Vergilbte Blätter

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Textdaten
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Autor: Carl von Wehrs
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Titel: Vergilbte Blätter
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aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 594-595
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[594]
Vergilbte Blätter.
Von Carl von Wehrs.

Es ist immer ein eigenthümlich, gleichsam wie zur Andacht stimmendes Gefühl für mich gewesen, wenn ich durch das Lesen alter Briefschaften oder Papiere, die die Schriftzüge der längst dahingeschiedenen Theueren trugen, in die Vergangenheit mich versetzt denken konnte; und stets habe ich nur mit einer gewissen ehrfurchtsvollen Scheu dieselben in die Hand nehmen können, einer Scheu, etwa ähnlich der, die uns beschleicht, wenn wir ein Gotteshaus betreten. – Denn tritt nicht in solchen Hinterlassenschaften der Geist der Verstorbenen näher zu uns heran? Ist’s dann nicht oft, als wenn der Odem der Verklärten unsere heiße Stirne kühlte? und fühlen wir’s nicht bisweilen dann wie den Druck ihrer Hand, die sich auf unser schneller und aufgeregt schlagendes Herz beruhigend zu legen scheint? – – Wenigstens geht’s mir wohl so und auch noch kürzlich passirte mir’s, als ich in einigen der vielen von meinem Großvater nachgelassenen Papiere blätterte.

Mein Großvater hatte im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts in Göttingen studirt und dort dem Kreise jener jungen Männer angehört, deren Wirken und Streben hauptsächlich dahin zielte, unserer deutschen Literatur eine nationale Selbstständigkeit, unserer Muttersprache aber mehr Reinheit und Reichthum zu verschaffen. Dieses Ziel in der Hauptsache durch eigene Schöpfungen zu erreichen suchend, verwarfen sie deshalb nicht die Erzeugnisse des Alterthums und die neueren Muster des Auslandes, unter welchen letztern sie vorzüglich den Engländern ihre Anerkennung zollten. Ihre schöne Vereinigung, die sich unter dem Namen des Göttinger Dichtervereins oder des Hainbundes einen anerkannten Ruf und wirkende Bedeutung in unserer deutschen Literatur erworben hat, wurde im Jahre 1772 gestiftet; Klopstock war ihr Panier, der, gegen die sogenannte französisch-schlesische Schule auftretend, denselben Kampf kämpfte, dem ihre jungen, begeisterten Herzen entgegenschlugen!

– – – Also ich blätterte – ich darf mich wohl so ausdrücken – ich blätterte andächtig in den alten Papieren und, indem ich auch nach einem Album griff, stieß ich auf gar manchen Gedenkspruch, der als Unterschrift den Namen eines Dichtern jener Epoche trug, – und gerade das gab die Veranlassung zur Niederschreibung und Veröffentlichung dieser Zeilen. – So fand ich gleich auf einer der ersten Seiten folgende mit kräftiger Hand geschriebenen Worte:

     „Sich nicht rächen, auch da nicht, wo Rache Gerechtigkeit wäre,
     Das ist edel! Erhaben ist’s den Beleidiger lieben!
     Ihn mit geheimem Wohlthun im Elend erquicken, ist himmlisch!
 Klopstock.
Hiermit, mein liebster Wehrs, empfiehlt sich Ihrem freundschaftlichen
Herzen G. A. Bürger, Göttingen, den 26. Sept. 1777.“

Das sind nun 80. Jahre, die seit dem Schreiben der Zeilen verflossen; über 60. Jahre, seitdem Gottfried August Bürger ausgekämpft und ausgelitten hat all’ das bittere Herzeleid und Weh’, an dem sein Leben so überreich war! Doch sein Name wird durch seine Gedichte fortleben im Munde des deutschen Volkes, dessen Eigenthum sie schon zu Lebzeiten des Dichters geworden; hätte Bürger nur seine „Lenore“ gedichtet, sie würde hingereicht haben, ihm die Unsterblichkeit zu sichern! – Wer aber, wenn er unseres Dichters gedenkt, wird nicht unwillkürlich erinnert an seine unglückselige, romanhaft klingende dritte Ehe mit jenem schwäbischen Mädchen aus Stuttgart – Elise Hahn – die ihm in einem Gedichte Herz und Hand angetragen hatte? – Eine Ehe, voll des grenzenlosesten Leides für Bürger, die nach sechzehnmonatlicher Pein wieder getrennt werden mußte.

Vielleicht ist nur wenigen Lesern das betreffende Gedicht bekannt geworden, und da ich dasselbe gerade unter einem Pack Briefe, die an meinen Großvater gerichtet waren, gefunden habe, glaube ich, dasselbe hier folgen lassen zu dürfen. – Der Brief ist im Jahre 1792 von dem nachmals so berühmt gewordenen Astronomen Harling[WS 1] geschrieben, dem Entdecker der Planeten Ceres, Pallas und Juno, der, sich anfänglich in Göttingen der Theologie widmend, später im näheren Umgange mit Lichtenberg seinen alten Hang zu den Naturwissenschaften und der Astronomie neu erwachen fühlend, sich diesen Fächern wieder zuwandte und als Professor dieser Wissenschaften den 31. August 1834 zu Göttingen starb – und lautet derselbe seinem ganzen auf diese Sache Bezug habenden Inhalte nach:

„– – Wir sprachen auch kürzlich von dem gekrönten Dichter Bürger; Sie hatten das Lied seines Schwabenmädchens an ihn nicht gelesen; hier ist es:

O Bürger! Bürger! edler Mann,
Der Lieder singt, wie Niemand kann
Vom Rhein an bis zum Belt.
Vergebens berg’ ich das Gefühl,
Das mir bei Deinem Harfenspiel
Den Busen schwellt!

Mein Auge sah von Dir sonst Nichts,
Als nur die Abschrift des Gesichts;
Und dennoch lieb’ ich Dich. –
Und Deine Seele fromm und gut
Und Deiner Lieder Kraft und Muth
Entzücken mich!

So füllt’ im ganzen Musenhain
Von allen Sängern groß und klein
Noch keiner mir die Brust!
Sie wogt empor wie Fluth der See,
Es kämpfen stürmend Leid und Weh
Und Weh und Lust!

An Wonne, wie an Thränen reich,
Rief ich, wie oft – o! herzen gleich
Und küssen möcht’ ich Dich!
So wechselte, wie Dein Gesang,
In mir der Hochgefühle Drang,
Dem Alles wich.

O Bürger! Bürger! süßer Mann,
Der Ohr und Herz bezaubern kann
Mit Schmeichelwort und Sinn;
Mein Loblied ehrt Dich freilich nicht,
Doch höre, was mein Herz Dir spricht
Und wer ich bin.

In Schwaben blüht am Neckarstrand
Ein schönes, segensreiches Land,
Das mich an’s Licht gebar;
Ein Land worin seit grauer Zeit
Die alte deutsche Redlichkeit
Zu hause war.

Da wuchs ich wohlbehalten auf
Und meines reinen Lebens Lauf
Maß zwanzigmal das Jahr.
Zu Grabe sank mein Vater früh;
Kaum ließ mir noch der Himmel die,
Die mich gebar.

Schon wankend an des Grabes Rand,
Ergriff sie des Erbarmers Hand
Und gab sie mir zurück.
Sie bildete mit weiser Müh’,
Was Gutes mir Natur verlieh,
Zu meinem Glück.

Bei heiterm Geist, bei frohem Muth
Ward mit ein Herz, das fromm und gut –
Von Gott zu sein bescheert.

[595]

Nur edler Liebe huldigt’s frei
Und was es liebt, däs liebt es treu,
Und hält es werth!

Mein Leib – er zeigt vielleicht dem Blick
Kein Stümper- und kein Meisterstück
Der bildenden Natur. –
Ich bin nicht arm, ich bin nicht reich,
Mein Stand hält meinen Gütern gleich
Die Mittelspur.

Die bin ich, die – und liebe Dich –
Im schönen St – find’st Du mich,
Du trauter Wittwersmann.
Umschlänge wohl nach langem Harm
Ein liebevolles Weib Dein Arm?
So komm heran.

Denn träten tausend Freier her
Und hätten Säcke Geldes schwer,
Und Du begehrtest mein; –
Dir weigert’ ich nicht Herz und Hand,
Selbst um mein liebes Vaterland
Tauscht’ ich Dich ein.

Steht Schwaben-Lieb’ und Treu Dir an,
So komm, Geliebter, komm heran!
Und wirb, o wirb um mich.
Nimm oder nimm mich nicht, so ist
Und bleibt mein Lied zu jeder Frist:
Dich lieb’ ich – Dich –!

Der arme Bürger ließ sich durch punica fides verleiten, und was aus ihm ward, zeigt sein hörnerschweres Dichterhaupt“ etc.

In der That, welcher Unterschied ist zwischen diesem Schwabenmädchen des vorigen Jahrhunderts und den Schönen unserer Gegenwart, die sich – ihr verschmähtes, korbreiches liebes „Ich“ – in Zeitungsannoncen auf den Markt bringen und ausbieten?

Wir schlagen in unserm Album wenige Blätter um, und finden folgende Zeilen mit blasser Tinte niedergeschrieben, und so zwar, daß die Buchstaben steil, fast von der Rechten zur Linken übergebogen, auf dem Papiere stehen:

 „Ehr’, Ueberfluß und Pracht ist Tand,
 Ein ruhig Herz ist unser Theil! – Kleist.
Zum Denkmal der Freundschaft von C. C. H. Hölty aus dem Hannöverschen,
J. G. G. L. – Göttingen den 8. Februar 1772.“

Wie charakteristisch sind diese Zeilen des Sängers von „Ueb’ immer Treu’ und Redlichkeit!“ Seine Anspruchslosigkeit, welche auch aus allen seinen schönen Gedichten, die voller Innigkeit und Wahrheit des Gefühls, uns anweht, ließ ihn nicht nach jenem „Tand“ streben; ihm war’s genug, durch Uebung von Treu’ und Redlichkeit und durch Wandlung der Wege Gottes, von denen er „keinen Finger breit“ abzuweichen empfahl, sich ein ruhig Herz zu erwerben. – Auch Hölty’s kurzer Lebensweg war voller Dornen; in materieller Beziehung litt er meist an den allernothwendigsten Bedürfnissen Mangel. So konnte er denn auch dem Keime der Krankheit, die er in sich trug, im Entstehen nicht kräftig genug entgegen wirken, und starb viel zu früh für uns – kaum 28 Jahre alt – zu Hannover, wo er sein „kühles Grab“ auf dem St. Nicolai-Kirchhofe gefunden hat. Wahrlich, auf unsern Hölty paßten die Worte der Schrift: „Du hast das bessere Theil erwählt, das soll nicht von Dir genommen werden!“

Weiterhin finden wir die Worte niedergeschrieben:

 „Sie ists nicht werth, so eine Welt wie diese,
 Daß man ihr eine Thräne weint!
Denke Deines Freundes J. M. Miller aus Ulm in Schwaben,
 Göttingen, den 1. October 1772.“

Kennzeichnen nicht auch diese wenigen Zeilen die überspannt empfindsame, weltschmerzliche Richtung, deren Schöpfer Miller in seinen später erschienenen Romanen ward? – Seine Klostergeschichte „Siegwart“ ist wohl das non plus ultra jener schwärmerischen, weinerlich weichlichen Empfindsamkeit. Sein schönes lyrisches Talent entfaltete sich übrigens in Göttingen, wo er dem Hainbunde angehörte, in reichem Maße, und viele seiner Lieder sind ja volksthümlich geworden. Zu Ulm 1750 geb., starb er daselbst als Decan und geistlicher Rath 1814.

Von größerem Interesse – gerade in diesem Augenblick – sind auf einem folgenden Blatte die Zeilen des Grafen Stolberg, nach seinem Uedertritte zur katholischen Religion niedergeschrieben: „Die Gründe meiner Ueberzeugung bedarf ich nicht darzulegen, das ist eine Sache zwischen Gott und mir.“ – Stolberg opferte durch die Kundwerdung dieser seiner Ueberzeugung nicht allein die wichtigsten äußern Vortheile, sondern auch die Freundschaft vieler seiner alten Freunde. – Stolberg wurde in dem holsteinischen Flecken Bramstedt geboren, stand auch später als Gesandter in Berlin in dänischen Diensten; war also ein Landsmann des kürzlich zur katholischen Religion übergetretenen Grafen Hahn, dem man – wenn ich nicht irre – vor Kurzem in einem Blatte nachsagte, er sei der Erste von der hohen Aristokratie Holsteins, der diesen Schritt thäte, was hiernach zu berichtigen sein würde.

Noch fällte uns auf einem Blatte ein mächtiges „G“ in die Augen, das, mit stumpfer, breiter Feder geschrieben, beinahe ein Drittel der ganzen Höhe des Blattes in Anspruch nimmt; es stammt vom „Vater Gleim“ und sein eben nicht sehr geistreicher Spruch lautet:

„Thue recht, scheue Niemand. – Gleim, zu Göttingen den 29. Juni 1771.“

Er war zu jener Zeit schon Domsecretair in Halberstadt und hatte der Musenstadt wohl nur einen Besuch abgestattet.

Viele Namen, die sich einen weit über die Grenzen Deutschlands reichenden, berühmten Klang erworben haben, treten uns auf den vergilbten Blättern noch entgegen. – Jene Männer, die durch ihr segensreiches Wirken als Lehrer der Georgia Augusta jenen unvergänglichen Glanz verliehen, der bis in die fernsten, dunkelsten Theile der Erde seine lichtvollen Strahlen senkte – ein Glanz, den auch die Stürme der dreißiger und vierziger Jahre doch nicht haben vernichten können – jene Männer verschmähten es nicht, dem damaligen Bruder Studio ein Blatt der Erinnerung zu weihen. – Da finden wir die Namen eines Schlözer, Heyne, Kästner etc.; auch Herder, der einmal eine Professur in Göttingen annehmen wollte, schreibt „vor der Abreise von Göttingen den 20. Febr. 1772“ die Worte Klopstock’s auf ein Gedenkblatt:

 „– Das edelste
     Verdienst ist Tugend. Meisterwerke
 Werden unsterblich; die Tugend selten!
Allein sie soll auch dieser Unsterblichkeit
Nur wenig achten!“ –




Anmerkungen (Wikisource)

  1. gemeint ist Karl Ludwig Harding (1765-1834)