RE:Korax 3

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band XI,2 (1922), Sp. 1379–1381
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3) Korax, ein Rhetor aus Syrakus, bekannt als Schöpfer der ältesten τέχνη ῥητορική. Über ihn und seine Tätigkeit haben wir in den Walzscholien (Anon. IV 11, 14ff. W. Doxopatres VI 12, 14ff. W. [vgl. II 119 W.]. Troilos VI 48, 26ff. W. Anon. VII 6 W. u. a.; vgl. Hamberger Die rednerische Disposition in der alten τέχνη ῥητορική, Rhet. Stud. hg. v. Drerup, 2. Heft 1914 , 25ff.) einen sehr ausführlichen Bericht , der im wesentlichen auf eine, wohl etwas lokal-patriotisch gefärbte Darstellung des Timaios zurückgehen dürfte (vgl. Radermacher Rh. Mus. LII 414f. LIV 285). Hiernach spielte K. unter Hieron als παραδυναστεύων eine hervorragende Rolle. Nach Einführung der Demokratie, so hören wir weiter, habe er versucht, das Volk durch die Macht der Rede in gleicher Weise zu beeinflussen wie früher den Tyrannen. Zu diesem Zwecke habe er sich bestimmte Regeln zurechtgelegt und sei so zum Schöpfer einer τέχνη geworden. Abweichend von dieser Darstellung bringt Aristoteles bei Cic. Brut. 46 (vgl. auch den Parallelbericht bei Sopatros V 6 W. und dazu Gercke Herm. XXXII 344. Hamberger 7. 36. 37. Tolkiehn Wochenschr. f. klass. Phil. XXXII 897) die theoretische Tätigkeit des K. in Zusammenhang mit den vielen Prozessen, welche der Sturz der Tyrannis in Syrakus zur Folge hatte, und dem dadurch erweckten Interesse an der Ausbildung der Beredsamkeit. Er läßt also K. nicht vom γένος συμβουλευτικόν, sondern vom δικανικόν ausgehen. Tatsächlich scheint, wie die Ausführungen Hambergers 12ff. lehren, die älteste τέχνη sich nur mit der Gerichtsrede befaßt zu haben. Während ferner in den Walzscholien die Begründung der rhetorischen Theorie dem K. zugeschrieben wird, womit Aristot. Rhet. II 1402 a 17 in Einklang steht, erscheint anderwärts (vgl. Plat. Phaedr. 267 A. 273 A ff. Aristot. Soph. el. c. 34, 183 b. Cic. de inv. II 6) [1380] Tisias als Schöpfer der ältesten τέχνη, und Cicero berichtet uns an der früher erwähnten Stelle (Brut. 46) aus Aristoteles artem et praeeepta.. Coracem et Tisiam conscripsisse. Wie diese Angaben zu vereinigen sind, ist strittig. Sicher ist jedenfalls, daß K. als erster ein Lehrgebäude der Rhetorik aufgestellt hat. Ob er jedoch bereits ein Lehrbuch geschrieben hat, das dann Tisias überarbeitet haben könnte, oder ob K. seine Lehren nur mündlich vorgetragen und erst Tisias sie schriftlich festgelegt hat, darüber gehen die Ansichten auseinander (vgl. Hamberger 9ff. Tolkiehn a. a. O. Lehnert Berl. Phil. Wochenschr. 1916, 737). Weiter lesen wir in den Walzscholien, daß K. seine Kunst für Geld gelehrt habe und daß Tisias sein Schüler gewesen sei. Die im Anschluß daran erzählte Geschichte von dem Rechtsstreit zwischen K. und Tisias mit der Pointe κακοῦ κόρακος κακὰ ὠά ist wohl nicht historisch (vgl. Blaß Att. Ber.² I 20. Christ-Schmid Gesch. d. griech. Lit.⁶ I 544, 4).

Nach späten Zeugnissen (Anon. IV 13, 29. 19, 18 W. Doxop. VI 14, 2 W.) hätte K. die Rhetorik bereits als πειθοῦς δημιουργός definiert; vgl. aber Thiele bei [Franz Susemihl|Susemihl]] Gesch. d. gr. Lit. i. d. Alexandrinerz. II 480, 93 i und im Herm. XXVII 12, 13. Wendland Anaximenes von Lamps. 30, A. 2. Süß Ethos 21. 26. Hamberger 52ff. – Sein Hauptverdienst ist die Begründung der εἰκός-Theorie, der Lehre, daß es für den Redner vor allem auf die Wahrscheinlichkeit, nicht auf die Wahrheit ankomme. Unsere Kenntnis dieses Teiles seines Systems beruht hauptsächlich auf der Polemik Platons im Phaidros 273 B und auf Aristot. Rhet. II 1402 a. I 1372 a 22. Als indirekte Quelle ist die Rhetorik des Anaximenes von Wichtigkeit, die uns gar manches aus dem Buche des K.-Tisias bewahrt hat. Vgl. außer den bereits angeführten Werken von Blaß (19. 22), Wendland (29ff.) und Süß (2ff. 112f. 136ff.) Navarre Essai sur la rhétorique grecque avant Aristote, Paris 1900. 16ff. – Schließlich wird dem K. in den Walzscholien die Begründung der rednerischen Disposition zugeschrieben, eine Überlieferung, die Süß zu Unrecht verworfen hat mit der Behauptung, daß die εἰκός-Technik eine Disposition weder habe noch haben könne (vgl. Hamberger 21ff. 67ff.). Doch stimmen die Angaben über Zahl und Benennung der angeblich von K. aufgestellten Redeteile nicht überein, und Drerup hat bei Hamberger 26ff. den Nachweis erbracht, daß die diesbezüglichen Nachrichten mit Ausnahme der des Troilos (VI 49, 1ff. W.) erfunden sind. Bei Troilos freilich, der dem K. eine siebengliedrige Disposition zuschreibt, bestehend aus προοίμια, προκατασκευή (nach einer Emendation Drerups; vgl. aber Schissel v. Fleschenberg Deutsche Literaturz. 1916, 1399ff.), προκατάστασις, κατάστασις, ἀγῶνες, παρέκθεσις, ἐπίλογοι glaubt Drerup echte Überlieferung zu finden, - ja er will, gestützt auf die teilweise Übereinstimmung des Troilosberichtes mit Sopatros V 6, 18 W. (s. o.) und Cic. Brut. 46, die erwähnte Angabe des Troilos auf Aristoteles zurückführen. Aber die Beweisführung Drerups ist, wie Schissel v. Fleschenberg zeigt, in [1381] diesem Punkte recht anfechtbar, und so ist es zweifelhaft, ob wir dem Troilos mehr glauben dürfen als den übrigen.

Seit Garnier (Mém. de l’Instit. de la France. Classe d’hist. II 44ff.) wurde wiederholt der Versuch gemacht, die pseudoaristotelische Rhetorik ad Alexandrum dem K. und Tisias zuzuschreiben (vgl. darüber Ipfelkofer Die Rhetorik des Anaximenes, Würzburg 1889, 8ff.). Zuletzt wollte Maaß (DLZ 1896, 105) in ihr eine den griechischen bezw. attischen Verhältnissen um 340 angepaßte Neuauflage der Ausgabe des Tisias von K.s τέχνη erblicken. Aber nach Wendlands Untersuchungen 26ff. (vgl. Herm. XXXIX 505f.) kann die Zuweisung an Anaximenes wohl als endgültig gesichert angesehen werden. Noch ungeklärt ist das Verhältnis des rhetorischen Traktates in den Oxyrh. Pap. nr. 410 zu K. Roberts Class. Rev. XVIII 18-21 und Drerup [Ἡρώδου] Περὶ πολιτείας, 1908, 70 vermuten, daß er der τέχνη des K. nahestehe, während Wendland 39, 3 und Hamberger 20 ihn mit der τέχνη des Theodektes in Verbindung bringen.

Literatur : Grundlegend ist Spengels Συναγωγὴ τεχνῶν 23ff. Über die neuere Forschung orientiert Hambergers mehrfach erwähnte Abhandlung. Vgl. außer den bereits zitierten Rezensionen Tolkiehns, Lehnerts und Schissels v. Fleschenberg die von Schönberger im Lit. Zentralbl. 1916, 169.