RE:Sarmatia

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II A,1 (1921), Sp. 112
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Sarmatia (Σαρματία). Der Landesname ist aus dem Volksnamen abgeleitet und kam erst spät in Gebrauch. Bei den älteren Autoren findet man ihn gar nicht. Erst bei Mela III 33 tritt er auf und nach ihm bei Ptolem. III 5 u. ö. Herodot konnte das Land zu seiner Zeit und besonders das westlich des Tanais berechtigterweise nur Scythia oder vielmehr Σκυθικὴ χώρα oder γῆ nennen (I 105. IV 8. 99. 123. 129 oder einfach Σκυθική IV 12. 28. 51. 76. 101. 125. 130. 189). Das damals alleinige Sarmatenland östlich des Tanais nennt er einmal Σαυρομάτις χώρα (IV 123). Mit der Verallgemeinerung des Sarmatennamens über Osteuropa bei Ptolemaios verschwand der Name Scythia und wurde auf die nordasiatischen Gebiete östlich der Wolga beschränkt.

S. ist das Land der Sarmaten; aber der Abgrenzung nach umfaßt es eine Menge von Völkerschaften, die nicht als eigentliche Sarmaten bezeichnet werden können. Grenzen und Ausdehnung wurden erst behandelt, als man den Ländernamen S. geprägt hatte. Nach Mela III 25 grenzt es unmittelbar an germanisches Gebiet und III 33 im Norden an die Ozeanküste. Die Vistula (Weichsel) bildet im Westen die Grenze. Nach innen breitet es sich weit aus und erstreckt sich bis zum Ister. Ptolemaios bzw. sein Gewährsmann Marinos gibt dem Länderbegriff S. eine umfassendere Ausdehnung, wenn er im Osten den Rha (Wolga) als Grenze ansetzt. Diese Maßnahme ist zu billigen, da östlich des Tanais das Ursprungsland der Sarmaten gelegen ist. Da aber der Tanais nach damaliger Auffassung die Teilungslinie zwischen Europa und Asien bildete, so sah sich Ptolemaios gezwungen, das Land in ein europäisches und asiatisches S., Σαρματία ἐν Εὐρώπῃ (III 5) und Σ. ἐν Ἀσίᾳ (V 9) zu teilen. Er ist aber auch der einzige, der diese Gliederung und Benennung verwendet. In dem von ihm gegebenen Umfang, also ganz Osteuropa umfassend, soll das Land hier behandelt werden.

Als Westgrenze gegen Germanien gibt Ptolemaios in Übereinstimmung mit Mela die Weichsel an, von der Mündung bis zur Quelle; dann von dieser eine Verbindungslinie südwärts bis zum Nordende der Sarmatischen Berge und auf diesen entlang bis zu ihrem Südende, das er in 48° 30’ der Breite ansetzt. Daß Sarmaten und Germanen auf dieser Linie zusammenstoßen, war die allgemeine Meinung. Befremdend ist nur, daß man auch an der unteren Weichsel Sarmaten als Grenzvolk ansetzte. Aber dies ist nur eine Folge der generalisierenden Ausdehnung des Sarmatennamens über die sonst wenig bekannten Völker jener Gegend. Auch Plinius VIII 38 bemerkt: Scythia (d. h. S.) . . . contermina [2] illi Germania. IV 80 setzt er Carnuntum als Grenzort der Germanen an, auf den ostwärts die weiten Flächen der Iazygen folgen, und IV 97 stoßen Sarmaten mit Venetern u. a. an die Weichsel. Ebenso gibt Tac. Germ. 1 und 46 für die Ostgrenze Germaniens die Sarmaten an. Über die Sarmatischen Berge s. den Art. Sarmatici montes. — An der Nordseite bildete teils das Meer, teils das Land den Abschluß (Ptol. III 5, 1) und zwar der Sarmatische Ozean mit dem Venedischen Busen und weiter östlich das ‚Unbekannte Land‘, das Ptolemaios in kritischer Vorsicht rings um die Oikumene annimmt. Bekanntlich setzte er als Nordgrenze von Europa-Asien lediglich aus theoretischen Gründen den 63. Breitenkreis an, der durch Thula geht; sah sich infolgedessen aber gemüßigt, den weiten Raum bis in den hohen Norden hinauf mit Objekten und Namen zu füllen, die erheblich niederen Breiten angehören. Hierdurch wurde manche Verwirrung im Kartenbilde angerichtet. — Die östliche Grenze wird nach ihm V 9, 12 im südlichen Teil durch das Kaspische Meer (Hyrkanisches Meer) gebildet und nordwärts durch den Rha bis zur Biegungsstelle und von hier aus den Meridian nordwärts bis zum ‚Unbekannten Land‘. — Die Südgrenze beginnt am Südpunkt der Sarmatischen Berge und läuft ostwärts bis zum Carpates mons und auf demselben parallel (angeblich 48° 30‘) an dakischem Gebiet vorüber bis zur Mündung des Borysthenes (Dnjepr) und der pontischen Küste entlang bis zur Mündung des Karkinitesflusses. Der Taurische Chersonnes (die Krim) wird von ihm nicht mehr zum eigentlichen S. gerechnet. Weiter östlich bildet dann der Pontus Euxinus den Abschluß bis zum Koraxfluß und dann der Kaukasus, der es von Kolchis, Iberien und Albanien trennt.

Herodot IV 101 stellt das skythische Land (also nach der von ihm angenommenen engeren Begrenzung) als ein regelmäßiges Viereck dar, von dem zwei Seiten durch das Meer gebildet werden, die anderen beiden gegenüberliegenden Seiten im Lande liegen. Und zwar rechnet er vom Ister bis zum Borysthenes 10 Tagereisen, vom Borysthenes bis zur Maiotis wieder 10 Tagereisen und ebenso 20 Tagereisen, jede zu 200 Stadien gerechnet, also 4000 Stadien für die landeinwärts liegenden Quadratseiten. Seine Vorstellungen scheinen sich auch im übrigen auf die ionische Erdkarte zu stützen. Aus späterer Zeit liegen andere Maßbestimmungen vor, die zumeist auf die Agrippakarte sich stützen. Plin. IV 81. 91 (Riese Geogr. Lat. min.: Agrippae frg. n. 18. 20). Ferner Dimensuratio prov. (Riese) n. 8. 9. Divisio orbis n. 14. 15. Marcian (Müller) I, p. 559. Die Zahlenüberlieferungen sind aber durchaus unsicher, und selbst ein Plinius gesteht, [3] genaue Maßbestimmungen seien nicht möglich (ego incertam in hac terrarum parte mensuram arbitror). Vgl. hierzu auch Müller Ptolem. I p. 410f. Später erfuhren sie Veränderungen, die aber nicht immer eine Verbesserung bedeuteten, weil man von einzelnen geographischen Objekten irrige Auffassungen hatte. Die Maiotis (Asowsches Meer) und der in sie einmündende Tanais beanspruchten als Teilungslinie zweier Erdteile ein hervorragendes Interesse; die Maiotis wurde meist zu groß dargestellt. Sehr wahrscheinlich ist dies schon auf der Karte des Agrippa der Fall gewesen, von der sie in das Kartenbild des Ptolemaios überging. Man gab ihr mitsamt dem nordöstlichen Zipfel, der Bucht von Taganrog, eine streng meridionale Lage, und hierbei kam die Tanaismündung in 54° 40’ zu stehen, also fast in derselben Breite wie die Mündung der Weichsel (angeblich 56°). Diese Situation beeinflußte nunmehr die Lokalisierung jeder anderen Örtlichkeit. Trotzdem Ptolemaios die Weiträumigkeit Osteuropas freigebig bis zum 63.° der Breite zugestand, hatte man von den wahren Entfernungsverhältnissen dennoch keine richtige Vorstellung. Man schuf neue Schwierigkeiten, indem man die Verengerung des Kontinentes zwischen Ostsee und Schwarzem Meer überschätzte und dadurch Objekte, die mehr in Beziehung zum Pontus standen, in die Nähe des Baltikums rückte. Andere Geographen hinwiederum, die im Norden durchgehends die Ozeanküste annahmen, brachten jene mit den damals doch nur hypothetisch erschlossenen Polargebieten in Verbindung. Streng genommen reichte die damalige notdürftige Kenntnis wenig über die südliche Hälfte des inneren Rußlands hinaus, etwa bis zur äquatorial gerichteten Wolgalinie.

Bei der Deutung der topographischen Einzelheiten befindet man sich meist in einer üblen Lage. Man kann die Autoren nicht immer beim Worte nehmen, da handgreifliche Irrtümer und Widersprüche zu Tage treten. Vielfach sind verschiedene Quellen kontaminiert, aber nicht kritisch gegeneinander ausgeglichen worden. Kiessling hat sich redlich bemüht in das Chaos von Fluß-, Gebirgs und Völkernamen Ordnung zu bringen und auch die verschiedenen Schichtungen der Kenntnisse in ihrer zeitlichen Folge zu ergründen. Er mußte aber zu gewagten Voraussetzungen und Kombinationen greifen: indem einige Namen sich auf dasselbe Objekt beziehen sollten, indem eine ganz ungewöhnliche Ortslage irgend eines Sees oder Gebirges durch hypothetische Wanderung eines Volkes erklärt wird u. dgl. m. So scharfsinnig dies alles sich ausnimmt, kommt man doch nur zu Möglichkeiten, die ebenso leicht aber durch andere Möglichkeiten ersetzt werden könnten. Ein Beweis hierfür ist, daß auch Kiessling seine Annahme zuweilen widerrufen muß und ganze Artikel nachträglich korrigiert. Die sonst selbstverständliche Annahme, daß die Kenntnisse von Osteuropa bei den alten Geographen sich im Laufe der Zeit immer mehr erweitern und klären mußten, trifft hier nicht zu. Im Gegenteil, gegen das Ende werden die Kenntnisse immer verworrener, und die systematischen Darstellungen eines Marinos und Ptolemaios [4] setzen allem die Krone auf. Hier besteht das Wort des alten Müllenhoff noch zurecht: ,Diese Systematiker sind erst die wahren Sudelköche der alten Geographie und alles, was der Admiral Plinius etwa ähnliches geleistet hat, ist gegen sie nur ein Kinderspiel.‘ Nur mit Resignation kann man an die Bearbeitung des Gegenstandes herantreten.

In der Topographie des Landes wird man sich an die Flüsse halten, die klar vorgezeichnete, unverrückbare Objekte sind; nur die unsichere Nomenklatur schafft hier Schwierigkeiten. Herodot. IV 51-57 zählt die Flüsse, die sich in den Pontus ergießen, auf, sowohl größere als kleinere. Strabon, Mela, Plinius und Ptolemaios geben weitere an. Herodot führt den Ister (Ἴστρος) als skythischen Fluß auf. Dann folgt der Tyras Τύρης, Τύρας), der einem See entquillt, nach Ptolomaios dem Carpates- Gebirge; er bildet zum Teil die Grenze gegen Dakien. Bei Ammian. XXXI 3. Iord. Get. 5 heißt er bereits Danastus, Danastris (Dnjestr). Nach Strab. VII 306 liegt die Mündung vom Ister 900 Stadien entfernt und zwischen beiden an der Küste zwei große Seen (Limane), von denen der eine nach dem Meere noch offen ist. Heute sind vier Seen dieser Art noch vorhanden, die alle durch eine gemeinsame Nehrung (Peressyp) vom Meere abgeschlossen sind. Der Hypanis (Ὕπανις) entspringt ebenfalls in einem See, der mit dem Tyras-See im Gebiet der Alazonen gelegen ist; nach Ptolemaios. Er mündet mit seinem Liman in den großen Hauptliman des Borysthenes. Doch hat er bei den späteren Geographen eine merkwürdige Translozierung erfahren, indem einige ihn nicht westlich, sondern östlich des Borysthenes direkt in die Maiotis münden lassen. So Strabon, Plinius, Ptolemaios u. a. Bei ihnen bzw. ihrer gemeinsamen Quelle liegt offenbar eine Verwechslung mit dem zweiten, ebenfalls in die Maiotis einmündenden Hypanis, dem heutigen Kuban vor: ja Plinius bestreitet die Existenz des letzteren. Nur Mela setzt Herodot folgend den europäischen Hypanis an die richtige Stelle westlich vom Borysthenes. Der Βορυσθένης ist nach Herodot der größte aller skythischen Flüsse; doch kann er seine Quelle nicht angeben, während Ptolemaios sie im hohen Norden sucht und eine zweite im Amadoka-See annimmt (III 5, 6). Ob man in diesem eine dunkle Kenntnis der Rokitnosümpfe vermuten darf, mag dahingestellt bleiben, da auch das Volk der Amadokoi so weit hinaufrücken müßte. Schon im Altertum ist der Name Danapris (Δάναπρις) belegt; Peripl. Pont. Eux. 58. Geogr. Rav. 179: heute Dnjepr; im Mittelalter hieß er zeitweilig bei den Hunnen Var (Iordan.), Βυρούχ (Const. Porph.). auf den italienischen Portolankarten seit dem 14. Jhdt. Elexe, Erexe. Sein großer Mündungszufluß, der Hypanis, ist der Bug, für den im frühen Mittelalter auch der Name Bagossola (Iordan.), Bagossola (Geogr. Rav. 179, auftritt, und in dessen Anfangssilbe der heutige Namen enthalten zu sein scheint. Der Tanais (Τάναις) wird als Grenzfluß Europas und Asiens am häufigsten genannt. Herodot. IV 57 nimmt seine Quelle in einem großen See an, ebenso Ephoros (Scymn. 870), während andere ihn vom [5] Kaukasus herleiten (hierüber Strab. XI 493. Dion. per. 663. Avien. orb. t. 861. Ammian. XXII 8) oder von den Ripäen (Mela I 115. Plin. IV 78). In zwei Armen mündet er in die Maiotis, die von anderen nur als verbreiterte Flußmündung angesehen wird. Zwischen diesen Hauptströmen fließen mehrere kleinere, die von den Alten namhaft gemacht werden, von denen aber die wenigsten ganz einwandfrei in den heutigen wieder anerkannt werden können. So verhält es sich mit dem Axiaces (Ptol. III 5, 6. 14) oder Asiaces (Mela II 7. Plin. IV 82), unter dem man den Tiligul vermutet: dem Sagaris (Ovid. ex Pont. IV 10, 47), vielleicht Beresan. Bei Herodot schon werden Hypakyris, Pantikapes, Gerrhos genannt, die in sehr gezwungener Weise in den ehemaligen Deltaflüssen des Dnjepr untergebracht werden. Dem Bykes wird neuerdings die Existenzberechtigung abgesprochen, was ich nicht einsehen kann, da er von Ptolemaios, Mela und Plinius genannt wird. Er mündet in den Byke-See, den heutigen Siwatsch oder das Faule Meer, das schon bei Strab. VII 308 Σαπρὰ λίμην heißt, jene sumpfige Salzlagune zwischen der Krim und dem Festlande. Am Nordufer der Maiotis münden der Agaros (heute Berda, falls nicht die Molotschna der Gerrhos ist?), Lykos, Hyrgis (Krynka) und Porites (Mius). Indentifizierungen kleinerer Flüsse sind oft schwierig, weil die physischen Verhältnisse im Laufe der historischen Zeit sich verändert haben und einige Flüßchen ganz ausgetrocknet sind. Der Evaporationsprozeß macht sich bis in die Gegenwart bemerkbar, und die ältere Generation berichtet von der zunehmenden Verarmung an fließendem Wasser. Ganze Seen verdunsten, die Brunnen versiegen. Der Tiligul trieb ehemals fünfzehn Mühlen, seit 1863 nur noch eine, die auch nur zeitweise in Tätigkeit ist. Hauptursache ist die Entwaldung der Plateaus.

Auch auf der asiatischen Seite der Maiotis sind viele kleine Rinnsale heute nur in kümmerlichen Resten vorhanden und erreichen nicht immer die Küste. Strab. XI 506 nennt den Achardeos (Ἀχάρδεος), der vom Kaukasus kommend, in die Maiotis fällt. Möglicherweise ist es der Jegorlik-Manytsch, der den Don im Unterlauf erreicht. Weiter südlich folgen die meist bei Ptolem. V 9 und Strab. XI 493 genannten: Marubius (Μαρούβιος), der Große und Kleine Rhombites (Ῥομβίτης), zwischen beiden der Theophanios (Θεοφάνιος). Dann folgt der bei Ptolemaios genannte Vardanos (Οὐαρδάνος), dessen Mündungsgebiet die ganze Tamanhalbinsel am Kimmerischen Bosporus (Straße von Kertsch) umfaßte. Sie war damals in Inseln aufgelöst (Ammian. XXXII 8), zwischen denen hindurch der Antikeites (Strabon) oder Attikites (Ptolem.) und der Psathis (Ptolem. V 9) als Nebenarme des Vardanos ihren Weg nahmen. Nach Strab. XI 494 wird der Antikeites auch Hypanis genannt, was, wie er sagt, andere aber bestreiten. Dasselbe tut Plin. IV 83. Ob überhaupt der ganze Vardanos, der heutige Kuban, Hypanis geheißen, scheint mir hiernach fraglich (vgl. den Art. Hypanis Nr. 1). Der Antikeites mündet in einen großen Liman, der nach einer Stadt Korokondamitis (Κοροκονδαμῖτις) heißt; [6] heute Kisiltasch-Busen. — Im weiteren führen Ptolemaios und Arrian (peripl. Ponti Eux.) kleinere Flüsse auf, die vom Kaukasus herabkommend, in den Pontus münden, und die mehr nur kurze Küstenbäche sind: Psychros (Ψύχρος), Burka (Βούρκας Ptolem. V 9 oder Βόργυς Arrian. 27), Achaeus (Ἀχαίους Arrian.), Masaetice (Μασαιτικής; Arrian.), Abascus (Ἀβάσκος Arrian.). Thessyris (Θέσσυρις Ptolem.). C. Müller hat sie mit den heutigen zahllosen Bächen jener Gegend zu identifizieren gesucht. Der südlichste ist der Corax, den Ptolemaios als nominelle Grenze von S. aufführt. Der entsprechende Grenzfluß an der Seite des Kaspischen Meeres ist der Soana (Σοάνα Ptolem.); dann folgen nördlich der Alonta (Ἀλόντα), vermutlich der Terek und der Udon (Οὔδων), die jetzige Kuma. Endlich der Rha (Ῥᾶ), die Wolga. Ptolemaios beschreibt ihn sehr ausführlich (II 5, 6. 7) mit seinen beiden Richtungsänderungen, seiner Annäherung an den Tanais und seinen beiden Quellläufen, von denen einer die Kama sein muß. Herodot. IV 123 spricht außerdem noch von Flüssen, die aus dem Thyssagetenlande kommen und in die Maiotis (!) münden : Lykos, Oaros. Tanais und Syrgis. Er nennt sie große Flüsse, was vom Tanais und Oaros, falls man unter diesem die Wolga verstehen will, zutrifft, nicht aber vom Syrgis (= Hyrgis, s. o.) und dem unbekannten Lykos. Forbiger III 453 erinnert an eine Stelle des Plin. VI 21, der den von den Catheischen Bergen kommenden Lagous und den in ihn mündenden Opharus nennt, eine allerdings höchst auffallende Namensähnlichkeit, aber auch nicht mehr. Denn nach Herodot müssen die Flüsse eine nordsüdliche Richtung haben, was auch für den Oarus-Wolga gilt, nur daß dieser nicht in die Maiotis mündet. Als Ῥᾶ wird er zuerst von Ptolemaios bezeichnet, und zwar ist dies noch heute die finnische Bezeichnung, worüber C. Müllenhoff D. A. II 75. III 16 zu vergleichen ist.

Als Flüsse, die dem nördlichen Ozean sich zuwenden, werden namhaft gemacht neben dem Grenzfluß der Vistula (Οὐϊστούλα), der Guthalus (Plin. IV 100), vermutlich der Pregel, unter dem aber auch der Chronus (Χρόνος Ptolem. III 5, 1. Marcian. II 39. Chronius bei Ammian. XXII 8) vermutet wird der Rhudon (Ῥούδων Ptolem. Marc.) von den Alanischen Bergen, vielleicht die Düna und schließlich zwei von den Ripaeen kommende Flüsse, der Turundus (Τούρουντος Ptolem., Marc.), etwa die Windau und der Chesinus (Ptolem. oder Chesynus, Χέσυνος Marc.). die kurländische Aa, nach andern die Pernau.

Von den orographischen Verhältnissen des Landes hatte man ganz unklare Vorstellungen. Osteuropa ist ein Flachland, dessen höchster Punkt, die Waldaihöhe, 352 m erreicht, also etwa ein Drittel unserer thüringischen Berge. Von eigentlichen Gebirgen kann da keine Rede sein. Wohl sind den Alten die endlos ausgedehnten Ebenen von prärieartigem Charakter und weiter nördlich die Urwälder bekannt gewesen. Neben ihnen erwähnen sie aber auch verschiedentliche Berglandschaften und Gebirge, indem sie augenscheinlich einige geringfügige Erhebungen mit den theoretischen Spekulationen [7] einer gewaltigen Massenanschwellung des Festlandes nach Norden hin, hinter der die Sonne angeblich ihren nächtlichen Lauf nimmt, in Verbindung bringen. Als man später von dieser Auffassung abgekommen war, blieben gleichwohl die hohen Gebirge in der Phantasie bestehen. Zu diesen gehörten vornehmlich die Ripäen, die in den Hyperboreerbergen der mythischen Geographie ein Gegenstück fanden und mit ihnen schließlich identifiziert wurden. Man dachte sie als einen Nordeuropa und Asien durchziehenden Gebirgswall, dessen westlicher Ausläufer die deutschen Mittelgebirge waren. Daher taucht der Name an allen Ecken und Enden auf und hat sich vielfache Deutungen gefallen lassen müssen. Herodot erwähnt ihn nicht, aber Hippokrates und die Dichter (Aischylos, Sophokles) und die späteren Geographen; allerdings in verschiedener Bewertung. Ptolemaios (III 5, 5) denkt ihn sich nicht mehr als geschlossenen, einheitlichen Gebirgszug und vollends in Osteuropa nicht, da er hier verschiedene Einzelgebirge aufführt: Peuce (Πεύκη), Amadokische Berge(Ἀμάδοκα ὄρη), Bodinus (Βώδινον ὄρος), Alanus (Ἀλανὸν ὄρος)• Auch der Carpates mons (Καρπάτης ὄρος), für den er nur einen einzelnen Fixpunkt angibt, dürfte hier zuzurechnen sein. Mit Ausnahme für den letzteren lassen sich bestimmte Bodenerhebungen für sie nicht angeben, und Tomaschek sagt mit Recht, daß auf die imaginären Bergzüge des Marinos-Ptolemaios nicht viel zu geben ist. Ein Teil derselben ist nach Völkerschaften benannt. Zu einer zuverlässigen Bestimmung kommt man auch nicht, wenn einzelne Gebirge als Quelland irgend eines Flusses bezeichnet werden. Im asiatischen S. ist der Caucasus als südliches Grenzgebirge näher bekannt geworden. Doch weit häufiger werden einzelne Teilgebiete desselben unter besonderen Namen aufgeführt. So die Coraxici montes oder auch Corax mons (Mela. Plin. Mart. Cap.), Κόραξ (Ptol. V 8, 8) unter denen man den ganzen westlichen Teil des Kaukasus begriff, dessen Südseite nach der Pontischen Küste und dem Phasistal steil abfällt. Die Hippici montes (Ἵππικα ὄρη), die nur zweimal genannt werden (Ptolem. V 8, 9 und beim Anonymus geogr. comp. ed. Müller, Geogr. min. II 504). Müller hält sie für den mittleren höchsten Teil des Kaukasus, trotzdem sie Ptolemaios getrennt von letzterem in die Nähe der Wolga setzt. Auch die Ceraunii montes (Κεραύνια ὄρη Strab. Ptolem.), der östliche, an das Kaspische Meer reichende Flügel.

Vom Klima des Landes wußte man viel zu berichten. Es ist ein streng winterliches (δυσχείμερος) Land, sagt Strab. (VI 307), und Mela (III 36) spricht von den andauernden Schneefällen (perpetuae nives) und der unerträglichen Kälte. Im Kaukasus fällt jedes Jahr, auch wenn der Winter schon vorüber ist, außerordentlich viel Schnee, der dann viele Tage ununterbrochen anhält (Diod. I 41). Doch auch im Sommer bleibt er nicht aus, zumal im hohen Norden, wo die Extreme immer mehr zunehmen (Herodot. IV 31). Herodot bemerkt, daß jenseits des Goldlandes nach Mitternacht zu nicht mehr vorwärts zu sehen noch durchzukommen sei wegen der umherfliegenden [8] Federn, die die Aussicht versperrten (IV 7); später erklärt er dies nur für einen vergleichenden Ausdruck der Skythen für Schneeflocken. Auch die Vögel, besonders die Kraniche, flüchten vor dem Winter im Skythenlande und wenden sich südlichen Gegenden zu (Herodot. II 22). Den größten Eindruck machte auf den Südeuropäer die andauernde Kälte, unter der nicht nur der Mensch, sondern auch das Tier zu leiden hat. Ovid. ex Ponto II 7, 72. Manche Tiere, wie Esel, finden dort kein Fortkommen, und die Rinder haben zum Teil keine Hörner (Herodot. IV 28. Strab. VII 307). Acht Monate lang herrscht die Kälte, selbst das Meer gefriert und der ganze Kimmerische Bosporus, und die Skythen der Krim ziehen in Scharen einher und fahren mit ihren Wagen hinüber zu den Sindern (Herodot. IV 28). Auch Strabon berichtet dasselbe, daß man von Pantikapaeum nach Phanagoria mit Wagen fahren kann, so daß sich ein Weg bildet. Der Feldherr des Mithradates soll an derselben Stelle der Überfahrt im Sommer die Barbaren in einem Seetreffen und im Winter in einem Reitertreffen geschlagen haben (Strab. II 73. VII 307). Solche Kälte herrscht 8 Monate, aber auch in den übrigen vier Monaten ist es noch kalt, setzt Herodot hinzu. Anderseits soll trotzdem eine heftige Hitze eintreten können, was Strabon als eine Übertreibung anzusehen geneigt ist, weil die Bewohner an Wärme überhaupt nicht gewöhnt sind. Die Hitze soll eine Folge der Windstille sein oder weil die dicke Luft sich mehr erwärmt, wie man an den Nebensonnen im Nebel sieht (Strab. a. O.). Es unterscheidet sich aber der dortige Winter von jenem der anderen Länder. Nämlich in der Regenzeit - Herodot versteht hierunter die regenreiche Winterzeit der Mittelmeerländer - regnet es so wenig, daß es nicht der Rede wert ist, im Sommer aber hört es gar nicht auf zu regnen. Und wann es anderswo Gewitter gibt, zu der Zeit gibt es dort keine, im Sommer aber gewaltig viel (Herodot. IV 28).

Die klimatischen Erscheinungen üben nun auch ihren Einfluß auf die Besiedelung des Landes aus. Der nördlichste Teil des Landes wird von Herodot als unbewohnbar erklärt (IV 31). Auch Strabon hält einen kleinen Strich wegen der Kälte für unbewohnt, und zwar grenzt er an die Hamaxoiken (Wagenbewohner, Nomaden) am Tanais und Borysthenes (II 126). Jedoch sind auch von den bewohnbaren Gebieten die kälteren und die gebirgigen von Natur schwer zu besiedeln, können aber bei verständigem Wirtschaftsbetriebe erträglicher gemacht werden.

Osteuropa ist in der nördlichen Hälfte ein Waldland, in der südlichen ein Steppenland, und letzteres lernten die Griechen vorzugsweise kennen. Für die Steppe ist die Baumlosigkeit bezeichnend, und Herodot spricht von dem gewaltigen Holzmangel im Skythenland (IV 61). Eine berühmte Ausnahme machte die Hylaia, östlich des unteren Borysthenes von der sog. Achilles-Laufbahn (Ἀχιλλέως δρόμος), (dem nehrungsartigen Landstreifen südlich des Dnjeprlimans) ostwärts bis zum Hypakyris und der Stadt Karkina (Kalantschak) Herodot. IV 19. 55. Dieser Wald ist heute verschwunden, und an seiner Stelle findet sich [9] die öde Nogaisteppe. Von den gewaltigen Urwäldern, die ganz Mittelrußland erfüllen, finden wir nur gelegentliche Andeutungen. So das Land der Budiner an der Wolga (Herodot. IV 109). Herodot nennt diese Wildnisse kurz Wüsteneien (ἐρῆμος), die von Sümpfen durchsetzt sind: λίμναι (Herodot. IV 20). Die Sumpfwälder (die sog. Taiga) sind für Nordrußland charakteristisch. In ihnen nehmen meist die Flüsse ihren Ursprung. Das Steppenland im Süden bedingt die nomadische Lebensweise, und die ganze Existenz der damaligen Bewohner war auf den Ertrag der Herden basiert. Das Gras aber, das da wächst, sagt Herodot, ist das saftreichste von allen Gräsern (V 58). Stellenweise wurde auch Ackerbau betrieben, wenn auch das fruchtbarste Land, das Schwarzerdegebiet (Tschernosjom), damals wohl nur zum geringsten Teil in Angriff genommen worden war. In den küstennahen Landschaften, wo auch griechischer Einfluß sich geltend machte, wird des Ackerbaues mehrfach Erwähnung getan. Wenigstens strichweise trat er auf; so im Süden bei den γεοργοὶ Σκύθαι, die auch Borystheneiten oder nach dem Hauptort Olbia Olbiopoliten genannt wurden. Ihr Land erstreckt sich vom Borysthenes auf drei Tagereisen bis zum Pantikapes und nach Norden den Fluß aufwärts auf elf Tagereisen (Herodot. IV 18). Besonders ergiebig als Kornland war die Taurische Halbinsel (Strab. VII 311). Von den Ländern der Kallipiden, Alazonen und nördlich von diesen, den Skythen, wird dasselbe berichtet: sie säen das Korn nicht nur zur Nahrung, sondern auch zum Verkauf. An Früchten wurden sonst noch gebaut: Zwiebeln (κρόμμυον), Knoblauch (σκόδορα) und Linsen (φάκος), Herodot. IV 17, und Hirse (κέγχρος). Auch der Hanf (κάνναβις), der wild wuchs, wurde künstlich gezogen (Herodot. IV 74). Gewürzkräuter wurden viel verwendet: Safran (κύπερος), Eppich oder Milchpetersilie (σέλινον) und Anis (ἄνησον).

Von den im Lande lebenden Tieren, die auch im Dienste des Menschen standen, war das Pferd, das nach Herodot. IV 28 den Winter sehr gut verträgt, aber nur klein ist (Strab. VII 307). Es wurde in ganzen Herden gehalten (IV 110). Dagegen fanden Esel und Maulesel kein gutes Fortkommen (Herodot. IV 28), und angeblich gab es keines dieser Tiere im ganzen Lande (IV 129. Strab. VII 307. Arist. hist. anim. VIII 25). Vgl. dagegen Frontin. II 4. Schweine scheinen aber überhaupt nicht im Lande gezogen zu sein (Herodot. IV 63; dagegen Aristot. hist. anim. VIII 29). Die Rinder hatten wegen der Kälte keine oder nur verkrüppelte Hörner (Herodot. IV 29. Arist. hist. anim. VIII 28. Strab. VII 307). An Kleinvieh werden noch Schafe erwähnt. Rätselhaft ist der sog. Tarandrus, von dem Plinius VIII 123 berichtet, der die Größe eines Ochsen habe und einen hirschähnlichen Kopf mit ästigen Hörnern und wechselnder Farbe des Felles usw. Unsere Zoologen bezeichnen mit diesem Namen heute das Renntier, das im Winter und Sommer die Farbe des Felles wechselt. Andere vermuten in ihm das Elentier. An Tieren werden sonst noch genannt der Hase (Herodot. IV 134), Fischotter (ἔνυδρις), Biber (κάστωρ) und andere Tiere mit viereckigem Gesicht, deren Fell als [10] Pelzwerk Verwendung findet (Herodot. IV 109). Stellenweise sind die Schlangen sehr zahlreich. so daß die Neurer ihr Land verlassen mußten und sich den Budinen anschlossen.

An Bodenschätzen wurde das Land nicht für reich erachtet. Silber und Erz kommen gar nicht vor (Herodot. IV 71. Pausan. I 21). Dagegen stand es im Rufe einen Überfluß an Gold zu besitzen. Es ging die Sage, daß im hohen Norden das meiste von Greifen bewachte Gold vorhanden sei, das ihnen von den Arimaspen, einem einäugigen Volk, heimlich geraubt würde (Herodot. ΙII 116. IV 13).

Die Bevölkerung hatte im Laufe der alten Zeit erhebliche Veränderungen und Verschiebungen erfahren. Die Erforschung der prähistorischen Zeiten steht immer noch erst in den Anfängen, doch haben Entdeckungen neolithischer Kulturen schon vielfache Aufklärung gebracht. Überraschend waren die Funde östlich der Karpathen, vom Dnjestr bis zum Dnjepr. Dort hatte ein Volk in viereckigen Lehmhütten gehaust; es besaß Haustiere, wie Rind und Schwein; es betrieb Ackerbau, verfügte aber über Gerätschaften nur aus Stein, während Metall fehlte. Ein besonderes Charakteristikum war ferner die Verbrennung der Leichen, die dem Orient fremd ist, aber in jener Zeit auch in Europa nur vereinzelt (Bretagne) auftritt, wo vielmehr andere Bestattungsarten oft in Form megalithischer Grabbauten üblich waren. Von dort breitete sich die Sitte des Leichenbrandes während der Bronzezeit über fast ganz Europa aus. Solche Funde wurden 1899 in Tripolje südlich von Kijew am Dnjepr gemacht, und in Petrony in Bessarabien ist ein ganzer Friedhof ausgegraben worden. In diesen Ansiedlern sieht Ed. Meyer Gesch. des Altert. II 741. 802 wohl mit Recht einen indogermanischen Stamm. Das älteste Volk, von dem uns die Geschichtsquellen Kunde geben, sind die Kimmerier, im südlichen Rußland. Wir lernen sie kennen in dem Augenblick, als sie von dort durch die eindringenden Skythen zum Lande hinausgedrängt werden; da diese ihnen an Zahl überlegen waren, wandern sie z. T. freiwillig nach Kleinasien aus (8. Jhdt.), das sie in vielfachen Raubzügen erschüttern (Herodot. IV 11. 12). Herodot läßt die Skythen wiederum durch die Massageten über den Araxes in das Kimmerierland verdrängt sein. Unter dem Araxes scheint hier die untere Wolga verstanden werden zu müssen (s. den Art. Araxes o. Bd. II S. 403). Von den Kimmeriern meldeten in späterer Zeit nur noch einige Örtlichkeiten, die ihren Namen trugen. Hinter den Skythen drängten wieder die Sarmaten, die zunächst östlich des Tanais sitzen blieben, während die Skythen westlich von ihm in zahlreichen Stämmen sich ausbreiteten. Doch wurden sie selbst von den weitervordringenden Sarmaten überwältigt, die schließlich das ganze südliche Rußland bis in die ungarische Tiefebene hinein beherrschten. S. hierüber die Art. Sarmatae und Scythae. Im pontischen Küstengebiet hatten sich die Griechen , meist Bürger von Milet, im 7. und 6. Jhdt. angesiedelt und mehrere bald erblühende Handelsstädte gegründet; unter diesen Tyras am gleichnamigen Liman und besonders Olbia am Hypanis, ein [11] Ort, der auch Borysthenes genannt wurde, obwohl er nicht an diesem Flusse lag. Andere, nicht minder bedeutende Städte, entstanden auf der Krim (s. den Art. Taurica Chersonesus); die Stadt Tanais, an der Mündung des gleichnamigen Flusses, ist aber vermutlich erst nach Alexanders Zeit entstanden. In diesen Städten saßen aber Griechen neben den Landeseinwohnern, mit denen sie z. T. verschmolzen und wohl auch deren Bräuche annehmen mußten, z. B. die Tracht aus klimatischen Gründen. Es entstanden so stark gemischte Volksgruppen (μιξέλληνες). Der Liber generationis (ed. Riese) 34 nennt sie Graecosarmatae. Zu den Ἕλληνες Σκύθαι gehörten die Kallipiden und die Gelonen, die eine skythisch-hellenische Sprache sprachen. Im südwestlichen S. machte sich das thrakische Volkselement stark bemerkbar; so die Geten in der Donauebene und vielleicht auch die Alazonen, während die Tyregeten von Kiepert allerdings auch zu den Geten (Thrakern) gestellt, von Müllenhoff aber als Skythen bezeichnet werden. Im westlichen S., an der germanischen Grenze, zählt Ptolemaios eine Reihe von Völkern auf, die in dem Winkel der Weichselquelle und der Karpathen sitzen. Er hat hier die Quelle um zwei Grad nordwärts gerückt, nur um Raum für diese Völkerfülle zu finden (so Müllenhoff D. A. II 81). Genannt werden dort von Süden nach Norden folgend: Piengitai, Sabokoi, Arsyetai, Burgiones, Anartophraktoi, Ombrones, Avarinoi , Phrugundiones, Sulones, Phinnoi. In einer zweiten Reihe folgen weiter östlich: Biessoi, Basternai, Karpianoi, Peukinoi, Transmontanoi, Koistobokoi, Igylliones. Nicht nur die räumliche Anordnung, als besonders die ethnische Zugehörigkeit bringt unlösbare Schwierigkeiten. Bald werden Daker-Geten, bald Slaven, Germanen, auch Kelten und schließlich finnische Stämme unter ihnen vermutet. Bastarnen und Peukinen waren freilich sicher Germanen, die in Galizien bis südlich zum Donaudelta (Peuke) saßen, wie die Karpianoi Daker waren. Bei der großen Mehrzahl der übrigen Stämme schwanken die Ansichten. Aber die Etymologien der Völkernamen führen meines Erachtens nicht zu einwandfreien Schlußfolgerungen hinsichtlich der ethnischen Zugehörigkeit, denn nur zu oft haben die Völker sich diese Namen nicht selbst gegeben, sondern sie stammen von einem Nachbarvolk, das sie so benannte. Im übrigen muß hier auf die Einzelartikel eines jeden Volkes verwiesen werden. Am wichtigsten war immer die Frage nach der Herkunft der Slaven, und welche Stämme unter den genannten man als slavische anzusehen hätte. Die Veneti setzt Tacitus (Germ. 46) zwischen Finnen und Peucinen an, Ptolemaios (Venedai) als Einzelstamm an die Ostseeküste östlich der Weichsel. Der Name ist dann verallgemeinert auf die gleichartigen Stammesgenossen übertragen worden. Die Neuroi, die schon Herodot mehrfach nennt, werden allgemein für Slaven gehalten. Andere wollen auch die Sarmaten für deren Stammväter ausgeben, was sicher zu weit gegangen ist. Schafarik und Müllenhoff haben alle Möglichkeiten erwogen, und letzterer sucht die geographische Verbreitung des ältesten Slaventums festzustellen. Als Heimat [12] der Slaven sieht er das obere und mittlere Dnjeprland an, nördlich bis an die oberste Wolga und westlich bis an den Karpathenwall, von dem sie zeitweise durch die Bastarnen abgedrängt waren.

Eine andere indogermanische Gruppe, die Ptolemaios in S. unterbrachte, sind die baltischen Völkerstämme der Litauer und alten Preußen, für die er keinen Kollektivnamen kannte. Tacitus (Germ. 45) nannte sie Aestii. Aus der Völkertabelle Ptolem. III 5, 9. 10 gehören zu ihnen vermutlich die Igylliones, Galindai, Sudinoi, Stavanoi, Karbones, Osioi und Veltai; die drei letzteren an der Ostseeküste. Dies ist, wie auch ich meine, die berechtigte Ansicht von Zeuss und Müllenhoff; anders urteilt Kiessling Art. Galindai, der in ihnen Slaven annimmt; vgl. jedoch Tomaschek Art. Aestii. Für die eigentlichen Finnen (Fenni des Tac. Germ. 46, Φίννοι des Ptolem. a. O.) bleibt auf der Ptolemaioskarte kaum Raum, so daß er gezwungen ist, sie als Einzelstamm zwischen Gythones und Sulones an der Weichsel einzuzwängen. Auch die östlichen Aestii, deren Name später auf einen finnischen Stamm überging, werden von Ptolemaios wegen Raummangels zu direkten Nachbarn der pontischen Völkerstämme gemacht. Dagegen hatten finnische Stämme, wenn sie auch noch nicht von den alten Autoren als solche erkannt worden waren, eine weite Ausbreitung über das Innere Osteuropas bis an die mittlere Wolga, wo sie in den heutigen Wolgafinnen noch ihre Vertreter haben. Herodot gibt IV 17-21 vier nebeneinander angeordneten Völkerreihen von Süden nach Norden an (s. den Art. Scythae). Die nördlichsten charakterisiert er vielfach als Nichtskythen; unter ihnen sind jedenfalls finnische Stämme zu vermuten: die Androphagoi am oberen Borysthenes sieht Tomaschek als die Vorläufer der Mordwinen an, die Melanchlänen am oberen Tanais als Tscheremissen und die blauäugigen und rothaarigen Budinoi in der Waldregion der mittleren Wolga als Wotjaken und Syrjänen. Auch die Iyrkai östlich des Ural dürften zu den Finnen gerechnet werden. Dagegen gehören die Hyperboreer der mythischen Geographie an, während die sagenhaft gestalteten einäugigen Arimaspen wegen ihres Goldbesitzes auf irgend ein im goldreichen Ural sitzendes Volk zurückgehen mögen.

Literatur. Außer den Spezialartikeln von Tomaschek, Kiessling, Vulić, Herrmann noch C. Zeuss Die Deutschen und die Nachbarstämme, München 1837. Müllenhoff Deutsche Altertumsk., besonders Band II, Berlin 1887 und III 1892. Forbiger Handb. der alten Geographie II 1844. III 1877. H. Kiepert Lehrbuch der alten Geographie, Berlin 1878, 338-351. W. Tomaschek Kritik der ältesten Nachrichten über den skythischen Norden, S.-Ber. Wien. Akad. CXVI (1888). Schafarik Slawische Altertümer. Leipzig 1843-44. C. Müller Anmerk. zu den Geographi graeci minores und zur Ptolemaiosausgabe. C. Neumann Die Hellenen im Skythenlande, Berl. 1855. C. Reichard Landesk. Skythiens, Halle 1889. W. J. Beckers Das rätselhafte Hochgebirge des Altertums, die sogen. Rhipäen, Geogr. Ztschr. 1914, 534-557.