RE:Heliodoros 15

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band VIII,1 (1912), Sp. 2028
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15) Verfasser des umfänglichsten der erhaltenen griechischen Romane Αἰθιοπικῶν βιβλία ι’, nennt sich am Schlusse seines Werkes selbst: τοιόνδε πέρας ἔσχε τὸ σύνταγμα τῶν περὶ Θεαγένην καὶ Χαρίκλειαν Αἰθιοπικῶν· ὃ συνέταξεν ἀνὴρ Φοῖνιξ Ἐμισηνός, τῶν ἀφ’ Ἡλίου γένος, Θεοδοσίου παῖς Ἡλιόδωρος. Des Mannes Heimat gibt den charakteristischen Grundton für das ganze Werk: es ist erfüllt vom frommen, absichtlich zur Schau gestellten Glauben an den großen Gott von Emesa, den Helios, der mit Apollon identifiziert wird (308, 21 Bekker Ἀπόλλωνα, τὸν αὐτὸν ὄντα καὶ Ἥλιον), der schlechtweg ὁ θέος ist (68, 28. 157, 19; θεός 5, 30. 28, 29 u. a.), neben dem die andern Götter (οἱ θεοί 56, 1. 61, 6), gern οἱ κρείττονες genannt (65, 28. 93, 14. 102, 24), stark in den Hintergrund treten, unter dessen das Menschenschicksal wohlwollend und weise leitender göttlicher Macht (τὸ θεῖον 11, 4. 255, 12) als Mittelwesen zwischen Gott und Mensch die Dämonen wirken, die bereits als die Vertreter des Bösen im Menschenleben, als den Menschen quälende Geister gefaßt werden (Rohde 463f.). Diese religiösen Anschauungen sind wichtig, nicht bloß um zu erkennen, daß der Verfasser unmöglich ein Christ sein kann, auch um die Entstehungszeit des Werkes einigermaßen zu fixieren. Die Hochblüte der Religion von Emesa, die die historische Voraussetzung des Romans ist, fällt in die Mitte des 3. Jhdts. n. Chr., seit die Familie des Sonnenpriesters zu Emesa durch die Ehe seiner Tochter Iulia Domna mit Septimius [21] Severus in nächste Beziehung zum Kaiserhause getreten war und die beiden Enkel der Iulia Maesa, der Schwester der Domna, nacheinander den Purpur getragen hatten (Elagabal 218–222, Severus Alexander 222–235. v. Domaszewski Abhdlgn. z. röm. Religion 1909, 197ff.). Von den verstiegenen neuplatonischen Anschauungen eines Iamblichos und dem darauf sich aufbauenden Kultus des ‚Königs Helios‘, wie Iulian ihn in seiner vierten Rede verkündet (Mau Die Religionsphilosophie Kaiser Iulians, Leipzig 1907), ist in H.s Roman nichts zu spüren; seine Götterverehrung ist noch die einfachere, neupythagoreische früherer Zeit, als deren idealen Vertreter im Auftrage der Iulia Domna der Hofsophist Philostratos nach verschiedenen Quellen arbeitend den Philosophen und Wundermann Apollonios von Tyana geschildert hatte. Daß H. Philostrats Werk gekannt haben muß, ist von Rohde (467ff.) ausgesprochen worden (eine nähere Untersuchung über das Verhältnis des Romans H.s zu den Werken der Philostrate fehlt; ein paar Bemerkungen bei Garin 457, 1; Sprachliches hie und da bei Fritsch), und das Erscheinen des Apolloniosromans (bald nach 217, Münscher Philol. Suppl. X 1907, 489; verkehrt Garin 457: 210–215) bildet den Terminus post quem für die Abfassung von H.s Werk. Auf die Zeit des 3. Jhdts. führt auch die Vorstellung von einem glänzenden Aithiopenstaate, dem nicht bloß Troglodyten, Araber und Serer, auch die Blemmyer (X 26 ἐπὶ τούτοις ἡ Βλεμμύων παρῄει πρεσβεία) zinspflichtig sind, die in Wahrheit den Kaiser Diokletian (284–305) zu schimpflicher Tributzahlung zwangen (Procop. bell. Pers. I 19, 32), und dem die Axiomiten (X 27 παρῆσαν οἱ Ἀξωμιτῶν πρεσβευταί, φόρου μὲν οὐκ ὄντες ὑποτελεῖς, φίλιοι δὲ ἄλλως καὶ ὑπόσπονδοι) verbündet sind, womit H. ‚eine unbestimmte Kunde von dem auxomitischen Reiche seiner Tage kritiklos in jene alte Perserzeit zurückgetragen hat, in welcher von Auxomis noch gar keine Rede war‘ (Rohde 484). Rohde (496) ist geneigt, H. etwa in die Zeit Aurelians (270–275) zu versetzen. Gewiß stand auch damals noch Emesa mit seinem Sonnenkult in Blüte. Nach dem Siege über Zenobia vor den Mauern ihrer Stadt jubelten die reichstreuen Emesener dem einziehenden Aurelian zu (Zosim. I 54, 2), und dieser weihte dem göttlichen Helios, der ihm den Sieg verliehen und durch seinen frommen Knecht, den heroisierten Tyaneer Apollonios, beraten hatte, den Tribut frommer Verehrung im Emesener Heliogabalostempel, stellte den zerstörten Sonnentempel in Palmyra wieder her und errichtete dem Sol einen kostbaren Tempel in Rom (Hist. aug. Aurel. 24–25; dazu 35, 3. 39, 2. 6). Aber einen positiven Anhalt, H. so spät, erst ins letzte Drittel des 3. Jhdts. zu setzen, gibt es nicht. Eine Kontrolle gestatten uns die Beziehungen H.s zu den andern Romanschriftstellern. H. benützt den Chariton (Garin 430ff.); was Κέκκος zusammengestellt hat, kann nur umgekehrt dem Nachweise dienen, daß Chariton der andern Muster, seit wir wissen, daß er dem 1., spätestens dem 2. Jhdt. n. Chr. angehört, v. Wilamowitz-Moellendorff Die Kultur der Gegenwart I 8, 182. Reitzenstein Hellenistische Wundererzählungen [22] 1906, 94). H. kennt den Iamblichos (Garin 457, 2; Parallelen zu Longos Garin 441). Daß andererseits Achilles Tatios den H. imitiert hat, steht fest (Neimke 22f. Garin 447–450) und war schon von den Byzantinern erkannt (Phot. bibl. cod. LXXXVI p. 66a 24 über Achilles πολλὴν δὲ ὁμοιότητα ἐν τῇ διασκευῇ καὶ πλάσει τῶν διηγημάτων πλὴν σχεδόν τι τῶν προσώπων τῆς ὀνομασίας καὶ τῆς μυσαρᾶς αἰσχρότητος πρὸς τὰ τοῦ Ἡλιοδώρου δράματα φυλάττει. Michael Psellos in seiner σύγκρισις H.s und des Achilles, gedruckt in Korays Heliodor I p. οήff. und im Achilles Tat. ed. Fr. Jacobs, Leipzig 1821, praef. p. CVIIff.: τὸ δὲ κατὰ Λευκίππην βιβλίον οἶμαι πρὸς μίμημα ἐκείνης [scil. τῆς Χαρικλείας] ἀποξεσθῆναι p. CXI). Da Achilles die Werke der Philostrate kennt, andererseits vor Synesios und Gregor, Himerios und Themistios schreibt (Willy Lehmann De Achillis Tatii aetate, Breslau 1910 25ff., 50ff.) und von Musaios benützt wird (Boll Philol. LXIX 1910, 173ff.), mag man ihn rund um 300, H. demgemäß etwas früher setzen. Übereinstimmungen zwischen H. und Xenophon von Ephesos liegen auf der Hand (Rohde 420), aber die Frage der Priorität ist strittig. Rohde (421) fand, daß manche ‚Motive bei Xenophon kaum angedeutet und wie noch im Keim verschlossen, bei H. voll und umständlich entwickelt sind‘, Xenophon erschien ihm deshalb als der Erfinder, H. als der weiter ausbauende Benützer der abenteuerlichen Motive; den näheren Nachweis für diese Hypothese versuchte Schnepf. Doch ist Rohdes Gedanke deshalb nicht beweiskräftig, weil wir von Xenophon nur einen Auszug lesen (K. Bürger Hermes XXVII 1892, 36ff.). Das umgekehrte Verhältnis hat mit Glück Garin (442–446) zu erweisen unternommen. In beiden Romanen werden durch Orakel die Irrfahrten des Liebespaares vorausverkündet (Hel. II 35. Xenoph. I 6). Bei H. ist dies Orakel gut mit dem Ganzen verbunden, aber dunkel, wie es ist, so daß nur der weise Kalasiris es versteht, ist es nicht der Grund zu den Irrfahrten, bei Xenophon dagegen ist es das – offenbar übernommene – ganz äußerliche Vehikel, durch das die Irrfahrten überhaupt veranlaßt werden. Ausdrücklich wird bei Xenophon gesagt (I 10): ἑορτὴ δὲ ἦν ἅπας ὁ βίος den Neuvermählten, da plötzlich ἔγνωσαν οἱ πατέρες ἐκπέμπειν αὐτοὺς τῆς πόλεως κατὰ τὰ βεβουλευμένα Apolls, der unendliche Leiden prophezeit hat; an sich genügte die Begründung vollständig, die der folgende Satz gibt, ἤμελλόν τε γὰρ ἄλλην ὄψεσθαι γῆν καὶ ἄλλας πόλεις. Und dem Schlußsatze des Orakels (ἀλλ` ἔτι που μετὰ πήματ` ἀρείονα πότμον ἔχουσιν) widerspricht es im Grunde, daß die Eltern des Abrokomes und der Antheia sich selbst aus Kummer umbringen (V 6; deshalb braucht ἔτυχον … προτεθνηκότες V 15 keine Glosse zu sein). Als bei Hel. I 2 die Piraten Charikleia im Kostüm der Artemis zwischen Leichen allein lebend erblicken, schwanken sie ganz berechtigterweise, ob sie die Göttin Artemis oder die ἐγχώριος Ἶσις oder eine ἱέρεια ὑπό του θεῶν ἐκμεμηνυῖα vor sich haben – daraus wird bei Xenophon I 2, 7, daß das ephesische Volk, das doch Antheia längst kennt, sie ὑπ` ἐκπλήξεως für die Göttin oder eine Gottbesessene hält. Der ‚moralische Stumpfsinn‘, der [23] bei Xenophon in der Verbindung des Helden Abrokomes mit dem Räuber Hippothoos zu Tage tritt, der zwar ein echter und rechter Brigant ist, mit Vergnügen sengt und brennt und mordet (IV 1, 1), dabei aber ein tadelloser Charakter sein soll und ,am Ende, wo die Tugend sich vergnüglich zu Tisch setzt, seinen Platz neben den übrigen‘ erhält (Rohde 428f.), ist doch augenscheinlich aus mißglückter H.-Imitation zu erklären, bei dem die Verbindung des Theagenes mit dem nur notgedrungen das Räubergewerbe treibenden Thyamis, der auch das Isispriestertum, zu dem er ursprünglich bestimmt ist, wirklich späterhin erhält, ganz wohl motiviert ist. Bei Hel. V 18 verbirgt sich Kalasiris samt seinen Begleitern mit gutem Grunde bei dem Τυρρηνὸς πρεσβύτης ἁλιευτικός, der die Flüchtlinge wie Bruder und Bruderskinder zu schützen verspricht und dies Versprechen in der Tat durch Mitteilung drohender Gefahr hält (V 20): Xenophon läßt Abrokomes von Syrakus ausziehen auf Kundschaft nach Antheia, dabei kehrt er παρὰ ἀνδρὶ Αἰγιαλεῖ πρεσβύτῃ ἁλιεῖ τὴν τέχνην ein, der ihn wie seinen Sohn liebt (V 1), alles nur ungeschickt aus H. übernommen. Dieser läßt die Frau jenes Alten vor kurzem gestorben sein, um völliges σύμμετρον dadurch zu erreichen (Kalasiris mit zwei Flüchtlingen entsprechend dem Tyrrhener mit zwei Kindern) – das übernimmt Xenophon stupide und läßt des Aigialeus Gattin Thelxinoe gleichfalls vor kurzem gestorben sein. Bei Xenophon II 4 macht Leukon den Versuch, den Abrokomes zur Untreue gegen sein Weib, zur Willfährigkeit der Manto gegenüber zu bereden, recht ungeschickt, weil in Gegenwart der Antheia selbst, aber diese stimmt sogar selbst zu: συγκατάθου τῇ τῆς δεσποίνης ἐπιθυμίᾳ – offenbar eine törichte Nachbildung – auch vielfach im Ausdruck (Garin 444 Anm. Schnepf 26) – der H.-Szene VII 20, wo Kybele den Theagenes für Arsake zu gewinnen sucht auch in Gegenwart der Charikleia, die sich aber als Theagenes’ Schwester ausgibt und die nur aus Furcht vor weiterer Gefahr den angeblichen Bruder zum Nachgeben zu überreden sucht. H. VIII 9 wird Charikleia wunderbar von dem Scheiterhaufen errettet: aber dieses Wunder, das der Stein παντάρβης wirkt, ist schon längst (IV 8) vorbereitet, und in ihrer höchsten Not läßt H. die Charikleia zu seinem Gotte, dem Helios zuerst um Rettung flehen. Diese Szene bildet Xenophon nach IV 2; da wird Abrokomes durch ein reines Wunder vom Kreuze errettet auf seine an Helios gerichtete Bitte, der sonst bei Xenophon durchaus nicht die gleiche zentrale Stellung einnimmt, wie bei H. Das alles läßt in der Tat Xenophon als den Nachahmer H.s erscheinen. Nun ist es höchst wahrscheinlich, daß Xenophon vor 263 geschrieben hat, da er von der Vernichtung des Artemistempels in Ephesos durch die Goten nichts zu wissen scheint (so nach Locella Rohde 417. Garin 458f.). Damit rückt die Abfassung des H.-Romans etwa vor 250 (Garin 458); sie fällt in den recht engen Rahmen der drei Jahrzehnte etwa von 220-250. Damit wird dieser H. zum völligen Zeitgenossen des von Philostrat behandelten H. (s. Nr. 14), und man darf mindestens die Frage aufwerfen, ob [24] nicht der Romanschreiber aus Emesa identisch ist mit dem von Philostrat als Araber bezeichneten Sophisten, eine Identifikation, die ebensoviel oder ebensowenig Berechtigung hat wie die von Mommsen versuchte des Sophisten mit einem inschriftlich bezeugten Palmyrener; die eine Identifikation schließt aber die andere aus durch die Verschiedenheit des Vaternamens Denn daß der Verfasser des Romans wirklich den Namen H. trug, nicht hinter diesem Pseudonym, das er seinem Gott zu Ehren angenommen, seinen wahren Namen versteckt hat, wie Rohde (473) vermutete, scheint mir zweifellos, gerade bei der Häufigkeit des Namens H. in den syrischen Gegenden (ein Palmyrener Dittenberger Orient. Gr. inscr. 643, 5; ein Antiochener 247, 1; einer aus Caesarea Panias Philippi am Fuße des Hermon, der sich auf dem rechten Beine des Memnonkolosses [Dittenberger 687] wie auf der Insel Philai verewigen ließ, CIG 4921); τῶν ἀφ` Ἡλίου γένος nennt H. seine Familie, also gehörte er offenbar zum Priestergeschlechte in Emesa, das seine Abkunft auf Helios selbst zurückführte (Rohde 471, 3).

Nur auf Umwegen war für die Lebenszeit H.s ein Anhalt zu gewinnen. Denn die einzige Angabe des Altertums selbst (bei Suidas bezw. Hesychios Milesius bleibt H. wie andere Romanschriftsteller unerwähnt) erweist sich als eine wenig glaubliche, aus falschen Annahmen erschlossene Überlieferung. Nach Socr. hist. eccl. V 22, 51 hat den Roman in seiner Jugend ein H. verfaßt, der als Bischof von Trikka in Thessalien die strenge Sitte durchführte, einen Kleriker, der nach empfangener Weihe sich der ehelichen Gemeinschaft nicht enthielt, zu exkommunizieren. Eine Weiterbildung dieser Legende ist es, wenn Nikeph. Kall. hist. eccl. XII 34 erzählt, Bischof H. habe, vor die Wahl gestellt, seinen Roman, den man als sittengefährdend erkannt hatte, zu verbrennen oder sein geistliches Amt niederzulegen, letzteres vorgezogen. Denn es ist nur eine christliche Legende, die für diesen gelesensten und sittenreinsten Roman einen christlichen Verfasser gewinnen wollte, die bei Sokrates mit einem λέγεται, bei Phot. bibl. cod. LXXIII p. 51 b 40 mit φασίν eingeführt wird. Denn weder ist es wahrscheinlich, daß in Trikka im 3. Jhdt. bereits ein christlicher Bischof saß (bei Sokrates ist die Zeit des Bischfs H. ganz unbestimmt gelassen, Rohde 461), noch ist der Verfasser des Romans ein Christ (Koray wollte in seiner Ausgabe Christianismen nachweisen, Stellen gesammelt bei Rohde 462, 1), noch ist es wahrscheinlich, daß dieser treue, begeisterte Anhänger des alten Glaubens im späteren Leben Christ wurde (dafür spricht sich Oeftering aus am Ende seiner Übersicht über diese Kontroverse 11ff., dagegen W. Schmid Jahresber. CXXIX 295). Man hat den heidnischen Romanschriftsteller mit einem christlichen Bischof gleichen Namens, den es ja irgendwann gegeben haben wird, identifiziert.

H.s Roman zeigt alle charakteristischen Eigenschaften der gleichartigen Erzeugnisse der II. Sophistik. Auch die zur Schau gestellte Frömmigkeit hat an Philostrats Apolloniosroman und Aristeides heiligen Reden die besten Parallelen. Als echter Sophist benutzt H. jede Gelegenheit, gelehrte, besonders [25] naturwissenschaftliche Exkurse (Rohde 486, 2) einzulegen, eine Weisheit, die er von überallher aus Büchern zusammenträgt (IX 9 Reminiszenz an Philo vit. Moys. 3, 24. Lumbroso Archiv f. Papyrusforschung IV 1908, 66); hat er doch von Ägypten (Naber 146f. Sein Räuber Thermuthis II 12 trägt den Namen einer ägyptischen Göttin und Stadt, Wilcken Gr. Ostraka I 1899, 74, 1), geschweige denn von Aithiopien, wo der Roman zumeist spielt, anscheinend nicht die geringste eigene Anschauung; selbst die Schilderung der pythischen Spiele, ein Glanzstück an Lebendigkeit (III 1ff., darin III 2 ein merkwürdiger Hymnus an Thetis in Pentametern) beruht wahrscheinlich nicht auf Autopsie (Schömann Gr. Altertümer II³ 1873, 67, 1). Als rhetorische Kunstmittel verwendet er Reden und Briefe, Ekphrasen (Rohde 488, 2), Sprichwörter und Gnomen (eine Sammlung sententiarum et dictorum in lateinischer Übersetzung in der Ausgabe von H. Commelinus Lugd. 1611, 583ff. Rohde 490, 1). Als Schulmeister zeigt sich H. durch etymologische Spielereien, wie die über den Namen Homer (Rohde 487, 1), den der weise Kalasiris zum Ägypter macht (III 13-14). Sprachlich steht H. den Attizisten Lukian, Ailian, Philostrat nahe. Auch er, der Syrer, müht sich, attisch zu schreiben; wie die andern verwendet er mit Vorliebe die speziellen Attizismen, ohne daß es ihm gelänge, Vulgarismen in seiner stark poetisch gefärbten, mit Dichterfloskeln durchsetzten (Entlehnungen besonders aus Homer und Euripides, Rohde 490, 2. Neimke 11ff. Die Episode von der Liebe der Demainete zu ihrem Stiefsohne Knemon, I 9ff., ist Euripides Hippolytos nachgebildet, auf den I 10 p. 13, 11 unmittelbar hinweist), metapherngeschmückten (Neimke 1ff.; zahlreich sind die der Schauspielkunst entlehnten Ausdrücke, gesammelt und besprochen von Walden) Sprache zu meiden (Fritsch II 34; zu hart urteilt Naber 151). Inhaltlich erhebt sich H.s Roman nicht über das Niveau der andern abenteuerlichen Liebesromane. Von psychologischer Charakterentwicklung ist auch bei H. kaum etwas zu spüren. Die Haupthelden sind Vertreter einer kalten Musterhaftigkeit, und an der Gestalt der Charikleia, die in jeder Beziehung ihren Partner Theagenes überragt, sodaß die Byzantiner nach ihr mit Recht den ganzen Roman benannten, haben sogar schon etliche ebenderselben Byzantiner mit leidlich gesundem Urteile Anstoß genommen, ὅτι μὴ γυναικεῖον μηδὲ θῆλυ τῷ ῥήτορι φθέγγεται, ἀλλὰ παρὰ τὴν τέχνην ἐπῆρται αὐτῆς ἡ γλῶττα πρὸς τὸ σοφιστικώτερον; Psellos selbst freilich sieht im Gegensatze zu diesem Tadel der ἐπαιτιώμενοι πλεῖστοι darin des Werkes größtes Verdienst, wenn er sagt τοῦτο αὐτὸς οὐκ ἔχω ὅπως ἂν ἀρκούντως ἐπαινέσαιμι p. CX a. a. O. (Eine merkwürdige Verteidigung H.s gegen irgendwelche Tadler ist das τῆς Χαρικλείας ἑρμήνευμα τῆς σώφρονος ἐκ φωνῆς Φιλίππου τοῦ φιλοσόφου, aus cod. Marc. 410, saec. XII, veröffentlicht von Hercher Herm. III 1869, 382ff., der Anfang auch bei Koray I p. πγʹ; verfaßt von einem Neuplatoniker, der durch tolle allegorische Erklärung den Roman als eine παιδαγωγικὴ βίβλιος καὶ ἠθικῆς φιλοσοφίας διδάσκαλος ausdeutet. Der angebliche Verfasser Philippos [26] ὁ φιλοσόφος soll offenbar niemand anders sein als Philippos von Opus, mit dessen berühmtem Namen der Neuplatoniker sein Werk verziert hat, welche Fiktion möglich war, da der Roman die Verhältnisse des alten Perserreichs zur Voraussetzung hat; Abbot Oldfather Philol. LXVII 1908, 457ff. Der Eingang des sog. Fragmentum Marcianum imitiert den Anfang des Ps.-Platonischen Axiochos, Brinkmann Rh. Mus. LI 442ff.; ebd. 443, 1 Bemerkungen zum Texte.) Nicht psychologische Motive bewegen und leiten die handelnden Personen, sondern die durch Orakelsprüche und bedeutungsvolle Träume vermittelten göttlichen Weisungen. Doch überragt H. alle übrigen Romanschreiber durch die geschickte Komposition der großen Stoffmasse. Wir werden gleich in medias res hineingeführt: an der Nilmündung liegt Theagenes verwundet inmitten von Leichen, die wunderschöne Charikleia, als Artemis gekleidet, sucht ihn ins Leben zurückzurufen, und um diese schöne Beute streiten sich zwei Räuberbanden; so setzt der Roman ein. Erst allmählich wird der Schleier des Geheimnisses gelüftet, besonders durch lange Erzählungen einzelner Personen (des Knemon I 9ff., des Kalasiris II 241ff. V 17ff.), das über der Abkunft der Charikleia liegt, einer äthiopischen Königstochter, die, weil hellfarbig geboren (ein Zug, der schließlich auf Euripides Andromeda zurückgeht, Edw. Müller Philol. LXVI 1907, 56f.; sonstige Parallelen bei Rohde 476, 4), von der Mutter, um keinen Argwohn zu erwecken, ausgesetzt, nach Delphi gebracht wird, dort gelegentlich der pythischen Spiele in Liebe zu dem schönen Thessalier Theagenes entbrennt, mit ihrem Geliebten durch den weisen Kalasiris nach Ägypten gelangt und nach wechselvollsten Schicksalen, als das Liebespaar in Aithiopien geopfert werden soll, als Thronerbin erkannt und mit Theagenes vereinigt wird. Die οἰκονομία ist in der Tat zu loben, die die Spannung des Lesers ganz geschickt wachhält, gegen Ende freilich seine Geduld auf eine arge Probe stellt durch künstliches und ungeschicktes Verzögern des ἀναγνωρισμός, während man doch den Ausgang frühzeitig, etwa von der Mitte des Ganzen ab, voraussieht; auch Psellos lobt den Aufbau des Romans mit seinem Beginn inmitten der Ereignisse und vergleicht ihn mit der Art, wie Schlangen sich zusammenrollen, die τὴν κεφαλὴν εἴσω τῆς σπείρας κατακαλύψαντες τὸ λοιπὸν σῶμα προβέβληνται (p. CX a. a. O. s. Inhaltsübersichten bei Drewes 5. Rohde 453. Oeftering 3).

Die kunstvolle Komposition und die Reinheit des dargestellten Liebesbundes (das Paar hält, seinen Schwur, sich der geschlechtlichen Berührung zu enthalten bis zur Aufdeckung der Herkunft der Charikleia, IV 18), das Fehlen von Hetärenliebe und Päderastie machten den Roman zur beliebtesten Lektüre der christlichen Byzantiner. Mehr noch als Eustathios ist Prodromos Imitator des H. (Oeftering 32), dem dann wieder Niketas Eugenianos (12. Jhdt.) folgt. Noch im 15. Jhdt. schrieb Ἰωάννης ὁ Εὐγενικός (Krumbacher Gesch. d. byz. Literatur² 495f.) eine προθεωρία zu H.s Aithiopika (gedruckt bei Bandini Catalogus codd. gr. bibl. Laurentianae III 1770, 322f.). Viel erstaunlicher ist es, daß H.s Roman [27] nach seinem Bekanntwerden im Abendlande (ed. princ. 1534) jahrhundertelang eines der gelesensten und gepriesensten (Tasso und Scaliger bewunderten seine Komposition, Oeftering 22) Werke war, in alle modernen Sprachen schier unzählig oft übersetzt wurde (1547 berühmte erste französische Übersetzung von Jacques Amyot [Rev. et corrigée p. Trognon 2 voll., Paris 1822], 1554 erste spanische und deutsche Übersetzung, diese von Joh. Zschorn in Straßburg; es folgen seit 1556 die italienischen, seit 1569 die englischen, seit 1659 die niederländischen, seit 1700 die ungarischen, je eine polnische 1606, eine dänische 1690, eine neugriechische 1804), ‚für den neu erstehenden Roman des 16. und 17. Jhdts. von grundlegender Bedeutung‘ war, als das ideale Muster, dem alle nacheifern, besonders alle Vertreter des heroisch-galanten Romans in Frankreich mit dem Fräulein von Scudéry an der Spitze, aber auch in Deutschland (bes. die zweite Schlesische Dichterschule) und Spanien (Cervantes zweites Hauptwerk Persiles y Sigismunda); sogar zu dramatischer Bearbeitung ist der so ungeeignete Stoff des H.-Romans benutzt worden, nicht bloß in der deutschen Schulkomödie (über Beckhs Erneute Chariclia s. Ellinger Vierteljahrschrift f. Lit.-Gesch. V 1892, 337ff.), auch in Frankreich (Racine lernte in seiner Jugend H.s Roman, der ihm mehrfach entzogen wurde, auswendig; die späteren Werke zeigen nur in Einzelheiten Erinnerungen an die Jugendlektüre, Tüchert; Oeftering 140ff.), Italien, Holland und England (auch Shakespeare zeigt vereinzelte Reminiszenzen an H., Oeftering 150), und sogar auch – neben andern – von dem größten Dramatiker Spaniens, von Calderon in seinem Stück Los hijos de la Fortuna (Nachweise über das alles bei Oeftering 57). Huet, mit seinem Traité de l'origine des romans der Begründer einer wissenschaftlichen Betrachtung der antiken Romane, verstieg sich deshalb zu dem Satze: Héliodore, si Homère est la source de toute bonne poésie, l’est aussi de toute bonne fiction en prose.

Zur Zeit, als man noch an den Bischof H. als den Verfasser der Aithiopika glaubte, identifizierte man mit dem Romanschriftsteller den gleichnamigen Verfasser eines Gedichtes περὶ τῆς τῶν φιλοσόφων μυστικῆς τέχνης in 269 holprigen Iamben, das der gläubig-christliche Dichter dem Kaiser Theodosius d. Gr. (379–395) widmete, her. bei Fabricius 119; ,aber mit ihm verglichen ist ja freilich unser H. aus Emesa ein wahrer Klassiker an Vernunft und Kunst des Ausdrucks‘ (Rohde 472, 2).

Ausgaben: Editio princeps von Obsopoeus in Basel ex officina Hervagiana 1534, dem Nürnberger Senate gewidmet, nach einer Hs., die 1526 bei der Plünderung Ofens aus der Bibliothek des Matthias Corvinus entwendet wurde. 1596 in Heidelberg Commelini opera, mit Benutzung einiger anderen Hss., darunter ein Palatinus und Vaticanus, beigefügt die lateinische Übersetzung des polnischen Ritters Warschewiczki, die zuerst 1552 in Basel gedruckt wurde. Paris 1619 apud P. L. Feburier, Bourdelotius emendavit, supplevit, völlig unkritisch. Francofurtensis 1631 cura et labore D. Parei, darin Kapitelteilung, sonst wertlos. Cum notis Bourdelotii ed ill. J. [28] P. Schmid Lips. 1772. Gr. et lat. ed. ill. Mitscherlich, in dessen Scriptores erotici Gr. II 1. 2, Biponti 1794, erneuert Argentorati ex typographia societatis Bipontinae 1799 und 1806. Ed. ill. Coraes 2 voll. Paris 1804. Rec. J. Bekker Lips. 1855 (Bibl. Teubneriana, dazu Hercher Jahrb. f. Philol. LXXVII 155). Erotici scriptores rec. Hirschig Paris (Didot) 1856, 223ff.; darin zwei Vindobonenses (CXVI u. CXXX) 14. Jhdts. benützt. Eine moderne kritische Ausgabe fehlt. Weitere Nachdrucke der älteren Ausgaben sowie die Übersetzungen zusammengestellt bei Oeftering 45ff. Neuere deutsche Übersetzungen: Meinhard 2 Bde., Leipzig 1767. F. Jacobs 3 Bdch., Stuttgart 1867, 2. Aufl. bei Langenscheidt 1910.

Literatur: Fabricius Bibl. Gr. VIII 1802 Harl. 111. Naber Observationes criticae in Heliodorum, Mnemosyne nov. ser. I 1873, 145. Drewes Ein Roman aus dem Altertum, Braunschweig 1868. F. W. Schmidt Beiträge zur Kritik d. gr. Erotiker, Neu-Strelitz 1880, 3.; dazu N. Jahrb. f. Philol. CXXV 185. Schnepf De imitationis ratione quae intercedit inter Heliodorum et Xenophontem Ephesium, Kempten 1887. Tüchert Racine und Heliodor, München 1889. Neimke Quaestiones Heliodoreae, Halle 1889. Κέκκος Χαριτῶν Ἀφροδισιεὺς μιμητὴς Ξενοφῶντος καὶ Ἡλιοδώρου, Diss. Erlangen 1890. Walden Stageterms in Heliodorus’ Aethiopica, Harvard Studies V 1894, 1. Prager Ad Heliodori Aethiopica, Philol.-hist. Beiträge Wachsmuth überr., Leipzig 1897, 89. Oeftering H. und seine Bedeutung für die Literatur, Literarhist. Forschungen, her. von Schick u. v. Waldberg XVII Heft, Berlin 1901. Jos. Fritsch Der Sprachgebrauch des gr. Romanschriftstellers H. und sein Verhältnis zum Atticismus, I. II., Kaaden 1901. 1902. Garin Su i romanzi greci, Studi ital. XVII 1909, 457. Im allgemeinen vgl. Chassang Histoire du Roman, Paris 1862, 415. de Salverte Le roman dans la Grèce ancienne, Paris 1894, 360. Rohde Gr. Roman² 453. W. Christ Gr. Lit.⁴ 848.

Anmerkungen (Wikisource)