RE:Diktys

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band V,1 (1903), Sp. 589–591
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Diktys ist der im Anschluss an das kretische Gebirge Dikte erfundene Name eines bei Homer nicht vorkommenden Gefährten des Idomeneus, des angeblichen Verfassers einer in der lateinischen Bearbeitung eines L. Septimius erhaltenen Ephemeris belli Troiani in sechs Büchern. Suidas s. Δίκτυς sagt: ἔγραψεν ἐφημερίδα· ἔστι δὲ τὰ μεθ’ Ὅμηρον καταλογάδην ἐν βιβλίοις θ’, Ἰλιακὰ (Ἰταλικὰ vg., von Leo Allatius De patria Homeri 4 verbessert) Τρωικοῦ διακόσμου. οὗτος ἔγραψε τὰ περὶ τῆς ἁρπαγῆς Ἑλένης (Anfang der Ephemeris) καὶ περὶ Μενελάου καὶ πάσης Ἰλιακῆς ὑποθέσεως. Diese Angaben stimmen mit der ersten Vorrede der lateinischen Schrift überein, welche sich als Widmungsbrief des Septimius ausgiebt und mit Hülfe eines auch sonst ähnlich verwendeten romanhaften Motives, dass die Originalschrift zur Zeit Neros im Grabe des D. bei Knossos gefunden sei, ihre Erzählung als die eines Augenzeugen und die allein wahre hinstellt. Es wird hinzugefügt, dass die ersten fünf Bücher über den troianischen Krieg der gleichen Anzahl des griechischen D. entsprächen, während die übrigen fünf (quinque die Hss., quatuor Dederich, um die Übereinstimmung mit Suidas zu wahren) über die Rückkehr der Griechen in eins zusammengefasst seien. Die zweite Vorrede giebt genauere Nachrichten über D. und den angeblichen Fund, welcher von den Hirten eines Eupraxides gemacht und von Rutilius Rufus (illius insulae tunc consulari) Nero übermittelt sei, welcher die auf Lindenbast mit phoinikischen Buchstaben geschriebenen Tagebücher ins Griechische übertragen und in seiner Bibliothek aufstellen liess. Diese Angabe wird man in ihrem letzten Teile nicht für völlig erfunden halten, wenn man sich erinnert, wie sich Nero durch die vorgebliche Auffindung der Schätze der Dido hat täuschen lassen (Tac. ann. XVI 1f. Suet. Nero 31f.; vgl. auch Plin. n. h. XIII 88).

In der Erzählung der troischen Sagen zeigt sich überall das Bestreben, angebliche Irrtümer Homers und der anderen alten Quellen stillschweigend zu verbessern. Deshalb wird alles Wunderbare, wie die Entrückung Iphigeneias (I 21f.), die Verwundung des Telephos (II 3), die göttliche Abstammung des Achilleus (VI 7. I 14) und des Memnon (VI 10), die Abenteuer des Odysseus (VI 10) u. a. m. rationalistisch erklärt und umgebildet. Ferner finden Änderungen in der Zeitfolge statt, wie die Ansetzung des Selbstmordes des Aias nach der Zerstörung Troias, diesmal mit der ausdrücklichen Begründung, weil dies Ereignis im Anfange des Krieges dessen günstigen Ausgang für die Griechen in Frage gestellt hätte (V 15). Natürlich nimmt D. (im Gegensatz zu dem troianerfreundlichen Dares, s. d.), wo er nur kann, für die Griechen (nostri) zum Nachteil der Troianer (barbari) Partei und schildert Priamos [590] und seine Söhne als willkürlich und treulos. Auch lässt er sein angebliches Vaterland Kreta und seinen Landsmann Idomeneus stärker als in der Ilias hervortreten. Auf die gerechteren und bei der Eroberung geschonten Feinde, Antenor und Aineias, fällt durch ihren Verrat der Vaterstadt ein ungünstiges Licht. Aus dem romanhaften Charakter der Schrift erklärt sich die hervorragende Rolle, welche Frauengestalten wie Hekuba, Kassandra und namentlich Polyxena spielen. Endlich fehlt es nicht an rein willkürlichen Änderungen älterer Überlieferung, wie wenn dem Agamemnon in Aulis der Oberbefehl über das Heer eine Zeit lang entzogen wird (I 19), oder wenn Achilleus den Hektor in einem Hinterhalt tötet (III 15). Doch stimmen wieder andere von Homer abweichende Angaben wie die, dass der Vater des Agamemnon nicht Atreus sondern Pleisthenes hiess (I 1. vgl. Apollodor III 22 u. a.), und die über Kanopos, den in Ägypten gestorbenen Steuermann des Menelaos (VI 4, vgl. Strab. XVII 801), mit älteren Quellen überein.

Diese Ereignisse erzählt Septimius in verhältnismässig correctem und durch Anlehnung namentlich an Sallust historische Darstellungsweise affectierendem Latein (H. Pratje Quaestiones Sallustianae ad L. Septimium et Sulpicium Severum spectantes, Göttingen 1874. E. Brünnert Sallust und Dictys, Erfurt 1883. F. Meister in seiner Ausgabe VIIIf.), auch lässt er öfters die handelnden Personen Reden halten. Doch wird die Angabe der ersten Vorrede von der Verkürzung der Quelle durch den für gewöhnlich recht knappen Ausdruck und durch bestimmte Stellen bestätigt (I 4, vgl. mit Johannes Malalas chron. 119f.; I 2 erkennt man die eingehende Beschreibung eines kretischen Tempels im Original; ebd. 20 ist eine ‚lange Rede‘ Nestors ausgelassen). Zugleich gewinnt hierdurch die weitere vielfach angezweifelte Angabe der ersten Vorrede, dass die Ephemeris aus dem Griechischen übersetzt sei, an Glaubwürdigkeit. Sie wird zur Gewissheit erhoben durch zahlreiche Graecismen wie I 6 conductoque concilio, III 52 miscebantur = ‚verkehrten‘, IV 18 Helenum Priami u. a. m. sowie durch die augenfällige Übereinstimmung mit Johannes Malalas, Kedrenos, Tzetzes, die ἐκλογὴ ἱστοριῶν und andere byzantinische Quellen, während die Annahme, dass diese einen vollständigeren lateinischen D. benützt hätten, viel ferner liegt.

Die Zeit der lateinischen Ephemeris wird einmal durch die Widmung an Q. Aradius Rufinus bestimmt. Wir kennen anderweitig zwei Männer dieses Namens (s. Aradius Nr. 4. 5), deren einer 316 das Consulat bekleidete, während der andere 340 Proconsul Africae war. Auf dieselbe Zeit weist der Umstand hin, dass in der zweiten Vorrede das Wort consularis im Sinne von ‚Statthalter‘ gebraucht wird, eine Bedeutung, die sich vor dem 4. Jhdt. nicht nachweisen lässt (L. Havet Revue de philol. II 238). Endlich ist die Sprache trotz der Anklänge an Sallust, Vergil (H. Dunger De Dictye-Septimio Vergilii imitatore, Dresden 1886) und andere ältere Schriftsteller am nächsten dem Hegesippus, Sulpicius Severus, Ammianus, Orosius u. a. verwandt.

Im Mittelalter ist D. fast ebenso häufig wie [591] der kürzere Dares (s. d.) gelesen, bearbeitet und abgeschrieben worden. Von mittelbaren und unmittelbaren Benutzern sind zu erwähnen: Benoit de Sainte More, Josephus Iscanus, Guido von Columna, Herbort von Fritzlar, Johannes Mair von Nördlingen und Heinrich von Braunschweig. Die älteste und beste der bis jetzt herangezogenen Hss. ist der Sangallensis 197 (D 205) aus dem 9. bis 10. Jhdt. Die wichtigsten D. meist mit Dares verbindenden Ausgaben sind: die princeps Cöln 1470; Ios. Mercier Paris 1618, Amsterdam 1631; Anna Daciera T. Fabri filia, Paris 1680, Amsterdam 1702; U. Obrecht Strassburg 1691; L. Smids Amsterdam 1702; A. Dederich Bonn 1833; F. Meister Leipzig 1873. Über die Quellen und Bearbeiter vgl. ausser der bereits unter Dares erwähnten Litteratur die grundlegende Dissertatio de Dictye Cretensi von Jac. Perizonius in den Ausgaben von Smids und Dederich. E. Collilieux[WS 1] Dictys de Crète et Darès de Phrygie, Grenoble 1886. F. Noack Der griech. Diktys, Philologus Suppl. VI 403ff. E. Patzig Programme der Thomasschule in Leipzig 1890/1 und in der Byzantin. Zeitschr. I 131ff. W. Greif Die mittelalterlichen Bearbeitungen der Troianersage, Marburg 1886. K. Krumbacher Gesch. d. byz. Litteratur² 845.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Collieux