RE:Tauros 11

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band V A,1 (1934), Sp. [V_A,1 58]–[V_A,1 68]
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11) Philosoph des mittleren Platonismus. Das Gentile lautet nach der Inschrift Syll. II³ nr. 868 Κaλβῆνος, nach Gell. XVIII 10, 3 Calvisius (vgl. darüber und zum hier Folgenden Praechter Herm. LVII 482f.), das Pränomen nach der Inschrift Lucius. In der Angabe von Berytos als seinem Heimatsorte stimmen die Inschrift, Hieron. Chron. ad a. Abr. 2161 = 145 n. Chr., und Suid. s. Ταῦρος überein. Philostr. vit. soph. 2, 1, 14 (II S. 71, 29 Kays.) nennt ihn Tyrier. Das römische Bürgerrecht muß er besessen haben, wenn nicht etwa die Vorschrift, daß die Diadochoi der athenischen Schulen nur aus den römischen Bürgern zu wählen waren, wie in dem von Plotina angeregten Falle (vgl. Syll. II³ nr. 834. Diels Arch. Gesch. Philos. IV [1891] 486ff.) so auch bei ihm aus einem uns unbekannten Grunde außer Kraft gesetzt wurde. Seine ἀκμή bestimmt Suid. s. v. auf die Zeit des Antoninus Pius, enger Hieronymus auf 145 n. Chr. (vgl. dazu Herm. LVII 482. 487). Als platonischer Schulvorstand in Athen war T. Lehrer des Herodes Attikos (Philostr. vit. soph. II 71, 29 K.) und des A. Gellius (s. die Indices der Ausgaben). Letzterer, der mit ihm auch weiterhin in freundschaftlicher Verbindung blieb, überliefert als Einziger manche Einzelheiten aus seinem Leben, an deren Authentizität zu zweifeln ich keinen Grund sehe. In den Bereich dieser Beziehungen gehören der Besuch des T. bei dem in Herodes’ kephisischer Villa krank liegenden Freunde (Gell. XVIII 10, 1ff.) und die gemeinsame Reise zu den Pythien des J. 163 n. Chr. (zur Zeitbestimmung Bourguet Syll.³ nr. 868 A Anm. 2). Bei dieser Gelegenheit oder im Anschluß daran wird das Ehrendekret für T. ergangen sein, das uns in der erwähnten Inschrift vorliegt (zur Reise selbst Gell. XII 5, 1ff.). Daß T. Ansehen genoß, läßt sich auch aus dem Besuche erschließen, den nach Gell. II 2, 1ff. der kretische praeses provinciae in Begleitung seines Vaters ,visendi cognoscendique [59] eius gratia‘ bei ihm machte. Schon hier erhebt sich freilich die viel behandelte Frage nach Arbeitsmethode und Zuverlässigkeit des Gellius (s. Hosius o. Bd. VII S. 995, 58ff.). Doch erscheint mir der mehrfach (so von Nettleship Amer. Journ. of Philol. IV, 1883, 395. 398) geäußerte Skeptizismus hinsichtlich der Geschichtlichkeit der Gespräche, in denen T. und andere als Redende auftreten, als zu weitgehend. Jedenfalls bleiben diese Dialoge, selbst unter Voraussetzung ihrer Fiktivität, für uns wertvoll, insofern sie ihr Material auch ohne ausdrückliche Angabe aus Schriften des T. schöpfen (Hosius o. Bd. IV S. 997, 14f.; vgl. auch praefatio d. Ausg. XXIII zu 1, 9. XXXVIII zu 8, 6) oder diesen als Vertreter von Anschauungen und Methoden seiner Zeit oder seiner eigenen Person erkennen lassen. Das trifft besonders zu auf das von der neueren Forschung immer noch zu wenig beachtete Gebiet des philosophischen Schulbetriebes, wo das von Gellius für T.s Verfahren Gebotene dazu dienen kann, das bisher über die Schulmethode Bekannte zu bestätigen und zu ergänzen. Daß im Unterrichte die Lektüre vor allem Platons eine Hauptrolle spielt, versteht sich von selbst. Gedacht wird in einem bestimmten Falle der Behandlung des Symposions (Gell. XVII 20, 1ff.). Die Szene trägt hier den Charakter einer freien und familiären Synusie: T. unterbricht die Lektüre mit einer an Gellius gerichteten und diesen persönlich betreffenden Bemerkung — in gewissem Sinne ein Gegenbild zu der Unterbrechung der Exegese des Lehrers durch aporematische Fragen der Hörer, für die ich freilich nur auf den weit späterer Zeit angehörigen Hermeias (zum Phaidros 92, 6ff. 154, 21ff. 28ff., vgl. 24, 6. 169, 2 Couvr.) verweisen kann. Jedenfalls gestattete T. oft nach der planmäßigen Synusie beliebige Fragen, also auch solche, die zu dem behandelten Thema in keiner Beziehung standen (Gell. I 26, 1ff.). So konnte z. B. ein mitgebrachter Schriftstellertext dem T. vorgelesen werden zur Einholung seines Urteils über den Inhalt (ebd. XIX 6, 1ff.). Zur Sache Aristot. eth. Nic. Δ 15, 1128 b 11f. Ps.-Plat. defin. 416 s. αἰσχύνη. (Die Äußerung des T. ist als Parallele nachzutragen zu Adam Philol. LXXX 375.) Außerhalb der Schule boten besondere Vorkommnisse den ihren Meister Begleitenden Gelegenheit, Belehrung zu heischen (ebd. XII 5, 1ff.). Freiere Unterhaltung konnte sich nach Verabschiedung des größeren Kreises der sectatores anschließen (ebd. II 2, 2). Eine weitere Vergünstigung bestand in der Zuziehung zu den frugalen Mahlzeiten des Philosophen, zu denen die Geladenen als Würze ἐνθυμημάτια quaedam lepida et minuta et florentem vino animum lacessentia beisteuerten (Gell. VII 13, 1ff.). Daß unter diesen quaestiones symposiacae erheiternde Gedankenspiele eristisch-logischer Art einen Vorrang behaupteten, ist nicht zu bezweifeln (Beispiel ebd. § 5ff.: wann stirbt der Sterbende, schon im Tode oder noch im Leben? Die Frage von T. gelöst durch den Hinweis auf die neutrale Zeitgrenze, die ἐξαίφνης φύσις, bei Plat. Parm. 156 de); aber auch zu naturwissenschaftlichen Erörterungen bot sich Gelegenheit (ebd. XVII 8, 1ff.). Erhebliches Gewicht legte T. im Verkehr mit seinen Schülern auch außerhalb [60] der Synusie auf die moralische Erziehung. Einem für das freie Leben der Bühnenkünstler Begeisterten schickt er das vernichtende Urteil über die Διονυσιακοί τεχνῖται aus [Aristot.] probl. 30, 10 p. 956 b 11 f. (ebd. XX 4, 1ff.) mit der Empfehlung der Stelle zu täglicher Lektüre. Einem andern, der einen eigenen, von ihm selbst zugestandenen Fehler mit dem Hinweise auf das Beispiel anderer und die herrschende Gewohnheit zu rechtfertigen sucht, legt er, an die rhetorischen Studien des Betreffenden anknüpfend, Demosth. adv. Androt. (or. 22) 7 ans Herz (ebd. X 19, 1ff.). So ist T., wie auch Gellius anschließend bemerkt, um Wege des Ratens und Ermahnens zu richtiger Charakterbildung nicht verlegen. Neben anderem gehört der Gebrauch von Beispielen, wie des Plutarch I 26, 2ff. und des Eukleides VII 10, 1ff. zu den angewandten Mitteln (vgl. Gellius an letzterer Stelle). Auch dem leider nur im Auszuge erhaltenen Kap. VIII 6 des Gellius über die Meidung von gegenseitigen Beschuldigungen bei Wiederherstellung einer zeitweilig getrübten Freundschaft könnte eine an einen Individualfall anknüpfende Mahnung des T. zugrunde liegen (anders Hosius praef. d. Ausg. p. XXXVIII). Was T.s Urteil über die Schülerschaft nach ihrer Eignung zu philosophischen Studien betrifft, so bietet seine Klage bei Gell. I 9, 8ff. einen interessanten Einblick in Zeiten, wo die Einbeziehung der Philosophie in den allgemeinen Bildungsgang einem Dilettantismus Vorschub leistete, der die als ἀθεώρητοι, ἄμουσοι, ἀγεωμέτρητοι herbeiströmenden Hörer zu den unangebrachtesten Forderungen in bezug auf Einrichtung und Beschränkung des Unterrichtes veranlaßte: abgesehen von einer willkürlichen Auswahl des überhaupt vom Lehrer zu Behandelnden verlangt der eine, daß man mit dem platonischen Symposion beginne wegen der Alkibiadesszene, ein anderer gibt dem Phaidros den Vorzug wegen der Lysiasrede, wieder andere sehen in sprachlich-stilistischer Schulung das Ziel der Platonlektüre. Dazu stimmt es, wenn T. gegenüber Rhetorikbeflissenen eine gewisse Herbheit zeigt und Überläufer aus der Rhetorik zur Philosophie ihn verdrießen, obwohl er selbst für rhetorisch-stilistische Glanzpunkte bei Platon ein Auge hat; aber ad ipsa Platonis penetralia ipsarumque rerum pondera et dignitates pergendum est, non ad vocularum eius amoenitatem nec ad verborum venustates deversitandum (Gell. X 19, 1. XVII 20, 41ff.; vgl. I 9, 10). T. steht damit im Gegensatze zu dem ungefähr gleichzeitigen, ebenfalls der Akademie angehörigen anonymen Theaitetkommentator, durch den sich der Herausgeber Diels an Senecas Wort erinnert fühlt: quae philosophia fuit, facta philologia est (Berl. Klassikertexte II p. XXV).

Über T.s Schriften bemerkt Suidas s. v.: Ἔγραψε Περὶ τῆς τῶν δογμάτων διαφορᾶς Πλάτωνος καὶ Ἀριστοτέλους, Περὶ σωμάτων καὶ ἀσωμάτων, καὶ ἄλλα πλεῖστα. Zu den beiden Titeln kommen aus Gell. I 26, 3 commentarii (ὑπομνήματα), in denen jedenfalls über den Zorn als Krankheit oder Affekt gehandelt war (vielleicht keine dem Gegenstand eigens gewidmete Schrift, sondern anderweitige Kommentare mit gelegentlichen Ausführungen über den Zorn), ein Buch [61] über die Inkonsequenz der Stoa und ihre Abweichung vom Standpunkte des T. bezw. der platonischen Schule (ebd. XII 5, 5). Dazu gesellen sich Kommentare zum platonischen Gorgias (ebd. VII 14,5) und Timaios, jeder in mehreren Büchern. Nur aus dem Timaioskommentar sind wörtliche Fragmente erhalten, und zwar bei Ioa. Philop. de aet. mundi p. 145, 13-147, 25 (der Anfangsteil wiederholt 223, 8-19). 186, 21-189, 9. 224, 1-12. 520, 8-23. 521, 12-24 Rabe. Mit demselben Kommentar (zu Tim. 41 b ff.) verknüpft sich wohl, was Stob. ecl. I 378, 25ff. von divergierenden Meinungen aus dem Schülerkreise des T. zu melden weiß. Den Inhalt von περὶ τῆς τῶν δογμ. διαφορᾶς Πλάτωνος καὶ Ἀριστοτέλους wird eine Polemik gegen die eine Versöhnung und Verbindung platonischer und aristotelischer Lehre heischenden Platoniker gebildet haben. Diese Auffassung wird nahegelegt durch die in Euseb. praep. ev. erhaltenen Fragmente des Attikos, in denen dieser Schul- und ungefähre Zeitgenosse (ἀκμή 176 n. Chr.) des T. in schärfster Reaktion gegen den seit Antiochos von Askalon herrschenden und im 2. Jhdt. insbesondere durch die Gaiosschule (o. Suppl.-Bd. III S. 535ff. Überweg-Praechter12 541ff. 546. 552f.) vertretenen akademisch-peripatetischen Synkretismus eine Vereinigung von Platon und Aristoteles ablehnt (Zeller III 1⁴, 837ff. Überweg-Praechter12 548f.). Dabei hebt Attikos die Lehrdifferenzen, gelegentlich auch unter Benutzung von Wendungen mit διαφορά, διάφορον εἶναι, διαφέρεσθαι u. ä., in einer Weise hervor, die auch für sein Werk den Titel περὶ τῆς τῶν δογμάτων διαφορᾶς Πλάτωνος καὶ Ἀριστοτέλους als passend erscheinen ließe, nur mit der Zuspitzung, daß Aristoteles dem Platoniker für die Festigung seiner eigenen Weltanschauung nichts biete. In diesem Zusammenhange spielt auch die bei Aristoteles fehlende, bei Platon vorhandene göttliche πρόνοια eine Rolle (Euseb. praep. ev. XV 5, 2). Dieser in Verbindung mit der εὐσέβεια auf menschlicher Seite begegnen wir im Gefüge einer anderen Ausführung auch bei T. (Philop. aet. mundi p. 187, 4ff.), und im schärfsten Protest gegen Epikur wird sie von T. auch bei Gell. IX 5, 8 hervorgehoben. Man wird bei diesem religiösen Konservativismus des T. beiläufig an seine Verehrung für Pythagoras (Gell. I 9, 8), seine Befreundung mit Plutarch (ebd. I 50 26, 4ff.), dessen Priestertum und Ehrung durch Delphoi (Syll.³ II nr. 843; für seine Beziehungen zu Delphoi vgl. auch nr. 829) und an T.s eigene delphische Ehrung (s. o.) denken dürfen.

Eine gewisse Schwierigkeit mangels fester Anhaltspunkte bereitet das Urteil über Inhalt und Zielsetzung der Schrift Περὶ σωμάτων καὶ ἀσωμάτων. Im Herm. LVII 501 habe ich darauf hingewiesen, daß der dem T. in Schule, Zeit und Gegnerschaft gegen Aristoteles nahestehende Nikostratos nach Simpl. in Categ. 73, 15ff. 76, 13ff. in der aristotelischen Kategorienlehre die Berücksichtigung des Unterschiedes der νοητά (ἀσώματα) und der αἰσθητά (σώματα) vermißte, und ich habe dazu (ebd. 511) auch den Titel der taurischen Schrift Περὶ σωμάτων καὶ ἀσωμάτων in Beziehung gesetzt. Möglich, daß in dem Werke tatsächlich auch dieser Einwand [62] erhoben wurde. Näher scheint mir jetzt anderes zu liegen, für das zugleich eine Anknüpfung an Probleme des Timaioskommentars in Betracht kommt. Gell. V 15, 1ff. spricht über die Verschiedenheit der Philosophenmeinungen betreffs der Frage Corpusne sit vox an ἀσώματον, eines alten, auch in der Doxographie des Aetios IV 20, 1f. p. 409 D. behandelten Problems. Dabei kommt auch die Differenz zwischen Platon (Tim. 67 b: φωνή = ἡ ... ὑπ’ ἀέρος ...μέχρι ψυχῆς πληγὴ διαδιδομένη, also ein ἀσώματον) und den Stoikern (Stoic. vet. frg. I nr. 74 φωνή ἐστιν ἀὴρ πεπληγμένος. II nr. 138. 139, sie ist also σώμα, vgl. II nr. 140) zur Sprache. Schon Hosius praefat. XXXV setzte hier nach dem Vorgange Früherer T. Περὶ σωμάτων καὶ ἀσωμάτων als Quelle an. Auch hier leistet uns wieder Attikos Beihilfe. Er teilt mit T. die Verwerfung des Äthers als fünften Elementes (Attikos bei Euseb. praep. ev. XV 7, 1ff., T. bei Philop. p. 520, 20ff. R). Seine Opposition richtet sich im wesentlichen dagegen, daß nach Aristoteles der Äther von den allen Körpern inhärierenden Qualitäten (ἢ θερμὸν ἢ ψυχρὸν, ἢ ὑργὸν ἢ ξηρόν usw.) frei sein soll. Er ist danach μονονουχὶ σῶμα οὐ σῶμα (§ 2). Aristoteles, meint Attikos, hat sich durch Kombination der platonischen οὐσία νοητὴ καθ’ αὑτὴν ἀσώματος und der himmlischen θεῖα ... καὶ ἀπαθῆ σώματα ein σῶμα ἀπαθές als Element zurechtgezimmert, während tatsächlich ein solches nicht existieren kann, denn das σῶμα in diesem Sinne ist immer mit der παθητὴ ὕλη verbunden und zu einem συμπαθεῖν mit ihr gezwungen (ebd. § 6f.). Auch Attikos’ Polemik gegen die aristotelische Psychologie berührt einen hierher gehörigen Punkt: Die Seele ist nach Aristoteles οὔτε πνεῦμα οὔτε πῦρ οὔτε ὅλως σῶμα, ἀλλ’ οὐδὲ ἀσώματον, während doch das buleutische Verhalten der Seele zeigt, daß sie dem σῶμα als ein ἕτερον (also ἀσώματον) gegenüberstehen muß (Euseb. praep. ev. XV 9, 8. 11). Es ist klar, daß solche Erwägungen auch den dem Attikos geistesverwandten T. beschäftigen und zur Scheidung von σώματα und ἀσώματα in einer besonderen Schrift bestimmen konnten.

In seinen philosophischen Anschauungen steht T. im wesentlichen auf dem Boden der platonischen Orthodoxie im Gegensatze zu dem Eklektizismus der Gaiosschule, obwohl Annäherungen an andere Schulen nicht fehlen. Von seinem Verhältnis zum Peripatos war schon die Rede. In seiner Stellung zur Stoa kreuzen sich Widerspruch und Konsens ähnlich wie bei dem von ihm verehrten Plutarch. Bei Gell. XII 5, 5 bekennt er, mit dieser Schule als solcher — nicht ihren einzelnen Vertretern, die Einschränkung wohl mit Rücksicht auf den Gell. XII 5, 1 Genannten und vielleicht auch andere befreundete Stoiker — nicht auf bestem Fuße zu stehen: est enim pleraque et sibi et nobis incongruens (vgl. die oben erwähnte Schrift des T. über den Gegenstand und die plutarchischen Streitschriften gegen die Stoiker, namentlich Περὶ Στωικῶν ἐναντιωμάτων). Dabei erklärt er aber ebd. § 6ff., zwar unter ausdrücklicher Voraussetzung des stoischen Standpunktes, aber doch mit sichtlicher eigener Zustimmung, das Seufzen eines schmerzgeplagten [63] Stoikers ganz im Sinne eines gemilderten Stoizismus, auch unter Anwendung stoischer Termini wie πρῶτα κατὰ φύσιν (Stoic. vet. frg. III nr. 142 u. ö.), προηγμένα und ἀποπροηγμένα (ebd. I nr. 192 u. ö.) und der Definition der Tapferkeit als scientia rerum tolerandarum et non tolerandarum (Gell. a. O. § 13; vgl. Stoic. vet. frg. III nr. 262. 263; dem Platoniker empfohlen auch durch die Anlehnung an Plat. Lach. 194 e, Protag. 360 d). Er beruft sich auf die Verwerfung von ἀναλγησία und ἀπάθεια durch Panaitios, übereinstimmend mit seinem eigenen platonischen Bekenntnis zur Metriopathie (Gell. I 26, 10f.). Beachtung verdient auch die Zurückweisung epikurischer Lehre mit einem von T. oft wiederholten Satze eines Stoikers seiner Zeit (Gell. IX 5, 8). Daß sich die Hochschätzung des Pythagoras und seiner Pädagogik (Gell. I 9, 1ff. 8) mit T.s platonischer Orthodoxie aufs beste verträgt, bedarf keines Wortes.

Über T.s Stellung zur eigenen Schule geben uns seine wörtlichen Fragmente bei Philoponos für einen Punkt eine überaus wichtige Auskunft: er gehört zu den Platonikern, die die Weltschöpfung des Timaios nicht buchstäblich im Sinne einer in der Zeit und einmalig vollzogenen Weltbildung verstehen, und das gewiß mit Recht. Des näheren huldigt er der schon von Speusippos, Xenokrates und Krantor vertretenen, zweifelnd auch im Peripatos von Theophrast zugelassenen Ansicht, daß der Schöpfungsakt von Platon διδασκαλίας oder σαφηνείας ἕνεκα eingeführt sei (Speus. frg. 54 b Lang. Xen. frg. 54 Heinze. Doxogr. 485, 18f. 20f. D. [vgl. Philop. aet. mundi p. 186, 16]. T. bei Philop. p. 187, 1. 5. 188, 6. 224, 1), d. h. Platon will die ursächlichen Zusammenhänge innerhalb der ewig bestehenden Welt durch die Fiktion eines zeitlich erfolgenden Weltschöpfungsaktes veranschaulichen und so dem Verständnis näher bringen. Neben diesem Verdeutlichungszweck steht noch als zweites Ziel die Einschärfung des Vorsehungsglaubens und damit die Förderung der Frömmigkeit (T. bei Philop. aet. mundi p. 145, 13ff. 187, 1ff.). Die Fiktion soll aber nur um der schwer Begreifenden willen vorhanden, für den Verstehenden dagegen soll leise angedeutet sein, ὅτι ἀγένητος ὁ κόσμος κατὰ χρόνον (ebd. 187, 11ff.).[1] Zur nächsten Stütze für diese Behauptung dient eine willkürliche, der ganzen Darstellung des Dialogs widersprechende Textesänderung, indem T. Tim. 27 c für (bzw. εἰ oder ἢ) γένονεν ἢ καὶ ἀγενές ἐστιν schreibt ᾗ γένονεν εἰ καὶ ἀγενές ἐστιν (ebd. 186, 21ff.). Schon vorher (ebd. 146, 2ff.) hilft er sich mit der Ansetzung mehrfacher Bedeutungen des Wortes γενητός neben der gemeinhin angenommenen, von ihm aber für den Timaios verworfenen des zeitlich Gewordenen. Die Annahme der ersten, ebd. 146, 8ff., ist in der von T. gewählten Formulierung: [64] λέγεται τοίνυν τὸ γενητὸν καὶ τὸ μὴ γενόμενον μέν, ἐν δὲ τῷ αὐτῷ ὂν γένει τοῖς γενητοῖς, so ungeschickt, daß die derbe Zurückweisung durch Philop. aet. mundi p. 149, 27ff. wohlverdient ist. Zugrunde liegt, auch von Philoponos nicht erkannt, ein auf der Doppelbedeutung des Verbaladjektivs (Möglichkeit und Tatsächlichkeit) beruhender Paralogismus der Äquivokation. Das Genus des nicht tatsächlich werdenden (δυνάμει) γενητόν deckt sich logisch nicht mit dem des tatsächlich gewordenen (ἐνεργείᾳ) γενητόν. Die von T. behauptete Genusgemeinschaft ist also nicht vorhanden, und es bleibt für seinen Zweck nur der Hinweis auf die Möglichkeit einer potentiellen Deutung des γενητόν (erinnernd an die hypothetische bei Philo aet. mundi § 14 p. 77, 8 C.-R.), die in Wirklichkeit natürlich durch den ganzen Gang des Dialoges ausgeschlossen ist. Eine Untersuchung der weiteren von T. angesetzten Bedeutungen des γενητόν, die schließlich wieder in das von der Gottheit zeitlos Verursachte ausmünden, würde zu weit führen. Bemerkt sei nur, daß die dritte (a. O. 146, 20ff. λέγεται γενητὸς ὁ κόσμος καθὸ ἀεὶ ἐν τῷ γίνεσθαί ἐστιν ὡς ὁ Πρωτεὺς μεταβάλλων εἰς παντοδαπάς μορφάς, dazu 147, 22ff. über Plat. Tim. 28 b σῶμα ἔχων) auf eine Quellenverwandtschaft mit Philo aet. mundi § 14 p. 77, 9. § 108ff. p. 106 C.-R. Ocell. Luc. p. 14, 10ff. 15, 13f. 18, 6ff. H. (vgl. Harder p. 82ff.) schließen läßt. S. auch Alb. Isag. 14 p. 169, 28f. H.

Man fragt sich: Wie kam T. zu diesem eigenartigen Wechselbalg einer die Weltschöpfung zugleich behauptenden und bestreitenden Timaiosinterpretation, deren Zwiespältigkeit schon Philop. aet. mundi p. 189, 22ff. rügt? Eine Andeutung liefert Attikos, in der Weltewigkeitsfrage ein entschiedener Gegenfüßler des T., auf den er ohne Namensnennung bei Euseb. praep. ev. XV 6, 3ff. vielleicht anspielt. Die Bekämpfung des ἐπὶ τοῦ σαφοῦς χρείᾳ τὴν γένεσιν παρεδέξατο im Munde platonischer Schulgenossen könnte an sich gegen Ältere, wie Speusippos, Xenokrates und Krantor gerichtet sein. Aber wenn er diese die Weltewigkeit behauptenden Gegner als Freunde zart anfassen will (ebd. § 6) — was sonst nicht seine Art ist — so wird man dabei doch wohl am ehesten an Zeitgenossen denken, auch wenn man, wie billig, auf das Präsens in πρὸς τοὺς ἔνδον (innerhalb der eigenen Schule,vgl. § 3) ἡμῖν ὑποφθεγγομένους kein Gewicht legt. Dazu stimmt, daß a. O. § 8ff. in der Ausführung über das Verhältnis von Vergänglichkeit und Unvergänglichkeit zu Naturnotwendigkeit und göttlichem Willen die Worte ... οὔτε γὰρ μίαν αἱτίαν τῷ ἀφθάρτῳ τὴν ἐκ τοῦ ἀγεννήτου συγχωρητέον (sondern auch, wie das Folgende ergibt, die θεοῦ βούλησις) mit ihrer Polemik auch den Satz des T. trifft (a. O. 189, 6ff.): καθὸ μὲν οὖν γενητὸν αὐτὸν (τὸν κόσμον) ὑποτίθεται, ἄφθαρτος ἔσται διὰ τὸν θεόν, καθὸ δὲ ἀγένητον οἶδεν, ἄφθαρτος ἔσται διὰ τὴν αὑτοῦ φύσιν, ὡς καὶ τἄλλα πάντα ἀγένητα ἄφθαρτά ἐστιν. Attikos erklärt nun die Ansicht solcher Häretiker daraus, daß sie sich der Autorität des Aristoteles beugten und sich scheuten, die nach dessen Widerspruch für falsch gehaltene Schöpfungslehre dem Platon zuzuschreiben (Euseb. [65] praep. ev. XV 6, 6; vgl. § 10). An der Richtigkeit dieser Erklärung ist nicht zu zweifeln. Die Geltung des Aristoteles in der Weltewigkeitsfrage ist seit Speusippos und dessen nächsten Meinungsgenossen auch außerhalb des Peripatos in starkem Wachstum. Boethos und Panaitios, vielleicht auch schon Zenon von Tarsos und Diogenes von Seleukeia schwenken in dieser Frage von der Stoa zum Stagiriten ab, im gleichen 2. Jhdt. v. Chr. darf Okellos das peripatetische Dogma für pythagoreisch ausgeben und andere Neupythagoreer tun das Gleiche (Zeller III 2⁴, 147f. Harder Ocellus Lucanus 150ff.). Sicherlich mußte im folgenden Jahrhundert die Tätigkeit des Andronikos dem jetzt leichter zugänglichen Aristoteles erneutes Gewicht verschaffen. Der Jude Philon gibt in seiner Jugendschrift Περὶ ἀφθαρσ. κόσμου ungeachtet des mosaischen Schöpfungsberichtes nach peripatetischer Quelle ein wohlwollendes Referat über die Argumente zugunsten der Weltewigkeit und im mittleren Platonismus erklären sich Eudoros (Plut. an. procr. 3) zurückhaltend, Albinos (Isag. 14 p. 169, 26ff. II), Celsus (Orig. c. Cels. 1, 19 p. 70, 22ff. K. 4, 79 p. 349, 11ff. K.) und Severus (Procl. in Tim. I 289, 7ff. II 95, 29ff. D.) bestimmt für die These, Albinos freilich so, daß er zunächst (Isag. 12 p. 167, 5ff. H.) nach Antiochos bzw. Areios Didymos (vgl. Doxogr. 447 D. Strache De Arii Didymi in morali philos. auctoribus, Diss. Berol. 1909, 88. 991.) in kurzen Zügen und ohne Umdeutung den Schöpfungsbericht des Timaios wiedergibt, um dann (a. O. c. 14 p. 169, 26ff.) nachträglich zu erklären, daß es nie eine weltlose Zeit gegeben habe, während Severus die Welt schlechthin als ewig, ihren jetzigen Bestand aber als geworden ansieht. Die Entwicklung mündet in den Neuplatonismus, der, empfänglich für Allegorisierung und Mythisierung, sich einmütig zur Auffassung des Timaios im Sinne der Weltewigkeit bekennt. In dieser Linie liegt auch T. mit der einen, die Schöpfung ablehnenden Seite seiner Lehre, und es ist bezeichnend, wie er bei Philop. 145, 2f. 147, 25ff. 148, 7ff. als Vorläufer des Porphyrios und des Proklos erscheint. Aber mit dieser Linie kreuzt sich eine andere. Trotz aller Herüberwirkung des Peripatos besinnt sich die Akademie des 2. Jhdts. in verstärktem Maße auch auf ihr ureigenstes Lehrgut. Die aller Wahrscheinlichkeit nach von T. in seiner Schrift Περὶ τῆς τῶν δογμάτων διαφορᾶς Πλάτωνος καὶ Ἀριστοτέλους geteilte Opposition des Attikos gegen den aristotelischen Deismus wurde schon oben erwähnt. Die Sorge der Gottheit für die Welt tritt am schärfsten bei der Vorstellung eines gottverursachten Weltwerdens in Erscheinung, und so hielt nicht nur Attikos bei Euseb. praep. ev. XV 6, 2 ausdrücklich um des Pronoiadogmas willen an einer Weltschöpfung fest, sondern auch eine im übrigen nicht radikal gegen peripatetische Einmischung gerichtete tiefreligiöse Natur wie Plutarch, der die göttliche Vorsehung über alles gilt (vgl. Zeller III 2⁴, 195), mag von der platonischen Genesis im Wortverstande nicht lassen. Seine Ausführungen lagen vielleicht auch dem T. vor, und es ist nicht uninteressant, wie dieser bei Philop. aet. mundi p. 189, 1ff., wo [66] er aus dem Standpunkte der Weltewigkeit argumentiert, die Stellen Plat. Critias 106 a und Politic. 273 b c, bei Plut. an. procr. 10 neben dem Timaios Stützen der Schöpfungstheorie, in sichtlicher Verlegenheit mit kurzer Handbewegung beiseite schiebt. Auch der trockene Verfasser von Ps.-Plut. Περὶ εἱμαρμένης rechnet in c. 9 augenscheinlich mit einer wörtlich gemeinten Demiurgie als Ergebnis göttlicher πρόνοια. So ist es auch dem T., dem Manne, der nach Gell. IX 5, 8 das Wort im Munde führte: Ἡδονὴ τέλος πόρνης δόγμα • οὐκ ἔστι πρόνοια οὐδὲ πόρνης δόγμα voller Ernst mit der Absicht, durch Freigabe einer nichtmythischen Auffassung der platonischen Schöpfungsdarstellung dem frommen Glauben an die göttliche Fürsorge zu dienen. Er steht so mit seiner Doppelstellung zu dem Timaiosproblem auf dem Schnittpunkte zweier Linien, die erst durch die weitgehende Versöhnung von Platon und Aristoteles in der Richtung des Ammonios Sakkas (vgl. Hierokles bei Phot. cod. 251 p. 461 a 31ff.) sich einander zukehren und vereinigen. Eine Kompromißlösung, wie wir sie bei Severus fanden, ist ihm nicht gelungen. Aber gerade durch die schlecht vermittelte Zwiespältigkeit seiner Timaiosdeutung ist er ein gewichtiger Zeuge für die in der Akademie des 2. Jhts. n. Chr. herrschenden Strömungen hinsichtlich des Weltproblems, zugleich aber auch Zeuge einer verschärften Kampfesmethode, die nicht zufrieden mit allgemeineren Erwägungen auch durch Differenzierung im Begriffe des γενητόν und eine freilich verunglückte Texteskritik ihr Ziel zu erreichen sucht.

Eine wichtige Einzelheit aus dem ersten Buche des taurischen Timaioskommentars findet sich in wörtlicher Wiedergabe des Textes bei Philop. aet. mundi p. 520, 8ff. Sie betrifft eine altherkömmliche Parallelisierungstendenz, kraft deren die einzelnen Elemente zu den einzelnen Sinnesorganen und ihren Wahrnehmungen in ursächliche Beziehung gesetzt werden. Anknüpfungspunkte bot Platon außer dem von T. behandelten Lemma (Tim. 31 b) auch Tim. 65 c ff. Schärfer faßt das Problem Arist. de sensu 2, 438 b 18ff. Auch hier handelt es sich um die vier empedokleischen Elemente, so daß es notwendig wird, unter den fünf Sinnen zwei einem Elemente entsprechen zu lassen (438 b 30: das γευστικόν ist eine Art der ἁφή; so korrespondieren beide der γῆ). Eine glattere Parallelsetzung ermöglichte die Fünfelemententheorie, die Theophrast in diesem Zusammenhange verwertet zu haben scheint (Philop. aet. mundi p. 520, 18; vgl. Procl. in Tim. II 6, 22ff.). Aber von dem Äther als fünftem Elemente will T. nichts wissen. So galt es wieder, die fünf Sinne unter den vier Elementen unterzubringen. Das geschieht in folgenden Parallelen: γῆ ∼ ἁφή (520, 10ff. 521, 6ff.). Bemerkenswert ist dabei die Rolle der ἀτμίς. Sie ist kein Element, sondern ein Übergangsstadium zwischen ὕδωρ und ἀήρ, gestattet also, ohne Erhöhung der Zahl der Elemente der Geruchswahrnehmung Stoffliches entsprechen zu lassen. Ihr Wesen ergab sich aus Arist. meteor. A 9, 346 b 24ff., ihre Beziehung zu den ὀσμαί kommt in Frage Problem. I B 10, 907 a [67] 29, nachdem schon Plat. Tim. 66 d. e. unter Anwendung anderer Termini (καπνὸς ἢ ὁμίχλη, vgl. Tim. 49 c) für die Entsprechungsstoffe die Mittelstellung der ὀσμαί (μεταβάλλοντος γὰρ ὔδατος εἰς ἀέρα ἀέρος τε εἰς ὕδωρ ἐν τῷ μεταξὺ τούτων γενόνασιν ... λεπτότεραι μὲν ὔδατος, παχύτεραι δὲ ὀσμαὶ ξύμπασαι γενόνασιν ἀέρος) gekennzeichnet hatte (danach Theophr. de sens. 85 bei Diels Dox. 525, 12ff.).

Die obige Parallelentafel ist nun in der Einzelpaarung der elementarischen Stoffe und der Sinnenfunktionen nicht nur von der bei Aristot. de sensu 2, 438 b 19ff. vorliegenden, sondern auch von der bei Aet. IV 9, 10 (Diels Dox. 397, 26ff.) dem Pythagoras und Platon zugeschriebenen stark verschieden, stimmt aber, abgesehen von sachlich unwesentlichen Differenzen der Terminologie genau überein mit Galen. de instrum. odor. 2 vol. II 862 K., de usu part. 9, 6 vol. III 639 K. abgedruckt Stoic. vet. fragm. II nr. 859. 860 Arn.), de plac. Hipp. et Plat. p. 625 M. und mit Nemes. c. 6 p. 174f. (dazu W. Jaeger Nem. v. Emesa 13ff.). Die Herleitung der Theorie des T. aus Galen (geb. 129 n. Chr.) stößt auf chronologische Schwierigkeiten. Man wird auf einen älteren Timaioskommentar zurückzugreifen haben, und hier taucht am Horizonte der des Poseidonios auf, an dessen Existenz ich mit W. Jaeger Nemes. 93 u. ö. gegen K. Reinhardt Poseid. 17. 416, Kosmos u. Sympathie 397 festhalte. Eben der, soviel ich sehe, in diesem Zusammenhange noch nicht herangezogene T. zeugt zu seinen Gunsten. Eine Lehre, die durch Jaegers Analyse unzweifelhaft in den Gedankenkreis des Poseidonios gerückt ist (übereinstimmend Reinhardt Kosm. u. Symp. 191), bietet er im Zusammenhange eines regelrechten Timaioskommentars, wobei niemand ohne zwingende Gegengründe von der bei weitem nächstliegenden Annahme abgehen wird, daß er — oder eine Zwischenquelle — diesen Zusammenhang bereits vorgefunden und nicht erst durch Herübernahme der Lehre aus anderer poseidonischer Literatur in seinem Kommentar erst hergestellt hat.

Aus T.s Gorgiaskommentar lernen wir durch Gell. VII 14, 1ff. eine interessante Straftheorie kennen, die allerdings nach ebd. 5 nicht ihm allein gehörte. Während Plat. Gorg. 525 b nur zwei Strafziele, Besserung und Abschreckung, anerkennt, setzen T. und andere deren drei an, nämlich: 1. die Besserung durch κόλασις oder νουθεσία, 2. die τιμωρία, cum dignitas auctoritasque eius, in quem est peccatum, tuenda est, 3. das παράδειγμα zur Abschreckung. Von den drei Strafarten ist die τιμωρία durch Zergliederung des für Strafe im allgemeinen üblichen Wortes (zur Etymologie vgl. Prellwitz Etym. Wörterb. d. griech. Sprache unter τιμωρός) gewonnen. Daß auf ihre Einfügung in das Strafsystem Aristoteles eingewirkt hat, liegt nahe nach dessen Rhet. A 10, 1369 b 12ff. διαφέρει δὲ τιμωρία καὶ κόλασις : ἡ μὲν γὰρ κόλασις τοῦ πάσχοντος ἕνεκά ἐστιν, ἡ δὲ τιμωρία τοῦ ποιοῦντος, ἵνα ἀποπληρωθῇ womit die τιμωρία zugleich dem Sühnungs- und Vergeltungsprinzip moderner Straftheorien nahegerückt wird. Dabei führt freilich für T. und seine Genossen die Etymologisierung von τιμωρία [68] τιμή – ὁρᾶν, τιμωρός ,Ehre wahrend‘ Prellwitz) dazu, daß der Gesichtspunkt der Prävention gegen weitere Schädigung des Gekränkten in den Vordergrund trat (Gell. VII 14, 3 im Anschluß an das oben Ausgeschriebene: ne praetermissa animadversio contemptum eius (scil. in quem est peccatum] pariat et honorem levet; idcircoque id ei vocabulum a conservatione honoris factum putant).

Als Kommentator genoß T. allem Anschein nach erhebliches Ansehen auch bei solchen, die seinen Standpunkt nicht teilten. Ein bei Fabricius–Harles Bibl. Graeca III 158 aus einem Coislinianus abgedrucktes Scholion rechnet ihn mit den größtenteils allbekannten Exegeten Gaios, Albinos, Priskianos, Proklos, Damaskios und Ioannes Philoponos zu den χρησιμώτεροι unter der Menge der Platonerklärer. Schon vor Philoponos de aet. mundi wurde T. von Alexander von Aphrodisias in Fragmenten, die Philoponos de aet. mundi mitteilt, polemisch berücksichtigt, ohne Namennennung — er verbirgt sich unter den τινὲς τῶν Πλατωνικῶν 213, 23 —, aber die Beziehung wird deutlich aus der Vergleichung folgender Stellen, an denen Alexander sich gegen jene τινὲς wendet: 213, 23ff. Alexander gegen die Deutung des γενητόν auf ein ἐν γενέσει τὸ εἶναι ἔχον bei T. 147, 24; vgl. 146, 21, | 214, 10ff. (vgl. auch Philop. 191, 19f.) gegen T.s Textesänderung bei Plat. Tim. 27 c ᾗ γένονεν εἰ καὶ ἀγενές ἐστιν Philop. 186, 21f. | 216, 13ff. Alexander gegen die Begründung der Schöpfungsdarstellung mit einem σαφηνείας bzw. διδασκαλίας χάριν T. 187, 1. 5. 188, 6. | 216, 19ff. nimmt Alexander Bezug auf das von T. 188, 7ff. gewählte Beispiel von der Zeichnung des werdenden Staates bei Plat. resp. 369 bff. Auch daß Philoponos 145, 3 ihn mit Größen wie Porphyrios und Proklos zusammenstellt und ihm — unmittelbar oder, wie Krause Studia Neoplat., Diss Lips. 1904, 49f. vermutet, durch Vermittlung des Porphyrios — seitenlange Auszüge entnimmt, spricht für seine Geltung, und das erst recht, wenn man annimmt, daß sich andere ausführliche Timaiosdeutungen gleicher Tendenz aus vorneuplatonischer Zeit bis zu Philoponos nicht erhalten hatten. Weit intensiver mag die Gegenwartswirkung gewesen sein, die T. als Mensch und Lehrer ausübte. Anscheinend schon bei Lebzeiten erstand ihm für seine kommentierende Tätigkeit ein Nachwuchs (Stob. ecl. I 378, 25ff.), und nach der erzieherischen Seite mußte seine Veranlagung im wesentlichen von förderlichen Einfluß sein. Bei aller lenitas im Verkehr (Gell. XVIII 10, 5) ein sittlich strenger Charakter mit einer durch die Zeitverhältnisse gerechtfertigten Neigung zur laudatio temporis acti (ebd. I 9, 8. VII 10, 5), gelegentlich etwas schulmeisternd im Tone (ebd. XVIII 10, 7), aber empfänglich für gelehrte Diskussionen verschiedenster Art (ebd. II 2, 9ff. XVII 8, 8ff. u. ö.) und eifrigst pädagogischen Zielen zustrebend, erscheint dieser vir memoria nostra in disciplina Platonica cetebratus (ebd. VII 10, 1) bei Gellius persönlich weit entfernt von der Verblaßtheit einer Schulgeneration, für die Diels (Berl. Klassikertexte II p. XXV) das Wort ‚Mondscheinakademie‘ geprägt hat.

  1. Daß T. bei Philop. aet. mundi p. 520, 8ff., wo nicht die Gesamtauffassung des Timaios, sondern Einzelinterpretation in Frage kommt, sich selbst dem platonischen Wortlaute anschließt und ohne Vorbehalt davon spricht, daß ὁ δημιουργὸς ἤρχετο τῆς συστάσεως τοῦ κόσμου κτλ., ist natürlich ohne alle Bedeutung.