die von Dosson 315ff. angeführte Litteratur. Die übrigen, sehr zahlreichen Hss. sind interpoliert und wertlos; ein Verzeichnis giebt Dosson a. a. O.

Wie von dem Werk, so schweigt auch von dem Schriftsteller das Altertum völlig; es ist zwar nicht unmöglich, aber ebenso wenig ratsam, ihn mit dem Q. Curtius Rufus zu identifizieren, der in dem Verzeichnis der Rhetoren vorkommt, das vor Sueton. de rhetor. überliefert ist. Abzuweisen ist der Gedanke, dass er der Consul Curtius Rufus (Nr. 30) sein könnte, der 46 n. Chr. die ornamenta triumphalia erhielt und später als Proconsul von Africa starb (Tac. ann. XI 20f. Plin. ep. VII 27). Da ferner die Vorrede verloren ist, so lässt sich die [1872] Zeit des Werkes nur aus dem Stil, der geistigen Richtung und zufällig auftauchenden Anspielungen auf die Verhältnisse der Gegenwart bestimmen. Der Stil mit den zerhackten Sätzen, den aufdringlichen Sentenzen, der unruhigen Effecthascherei weist auf die Zeit Senecas; jede Spur von Archaismus fehlt. In der Beschreibung Indiens (VIII 9, 19) heisst es bei Erwähnung der dortigen Perlen und Edelsteine: neque alia illis maior opulentiae causa est utique postquam vitiorum commercium vulgavere in exteras gentes: quippe aestimantur purgamenta exaestuantis freti pretio quod libido constituit; und ähnlich bei der Erzählung eines festlichen Empfangs indischer Gesandten (IX 7, 15) quidquid aut apud Persas vetere luxu aut apud Macedonas nova immutatione corruptum erat; so raisonniert der ältere Plinius. Diese Beobachtungen gestatten die vielberufene Notiz X 9, 3ff. zu deuten, die überraschend und unmotiviert der Bemerkung, dass nach Alexanders Tod die Kämpfe um die Krone das Weltreich spalteten, angehängt wird. Der Kaiser, der nach der Nacht, die den Untergang drohte, als eine neue Sonne aufgegangen ist, der Mord und Brand ein Ende gemacht hat, dessen Haus eine Blüte von Jahrhunderten gewünscht wird, kann nur Claudius sein; auf Vespasian oder Nerva passen die Ausdrücke nicht, und die Zeit nach Marc Aurel ist durch Sprache und Anschauungen des Geschichtschreibers absolut ausgeschlossen. Vgl. die sorgfältige Erörterung Mützells in der Vorrede zu seiner Ausgabe XLVIIff., zu der Dosson 18ff. ausser einem weitschweifigen Litteraturverzeichnis und einem wenig geschickten Raisonnement nichts hinzugefügt hat.

Der Schriftsteller ist keine litterarische Grösse gewesen, das Buch keine Leistung, die Epoche gemacht, dem Urteil über Alexander eine neue Richtung gegeben oder die historiographische Technik mit neuen oder wiederaufgefundenen Mitteln bereichert hätte. Schon die Überlieferungsgeschichte rät, in dieser Alexandergeschichte ein ephemeres, durch blossen Zufall der Vergessenheit entrissenes Product zu sehen, das die landläufige Tradition über Alexander in eine Form brachte, die dem Geschmack des Tages entsprach, mit den viel tiefer gehenden Arbeiten Plutarchs und Arrians nicht zu vergleichen. C.s Werk flösst an und für sich kein Interesse ein – Dossons Versuch zeigt schlagend, wie wenig es geeignet ist, den Mittelpunkt einer grossen Monographie zu bilden –, es hat Bedeutung nur als das ausführlichste Document des Urteils, das im 1. Jhdt. im kaiserlichen Rom über Alexander gefällt wurde. Damit ist auch die richtige Fragestellung für die Untersuchung der Gewährsmänner gegeben; es kann sich nur darum handeln, festzustellen, wie und durch welche Einflüsse sich die der Form nach historische, im Grunde romanhafte hellenistische Unterhaltungslitteratur über Alexander umgebildet hat, um die Tendenzen auszubilden, denen C. sich hingegeben hat. Freilich ist dieser Process viel complicierter gewesen, als die ,Quellenforscher‘ glauben: zu scharf umgrenzten Resultaten mit bestimmten Namen ist nicht zu gelangen. Das meiste geleistet ist auf diesem Gebiete von J. Kaerst (Beitr. z. Quellenkritik des Q. Curtius Rufus, Gotha 1878; Forsch, z. Gesch. [1873] Alexanders d. Gr., Stuttgart 1887); neben ihm ist höchstens noch Petersdorff (Diodorus Curtius Arrianus quibus ex fontibus .. hauserint, Danzig 1870; Beitr. z. Gesch. Alex. d. Gr., Progr. Flensburg 1872; eine neue Hauptquelle d. Q. Curtius Rufus, Hannover 1884) zu nennen.

Für das grosse Publicum der hellenistischen Epoche ist die glänzend geschriebene Zusammenfassung und Verarbeitung der zeitgenössischen, von Anfang an romanhaften Darstellungen, die Kleitarch von Alexandrien herausgab, das massgebende Buch gewesen; ihm verdankte er die Aufnahme in den Kanon der Geschichtschreiber (Usener Dionys. de imit. 114), und die Vorbehalte über seine Zuverlässigkeit haben seiner Verbreitung nicht geschadet. Diodor, der in der Regel an populäre, bekannte Autoren sich hält, erzählt Alexanders Geschichte nach ihm und nur nach ihm; seine Citate (II 7, 3. XI 58, 1) beweisen das allein schon, von der Übereinstimmung mit den Bruchstücken abgesehen. Auch bei oberflächlichster Beobachtung fällt es auf, wie oft C. sich bis auf die Worte mit Diodor berührt: längst sind diese Concordanzen auf Kleitarch zurückgeführt, und mit vollem Recht. Ich gebe ein Verzeichnis der besonders charakteristischen Übereinstimmungen :

Curt. III 2, 1 = Diod. XVII 30, 7
11, 7–11 = 34, 2–6
11, 20.23–26 = 35, 2. 36, 5. 30
2. 4; vgl. Iust.
XI 9, 11. 12
1.27–33 = 48, 2-4
IV 1, 39.40 = 48, 1.2
2, 7 = 40, 4
2, 12 = 41, 3.4
2, 18 = 40, 5
2, 20 = 41, 1
3, 6.9.11.12 = 42, 5.6.43, 3
3, 20 = 41, 2; vgl. 40

Iust. XI 10, 14

3, 25. 26 = 44, 1–3
4, 1. 2 = 45, 7
4, 10-12.17 = 46, 2-4
5, 11 = 48, 6
6, 30 = 49, 1
7, 1. 5. 9 = 49, 2-4
7, 12-14 = 49, 4.5
7, 16.17.20-28 = 50, 3–51, 3 50
13, 26–29 = 57, 1-4
15, 9–11 = 59, 6.7
15, 16. 17 = 58, 4. 5
15, 28.29.32 = 60, 2–4
16, 31. 32 = 61, 3
V 1, 10. 11 = 64. 3
1, 40–42 = 65, 1
1, 43–45 = 64, 5. 6
1, 25.26 II 7.3.4(Citat
Kleitarchs) 60
1, 34. 35 = 10, 4. 1
2, 1–7 XVII 65, 2–4 vgl.
27, 1. 2
2, 8. 12–15 = 65, 5.66, 2-7
3, 1.2.4.5.10
3, 17.18.23.
4, 2–4. 10.
= 67, 1.2.4.5
12. 18 = 68, 1-6

[1874]

Curt. V 5, 2–4 = Diod. XVII 69, 1. 2
5, 5–9. 12
23. 24

=

69, 2–8; vgl.
Iust. XI 14,
11. 12
6, 1–5. 8. 9 = 70, 1 – 71, 2
VI 2, 15 = 75. 1
4, 3–6 = 75. 2
4, 18. 22 = 75. 2. 6
5, 11. 12. 18–21 = 76, 3–8
5, 24–26.
30-32

=

77, 1–3; vgl.
Iust. XII 3,
5–7. Strab.
XI 505
VII 1, 5–9 = 80, 2
2, 18 = 80, 3
2, 35–37 = 80, 4; vgl.
Iust. XII 5, 4–8
3, 1. 3 = 81, 1. 2
3, 5-18 = 82
3, 22. 23 = 83, 1. 2
4, 33–38 = 83, 4–6
5, 28–35 vgl.     κ
10, 4–9 vgl.      κβ
10, 15. 16 vgl.      κδ
VIII 1, 11-19 vgl.      κς
5. 4 vgl.     λα Iust. XII 7, 5
10, 5. 6 vgl.     λβ
11, 2 = 85, 1. 2. Iust
XII 7, 12
11, 3.4 = 85, 4. 5
11, 7. 8. 25 = 85, 3. 8. 9
86, 1
12, 1–3 = 86, 2
12, 4–10. 14 = 86, 3–7
14, 13 = 87, 5
IX 1, 1. 3. 4. 6 = 89, 3 – 6. 90, 1
1, 8–12 = 90, 4–7
1, 24–33 = 91, 4 – 92, 3
1, 35–2, 7 = 93, 1–3
3, 10. 11 = 93, 2
3, 19 = 95, 1. 2. Iust
XII 8, 16
3, 20. 23 = 95, 3. 5
4, 1. 2. 5 = 96, 1–3
4, 8–14 = 97, 1–3
7, 16–26 = 100, 2 – 101, 6
8, 4–8 = 102, 1–4
8, 13–15 (Citat
Kleitarchs)

=

102, 6
8, 17–28 = 103. Iust. XII
10, 2. 3; vgl.
Cic. de divin. II 135
10, 5-11. 17.
18. 27
= 104, 4 – 106, 1
X 2, 4. 8–12. 30 = 190, 1. 2
5. 21–25 = 118, 3. Iust.
XIII 1, 5. 6
10, 14. 18. 19 = = 117, 5. 118, 2;
vgl. Iustin. XII 13, 10

[1875] Besonders zu beachten sind die gemeinschaftlichen, auf Kleitarch zurückgehenden Variantenangaben, Curt. V 2, 8. VI 4, 18. X 10, 18. 19 = Diod. XVII 65, 5. 75, 3. 118, 2.

Dieses Verzeichnis von Concordanzen würde sich wahrscheinlich nicht unerheblich vermehren lassen, wenn von Kleitarch mehr erhalten wäre als der magere, die Einzelheiten verwischende Auszug Diodors, der noch dazu durch eine grosse Lücke unterbrochen ist. Trotzdem wäre es ein Missgriff, wollte man aus C. das kleitarchische Gut erheblich vermehren; die Wahrscheinlichkeit, Fremdes einzumischen, ist erheblich grösser als die, Echtes bei seite zu lassen. Es lassen sich noch mit dem Auszug Diodors gar nicht selten Verschiebungen, Erweiterungen, andere Formen gerade der romanhaften Tradition, nachweisen. Kleitarch (Diod. XVII 30f.) verlegt die Scene zwischen Dareios und Charidem in den Rat, den der König nach Memnons Tod abhält, darauf folgt Dareios Entschluss, das Commando persönlich zu übernehmen, die Sammlung und Ordnung der Contingente in Babylon. C. (III 2) dreht die Sache um: Dareios übernimmt sofort nach Memnons Tod den Oberbefehl und versammelt die Truppen in Babylon; bei der Musterung entspinnt sich das Gespräch mit Charidem, das diesem verhängnisvoll wird. Dieses Gespräch ist Zug für Zug, vom Ende abgesehen, Nachahmung einer Unterhaltung zwischen Xerxes und Demarat, die Herodot (VII 101f.) berichtet; um diese Situation herauszubringen, ist die bei Kleitarch vorliegende Tradition verschoben. Auch die Zählung und der Anschluss des Verzeichnisses an die Zählung sind, wie geradezu gesagt wird (III 2, 2), aus Herod. VII 60f. übertragen. Diese Variante, die mit historischer Kritik nichts zu thun hat und nur vom künstlerischen Gesichtspunkt aus beurteilt werden will, ist alt, älter jedenfalls als die eratosthenische Geographie; denn der Katalog, der nach Ausweis der Zahlen nicht aus Kleitarch (Diod. XVII 31, 2. Iustin. XI 9, 1) stammen kann, differenziert Βαρκάνιοι und Ὑρκάνιοι, obgleich beides nur verschiedene Transscriptionen desselben eranischen Namens sind, ein Irrtum des Ktesias (Diod. II 2, 3), der wie viele andere in die älteren Alexanderhistorien übergehen, nach Eratosthenes aber sich kaum noch behaupten konnte.

C.s Bericht von der Belagerung von Tyros enthält sehr viele kleitarchische Elemente, wie die obige Tabelle zeigt, aber verstellt, verschoben, auch variiert, und nicht nur infolge der noch zu besprechenden Contamination mit der sog. besseren Tradition. Es hat mit dieser nichts zu thun, wenn die Tyrier die Statue Apollons nicht einfach an die Basis, wie bei Kleitarch (Diod. XVII 41, 8) und anderen (Plut. Al. 24), sondern an den Altar ihres Herakles fesseln (IV 3, 22): wichtiger noch ist die Verschiebung des Wahrzeichens des Meerungetüms (IV 4, 3ff., vgl. Diod. XVII 41, 5f.): es wird nicht nur präciser gefasst, sondern die Freude der Tyrier, die es falsch deuten und sich der Üppigkeit ergeben, ist ein deutlich aus dem Epos von der Zerstörung Ilions entlehntes Motiv.

Bei Kleitarch (Diod. XVII 67, 1) lässt Alexander die gefangenen persischen Prinzessinnen griechisch lernen, bei C. (V 2, 18ff.) wird daraus, dass Alexander ihnen zumuten will, Purpurmäntel [1876] zu schneidern wie die vornehmen Frauen der Makedonen, eine rührende Scene.

Die Beispiele genügen, um zu beweisen, dass neben dem kleitarchischen Roman noch andere ihre Spuren bei C. hinterlassen haben. Es brauchen keineswegs nur jüngere Erweiterungen von Kleitarch zu sein; die Möglichkeit ist nicht abzuweisen, dass die älteren Romane neben und nach der massgebenden Zusammenfassung durch Kleitarch fortwucherten und in verschiedener Weise in die Vulgata trotz der Vorherrschaft Kleitarchs eindrangen. Besonders zu beachten sind die gar nicht seltenen Fälle, in denen C. sich mit Plutarch berührt: dieser hat Kleitarch sicher nicht, wohl aber ältere Gewährsmänner benützt, so dass die eben angedeutete Möglichkeit zur Wahrscheinlichkeit wird.

Die Geschichte von Alexanders tiefem Schlaf in der Nacht vor Gaugamela und seinem Gespräche mit Parmenion steht bei Diod. XVII 56. Iust. XI 13, 1ff. Curt. IV 13, 17ff. Plut. Alex. 32. Aber während Iustin die Antwort Alexanders an Parmenion genau nach Kleitarch giebt, ist sie bei C. in derselben Weise wie bei Plutarch modificiert. Nur Plutarch (Alex. 32) und C. (IV 15, 2) verschieben in dem Bericht der Schlacht selbst den Angriff der baktrischen und skythischen Reiter vom rechten (Arrian. III 13, 2ff. Diod. XVII 59, 2ff.) auf den linken makedonischen Flügel, nur bei ihnen (Plut. a. a. O. Curt. IV 5, 6–8) schickt Parmenion gleich bei Beginn der Schlacht ein Hülfegesuch an Alexander. Plutarch lässt erst nach diesem Angriff auf den linken Flügel, nach der Plünderung des Lagers, Alexander sich den Helm aufsetzen, die Truppen haranguieren, den Adler über seinem Haupt erscheinen. Eben dieses Wahrzeichen steht auch bei C. (IV 15, 26. 27), wo militibus in pugnam intentis noch verrät, dass es an den Anfang der Hauptschlacht, wie sie jener Gewährsmann Plutarchs construiert, gehört: jetzt ist die Wendung infolge der Contamination mit dem Gemisch von kleitarchischer und sog. besserer Tradition , das bei C. vorliegt (s. u.), unverständlich geworden. Plutarch (Alex. 33) und C. (IV 16, 3. 18. 19) erzählen übereinstimmend, aber abweichend von Arrian (III 15, 1ff.) und Kleitarch (Diod. XVII 60, 7f.) die zweite Botschaft Parmenions um Hülfe, nur fehlt bei C. der charakteristische Tadel Parmenions (vgl. vielmehr IV 16, 4 = Diod. XVII 60, 8). Bezeichnend ist endlich das übereinstimmende Lob von Alexanders tapferer Besonnenheit, das Plutarch (Alex. 32) an den Anfang. C. (IV 16, 27ff.) an den Schluss der Erzählung stellt. Es ist augenscheinlich, wie ein panegyrischer, gewiss nicht junger Roman nicht kleitarchischen Ursprungs hier vorliegt: an Kallisthenes zu denken, ist möglich, aber nicht nötig, da den bei Plutarch eingelegten Citaten bei C. nichts entspricht. Keinesfalls darf jede Concordanz zwischen C. und Plutarch einfach auf Kallisthenes zurückgeführt werden: der Traum des Dareios, den beide berichten (Plut. Alex. 18 = Curt. III 3, 2ff.), deutet auf Alexanders Tod, kann also bei Kallisthenes nicht gestanden haben.

Die Belagerung des Aornosfelsens ist bei C. (VIII 11) zunächst nach Kleitarch (Diod. XVII 85) erzählt: wie dort, macht auch hier ein alter [1877] Hirt den Führer. Aber die Kletterei hat, anders als bei Kleitarch (Diod. XVII 85, 6), nicht nur kein Resultat, sondern wird zum zweitenmal unternommen, ohne dass diese Wiederholung motiviert würde. Hier spielt nicht der alte Hirt, sondern ein Namensvetter des Königs die Hauptrolle; von ihm wird dasselbe berichtet wie bei Plut. Alex. 58. Offenbar sind bei C. nur, weil mit der kleitarchischen eine andere, sonst nur bei Plutarch vorkommende Tradition verschmolzen ist, aus der einen Expedition zwei geworden; es wird direct gesagt, dass die erste überflüssig gewesen sei (VIII 11, 25). Die Katastrophe des Philotas (VI 7ff.) ist in den Hauptzügen nach Kleitarch (Diod. XVII 79) erzählt, aber die Abweichung, dass Nikomachos nicht aus Leichtsinn (Diod. XVII 79, 2), sondern aus Gewissenhaftigkeit das ihm von seinem Liebhaber mitgeteilte Geheimnis verrät, kehrt bei Plutarch (Alex. 49) wieder. Verzwickter noch gestaltet sich das Durcheinander der variierenden Erzählungen im folgenden: C. (VI 7, 29) stimmt mit Kleitarch darin gegen Plutarch, dass Dimnos sich selbst tötet, umgekehrt mit diesem gegen jenen, dass er sich nicht gutwillig verhaften lässt, während er bei Kleitarch sich erst nach dem Verhör tötet; eine contaminierende Ausgleichung ist es wiederum, wenn er bei C. in Alexanders Gegenwart stirbt. Parteinahme für oder gegen Philotas werden ursprünglich diese Varianten hervorgerufen haben; in dem von C. wiedergegebenen Gemisch disparater Trümmer ist ein sicherer Faden nicht aufzufinden. Bei Kleitarch wird, wie im offiziellen Bericht des Ptolemaios (Arrian. III 26, 2), Philotas von den Makedonen gerichtet; das von Plutarch erzählte peinliche Verhör im Rat der Hetairen soll offenbar die officielle Version Lügen strafen; C. vereinigt beides, nicht zum Vorteil seiner Erzählung.

Ausserdem lassen sich noch vergleichen III 12, 6. 13 mit Plut. Alex. 21; V 7, 2. 11 (constat) mit Plut. Alex. 38 {ὁμολογεῖται); VI 6, 14–17 mit Plut. Alex. 57; VII 5, 35 mit Plut. de ser. num. vind. 12; VIII 12, 16. 17 mit Plut. Alex. 59 (Strab. XV 698); X 1, 17–19 mit Plut. Alex. 68.

Neben solchen Erweiterungen Kleitarchs steht die Contamination mit der von Arrian vertretenen Tradition, die besonders von Kaerst beobachtet und, wenn auch keineswegs in vollem Umfange, dargestellt ist. Es wiederholt sich hier der für die Entwicklung der Alexandergeschichte charakteristische Process, dass die romanhafte Entstellung immer wieder corrigiert wird. In verständiger und durchgreifender Weise leisteten das Ptolemaios und Nearch, auch die Publication der Briefe Alexanders wird solchen Bestrebungen ihren Ursprung verdanken. Viel verbreiteter war die Manier, die romanhafte Tradition nicht zu beseitigen, sondern mit Hülfe der Primärberichte mehr oder weniger zu retouchieren; von Aristobul bis auf Plutarch und Arrian ist das immer wieder versucht, bald mehr, bald weniger geschickt, je nach der kritischen Begabung oder der künstlerischen Gestaltungskraft des Erzählers. So lässt sich mit nichten behaupten, dass die bei C. vorliegende Contamination einem einzigen Schriftsteller ihren Ursprung verdanken müsse; manches spricht entschieden dafür, dass auch hier mehrere Schichten sich über einander gelagert haben. [1878] Wenigstens heben sich von den sehr rohen, die Klarheit namentlich der Schlachtberichte zerstörenden Einschüben in die rein kleitarchische Erzählung manche Fälle – zu voller Sicherheit ist natürlich nicht immer zu gelangen – hinreichend deutlich ab, in denen die romanhafte und die kritische Tradition geschickt zu einer neuen Einheit verschmolzen sind; die kritische Tradition ist dann stärker umgebogen.

Diodor (XVII 73, 2) hat den kleitarchischen Bericht von Dareios Flucht zwar sehr zusammengestrichen, aber doch nicht so, dass sich nicht erkennen liesse, wie C. trotz der durch die Übereinstimmung in den Zahlen (V 8, 3 = Diod. a. a. O.) verbürgten Abhängigkeit von Kleitarch seine Erzählung in das Gegenteil verkehrt. Nach jenem will Dareios zunächst Widerstand leisten, wird aber durch das rasche Herannahen Alexanders verhindert, die Truppen aus den östlichen Satrapien an sich heranzuziehen, und zur Flucht gezwungen. Bei C. ist das dahin verschoben, dass der König ursprünglich nach Baktra fliehen will, aus Furcht aber, von Alexander eingeholt zu werden, sich zu verzweifeltem Widerstand entschliesst; Bessos und Nabarzanes hintertreiben das aus verräterischer Absicht. Die Vergleichung mit Arrian III 19 klärt den Widerspruch auf. Soweit die Vorgänge im persischen Lager in Frage kommen, giebt Arrian nur die nach und nach bei Alexander eintreffenden Nachrichten wieder, ein deutliches Anzeichen, dass sein Gewährsmann, wahrscheinlich Ptolemaios, nur officielle Quellen benützen wollte. Auf der ersten Meldung (III 19, 1) beruht die kleitarchische Darstellung, die C.s ist aus allen dreien combiniert: erst die Absicht zu fliehen (III 19, 1), dann Entschluss zum Widerstand (III 19, 3), endlich nochmaliger Aufbruch zur Flucht (III 19, 4). Das ist keine kritische Correctur, auch kein einfacher Einschub von der Art, wie sie in den Schlachtbeschreibungen so oft vorkommen, sondern eine neue Erfindung, die keck ignoriert, dass die zweite Meldung eine Ente war, und den Widerspruch zwischen der zweiten und dritten Nachricht durch den romanhaft ausgesponnenen Verrat von Bessos und Genossen zudeckt; eine raffinierte Technik ist nicht zu verkennen.

Bei C. (VIII 11. 19ff.) und Kleitarch (Diod. XVII 85, 7f.) wird die schliessliche Eroberung der Feste Aornos durch eine List Alexanders bewerkstelligt; während aber bei jenem Alexanders Beharrlichkeit die Inder schreckt, sein Zurückziehen der Posten ihnen das Entweichen ermöglicht, so dass er die leere Feste besetzt, ist bei C. die Beharrlichkeit des Königs nur ein listiges Schreckmittel, das die Inder zur Flucht treibt, bei der die Makedonen über sie herfallen. Dieser letzte Zug ist eine Angleichung an den bei Arrian (IV 30, 2ff.) vorliegenden Bericht; aber an eine einfache Contamination ist nicht zu denken, denn das Manöver, mit dem die Inder bei C. ihre Flucht verstecken, ist von dem bei Arrian erzählten verschieden und steht andererseits zu dem Bericht Kleitarchs in diametralem Widerspruch. Also liegt eine selbständig vermittelnde Erfindung vor.

Diese Beobachtungen reichen hin zu dem Schluss, dass die Erzählung des C. eine sehr [1879] 1879 mannigfaltige, die ursprünglichen Überlieferungen durch- und übereinanderschiebende Weiterbildung der Tradition voraussetzt; sie kann nicht, wie die Arrians und Plutarchs wenigstens zum Teil es sind, aus älteren und ältesten Berichten kritisch componiert sein, sondern muss auf jüngere Gewährsmänner zurücklaufen. Geographische Beobachtungen bestätigen diesen Schluss. C.s Ignoranz auf diesem Gebiet ist so arg, wie sie nur bei einem Römer sein kann; es passiert ihm, dass er den Tigris nicht vom Euphrat unterscheiden kann (IV 9, 7. 12), um nur ein grasses Beispiel anzuführen. Neben alten, aus Kleitarch übernommenen Fehlern (vgl. VI 5, 24. Diod. XVII 77, 1. Strab. XI 504) stehen Bemerkungen und Namen, die den älteren Alexanderhistorikern nicht angehören können, und zwar nicht blos in Einlagen, sondern im Kern der Erzählung. Die persische ordre de bataille bei Gaugamela (IV 12) weicht von der Aristobuls (Arrian. III 11, 3ff.) ab und lässt sich nicht analysieren; das aber ist sicher, dass vor dem 2. Jhdt. kein Geschichtschreiber darauf verfallen konnte, von Gross- und Kleinarmenien zu sprechen. In der Beschreibung Indiens lassen sich Concordanzen feststellen, sowohl mit Artemidor (VIII 9, 5. 9 = Strab. XV 719), als mit dem Excerpt Strabons (XV 718f.) aus den συγγραφεῖς, die deutlich von den Alexanderhistorikern unterschieden werden, wie sich denn auch an einer C. und Strabon gemeinschaftlichen Stelle eine Polemik gegen Megasthenes constatieren lässt (VIII 9. 21. 22 = Strab. XV 719, vgl. 709. Kaerst Beitr. 37). Diese Beschreibung Indiens kann von der Erzählung nicht getrennt werden; die Polemik gegen Nearch (VIII 9, 28. vgl. Strab. XV 717 = Arrian. Ind. 16, 6. 7) kehrt in den Schlachtberichten öfter wieder (VIII 13, 6. 14, 19. IX 5, 9).

C. besass nicht genug schriftstellerische Kunst, um die disparaten Massen, die ihm, durch welche Canäle immer, zuflossen, zu einem Ganzen zu formen; er hat die Tendenz, die latenten Pointen, die in den Varianten steckten, oft genug nicht erkannt. Die Katastrophe des Philotas will er gewiss nicht in einem Alexander günstigen Sinne darstellen; unmittelbar hinterher (VII 1, 10ff.) erzählt er die Geschichte von Amyntas und Polemon in einer Form, die darauf abzielt, die Hochherzigkeit des Königs in das glänzendste Licht zu stellen. Man braucht nur das λεγόμενον Arrian. III 27, 1—3 genau zu vergleichen, um zu sehen, wie die rührende Geschichte von den Brüdern im Grunde nur die Unschuld der von den Makedonen Freigesprochenen erweisen will. In grassem Gegensatz dazu folgt bei C. unmittelbar die mit den schwärzesten Farben gemalte Hinrichtung Parmenions. Er spielt gelegentlich den Aufgeklärten, spottet über das Wunder der Quellen am Oxos (VII 10, 14, vgl. Arrian. IV 15. 7. Plut. Alex. 57), setzt Alexander herab, dass er vor dem Übergang über den Tanais den Seher befragt (VII 7, 8). Dabei merkt er gar nicht, dass die folgende Geschichte lediglich den Zweck hat, den Widerspruch zwischen den ungünstigen Zeichen und dem glänzenden Sieg auszugleichen; auch bei Arrian tritt das Bemühen hervor, den Seher zu rechtfertigen, allerdings ohne dass Romanerfindungen zu Hülfe genommen worden (IV 4)).[1880] So stolpert die Darstellung unklar, unzusammenhängend fort, es wird fortwährend Stimmung gemacht und keine teilt sich dem Leser mit; denn der Schriftsteller dringt, in die Seele der Erzählungen nicht ein, und der rhetorische Prunk flattert um durcheinandergeworfene Trümmer.

Nicht einmal das Urteil über Alexander selbst will sich abrunden; doch bleibt hier der entschiedene Gesamteindruck, dass die Grösse des glücklichen Eroberers herabgesetzt wird, und die Absicht des Schriftstellers ist es zweifellos gewesen. Alexander schuldet dem Glück mehr als der Tugend: darauf läuft die Charakteristik X 5, 26ff. hinaus. An unendlich vielen Stellen (III 4, 11. 8, 20. 29. IV 16, 22. V 1, 39. 13, 22. VI 6, 27. VIII 3, 1. 10, 18. IX 10, 28) der Erzählung wird hervorgehoben, wie nur einem unerhörten Glücke Alexander seine Erfolge, seine Rettung aus Gefahren verdankt habe; bezeichnenderweise wird das Lob des Siegers von Gaugamela, das, wie eben gezeigt wurde, entlehnt ist, mit den Worten eingeleitet (IV 16, 27) ceterum hanc metoriam rex maiore ex parte virtuti quam fortunae suae debuit. Das verächtliche Prädicat, das auch Seneca (de benef. I 13, 3. VII 3, 1) dem Genie des Königs anhängt, felix temeritas, wird von C. mehr als einmal vorgebracht (IV 9, 22. 23. VII 2, 37. IX 5, 1 [vgl. das Urteil Kleitarchs Diod. XVII 99, 1]. IX 9, 3). Aber nicht nur das Schosskind, sondern auch das Opfer seines Glücks ist der Weltbesieger gewesen: es hat ihn verführt, sich für den Sohn Ammons zu halten, den orientalischen Sultan zu spielen. Ein stehender τόπος der Alexandergeschichte ist die Lobpreisung des Siegers von Issos, dass er die Freuden des erbeuteten Harems verschmähte (Diod. XVII 38, 4ff. Plut. Alex. 21. Arrian. II 12, 8); C. (III 12, 18ff.) hat ihn nicht gestrichen, aber abgeschwächt durch den Hinweis darauf, dass die Tyche damals Alexander noch nicht verdorben hätte; eine ähnliche Bemerkung findet sich V 3, 15. Bei der Bestrafung des Commandanten von Gaza (IV 6, 29), bei dem Besuch des Ammonsorakels (IV 7, 29) macht sich schon der verderbliche Einfluss der Tyche geltend, die gute Aufnahme der Makedonen in Babylon, die Kleitarch rühmend hervorgehoben hatte (Diod. XVII 64, 4). wird zu einem düsteren Gemälde wüster Schwelgerei umgebildet (V 1, 36ff.), der die Tyche die verdiente Strafe erspart. Der eigentliche Umschlag erfolgt mit dem Tode des Dareios (VI 2, 1ff.); freilich lässt C. der ersten darauf zielenden Declamation eine Geschichte folgen, die das gerade Gegenteil beweist, gemäss der oben geschilderten Unfähigkeit, die verschiedenen Elemente der Überlieferung organisch zu verbinden. Mit dem Costümwechsel ist die Wendung zum Schlechteren entschieden (VI 6, 1ff.); wieder zeigt die Vergleichung mit Kleitarch (Diod. XVII 77, 4ff.) Übereinstimmung in den Thatsachen und Verschiebung der Tendenz.

Diese Auffassung Alexanders muss in der ersten Kaiserzeit die herrschende gewesen sein. Gegen sie polemisieren, ihre Verbreitung beweisend, Arrian am Schluss der Anabasis, Plutarch durch die ganze Haltung seiner Biographie und die unvollendeten Declaniationen Περὶ τῆς Ἀλεξάνδρου τύχης ἢ ἀρετῆς. Auf Seneca ist schon hingewiesen. [1881] Schwieriger ist es, die Frage zu beantworten, wann und wo sie sich gebildet hat; fest steht zunächst nur, dass die ältere Alexandergeschichte, nicht nur die officielle, sondern auch die romanhafte, sie nicht geteilt hat. Kallisthenes, Onesikritos, Kleitarch haben, jeder in seiner Weise, das Lob des Königs gesungen, ihn, wo es nötig schien, entschuldigt, aber nie ihn herabgesetzt; die hellenische Opposition hat nur wirkungslose Pamphlete, wie das des Ephippos, hervorgebracht, und die makedonische machte Halt vor dem Schatten des Heros, dem alle Diadochen ihre Throne verdankten; Kassander hat keine Dynastie gegründet, die seinen Hass gegen die Argeaden erben und verewigen konnte.

Caesar und sein getreuester Nachahmer, Marc Anton, sind mit dem Plan, sieh die Krone Alexanders aufs Haupt zu setzen, gescheitert, und es lässt sich nicht leugnen, dass dies seinem Andenken geschadet hat, dass die Angriffe, welche in der Kaiserzeit gegen Alexander gerichtet werden, nicht nur seinem, sondern dem Despotismus im allgemeinen gelten; es steckt in ihnen etwas von dem in der Kaiserzeit beliebten λόγος ἐσχηματισμένος. Um so energischer muss betont werden, dass die alexanderfeindliche Tendenz damals nur actueller geworden, nicht erst geschaffen ist.

Da C. nicht im stande war, das kleitarchische Fundament der von ihm wiedergegebenen Tradition nach der Kleitarch fremden, ja direct entgegengesetzten Tendenz umzubilden, so sieht es in der Regel so aus, als sei das ungünstige Urteil nur eine oberflächliche Färbung, welche die Linien der Erzählung nicht zu verdecken vermag. Es fehlt aber nicht an Beispielen, dass unter Umständen die Tendenz sich tiefer eingefressen hat, der sicherste Beweis, dass sie länger gewirkt hat und schon zu einer Zeit, in der die hellenistische Geschichtschreibung noch schöpferische Kraft besass, was in der caesarisch-augusteischen Epoche nicht mehr der Fall ist. Kleine Verschiebungen, so kleine, dass eine oberflächliche Beobachtung sie übersieht, geben gelegentlich der Erzählung eine total verschiedene Pointe. Bei Kleitarch (Diod. XVII 98, 3f.) verweist Alexander dem Seher Damophon seine Warnungen, ὡς ἐμποδίζοντι τὴν ἀρετὴν τῶν ἀγωνιζομένων: selbst die diodorische Verdünnung lässt noch erkennen, dass Kleitarch ein effectvolles Gegenstück zu der Scene zwischen Hektor und Polydamas in der Ilias (XII) hatte schaffen wollen. Bei C. (IX 4, 29) spricht nicht der unerschrockene Held, sondern der ehrgeizige Eroberer, der sich um die Götter nicht kümmert, wenn sie ihm nicht passen; und doch wird im übrigen das Gespräch genau nach Kleitarch erzählt. Die romanhafte Überlieferung motivierte die Verbrennung der persischen Königsburg durch den Vorschlag der attischen Hetaere Thais, die Zerstörung Athens durch Xerxes zu rächen; die panegyrische Pointe tritt scharf hervor, dass Alexander die einst so furchtbare Persermacht zu einem Spielzeug von Dirnen gemacht hat (Diod. XVII 72, 2. Plut. Alex. 38). C. (V 7) macht daraus eine wüste Orgie des trunkenen Eroberers. Mit Berechnung wird Thais attische Herkunft verschwiegen, ist der König selbst, nicht einer der Gäste, derjenige, der den Vorschlag zuerst aufgreift. Die Makedonen nehmen nach [1882] anderen Berichten (Plut. a. a. O.) begeistert teil, während der König bald Befehl zum Löschen giebt; bei C. wollen umgekehrt die Makedonen löschen und werden durch das Beispiel des Königs zur Zerstörung angespornt. Die Reue des Königs war ein der Überlieferung gemeinsamer Zug (ὁμολογεῖται Plut.; constat Curt. V 7, 11): aber bei C. wird sie nicht zur That, sondern zu einem Ausspruch, der eine, ebenfalls von Plutarch (Alex. I 37. 56; de fort. Alex. I 7) überlieferte, für Alexander ruhmvolle Thatsache in einen irrealen Wunsch umsetzt (V 7, 11). Ja auch die aus der offiziellen Überlieferung (Arrian. III 18, 11. Plut. Alex. 38 Schl.) stammende Variante, dass die Verbrennung eine überlegte Massregel gewesen sei, ist ins Tendenziöse verzerrt: die Makedonen, nicht Alexander, schämen sich der Orgie und behaupten, die Zerstörung sei absichtlich geschehen (V 7, 10). Die grosse Lücke im 17. Buch Diodors, welche die kleitarchische Darstellung von Kleitos und Kallisthenes vernichtet hat, macht es unmöglich, C.s Bericht über diese Vorgänge zu analysieren; so viel aber lässt sich aus der Notiz des Inhaltsverzeichnisses (κζ) Περὶ τῆς εἰς τὸν Διόνυσον ἁμαρτίας καὶ τῆς παρὰ τὸν πότον ἀναιρέσεως Κλείτου schliessen, dass Kleitarch Alexander so viel als möglich entlastet hat. Das gerade Gegenteil ist bei C. der Fall. Der Zorn des Dionysos wird zu einem nachträglich ausgegrabenen Milderungsgrund degradiert (VIII 2, 6); Kleitos Prahlen mit der Lebensrettung (Arrian. IV 8, 6. 7. Plut. Alex. 50) wird zu einer höhnischen Bemerkung des Königs umgesetzt (VIII 1, 39); Alexander ersticht ihn nicht, als er wieder in den Saal tritt (Plut. Alex. 51. Aristobul bei Arrian. IV 8, 9), sondern lauert ihm beim Hinausgehen auf (VIII 1, 49ff.).

In sehr charakteristischer Weise ist bei der Gefangennahme des Bessos die Tyche Alexanders zum treibenden Factor gemacht. Die wichtigsten Momente der kleitarchischen Erzählung (Diod. XVII 83, 7f.) sind der Streit zwischen Bessos und Gobares, dessen Flucht und gute Aufnahme bei Alexander, die Anerbietungen Alexanders, die zusammen mit der Rettung des Gobares die Genossen des Bessos bestimmen, ihn an Alexander auszuliefern. Der Bericht des Ptolemaios, den Arrian (III 29, 6ff.) erhalten hat, übergeht die Vorgänge am Hofe des Usurpators; wie Spitamenes und Dataphernes dazu kamen, Bessos zu verhaften, wird nicht erzählt, sondern nur ihr an Alexander gerichtetes Anerbieten und die Expedition des Ptolemaios, die zur Verhaftung führte; sie geschieht ohne directe Mitwirkung des Spitamenes. Aristobul vereinigte, wie oft, die romanhafte und die officielle Version zu einem schlechten Compromiss; nach ihm liefern Spitamenes und Dataphernes Bessos an Ptolemaios aus. C. kennt den Streit zwischen Bessos und Gobares (VII 4, 1ff.) und dessen Flucht zu Alexander; aber die Geschichte bleibt ohne Folgen, ist also mit einer Umbildung der kleitarchischen Version unorganisch combiniert. Dagegen ist diese Umbildung selbst sehr geschickt darauf angelegt (VII 5, 19f.), dass jeder Anteil Alexanders an der Katastrophe des gefährlichen Usurpators eliminiert wird und Spitamenes Verrat alles besorgt; es wird direct als Lüge des Spitamenes bezeichnet, dass er auf [1883] Alexanders Befehl gehandelt hätte (VII 5, 26). Die Tendenz der Erfindung wird durch das Wort des Bessos verraten: deos Alexandro propitios esse, cuius victoriam semper etiam hostes adiuvissent, ein Wort, das mit der Bemerkung VIII 3, 1 über das Ende des Spitamenes zusammenzustellen ist: sed hanc quoque expeditionem, ut pleraque alia, fortuna indulgendo ei numquam fatigata pro absente transegit. Es ist ganz unmöglich, ein so überlegtes Ausarbeiten neuer Versionen demselben Schriftsteller zuzutrauen, der oft auf das unverständigste contaminiert und die Pointen der Versionen nicht erkennt; die von ihm vertretene Auffassung der Tyche Alexanders ist nicht von ihm, ist überhaupt von keinem Römer geschaffen, sie muss noch der hellenistischen Epoche angehören.

Entscheidend greift hier das Verhältnis zu Iustin oder vielmehr Trogus ein, dessen Darstellung der des C. ausserordentlich nahe steht. Es geht das so weit, dass gelegentlich die eine Darstellung aus der anderen erklärt werden kann; die von Iustin XI 11, 1 unverständig excerpierte Notiz wird durch Vergleichung von Curt. IV 5, 9 aufgehellt, und umgekehrt beweist die Zusammenstellung von Curt. VIII 8, 22 mit Iust. XII 6, 17, dass C., der in den letzten Büchern sehr eilig vorwärts geht, die Geschichte von Kleitos Tod unvollständig erzählt hat. Die Verwandtschaft ist seit lange bekannt, und doch wird erst deutlich, wie eng sie ist, wenn die Eigentümlichkeiten der curtianischen Tradition sich klar herausgehoben haben. Der kleitarchische Grundstock ist bei Trogus ebensowenig zu verkennen wie die Erweiterungen und Verschiebungen, in denen er oft und auffällig mit C. zusammentrifft. Beide (Curt. IV 1, 15ff. Iust. XI 10, 8ff.) machen Abdalonymos zum König von Sidon statt von Tyros (Diod. XVII 47, noch anders Plut. de fort. Alex. II 8) und stellen demgemäss die Anekdote vor die Belagerung, beide (Curt; VI 1, 1ff. Iust. XII 1, 4ff.; vgl. Diod. XVII 62f. 73, 5f.) verschieben in gleicher Weise den Krieg mit Agis von Sparta, wobei die Übergangsformel bei C. (V 1, 1. 2; die falsche Bemerkung VI 1, 21 ist wohl durch die Umstellung veranlasst) noch die Veränderung des Originals verrät, beide rücken die makedonische Bewaffnung der persischen Truppen hinter die grosse Meuterei (Curt. X 3. Iust. XII 12, vgl. Diod. XVII 108, 1f. 109, 3), nicht ohne die Erzählung etwas zu modificieren. Zwei romanhafte Züge, die Trogus (Iust. XI 14. 3. 4) der Schlacht bei Gaugamela einverleibt hat, kehren bei C. (IV 15, 30. 16, 8f.) wieder, durch dicitur und constat als Überlieferung gekennzeichnet, für die der Schriftsteller die Verantwortung ablehnt.

Auch Concordanzen zwischen Trogus und Plutarch lassen sich nachweisen. In der Reihenfolge der Fragen, die Alexander an das ammonische Orakel richtet, stimmt er (XI 11) genau mit Plutarch (Alex. 27), während C. (IV 7. 26ff.) ebenso genau der kleitarchischen Anordnung (Diod. XVII 51) folgt. Auch X 2, 10 hat er die Zahlen Kleitarchs (Diod. XVII 109, 2. ebenso Plut. Alex. 70) genauer wiedergegeben als Trogus (XII 11, 3), der sich zu einem λεγόμενον bei Arrian (VII 5, 3) stellt. Diese Fälle sind zwar seltener als die entgegengesetzten, in denen Trogus die kleitarchische Tradition reiner als C. bewahrt hat, [1884] aber erheblich wichtiger; denn sie beweisen, was jene nicht vermögen, dass C. nicht, wie Petersdorff vermutet hat, das kleitarchische Gut, das in ihm steckt, durch Trogus Vermittlung erhalten hat. Übrigens hat schon v. Gutschmid mit Recht hervorgehoben, dass ein Werk von zehn Büchern nicht aus den zwei Büchern, in denen Trogus die Alexandergeschichte darstellte, abgeleitet sein kann.

Die schwierigste Frage ist die, ob schon Trogus die für C. so charakteristische Contamination der kleitarchischen mit der officiellen Tradition, wie sie mehr oder weniger rein bei Arrian vorliegt, gekannt hat. Jene rohen mechanischen Einschübe, wie sie namentlich die Schlachtbeschreibungen bei C. verunzieren, sind in dem Auszug Iustins nicht nachzuweisen: zugegeben werden muss aber, dass Iustins Excerpt kaum genügendes Material für eine solche Analyse, die mit sehr vielem und feinem Detail operieren muss, liefert. Dagegen glaube ich Spuren der auch bei C. constatierten, raffinierten Amalgamierung beider Überlieferungen wahrnehmen zu können. Sie treten auf in der Geschichte von dem Briefwechsel zwischen Alexander und Dareios (behandelt von K. J. Neumann Jahrb. f. Philol. CXXVII 545ff.). C. (IV 1, 7ff. 5, 1ff. 10, 18ff.) und Iustin (XI 12) stimmen in allen wichtigen Motiven und Angaben überein: das wesentlichste ist, dass sie beide, im Gegensatz zu allen anderen Berichten (Diod. XVII 54, 7. Plut. Alex. 30. Arrian. IV 20. Karystios bei Athen. XIII 603 b), die dritte und letzte Verhandlung hinter Stateiras Tod legen, eine technisch vorzügliche Erfindung, welche den Roman sehr verbessert. Zu beachten ist, dass C. den Tod von Dareios Gemahlin mit weniger engem Anschluss an die bei Plutarch vorliegende Tradition erzählt als Trogus, auch das bei Plutarch sehr intensive persische Colorit verwischt; es ist also auch diese secundäre Erfindung nur in einer weiter modificierten Form an ihn gelangt. Noch entschiedener aber muss betont werden, dass C. die ersten beiden Briefe in Marathos und Tyros an Alexander gelangen lässt, genau so wie Arrian (II 14. 25), d. h. Aristobul — an Ptolemaios ist nicht zu denken —. Trogus dagegen der kleitarchischen Tradition erheblich näher steht, welche sich begnügt, den einen Brief von Babylon aus zu datieren, und über die zweite und dritte Verhandlung zusammen berichtet (Diod. XVII 39. 54. die Verhandlung 54 ist mit dem 39 mitgeteilten Brief nicht identisch). Ebenso hat er auch in der letzten Antwort Alexanders eine charakteristische Phrase aus Kleitarch (Diod. XVII 54, 5 = Iust. XI 12. 15) aufbewahrt, die bei C. fehlt Diese Beobachtungen reichen aus um zu beweisen, dass Trogus ein etwas älteres Stadium der Romanbildung vertritt als C.; das Fehlen jener bei C. auftretenden Contamination mit Aristobul wird nun sehr wichtig, um so mehr als die Verhandlungen selbst, wie C. und Trogus sie darstellen, nichts anderes sein können als eine Amalgamierung der Version Kleitarchs mit der von Aristobul erfundenen oder übernommenen. Es kommt alles darauf an, die Angebote des Dareios bei Kleitarch geographisch richtig zu interpretieren. Im ersten und zweiten Brief wird das Land bis zum Halys abgetreten, d. h. Kleinasien, das nach der altionischen [1885] Geographie durch den Halys von den Σύροι getrennt wird (Herod. I 72); Kleitarch verwechselt die ,weissen Syrer‘ mit den südlichen. Unmittelbar vor Gaugamela erhöht der Grosskönig das Gebot auf alles Land jenseits des Euphrat. Das war für Kleitarch geographisch richtig, denn er dachte sich Euphrat und Tigris auch im Mittellauf so nah bei einander wie im eigentlichen Babylonien. Nur so lässt sich verstehen, dass er Dareios rechts vom Tigris und links vom Euphrat in die Gegend von Ninive marschieren lässt (Diod. XVII 53, 3 = Curt. IV 9, 6); nur so, dass bei ihm Mazaios den Übergang nicht über den Euphrat (Arrian. III 7, 1. 2), sondern über den Tigris decken soll (Diod. XVII 55). Zu Grunde liegt der berüchtigte Irrtum des Ktesias, der Ninive an den Euphrat verlegte (Diod. II 3). Dareios überlässt also Alexander das Land, das er occupiert hat, nicht mehr, aber auch nicht weniger, in der Hoffnung, dass er, damit zufrieden, es auf den Kampf mit den Massen Oberasiens nicht ankommen lassen wird; der Rat Parmenions passt vortrefflich in die Zeit unmittelbar vor Gaugamela; der Vorwurf war sehr alt, dass er den entscheidenden Sieg nicht gewünscht hätte (Plut. Alex. 33). Das ist zwar keine kritische Geschichte, aber, die geographischen Praemissen vorausgesetzt, ein in sich geschlossener und zusammenhängender Roman. Aristobuls Correctur dieses Romans ist halb und lahm wie gewöhnlich. Es mag ein Rest echter Überlieferung sein, wenn er aus dem ersten Brief das Landangebot streicht; dass er Kleitarchs dritten Brief zum zweiten machte, war nur dadurch veranlasst, dass nach seiner geographischen Kenntnis vor Gaugamela, von Alexander nicht verlangt werden konnte, hinter den längst überschrittenen Euphrat zurückzugehen, und er sich doch nicht entschliessen mochte, die romanhafte Fortsetzung des Briefwechsels einfach fortzuwerfen. Diese Correctur ist von dem gemeinschaftlichen Gewährsmann des C. und Trogus acceptiert, die dritte Verhandlung aber aus Kleitarch beibehalten und durch Alexanders Edelmut gegen Dareios verstorbene Gemahlin neu motiviert. Dagegen fehlen bei Trogus die mit Aristobul sich deckenden Angaben über die Orte, wo Alexander die ersten beiden Briefe erhielt. Das bestätigt den Schluss. dass die technisch geschickte, mit neuen Erfindungen arbeitende Amalgamierung der Traditionen ein älterer, der hellenistischen Periode angehöriger Process ist: die eigentümlichen Contaminationen sind ganz jung, auch so schlecht und roh, dass er ganz gut selbst dafür verantwortlich gemacht werden kann.

Nach der herrschenden Anschauung ist auch die ungünstige Beurteilung Alexanders bei C. und Trogus identisch; der Schöpfer dieses Charakterbildes und der gemeinschaftliche Gewährsmann des C. und Trogus sollen ein und dieselbe Person sein. Die Dinge liegen nicht so einfach. Zuzugeben ist, dass auch bei Trogus Alexander durch seine Erfolge zu Ausschweifungen und Grausamkeiten verleitet wird, dass seine orientalischen Neigungen die gleiche üble Deutung erfahren wie bei C. (XI 10. 1. 2. 11, 12. XII 3, 8-12. 5, 1. 7, 1. 2. 12, 12); die Geschichte von Kleitos Tod weist dasselbe verzerrende Detail — Alexander selbst giebt bei beiden durch die Herabsetzung [1886] Philipps Anlass zu dem bösen Streit (Iust. XII 6, 2. Curt. VIII 1, 22ff.; vgl. Arrian. IV 8, 6) — und die gleiche boshaft entstellende Tendenz auf. Aber ein sehr wesentlicher Zug des curtianischen Bildes fehlt bei Trogus gänzlich, den man am kürzesten mit Senecas Ausdruck felix temeritas bezeichnen kann, und dafür darf nicht etwa Iustins schlechtes Excerpieren verantwortlich gemacht werden. Ganz abgesehen davon, dass Iustin derartige Phrasen des Originals nicht bei seite zu lassen pflegt, der Vergleich zwischen den Urteilen, welche C. (IX 5, 1) und Trogus (Iust. XII 9, 8) über Alexanders verwegenes Vorgehen beim Sturm auf die Mallerfeste fällen, zeigt auf den ersten Blick, dass die Auffassung des Königs bei beiden trotz aller Ähnlichkeit doch auch wieder grundverschieden, bei Trogus unvergleichlich günstiger ist. Beide (Curt. VII 2, 35ff. Iustin. XII 5, 1—8) geben die kleitarchische Geschichte von dem ἀτάκτων τάγμα (Diod. XVII 80, 4) wieder, aber jeder mit einer anderen Schlusspointe: nach C. schlägt Alexander die verwegene Massregel ohne sein Verdienst zum Guten aus, nach Trogus führt er sie mit harter Consequenz und richtig berechnetem Erfolg durch. Der Alexander des Trogus ist nicht das verzogene Schosskind der Tyche, sondern der gewaltige Tyrann, der alles bezwingt, dem kein Feind und keine Stadt widerstehen kann, der sogar dem Tode trotzt. Er ist nicht durch die Schmeicheleien der Ammonspriester verführt, sondern er selbst hat die Orakel planmässig vorbereitet. Nur tückischem Verrat ist der Weltbezwinger erlegen; je genauer Trogus die Worte wiedergiebt, mit denen Kleitarch die von ihm als beachtenswerte Variante wiedergegebene Tradition von der Vergiftung charakterisiert, um so schärfer tritt die Tendenz hervor, um derentwillen er diese Tradition acceptierte. Gewiss bleibt zwischen dem Bilde des Weltbesiegers und des seinen Lüsten und Leidenschaften frönenden Sultans ein gewisser Widerspruch, derselbe, wie ihn Polybios in Theopomps Beurteilung Philipps aufdeckt, aber doch ein Widerspruch, den ein geschickter Schriftsteller benutzen konnte, um die Farben seines Bildes noch greller und contrastreicher zu machen. Die Τύχη hat in dieser Composition nichts zu schaffen, da sie die Vorstellung des Unbesieglichen zerstört und zerstören soll, wie sie ja auch benutzt ist, um den Ruhm des weltbeherrschenden Rom zu schwärzen (Dionys. arch. I 4).

Es ist ebenso gewiss, dass die zahllosen Panegyriken auf Alexander, welche die hellenistischen Rhetorenschulen producierten (vgl. z. B. Cic. de fin. II 116; de orat. II 341), seine Unbesieglichkeit feierten, als es keinem Zweifel unterliegt, dass der Schriftsteller, aus dem Trogus seine Auffassung übernahm, besondere, nicht rein epideiktische Zwecke damit verfolgte. Livius polemisiert in der berühmten Digression des neunten Buches (17—19) gegen die Anschauung, dass auch die Römer dem Genie Alexanders nicht widerstanden haben würden; seine Ausführungen berühren sich in zu auffallender Weise mit Äusserungen des Trogus, als dass ein Zusammenhang geleugnet werden könnte, wenn er auch kein directer gewesen zu sein braucht. Trogus feiert Alexander, weil er nie besiegt sei; Livius (IX 18, 9) wendet sich [1887] gegen die, welche Alexanders Grösse dadurch zu übermässiger Höhe hinaufschrauben, dass sie seine ununterbrochene Siegeslaufbahn mit den zahlreichen Niederlagen der Römer vergleichen. Trogus deutet (XII 13, 1), den Namen der Römer wohl absichtlich unterdrückend, auf die berufene Gesandtschaft der Römer nach Babylon (vgl. Kleitarch bei Plin. n. h. III 57. Arrian. VII 15, 5), er fügt hinzu: adeo universum terrarum orbem nominis eius terror invaserat, ut cunctae velut gentes destinato sibi regi adularentur. Das war im Original auf Rom gemünzt, wie die scharfen Worte, mit denen Livius jede Beziehung Roms zu Alexander leugnet, verraten (IX 18, 6): id id vero periculum erat, quod levissimi ex Graecis, qui Parthorum quoque contra nomen Romanum gloriae favent, dictitare solent, ne maiestatem nominis Alexandri, quem ne fama quidem illis notum arbitror fuisse, sustinere non potuerit populus Romanus. Livius behauptet die Überlegenheit der römischen Truppen über die Alexanders, hebt unter anderem hervor (IX 19, 6), dass Alexander der junge Nachwuchs gefehlt haben würde. Dem stellt sich Trogus Ausführung über die Ἐπίγονοι gegenüber; wiederum erscheint die Unbesieglichkeit (XII 4, 10): a parvula aetate laboribus periculisque indurati invictus exercitus fuere. Wichtig ist auch die Bemerkung (XII 4, 7) quae consuetudo in successoribus quoque Alexandri mansit, sie gehört zu dem merkwürdigen Panegyrikus auf die Diadochen; (XIII 1, 10ff.), die nur sich selbst, keinem anderen Feind unterliegen konnten: quis igitur miretur talibus ministris orbem terrarum victum cum exercitus Macedonum tot non ducibus, sed regibus regerentur? Vergleicht man damit die Polemik des Livius, dass im Fall eines Zusammenstosses auf makedonischer Seite nur Alexander, auf römischer Seite eine unversiegliche Fülle von Feldherren, die Alexander gewachsen waren, vorhanden gewesen sein würden, dann springt in die Augen, dass in diesen Erörterungen bei Trogus eine historische Parallele zwischen Makedonien und Rom steckt, die eine römerfeindliche Spitze hatte.

Seit über 60 Jahren gilt Timagenes für den griechischen Schriftsteller, den Livius angreift; auf diese von Schwab vorgetragene Hypothese (De Livio et Timagene, Stuttgart 1834) ist dann die weitere gepfropft, dass Timagenes der Schöpfer des bei Trogus und C. vorliegenden Charakterbildes Alexanders sei. Diese leztere Behauptung fällt mit der Wahrnehmung, dass der Alexander des Trogus von dem des C. grundverschieden ist; möglich ist höchstens, dass Timagenes der römer-feindliche Autor wäre, aus dem Trogus schöpft und den Livius bekämpft: man könnte das Verhältnis noch durch Einschiebung von Mittelgliedern complicieren, doch kommt darauf nichts an. Diese Anschauung aber steht und fällt mit der Schwabschen Hypothese, und der ist damit, dass sie so lange als festes Axiom gegolten hat, eine sehr unverdiente Ehre zu teil geworden. Es ist zunächst gänzlich zweifelhaft, ob Timagenes eine Geschichte Alexanders geschrieben hat. Das Citat des C. (IX 5, 21) fügt sich ebenso gut wie die keltischen Stücke, die Strabon und Ammian erhalten haben, in eine Diadochengeschichte ein, auf welche die Fragmente ausnahmslos hinweisen. Mag [1788] dem nun aber sein wie ihm wolle — und hier wird sich nie volle Sicherheit erzielen lassen —, das kann und muss unbedingt geleugnet werden, dass Livius mit dem partherfreundlichen Scribenten, dem er ein so wenig schmeichelhaftes Denkmal gesetzt hat, Timagenes gemeint hat. Dieser — und wir sind über seine Lebensumstände besser unterrichtet als über seine Werke — hat nie im Sold des Partherkönigs gestanden, es ist auch nichts anderes von ihm bezeugt, als dass er sich gerne Bosheiten gegen Augustus erlaubte, woraus noch nicht folgt, dass er in parthischem Sinne Geschichte schrieb. Dagegen ist der Schriftsteller, gegen den Dionys im Prooemion (I 4) polemisiert, der die Grösse der Römer auf ein blindes Walten der sich um kein Verdienst kümmernden Tyche zurückführen wollte, ein officiöser Litterat im Dienst des Partherhofes (I 4, 3): καὶ τί δεῖ οερὶ τῶν ἄλλων λέγειν ὅπου γε καὶ τῶν συγγραφέων τινὲς ἐτόλμησαν ἐν ταῖς ἱστορίαις ταῦτα γράψαντες καταλιπεῖν, βασιλεῦσι βαρβάροις μισοῦσι τὴν ἡγεμονίαν οἷς δουλεύοντες αὐτοὶ καὶ τὰ καθ’ ἡδονὰς ὁμιλοῦντες διετέλεσαν, οὔτε δικαίας οὔτε ἀληθεῖς ἱστορίας χαριζόμενοι. Es liegt unendlich viel näher, statt mit Timagenes, mit dieser Persönlichkeit den levissimus Graecus des Livius zu identifizieren und ihm zum mindesten einen starken Einfluss auf Trogus zuzuschreiben. Die auffallenden Erwähnungen der Partherherrschaft bei Trogus, die Herleitung der Dynastie von einem persischen Satrapen Alexanders (Iustin. XI 15, 1. 2. XII 4, 12) sind sehr geeignet, diese Hypothese zu unterstützen. Es ist von grossem historischen Interesse zu sehen, wie die Partherkönige, nachdem sie die einzigen Gegner Roms im Osten geworden waren, also im 1. Jhdt. v. Chr., nach Mithridats und Tigranes Sturz, versuchen, sich als die Vertreter des Hellenismus und die berufenen Nachfolger Alexanders gegenüber den Barbaren des Westens zu legitimieren; einen anderen Sinn hat es nicht, wenn ein griechischer Litterat dem Partherkönig zu Gefallen Alexander und seinen Makedonen den Preis der Ἀρετή zuerkennt, den Römern nur die Gunst der Τύχη lässt. Hätte das schandbare Regiment der römischen Oligarchie im Osten länger gedauert, so würden diese officiösen Pamphlete Erfolg gehabt haben: die Monarchie hat Rom die Rolle wiedergegeben, das Griechentum zu schützen, und damit ist auch jener partherfreundliche Graeculus der Vergessenheit überantwortet. Livius und Dionys bekämpfen ihn noch; ein Menschenalter später stand das römische Prestige schon so fest, dass Trogus hoffen konnte, mit der Verherrlichung des invictus Alexander nur Sensation, nicht nationale Empörung zu erregen. Freilich wird er die antirömischen Pointen abgestumpft haben, wie er durch das Hineinmalen der tyrannischen ὕβρις neben das allzu helle Licht der Heldengestalt die tiefen Schatten setzte, ohne die der römische Hochmut den Anblick nichtrömischer Grösse nicht gern ertrug.

Übrigens wäre es gänzlich verkehrt zu glauben, dass die beiden Auffassungen, die des unbesieglichen Eroberers und die entgegengesetzte, die Livius dagegen ausspielt, die des vom Glück verzogenen und verdorbenen Sultans, erst den parthisch-römischen Debatten ihren Ursprung verdanken; diese haben nichts geschaffen, sondern [1889] nur längst vorhandenen τόποι ein actuelles Interesse verliehen. Schon vor jenem partherfreundlichen Scribenten hat die alte Tradition von der römischen Gesandtschaft an Alexander es sich gefallen lassen müssen, auf die Gegenwart projiciert zu werden. Zufällig ist nur eine römerfreundliche Behandlung erhalten (Arrian. VII 15, 5), aber daraus folgt nicht, dass der lange und scharfe Gegensatz zwischen Rom und Makedonien nicht auch zu der entgegengesetzten Anlass gegeben hat; die Rom feindliche Litteratur ist früh untergegangen, weil sie nicht Recht behalten hatte. Die Frage, ob Alexander seine Erfolge der Ἀρετή oder der Τύχη zu verdanken hatte, muss ein unzähligemal behandelter τόπος der hellenistischen epideiktischen Rhetorik gewesen sein, die sich so gut wie die isokrateische um ἐγκώμιον und ψόγος, um αὔξειν und ταπεινοῦν drehte. Die von Dionys (arch. I 4) bezeugte Übertragung des τόπος auf die Beurteilung Roms zeigt seine allgemeine, feststehende Geltung, die nicht auf einzelne Namen zurückgeführt werden darf. Ein hellenistisches Lehrbuch der Rhetorik (Auct. ad Herenn. IV 31) führt in einem Beispiel unter anderen Lobsprüchen Alexanders den Satz an: Alexandro si vita data longior esset, trans Oceanum Macedonum transvolassent sarisae; die ταπείνωσις steht bei C. in der Charakteristik (X 5, 36) expectavere eum fata dum Oriente perdomito aditoque Oceano quidquid mortalitas capiebat impleret und liegt auch der magnitudo collecta paulo plus decem annorum felicitate des Livius (IX 18, 8) zu Grunde. Das sind Phrasen, die in den Hörsälen der Rhetoren Jahrhunderte lang immer wiederholt wurden, dem alten Inhalt immer neue Formen in θέσθςs und ἀντίθεσις schaffend, nicht Gedanken, die eine schriftstellerische Individualität charakterisieren.

Handelt es sich bei dieser Controverse um ein Spiel der Rhetorik, das nur dadurch ein reales Interesse bekommt, dass es äusserlich in den Dienst politischer Gegensätze gestellt wird, so ist die Auffassung des kosmopolitischen Grosskönigtums Alexanders als einer tyrannischen ὕβρις erst im Lauf der Zeit zu einem rhetorischen κεφάλαιον geworden; ihre Wurzeln liegen viel tiefer. Sie ist nichts anderes als die Fortsetzung der makedonischen Opposition, die Alexander selbst schon so viel zu schaffen gemacht hatte. Weder die makedonische officielle noch die ionische romanhafte Geschichtschreibung der ersten Zeit haben sie übernommen, aber wie schon Kallisthenes der Wortführer der unzufriedenen makedonischen Junker wurde, so haben Bücher wie Aristoteles Περὶ βασιλείας und Theophrasts Καλλισθένης ἢ περὶ πένθους dem Widerstand Antipaters und Kassanders gegen die Hellenisierung des Orients eine geistige Kraft verliehen, die dem Fortleben Alexanders höchst gefährlich geworden ist. Das Wort, mit dem Theophrast (Cic. Tusc. III 21) im Καλλισθένης Alexander charakterisierte: hominem summa potentia summaque fortuna, sed ignarum quem ad modum rebus secundis uti conveniret, fasst kurz und scharf die Vorwürfe zusammen, die Livius und C. gegen Alexander richten und die schon Cicero als stehende Überlieferung kannte (ad Att. XIII 28, 3 quid? tu non vides ipsum illum Aristoteli discipulum, summo ingenio, summa modestia, postea quam [1890] rex appellatus sit, superbum, crudelem, immoderatum fuisse?), zum Beweis, dass Livius dies Gegenargument gegen den levissimus Graecus nicht aus ihm selbst, für den es gar nicht passt, entlehnte, sondern mit Recht behauptet, soweit die jüngere Alexanderhistorie in Frage kommt, nec quicquam dubium inter scriptores refero (IX 18, 5). Es hat freilich Zeit gekostet, bis diese Auffassung die lebendige Erinnerung an den Gewaltigsten des Menschengeschlechts zersetzte. Nicht nur die Panegyriken der Rhetorik, die ebenso leicht das Gegenteil verfocht, auch die mit grossartigem, hinreissendem Schwung geschriebenen Verteidigungen der Kyniker Onesikritos und Eratosthenes haben sie bekämpft, und sie hat beim grossen Publicum erst den Sieg errungen, als die Erben Alexanders den römischen Waffen erlagen und die römische antimonarchische Oligarchie in den hellenischen Philosophen, den Stoikern und Akademikern, beredte Anwälte ihrer Grösse fand. Es giebt zu denken, dass Panaitios Philipp über Alexander stellte und in diesem ein warnendes Beispiel der schädlichen Wirkungen grosser Erfolge erblickte (Cic. de off. I 90); erst dann wird es verständlich, warum Plutarch sich solche Mühe giebt, Alexander zum stoischen Philosophen zu stempeln, wenn man bedenkt, dass er gegen die in der Stoa herrschende Beurteilung seines Helden kämpft. Für Seneca (nat. quaest. III praef. 5) und Lucan (X 21) ist Alexander das, was Napoleon für Niebuhr war, der Räuber grossen Stils, eine Auffassung, von der auch bei C. (VIII 7, 19) sich Spuren finden. Das ist nicht nur republicanische Opposition der Kaiserzeit; das Gespräch Alexanders mit dem gefangenen Seeräuber, das Cicero wahrscheinlich aus Karneades, jedenfalls aus einem hellenistischen Philosophen kennt (de rep. III 24), läuft auf diese Pointe hinaus.

Die rhetorische Geschichtschreibung hat dann dieses Philosophenurteil mit dem längst feststehenden Typus des Tyrannen combiniert und das Bild geschaffen, das bis auf den heutigen Tag aller ernsthaften, aufbauenden Kritik hartnäckig widersteht. Es ist für die richtige Beurteilung der jüngeren Alexandergeschichte, die wir lediglich aus C. kennen, nicht zu übersehen, dass die pragmatische und philosophische, man kann auch sagen peripatetische Historiographie des Hellenismus sich ihre Themen aus der Zeitgeschichte holt, dass es den Rhetor charakterisiert, wenn der Stoff in der Vergangenheit gesucht wird. Und diese rein rhetorische Geschichtschreibung ist mit den Thatsachen noch viel scrupelloser umgegangen, als die künstlerische des Duris und Phylarch (vgl. Herm. XXXIV 453f.).

Wenn also C. mit Livius in der ungünstigen Beurteilung Alexanders zusammentrifft, so braucht er darum keinen Gewährsmann benutzt zu haben, der gegen den levissimus ex Graecis polemisierte; er konnte sie ohne Schwierigkeit in der historisch-rhetorischen Litteratur des jüngeren Hellenismus finden, deren Reichhaltigkeit und relative Bedeutung man darum nicht unterschätzen soll, weil der griechisch-römische Classicismus ihr den Untergang gebracht hat. Aber dass C. gerade eine oder mehrere derartige Darstellungen den panegyrischen vorzog, wird eine Concession an das national-römische Empfinden sein. Er hat den [1891] Mut nicht, das Experiment des Trogus zu wiederholen, und der Umschlag in der Auffassung Alexanders, den Plutarch und Aman so energisch forderten, war noch nicht eingetreten; er gehört zu den Symptomen des seit den Plaviern mächtig erstarkenden griechischen Selbstbewusstseins, das sich am Ende der Republik und unter den iuliseh-claudischen Kaisern der römischen Suprematie mit geringen Ausnahmen unterworfen hatte. An derselben Stelle der Erzählung, da wo nach Ale- 1 xanders Tod der Streit zwischen den Makedonen ausbricht, schaltet Trogus den Panegyricus auf die Diadochen ein, C. das begeisterte Loh der den Weltfrieden verbürgenden Monarchie (X 9i, 3f£), ähnliche Töne anschlagend, wie Livius am Schluss der Digression gegen Alexander (IX 19,17). Darin liegt doch wohl ein bewusster Gegensatz angedeutet gegen die Glorification Alexanders, die der partherfreundliche griechische Litterat, den Livius bekämpft, und Trogus aufs Tapet gebracht hatten; 2 dieser Gegensatz, bei dem die Rücksicht auf das römische Publicum gewiss eine grössere Rolle spielte als die wenig ausgeprägte Individualität des zum Geschichtschreiber nicht geborenen Schriftstellers, wird C. bei der Auswahl seiner unmittelbaren Gewährsmänner geleitet haben. Der Text der Alexandergeschichte ist in sehr verwahrloster Gestalt überliefert; namentlich sind ausser den grossen Lücken oft Worte und Sätze ausgefallen, dagegen sind alte, vor dem Archetypus i Hegende Interpolationen nicht nachzuweisen. Die einzige kritische Ausgabe ist die von Hedicke, die aber durch genauere Collationen überholt ist. Die VogeIsche Recension ist verständig, aber mit Vorsicht zu gebrauchen, da sie oft Unsicheres, nicht selten Falsches in den Text setzt. Der grosse Mut z el Ische Commentar ist für das Sprachliche immer noch sehr wertvoll; die sachliche, namentlich die geographische Erklärung, für die damalige Zeit eine vorzügliche Leistung, ist ver- -altet.